Nr. 16 «
Der Eichener Lozei-r,
erscheint tätlich, archer Sonn»«-^ — Beilagen: viermal m»ct»enrltch Kietz» er^»uu'!iev6tätttr. uvnoml wöchentl.XreiS' blatriÄ6» «reir Oietzen <Dre7^t»q unü Freilna): zweinral monmtl. tanb> wirVchLftlich« Zettfra-ea ^^ernlr>"ch- Anschlüße: für dtt Redaktion 112, Verlag u. Expedition bl Adresse für Depeschen: «»-ei^er Gietzeu. »«otz«e von Anzeige, für die TageSnlimmer blS vormittags S Uhr.
Erster Blatt
164- Jahrgang
Samstag, il. Juli 1914
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Rotations&nitf »ni» Verlag der vrühl'schen Univ.Guch- und Steindriickerei S. Lange. NedaMon. Lrpcdition und vrncktrel: Schulftrahe 7. -? ».*
VczttqSvrciK:
monatlich7LPf., vierteljährlich Mk. 2.20: durch Abhole- tu Zweigstellen monatlich 6b Pf.; durch die Post Alk. 2.—viertel- jährl. ausschl. Bestellq. Zeilenpreis: lokal 15Ps^ a»lsivärts 20 Pieumg. Ctjcfrebaftciir: A. Goetz. Pcrautwortlich für den polit. Teil: Aug. Goeg; für .Feuilleton", .Vermischtes^ und,Gerichts- faal-: Karl 9leuratlj; für .Stadt unb Land"
Die heutige Nummer umfahr 20 Seiten.
politische Mochcnscha«.
Gießen, 11. Juli.
Der am Domierstag geschlossene 35 hessische Landtag, der tm Jahre 1911 zusammengelreten ist. har nach der amtlichen Liste eine beträchtliche Anzahl von Vorlagen vollzogen, und wenn er auch im Gegensatz zu der vorigen Legis- taturpcriodc nur „wenige größere GesetzgGbungswerkc von allgemeiner Bedeutung" sertiggcstellt hat. so hat er in kleineren Vorlagen doch eine ganze Menge von "Arbeit geleistet. Tie Zahl der abgehaltenen Sitzungen übersteigt die der meisten früheren Landtage z. T. ganz wesentlich, dabei muß man aber immerhin berücksichtigen, dass zu Anfang der Legislaturperiode manche Sitzung mit politischen Auseinandersetzungen angefüllt war. Durch die Vermehrung der Mandate der linksstehenden Parteien kam cs. daß mitunter die politischen Gegensätze viel deutlicher her- vorkraten und auch schärfer aufeinanderstießen, als inan das seither gewohnt war und sich sogar außerhalb der Kammer iveiter ausspannen.
Die Verhandlungen über das Beamten - und Lehre r b c so l d u n as g c s c tz, die sich sehr lange hinzogen, haben nicht das Ergebnis gezeitigt, das der Zweiten Kammer ursprünglich vorschiocbte, denn sie vermochte »ict>t. die von ihr ursprünglich einstimmig gebilligte Aufbesserung der Lchrergehälter, die die Unstimmigkeiten der bisherigen Bcsotdnngsordnung beseitigen sollte, gegen die Erste Kammer durchzuführcn Auch bei der Erhöhung der Zivilliste, Uber die sich der Großherzog in der Thronrede mit ganz besonderer Genugtuung äußerte, hat sich der starke Einfluß der Ersten Kammer deutlich gezeigt. Einen erfreulichen Wettstreit der beiden Kammern veranloßtcn die Beratungen Uber die Hilfstätigkeit zum Besten der landwirtschaftlichen Genossenschaften. Das Darlehen und die Kreditgewährung für die »eugcgründete Zentrolkasse der landwirtschaftlichen Genossenschastcn wurde dadurch Uber den Antrag der Regierung hinaus erhöht.
Von wesentlicher Bedeutung ist die gesetzliche Regelung der Schuldentilgung, Uber die sich der Großherzog in seiner Thronrede des längeren auslicß, und die trotz der steigenden Staatsbedürfnisse durchgcfiihrt wurde.
