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Nr. 190 zweiter Blatt

Erschein! täglich mit Ausnahme des Sonntag?.

TieKietzener Zarnillenblättrr" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, da? KteisNatt für den Krm «sehen" zweimal wöchentlich. Tie ..Landwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

M Zahrgang

General-Anzeiger für Gberheffen

Zamrtag. August

Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen UniperfftätS - Buch- und Sieindruckerel.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Truckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e=^51. Redaktion:^^II2.Tel.-Adr^AnzeigerGießen.

Heber den Vormarsch der deutschen Truppen gegen Lüttich

enthält derNieuwe Rotterdcrmsche Courant", eines der bedeutendsten holländischen Blätter, in seiner Nummer vom 7. August nachstehende anschauliche und für unsere Truppen ehrenvolle Schilderung:

Maastricht, 6. August. Es ist den Deutschen gelungen, dicht bei der niederländischen Grenze eine Brücke über che Maas zu schlagen, Ivelchc sie gestern noch mit Booten überfahren muß­ten. Ein ganzes Anneekorps zieht nur, vorüber. Ich sehe von der Maasbrückc aus einen gewaltigen Feuerschein, der am einen riesigen Brand hinwetst. Es geht aus der Brüche und in der Stadt lebhafter zu als je zuvor. Militär und Polizei hält die Ordnung aufrecht. Während ich dieses Telegramm absende, sind noch keine 36 Stunden seit der gestern erfolgten Ankunft der ersten Bcrtvundeten verlauten, und es ist, als ob imu zehn­mal länger gelebt haben, durch den Airblick und die Nachricht von so viel Traurigem. Licht in der Dunkelheit sind die Liebes- bezeugungen von so vielen und die sympathische Haltung der Bevölkerung vvn Maastricht. Alle, die etwas tun körmen, bis zu den Pfadfindern sind voll Elser. Der Garnisonkommandanl ist unermüdlich. Der deutsche Konsul stets voraus, Aerzte rmd Pfleger tun ihr Möglichstes, Autos von Privatleuten alle zur Verfügung des Roten Kreuzes. Geist­liche beider Konfessionen tun ihre Pflicht. Alles arbeitet zu- iammen und das Publikum ist voll stiller Teilnahme. Von den Verwundeten sind im Hospital Kalvarienberg vier gestorben. Tic Verwundeten haben zum Zeichen ilrrer Persönlichkeit ein Band mir den Hals nrit einer eisernen Platte, worauf die 'Nummer des Regiments und alles Weitere steht. 'Es sind meist junge Leute, einer von ihnen ist verheiratet. Tic meisten kaum 20 Jahre alt, alle tragen feurige Va kr rta n d s l i e b c zur Schau. Sie tragen nach Kriegsberichten von Paris und den Franzosen. Aus ihren Mitteilungen geht hervor, daß das Land­volk an den belgischen Grcnzdörsern sich schars zur Wehr gesetzt hat.

