Ausgabe 
3.7.1914
 
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Kr. 153

Der Hietzener Anzeiger

erscheint täglich, außer Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich GietzenerZamilienblatteri zn>e«nal wöchentl.Kreir- dlattfSr öen Kreis Sietzen (Die,Mag und Freitag)-, zweimal monatl. Land» wirtschafUiche Zeitfragen sierujprech - Anschlüße: iür d«e Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Ad reffe iür Depeschen: Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeige« iür die Tagesrnnniner bis vormittags 9 Uhr.

Erster Blatt

164. Jahrgang

ietzcner Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

Freitag. 3. Juli 1914

Bezugspreis:

monotslch75Vi.,viertel-

jährlich Mt. 2.20: durch A ^hole- u. Zweigstellen monatlich KL Pi.: durch diePost M. 2.viertel- jährl. uusscht. Bestell-, Zeilenpreis: lokal töPs, auswärts 20 Mennig. Klieiredakteur: A Goets. Verantwortlich für den polit. Teil: Slug. Goey; iür .Feuilleion', ,Ver- injschles^ und.Gericht-- iaal": starl Neurath; Inr .Stadl »nd Land':

RototionsönKf und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei 8. Lange. Redaktion, Lrpcditlon und vruckerei: Schulstrahe 7. Kniest:' H? Beck!

Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

(5s geht doch zu Ende in Albanien.

G3 geht also doch zu Ende in Dnrazzo. Tie Malissoren verbuken bereits ahre Flmtm um fünf Kranes das Stück. Und der M'ui,tcr Turtuli. der zurzeit Italien

dercrst. erzählt zedern, der es Horen will, der Fürst Wilhelm bereue smu Lorgehm, g^ou Essad Pascha aufs tiefste. Man 0 s ist mohl auch nicht lva.hr. Wem: oeursr Wilhelm etwas zu bereuen hat, so gibt es doch noch andere Dinge, die anznfichren tvärcu. Er hatte in den letz ten pochen und Monaten trotz aller Wirren und Sorgen doai rmmer Gcleg-nheit genug, sich seinen angehenden lln- tcrwnen naher zu dtrugen. Das Vorbild hätte ihm sein Land» nachbar, der kluge iltikita von Montenegro gegeben. Wenn Sl®!, ut ^ ura y° verbreitet worden wäre, dag der Fürst jede Woche einmal im Garten seines Konaks zu bestimmter Stunde für jeden ohne Massen Kommenden zu spreck>ei, sei, ^vevnauch die Kleinen und Kleinsten des Albanervvlkes die Möglichkeit gehabt hätten, ihre Anliegen und Ratschläge dem neuen Mbret vorzutragen, so wäre das ein viel besserer Ausbau der Popularität getvesen als die Kreierung dort unten ganz uuvcvsländlicher Hosaniter, als die Anffrisie- ruug europäischen Zopfes und Kastengeistes. Fürst Wilhelm hätte bei solchen Bolksaudienzen beizeiten auch erfahren, welche furchtbaren Fehler man schon bei seinem Einzug in das Land begangen hatte und welches Gift da gesät wurde. Was Essad Pascha anbelangt, der jetzt wieder am albani­schen Horizont auftaucht, so kann die Reue des' Fürsten nur darin bestehen, daß er den gefährlichen Mann frei ziehen liest und nicht als Geisel und Gefangenen oder vielleicht in ir­gend einer noch geschickteren Form festzuhalten verstand. Schon sosl das ganze Epirus, das die europäische Diplo­matie unter so großen Schwierigkeiten abgezirlelt und Al­banien zugewiesen hat, von dm heiligen Bataillonen uirter Fichrung griechischer Lssizicrc wieder erobert sein. Und welche Ironie! Während die Gesandten der Großmächte in Athen die Zustimmung ihrer Länder zu den Beschlüssen von Korfu über die zukünftige Verfassung von Epirus erllären, weilt das Oberhaupt der provisorischen Regierung von Epi­rus, .Herr Christakis Zographos in der griechischen Hauptstadt, verhandelt mit Vcnizelos und erklärt angesichts der Ereignisse in Dnrazzo die Wmachnngm von Korfu als wertlos. Kann es einen schlimmcrm Affront und eine üb­lere Blamage für das Konzert der Mächte geben, als die Pos« dieses kleinen Distriktiönigs, der sich hohnlächelnd über alles hinwcgsctzt, was die europäischm Diplomaten in voll­tönenden Noten und Protokollen sestgelegt zu haben vcr- irieincn. Es ist wirklich allerhöchste Zeit, daß ohne langes Hin und Her der Fürst; von Albanien vor einer schweren persönlichen Katastrophe bewahrt wird.

