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Nr. 187

Zweites Matt

164. Jahrgang

Erscheint tS-Nch mit Ausnahme des Sonntags.

Die«fttzeaer Lamilienblöfttk" werden dem Anzeiger' viermat ivöchentlich beigelcgt, da» Lreirbtatt für den Urei5 Sietzen" zweimal wöchratttch. Die Landwirtschaftlichen Sett- fragen^ erscheinen monatlich zweimal.

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Mittwoch. 12. August 1914

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unftersiräts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Vertag: e^ä>51. Redaktion: 12. Tel.-Adr.: AnzeigerBießem

Der günstige §tand unserer Geldwesenr.

Aus Darm stallt wird uns von fachmännischer Seite geschrieben:

Ander Genugtuung über den flotten Verlaus der Mobil­machung darf die Befriedigung über den Stand unseres Geld­wesens treten. Das Vertrauen zur Hüterin unserer Währung, d. h, der Deutschen Reichsbank, ist unerschüttert und neu ge­festigt Mit der Einsicht, daß unser Geldwesen selbst den Stür­men einer Mobilmachung standhielt, ist rasch die Ruhe wie- dergekehrt, und an unseren Bankschaltern wird kaum noch der Wunsch laut, Noten oder Kassenscheine in bares Geld umgewechselt zu erhalten. Allmählich saugen auch die Einzah­lungen wieder an, die Auszahlungen zu übersteigen, Hart­geld, das man sich aus übertriebener Vorsorge auf Vorrat hinyelegt, findet den Weg zu den Kassen zurück, nachdem man sich davon überzeugte, daß man immer Geldzeichen erlangen kann, wenn nran sie braucht, daß also Opfer an Zinsen auf Geldvorräte sinnlos sind. Seit allgemein bekannt wurde, daß Banknoten und Reichskassenscheine vollwertige üb ei­gens auch gesetzliche Zahlungsmittel sind, sind auch die Klagen über Schwierigkeiten bei der Verwendung von Scheinen verstnmmt, Abschläge vom Nennwert zu machen, zieht Straße nach sich.

Wer sich nun klar macht, daß er keinem Opfer ansgesetzt ist und dah er keine Anstände bei der Weitergabe zu befürch­ten hat. wenn er Noten statt Gold und Silber entgegen- lununt. der sollte auch vorrätiges Gold - und Silber- gestd schleunigst in Moten umwechseln, was alle Kasten und Banken bcreivvilligst besorgen.

Das Geld gelangt auf diese Weise zur Reichsbank, imt dort als Unterlage für neu au »zu gebende Noten zar dienen neben kurzfristiger guter Wechseldcckung, Ke 100 Mk, Gold ermöglichen die Ausgabe von 300 Mk, Noten, wenn noch die vorschriftsmäßige Wechseldeckung dazutritt. Wer sich darüber noch keine Gedanken gemacht hat, der mag ja fragen, warum es denn patriotisch ist, Ewldmirnzen aus seinem Privatbesitz freizugeben, sich chso mit Noten zu be­gnügen, und warum es unpatriotisch sein soll, für das, was er M erhalten hat, Gold zu verlangen. Wer aber nach- ^renten will, dem kann es nicht zweifelhaft sein, der muß dazu Helsen, daß alle Goldmiinzcn alsbald nmgetanscht werden in Scheine, Für den einzelnen in seiner Privat.- Wirtschaft stt es ganz gleichgültig, ob er das, was er zu, bekommen Hatz in Gold oder in Noten erhält, aber für die VokE-wirtschaft ist es deswegen nicht gleichgültig, weil das Gold, das im Verkehr umlauft, nicht iirehr dienen kann als Unterlage für die Ausgabe von Banknoten.

Daß die Deutsche Reichsbank nicht ans Gründen des Goldschatzes zu einer Diskont-Erhöhung zu schreiten braucht, Hyu kann jeder mithelieu, wem: er Versbändnis dafür ver­breitet. daß das <äoB> nich t in den Privalbefitz gehört. Man braucht nicht zaghaft in die Zukunft zu sehen und kann doch der Ansicht sein, daß alle zrchammenhclsen müssen, um den Erfolg des Völkerririgens dem Deutschen Reich M sichern.