Die in der Thronrede zum 35. Landtag angekiiudigte Revision des Schulgesetzes ist dem Landtag zivar nicht vor gelegt worden, aber bei den Beratungen über die nationale Einheitsschule und bei der Ordensvorlage, wurden die For derungcn der liberalen Schmlpolitik nicht nur ausführlich erörtert, sondern auch nachhaltig vertrete». Tic finanziellen Beziehungen der Einzelstaaten zum Reich sind, lvie in der Thronrede hervorgchoben wurde, auch in der abgelaufenen Landtagsperiode nicht unverändert geblieben. Tie Reichs sinanzresorm des Jahres 1913 hat die Landesfinanzen durch loeiterc Jnanspruckniahinc von Landesabgaben siir das Reich pnb durch Einführung neuer Reichssteuern unmittelbar und mittelbar in einer Weise beeinflußt, daß es der Regierung nicht leicht fallen konnte, sich mit ihr abzufindcn
Wie sich der nächste Landtag, bei dem die Hälfte der seitherigen Mitglieder auszuschcidcn hat, im ganzen zu- jammensetzen wird, das liegt vorläusig noch völlig im Tun-
kcln, zumal durch das Pluralwahlrecht ganz unvcrmulcie Verschiebungen cintretcn können. Hoffen ivir, daß die Neu wahl so aussällt, daß das Wohl unseres Landes trotz aller politischen Gegensätze in reger, gemeinsamer Arbeit nach- haltig gefördert werden wird.
In einer längeren Abhandlung, die sich mit dem Schlüsse unseres Landtages beschastigt, kommt die „Köln. Ztg." auch aus das Verhältnis von Regierung, Landtag und Erster Kammer zu sprechen, die fesselnd genug ist, um sie hier wieder- zugebcn. Es Iieißt da: In dem Verhältnis von Regierung zu Landtag hat sich in der zu Ende gehenden Legislaturperiode nichts verschoben, es gibt keine ausgesprochene Regierungspartei, und cs kann sie — wenn man von den großen Grundfragen der Ausgaben, Rechte und Pflichten d«?s Staates absieht — in Hessen auch nicht geben. Die Verhältnisse sind so klein, daß cs einem Abgeordnete» bei seiner aus seiner örtlichen Umgebung l>crgclciletcn, wirklichen oder vermeintlichen, Kenntnis aller Verhältnisse schivcr sälll, sich von diesen loszumaci>en und einen höhcrn Gesichtspunkt, wie ihn etwa eine Partcidisziplin verlangt, anziierkenncn. Ties gelingt nur den radikalen Parteigruppen, zu denen in diesem Zusammenhang neben den Sozialdemokraten auch das Zentrum zu nennen ist. Es bildet bei der sich nach dem Gesagten häufig ergebenden Zusallsgrup» picrniig das Zünglein an der Wage. Da seine Zusammensetzung im übrigen über das Diirchschnittsmaß landtäglicher Befähigung hinausragt, konnte cs eine Bedeutung erhalten, die diirch die Zahl feiner Mitglieder nicht gerechtfertigt wird. Wichtiger ist das Verhältnis zwischen den beiden Häusern des Landtags. Man kommt nicht von dem Eindruck los, daß man einen guten Gedanken, den man in der Zlvciten Stammet nicht hatte, eben dort nicht gern mierkennt, wenn oder iveil er vvii der Erste» Kammer komnit. Dabei tritt doch auch in Hessen eine Erscheinung hervor, die man überall beobachten kann, tvo ein liberales Wahlrecht eine demokratischere Zusammensetzung de-s Bolkshauses bringt: die Erste Kammer regt sich automatisch, um dieser Neuordnung der Dinge gegenüber ihre Bedeutung zu bclstrlten Und diesem Bestreben und nirfvt nur der Tatic>cl>e allein, daß die Erste Kammer kluge, fleißige und politisch geschulte Köpfe hat, entspringt ihre wachsende Bedeutung.