Kein Wunder, daß hier in Maastricht eine außergcioöhnlichc Stimmung herrscht. Alan hört über Tag uirü 'Nacht den Kanonen­donner von jenseits der Grenzen, und den ganzen Tag fahreir Autos von der in der Eile znm Hospital eingerichteten alten Augustinerkirckzc nach dem Gcicchtsscld und zurück. Die Schwer- verwundeven werden nach Maastricht gebracht, damit dort chi­rurgisch eingegrissen werden kann. Tie leichter Getroffenen cm» fangcn Hilse zu Eisden : lwlländischer Grenzortl. Soeben sehe ich beim Portal der genannten Augnstinerkirche ein Auto mit dre, verwundeten Deutschen, imd zwar zwei Ossizieren mit einem Gemeinen hereinsabrcn. Ter eine schleppte sich fort mit einer Beinnmnde, der andere, eine Riesengestalt, dessen langer bell­grauer, Sotdatenrock los uin die Schultern lffng, hatte einen Ver­band um den Kopf. Ich war erstaunt, daß, nachdem kurz bei unsern Grenzen io blutig gesuchten worden war, nicht mehr Verwundete eiiigebrackit werden. Man zeigte mir aber im Hospital ein so­eben von der Hauptleitung des Roten Kreuzes cmpsangeucs Te­legramm, ivoriu daran crmnert wird, daß es den Ambulanzen verboten ist, jenseits der Grenzen des Rerches Bernmndete aus- zusuchen. Ick» bin soeben zurückgekehrt von dem Dorf Mesch an holländisch-belgischen Grenze, wo ich eines der mächtig­sten Schauspiele meines ganzen Lebens angesehen habe. Eine gewaltige deutsche Trnvven,nacht, die sich dort bereit machte, um im Süden von Lixhs nicht weit von Eisden über die Maas den Weg nach Lüttich zu nehmen. Mesch liegt auf holländischem Gebiet, an der großen Heerstraße, die zwischen Aachen über ball Bouren noch dem Maastal führt. Bon dem Kirchlein zieht ein Pfad durch das Kornfeld nach dem Grenzpsahl, <m der einen Seite das bolländische, an der andern Seite das belgische Wappen mtt der Jahreszahl 1843. Einzelne Meter von diesem Pfahl liegt die genannte große Heerstraße. Man hat von hier aus den vollen Blick auf das deutsche Lager, das in einer sehr lieblichen Landschaft gelegen ist: nach der Maas abfallend flaches Ackerland, durch lvaldige Hügel umrahmt, und aus dieser Fläche ein buntes Zusammenhäusen von einer überwältigenden Anzahl von Pferden, Wagen und Mannschaften. Es sind di« Truppen, die aus dem Marsch nach Lüttich und anderen Festungen über die Maas müs­sen, was über die gestern geschlagene Notbrücke nur langsam vor iid 1 geht. Man sollte an ein Manöver riesenhafter Aus­

dehnung denken, ioenn nicht schon hinter den fernen Hügelketten das Gewehrseuer rasselte und die Lust vom Kanonendonner er­zitterte. Wenn man nicht wüßte, daß es Krieg loäre, und man den Ernst nicht sah. der sich aus den Gesichtern der Mannschaften ausprägte. Tenn wir srird in nächster Nähe der deutt'cheu Trnvven, ja, wir sprechen mit ihnen. Von links her den hohen Abhang hinab ströinen stets neue Truppen hinan, stets mehr Reiter er­scheinen oben am Hügelrartd. Maschinengewehre loerden auf ein Terrain hingesabren, das noch soeben ein üppiges Rübenseld war, und das vor meinen Augen durch zahlreiche Pferdefüße zu einem Brei zertrampelt wird. Die anrückende Reiterei bahnt sich einen Weg gucr durch Kornfelder, deren Halme vergebens gcivachsen sind. Dies Getreide^ wird nicht ittehr geerntet werden. Ein großes Stück Land, mit Stachelüraht abgezäunl, wo tags vorher vielleicht noch die Kühe gemolken worden, wird mit einem Angenwink freigelegt; für die mit Beilen und Scheren bewass- neten Soldaten ist das nnr ein Werk eines Augenblicks. Zahllose Fuhrwerke eilen den Weg herunter, sic sind mit 6 Pferden bespannt »nd in bester Ordnung, ohne daß man viel Kom­mandos dort, alles, Wagen, Kanonen, tausende Menschen und Pferde weiß seinen Weg zu finden. Unter den jüngeren Offizieren

