Ausgabe 
15.7.1914
 
Einzelbild herunterladen

Kr. J65

Der Siebener Anzeiger

erscheint läglich, anßer Ssnntags. - Beilagen: viermal Ivöckieniljch EirtzenerZamkOendtätter; -wennalmöchentt.Keeir. db>N sürden Kreis Sietzen (Dienstag und Freilag); zioeimal inonall land- wirißha stvche öeitsragen Ferniprcch - Aiiichlnfie: iür dt« Redaktion 112 , Bering ». Expedition LI Adreff« inr Depeschen: Anzeiger «Liefen. Annahme von Anzeige» iür die Tagesnummer bis vormittags 9 Uhr.

Erstes Blatt

1H Jahrgang

Mittwoch. 15. Zuli X9H

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Rotationsftrxf und Verlag der vrühl'schen Unio.-Such- «n» Steindruckerei N. Lang«. Reöaltion, «rpcöition und vruckerei: Schulftratze 7. TvigmÄl? »? räch

Ve^ug»preiS:

monatlichTö Pf., viertel« jährlich 9JK. 2 . 20 ; durch Abl ole- il Zweigstelle,r monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk. 2.viertel« jährl. ausschl. Bestellq. Zeilenpreis: lokal 15Ps^ auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A. Goetz. Perautwortlich für den polit. Teil: Aug. Gocg; für ,Feuilleton^, ^Ver­misch t es ^ und^Gerrchts- faal": Karl Neurath; für .Stadl und Land-

Die heutige Nummer umfaht 10 Seiten.

Die Schwäche der französischen Uriegroerwaltung.

. 7 ^, irtmzösifchen Senat hat der Berichterstatter des

Haiinmissckmsses, Charles Humbert, bei der Beratung des Gesetzentwurfes, durch den der Kriegsminiftier und der Ma- rineininifker ö» einmaligen Ausgaben für die Bedürfnisse

I?I! ntI * n Verteidigung ermächtigt werden, in zweistün­diger Rede erne vern ichtende Kritik an der Kriegs- Es lhnidclt sich um den Sondcrkrcdit von .K 0 Mrittonen, der zur Ausführung des Dreijahrgesetzes ocwttligt werden soll und den die KXrmmer bereits am letzten .4f TO '5 r ^ 4 ! 2 3 nr4t Üsgen 206 Stimmen genehmigt hat. -w® «r Senator Humbert vorgebracht hat. ist an sich nicht neu un4> sl>tm 7 l>l in der Kammer als auch in dar Presse schon mehrfach erörtert worden, aber die Zusammcnsassung und die kritlschc Durcharbeitung des Materials mit steter Be­rücksichtigung der deutsciten Scstlagsertigkeit ist neu und hat darum verblüffend und eindringlich gewirkt.

Die Enthüllungen des Herrn Charles Humbert waren erne Seufatign für die sonst so ruhige erste Kammer und das ganze französische Bott. Mer auch überall in der Welt sie großes Aufsehen erregen. Hat man doch geglaubt, voß Frankreichs Rüstungen - wenn auch nicht lückenlos fast erstklassig seien, lind nun kommt Mr. .Humbert, der ehc- nralig r Offizier, und reißt den so mühsam geivahrten Schleier In rav. Er erhebt noch nie gehörte Anklagen und Vorwürfe gegen die Heeres- und Kriogsvarwaltung, deckt Fehler über Fehler auf, sagt, das; Mängel und Lücken überall bestän­den, daß die Organisation schlecht sei und daß Frankreich einfach unfähig zur Verteidigung gewesen wäre. Schonungs­los ging Humbert. der es im aktiven Dienst zivar nur bis zum .Haupt,nanu gebracht hat und dann wegen einer Mei­nungsverschiedenheit mit seinen Vorgesetzten den Abschied ncütm, um als Atilitärschriftsteller für Frankreichs Heer zu wirken, mit der Heeresleitung ins Eiericht.

