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Sweitez Blatt
l64. Jahrgang
Erfchemi täglich mit Ausnahme d«S Sonntags.
Die „«tetzeuer Ha»tlk»«»>Süer" wettien dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „KrttsMatt für den Kr«U «letzen" zweimal wöchenUich. Die „Lond«irtlchastlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhejsen
zreltag. 14 . »ugnft pl»
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität? - Buch- und Sieindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» straße 7. Expedition und Verlag: s^öl. Redaktion:SiE112. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen-
die Kaufhäuser und Hotels von den zurückgebliebenen Komi»
Tic serbische Presse lügt!
Marschiert Oesterreich?
P.S. Berlin, II.Aug.
Was ist's mit Oesterreich? So fragt man den, der in den letzten Tagen die Doppelmonarchie von ihrem südöstlichsten Zipfel aus auf dem Wege durch Ungarn über Wien nach Oderberg durchauert hat, und die bange Frage lautet: Marschiert Oesterreich? — Man hat so gut wie gar nichts von den bisherigen Operationen des Bundesgenossen gehört und die verfrühte Siegesmeldung von dem Einzug in Belgrad, der irgendeine greifbare Siegesnachricht bisher nicht gefolgt ist, kann hier und da die Vermutung wachrufen, als ob Oesterreich-Ungarn gegenüber den deutschen Erfolgen etwas säumig sei.
Da ist es angebracht, mit aller Entschiedenheit zu be- ümen, daß dieselben Verhälvrisse, die gegenwärtig für das Deutsche Reich Geltung haben, auch für Oesterreich-Ungarn maßgebend sind. Man kann nicht gut mit Nachrichten aust- warten, ohne die Absichten der österreichisch-ungarischen Heeresleitung vorzeitig zu entschleiern. Aber das muß denn doch im Interesse der Heeresleitung sowohl wie des gewaltigen Kriegsheeres der verbündeten Doppelmonarchic mit aller Entschiedenheit betont werden, daß cs drüben ebenfalls rüstig vorangeht und daß vor allem der Aufmarsch sich mit genau derselben Exaktheit vollzogen hat wie bei uns. Nur ist zu bedenken, daß Oesterreich-Ungarn in Wirklichkeit zweimal mobilgemacht hat: das erste Mal, als es gegen die Serben ging und nur die Reserven einberufen wurden, und das zweite Mal, als Deutschland die Kriegserklärung an Rußland er-? gehen ließ und demzufolge Oesterreich-Ungarn sich veranlaßt sah, auch noch den gesamten Landsturm aufzurusen, der aber nicht etwa das letzte Aufgebot darstellt, sondern vielmehr unserer Landwehrformation entspricht.
Soweit man über den großangelegten Kriegsplan der Oesterreicher überhaupt etwas sagen kann, läuft er im wesentlichen darauf hinaus, nicht etiva in die Mausefalle hinein-, Hukriechen, die inan für die österrcicknsch-ungarische Armee mit russischer Hilfe auf der Linie Kragujewac-Nisch aufgebaut hat, sondern die serbischen Herrschaften nach Möglichkeit zu zernieren. Tic ersten Anzeichen, daß diese Zernierung eines ganzen feindlichen Landes vollkommen gelungen ist, machen sich schon jetzt bemerkbar; denn die im Osten angrenzenden Staaten: Rumänien, Bulgarien und Griechenland denken natürlich gar nicht daran, den serbischen Nachbar irgendwie zu verproviantieren und noch mehr Schwierigkeiten werden den Serben von den neuerworbencn Gebieten im Süden bereitet, von wo aus ebenfalls die Zufuhr bereits stockt. Es bleibt also nur noch Montenegro, dessen einziger bramtzbarer Zufuhrhasen Antivari jedoch inzwischen von Kreuzern der österreichischen Mittelmeerflotte beschossen worden ist, so daß die braven montenegrischen .Hammeldiebe iNübe haben werden, sich selber ausreichend zu verpflegen, zumal sie ja inzwischen auch noch mobil gemacht haben. Außerdem beginnt sich im gegenwärtigen Augenblick auch Albanien M rühren. — Unter diesen Umständen erscheint es unbillig, schon jetzt irgendwelche entscheidenden Waffentaten von der verbündeten Armee verlangen zu wollen. Selbst gegen einen Einmarsch in Belgrad bestehen zurzeit noch die schwersten ^Bedenken. Notorisch ist die Stadt längst von allen Einwohnern verlassen, nachdem von der Laudon-Schanze von Semlin her die ersten Schüsse auf die Feste abgegeben worben sind. Der Bahnhof und das Zollhaus sind demoliert. Das Post- und Telegraphenamt beini Abzug der serbischen Behörden versiegelt bezw. unbrauchbar gemacht worden. Gleichzeitig sind