Die äußere Politik dreht sich seit Wochen um dieselben Fragen, ohne daß auch nur eine einzige irgendwie gelöst worden toärc. In Albanien hält Fürst Wilhelm immer noch aus, aber seine Soldaten, die vor dem Feinde ebenso feig sind wie dreist vor den Frauen und dem Besitztum ihrer Mitbürger, werden ihm wohl kaum den ivanken» den Thron sichern können, wenn ifynt nicht von Rumänien starke Hilfe kommt. Gestern kam die Nachricht, daß im Scl)lvß 'Neuwied große Sendungen der fürstlichen Hofhaltung aus Durazzo ciugetrosscu seien und dag die früher von dem Fürstcnpaar bcwolmtcn Räume des Schlosses in aller Stille wieder zur Aufnahme des Fürsteiipaares hergerichtet würden. Tie Nachricht ist bis jetzt noch nicht bestätigt, aber man kann sich der Erwägung nicht verschließen, daß mit der 'Abdankung des Fürsten für 'Albanien keineswegs eine bessere Lage geschaffen wäre. Ein neuer Fürst würde zweifelsohne mit neuen Schwierigkeiten zu kämpfen habe» und eine Teilung des Landes unter die begehrlichen Nachbarn ist
ivohl ebenso unmöglich, als das Land sich selbst zu überlassen.
DieLagcinJrland und zu aal in Ulster l>al sich bedrohlich verschärft. Nach einer D> rlegurrg des Svnder- berichlerstatters der Times hat eine (trofic Anzahl der Ulsterschen Freiwilligen die Hoffnung misgegcben, daß sich die Schwierigkeiten ohne .Krieg noch weiter hinscksteppcn werden. Schon vor drei Monaten war die Unruhe im tR'- schäst, der Zcrstrll im gesellschaftlichen Leben, die unausgesetzte Anstrengung der Bereitschaft, die Verstörung der Gemüter infolge der Ungewißheit über das, was der nächste Tag bringen konnte, so anstreiigcnd und angrcisend gclvvr- den, daß man ansing zu wünschen, es möge nur irgend etwas wirklich geschehen. Heute aber ist die Spannung nahezu unerträglich gcivorden. Daß aus beiden Seiten die Nerven bedenklich erregt sind, erkennt man schon an den zahllosen Gerüchten, die von Stunde zu Stunde in Umlauf gelangen An drei, vier verschiedenen Orten ist cs in den letzten Tage» zu Panikausbnicheii gekoinmeu infolge von Gerüchten, daß die eine oder andere Partei im Begriffe stehe, über die andere herzusallen. Am unheimlichsten und lsartnäckigstcn tritt die Behauptung aus. die Bclsastcr Na- tioiialistc,, oder wenigstens ein Teil vo» ihnen häiien eine große Menge Vitriol gelagert, das sie angeblich gegen die Unionisten verwenden wollten, und das ESerücht fügt hinzu, die Freiwilligeu in gewisse» Bezirken hätten sich mit 2alb- stoffcn ivic Vaseline vorgesehen, »in Gesicht und Hände zum Schutze gegen diese Säure einzureiben. Diejenigen, die Krisen in der Geschichte, im wirklichen Leben oder aus Büchern studiert haben, wissen, daß sich ihr Herannahcn stets durch eine Menge toller Geschichten onklmdigt, von denen manche im höchsten Grade unwahrscheinlich sind, und andere wieder ans einer kaum nennenswerten Klcinig- keit von Wahrheit beruhen. Schon wird der größte Teil der Provinz Ulster siir alle praktischen Zwecke von den nnionisti- schen Freiwilligen regiert. Ungeachtet der amtlichen Macht- volllommenheii des Herrn Asquith sind sic ein unvcr- fassungsiiiäßiges Heer gcivorden und marschieren in gesctz- nndriger Weise durch die össcntlichcn Straßen mit Waffen, die in ungesetzlicher Weise eingeschleppt worden sind. Herr Asquith aber räumt schwächlich ein, daß er nichts tun lünne. Wie nun, wenn man zu dem Wesen der Herrschaft sich auch der Form bemächtigte? Es ist unmöglich, daß die Periode des Vcrschlcppcns und WwartenS noch viel länger dauern kann. Der Faden kann nicht schärfer angespannt werden. Der Augenblick, wo er reißen muß, ist nahe.
Welche Entschlüsse man in Belfast für unvermeidlich hält, ist aus dem an anderer Stelle mitgeteitten Ausruhr i» Ulster zu ersehen.
