Nr. M
Zweiter Blatt
164. Jahrgang
Erschein! täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „Sietzeuer Zamlliendlätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich b«,gelegt, da? „Kreirblatl für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Tie ^Landwirtschaftlichen Seitsragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhejjen
Zreitag. 21. August 1914
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversiiätS - Biich- und Steindrnckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Erpcditio» und Druckerei: Schul» straße 7. Erpcditio» und Verlag: e^öl. Redaktion:e-G^tiL. TcI.-Adr.:AnzeigerGicßen.
Neue Enthüllungen über den deutschenglischen Meinungraurtausch vor dem Kriegsausbruch.
Berlin, 20. Aug Dir „Norddeutsche Allg. Ztg " übergibt der Lessentlichkeit Aktenstücke, die sich auf den poli- ltschen Meinungsaustausch zwischen Deutschland und England unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges beziehen. Es ergibt sich aus diesen Mitteilungen, daß Deutschland bereit war. Frankreich zu schonen, sallsEng» land neutral bliebe und die Neutralität Frankreichs gewährleiste.
Dclcgramm des Prinzen Heinrich an den König von England, 30. Juli 1914:
„Am seil gestern hi«. Habe das, was Tu nnr so tremidluh im Buckingham valast am vorigen Sonniag gesagt hast. Wildelm muqeteill, der Deine Aotichait dankbar entgcgeirnadni Wilhelm, der sehr besorgt ist, tut sein Acußerstes, uin der Bitte N r k o - laus nachzukomme». für die Erkaltung des Friedens zu arbeiten. Er stein in dauerndein telegravhiicheni Berkehr mit Nikolaus, der deute die Nachricht bestätigte. daß er mllitariichc Mahnadmen angeorduci habe, ivclche einer Mobilmachung gleichkommen. und daß dieie Maßnahmen schon vor rüni Tagen gttroffcn wurden. Außerdem rrhaiien wir Nactrrichie», daß Frankreich militärische Borbercitunqcn «rifft, während wir keinerlei Maßnahmen verfügt haben, wozu nnr indn'icn leben Augenblick gezroungen sein können, wenn unsere Nachbar» damit iortsahren. DaSwürde dann einen europäischen Krieg bedeutew Wenn Tu wirklich und ausrichilg wünschest, dieses lurchtbare Unglück zu verhindern, darf ich Dir dann Vorschlägen, Deinen Einfluß aus Fronkreick und auch aus Rußland dalnii auszuübcn, daß sic neutral bleiben ? Tas iviirde meiner Ansicht irach von größtem Nutzen sein. Icki halte dies für eine sichere und vielleicht die einzige Möglichkeit, de» Frieden zu ivalwen. Ich möchte hrnzufügrn, daß jetzt mehr denn >e Teutschiand und England sich gegenseitig unterstützen sollten, um ein furchtbares XIrthoi 1 zu verhindern, das sonn itnobwenddar wäre, lblaube mir, daß Wilhelm in innen Bestrebung«! um die Ausrechieckaltung des Friedens von größter Ausrictnlgkeii ist, aber die militärischen Vorbereitungen seiner beiden Nachbar» können ibu ichließlül! zimugen, für die Sicherheit seines eigenen Landes, bas sonst wrkrlos bleiben würde, ihrem Beispiele zu folgen. Ick- habe Wilhelm von »reinem Telegramm an Dich imierllchlei und ich hoiie, daß Du meine Mitteilungen m deullclben ircundschoillichen Geiste cntgegennrmnrsr, der sie veranlaßt hat. Heinrich."
