Nr. 2«<
Zweites Statt
M Zahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Di- „»iehener Zamillenbtätter" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreirdiatt ffir den Kreis Kietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeitsragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Aeitag, 28. August
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen
Universitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießeiu
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- stratze 7. Expedition und Verlag:
12. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
Die wacht an der Ostgrenze.
Kon unserem zur Ostarmee entsandten Kriegskorrespondenten.
Wir haben mit einigen anderen Zeitungen zusammen 2 besondere Kriegsberichter st alter beauftragt, die mit Genehmigung des Generalstabs den Vorgängen bei der Ost- und Westarmee folgen und uns über ihre Eindrücke und Erlebnisse Berichte senden werden.
Die Schriftleitmig des Gietzener Anzeigers.
. ... 24 . August.
Unsere kleinen sibirischen Pferde treten die Bohlen der mächtigen Brücke. Der Posten gibt uns unsere Legitimation als Kriegsberichterstatter zurück, das eiserne Tor ösfnet sich, wir fahren über den sommerlich flachen wlrom. Durch das schwere Gitterwerk des sünszölligen Eisens sehen wir die kleine preußische Stadt, die uns Quartier gibt. Die roten Ziegetsteinbauten mit den Anlehnungen jrn den Marienburger Stil räkeln sich in der warmen Spätsommersonnc.
In zehü Minuten haben wir die Brücke, die eine der größten Spannweiten Europas hat, überfahren, an ihrem Kops sind mächtige Drahtverhaue, die aber noch verstärkt werden. Ein Beet von hohen, spitzen Eisenstäben, die einander in allen Richtungen durch starken Stacheldraht ver-- Hunden sind. Beet«, die voll blutigroter Rosen blühen würden, wenn die Russen versuchen sollten, hier iveiterzudringcn,
Es gibt Leute, die das glauben. Man kann ihnen nur immer wieder versichern, daß unsere Grenzwacht seststeht, daß einmal vielleicht ein Vorstoß den Feind auf Meilen in das Land dineinträgt, daß dies aber Episoden seien. Unbedingt. Sie zeigen auf die Flüchtlinge auf den Bahnhöfen, auf die Hunderte, die im offenen Wagen von Insterburg und Gumbinnen her ihr bißchen Habe und ihr Leben westwärts retten. Natürlich, wenn die Russen gegen Gumbinnen rücken, werden ein paar Hundert mittelbar betroffen, und ein paar Tausend warten das Betrosscnwerden erst gar nicht ab, und so füllen sich die Wagen und so fährt die Furcht ins Land. Die Ereignisse werden sie schnell vertreiben. Die Kunde von dem Erfolg bei Gumbinnen, bei dem 8000 Russen gefangen wurden, fliegt schneller durch Ost und Wcstpreußcn, als die paar Eisenbahnwagen mit flüchtenden Menschen.
Die Provinzstraße (früher sagte man Chaussee), auf der wir fahren, führt durch fruchtbares Land. Die Ernte kam bei dem herrlichen Wetter prächtig herein, die Zuckerrüben scheinen famos zu stehen. Uebcrall grast Vieh, auf den Koppeln, sieht man Fohlen und junge Lticrkälber herumtoklen. Die Ebereschen an der Straße leuchten dunkelrot. Es ist ein Bild so tiefen Spätsommcrfriedens, daß man den ivedanken, daß in gar nicht zu weiter Ferne Reiter blutend vom Pferde stürzen, Infanteriekolonnen stumni und treu stundenlang im Feuer stehen, daß man diese sorgenden Gedanken wie fremde Gäste nicht recht nahe kommen läßt.
Die Pferde gehen in gleichmäßigem^Dvobe, der Wagen wiegt leicht in den Federn. Nach der Spannung Berlins, deur unfaßlichen Eindruck, den die geioandelte und geänderte Stadt machte, nach dem Trubel der Ereignisse und dem Herzschlag der Millionen faßt mich dieses stille Land, diese heilige deutsche Ostmark mit überstarken Händen. Es war eine Freude, durch Deutschland zu fahren in diese« dreißigstündigen Eisenbahnsahrl bis zu unserm Standguar-- tier, aber hier auf den Wegen nahe dem unerbittlichen Schlachteuernst, spricht das Land noch anders, noch eindringlicher.