In Mexiko wird man sich jetzt in eine neue politische Lage siiiden müssen. Die Verhandlungen ii^ Niagara Falls haöen zu einem Rückzug der Vereinigten Stau len vor der Politik des lateinischen Amerika geführt. Von Tampico und von einer Genugtuung, wie sie von Huerta gefordert wurdcz ist weiter keine Rede, Mexiko wird selbst über seine Zukunft zu entscheiden haben, und mittlerweile veröffentlicht der „New Hork Herald" ein furchtbares Anklagematerial, um zu beweisen, daß die mexikanischen Parteien organisiert, besoldet und bewassnct wurden von den großen amerikanischen und ausländischen Syndikaten, die um Beherrschung
Die Werkbundschau in ttöln.
Bon Franz P Brückner.
Im Gegensatz zu der Herrschaft der Masse, die dos 19. Jahrhundert mit gewaltsamer Unterdrückung alles Persönliche» ausge breit« hat, will der Deutsche Werkbund wieder eine H c r r s ch a s t des Persönlichen ansrichten, ein Reich, in dem jeder Einzelne wirken kann noch seinem Willen, nach seine» Gabe» und Kräften. Und in diesem Reich wird auch die Frau Mitarbeiterin, hier soll sie wirken und schaffen können nach ihrer persönlichen Eigenart. Ter Bund will darauf hinarbcitcn, daß die Frau endlich Q n al i t ä t s v c r st ä n dn i s erwerbe und pflege, ist dach die Frau die Hauptträyerin des heuer herrschenden Warenhungers. Und schließlich kan» die Frau sich allgemein-produktiv betätigen, wenn ancb der tektonische Eharakicr der neuen deutschen Werk- kan» ein durcktzrns männlich« ist und bleiben wird. Aoer da die Werkkunst auf Persönlichkeiten gestellt ist, die im gcivissen Sinne stets eine fremde Individualität aufzwingen, wird die Frau hier vermittelnd und ausgleichcnd wirk«, können, sic wird durch ihr Wesen, durch die Art der 'Anordnung etwa eine ganz persönlich qzedachte Roumausstaltung mit ihrem Geist, mit dem Geist der Familie durchdringen. Ihre Ausgabe ist cs, das Schmückende, Liebe, Fardensrohe, Amnotsvvlle hineinzutun. so ist auch der Frau aut dieser Werkbundsckiau ein eigenes Haus eingcräumt, das mit feinsinniger Sachlichkeit und erlesenem, künstlerischem Geschmack ausgestatt« ist. Hier will die moderne Frau in ihrem gesteigerten Selbstgefühl beweisen, wie auch sie ln gewerblichen und künstlerischen Dingen „ihren Monn sieht" Reichlich sind her iraturgrmaß Stickereien, Gewebe und Batikarbeitcn vertreten, zum großen Teil Schöpfungen »VN Phantasie und vornehmer Farbigkeit.
Auch ihren „Clou" hat die Werkbundschau, wie man das ja heute von jeder 'Ausstellung erwartet. Es ist das „Oesterreich i s ch e Hau s", gleich vorzüglich in der architekwnischcn Gestaltung, wie in der inneren, künstlerischen 2lusmach»ng, wenn auch zwischen beiden nicht die letzte Harmonie zustande gekommen ist. Joseph Hass mann schus die Architektur, nicht die eigenwilligste und subjektivste, aber gewiß die interessanteste und die, die sich am stärksten cinprägl. Dieser ernste, fast schwermütige Bau mit seiner strebenden Berlikatc, mit den schiocren Pieilcrn, den uberhohen Fenstern, und »mNeidet von dieser mystischen, grauen Farbiöniin-i, ist so ganz persönlich gedacht, veNritt in seiner >a traten Geistigkeit jenes Wien, wie es in der Dichtung etwa der ernste, schwermütige Grillvarzer nachcrlebt hat. Entzückend ist der Jnnenhos, den Oskar Strnad eniwari, ganz individuell durch- gesvrmt und unbedingt fruchtbar iür den modernen Haus- und Ausstellungsbau. Dieser Jnnenhos gibt den reizvollen Auftakt und dann durchschreitet man^die Flucht der Säle in ihrer geistreichen Ausmachung, mit den Schätzen des moderiien Kunstgcwerbcs, die hier in bunler natürlicher Folge sich präsentieren. Man steht üb« rascht »or dies« eminenten künstlerisckien Durchdrrngnng auch des Kleinen und Kleinsten, nirgends ein Raum wieder andere, nirgends kommt «ne Ermüdung auf, ft«s eine neue Stimmung, neue Valeurs, ein anderes Licht, ein anderes Raumgeinhl, eine originelle Farbenharnoonic. Man sieht Dinge, so wundervoll gekünstelt imd so einfach und schlicht gearbeitet, wie sie eben in d« ganzen Welt