und wie xung sind viele -, fallen einzelne besonders auf. Ihre Gesichter mager und energisch. Dann plötzlich naht ein Zug vvn Autos heran. Hinter den Autos eine neue Streitmacht. Es ist Fußvolk in Anzüge» von derselben Farve. Alles wohlver­sorgt und wie aus dem Ei geschält. Dann rust mich lachend ein Offizier in Englisch an und fragt, ob ich ein Kriegs- korrespoirdent sei. Während die deutschen Truppen in endlosen Reihen weitcrziehcn, erscheint plötzlich über ihnen am tiefblauen Himmel eine schwarze Regenwolke, und hinter dem licllercn Stück Himmel ist ein schwarzer Flieger sichtbar. Wie ein unheil­verkündender, düsterer Raubvogel zieht er sehr hoch über der deutschen Truppenmacht und ebenso langsam dahin. Ist er ein Deutscher oder ein Belgier? Wird er Bomben werfen? Viele Zu­schauer liefen schon weg. Aber die deutsche tz ceresmacht arbeitet ruhig weiter und hat inzwischen vor meinen Augen längs den in den Boden gestoßenen Lanzen ein Feldtcle- vbon angelegt. Das mächtige Schauspiel fesselt mich so stark, daß ich nicht merke, wie rund um mich hin plötzlich viele zurück lansen, zugleich höre ich ein Kommando und die Worte:Pistolen geladen!" Dann sprenge auch ich zurück zu dem vertranten Grenz- psahl, lrwgegen mein Rad gelehnt stand. Wer ein deutscher Offi­zier, die Pistole am mich gerichtet, rust mir zu:Kommen Sic hierher!" Ich kovline und er nimmt mir mein Notizbuch aus der Hand und bemerkt, daß wir die Grenze überschritten hätten. Er sttidiert mein holländisches Geschreibsel und tragt mich, was da? zu bedeuten hätte. In der Tat waren wir einige Meter über den schützenden Grenzpsahl hlnübergcraten. Erst als ein zweiter Ossi zier hinzukomnlt, und zwar dencnige, der mich angeruscn hatte, erhalte ich niein Buch mit dem Ersuchen zurück, auf unserem eigenen Gebiet bleiben zu wollen!

Ein zuverlässiger Augenzeuge erzählt mir noch, daß in Bcr neau, südlich des Weges, worauf ich den mächtigen deutschen Trup- Venmarsch anrücken sah, totgeicbossenc Dorsbewohner in den Straßen habe liegen sehen. Es waren Leute, die aus den Fenstern auf die Deutschen geschossen hatten.

Nach Maastricht zurückgekehrt. Wir sind so nahe beim Kantpi, und sogleich so sehr ivcß- weg, und wir wissen in der Tat nichts. Die Flammen indes, die wir von der Maasbrücke in der Richtung von Lüttich aussteiqen sehen, lassen die Gerüchte säst zur Sicherheit loerden, daß Bas senge und Lüttich in Brand st che n. Es ist ein schreckliches 'Schauspiel. Daß aber der Kampf nicht weit weg ist, beweisen die zahllosen Verwundeten, Deutsch«, aber auch Belgier, die noch stets hereingebracht werden. An der anderen Seite der Brücke lvvn Maastricht) seben wir tausende Frauen, Männer und Kinder, in andächtiger Prozession betend nach der O. L. Frauenkirche ziehen. Ich höre sie von hier aus singen, und bewundere die merklmirdigc Ruhe, die die Bevölkerung hier aus ihrem Glauben zieht. Die beruhigenden und besänftigenden An­sprachen der Geistlickten tragen bierzu das Ihrige bei. Ich höre die lveitlragcndc Stimme des Geistlichen eine Straße weil zu mir durchdringeu.

lieber das Gefecht bei Biss teilt uns das ge­nannte Blatt aus den Erzählungen von Augenzeugen, die den Dag von Mittwoch, also an der linken Maasseite, an der Seite der belgischen Forts, gegenüber dem durch die Deutschen besetzten rechten Maasufer, mitgemacht haben, folgendes mit:

