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Der Siebener Anzeiger

erschein! täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SiebenerZamiliendlätler: zweimal wöchenll.rkrelr- blatlsürdeii «reis Sieben tTiensiog und Freitag); itveimal inonail. Land- Ntirilchastliche Seitsragen Ferniprech - Anichlüge: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition dl I Adresse fflr Depeschen: Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeigen sür die Tageönummer bis vorniütags S Uhr.

Erster

Blatt

Jahrgang

Mittwoch. 22. Juli IM

General-Anzeiger für Oderhessen

Rotationsdruck «nt» Verlag der vrähl'schen Univ.-Vuckp und Steindruckerei R. Lange. Redaktion, Lrpedition und Druckerei: Schulftratze 7.

Ne,u gSprctg:

monatlich 75 Ps., viertel­jährlich i'ik. 2^0; durch Abhole- >u Zweigstellen monatlich KL Ps.: durch diePost Mk.2. Viertel­jahr!. ausschl. Bestell-, Zeilenpreis: lo'allLPs, ansivärts 20 Psenniq, Chesredakleur: A Goeq. Vergilt,vortlich sür den polit. Teil: Aug. Goetz; sür .Feuilleton', .Ver­mischtes' und.Gerichts» saal": Karl Neurach; sür .Stadt »nd Land': Kurl Bendt; sür den Anzeigenteil: H. Beck.

Die Zusammenkunft in peterhos.

Wahrend in Paris der Kampf zwischen der Justiz und Madame Cailluur, die aus dcin^ Palast des Finanzministe­riums Frauensttzefängnis Samt-Lazare gewandert ist, begonnen hat, tauschen in Peterhos der Zar und Herr Poineare die üblichen Versicherungen ihrer gleichen Gejr»- nungen aus. Trinksprüche von Staatsoberhäuptern und ihren Ministern, die die auswärtige Politik wenigstens nach außen hin verkörpern, gehören nicht zu den Seltenheiten. !lbcr dieses Mal lauschte säst ganz Europa, über das eine chwüle, gewitterschtrangere Luft lagert, gespannt nach den innischen Schären hinüber, wo Raymond'Pvincare sich an- chnkle, Felix Faures Bekenntnis zu wiederholen.

Wer aber einen Schlüssel zu den politischen Rälselfragen hes Tages, einen halbwegs sicheren Maßstab für die Beurtei­lung der politischen Lage ans den Trinksprüchen an der Fest, laset von Peterhos zu erhalten >>offte. der sicht sich arg ge­täuscht. Auch Staatsoberhäupter verstehen sich auf diplo- «irtffckn' Künste, verstehen mit Viesen tönenden Worten recht wenig Greifbares zu sagen. Tie Herren Biviani und Sasanow dabei, ,ur die Tischreden ihrer gekrönten und ungekrönte» Landesherren aus den Zierfchränkchen der üblichen Cour toriie die artigsten Worte zusammengcsucht. Aber bei den Lrunkmählcri, wird zwar von der großen Politik feierlichst zesprochen, sedoch keine große Politik gcinacht: was aber m den nüchternen Schreibstuben die Kanzleidirektoren de Margeric und von Schilling auf Geheiß ihrer ministe­riellen Chefs dem Papier anzuvcrlraiien hatten, dürfte noch mr geraume Zeit hinaus Amtsgeheimnis bleiben. Tie iihönen FriedcnSworie, die gar allzu nachdrücklich betonten, daß dre Verbündeten das Werk des Friedens und der Zivili­sation unablässig verfolgen, hat der geschäftige Draht nach tlllen Himmeisrichkungen hinausgctragen.