tatlchis ausgeplündert worden, während die Bankhäuser ihre festen Bestände in Eisenkisten verpackt und in unterirdischen Gewölben an der Save versteckt haben. Dazu kommt, daß durch die Beschießung seitens der Donaumonitore auch schon hier und da Feuersbrünste entstanden sind und wieweit etwa in der Stadt und auf der Feste Minen gelegt sind, und sonstige Annehmlichkeiten der Einziehenden harren, ist noch ganz ungewiß. Die österreichisch-ungarischen Truppen würden also ähnliche Zustände vorfinden, wie die Franzosen bei dem Brand von Moskau. Ihr Gegner aber sitzt viele Bahnstunden südöstlich im festen Kragujevac und noch weiter südöstlich in Risch, und die dortigen Befestigungen sind so angelegt, daß landeskundige Strategen mindestens sechs Wochen für die Eroberung dieser beiden Plätze rechnen. Da nun aber auch die Oesterreicher Moltkes Satz von einer möglichst großen Anhäufung von Truppenmassen an den entscheidenden Stellen sich zu eigen machen werden, so wird es voraussichtlich noch Wochen dauern, ehe wir aus dieser Gegend irgendwelche entscheidenden Nachrichten erhalten. Es kommt hinzu, daß der Vormarsch der österreichischen Armee von Bosnien aus mit aller nur denkbaren Vorsicht aus- geführt werden muß, da von Süden aus Störungen durch montenegrinische Banden zu erwarten sind. Dann aber —- und dies ist die Hauptsache — rnuß man bei dem Vormarsch der österreichisch-ungarischen Armee nach Serbien mit den gewaltigen Entfernungen rechnen, von denen wir gar keine rechte Vorstellung haben. Schon von Ofenpest bis Belgrad haben die Oesterreicher nur eine eingleisige Bahn zur Verfügung, und von Bosnien aus steht an die serbische Grenze nur die Kleinbahn von Serajewo nach Bisegrad zur Verfügung. Von Sabac, dem dritten Einfallspunkte der Oester- reicher aber gibt es gar keine Schienenverbindung und in Serbien selbst werden die vorhandenen Bahnen wahrscheinlich überhaupt nicht mehr brauchbar sein.
dshlieglich aber hat der strategische Aufmarsch der österreichisch-ungarischen Armee auch insofern eine grundlegende Aenderung erfahren müffen, als durch die iw- zwnschen erfolgte Kriegserklärung Deutschlands an Rußland der Bündnisfall eingetteten ist und Oesterreich-lln- gern einen Teil seiner Truppen für die uussische Grenze zur Verfügung stellen mußte. Selbstverständlich war in Oesterreich-Ungarn dieser Fall von vornehereiu vorgesehen und die Truppenverteilung läßt dies auch klar erkennen. Mer unter diesen Umständen wird man Wohl den Schwerpunkt der österreichisch-ungarischen Operationen überhaupt au den mehrere hindert Kilometer nördlich gelegenen russischen Kriegsschauplatz verlegen müssen und man wird hoffen dürfen, daß ein wesentlicher Teil der Erfolge im Osten den österreichrsch-ungarifchen Waffen» brüdern zugesp-rochen werden kann. ^Nachdem in den letzten Tagen die deutschen mit den österreichisch-irngarischen Truppen südlich von Czenstochan Fühlung genommen haben, ist klar zu erkennen, daß der österreichisch-ungarische Aufmarsch auch an der ruffischen Grenze vollzogen ist, und da die zweite MvMmachung in Oesterreich-Ungarn an demselben 2. August stattfand, an dem bei uns die allgemeine Mobilmachung erfolgte, so kann man unmöglich von den österreichischen Truppen mehr erwarten, als was bisher von chnen geleistet worden ist, zumal in der vielfach nacht von Privatbahnen durchzogenen weiten Dvppelmonavchie der Hochgebirgscharttkter vorherrschend ist und die Zi:-- sammenziehung der 'Truppenmassen unter diesen Umstanden mehr Zeit beanspruchte, als bei uns in Deutschland.