Daß diese vernichtende Kritik des sachkundigen Senators nur die Wahrheit enthielt, darf füglich nicht bezweifelt wer­den; denn es findet sich niemand in Frankreich, der es unter- irimmt, ilM zu widerlegen. Nicht ein einziges Blatt versucht die Lücken abzulcugnen, keines versucht zu beschönigen oder einMschränken. Das alleruiuingenehmste für Frankreichs Re­gierung aber ist, daß diese Enthüllungen in dem Augenblick trnnmen. >vv sich der Präsident der Republik anschickt, den befreundeter; nnd Verbündeten" Zaren zu besuchen, jenen Bundesgenossen, den man seit Jahrei; immer auf die Bereit­schaft Frankreick)s hinweist und von ihm verlangt, sich eben­falls erzbcreit zu rüsten.

Die wuchtige Anklage verfehlte ihre Wirkung nicht: Kriegsministcr und der schleunigst herbeigcrufene Minister­präsident waren ratlos und verlegen. Sie mußten um Frist zur Antwort bitten und nur durch das erregte Verlangen Clemcnceaus wurden sie beivvgen, schon nach 24 Stunden Rede und Antwort zu stehen! Und wird das, was sie sagen können, Öumberts Behauptungen abschwächen, wird cs das fehlende-Vertrauen des französischen Volkes zu seiner Kliegs- vernwltung wieder Herstellen? Es handelt sich nicht nur um Fehler und Nachlässigkeiten, sondern um Organisations- schler, und diese sind am schwersten zu finden; sind sic ober gefunden, so lassen sie sich nicht von heute aus morgen beseitlgcn. Für uns aber ist cs Pflicht aus der Senats- debattc hervorzuhebcn, mit welcher Unverfrorenheit und Un- geniertheit man im französischen Parlament über den Krieg mit Deutschland" spricht. .Herr .Humbert redete skru­pellos und phne Taktgefühl von der Ueberschrcitung der

Mosel nnd des Rheins und Clemencean hieb in dieselbe Kerbe. Wir sehen daraus, daß die Revanche-Idee noch lange nicht verschwunden ist und daß in Iveiten Kreisen des fran­zösischen Volkes noch inimcr die Hoffnung besteht, in einem günstigen Augenblick den Angriff aus uns zu wagen.

Wenn auch das Dreijahrgesetz, so führte der Senator Humbert im einzelnen aus, den; Lande dieottveridige Zahl von Soldaten gegeben habe, so seien doch große Anstren­gungen notiveildig, um ihre materielle Organisation zu ver­bessern. Er wies vor allem darauf hin, das; dos Mate­rial der Fcldartillcric imincr mehr gegenüber dem deutschen ins Hintertreffen gerate. Auch fehlten der französischen Armee Offiziere. Das Bedürfnis nach ihnen liege klar zutage und sei jetzt anerkannt Deutschland verfüge über erstklassiges Material. In Frankreich habe man für viele Geschichte zum großen Teil Granaten aus Gußeisen. Die französische Haubitze entspreche nicht mehr den Anfor­derungen des Krieges und sei ersichtlich gerin g wer ti- ger als die deutsche Der Redner war) dann der Heeres- Verwaltung vor, daß sic aus den Fortschritten der französi­schen Industrie keinen Nutzen gezogen habe. Tie Festungs- iömnwudanten forderten seit langen Jahren eine Vermeh­rung ihrer Bestünde und den Umtausch des alten Materials gegen neues. Sie forderten auch die Verteilung der Granaten über mehrere Plätze. In dieser Hinsicht sei jedoch nichts geschehen. Die Granaten würden nach wie vor in einem einzigen Magazin aufbcivahrt. Es.sei nicht genügend Ge­schütz m n n i t i on vorhanden, cs schle auch an anderen A u s r ü st u n g s g e g c n st ä n d e n, darunter 2 M i l l i o - ncnPaarSchuhe. Man verfüge gegenwärtig nicht über das notwendige Material, um die Bdosel oder den Rhein zu überschreiten. Die Forts und Befestigungen zwischen Toni und Verdun seien seit dem Jahre 1875 nicht verbessert und könnten nur einen ungenügenden Widerstand leisten. Ter Eindruck, den die Einnahme eines dieser Forts zu Anfang eines Krie­ges auf das Land machen würde, sei nicht äbzusehen.