nur die Wiener mack>cn können. rVtan staunt üb« die krästtge Phalanx junger, strebender Talente, die drüben tum (bedanken des Werkbundes auigegrisscn baden, mit einer Inbrunst und »in« Selbstverständlichkeit, als läge es ihnen im Blut. Und das ist ja schließlich das Entscheidende: die große Idee von der Durchgeisti- gung der Arbeit, zu der die Deuisäzen wie zu allen Ideen doch immer nur erst erzogen w«dcn müssen, weil ln« eben ber Konnex mit ein« innerlich gcscstctcn Kultur längst verlor«! gegangen ist, diese Idee kommt den Wienern gar nicht so fremd und absonderlich, sie trisst dsi ihnen auf eine alle, gute Tradition, Und diese Tradition ist heute noch so ungemein srnchlbar, von ihr künnen die jungen Künstler zehr«:, es ist eigentlich gar nicht so sehr viel Neues und überwältigend Modernes, was wir hi« sehen. Nicht die Einzelstücke sind es, die in diesem Hanse Überraschen, es ist vielmehr die in zahllosen Gliedern lebendige, ziellicherä Arbeit. Auch diese künstlerische Konzentration haben wir in Deutschland nicht. Das wirkt hier aUos so unmittelbar: Ter Raum ist eig«itlich nie Ausstellungssaal, nie Rahmen oder Relief, das Eine bedingt da-s Andere und ans dem Zusammenslust aller Einzelkräfte resultiert die hochentwickelte, Mnstl«ischc Harmonie. Es ist überall so viel Liebenswürdigkeit, Spiclireude, sein« Instinkt, lächelnde .Kaprice, traumhast-launigc Phantasie, kindliche Naivität und gefällige Grazie. Mit dem Spicltrieb geht die Arbciissteude verscknvistert, der Wille zur Kunst ist diesen Menschen «was Naturgcborenes, etwas elementar Jnstinklhastcs.
Tie Räume des Böhmischen Werkbundcs sind gewiß sehr interessant und originell, aber im ganzen unserem Krinst- empiinden doch allzu sernliegend. Otokar Novotny, der die Räume entwarf, kommt immerhin, trotz aller Originalitätssucht, rein dekorativ zu manch hübschen Wirkungen. Aber in dies« Modernität liegt doch so viel Erzwiing«ies, Gewaltsames. Wenn man dabei auch nicht einmal entsckwiden will, ob diese Entwürfe im GedanNichen von einer zur Mani« gesteigerten Tradition ausgehen oder von d«i jüngst-modernen Strömungen in Malerei und Plastik becinilußt sind. Man nimmt sic eben am besten als Ausfluß einer territorialen Svunstgesinnung, >m Geist ihrer berkunst, ihres besonderen Sbulturgebietes. Es lohnt im übrigen nicht d«> Müde, all die einzeln«, Häuser, Schulen und Abteilung«! aus- zuzäklcn, denn zioischen vielem Anregimden, Bem«kenswctten steht doch manches Durchschnittliche und Belanglose. Es genügt dos Markanteste anS der großen Fülle herauszulösen. Die Idee des Werk- bundes von d« k:iilsil«ischen Veieoelung des Handn>«ks^mag kaum irgend jo eindringlich verwirklicht sein, wie im Hause Oesterreichs. Am nächsten komntt diesem Gedanken vielleicht der bayrische Raum, der in strenger Auswahl alle Erzeugnisse des bahrischcn Kunstgewcrbes in bunler Folge geschmackvoll vereinigt. Das Haus Bremen-Oldenburg macht im V«gleich zu den charmant- spielerischen Räumen der Wiener eh« einen kübl-sachlich«i, ab« sehr gediegenen Etndrnck. Die Räume, die R. A. Schröd« «lt-> wari, halt«! sich i n den Grenzen eines Ivohlmwogenen skonstrva- tivismns, mögen in ihr« ernsten Zunickhaltnng für das inncn- künstlerische Raumgefühl der nordwestlichen Deutschlande bezeichnend sein. Prachtvolle Arbcücn stellt hier auch die Edelstein-Judü-, fteie Idar-Oberstem aus.