Wien, 13. August. Das serbische Pressebureau fährt fort, Lügen über die Vorgänge auf dem südlichen Kriegsschauplatz zu verbreiten, die dadurch den Eindruck einer größeren Wahrscheinlichkeit machen sollen, daß angebliche, mit Erfolgen der Serben endende Zusammenstöße unter Angabe des Datums und der Orte mitgetcilt werden. Diese Meldungen find deshalb nicht weniger erfunden. Es ist unrichtig, daß eine Gruppe von 200 Muselmanen und österreichisch-ungarischen Soldaten von den Serben zerstreut, daß ein Angriff auf das Blockhaus Ploca zurückgewiesen und bei Güjuklitsche die Oesterreicher durch ein mörderisches serbisches Gewehrfeuer am Uebcrschreiten der Driua gehindert wur» den. Eine neuerllche Feststellung, daß sich kein Fußbrett und kein .Punkt österreichisch-ungarischen Territoriums im Besitze der Serben befinde, widerlegt genügend die Behauptung des Prcffeburcans, nach der eine Reihe von Ortschaften an der bosnischhcrzegoivinischcn Grenze, welche tvillkürlick) mit Namen angcffchrt werden, von den Serben besetzt wäre. Diese Art der Berichterstattung, welche aus dem Balkankrieg bekannt ist, vermag niemanden über die Wahrheit hinwegzutänschen. Die Behauptungen des serbischen Pressebureaus jedoch, daß österreichisch-ungarische Soldaten chre Ausrüstung und Aäunition weggeworfen hätten und geflohen wären, ist eine unerhörte Verleumdung, die allerdings den in der ganzen Welt bekannten Ruf von der Disziplin und dem Mute der österreichisch-ungarischen Armee nicht beflecken kann.
Einzttg in Russisch-Polen.
Wien, 13. August. Von dem nördlichen Kriegsschauplatz wird gemeldet: Tic österreichisch-ungarischen Truppen sind weiter in Russisch-Polen eingerückt. Ungefähr 700 russische Deserteure wurden nach Linz, Salzburg und Innsbruck eingebracht. Bezeichnend für den Geist der österreichischen Truppen fit die Tatsache, daß ein in Gefangerv- schaft geratener Husar am nächsten Tage aus einen: Kosaken- pserde zu seiner Abtellung einrückte.
Die Uosalen.
Die Kosaken (richtiger Kosaken, d. h. „freie Streiter", aber auch „Straßenränder" verdanken ihren großen tliuf der bedeutenden Rolle, die sie bei den napoleonischen Feldzügen gegen Rußland spielten, namentlich 1812/13. Ein auf dem Rückzüge begriffenes, weit auseinander gezogenes, von Entbehrungen zermürbtes, und ohnehin schon in Auflösung be- ariffenes Heer von allen Seiten zu umschwärmen, unablässig anzufallen und vollends zn vernichten und aufzu- reibeu —, das war allerdings eine Aufgabe wie geschaffen für diese wilden, speertragcndcn Stcppenreiter aus ihren struppigen und unansehnlichen, aber ^((101161104 anspruchslosen und ansdauernden Pferdchen. Kühne Reiterführer, die sich in die vielen Eigenarten der Kosaken zu finden und sie zu größeren Verbanden zusammcnznfassen vermochten, wie 1813 Tscherniffcheff und Miloratowitsch und 1877/78 im
Line Radsahrt unter Kriegs- und Belagerungszustand von Bad Lms nach Sad-Naüheim.