Humbert wies dann darauf hin, daß Deutschland im Gegenteil alle seine Werke an der Grenze in die Lage ver­setzt hätte, ihre Aufgabe zu erfüllen. Tue Befestigungen seien dort den Fortschritten ans dem Gebiete der Belagerungs- artillcrie angcpaßt. Metz würde nicht beschossen werden können, ehe nicht die erste Befestigungslinic, welche l2 Kilo­meter davon entfernt sei. genommen wäre. Die vom Parla­ment geforderten Millionen seien umsonst aus- ausgegeben worden. Das französische Militärflug­wesen, das anfangs einen Vorsprung gehabt habe, sei v o n Deutschland schon bedeutend überflügelt, ge­rade so wie es mit der Verproviantierung sei. Die Kriegsminister wechselten zu oft und seien über die ihnen unterstcheiwen Dicnstzweige schlecht unterrichtet. Auch die F u n k e n t e l e g ra p hi e sei gegenüber Deutschland durch­aus minderwertig.

Kriegsministcr Messimy erklärte, daß er nicht auf die einzelnen von Humbert angeführten Tatsachen antworten werde, man hätte ihn vorherbcnachrichtigen müssen. Clemencean unterbrach den Kriegsministcr, indem er sagte, daß es indessen notwendig wäre, darauf zu antwor­ten, das Land das Recht Hobe, zu wissen, oo. das Geld gut oder schlecht ausgegeben worden sei. Es seien sehr schwere Tatsachen vorgebracht worden, darauf müsse geantwor­tet werden. Kriegsminister Messimy erklärte, daß die Mehrzahl der Tatsachen einzeln für sich genommen, richtig sei, wenigstens als Ausnahmen, aber nicht in der Art, wie sic dargestellt worden seien. (Zwischenrufe.) Clemen- ceau unterbrach den Kriegsminister abermals und erklärte, der Senat könne nicht Kredite bewilligen, ohne alle gewünsch­ten Aufklärungen erhalten zu haben. Der Kriegsmini­

ster erklärte aufgeregt, daß die französischen Airsgaben für Ausrüstung stets geringer gcivesen seien als die deut­schen Man dürfe die Heeresverwaltu,g nicht verantwort­lich machen, da sie von derFinauzuerwaltung Be­fehle erhalten habe. (Clemencean rief: Unter diesen Umständen ist keine Ordnung möglich. Wir werden weder geschützt noch regiert.) Der Kriegsministcr fügte hin­zu, daß man sich bei allem Bedauern über die vorgebrochtcn Kritiken doch zu der heutigen Debatte beglückwünschen müsse. Das Land müsse wissen, d> es große Anstrengungen machen niüssc, um seine Ausrüstting zu verbessern. Er zweifle nicht an dem Eifer der Mitarbeiter des Kriegsministers, aber die Ergebnisse, zu denen sic gelangten, seien beunruhigend.

Clemencean sagte: .Wir weigern uns die heute geforderten Kredite zu bctvillige». Das Parlament muß sich erhebe» und handeln. Ich fordere von dem Ministerpräsiden­ten, das Parlament in einigen Tagen znsammcnzuberufrn. Die Wahrheit muß unverzüglich bekannt iverden. Ter Kriegsministcr muß uns vollständig die Lage cwscinandcr- setzcn und uns die Mittel zur Besserung angebcn. Die Diskussion muß darum in einigen Tagen von neuem an­sangen. Anstatt die Kredite abznlehncn, fordern wir cinsack) eine Verschiebung der Abstimmung.

Der Dtinisterpräsident Viviani entschuldigte, sich damit, daß er überrascht worden sei. Der Senat köimte die Regierung zu Ausgaben ipährend der Ferienzeit crmächttgcn. Wenn diese Maßnahme nicht angenommen werde, werde Viviani sich dem Senat zur Verfügung stellen, um ihm die Anttoort der Regierung zu Überbringer,.