Es lvar an dieser Seite sehr gut zu sehen, daß die Deutschen an verschiedenen Stellen mit Booten, aber hauptsächlich mit Holz­stößen, nächst welchen die Pserde schwanrmen. die Maas Überresten. Es geschah aus vielleicht ein bald Dutzend Stellen in fester und geregelter Ordnung: um das Feuer aus den Forts und dem Gewehrseuer der aus dem Berg ausgestellten belgischen Trilvven schienen die Deutschen nichts zu geben, ob- ivohl cs ihnen doch lvoht Verluste beigcbrachl haben mußte. Ihr Maschincngewehrfeuer, auf die belgischen Schützen gerichtet, hielt diese in Zwang. Langsam wurden die sämtl:ck»cn Hügel an der anderen Seite mit deutschen Trnvven besetzt lind die bel­gischen Schützen zogen sich z u r ü ck. Auf deni Wege von Eben nach Bise kam ein Auto angesahren. Fünf belgische Bürger- wehrleute stiegen aus: durch die deutschen Posten angcrusen, nah­men sie eilends die Flucht. Bier konnten entkommen Einer wurde durch verschiedene Schüsse getroffen und blieb schwer verletzt im Feld liegen. Deutsche Ulanen, die vorbei ritten, »lahmen die Be­völkerung zur Ruhe. Um 5 Uhr loar schon eine so große Macht deutscher Kavallerie aus den, linken User, daß sic begann, in der Richtung nach Eben writerzurückcn. Die belgischen Forts am Berg oben batten schon die ganze Zeit lang versucht, unter die an der anderen Sette von Fouron, Fixbes und Bombay ailvückenden Ka- valleriekolonnen durck> Granatscuer Verwirrung anzurichtrn. Aber es gelang ihnen nicht. Zum Schluß mußten sic schweigen, die Besatzung zog sich aus Boies zurück. Aus den ersten Häusern längs der Landstraße flüchtete sich da-s Volk voller Entsetzen. In dem Ton Eben selbst aber waren die Bewohner guten Mutes zurückgeblieben und sahen das Passieren des endlosen Zuges sremdni Kriegsvolkcs voller Bewunderung an Es geschah ihnen auch nicht das mindeste Leid. Der Zug wurde in der Richtung nach Lüttich fortgesetzt, während auch an der Seite von Bis? dentsckw Mteilungen die Richtung nach Lüttich einschluqen. Beide Maasuser cittlang wurde also aus Lüttich angerückr. In­nerhalb zwei Tagen werden >vir Lüitichyabcn, hat ein Deutscher mit dem unzerstörbaren Vertrauen der ganzen Truppe auf ihr Wafien glück gesagt. Daß die Einnahme von Lüttich manche Ovser kosten loürdc, wird auch von den Dentscheir nicht lnfftritten werden. Sie sagen aber, daß sie. koste, lvas es kosten wolle, in jedem Falle Lüttich nehmen würden. Das Fort Pont-deffüs in der Lütticher Stellung muß einen gewaltigen Sturm auszu halten gehabt haben. Als eine deutsche Truypenmacht übcrgesetzt war, schwieg das Feuer der Forts und das Geivehrteucr wurde weniger. Tic Belgier zogen sich aus BouicrS zurück. Die Deutschen, durch anhaltende Zufuhr aus der Richtung von Aachen verstärkt, ziehen in großer Zahl mit Kavallerie, Jniaiiteric und Artillerie längs Eben in der Richtung Lüttich als nördliche Angrissskolonnc."

Wie wir bereits gemeldet, ist Lüttich am gestrigen Freitag, niorgcns 8 Uhr, vondendeutschcnTruvvcn im Sturm genommen worden.

Seemtiten und ihre Wittling.