Nachdruck nur mit Quellenangabe gestattet.
Da in diesen Tagen sich fast alles Interesse auf den Krieg und was mit ihm zusammenhängt konzentriert, nähere Angaben von der Front aber ans militärischen Gründen nur spärlich ausgegeben werden, so dürfte diese anspruchslose Schilderung einetr .Art Kriegsfahrt im eigenen Lande wohl ihre Leser finden.
Dringende Geschäfte riesen den Schreiber dieser Zeilen am! 3. Angnst von Bad-NauheiM nach Bad Ems und aus wichtigen Gründe,: müßte von vornherein die schleunigste Rückkehr nach Bad- Nauhein, ins Auge gefaßt werden.
In Ems herrschte damals nicht iure KriegsAistand, den wir ia in ganz Deutschland haben, sondern Belagerungszustand, da die Stadt noch im Festmigsbcrcich von Koblenz liegt. Das machte sich gleich beim Eingang bemerkbar. Da ich Bedenken hatte, ob die Bahn mir aM 4. oder 5. August noch eine, glatte Heimfahrt bieten könnte hatte ich mein treues Adlerrad und den allgedienten Rucksack mitgenommen. Als ich nun vom Bahnhof Ems nach der Stadt fahren ivolltc, wurde ich bereits auf der Lahn- brücke von Posten angehaltrn, die mir deutlich machten, daß eine Legitimation für die Rückfahrt das notwendigste Reguisll wäre. Einen entsmechenden Ausweis besorgte ich mir dann sofort ans der Polizei und versuchte auch sür meinen Taschenrevolver, dessen Patronen beim Reinigen abhanden gekommen waren, neue Mmii- liou zu erstehen. Das war aber leichter gedacht als getan, dein: unter dem Rechte des Belagerungszustandes bedurfte es erst längerer Unterhandlungen und sogar der liebenswürdigen Jillervention einer höheren Stelle, bis mir wohlgezählte 6 Patronen vom einzigen Händler des Ortes verabfolgt wurden.
Ueberhanpt trat in Ems der Ernst der Lage deutlicher in die Erscheinung als in der bessisch«, Baderstadt. so ivaren am Nachmittag meiner Ankunft sämtliche Ausländer genötigt worden, binnen einer Stunde die Stadt zu verlas sen und am Abnck wurde auf den Straßen ausgeschellt, daß „aus besonderer Vorsicht um 10 Uhr die gesamte Straßenbeleuchtung gelöscht würde": auch beini Nachtessen im Gastbof wurden wir in die Hinteren Räume verwiesen iwd das vordere Lokal vettnrnkell. Die Kunde von französischen Fliegern hatte diese Maßregeln veranlaßt. Auch in der nahen Festung Koblenz war man «ns der Hut, und ich konnte in der Nacht ans meinem nach Westen gelegenen Fenster das Ansblitzen der Ehrcmbreufterner Sch^ftnwerfcr beobachten und den Donner der Geschütze und Maschinengewehre, der im engen Lahntal wider ballte, deutlich vernehmen. Ob wirklich ein feindlicher Flieger dabei heruntergrholt worden ist, wie am nächsten Morgen in Ems verlautete, ließ sich nicht frststellen, wurden doch überhaupt die unsinnigsten Gerüchte als Tatsachen verbreitet, so daß ich unwillkürlich au das bekannte Bismarckwort denken mußte, „daß nie so viel gelogen würde als vor einer Wahl, während eines Krieges und nach einer Jagd".