(Die paar älteren Männer vor den Türen der Bauernhäuser grüßen bedächtig mit fragenden Augen. Wenn der Wagen langsamer fährt, fragen sic. Man darf ja als Antwort
Dar deutsche Heer in französischem Lichte.
Leichten Herzens, wie vor 44 Jahren, mit der gleichen Siegeszuversicht, bat Frankreich sein Heer gegen Deutschland ausgesandt, mnd sein Vorstoß ist sogleich gebrochen worden: geschlagen fluteir die französischen Heeresmassen zurück, dem Schutze ihrer Festungen izu. Ob sie endlich lernen werden, daß Deutschlands Heer ganz janders ist, als sie es sich gedacht haben? Der Krieg an de« deutsch-französischen Grenze scheint eine Wiederholung von 1870 »zu werden, und die Vorurteile, die man in Frankreich 1870 hegte, scheinen immer noch, zum Unheil« der Franzosen, zu leben. Was für Merkwürdige Dinge fabelte man damals vom deutschen Heere! 'Selbst Franzosen, die es aus eigener Anschauung keimen gelernt chatten, gaben die lächerlichsten Urteile ab. C. Hugo, der Sohn Viktor Hugos, der deutsche Truppen kurz vor dem Kriege in Trier gesehen hatte, schrieb am 28. Juli 1870: „Wer ein preußisches Regiment marschieren sah, hat eine feudale Horde gesehen. Die Pickelhauben sind nichts als „Blitzableiter". Man glaubt, bei einenr Kriegskarneval zu sein: der Soldat ist ein als Mars frisierter Harlekin. Wie sieht ein preußisches Regiment aus? Voran zieht die Musik, es folgt der Oberst, „eine ganz unmögliche Persönlichkeit", und 15 Lakaien in großer Livree und Heiducken mit Turbanen folgen ihm.. . Dian meint zu träumen. Sind das Gaukler oder Krieger? Wohin ziehen sie? In den Krieg. Das /ist ein Totentanz. Man erwartet Thespis mit preußischen Geschützen heranziehen zu sehen. Jeder Alaun bewegt sich wie eine .Maschine. Die Soldaten sind blaß, erschöpft, durch das Kommando gebrochen, in Gehorsam verknöchert und von der Disziplin wie betäubt. . . Sie gehören nicht ihrem Jahrhundert an; man glaubt die Zimbern vorbeimarschieren zu sehen. Die Barbarei zieht vorüber."
Das war vor dem Kriege, nnmiltelbar vor seinem Ausbruche. Uich als die ersten deutschen Siege erfochten waren, erzählte man den französischen Soldaten in ähnlicher Tonart die merkwürdigsten Dinge. Von der deutschen Landwehr hieß es, ihr größter Wunsch sei, gefangen zu werden (roje es letzt bei den russischen Kosaken der Fall zu sein scheint). „Sie geben an der Grenze ihre Waffen an den Zo ll h äu sern ab, die so zu kleinen Arsenalen werden. Besonders Straßburg sieht in seinen Mauern täglich ganze Scharen von bäuerischen und badischen Deserteuren einrürken. Sie kommen truppweise, ja, zuweilen 50 Alaun stark." Noch viel trauriger sah der Landsturm aus: „Aus den Ruf des Vaterlandes haben sie rhre Lehnstühle und ihre Enkel verlassen. Es sind edle Greifen- Häupter darunter. Die Nachhnl besteht insbesondere aus Gicht- brüchigen. Die Katarrhalicr marschieren vorauf: sic ersetzen vorteilhaft die Militärmusik." Der Name des Franzose», der diese Weisheft verzapft dar, sei spaßeshalber genannt: Leclerg heißt dieser unsterblickte Manu.
Selbst <Üs di« Franzosen in »oller Flucht vor den deutschen
nur die Achseln zucken. „Mein Junge war bei Soldau." Der Stolz leuchtet aus den alten Augen. Ein anderer spricht von dem Massengrab der zweitausend gefallenen Russen. Er hat's gesehen. Erfreulich wak's nicht, man mußte Chlorkalk nehmen. „Bei dem schönen, heißen Erntcwetter".