Schon vor,Jahren haben berufene Stellen auf die hohe Bedeutung hingewiesen, die in einem kommenden Kriege der S e e m i n e znßallen werde. Und kaum war der tückische Verrat des Zaren und seines verächtlichen englischen .Kum­panen erkannt worden, kaum war der Krieg entbrannt, da ward diese Voraussage bestätigt: Mit kühnem Wagemut haben deutsche Schiffe, unser kleiner KreuzerAugsburg" und der leider uutergeganqene DampferKönigin Luise", in den russischen Ostseegcwässern, vor Libäu, und unmittel­bar an der Themsemündung gezeigt, was deutsche Minen vermögen. So dürste es angezeigt erscheinen, einiges über Seeminen und ihre Wirkung hier zu sagen, soweit strate­gische Gründe das Anlassen.

Die Seemine ist eigentlich eine verhältnismäßig junge Waffe: denn wemi sie ihre erste Anwendung auch bereit? im amerikanischen Sezessionskriege von 1862 gesunden und man sich ihrer auch im rrrssisch-türkrschcu Kriege 1877/78 bedient hat, so hat sie volle Bedeutung doch erst im russisch- ,apanischen Kriege von' 1905 in den ostasiatischen Gewässern erlangt. Nicht weniger als 24 große russische Schisse neben verschiedenen kleinereil russischen Fahrzeugen, darunter zahlreiche Linienschiffe, sielen unterirdischen Minen zum Opfer: So wurde z. B. das geloaltige russische Panzer-

Serictt und Krieg.

Ein Leser in einein unserer Nachbarstädtcheu sendet uns folgende Schilderung seiner Erlebnisse in kritischen Tagen:

Froh des alljährlichen Sommerurlaubs hatte ich die hessische Heimat verlassen. Wunderbar schön war der Sommer um Mitte Juli, und als der v-Zng FrankfurtLeipzig mich durch das .Kinzig­tal zwischen Bogclsberg und Spessart, an der Rhön vorüber und durch Thüringens Gauen führte, lachte die helle warme Sonne auß die gesegnete deutsche Landschast. Dann in Leipzig das großartige Leben und Treiben der deutschen Großstadt in Arbeit und Ver­gnügen, und ails der Ausstellung das bunte Gewimmel inter­nattonalen Lebens, elegante und extravagante Toiletten moderner Frauen, Slrauß-Konzert, Lachen und Scherzen, Musik und Tanz, Jux aller Art, die ganz« Welt voll Fröhlichketl und Sorglosigkeit, ko rcchi das, was die modernen Arbeilsmenschcn sür Erholung und Anregung batten.

Ich lras in Leipzig nieineil Bruder, der den Führer machte. Man sah sich die Gebäude der sreinden Nationen an, die, auf deutschem Boden Gastfreundschaft genießend, so einträchtig neben­einander standen. Ta börtc ich, daß das Gebäude Frankreichs bei der Nachricht vom Mord des Erzherzogs-Thronfolgers keine Traucr- flagge gczeigl hatte, und ick» meinte, warum bleibt jemand, der nicht die einfachsten Anstandsregeln erfüllen will, nicht lieber fort? Dmnit war aber das Gespräch ans politische Tinge gekommen und ich sprach von der entsetzlichen Ahnung, die mich in, Augenblick der Nachricht vom Mord in Serajewo ersaßt hatte: daß schließ­lich aus dem Blute des ermordeten Fürstenpaares noch Ströme Blutes fließen lvürdcn. Als überzeugter Friedensfreund und ver­trauend aus die stets bewährte Friedensliebe des Kaisers hatte ich die böse Ahnung verscheucht: es gibt keinen Krieg mehr unter den Kulturvölkern Eurovas, war mein iester Glaubenssatz. Mein Bruder aber svrach von bedenstiche» Anzeichen volttischen Hasses, wie auch eine bekannte Broschüre aussührtc: ivas darin orakelt wurde, über­hörte man lieber. Schöner war cs, den Sommerabend zu genießen und sich des mächttg und fröhlich auellenden Lebens zu ircuen.