Da die Bahnverbindung unsicher geworden war, verließ ich gegen Mittag des 4. "August Ems zu Rad nick» fuhr das landschaftlich herrliche Lahntal hinauf, hoftend, noch am selben Abend,
Ivenn auch mit Laternenlicht, das etwa 110 Kilometer entfernte Bad-Nauheim zu erreichen. Ilber ich hatte nicht nüt der außer- ordentüchen Wachsamkeit^ der Ortsbehörden und unserer ländlichen Bevölkerung gerechnet. Schon in Ems selbst wurde ich cnigebaltiM uiid mußte meine Legitimation Vorwehen und dies Vergnügen, genoß ich bis Bad-Nauheim noch 41 mal, doch warteten iwch andere Ueberrasch-irngen auf mich. Vor Nassau führt die Straße steil bergab in die Stch>1, so -daß ich im Tenfitzr den Anruf des Postens, der übrigens in einer Seitenstraße stand, unabsichtlich überhörte nnd beinah mit deutschen Kugeln Bekanntschaft gemacht hätte, ein Fall, der sich noch mehrere Male wiederholte. Alle Brücken nnd Bahnübergänge am rechten Lahnuser, an dem die Sttaße führt, waren scharf besetzt nnd am linken Lahnufer war dasselbe der Fall mit den zahlreichen Tunnels der berühmten „Kanonenbahn", der strategisch hochwichttgen kürzesten Eisenbahnverbindung zwischen Berlin und Metz. Die scharfen Vorsichtsmaßregeln wendeten sich übrigens nicht nur gegen Radfahrer, sondern fast noch mehr gegen die seltener gewordenen Automobile, da mehrere Wagen mit französischem Gelbe nach Rußland unterwegs sein sollten, und in Laurenbnrg z. B. war ich Zeuge, wie der Lenker eines Antos mit Gewalt sestgehalten wurde. Bei Laurcn- burg wendet sich die übrigens sehr gute Sttaße vom Lahntale ab nach Norden und steigt auf die Höhe des Westerwaldes. In dem einsamen, enggewundenen Waldtälchen veranlaßte mich ein sehr verdächtig und reduziert aussehender, baumlanger Buffche meinen Revolver in Bereitschaft zu setzen, doch gelangte ich ohne wettere Fährlichkell nach Holzappel, einem kleinen, sttllei: Städtchen ans der Höhe des.Westerwaldes, das mit seinen schiefcr- bekleideten Häusern ausgesprochenen Gebirgscharakter trägt. Ein geschmackvoller Brunnen, zugleich Siegesdenkmal, sälll angenehm auf. Bon hier ab ans der Höhe konnte der Blick wbit in deutsckw Lande scknveifen, die in sonnigem Glanze dalagen. Eigentümlich wirkten im Westen drohend aufsieigende Hansenwolken, einem Symbol der politischen Lage gleichend. In herrlichem Höchwalde herrschte tiefster Friede: Rehe zogen äugend über die Straße und nahmen kaum Nottz von dem einsamen Radler, der am Ausgang des Waldes durch ausweisheischende Posten ans der idyllischen Sttmmung gerissen wurde. Schars war auch die Diezer Lahnbrücke bewacht und hier belebte Militär in der neuen Feldnniform das Bild. Auf dem Diezer Polizeiamt ließ ich meinen Ausweis bestätigen: es wurde mir der Rat gegeben, ja nicht bei Nacht weiter- znsahren, da ich bei etwaigem Ueberhören eines Anrufs unweigerlich Feuer bekommen würde. Die Ausfahrt aus Diez führt an einem Kaiser-WUHelm-Denkmal vorüber, das den Herrscher in beliebter Dutzendausführung mit Paradeunisorm imb Helmbusch wiedergibt, eine Darstellung, die sonst verstimmend genrirft hätte, aber in der ernsten Stunde einen rührenden Eindruck machte. Da die Weiter- fahtt im Lahntal nach Limburg, wo gerade einttessende Militärzüge laute Begeisterung weckten, wiederhollen Aufenthalt bei Kontrollen mit sich brachte, beschloß ich meine Reiseroute zu ändern und den Weg über den voraussichtlich stilleren Taunus zu nehmen, um rascher mein Ziel zu erreichen. Die nächsten 20 Kilometer schienen meine Erwartung zu bestätigen. 4lnr in Riederselters, dem Orte des berühmten Mineralb-runnens, war man wieder besonders