Telegramm des Königs von England an den Prinzen Heinrich von Preußen, 30. Juli 1914:
„Dank für Dein Telegramm Sehr erfreut von Wildelms Be. mübungen zu hören, mit Nikolaus sich für die Erhaltung des Friedens zu einigen. Ich habe den ernsten Wunsch, daß ein solches Unglück nne ei» europäischer Krieg, das gar nicht wieder gut zu machen ist, verbiuüerl werden möge. Meine Regierwig tut ibr Möglichstes, uni Rußland und Frankreich „abezulegen, weitere militärische Vorbereitungen auszuschieben, falls Oesterreich sich mu der Besetzung von Belgrad und benachbarten serbischen Gebietes als Pfand für eine befriedigende Regelung feiner Forderungen zufrieden gibt, ivährend gleichzeitig die anderen Länder ibrc Krieg-Vorbereitung«! einstellen Ich vertraue danrut, daß Wilhelm seine» großen Einfluß anwrudet, um Oesler- reich zur Annahme dieses Vorschlages zu bewegen. Dadurch würde er beweisen, daß Deulschlmrd und England zniammcncubeiken. um zu verhindern, >vas eine internatwnale Katastrophe sein würde Bitte versichere Wilhelm, daß ich alles tue, und auch weücr alles tun werde, was in meiner Macht liegt, um den eurvväiichen Frieden zu erhalten Georg,"
Telegramm S. M. des Kaisers an den König von England am 31,Jul>19l4:
.^Vielen Dank für De,ne freniidltche Mitteilung. Deine Vor- schlage decken sich mit meinen Ideen und mit den Mitteilungen, die ich heute nacht von Wien erhielt, und die ich ti*k 1> Emiöort weitergegebcn habe. Ich habe gerade vom Kanzler die Mitteilung erhalten, daß ihm soeben die Nachricht zugegangen ist. daß Nikolaus heute nacht die Mobilisierung seiner gesamten A nner und Flotte ongeordnei Hai. Er Hai nicht cmmal die Ergebnisse der Verminluug abgewarrci, an der ich arbeite, und mich ganz ohne Nachricht gelassen. Ich fahre nach Berlin, um die Sicherheit meiner östlichen Grenzen, wo schon starke russische Truppen Ausstellung genommen haben, sichcrzusteUcn. Wilhelm."
Telcgramni deS K ö n i g S v o n E n g l a n d an den Kaiser am 1. August 1914:
„Vielen Donk für Dein Telegramm von gestern nacht. Ich habe ein dringendes Telegramm an Nikolaus geschickt, in dem ich ihm meine Bereitwilligkeit auSg«prock>en habe, alles zu tun, was in meiner Macht steht, inn die Wiederauinahme der Berdandlungen zwischen den beteiligten Mächten zu fördern. Georg."
Telegramm des Kaiserlichen B o l s ch a f t c r S i n L o n von vom l. August 1914:
„Soeben hat mich Sir Edward Grev ans Tctcvhon gerufen und mich gefragt, ob sch glaubte, erklären zu können, daß für den Fall, daß Frankreich neutral bliebe in einem deutsch- russischen Kriege, wir die Franzosen nicht angriffen. Ich erklärte ihm, ich glaubte die Verantwortung hierfür übernehmen zu können. Lichnowskv."
Telegramm des Kaisers an den König von Eng» l a n d am l. Anguß 1914: .
Ich habe soeben die Mitteilung Tein« Regierung erhalten, durch die sie die französische Neutralität unter der Olaranttc Großbritanniens anbietet. Diesem Anerbieten ivar dic Frage angeschlossen, ob unter diesen Bedingungen Deutschland darauf verzichten würde, Frankreich anzugreisen. Aus iechniict>en Gründen muß nieine schon heute nachmittag nach zwei Fronten, nach Osten und Westen angevrdn ete Mobilmachung vorbe- reitungsgemäß vor sich gehen. Gegenbefehl kann nicht mehr gegeben werden, weil Drin Telegramm leider zu spät kam. Aber wenn mir Frankreich seine Neutralität anbietet, die durch die englische Armee und Flotte garantiert weiden muß, werde ichnatürlichvoneinem Ängrisfaus Frankreichabsehenund meine Trupvcn anderweittg verwenden. Ich hoffe, Frankreich wird nicht nervös iverdcn. Dic Truppen an meiner Grenze werden gerade telegraphisch und lelcvhvnisch al> gehalten, die französische Grenze zu überschreiten. Wilhelm," Telegramm des Reichskanzlers an den kaiserlichen Bot schäfte r in London vom l. August:
„Deutschland iß bereit, aus den englischen Vorschlag ein zugehen, falls sich England mit seiner Streumacht für die unbedingte Neutralität Frankreichs im deutsch- russischen Konflikt verbürgt. Die deutsche Mobilmachung iß heute aut Grund der russischen Hevaussorderung «folgt, bevor die englischen Vorschläge hier eintrasen: infolgedessen ist unser Aufmarsch an der französischen Grenze nicht mehr zu ändern — Sir verbürgen uns aber dafür, daß dic französische Grenze bis Montag, 3. August, abends 7 llhe, durch unsere Truppen nicht überschritten wird, falls bis dahin dir Zusage Englands erfolgt ist, v. Bethmann Hollweg.