Das HausSachscn, von den Architekten Lossow und Kühne «Itworsen, hebt sich in seinem dekorative» Schwung von dem Hintergrund alt«, still« Poppeln rcizvall ab. Es zeigt li» Inneres eine Flucht seinsinnig entworscncr, wirksam aiisgcstattet« Räume. Vorzüglich ist der Dresden« Schauraum, den Hans Erlwein schuf, »nd das ernste, feierlich vertäseltc Sitzungszimm« der Stadt Leipzig »ach dem Entwurf von A. und E. Herold, mit Biichbänden und Plastiken zu vornehm« Einheit gesteigert. Chemnitz und Plauen stelle» ausgewähllc Erzeugnisse ihrer kultivi«ten Spitzcnknnst ans. Man sicht serner reizvolle Stücke der Porzellan- ckunst, die heute von der Grazie eines südlichen Rokokogctäudels ernsthaft zu dem pveckgercchte» Rhythmus der mod«»e» Linie über- zugch«! scheint. Die Ladenstraße ist nicht das geworden, was man uns versprochen l>at. Oswin Hcmvcl schuf hier eine allzu- länglichc, stets das gleiche Motiv onschlagcnde, säst »wiioione Sira- ßenzcile, die als Elanzes gesehen, nur wie eine kümmerliche Attrappe wirkt. Was die moderne Dekorationskunst heute zu leisten vermag, iruvieweit sich das Sch a II s eil stc r i» den großen :iu- sanimciiltzing unserer Kulturbcwcgung einrciht, soll hier gezeigt werden. Und die Regeneration des Geschmacks Hai auch dickem unscheinbar«! und dock, in seiner weiteren Auswirkung so bedeul- samen Faktor des modernen Lebens neue Bahnen gewiesen. Nur daß man in dieser Straße sür Dekorationskunst, bis heute wenig- st«is, noch allzu ivenig davon merkt. Aber vielleicht setzt die Aus- stellungSleituiig doäi auch hier nocki ihren Willen durch und läßt von anerkaiinten sinnstlcrn die Ausstattung in peckönlich«, künst- lcrisch-durchgebildctcr Arbeit entwerfen.
Das große Fabrik - und Burcaugcbäudc, in seinem großzügig monumentalen Clzaraktcr von WaltcrGropius cnt- wockcm, wird gerade in diesen Tag«! vollendet. Hier zckgt der Wcrk- bund, welchen entschcrdcndcn Einsluß der Gedanke der Form aus das gesamte Arbeitsgebiet der Industrie in ihren Bauwerken, Produkten. Maschinen »nd in ihrer ganzen inneren künstlerischen Organisation gewonnen hat. Die Abteilung für kirchliche Kunst ist in drei kapellenartigcn Anbauien, gesondert sür den protestantischen, katholisch«, und jüdische» Slnlius vertreten. In ihrer Art selbständig durchdachte Raumgestaltungen, atmen sie in ihrer reichen, doch nie aufdringlickien Ornammtik eine ernste und oornclMe Würde: in d« Theorie könnte d« Gedanke von der Rückständigkeit rmsercr neuen kircktlichcn Kunst als abgetan werden. Ab« dann wird man wieder an die grostzM Svirck>cns«ist« von Thorn-Prikker «innert, die in einem cigenS «bauten ck>araktcristtsch«i Hans zur Schau gcstcNt sind. Noch immer wan- dcni diese prachtvollen Stücke nroderner Glasbildkunst ruhelos durck» die Welt, sckt Jahr«! begegnet man ihnen aus den großen Ausstellungen. Es sind W«kc ein« großen, eigennnllig ihren Weg tvandelnden Kunst, die glcichcrniaßen durch den schönen, großzügigen Lnuenfluß wirtzm, wie durch die glüh«,de Farbe,» gebung, die an tiefer Leuchtkraft den Kirchensnistern d« Gotik nicht nachstcln. Tic kirchliche Behörde hat die Annahme dieser wnmdeckai» komponierten Glosgemälde, die für eine siirck>c m Neuß bestellt waren, nickst g«lehmigt,
Bon den Sckun st gewer b c schiilc n bcanspruckzen drc von Hamburgs Stöbt, Bervur «iü Magdeburg als Bcrttckcc einer kühn