Wir haben ein gewaltiges Interesse daran, daß auch dem Ausland gegenüber unser Galdwesen und unsere finan­zielle Rüstung taS unerschütterlich ihren Namen dehallen. Das muh für alle Zeiten ein glänzendes Matt in unserer Finanzgeschichtc Heitren. Darum verbreite jeder, der weiß, daß eine gute Geldverfassnng eben auch unser Ansehen in der Welt fördert wie ein siegreicher Krieg, in seinen Kreisen Berstärckoris für diese Notn^ndigkeit, das Gold als Grnird- logx für die Notenausgabe dienstbar zu machen. Nicht ein Opfer wird verlangt, sondern nur ein klein wenig Anfmerk- ßamkirt auf die Wichtigkeit dieser Funktion des Goldes,

Der englische Schatzkanzler hat unlängst! dlefe Seite des Wirtschaftslebens während des Kriegszustandes in ähn­lichem Sinne berührt und an seine Laichs lente die Mahnung

gerichtet, nicht ans übertriebener Aengstlichkeit sich GvL daheim hinzrilegen, das damit einer wichtigen wirtschaft­lichen Funktion entzogen werde.

Darum bei dieser Gelegenheit noch eine Anregung: wer es kann, der zahle seine Wehrsteuer in vollem Betrag alsbald unter Verzicht ans die unter anderen Umstünden seinerzeit eingcräumte Stundung und zwar in Gold, selbst wenn er cs erst gegen Scheine zusammensuchen muß,

Ist ein Moratorium erforderlich?

DieNordd, Al lg. Ztg," schreibt über die finan­zielle Kriegsrüstung Deutschlands u. a.:

Die finanzielle Kriegsrüstung Deutschlands bestand die Probe während der ersten der MobUmachung vorausgehenden und ihr folgenden Tage glänzend. Me anfangs einsetzcnde Zahlungs- mittelkrisis ist überwunden. Das Rückgrat unserer Finanzkraft, die Reichsbank, steht unerschüttert und kraftvoll da. Dasselbe gilt von den großen Bankinstituten in Berlin und den Provinzen, Die vom Bundes rat ungeordneten Maßnahmen werden zur Hebung der fi­nanziellen Lage beitragen. Trotzdem treten täglich au die Reichs­leitung erneut Wünsche heran wegen Erlasses eines allge­meinen Moratoriums, Diesen Wünschen kann und darf im Interesse der Allgeineinheft nicht nachgegeben werden. Auch ein allgemeines Wechsel m oral ori u m kann nicht in Aussicht ge­nommen werden. Die wirtschaftlichen Verhältnisse wie die sich ihnen notwendig anpassende Organisation der finanziellen Mobilmachung sind bei uns anders geartet als in anderen Ländern, Kein Land der Welt ist in allen Schichten der Bevölkerung so auf den Kredft gebaut wie Deutschland, So groß die Erfolge waren, um in ge­sicherter Friedensarbeit unsere wirtschaftliche Arbeit und Entwick­lung zu fördern, so groß ist die Schwierigkeit, diesem eng ver­schlungenen Kreditsystem' in schwerer Zeit die Weiterarbeit zu er­möglichen, Diese Möglichkeit kann voraussichllich nur gesichert wer­den, wenn es gelingt, die Zahlungsleistung und Zahlungspslicht auf­recht zu erhalten. Sin allgemeines Moratorium würde leicht die Räder unseres Wirtschastslebens zum Still­stand bringen, wäre aber kaum denkbar und durchführbar. Me Kriegsanleihen des Reiches werden vom deutschen Volk allem aufgebracht werden müssen. Es tvird hierfür allein ein erheblicher Test der ocm der Bevölkerung bei den Banken, Sparkassen und Genostenschaftcil, auf wett über 30 Milliarden sich belaufenden baren Gelder und Barsordermrgen flüssig gemacht und flüssig erhalten werden müssen. Hieraus folgt, daß sich das Moratorium von vorn­herein gar nicht erstrecken könnte auf Forderungen und Zahlungs­verpflichtungen von Reich, Staat, öfseiNlichen Körperschaften, Vcr- sicherungsanstaften, Kreditinstituten aller Art, von der Reichsbank bis zum kleinsten Bankinstitut und zwar als Eftzelgenosstnschaften. Muß man ihneir aber allen die Zahlungspslicht auferlegen, so wird man ihnen auch die nötige Voraussetzung dafür lassen wüsten, das Recht der Einziehung ihrer Forderungeir. Selbstverständlich karm das Recht nicht ohne die notwendige Rück­sichtnahme ausgeübt werden, aber die allgemeine Aushebung der Zahlungspslicht erscheint unmöglich.