Die alte Ordensscstc raucht auf. Trupps von Soldaten begegnen uns, lauter Reservcleute, jung, meist blutjunge Kerlchen darunter, in der famosen Husarenunisorm. Oft hängt ein Mädel am Arm. Der Abschied steht ja schon vor der Türe. Ein paar Gefreite haben sich untergefaßt, sie singen, ein paar abgerissene Töne fange ich:
Ich habe wohl eine, ich Hab' wohl keine,
Mein Schatz, mein Schatz ist fern von hier...
Das Lied hörte ich zuerst in Marburg als Student, da sangen es die Jäger in der Kaserne am Wend, schwermütig und langsam, während sie ihre Knöpfe putzten. Diese hier sangen es schnell, und es ist wie ein fröhliches Grüßen an die ein«, die in der Ferne stolz auf ihren Liebsten sein darf.
Kurz vor dem Fluß begegnen uns Wagenreihen. Leiterwagen, an die Kutschen gebunden sind, Fohlen traben nebenher, ein paar Kühe sind angebunden. Auf den Wagen liegt Hausrat durcheinander, wie ihn die Eile errafft. Eine Nähmaschine, ein Lroßer Linolenmläufer, Betten, deren roter Ueberzng in der Sonne glänzt. Alle paar Minuten folgen sich jetzt die beladenen Wagen. Die Menschen auf der Bahn waren ruhiger. Hier sieht man bekümmerte Gesichter, oft ist kein Mann bei dem Fuhrwesen, nur Frauen und Kinder fahren von den Höhen an der Grenze. Ein kleiner blonder Kerl scheint das Ganze für eine herrliche Robinsonadc zu halten, die nur dazu da ist, damit kleine Jungs ans Heu schlafen und immerlos in solchen schönen Wagen mit allerlei .Mftnskrams fahren dürfen. Er lacht strahlend seine Mutter an und fragt, was die gelbe Binde mit dein schwarzen „B", die wir tragen, bedeuten soll. „Wir sollen von den Untschen Siegen berichten." Die Mutter lächelt ihren kleinen blonden Jungen an. „Da weißt Düs!"
Sie sind ja alle so gern bereit, ihre eigenen Sorgen zu vergessen. Die Siegesnachrichten aus dem Westen haben die Zuversicht noch gesteigert. Alles brennt, zu zeigen, daß man auch den Russen prügeln kann. Denn der Russe ist hier „der"' Feind. Er steht anders zu unfern Ostmärkern 'als der Franzose zu den Elsaß-Lothringern. Man haßt ihn mit aller Kraft preußischer Herzen, weil man jahrzehntelang seine Unverschämtheiten sah, weil man weiß, daß von dort drüben der graue Schrecken kommt, der nur zu bannen ist mit Pulver und Blei. „Die russische Artillerie schießt gut," sagen alle, die dabei waren, „aber," und diese blaugrauen ostpreußischen Augen strahlen, „die unsrige schießt noch besser!"
Unsere Pferde gehen rm Schritt über eine Betonbrücke, gelbgranes Wasser fließt langsam gegen die Kähne. Noch ist es nicht Zeit. . . aber hie Hufe werden eine andere Schiffsbrücke treten, auf der Fahrt in russisches Land. Dann wird auch der Schleier vor unseren Operationen im Osten sich heben. Man kann ruhig sein, sehr ruhig,) man wird ein gutes Bild dann erblicken. Die Wacht an der -Ostgrenze ist stark und fest.
Rolf Brandt, Kriegsberichterst.