Hat aber die Friedensbotschaft, die nachgerade den Reiz der Neuheit verloren hat, überall auch gläubige Gemüter gefunden? Während Lloyd George, der Vertreter jener flacht, mit der Frankreich und Rußland ein weit engeres kündnts als bisher cingchen möchten, in überzeugten und iberzciigendcn Worten für de» Weltfrieden nachdrücklich rin- mli, während er die Bedenken der Schwarzseher mit der venicrkung hinfällig zu machen sucht, daß cs in der aus- »artigen Politik cineu völlig blauen Himmel niemals gibt, von anderer Leite cbcnivaelchritcklich derunvermeid­liche" Krieg betont, beruft man sich auf die Aeußerung des ingarischeu Ministerpräsidenten vor der Kammer in Pest, cm -timt, der den nrieg nicht als ultima ratro i-e »ächte, fick, als Staat nick,: behaupten könne. Man loill auch «iffcn, daß. eine Persönlichkeit, die dem deutschen Herrscher- hrone außerordentlich nahe steht, darauf hingewicsen hat, laß nur das Pulver trocken halten müßten, um nicht von den treigniisen überrascht zu ivcrücn. Es ist außer Zweifel, daß rTonaumoiiarchie endlich Klarheit in ihrem Verhältnis zu «rbien schasse», daß sie nicht ständig die Gefahr eines prengfeuers an ihren Grenzen befurchten will. Reinliche liseinanderl'ekung mit Serbien, dessen Selbständigkeit als taat nicht gefährdet werden soll, ist der dringende Wunsch Wien, ist ein Gebot der Selbsterhaltung für die Habsbur­sche Monarchie.

Läßt cs aber Serbien darauf ankommcn, den berech-- pen Vorstellungen Oesterreich-Ungarns mit leeren RedenS- tcn zu begegnen, loill man sich blindlings in 'Abenteuer trzcii, so wird man in Belgrad nicht überrascht sein dürfen, mn Serbien seinem Schicksal überlassen ivird, sobald es rt auf hart kommt. Man wird sich an der Newa wenig- "S vorerst nicht Serbiens wegen nicht in. Menteucr lrzcn. deren Ausgang niemand Voraussagen kann. Wenn rr Poineare und seine Begleiter zwischen den höfischen Ipfängen ein ivcnig Umschau, halten, dann werden sie

Lkandalaffairen.

Bon Alfred C a p u ?.

In einer Gesellschaft t'orach man dieser Tage über die jüngsten hndalaffärcn und ein Greis begann von denen aus der Zeit is-Philirvc'S zu erzähle». Er sprach lächelnd, wie mit hemr- :r Erregung und man hatte den Eindruck, als trauere er m nach. Er breitete ilber alle Vorgänge einen Anstrich von ittnütstiktit und Bohämetum und schloß seinen Bericht, indem Wdie «kaudale ganz offen lobte. Wir wagten ihm nicht zu bcrch'.echen, denii iur ihn waren es Jugenderinnerungen. Wir merkten auch, daß sie sich in seinem Kopie mit den schönsten ütiljriffen tn damaligen Zeit Mischten Wir respekt,erteil diese Illusion, die in einem gewissen Älter entsteht, in dem Erinnerun- *n sich zu verwirren beginnen.

Nach chm ergriff ein weniger bejahrter Herr das Wort, die Skandalaffären des zweiten Kaiserreiches ihrer Eleganz kgen zu eühmen. Niemand wagte ihn zu unterbrechen. ?lls er geendet te. zeigte ihm ein »ustimmendes Murmeln, daß inan, ohne I darum in allem beizuvslichten. dock» seine Nachsicht teilte.

Tann sprach ein ctitm fünfzigjähriger Herr. Er hatte unter tev» den Ordensikandal niiigemackck. Die Empörung, die er »si darüber empfunden, schien verschwundeii. Er hehanplete «r. daß eine Epoche, NI der die einfache Tatsache, Mit der henlegion Schackmr zu treiben, eine derartige Erregung her- ilrusen konnte, sehr moralisch gewesen sein müßte.

Die IlnterkwltiMg berührte dann den Panamakanal und die

» legende Zeit der Drensusassäre. Und ein Vergleich zwischen diesen großen Ereignissen und den Skandalen von heule wurde

war sich darüber einig, daß wesentliche Unterschiede -n ihnen bestehen. Ter zeitgenössische Skandal hat die Eigen- iichken. daß er eine u -gewöhnliche oder eine schändliche Hand- nichr vlößlich enthüllt, sondern daß im Gegenteil eine ich hrngsame Zusammenwirkung der Sittenoerwckderunq und Reklame ihn begleitet im. bestimmt. Tamit dieses Zusammen, zustande kommt, imi: die ganze Presse daraus gehetzt , ein öffentliches Ikng ück, eine Katastrophe müssen die liebe Meinung entjeiiein. Nur noch und nach zeigen sich e Anhaltspunkte: denn wir st-sinden uns in einer Zeit, mau aU& fagt, aber mchrq wsß. Techytd iudjt guur