Telegramm des Königs von England an den Kaise r vom 1. UEuguft 1914:
„3n der Beantwortung Deines Telegramms, das soeben ein» gegangen ist, glaube ich, daß ein Mißverständnis bezüglich einen Anregung vorliegen muß, die in einer ireundschaillichen Unterhaltung zwischen dem Fürsten Lichnowsk» und Sir Edward Grev erfolgt ist, als dic Frage erörtert wurde, wie ein wirklicher Kamps zwischen der deutschen und französischen Armee vermieden werden könne, solange noch die Möglichkeit besteht, daß ein Einverständnis zwischen Oesterreich und Rußland zustande kommt. Sir Edward
Grcn wird den Fürsten Lichnowsk» morgen früh sehen, um sestzu» stellcn. ob ein Mißverständnis aus seiner Seite vorliegl. Georg,"
Telegramm des »aiserliclu'n Botschafters in London an den Reichskanzler vom 2. August 1914:
„Tie Anregung des Sir Edward Grev. die a»i dem Wunicit« beruht, die Möglichkeit dauernder Neutralität Englands zu ichassen, ist ohne vorherige Stellungnahme gegenüber Frankreich und ohne Kenntnis der Mobilmachung eriolgi und inzwischen als völlig aus- iichtsios auigegeben. Lichnowskv."
Der Schwerpunkt der von Deutschland abgcgcbcncn- Erklarungen liegt in deni Telegramm Kaiser Willu'lms ou den König von England Auch ivcnn ein Mißverständnis in Bezug aus einen englischen Vorschlag vvrlag, so lwt doch das Anerbieten des Kaisers England Gelegenl>e>l, aufrichtig seine Friedensliebe zu beweisen und den deutsch französischen KKieg zu verhindern.
ver größte Qisttreuzer der Welt — in Frankreich nicht fertig geworden.
Bon einem genau Eingelveihten, der aus Paris flüchten mußte, erhält dic „Köln. Bokksztg." die nachstehende Dar» stellung:
Daß nnr Deutsch,' inbezug aus Oualiial unserer Lustslotte den Franzos«! nicht nachstehen, haben die vielen Rekorde, welkt« Deutschland in d«r letzten Monaten erzielt hat, bewiesen. Wie steht es nun damit in Fronkreick,? Es ist außer jedem Zweifel, daß die französisch«! Flieger im Ansangsstadium di«er neuen Erfindung dic größten Ersotgc zu verzeichnen Ixittni und an Kühnheit ihrer Flüge von niemand übertrofsen wurden.
Jedoch nne bei icdcr Sack»' in Frankreich, erkaltete das Interesse bald, imd diese n«ie aussichtsvvllr Industrie ging mehr und niehr zurück, während sie bei uns von Tag zu Tag erstarkte. Dic französisch«! Zeitungen hörte» zwar nicht aus, darüber zu klagen, daß vmi seiten der Regierung nichts geschehe, um die Flieger und Flngzeugsabriken zu unterstützen und zu ermutigen, wiesen auch aus Teuischland hin, tvelches Prämie» am Prämien auSsctzte. aber cs blieb eben alles beim Allen.
Auch den über Millionen verfügende» großen Pariser Zeitungen siel cs iricht ein, Preise sür Flugleistungen auszusetzen und damit selbst durch die Tat zu beweisen, daß es ihnen auch Ernst iväre mit ihren Nnfsorderungen: sie veranstalteten lieber ganz kindische Wettbewerbe mit hohe» Preisen, z, B. mit einen, ersten Preise von 50000 Franken für diejenige», welche die sieben Wunder der Welt am besten erraten würden. Daß als erstes der sieben Wunder in dem ersten Preis der Aeroplan genannt und der Preis von einem lleinen Beamten gewonnen wurde, könnte man bald als Ironie oder charaklcriittschcs Merkmal !ür Frankreich bczcichilen. in welch«,, es beule beinahe als selbstverständlich gilt, daß der Beamte nichts zu tun brauchl, »m Gelb zu verdienen und die arbeitende Intelligenz keine Unterstützung iiudel.