Clemencean verlangt, daß der Heeresausschuß wäh­rend der Ferien eine Untersuchung über die aus der Kammer« tribüne vorgcbrachten Tatsachen veranstalte und btzim Wiedcrzusammentritt des Senats über das Ergebnis der llntersuchung Bericht erstatte. Ministerpräsident Viviani erklärte: Wenn wir auch gegenwärtig das notivendig« Ma­terial noch nicht haben, wird es doch augcnblicktuh aus­geführt. Man dürfe nicht eine ungerechtfertigte Beunruhi­gung Hervorrufen. Frankreich habe seit 44 Jahren eine be­wundernswerte Krastanstrengung unternommen und sei fähig, sich seiner Geschichte würdig zu zeigen und dem Geschicke die Sttrn zu bieten. Der Senat nahm hierauf einen Antrag an, der die Heereskommission beauftragt, chn; bei seinem Wiederzusanrmcntritt einen Bericht über die Bc- jchafsenheit des Kriegsmaterials vorzulcgen. Dann wurde der Entwurf für die einmaligen Ausgaben des Heeres und der Marine mit aflen Stimmen der 281 antvesenden Sena- toren lm ganzen angenommen.

Die Kammer nahm mit 373 gegen 126 Stimmen das Budget im ganzen au mit einigen Abänderungen, die seine Zurückverweisnng an den Senat notwendig inachen.

Die Erklärung des Kriegsministers.

Paris, 15. Juli. Im Laufe der gestrigen Debatte er­klärte Kriegsministcr Messimy, daß ihm daran liege, dem Senat die nötigen Angaben zu machen, und daß er keinen Fehler beschöni­gen wolle, woher er auch komme. Er erkenne an, das; man in der Vergangenheit nicht alles Notwendige getan habe, es habe aber keine Milliardcnvergeudnng stattgcjundcn. Bon 1900 bis 1905 habe man viel weniger ansgegeben, als Deutschland. 1915 werde nian in Frankreich 3020 Äaiwnen haben, gegen 3370, die Dcntsch- land gegenwärtig besitze. Munitionen seien in genügender Menge vorhanden. Frankreich befinde sich nicht Deutschland gegenüber in einem Zustand der Unterlegenheit. Düs französische 75 mm- Moterial sei dem deutschen überlegen. Frankreich habe für die Vermehrung seiner Munition bedeutende Summen ansgegcben; der Bestand werde am Ende des nächsten Jahres sich gegenüber Ende 1908 verdreifacht hoben. Für die schwere Artstlcric würden gegenwärtig erhebliche Anstrengungen gemacht. 105 mm-Ka- nonen von 12 Kilometer Tragweite seien im Bau. Frank­reich würde nächstens 120 mm-Kanoncn von 13 Kilometer

Anzengruber.

von Or. phil. Anton Büchner.