sehen, daß es mit der Kriegsbereitschaft des großen Verbün- beten noch gute Weile hat, daß,och manche Hundcrtmillio- ncn-Anleihe auf dem sranzösischcn Markte solgen mutz, bis es so weil ist. Tozu die Gärung in diesem ungeheure» Reiche, das neben den inncrpolitischeii Wirren unter den Schrecken einer bevorstehenden völligen Mißernte steht. Aber Herr Poineare wird seinem hoben Verbündeten nach den Enthül­lungen Humberts keine allzu ernsten Dorlzaltungen machen dürfen. Zu einem Angriffskriege gegen den Dreibund ist man weder an der Seine noch an der Newa schon gerüstet. Darum nach außen hin die nichtssagenden, vicltönenden Friedens­worte ; im Geheimen aber wird man Vorsorge treffen, daß das Pulver trocken bleibt. Hat auch dieFrance", die ans der Reede von Kronstadt antcrt, dem armen Europa keinen Frieden gebracht, eine Verschärfung der gespannten Lage ist dadurch auch nicht eingetreten.

Präsident Poineare besuchte gestern abend 6 Uhr das französisckze Krankenhaus. Um 7 Uhr abends fand in der französischen Botschaft ein Diner statt, an dem die Minister mit dem Ministerpräsidenten Goremhkin an der Spitze, sowie der russische Botsehaftcr in Paris, Jswolski, teilnahmen. Gleichzeitig gab die Stadtverwaltung den Offizieren des sranzösischcn Geschwaders ein Festessen, dem im Rathaus ein Rout sokgte, an dem etwa öllll Personen teilnahmen. Gegen 10 Uhr abends erschien aucki auf einige Augenblicke Präsident Poineare mit seinem russischen und französischen Gefolge und deni Minister des Innern. Daraus kehrte der Präsident an Bord der JachtAlexandra" nach Peterhos zurück, überall von der zahlreichen Menge begeistert begrüßt.

Der kommende hessische Landtag.

Bei den vom Staatsministerium auf Freitag, den 6. November ds. Js. sestgelegten Erneueruiigöivahlen zur Zweiten Kammer kommen, wie sckwn früher mitgeteilt, 30 Mandate in Betracht und dazu noch das durch Abteben des Abg. Friedrich erledigte Mandat für Griesl-eim-Pfungstadt, an denen die Nakionalliberalen mit ll, die fortschrittliche Bolkspartei mit 7, die Bauernbündler nrit 6, und Zentrum und Sozialdemokratie mit je 3 Mandate», sowie ein Parteiloser beteiligt sind. Mit der Einsührung des direkten LondtagSwahlreckUS durch das Gesetz vom 3. Juni 191 l wurde die Mitgliederzaht der Zweiten Kammer von Ü0 aut öd erhöht. Unt^ diese Mandaisvcrmehrung durchzuführe», von der ö auf die Städte und 3 auf das Land entfielen, mußten vor drei Jahren liei d-r bölitigen Erneueimng der Kammer neben dem Ersatz für die ausscheidenden 25 Mitglieder der alten Kammer auch noch die 8 neuen Abgeordneten , zusannnen also 33 Mit­glieder zur Zweiten Kammer gewählt werden. Tie Art der Aus- sührung dieser MattdatSvermehrnng bot mancherlei Schwierig­keiten und man half sich bei der Verabschiedung des Gesetzes schließ­lich dadurch, daß neben der ersttnaligen Wahl in dem emen der für jede Provinz durch die neue Wählkreiseinteilung geschaffe­nen weiteren Wahlkreis noch für jede der fünf größtm Städte die Wahl eines neuen Abgeordneten bestimmt wurde. Tie Wahl der drei neuen ländlichen 'Abgeordneten erfolgte auf die gesetzt mäßig vorgeschriebene Zeit von sechs Jahren, die Wahl der füni neuen städtischen Abgeordireten aber nur am drei Jahre und zwar durck) sämtliche Wähler der belreffeichen >-t>adt. mit der Maß­gabe, daß im Öerbff 1914 aus Grund der inzwischen genehmigten neuen städtischen Wahllreiseinteilung gleichmäßig eme Neuwahl aller Abgeordneten in den Städten Tarnlstadt, Mainz, Offenbach, Worms und Gießen stattzusinden habe.