Aus dem eroberten Lüttich
schreibt der Berichterstatter der „Köln. Ztg." folgende Schilderung:
Ter freundlichen Einladung eines der Kommandantur zu- geteiltcn -Offiziers folgend, wache ich mit 'ihm heute (23. August) vormittag zunächst eine Besichtigungsfahrt durch die Stadt und Bororte. Es gibt allerhand Sachen zu erledigen, die, nicht wichtig
Heeresnrassen davonliefen, gab es in Frankreich nur wenige Leute, die ein richtiges Bild von den deutschen Kriegern empfingen. Der französische Militärarzt M o n o d, ein recht vernünftiger Mann, sagt in seinen Schilderungen, er hätte den Eindruck, als kämpften Männer mit Kindern: vor allem weiß er die Straffheit, dig Manneszucht, die gute Hallling der deutschen Truppen gar nicht hoch genug zu preisen. Ueberhaupt sind seine Urteile durchaus vernünftig, und was er damals sagte, gilt vom deutschen Heere heute vollkommen unverändert: „Gott, Vaterland und Familie bilden die dreifache Jnsviration, der die Eftlheit des deutschen Heeres und Volkes enffpringt. . Es war dies die Quelle ihrer Volksdichtung, chrer Lieder. Ich habe sie niemals singen hören, ohne ein Gefühl des Neides, der Bewunderung und Sympathie für sie zu empfinden." Im grellen Gegensatz hierzu stehen die Schilderungen französischer Chauvinisten, die noch heute tn Frankreich geglaubt werden. Leute, bei denen deutsche Truppen eingnar- tiert waren, erzählten, die Mmtschen hätten einen „Wildengernch", cm ranzigen Talg, an nasfts Leder erinnernd." Dieser „Preußengeruch" war so scharf, daß er sich in den Möbeln und an den Wänden sestsetzte! Die Smache der dewschen Krieger ist „rauh und heffcr, wie rasselnde Kiesel klingend". Das Auffälligste an den Deutschen ist, wieviel sie essen wrd trinken: „Eine Schweinefettsuppe, ein Äück Schweinefleisch mit Kartoffeln, ein Stück Käse und eine Elle Blntiourst" sind für emen Landwehrmann lange nicht genug. „Em Salat mit Essig, um Felsen zu spalten, erftischt angenehm ihren (tzaumen, einige Liter Kaffee und einige Flaschen Landwein, dem eine heimliche Mischung! mit Wasser alle berauschende Wirkung genommen hat, unterstützt die Versckstingung." Es sind nicht etwa nur die Mamffchasten, die als solche Fresser hingestellt werden, sondern die Offiziere sind genau ebenso: „Sie fordern wahre Balthasarmahle, vor allem aber vertllgen sie Unmassen von Champagner. So haben sie in stiancv „in sechs Wochen mehr Champagner getrunken, als die ganze Champagne in fünf Jahren hervorbringt!" Zu ihren weiteren Eigcntümlichkeften gehört das merkwürdige Wärmebedürs- nis: „Drese Nordländer, an die große Warme ihrer Kachelofen gewöhnt, starben an unseren Kaminen vor Kälte. Tag und Nacht mußte in ihren Zimmern die Glut erhalten werden, in der die Holzscheite zu Hunderten verschlungen wurden. Der Marmor der Kamine ist überall geborsten, und ein Holzvorrat für zwei Jahre ist in 14 Tage verschwunden." Trotzdem — man denke! — beklagen sich Offiziere und Mannschaften über Kälte, und in Versailles wandern Möbel, Zäume nsw. in die Flauunen!
*
— Eine dichterische Prophezeiung des Weltkrieges. In seinem neuesten, vor kurzem erschienenen Roman „Die befreite Well" hat der englische Dichter H. G. Wells mit merkivürdig ahnungsvollem Geiste bereits die ungeheuren Wnflikic in ihren .Grundliruen geschildert, die nunmehr eingetreten sind.