vorsichtig. Da ich den Brunnen, der geschlossen war, nicht be- sichttgen konnte, bestellte ich mir in einer nahegelcgenen Wittschaft eine Flasche König!. Selkers, um wenigstens auf diese Weile dem geninS loci zu huldigen. Plötzlich trat ei» Wachtposten ans mich zu und fordette mich auf, nach den Wachtlokal zu folgen, beruhigte sich aber auf Vorwellen meiner Legittmation. Ich glaubte schon, der Umstand, daß ich als einziger unter dm: biertrinkenden Gästen Setterswasser konsumiert batte, hätte mich verdächtig gemacht, doch sollte ich bald eines anderen belehrt werden. Es waren nämlich Depeschen eingttroffcn, daß sich französische Geldautomobile, denen verkleidete Radfahrer folgten, Herumtrieben, auch sollten „Brunnenvergifter" die Gegend unsicher machen. Dadurch war die ganze Bevöllernng in begreifliche Aufregung versetzt worden, imd als ich den nächsten Ott E. passieren wollte, wurde ich von einer direkt feindlich gesinnten Menge gusgehalte» nnd umringt. Watte wie „Bazillcnonkel", „Spi 0 n" trafen mein Ohr, und die ganze Haltung der Menge schien den frommen Wirnsch auszn- drücken „Hundert Jahr soll er alt werden, aber aus der Stelle"! Es war entschiedene Lynchstimmung vorhanden nnd man versuchte mir den Rucksack herabznreißen. Ich widersetzte mich dem energisch, zumal ich einige Wertsachen bei mir trug und erklätte bestimmt, nur der Behörde Rede zu stehen. Eine Amtsperson erschien denn mich bald, legiti n r i ett durch eine Art Ortsvolizeidieneruniform, und brachte mich ans die Bürgermeisterei, eskortiert von der erregten Menge, die in meiner Festnahme natttrlich eine Bestätigung ihres Verdachtes erblickte. Der Bürgermeister sairo sich ebenfalls ein nnd auch der Feuerivehrhanptman» der benachbatten Stadt Camberg im Tanirus, die man telephonisch von dem „Fang" unterrichtet hatte. Die Untersuchung meines Reisegepäcks in der lleinen Stube der Bürgermeisterei, die efil von der nachdrängcnden Menge ge- säubett werden mußte, ergab natürlich nichts Bedenkliches nnd mich eine Dose Schützerenie gegen „Wolf", den bekannten Lckirecken aller Touristen und Radfahrer, wurde zuni Glück nicht für eine gefährliche „Reinkultur" gehalten. Da auch an meinem "Ausweis nichts anszusetzen war, obgleich ein besonders Vorsichtiger meinte „Papiere könne Jeder haben", ivnrbe beschlossen, mich ziehen zu lassen. 2luf meine Forderung wurde denn auch der rmgeduldig larrenden Menge erklärt, es liege em Jrrllmi vor. Aber sowohl die fortgesetzt drohende Haltung der guten Bewobncr von E„ wie die Radsahrcr- katte, die man mir nach dem nahen Camberg mitgab, bewiesen, daß noch nicht aller Verdacht gescbwunden war. In Camberg merkte ich denn bald, daß ich noch unter Polizeiaufsicht stand: ein Ausgang nach dem Telegrapbenmnt Wirde kontrolliert wie die harmlose Depesche, die ich ansgab, und war nabe daran, nnch nfteder se>izu- nehmen, als znm guten Glück der Bürgermeister der Stadt in meineni Gasthos vorsprach, der meinen Ausweis und seine bebörd- lichen Unteffchrrstcn als vollgültig bestätigte. Ich glaube diese Legitimierung durch den Ottsvofiteher bat mir nredr geholfen, als die gute Meinung des freundlich geiinnren Wirtes vom „Gutenberger Hof", der erklärte, man braurlie ia nur in mein „treues deullche- Gesicht .zu sehen, um zu erkennen, daß ich kein russischer Spion sei Als icb nach dem "Nachtessen dann gar an den Tisch der Ho- innanoren gezogen wurde, besserte sich ini Austausch patttvttscber Gesimrnng die Sttmmnng ftnincr mehr und als inir die Begeistr»