Es handelt sich also bei der kommenden Lamdtagswahl um eine Neuwahl aller zwölf von den größeren Städten zu wählenden Abgeordneten und damit erhält die bevorstehende hälftige Er­neuerung der Zweiten Kammer ein besonderes Gepräge, IvetcheS Iwch dadurch verstärkt wird, daß auch die Erneuerung der B!a». daie in den früher privilegierten Städten Wsfeld, Bingen und Trriedberg erfolgt, die trotz ihrer verhältnismäßig geringeren' Wälilerzahl noch je einen Wahlkreis für sich bilden. Bei der kommenden Londtagswahl Ivird also zum ersten Mal Gelegenheit gegeben sein, die ganze städtische Wählersckiaft in Hessen in ge- ichlossener Front zur Wahlschlacht auffnarschicren zu lassen, um

in der Tunkelheit umher, um aus Schriftstücken, die noch niemand gelesen hat, die Wahrheit zu erfahren.

Noch eine andere, sehr merkwürdige Charakteristik zeigt der zeitgenössische Skandal. Wie zu Beginn einer mysteriösen Krank­heit aus dem ganzen Körper.hier und da Flecken erscheinen, so taucht auch er zur selben Zeit an den verscküedensten Punkten auf. Zu gleicker Zeit offenbart er sich in der Gesellschaft, in der Regierung, in der Stadtverwaltung, in Paris, in der Provinz und in den Kolonien. Man könnte ihn mit einem unheilsystenven Geiste vergleichen, der rastlos umgeht, von Toulon nach Oudhda, vom Louvre nach der Pulversabrik Pont de Buis, der hier ein Bild stiehlt, dort Schienen verdirbt, unsere Kolonien plündert und unsere Schiffe in die Lust sprengt. 'Alle Gestalten nimmt er au. er sprickü alle Sprachen. Er tritt als Beamter verkleidet auf, als Apache, als Museumswächtcr oder als Tirektor der staatlichen.Pulversabrik.

Ein zwanzigjähriger junger Mann, der unserer Unterhaltung beiwohme, meinte:Sie, die älteren Herren, sind in Bezug auf Skandale begünstigt gewesen. Sie haben große, auffehen- arregrnde, erschütternde Affären miterlebt. Je nach Ihrem Tem­perament haben Sic Erregung ober Ironie darüber empfunden, aber sic haben Ihnen eigenllick, nickitS Ungesundes hinterlasien. Aber die Skandale, die sich jetzt bei uns abspielen, lassen bei ünS Ekel und Zorn zurück, oder eine Art Gleichgültigkbit, die nocki schlimmer ist. Sie versetzen UNS fveder in Erregung, noch amü­sieren sic uns. Sic ruien kaum unsere Neugier hervor, denn wir sind aus den Standpimkr gelangt, sie als etwas Natürliches rmd Besteheiches in der Lebrnsorimung oder vielmehr in der Lebensunordnung" anzuschen."

Ach! wenn wir wirNich wüßten, was unsere zwanzigjährigen nmgen Leute von der gegenwärtigen Situation denken, welche klare Anschauung der Zukunst hätten wir.

Man Hai zahlreiche Umfragen über diesen Gegenstand gehalten und trotz ihrer Unbestimmtheit haben sie uns ganz wertvolle Grundgedanken gegeben. Sie weisen UNS darauf hin, daß die heutige Jugend gleich Eiserffpänen den Polen des Magneten znslrebl, und alle Zwischrmzonen vernachlasiigt. Tie Anarchisten drängen zu dem einen Pol. der andere zieht wiederum seme sanatychen Anhänger an. Diese Lage ist für die Republik sehr gefährlich» wenn sie nicht aus der Hut ist, wenu sie'nicht eme SSyoLüSckämtJXXSwa zu rimchm versteh:, uns die ccherea in

ähnlich, wie bei der Reickvstag-wabl. out dem Stimmzettel in der Ha ich durch direkte Notierung die Enncheitt ng herbe,zuführcn. Tenn die von raditaler Snie immer wieder erb'bene Behauplung, daß durck: die m das Wahlgesetz HineingebrathtcnSchönheil»- fehler", Festsetzung einer untersten «teuergrenze und Gewährung einer Dvvpelsnmme voni 50. Lebensjahr ab. das direkte Wahl- redtt weienllich beichränlt worden sei. hat sich bisher nicht be­stätigt: das Pluralwahlrecht wenigstens hat bei der ersten dueücn Wahl vor drei Jahren keine besondere Einwirkung zu Gunsten der einen oder anderen politff'chcn Partei erkennen lassen.