Am nächsten Morgen setzte ich die Fahrt fort, immer weiter nach dem Osten durch Sachsen und 'Schlesien. Ungeheuer war der Verkehr, denn die Ferien entsandten gewaltige Schaven irölilicher Menschen in die Ferne. Schon trug jetzt mancher ein Gebirgs zewand. Das Ziel all der zahllosen Reisenden aus Sachsen und Schlesien, zu bfney sich in mir ein einziger Süddeutscher gesellte, war das Riesengebirge. Die gewalttge Grenzmaucr zwischen Deutsch tand und Oesterreich. Prrußisch-Schlesien uird Böhmen. Dort trat ich mich mit meinem längeren Bruder zu gemeinsamen Wande­rungen .

In diesem Sommer wollten wir das österreichische Riescn- gebirge besuchen und hatten als Standquartier Souidelmuhlc an

der Elbe. Wie mir schon öfters versichert worden war, fanden wir tatsächlich bei den Oesterreichern, unseren Stammesbrüdern in Böhmen, freundliche und herzliche Ausnahme.

Nun erlebte ich herrliche ungetrübte Tage in der Bergcsfrci- heit ein Tag war schönar als der andere: eine wunderbare Ge birgswelt unzählige fröhliche Wanderer, unter denen man die wackeren Oesterreicher daran erkennt, daß sie einem zum Gruße ihre»Heil"-Ruf zujauchzen, während der kühlere Deutsche Leute, die er nicht kennt, meist auch nicht grüßt. Tag für Tag stand ich aus den stolzen Höhen zivisckicil der Sckmeekoppc und der Kessel- kopvc und ließ den schönheitstrunkenen Blick wett über das sonnen überslutete, herrliche Land schlveisen, Deutschland int Norden und Oesterreich im Süden. Kam man abends nach rechtschaffener Wan­derung heim, so hielt man noch esn Plauderstündchen mit an deren Gästen, die meist aus dem Reiche stanintten; nach Zeitungen hatte »um kein Verlangen. Als endlich schlechteres Wetter ein- setztc, beendete» wir nuscren Ausenthalt in Böhmen und stiegen über das Gebirge hierüber nach Preußisch-Schlesien, um nach S. in der Provinz Brandenburg zu fahren.

Da erst ertuhrcn wir, ganz unerwartet, zum erstenmal van der Spannung in der politischen Lage.Es gibt Krieg!" hcißl cs. Man lächelt überlegen wegen der serbischen Mordbande! Aber die Ereignisse überstürzen sich in sicher Hafter Erwartung las man jeden Tag die Extrablätter die russische Intervention zu- rückgcwiescn die österreichische Kriegserklärung an Serbien die russische Mobilmachung Der Kaiser kehrt von der Nord- landrcisc zurück jetzt weiß Ma.nl: es gibt keinen Krieg, die Entspannung der Lage ist sicher. Die Gattin zu Haus« hatte be­sorgt geschrieben, ich solle heimkehren, ich antworte beruhigt und beruhigend Man liest, wie in unserem kaum verlassenen Riesen- gebirge die Oesterreicher zu den Fahnen eilen, und die deutschen Gäste allenthalben Heimreisen.

Ter Freitag Morgen, der letzte Juli, kam: still um cs im Blätterwald, nichts deutele aus Unruhe. Ta fuhr ani Nach­mittag der Blitz nieder, der mtt erschreckender Deutlichkeit die dunkle Lage vlötzluch erhellte der Kriegszustand in Deutsch­land erklärt, das Ultimatum an Rußland, die Anfrage an Frank­reich das lvar der Krieg!