an sich, doch in -dem Gonzen ilrrc Rolle spielen trnd ordnungsmäßige Erledigung finden müssen. Wichtig ist allerdings davon die sm- chernng der elektrischen Stadtbcleuchtung. Die Militärbehörde l>at natürlich die Kraftanlage besetzt und läßt die Transformatoren von Posten bewachen. Wir linden sic 'überall in Ordnung, mil heißt es, der Verpflegung der Posten noch nachhellen rcnd dos geschieht mit Bestimmtheit und Bündigkeit. Ein Lüttnher Bürgersmann nimmt dabei die Gelegenheit war, dem Offizier seine Verlegenheit zu llagen, daß die Bürgerwehr von ihm die Jnnen- beieucktung der Fenster eines zum städtischen Tlieater gehörigen Gebäudes verlangt, in dem u. a. auch die Theaterwaffen ausbewahrt sind. Me ganze Theaterdirektion ist über znm Teufel und mit ihr die Schlüssel des fest verschlossenen uird mit eisernen Rollvorhängen an den Fenstern versehenen Gebäudes. Der Offizi» ist um den Ausweg ans dem iDilemna für den geängstigten Mann nicht verlegen. „Hängen Sie von außen eine Laterne vor die Fenster", verfügt er, „damit wird die Bürgerwehr auch uw hl zufrieden sein." Weiter geht es znm Polizeikommiisar eines Vorortes. Der Mamr hat nur dreißig „Schwerter" ftft seine Leute, die die deutschen Patrouillen begleiten müssen; er hat aber noch fünl dazu nöftg. Sie werden ihm kurzerhand bewilligt, aber mit Betonung seiner persönlichen Verantwortlichkeit für die Verlven- dnng und den Verbleib. Bei der Gelegenheit will ich gleich ergänzen, daß der Gedanke, die deutschen Streiswachen des Nachts durch Bürgekwehrleutc begleiten zu lassen, um so zur Beruhigung der Bevölkerung beizutragen, von einem Mitgtted des — nun natürlich außer Amt gesetzten — Lütticher Stadtrats ans gegangen ist. Die Arbeiterbevölkerung des Vorortes, denr wir diesen Besuch abstattcn, steht in ihren sonntäglichen Kleidern.scharenweise an den Haustüren. Me Männer, die an den 'Wagenschlag herangerulen wecken, um über den Weg Auskunft zu geben, gehorchen eilig und bereitwillig. Allen wftd böslicher Dank dafür. Arbeit hat diese Bevölkcrtmg vorläufig nicht. Tic benachbarten Zechen und industriellen Werke stehen sftll. Aber für die Zech>en werden' binnen kurzem schon deutsche Grnbenbeamte da sein, um den Betrieb wicker in Gang zu bringen: denn Kohle ist hier wichtiges Kriegsmaterial. Mit einer Achtung, die den Offizier mü entblößtem Haupte begrüßt und anhört, empfangen uns auch die wallonischen Geistlichen eines Klosters, das belgische Verwundete in Pflege genommen hat. Sic haben, wie fcstgestellt wird, noch Platz für fünfzig Mann. Weiter zum Hauptsip des belgischen Roten Kreuzes. Es beflagt sich über Schwierigkeiten, für seine Kftaftwagen Benzin zu erhalten. Auch dem ivird durch eine kurze, bestimmte Verfügung abgeholsen. So geht es noch zu andern Stellen, bis schließlich 4 » einer kleinen 'Borstadtkneipe. Ihr Inhaber hat sick) darüber beflagt, daß die deuffchen Soldaten bei ihm randaliert haben. Schlimm ist es nicht geioesen, aber er hat eine Frau, die guter Hoffnung ist. Seit der unheimlichen Nacht, wo man die Häuser der Franktireurs in Brand schoß, sitzt ihnen der Schrecken in allen Gliedern, und sie wollen lieber die ganze Bude znmochen und heimwärts znm alten Vater draußen. Sofort ivird ihrer Bitte willfahrt trüb ihnen der Talisman znm Sckmtze ihres Hauses ausgestellt: der Zettel mrl dem Stempel der Kom- maichantur fift die Haustür; Uerme par orclre äs l'autorits mi- litaire. <Auf Befehl der Militärbehörde geschlossen.) Das geht alles wie am Schnürchen oder, wie der Franzose sagt, „avec uns precision praiment prussienne“ (mit wahrhaft preußischer Bestimmtheit). Ob man drüben, im andern Lager jenseit der Grenze, zu dem Wortbegriffe auch die Tat kennt?