Nicht viel anders aber liegt es ruft einem Teil Mora­torium, Jedes Dellinorotorftm birgt die Gefahr in sich, daß es pvar zunächst die Schuldner schützt, aber in ganz gleickter Weise die Gläubiger bclaster, -Aus diesen allgemeinen Gesichts- pun kten he raus ergab sich die istotwendigkeit für Deutschland, die finanzielle Kricgshilfc so zu organisieren, daß die allgemeine Zahlung-Pflicht nnd Zahlungsleistung aufrecht erhalten werden karm. Und diese Orgairisation erfolgte durch die lang vorbereftete kraftvolle Stellung der Reichsbank und die überall eingerichteten und in ihrem Wirkungskreis von Tag zu Tag erweiterten Da r 1 eh,u s- k a f s e n in weitem Umfange, So weit das nicht der Fäll ist, bleiben freilich noch Lücken, vor allem «nerseits bei unserem Exporthandel, andererseits aber bei einer großen Zahl von kleftien und mittleren Gewerbetreibenden, die weder über bank- sähige Wechsel noch über dem den Lombard zugängige Werte und Warenlager verfügen. Hier muß und wird eingchetzt und schnell gehandelt werden Müssen, Für den Exporthandel wird eine wesent­liche Hilfe schon gebracht werden können durch den Erlaß eines in sich geschlossenen und keine toeftereu Kreise ziehenden, nur die Wechselforderungru und Schulden au das Ausland ergreifen­den BlovatoriuMs, Für die anderen Fälle wird die Lücke durch lokale Organisation uitb Selbsthilfe geschloffen werden

müssen Gangbare Wege hierfür sind bereits in Hamburg betreten und in Berlin in Vorbereitung, um wenigstens einen mäßigen Teil sickure Privathttvotheken in andere .Kreditformen umzugießen und liquid *u machen. Aus solchen und ähnlichen Wegen wrrd in Erweiterung des Zwecks weitergeschrftten wer­den Müssen, Es toird ein tatkräftiges und schnelles Zusammen- arbeiten aller beteiligten Jnterestenkreise und Instanzen cinsetzcu mästen. Diese Aktion ist berefts in die Wege geleitet und wftd bossenllich dazu führen, die gesunüen Stützen in unserem Wirt­schaftsleben zu «halten.

Mißernte in Rußland!

Wie es in Rußland mit der Nahrungsmittelbeschaf-- fung aussieht, mögen folgende zwei Konsiliarberichte lab- gedruckt in Nr, 89 der vom Reichsamt des Innern heraus- gegebencnNachrichten für Handel, Industrie nnd Landwirt­schaft") bezeugen:

Ernte im Konsulatsbezirke Kiew Ende Juli.

Bei d« Verwaltung der SWwcstbahncn gehen jetzt wenig« befriedigende Nachrichten über den Ausjall der Ernte im Bereiche dieser Bahnen ein. Noch vor zwei Wochen war hur säst überall die Ansicht vertreten, daß der diesjährige Ertrag das Durchschnitts­ergebnis d« letzten drei Ernten bedeutend überschreiten würde. Demzufolge tvurden von seiten der Bahnverwaltung energische Maßnahmen sür rechtzeiftgen Transport der Ernteerträge getroffen. Wie sich aber nunmehr herausstellt, w«den in diesem Jahre.nach ungefährer Schätzung voraussichtlich etwa 100 Millionen Pnd Getreide weniger geerntet werden als im Vorjahr, weit ganz Bcssarabien und der südliche Teil des Gou­vernements Podolien schon seit einigen Wochen iortwährrud von Regengüssen und Hagelschlägcn heimgesucht w«den, während and«- seits an verschiedenen Stellen d« Gouvernements Kiew, Podolien und Wolhvnien die anhaltende Trockenheit großen Schaden angc- richtet hat. In Anbetracht dessen hat sich die Verwaltung d« SR>- westbahnen veranlaßt gesehen, die von ihr b«efts in die Wege.ge­leiteten außerordentlichen Vorkehrungen für die Transportkam­pagne zum Teil wird« rückgängig zu machen,

(Bericht des Kaiserl, Konsulats in Kiew vom 25, Juli 191-4.) Saatenstand und Ernteergebnisse im Bezirke Libau, Das Kaiserliche Konsulat in Libau berichtet unterm 25, Juli: Noch sechswöchiger Hitze und Dürre gingen schon vor einigen Tagen an verschiedenen Orten des .Konsulatsbezirkes und am 24, d, Mts, auch endlich in Libau und Umgegend starke Gewitter­regen nied«.