Bon den Lust schisse» i» Frankreich dal mau weniger ge- hön. Und doch zeigen auch die ersten Spuren solch« Versuche nach hier. Immerhin sind irg«,dwelche bemerkenswerte Fortschritte nicht gemacht worden. Erst in inmester Zeil glaubte die französische Mio ■ gierung ein Gegenstück gegen die deutschen Zeppeline anfstellcn zu müssen und trat mit verschiedenen Konstrukteuren lenkbarer Luftschiffe in ernstliche Unterhandlung.
Durch eine merkwürdige Fügung bin ich in der Lage, darüber hier einiges zu berichten Es gibt ein Lnftichiffsnstem. welches feit einiger Zeit von sich reden machl und selbst von deutschen Fachleuten, wie dem bekannten Hauptmann Hildebrandt und, wenn ich nicht irre, auch von Major Parseval, dem Führer deutsch« Flieacrtruoven, anerkennend benrteill wirb Ein Schweizer Pro fesior, Dr. Raoul Pictct, Ebemiker »nb Spezialist der Gase, hat erst in den letzte» Iulitagen ein Buch in französischer Sprache herausgegeben, welches in scineni umsangreichni dritten Teil dies
Brieftauben int Kriege.
Von Egon Noska
Daß die Taube» schon im Altertum vielfach zu Botschaften von den kriegführenden Völkern bemitzt wurden, steht außer allem Zweifel Die Israeliten kannten die Brieslaube. wie wir aus der Bibel willen, wo Noah aus der Arche die Daube mit einem Oel- blatk im Schnabel entließ, zweifellos gerade diesen Bogel aus- iandte, weil er dcss«> Liebe zur Iwimischen Stätte kauntc. Als Sendbote wird die Taube daher sicherlich schon von dm alten Patriarchen bcniitzt worden sein.
Die alten Aeghpier nahmen Tauben aui ihren Tchiijabrten mü und sandten sie bei ihrer Rückkehr, sobald iie den heimischen Gestaden nahten, aus, um daheim die baldige ölukuuft zu melden. Auch von anderen Handel- und ichilladNtreibenden Völkern des Altertums wird dies berichtet, so auch von den römischen Ser- sahrern zu Cäsars Zeiten.
In Griechenland brauchte man Tauben als Sendboten bei sehr verschiedenen Gelegenheiten So nahmen zum Beispiel bei Kampfsvielen die verschiedenen Parteien solche mit in den Zirkus, um den Eriolg derselbe» zu verkündigen, natürlich nur, wenn derselbe ein Sieg war Schon im Jahre 530 v. Ehr. erwähnt Ana krcon eine derartige Berw«idung einer Brieitaub«.
Bei zahlreichen römischen Schriftsteller» wird die Verwendung von Briestanben erwähnt. Varro, Eolumclla. Eaw und andere Autoren haben bereits eingehende Mitteilungen über Brieitauben gebracht Plinius und Aelian erzählen sogar, daß die Benutzung der Taube als Brieitaub,' bis zuni Beginn des Kulturlebens hinaus- reicbe. TaorvsthencS ließ nach seinem Siege bei Olympia eine vom Neste entnommene Taube auisteigen, welche durch ein augchängtes Purvnrläppchcn dem Vater in Aeqina dic Freudenbotschaft bringen sollte.
Als Decius Brutus im Jahre 44 v. Ehr. von Antonius in Muttna Vrn beinigen Modena belagert würbe, sandte er in das Lager der Konsuln Tauben, den«! Briese an den Beinen befestigt waren „Was konnte da dein Antonius der Wall, die Wachsamkeit und die Sperrung des Flusses durch Netze helfen", so ruir der berichtende Geschichtsschreiber aus, „da der Bote über alles hinweg, durch die Lüste fliegend, Nachricht brachte
Unter Kaiser Diocletian soll bereits ein Nachrichtendienst mittels Brieitauben eingerichtet gewesen sein Freilich wurden im alten Rom auch andere Vögel als Sendbolen benutzt So bericht« zum Bcisvicl nach Plinius Fabius Pictor in icinen Anrmlen, daß eine belagerte römische Beiatzung ihm eine Schwalbe übersandt habe, damit er derselben einen Faden an d«l Fuß binden und durch »knoten in demselben bezeichnen solle, am wievielt«! Tage tr zum Entsatz cimresscn würde, io daß man sich für den Ausfall vor- bereitrn könne
Auch späterhin benutzten dic römischen Wettkämpfer im Zirkus solche vom Nest genommenen Schwalben in gleicher W«se wie die Tauben, indem iie dieselben, mit der Farbe der siegenden Patt« besfticben. in dic Heimat zurückilicgcn ließ«,.