Die Militärbehörde hat nun mit der Forffchafsung der Russen aus der Stadt begonnen. Gegen 400 hat man bereits aus ihren Wohnungen hervvrgeholt, der Rest wird folgen. Man wftd sie mit der Bahn nach Deutschland abschieben und dort festsetzen. Immer noch bringt man auch ans der Umgegend versprengte belgische Soldaten gruppenweise aE Gefangene und desgleichen Franktireurs. Eben wftd von letztern wieder ein Trupp von gegen 40 Mann, meistens Arbeiter und Bauern jüngern und auch schon reifern Alters, von draußen an die Kommandantur eingeliefert. Man hat sie zwischen hier und Nanrur an der Maas gefangen genommen. Sie marschieren zu vieren in der Reihe und auf dem rechten Flügel der ersten Reihe marschiert ihr Anführer. Man wird unerbittlich das Standrecht gegen sie hier anwenden. In der Nacht vom letzftn Freitag auf den Samstag hat eine starke Bande von Franflireurs zwischen Seilles und Andennes an der Maas nachts die Pioniere überfallen, die dort eine Brücke bauten, und, eine Anzahl von ihnen getütet. Da sie offenbar aus dem benach-- bartcn Ändcnues waren, so hat man 100 männliche Einwohner
Wenige Monate vor dem Ausbruch des Weltkrieges schildert er in einem Kapitel, das den Titel „Der letzte Krieg" trägt, wie sich in seiner Phantasie ein Pölkerringen malt, das plötzlich über Europa bcrcinbricht. Der Inhalt dieser rasch zur Wahrheit gewordenen Dichtung ist, daß die Mächte von Mtteleuropa in eimm Krieg mit den übrigen Ländern geraten. Ter erste strategische Punkt, an dem cs zu einer Millionenschlacht kommt, ist die Maas, und sic ist ja auch der erste S-chauplatz des Krieges in Wirflichkeit gcnwrdcn. Me Hauptbewegung der feindlichen Heere vollzieht sich bei Wells in Hollaird, und der Angriff der europäischen Zentralmächtc ist in erster Linie gegen .England gerichtet. Die Rolle, die in diesem Kriege Belgien und Frankreich spielen, ist also bei Wells Holland und England zugeteilt. Auch Holland möchte gern neutral bleiben, aber der Gang der Ereignisse macht ihm diese Stellung unmöglich, und es wird in das allgemeine Chaos hineingerissen. Bald sind die Kanäle Hollands rot von Blut gefärbt, und Millionen von Menschen werden durch die Kriegsgeißel dahingcrasft. In diesen näheren Ausmalungen des Krieges erreicht die Phantasie b:s Dichters jo kühne Flüge, daß die Wirklichkeit dahinter zurückbleiben muß. Wells schildert ja einen Krieg, der tn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielt; er hat sich die ungeheuerlichsten Kriegsmaschinen ausgcdacht, wie man sie Gottseidank noch nicht besitzt. Die Geschwader der Luftflotten kämpfen in den Wolken riesige Schlachten aus, und von geräuschlosen Flugzeugen werden Bomben mit neuarttgen Explosivswffen geschleudert, deren Wirkung auf weite Landstrecken ungeheuer ist und zahllose Opfer fordert. Immerhin streift der Grundgedanke der Wcllsschen Erzählung sehr nahe an das wirfliche Geschehen heran.
— Der Vater des Chauvinismus Der brave Veteran Nicolas Chauvin ist, höchst unverdientermaßen, scheint cs, zu ewigem Ruhme gelangt. Ändere entdeckten Amerika oder erfinden Patent-Kvchtöpie; er, der gute Alte, dankt alles seiner edlen Schwärmerei für Napoleon. Man weiß nicht einmal, ob ec sic besonders nachdrücklich betätigt hat, jedenfalls schwärmte er. Nach Napoleons I. Sturz kommt die Bezeichnung „chauvin" aul, Clmr- lets Zeichnungen aus dem Soldatenleben erheben ilm zur topischen Figur, die Brüder Cogniack schreiben die ehemals allbclicblc Vaudeville-Burleske ,La Cocarde Tricolore", in der der verblickume Invalide seine ergötzlichen Späße treibt und dauernd singt: „Je suis Francais, je suis Chauvin, je suis Francais, je suis Chauvin ..." — seine Unsterblichkeit ist gesicttert. Seit de» 70er Jahren wird das Wort „Chauvinismus" in seiner heutigen Bedeutung dann auch in Dcutschlanb gebräuctüich, und gerade jetzt, nmh- rcnd Pava Chauvin längst in Frieden schlummert, feiert der Begriff, der sich an seinen Namen knüpft, in Frankreich ivieder einmal die höchsten Triumphe.
— Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissenschaft. Der Kunstmaler Professor Frickrich v. Keller ist am 26. August im Alt« von 74 Jahren in Stuttgart gestorben.