Das Drama vom Kirchfelder Pfarrer war das erste, das der Wiener Ludwig Anzengruber aus eine Wiener Bühne brachte. Es siebt mn Anfang einer langen Reihe von Bühnenwerken nnd ist nicht ihr bestes, aber charakleristtsch genug für das Wesen des Dich­ters. Schon hier die Doppelung: Künstler und Preoiger. Die Ten­denz ist Absicht. Von Anbeginn seines draniatiichen Schaffens hatte Anzengruber den Willen, die Wiener Volksbühne seiner Zeit.und, mir ihr und durch sic, das Volk zu rciormieren: er er­kannte das als seineMission" an der er festhielt trotz bitteren Zweiiels, hättestcr Nöte und ttübster Enttäuschungen. Es liegt direkte, scharfe Tendenz gegen die Bevormundung einer in lebens­fremden .Satzungen altgcwordenen Kirche im'Pfarrer", der vor allem das Stück bei'öem Publikum bon 4870 seinen Erfolg ver­dankte, dessen Interesse und Anteil an klerikalen Problemen dbrch die Erklärung des Unfchlbarkcitsdogmas neuerdings emporge- schncllt waren. Uns greift diese Tendenz nicht mehr in gleichem Maße an: wir erkennen vielmehr, daß sic die Aeußerung eines .Wahrheitsdrängens ist, das der Dichter auf allen Wegen betätigt. Sein Kamps ist im weiicrcn Sinn der der Menschheit und Mensch­lichkeit gegen die Unmcnschlichkcit. Er liebt die Menschheit in ihrem ttzerrngften und gllanbt, baß in Alle das Gute gelegt ward. Die Ver- hälttfiise haben sie gemodelt; die Einrichtungen sind cs, politische wie soziale, Gesetze nnd moralische Satzungen, die zum weitaus größten Teil die Schuld tragen an den Verschlungen der Menschen. 'Darum kämvlt er gegen sie an. Bor der Entwicklung begeht kein Zustand. Anzengruber hat schon nach demPsarrer" die iGcgenschläge der Kirche erlebt, die aus alle Weise die Wirksam­keit des unliebsamen Dichters zu unterbinden juchte. Nicht mit dem Erfolg, den sic sich wünschte: Anzengruber ließ sich von der Seite aus nicht beirren nnd nur wegen der unausgesetzten Widerstände einer kleinlichen Zensur vermied er mm älter direkte Tendenz. Aber in einer ganzen Reihe der späteren Dichtungen, dramatischen wie episä>en. liegt der erzieherische (tzedanve, in allen ihres cochöp- fcrs große Liebe zu allem LebendiMN, die sich erhebt bis zur An- orkennung der absoluten Morallosigkeit, wenn sie nur beittägt zum.Werden der Welt. Es ist keine Unmoral, sondern Frrnssin jeglichen Gewissens in der Skernsteinhosbäuerin: der Dichter zeigt das unbeirrt gradlinige Zielstreben einer von Rücksichten un­beschwerten Persönlichkeit. SkrupeUos wie Ibsens Frau Socrby steht sie im Leben und zwingt den ärgsten Feind zum Zeugen ihres Wertes, Ta ist der Künstler vor den Prediger getreten wie in

so vielen Gestalten der endlosen Reihe, die ihn zum Schöpter haben. Man denke an so absolut einzige Menschen wir Dusterer und die Bäuerin vom ledigen Dos; aber auch wo sie Träger der Weltanschauung des Dichters sind, >vie der Steinklovscrhannes, steht unser Anteil an ihrem Leid, an ihrem lebendigen Wesen breit vor dem, was sie etwa künden sollen. Das ist schon imPsarrer" so: .die blasse, fast nach Schablone gemalte Figur Hells gewinnt Leben, wo der Zwist von Liebe und Pflicht ihn erregt, der Wurzel- scpp, halb ein technischer Behelf, ist die erste der in Charakteristik unvergleichlichen Leidmsgsitalten aus dem Volke geworden, Vetter eröffnet die Reihe der mit Meisterhand geschaffenen Episodisten, Aunerl Und ihr Liebster zählen zu den blutvollen Kindern aus dem Volle, denen der Tichtcr, der nicht immer an Sentimentalitäli oorbeikam, ihr natürlichstes Empfinden gelassen hat. Es ist hier nicht möglich, von technischen Dingen desPfarrers" zu reden, wo sich erweisen würde, daß ?lnzcngruber schon hier Eigenheiten seiner svätercn Kunstübung zeigt, er, der sich nie völlig »on den Fäden einer autogenen Wiener Tradition sreigcmacht hat; cs ist auch nicht Raum, auch nur in gedrängtester Kürze zu zeigen, wie er als Bauernmaler eine Epoche eröffnet; nicht mehr in alt- geübter Weise den Bauer nur als Kontrastsigur gegen Stadt und Adel cintührt, sondern Probleme im Bauernstand selbst autrollt: statt dessen hier ein paar Worte, wie wir zu seinen bäuerlichen Gestalten zu stehen haben. Früh schon hat man, ohne das unge­meine plastische Vermögen dieses Bildners bezweifeln zu wollen, einen bestimmten Mangel an Naturwahrheit seiner bäuerlichen Personen empfunden nnd damit ein Bekenntnis des Dichters an­geregt; Daß es gar nicht seine Absicht gewesen sei, naturwahrc Banerngcstalten zu schaffen, sondern solche, wie er sie brauche, um das darzustcllcu. was er darzustellen habe.Natürlichkeit" wäre kein Maßstab für die Geschöpfe eines Dichters, die nur im Zu­sammenhang seiner Handlung wahr sein sollten. Und er steUte Bauen, überhaupt nicht darum dar, um uns mit ländlichen Szenen zu ergötzen, oder garin der spekulativen Milcht, einer mehr und mehr in die Diode kommenden Richtung zu huldigen" (1884), sondern weil ihm die einfachen unoerschnörkeltcn Naturen leichteren Zugang zum Menschlichen zu gewähren versprachen. Eine Frage des Stils also, einBehelf" zum Nutzen der Kunst! Die gewal­tige Kraft des Dichters hat es gefügt, daß wir gebannt vor dem Lebcnsrcichtum seiner Figuren stehen, vor der Masse charak­teristischen Details, vor der Intensität der Anschnuung, und uns nur mühsam daran gewöhnen wollen, daß der Lederhosenpoet cill Stubenhocker war, dem, in den Tabaksgualm der Ar- ücüsDiüe eetzüllt, die Phantasicgcfilde mit Leben sich bevölkerten.!