Für die vollständig ausgebrannten Wiesen und Weiden, für Gärten und Kartofselseld«, sowie für die Löscharbeften bei den zahlreichen Wald- und Moorbränden ist ieber Regenguß von un­schätzbarem Werte: für die eben begonnene Roggcnerwe könnte jedoch eine längere Gewitterperiode verhängnisvoll werden, und den kurz und dünn stehenden Sommerfeldern werden auch häufige Niederschläge kaum mehr anfyelseit,

Roggen ist das einzige Getreide, welches vorausgesetzt, daß es unbeschädigt eingebracht wird wenigstens einen mitt­leren Ertrag verspricht.

Das Ergebnis d« bei ganz trockenem Wett« begonnenen nnd beendeten Heu- und Kleeernte tvar ganz gering, nnd die knap­pen Vorräte müssen schon jetzt in Angriff genommen werden, weil das Grünfutt« fehlt. Einige Landleute verkaufen b er ei ts wegen Futtermangel ihr Vieh, und deswegen sind die Fleischpreise etwas gefallen, dagegen sind die Preise für landwirtschaftliche, namentlich Molkerei-Erzeugnisse b«eits auf eine für diese Jahreszeit unerhörte Höhe gestiegen, Auf dem Lande herrscht allgemein Wassermangel, Allem A n s chei n n a ch haben wir ein schlimmes Teuerungsjahr »u er­warten,

Meseni Lande in welchem der Hanper-Ttzphns Stammgast ist stellen wir unsere ^rhältnisse entgegen und auch verzagte Gemüter werden zu der Ansicht kommen, daß der russische Hunger ein guter Bundesgenosse unserer tapferen Mappen sein wird, E. Krumm,

tragen einen wohlgefüllten Rucksack, Tic meisten ab« haben nichts gar nichts mitgenommen.

Ich nehme rasch ein Ruderboot, um vom See aus un­gestört das Weitere abwarten zu können: das Bild, das sich mft jetzt bietet, erinnert ans Theater, Die Musik spielt: Gott «halte Franz den Kaiser; aus dem Landungssteg finden nicht alle Platz, bis zum See hinunter, wo die Rud«boote schaukeln, bildet sicht ein Meuschcuwall, Nun sieht man das Dampsboot sich nähern ich flüchte mft einigen Rudcrschlägen seitwärts. Me Musik spielt einen Marsch oft rührend falsch. Kaum hat der veine Dumps« fest gemacht, da ist er auch schon gefüllt, kein« setzt sich; kaum ist d« letzte Mann an Bold, ertönt ein kurzes Pieifenftgual- der Dampfer fährt ab, Dm kräftige Hurras; nochmals wird Gott erhalte Franz dem Kais«" gespielt, vom User winken weiße Tücher, bis hinauf ftr die Dachfenster desWeißen Rößl", Nur Frauen sieht man noch stehen und Kind«, die am leb­haftesten winken. Ein einzelner Ruf vom »«schwindenden! Dampf« h«über dann geht alles langsam auscinand«,

Mes spielte sich genau zu d« Stunde ab, als in ganz Deutschland die Mobilmachung bekannt ivurde; trotz vielen An- ftagen und Bemühungen war aber in St, Wolfgang nichts zu erfahren; «st am Sonntag, den 2, August, abends also gerade 24 Stunden spät« wurde die deutsckre Mobilmachung in Riesenbuchstaben angeschlagen und gleichzeitig erreiche mich ein mit dringend bezeichnetcs Telegramm, Montag früh 6 Uhr brachte d« gleiche Dampf« auch mich und alle noch vorhandenen Deutschen hinüb« über den Sec, Mit d« Lokalbahn ging cs weit« dis Salzbnrg; ans allen Stationen unterwegs stiegen Re­servisten ein, der Zug war bald überfüllt, ®et schöne neue BaKa­iros in Salzburg wimmelte von Soldaten und Flüchtlingen aller Art, Trotzdem spielten sich die Gepäck- und Zollfragen schnell und leicht ab, doch konnte das Gepäck nur bis München ein­geschrieben werden,