Dic Cdrist«i lernten merkwürdigerweise ent in den Kreuz- rügen dic Brieftauben kennen Es ist ziemlich unerklärlich, daß so lange die Benutzung von Tauben zu Briessendungen unterblieben war. Erst im Jahre 1098 ereignete sich das Geschehnis, durch das dic
Cbristen die Institution der Brrestaube kennen lernten. Der italienische Dichter Tcrffo hielt die Begebenheit für ioichtig genug, sic in seinem Gedicht „Das befreite Jerusalem" zu erzählen Bei der Belagerung der Burg Harar zwilchen Antiochien und Sdessa siel eine Brieftaube in das Christenboev, da sie von einem Raubvogel getötet worden war. Unter ibr«n Flügel aber fand man ein«! Z«tel, aus welchem die Plane der Feinde verzeichn« waren. Daß man damals im Orient sich bereits allgemein der Briestaübcn bediente, beweist die Tatsache, daß auch bei der Belagerung von Akka durch die Kreuzfahrer unter König Beit von Jerusalem Tauben von den Muselmanen zu Botendiensten benutzt wurden.
Im Orient erreichte denn auch unter Sultan Nureddin, dem Kalifen von Bagdad, die Benutzung der Bri«'taube im zwölften Jahrhundert die höchste Vollendung. Dies« ungemein intelligente Fürst, welcher von 1146 bis 1178 regierte, richtete mittels Brieftauben einen regelrechten organisierten Postdienst ein, mittels dessen Nachrichten aus Aegypten und Snrien selbst kamen. Sein Nach folg«, Kalis Achmed, versuchte di«'e groß angelegte Institution noch groß« auszubauen, und bis zur Mitte des dreizehn!«! Jahrhunderts harre die Taubenpost im Orient eine Blütezeit, wie sic seitdem weder dort noch anderswo wied« «reicht wurde B«eits bewährte Brieftauben wurden mit fabelhaften Summen bezahlt, einzelne Tauben bis zu 6000 Mark und mehr Spät« freilich, nach d« Eroberung von Bagdad durch die Mongolen ging die Brieftaubcnzucht wird« sehr zurück, doch blühte sie noch in Aegypten im sünszehntcn Jahrhundert, wo noäi ein regulär« Taubenpostdienst «isticrte, und bis in unsere Zeit hinein waren in Persien, und in anderen Gegenden des Orients Taubcnposten im Gange, dic nun fteilich jetzt do« auch durch and«c Verkehrsmittel v«- drängt wurden, im Kriege aber st«s noch Verwendung fanden.
In Europa sind die Briestaube» noch den Kreuzzügen bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nur o«einzclt in An Wendung gekommen. To wurden znm Beispiel im nied«länd>ichen Kriege bei der Belagerung von Hartem im Jahre 1573 und zu Lehden im Jahre 1574 Brieftauben v«wend«. Eine von Wilhelm von Oranien abgesandtc Taube geriet in die Hände der Spanier, welche seitdem dem Taubenpostdienst der Feinde im Kriege eine besondere Aufmerksamkeit zuwandten.
Im neunzehnten Jahrhundert wurde die Brieftaube im Kriege allgemein in der verschiedensten Weise angewendet. Bekannt ist zum Beispiel, daß die Familie Rothschild einen btträchtlichcn Teil ihres Vermögens dem Umstande v«dankt, daß d« London« Roth schild dic Heere Napoleons des Ersten mit seinen Agenten begleiten ließ, dic dem Finanzier iofort jede wichtige Nachricht mittels Brief tauben meldeten. Welche Vorteile das in ein« Zcft hatte, in d« es noch keine Telegraphen gab, und in welcher dic politische Konstellation Europas täglich üb« den Hausen geworfen w«vcn konnte, kann man sich vontellcn. Und dadurch, daß jen« Rothschild die Nachricht von der Schlack»! bei Waterloo zwei Tage ftüher wußte als alle offiziellen Persönlichkeiten in London und daraufhin seine Spekulationen einrichtete, soll « Millionen v«dinit haben.