Jetzt hieß cs aber schleunigst heimkehren, lvenn ich nicht int fernen Osten festgehalten loerden wollte. Ans der Bahli gab man mir auä! den Rat, baldigst abzureisen. Ich telegraphierte nach Hause mein« Heimkehrdas Telegramm wird erst mor­gen befördert", hieß cs auf der Post. Mein Bruder war noch einmal nach Schlesien zu seiner Braut gefahren: ihn telegraphisch zurückzurufen, erschien unter solchen Umständen zwecklos. Er kam aber nach nachts zurück, mtt großer Verspätung, und erzählte mir aufregende Szenen, wie die Zivilbevölkerung aus Schienen nach der Hauptstadt floh, und von Breslau wieder Wetter ins

Land, wie fürchterlich die Züge überfüllt waren und welche Panik unter den Leuten herrschte.

Das erfuhr ich denn auch selbst, als ich i,n Zuge saß, der mich heimbringen sollte, und Mitreisende von ihren Erlebnissen aut ihrer Falmt von Ostpreußen her erzählten. Heute, acht "Tage nach dieser Fahrt, wo ich diese Eindrücke niederichreibe, ist es mir itpckl unverständlicher, wie die Leute so kopflos handeln konnten. So floh auch eine Frau nnt drei Kindern von Cottbus lProvtnz Brandenburg!) vor dem Krieg nach Cassel!

Tie Bahn hatte viel zu tun. Ter ganze Ferienreiseverkehr ebbte nun zurück: schon ffihren zahlreiche Reserveoffiziere ihrem Beiebl gemäß zu ihrem Dienstort: aus dem äußersten Osten reisten Eltern hinüber nach denr Rhein, um noch einmal einen Sohn zti sehen, der in den Krieg muß. Draußen di? Stattonen und Brücken der Eisenbahn sind militärisch betvacht, Truppen und Geschütze werden befördert. Nun ist es ernst.

Und Ernst, tiefer Emst im 11-Zug, wo sonst die fröhliche Reise- stimmting herrcht. Ein junges Ehepaar, das auch in Spindelmühle gewesen lvar, fährt mit mir: der Mann hat den Gestellungsbeiebl. lieberall im Zug liitb auf den Stationen verweinte Mädchen- und Frauengesichter: überall Mschied, Leid und Schmerz. Eine dumme Stimmung lastet über »ns allen, eine Ahnung von einer unbe­kannten Macht, der niemand entrinnt, deni Schicksal, das eine ganze Nation trifft. 'Aber mhig imd würdig ist jeder kein lautes Wort.

Aus einer Station steigt ein kleiner Kadett ein, der aus deck Ferien plötzlich in seine Anstalt zurück muß. Draußen auf dem Bahnsteig die Eltern, der Bater Stabsarzt in Feldunisorm. Im Gesicht des starken Mannes zuckt es verräterisch, als der Junge vom Fenster aus 'Abschied nimnit, und dem Kerlchen will das Herz brechen. Ta wendet sich eine ältere Dame, die eine weite Fahrt macht, um ihren einzigen Sohn noch fiitmjil zu sehen, die selber ein gar schweres Herz hat, zu dem Kind, nimmt das Bübchen mütterlich in den Arni, noch angesichts der Ettern, spricht ihm zu. daß es sich vergißt, und bald lächelt das Kerlchm unter Tränen und verzehrt mit Vergnügen die Früchte, die ihm die freundliche Dame reicht. Ta sah man so recht, wie alles, alles in unserem Volk sich zusammcnsindet bei dem großen Leid, um cs gemeinsam zu tragen.

Lange fuhr ich mit einer Schwester vom Roten Kreuz, die gleird inir aus dem Osten nach dein Westen heimkehrlc: wir sprachen von allerlei schönen, humanen, pazifistischen Ideen, um uns end­lich vor der Macht der Wirklichkeit zu beugen. Ein junges Mädchen, das in Schlesien zu Besuch gelvescn war und vor dem Krieg in die rheinische Heimat stob, om'vrach, sich sofort zum Roten Kreuz zu meldm

Fabrplanmäßig eine Leistung, die Anerkennung verdient kam der Zug wach Sstlhlr in Kassel an. Dort war eS gegen den ;