Anzengruber war kein Zettelkasten, beileibe kein Wanderdichter, der sammelnd, beobachtend zu seinen Gestalten bordcang, ihm brach bet der Abbreviatur eines Wortes, einer Gebärde, der Blür ins Herz eines Menschen und seine machtvolle Phantasie gab ihm all das, was dem Betrachter so leicht als Frucht der Empirie erscheint. Ein unvergleichliches Zeugnis ist dieser Dichter für die geheimnisreiche Gnade der Muse!

- Ein neues Gemälde von Michelangelo. In englischen Kunstkreisen erregt die Entdeckung eines Bildes, das von Kennen, Btichelangclo zugeschrieben wird, großes Anffehcn. Es handelt sich um eine Darstellung der Srene, in der Christus dem ungläubigen Thomas seine Wundmale zeigt: der Heiland und Tho­mas stehen im Vordergrund, im Hintergrund gewahrt man sechs weitere Gestalten. Tic Figuren sind fast lebensgroß. Der gegen, wärtigc Eigentümer des Werkes, Mr. G. H. Dutton aus Chester, kaufte das Bild, ohne seinen hohen Wett zu kennen. Seit mehr als 80 Jahren befand sich das Werk im Besitze einer in Chester alt­eingesessenen Familie, die dem erttbten Stücke kttne Bedentn,^ zumaß und es schließlich in einem Möbclschuvpen unterbringcn ließ. Der Besitzer wurde cs müde, regelmäßig Lagergeld dafür zu entrichten nnd ließ das Bild zusammen mit allerlei Trödellvare versteigern.Mir gefiel das Bild", erzählt Dutton,und ich hatte das Gefühl, cs müsse doch einen Wert haben. So etttand ich cs denn säst umsonst. Ich zeigte cs dann einer Rnhe von Kunst- verständigen, denen sofort die Verwandtschaft mit der Arbeits­weise Michelangelos auffiel." Das Gemälde ist am Boden etwas angcbrannt, und man verMut«, daß es in den Tagen der Revo­lution aus einer französischen Kirche geretttt wurde. Dutton sind für das Gemälde bereits 200000 Mk. geboten worden, aber er hat diesen Vosichlag abgelehnt, da er glaubt, erheblich mehr er­halten zu können.

Amundsens Polar ex pcdition.Peterm. Mitt." zufolge hat das Iwrwegische Swrthinq für die geplante Nordpolar- expedition von Kapt. R. Amnndsen die Summe von 200000 Kr. bewilligt, wodurch das wegen mangelnder finanzieller Grundlage aus das Jahr 1915 verschobene Unternehmen gesichert ist. Hoffent­lich gelingt es setzt, die notwendigen Ausbesserungen desFram" so zu beschleunigen, daß spätestens Anfang Juli 1915 die Aus- fahrt vm, San Francisco angettcten werden kann, damit die Sommermonate noch möglichst zum Eindringen in den Arktischen Ozean nördlich der Bcnngstraße ausgcnutzt Iverden können.