Abdankung des Fürsten?

Wien, 1. Juli, I N. (Verspätet eingetrosfen.) In in­formierten Kreism wird die Situation des Fürsten von Al- banim, namentlich angesichts der letzten Meldungen über Prenk Bibdoda. twn dessen Doppelspiel man jetzt auch hier überzeugt ist, sehr ungünstig bmrteilt. Es verlautet, daß der Fürst Avdmikungsgedanken liege, und daß die Mitglieder der früheren provisorischen Regierung die Leitung der Staats­

geschäfte dann wieder übernehmen würden, lovmit die plvtz liche Abreise Jsmael Kemals mit großem Gesickge nach Tu- razzo Zusammenhänge.

Aus Dnrazzo wird unter dem I.Juli gemeldet: Abgesehen von vereinzelten Gewehrschüssen, die bei den Vorpostenlinien gewechselt worden sind, sind die verflossene Nacht und der heutige Vormittag ruhig verlausen.

Der neue epirotische Ausstaub.

Rom, 2. Juli. Aus Santi Quaranta in Südalbanien wird berichtet, daß die Epiroten überall ihre proviso­rische Regierung wieder aufgerichtet und die albanischen Behörden verjagt haben. Diese haben gegen die von Griechenland geschürte Bewegung ernste Vorstellungen erhoben.

Der Kaiser reist nicht nach Wien.

Der Kaiser hat wegen leichter Erkrankung, wie es heißt, einem Hexenschuß, die Reise nach Wien auf- gegeben.

Es ist in Wien sehr ausgefallen, daß Kaiser Wil­helm seine Teilnahme an der Beerdigung abgesagt hat. Tie Nachricht ist durch das offiziöse Korrespondcnzburean aus- gegeben worden, an den amtlichen Stellm hat man noch keine Kenntnis davon, zweifelt aber nicht an ihrer Richtig­keit. Als Motiv wird Indisposition des Kaisers angegeben, möglicherweise spielt auch FurchtvorAttentatcn eine Rolle. Endlich aber auch wird die Möglichkeit in politischcit Kreisen in Betracht gezogen, daß Kaiser Wilhelm nicht den Anschein erwecken wolle, als ob er die in einem Teil der österreichischen Ocsfentlichkeit auftretenden kriegerischen Strömungen unterstützen möchte.

Aus der Umgebung des Kaisers wird, wie die Korrespon­denz Piper meldet, versichert, daß der Kaiser es aus das allerschmerzlichste bedauert, seinem so jähe und in so fürch­terlicher Weise aus dem Leben geschiedenen Freunde nicht die letzte Ehre erweisen und den Völkern Oesterreich-Ungarns durch seine persönliche Anwesenheit bei den Trauerseierlich- keit einen Beweis dafür geben zu können, wie innig seine Teilnahme an der Trauer der Monarchie ist. Man hat Grund, anznnehmen, daß der Kaiser schon bei den Segelfahrten der Kieler Woche die Erkältung sich zngczogcn hat, die sich nun infolge eines anstrengenden und erhitzenden Spazier­rittes verschlimmert haben und sich in einer Art von Hexenschuß äußern soll, so daß es ihm tatsächlich unmöglich gemacht ist, die Reise anzutreten.

Wir hätten es für besser gehalten, wenn der Reichskanz­ler ganz osfen erklärt hätte, daß c*r dem Kaiser von der Reise im gegenwärtigen Augenblick dringend abgeraten hgbe. Die Untersuchung der Mordanschläge habe ja ergeben, daß eine weit verzweigte Verschwörung von Mördern bestehe, und solange die Untersuchung keine volle Klarheit ergebe» und nicht zur Berhastung der Schuldigen geführt habe, müß­ten für das Leben des Kaisers Gefahren befürchtet werden, die man nicht sorglos von der Hand weisen könne. Der Kai­ser, so hätte man offiziös' ja weiter versichern können, werde dem Kaiser Franz Joses zu einem späteren Zeitpunkte einen 'Besuch abstatten.