Mft dem letzten Schnellzug verließen wir Salzburg um 8,50 morgens. Es war die letzte Möglichkeit, aus Oesterreich herauszukommen, Ans deutschem Gebiet angelangt, hüll der Zug. niemaud durste anssteigen; Beamte forderten in jedem Abteil Legitimation von den inäunlichcn, aber nicht von den weiblichem Passagieren, Ich hatte znm Glück einen Paß: doch ließ man auch Leute mft Jagdscheinen od« dergleichen passieren Wer sich ab« gar nicht answesten konnte, wurde oon der Weit«sahrk aus­geschlossen, nameiftlich Ausländer, An allen Haltestellen Mllftär- posten in feldgrauer Uniform mit auigevilauztem Sciteagclvchr, In Roscnheftn wurde ein Res«veostizier, der im Abteil neben mir fuhr, von einem aktiven Leutnant herausgebeten; hink« dcni Leutnant zehn Mann: der Reserveoffizier in einer dunkelblauen, wohl noch ans den 80« Jahren stanrmeiiden Uniiorm, machte mit seinem langen, melierten Bart und seinen rissigen Schaftcn- Itieseln allerdings einen merkwürdigen Eindruck, Vielleicht wurde ein Spion vermutet ab« schließlich durste « nach Vorzeigen sein« Papiere wich« «insteigen. Mit nur kurz« BeftpMnng

Die MobUmachung in Gber-Gesterreich und in München.

Bon M. Walter Lejeuue-GieHeit,

In d« Kriegserklärung Oesterreichs an S«bien sah ich keinen Hftiderungsgrund, meine alljährliche Fahrt nach Dem Sftzkammergut nnd Steiermark anzutreten.

Am 27, Juli d, I, kam ich in München ivährcnd des Mittag­essens mft einem Ehepaar ins Gespräch, das mir mftteifte, dah berefts kein Zug mehr nach Salzburg gehe; daraufhin eilte ich zum Bahnhof und erfuhr, daß sämtliche Züge sahrpianmäßig abgelassen ivürden und gar kein Grund zu irgend welch« Be­sorgnis vorliege. Dem Ehepaar hatte ein Hotelporti« im Jnter- este seines Hotels Angst zu machen verstanden.

So fuhr ich denn am gleichen Tage von München ab und , mir ein vollbesetzter Zug mit Deutschen, Am Bahn Hose von Salzburg das österreichische Leben wie imm« höchstens daß ein paar Soldaten mehr als sonst auffielen, Abends ging mH in ein Lokal, wo eine Militärkapelle hervorragend gut kon­zertierte: das Lokal war ab« mäßig besetzt.

Am andern Morgen besuchte ich die hochgelegene Burg, und mit mft viele Fremde, denen von Führern in verschiedenen Gruppen alle Einzelheiten erllärt und gezeigt imuden: mft «fuhren aber auch, daß ans d« Burg bereits 93 S«ben gesungen sahen. Am Bahnhof sah man mehr eftgezogene Soldaten mich ankom- mende Reservisten, als tags znvor, man ivurde auch beim Be­treten der Halft oon einem Soldaten gefragt, wohin man reise ohne daß eine Legitimation o«langt worden wäre

In St, Wolsgaug am Wolsgangsee sachte und fand ich Qnartftr: das malerische Dörfchen liegt nicht allzuweit von Ischl, d« Sommerresidenz von Kais« Frauz Joses,

Weiingleich viele österreichische Familien des Krieges wegen obgereist waren, jo gab es doch noch imm« genügend viele :Fremde, die Hotels waren leidlich besetzt, überall wurde Tennis gespielt, Konzerte vmanstaüet uswt, kurz, es herrschte ein voll­kommenes Bild des Friedens, Auch dft Post funktionierte noch tadellos, man darf ab« nicht vergessen, daß Oesterreich nur teilweise mobilisiert hatte und wohl nur die Serbien zunächst gelegenen Telle d« Monarchft, In wenigen Tagen murdc dies and«s, Wan bekam kerne Briese, keine Zeftnngen mehr und aus einmal hieß es: Telegraphen- und Teiephon-Berkchr ist gesperrt! (Briefe werden geöffnet! Tatsächlich gelangten m e h r ere Tele- Lvaunne von mft, die mft das Postfräiileft auf mein Rffiko poch abuahm, nie an ihren Bestimmungsort, und meine Briefe ,* Postkarten hatte ich in den letzten Tagen auch vergebens -geschrieben.