Wenn wir uns nun zunächst mit den zwölf städtischen Man­daten näher deichästigen, so sei bemerkt, daß es sicki um die vor drei Jahren gewählten Abgcordnelen Henrich-Tarmstadt. Heerdt-Mamz, Eißnert-Offenbach, Tr. Stepbani-WormS und » r st a dt - Gießen haichett. während die vor sechs Jahren noch durch indirekte Wohl gewählten und jetzt ausscheidenden Mitglieder die Llbqeordneten Tr. Lsani, und Münch in Darmstadt, Bach und Dr. Schmitt in Mainz und Köbler-Worms, Ulrich-OssenLach und G r ü n e m a I b - Gießen sind. Bei den fünf Ersterwähnten ist insofern ein gewisser Maßttad sür eventuelle Ehancen bei der Wahl gegeben, als sie bereits durch den Stimmzettel direkt gewählt wurden. Für Henrich-Tarmstadt iFreis. wurden bei der Hanotwahl 3374 und für Baitim, tnarl ) 3229 Stimmen abgegeben, während der Zentrumskandidat 478 und der sozialdemokratische Kandidat Knoblauch 378.'! Stimmen erhiel­ten. Bei der Ttickpvahl ist dann die naiionalliberale Wählerschaft der Parteiparole gefolgt und geschlossen sür Henrich eingetreten» In Mainz lvae infolge einer Vereinbarung unter den bürger­lichen Parteien lordcr ein nationatlibrralee noch ein Zenteums- landidai ausgestellt worden. Sie traten gleich bei der Hauvtwabl! einmütig für die Wahl des freisinnigen Kandidaten Heerdt ein und die Folge war, daß dieser mit 6803 Stimmen geioäblt wurde, während sein Gegner, der Sozialdemokrat Adelung, mit 6620 Stim­men unterlag. Am glänzendsten schnitt damals in WormL der nationalliberale Kaiündat Tr. Stephan ab, der mir 2797 Stimmen gegen den sozialdemokratischen Parteisekretär Engelmaun siegte, heb nur 1173. Stimmen erhielt, während der freisinnige Kandidat. Rechtsanwalt Toldan-Mainz, gar nur 922 Stimmen erhielt. Da das Zentrum aus seinen Kandidaten 694 Stimmen vereinigte, so blieb also Tr. Stephan den beiden linksstehenden Parteien gegen­über mit 70 ausschließlich nationallibeealen Stimmen im Doe- tpeung. In Os send ach siegte im ersten Wahlgang der Sozial­demokrat Eißneet mit 5795 Stimmen über den natl, Kandr- daten Tr. Cratz, der 4491 Stimmen erhielt und zwar haupr- sächlich deshalb, weil die Forischrittlicke Bolkspartei überhaupt keinen eigenen Kandidaten aufftcllte, sondern wohl von vorn­herein die Parole für den Sozialdemokraten auSgegchen halte: der ZenlrumSkandidat, Arbeiterjekretär Frede erhielt Offen­bach 1155 Stimmen. 1 | ,

In Gießen standen sich bei der Hanptwabl der national­liberale Kandidat, Fabrikant Klingspohr mit 1362 und der iort- schrittliche Kandidat Prof. Urstadt mit 1256 Stimmen zient- lich gleich gegenüber, während der sozialdemokratische Kandidat 1233 Stimmen erhielt, die dann bei der Stickpvahl sür Urstadt chitschieden. Bei Beurteilmrg dieser Stimmenverhältnisse dari aber nickt übersehen werden, daß damals die Stimmabgabe durch die Wähler der ganzen Stadt erfolgte, während jetzt Moff^ und Tarmstadt gleichzeitig je drei, Offenbach, Worms und Gießen ,e zwei Abgeordnete zu wählen hat.