Im Dienste der Svckulation und des Prefiedienstes wurden daun die Brieftcrubcn in der langen Friedenszeft, die den Befreiungskriegen folgten, so« und fort verwend« Da sie meist die, Meldung der ttirric zu überbringen hatten, wurden sic Kurstauben genannt, und Karl Gutzkow hat diese Einrichtung novellistisch be
handelt. Natürlich mußte dic Brieftaube dann aber dem Telegraph üb«all weichen. Indessen noch nach Einrichtung von Telegraphen- linien benutzte Herr von Reuter Brieitauben »nd begründete den Weltruf seines internattonal«, Telegrapbe» Bureaus mis das Hei- matgefühl der Tauben, indem er von Aachen bis Vcrvi«s, wo nach die Telcgravbenlmie fehlte, Taubenvvsten im Anschluß an die Linien des Telegraphen nach Aachen einrichtete.
Im Kriege aber, wo man Telcgraphenlini«, leicht zerstören, kann und zerstört, behielt dic Bricslairbc ihren Werl, »nd welche Bedeutung sie hat, haben die Franzosen im Deutsch Französischen Kriege «kennen müssen.
Als im Jahre 1870 die deutschen Heere gegen Paris an rückten, stellte Eassier, der Präsident der Brieitauben Liebbabcr IKeiellichait „Hoffnung" in Paris der Regierung der Nationalverteidigung drei hund«t Brieftauben zur Verfügung. Erst wies man ihn mit Hohn und Spott ab. Als es dann aber mit der Belaa«»»g von Paris Ernst wurde, nahni Gen«al Trocha i«n Anerbieten an, und der Bricftaubendienst Iciftetc den Belagerten manchen guten Dienst llnt« Leitung des Generalpoftdireklors Rampout iviirde eine Briei taudenpost inszeniert, und am 23. September 1870 nahm d« Lust postdienst seinen Anfang.
Durch bft Kunst des Paris« Photograoben Dragon lvurde dies« Luswostdienst «st fteilich «giebia gemacht. Durch seine be- wundernswetten photograohischcn Verkleincrunge», die er aui Neine, eigens mävarierte .Häutchen wan, stellte er die volle Seil? ein« großen Zeitung aui dem icchste» Teile eines Ouadrotzolles dar. Zehntausend Teveschcn nahmen aus diese Weise etwa den Raum einer Handsläche ein. Ein solcher Daubenbriei war 3,9 Zentimel« lang und 3,3 Znttunet« breft. Jede Daube konnte l8 solch« Häutchen in einem Gesamtgewicht von einen, halben Gramm ohne besondere Beschwerde ttaqcn uzü> so in d« Re<zel 70tt0l Worte üb.'r- mitteln. Von der Ciesamtzahl der »«sendeten Telegramme kam frei sich nur eine verhältnismäßig gcrrnge Anzahl an ihren Bestim- mungso«. Da aber jedes Telegramm in zahlte,ckicn »opien zur V«scnduna gelangte, so haben die Franzosen dock» großen Nutzen von der Brieftmlbe gehabt Auch dadurch, daß man sie mittels Luitballons hinausichicken konnte, gelangten durch Brieilaube» Nachrichten nach Paris, und eine Taube machte den Weg durch die bclag«nden Deutschen nach und von Paris zehnmal.
Immerhin war d« Briestaubendienst damals ein völlig imvro viii«tcr und keineswegs inllitärllch organisiert gewesen. Und zeiglil sick> trotzdem somit doch immerhin schon ein Eriolg, iven» auch ei» b«'cheidener, so nahm daraus die deutsche Heeresverwaltung die Lehre, der Brieftaubcnzucht vollste Beachtung zu schenke». In großartigstem Umfange hat denn auch die deutsche Militärverwaltung viele tausend Brreftaubrn in den Dienst des Heeres gestellt, io daß auch Deutt'chland nach dies« Richtung hin in bestcr^Weise gerüstet «scheint. Uebcr ganz Deutschland find ;ahlreiche Stationen aus- gebreü«, von denen Berlin die Z«,lralstation und Znchtanstalt ist. Jede deutsche Festung hat ein paar Hund«, Briesiaubcn, jede große Station tausend und mcbr Brieitauben. Diese vielen Tauieude Brieftauben können im Notsall durch ebenso viel Tausende ergänzt werden, welche von Brftstaubenzuchtv«cinen gchallcn werden, und welche man zu mllitärischen Zwecken reauiriere» töunte.
Frellich auch and«? Staaten haben sich die Belagerung von Parts zur Lehre dienen lassen; vor allem hat auch Frankreich selbst