Einen Tag spät« sah man üb«all angeschlagen, daß Oester­reich nunmehr seine Gesamtstreitkräffc mobil mache. Flucht­artiges Abreise» vieftr Familien! Wft Deutschen, od« wie dft Oesterrcicher uns nennen: wft Reichsdeutschen taten uns zu- mmm uM> itfMofyu He Soge, geh« RutzhwdS Haltung mH

nichts zu erfahren, die zu «langenden Zeitungen waren zw« bis drei Tage alt. Auf der Post vcrweig«te man jede Auskunft, Es regnete, Deutschland war iwch nicht mobil. Somit benutzte ich Samstag früh 1, August die Sonne schien wied« zu einem Ausstieg mit der Zahnradbahn auf den säst 2000 Met« hohen Schas- Berg; mit mir 5 Passagiere! Oben «in großes .Hotel, dessen weibliches Personal sich gerade anschickft, mit Sack und Pack abzu­reisen, d, h, uns«en oftllcicht letzten Dergzug abwärts zu be­nutzen.

Im großen Spestesaal war wohl,sür 100 Persimen an kleineu Tffchen säuberlich gedeckt; emOber" s«oierft ft tadellosem Frack; zu uns fünsen gesellte sich eft einzeln« H«r, d« die Höhe vom Mondsee ans erstiegen hotte,

Bor meftem Abstftg zu Fuß, inftm ich die prachtvolle Fern­sicht noch einmal ganz ft mich ans: dft schneebedeckte Dachsteft- gruppe, den langgestreckten Attersee, den Mondsee, Mehrere kleftc Seen, den Wolfgangsee mft St, Wolsgmrg und St. Hilgen und all die anderen vielen Ortschaften, die da unten zu meften Füßen lagen scheinbar im tiefsten Frieden! So schön alles! Und doch eft «logener Friede! Ich mache mich auf den Weg stell steinig die Fernsicht wechselt vorbei an eft« Kuhh«de die Leitkuh mit einer Riesengftcke, Sehr warm scheftt die Sonne, ich laste mich med« ganz nahe blühen Alpenrosen, ab« un«reichbar eftes Abgrunds wegen. Da bemerke ich ganz ftef unftr mft eften Menschen, der mühsam und langsam den B«g ersteigt Mrrch das Glas sehe ich, daß er Helm und (Gewehr ftägk; ich iftschließe, ihn zu erwarten und auszufragcn: endlich ist « bei mir, eft Lauft, gcndarm. Er muß zu allen Sennen ringsum, diesen die Mobll- machungsorder zu überbrftgen, von Deutschland weiß er nichts und das interessierte mich doch am mcftcn; « zeigt mft noch seftm Mannlicher Stutzen, ich photographi«e ihn, dann schei­den wft,

Mft bangen Gefühlen ft der Brust erreiche ich nach vi« Stund«i «n lleftcs Gasthaus dicht bei St, Woligang, Me Kell- n«ft bittet mich, rasch zu zahlen, denn sie wolle zum Landungs­steg, wo 400 Einberufene mft dem Dampsboot in Kürze abfahren.

Auch ich eüe dorthft: auf dem engen Marktplatz stehen sie jüngere und ältere; d« größte Teü ist ab« mft Frauen und Kftweru ft d« nahen Kwche; ernst und schw« ertöft die Orgel, Dann leert sich das Gotteshaus, Die Manu« halten noch ft beiden Händen die Hüte die Frauen meinen, kleine Kinder auf dem Arm,

Nun naht dft Abschiedsstunde, Es formiert sich d« Zug, an deffen Spitze dft ländliche Muftvapelle trftt, Hftr nnd da hört man woV änch eft Sch«pvort einige haben sich Mut getrunken Floll setzt d« Radetzkp-Wcrrsch eft durch eine AuzaU Gassen und Gäßchen ft abstchllfthen Umwegen gehlls hftamt« zum Landungssteg, vor dem Hotel zumWeißen RöN". Urfterwegs strömen aus ft len Häusern Zuzüft«, eftige wenige besonders geschmückt und ft d« bchftp Joppe, Manche haben eft schwaxz-gclbcs Fähnchen am .Bergstock befestigt und