Ungleich schwieriger', als bet den fünf direkt Gewählten, ist die Beurteilung der Wahlausirchten sür die sieben im sechsiährigenl Turnus ausscheidenden städtischer Landtagsveeteetee. Sie waren durch die von den Urwählern präsentierten Wahimänner gewählt Worten und zwar zunächst effistimmig, da ja durch die einfache Stimmenmehrheit nur Wahlmäimer gewählt wurden, die sich vorher ans den betreffenden Landtagskandidaten verptlichtet hatten. Hier dürften aber vielleicht die osfiziellen Ergetmiffe der Rrrchs- tagSivahl vom Jahre 1907 einigen Anhalt bieten, die j. Z. bei der Beurteilung der neuen WahlkreiSeinteilung für die drei Pro­vinzen als Grundlage mit herangezogen wurden. Darnach wurden bei der Reick'stagSivnhl in Mainz rn, Jahre 1907 bei einer Ein­wohnerzahl von 91179 Seelen 4050 nattonalliberale, 3132 Zen­trums- und 8636 sozialdemokratische Stimmen abgegeben, welch letztere ja auch die Wahl des Abg. Tr. David herbeiführten. In Tarmstadt wurden bei 83123 Einwohnern 4973 nalional- liberale, 4046 fteiffnnige und 5205 sozialdemokratische Sttmmen. abgegeben und die Residenzstadt halte zu dieser Zeit die große Freude, daß dank der Einsicht der freisinnigen Wähleeschajt der

Zucht stich Ordnung zu halten und die anderen nicht unoersöhnlich zu stimmen.

Tie Republik hat sich sehe verändert. Sie hat an B» geisterungStähigkeit eingebüßt. Sie hat ihren jugendlichen Charme verloren, ihr Gang ist ichiveriälligcr geworden. Graste Wand­lungen haben sich mit ihr vollzogen. Iwch und nach hat sie io viel Gewänder gettagen. daß man sie nicht mehr wiedererlennt. Zuerst trug sie das kriegerische tßewand und jeder bewunderte sie in ihrem schönen Waffenschmnck. Tann trug sie ein büeger- lubes Kleid, das ihr nick,t schlecht stand, und nack>dcm legte sie wieder dic Volkstracht an und zeigte lich so d-r Menge. Heute sind Flicken und Fetzen ihre Kleidung: sie ist weder volkstümlich noch bürgerlich nockr kriegerisch. Tos Kbeid wirkt eigentümlich und paßt nicht zusammen. Sie aber trägt e- mtt sichtbarer Verlegenhett und ähnelt einer Frau mit wirrem Haar, die taumelnd durch die Straßen geht.

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Leipziger Kongreß für das Deutschtum im AuSlande. Einen Teil derLeipzigerWeltausstcllung für Buchgewerbe und Gravbik bildet die SonderauS- stellnng fürDeutsche Kolonien und Tcutschtum im Lluslande". Außerordentlich reich beschickt, soll diese Ausstellung dazu dienen, die Kenmniffe über Verbreitung und Wirkung des Ausland­deutschtums zu beleben und über die Ziele einer weüansschauenden brutschen Kullurvolitik Llusklärung zu geben. Im Zusammenhang mit dieser Llusstcllunq stndet in der Tat voni 3. bis 8. August einDeutscher Kongreß" in Leipzig statt, zum Zwecke, durch eine Reche von Vorträgen die allgemeinen Probleme zu erörtern, welche das Auslandsdeutichtum in iemee geistigen sind sozialen Entwicklung, ieiner politisckrcn, kulturellen und wirt- schattlichen Bedeutung und in seinen .'lukunstaufgaben bettessen. Anderseits soll sich die Tagung mit der Verbreitung und Lage der Deutschen in den verschiedenen Teilen der Erde bcschasttgen rmd den geistigen Führern unseres Volkes auf diesem Gebrrtc lGclcgcnheit geben, sich durch eingehende Aussprache über die wichtigsten Richtlinien natwnaler 'Arbeit zu verständigen. Die Teilnehmer des Kongresses sind gegen Zahlung von 10 Mark zum Besuch der Lechziger Ausstellung Bugra, vom 2. bis 8. Aug. berechtigt. Anmeldungen sind an Tr. tz. Groth« rg Leipzig» Gohlrs zu richtm.