Das hätte unseres Erachtens jeder Kritik und allen hä­mischen Auslegungen die Spitze abge! rock>«n.

Prinz Heinrich von Preuße» fährt auch nicht nach Wien.

Berlin, 2. Juli. Prinz Heinrich von Preußen hat die Reise zu den Bcisctzungsseierlichkeiten nach Wien auf- gegeben. Er fährt morgen früh nach Kiel zurück.

Ofenpest, 2. Juli. Die Abendblätter melden: Gra­vierende Indizien weisen darauf hin, daß der Sekretär des groß serbischen Vereins ,,Narodna Od­ra na", Major der serbischen Armee, Milan Pribicle- vics, an dem Attentat beteiligt gewesen ist, und daß durch seine Vermittelung die Mörder die Bomben aus dem Militärarsenal in Kragujcwatz erhalten haben. Eine authen­tische Bestätigung dieser Meldung liegt bisher noch nicht vor. Pribicscvics tvar früher Oberleutnant in der österreichisch- ungarischen Armee Im Agr am er Hochverratspro- zc ßwurde er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, später je­doch begnadigt.

* * *

Oesterreich gegen eine Kräfteverschiebung aus dem Balkan.

O f e n p e st, 2. Juli. DerPest. Lloyd" bringt betr. der angeblichen Vereinigung von Serbien und Montenegro folgende Jnsormation aus Wien: Da die gegenwärtige Mgrcnzung auf dem Balkan durch internationale Verträge sestgelegt ist, namentlich durch den Bukarester Frieden, so kann eine Aendernng in den bestehenden Kräfteverhält­nissen nicht ersolgcn ohne die Zustimmung der Gr oßmächte, deren Interessen dadurch berührt werden, insbesondere also nicht ohne diejenige Oesterreich-Ungarns.

TerRcichspost"^vird aus diplomatischen Kreisen mit­geteilt: Es soll ein s e^b ische r Bu n d es sta a t aus den beiden serbischen Einz^staaten gebitdet werden, ohne daß jedoch die Souveränität des montenegrinischen Herrscher­hauses und der montenegrinischen Gebiete berührt würde.. Die praktische Durchführung dieses bereits abgeschlossenen Vertrages wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Es besteht kein Zweifel, daß die Vcreinigrmg Montenegros! und Serbiens zu einem Bundesstaat das Werk der russi­schen Diplomatie ist. Serbien gelangt dadurch über Mon­tenegro unmtttelbar an das adriatischc Meer. Die Ge­rüchte von einer Abdankung des Königs Niko­laus sind ebenso unbegründet wie die Errichtung einer Personalunion zwischen Montenegro und Serbien.

Ein Dementi ans Belgrad.

Belgrad, 2. Juli. Die offiziöse Presse erklärt, daß die Nachricht, der zufolge der Zusammenschluß von Ser­bien und Montenegro anläßlich des Tages der Schlacht auf dem Amselfelde veröffentlicht werden sollte, midt ebenso die Nachricht von dem Zusammenschluß über­haupt jeder Grundlage entbehre.

Die Hoftrauer in Belgrad.

Belgrad, 2. Juli. Wie dasAmtsblatt" meldet, wurde vom Kronprinzregent Alexander im Namen des Königs für Erzherzog Franz Ferdinand eine achttägige Hoftrauer vom 29. Juni bis einschließlich 6. Juli un­geordnet.

Die Düuvialmenschen von Gberkaffe!.

Am 18. Februar d. Is. sind in einem Steinbruche bei Obcr- kasscl zwcr menschliche Skelette aus der Rennticrzcit gesunden worden und dieser Fund hat sich mittlerweile als außerordentlich wertvoll hcrausgcstellt. Die ersten wissenschaftlichen Mitteilungen darüber verössenllichen nun in den bei Julius Springer in Kerlin erscheinendenNaturwissenschaften" die drei Bonner Ge­lehrten, die den Fimd und die Fundstätte untersucht haben, nämlich der Phvsiologc Bcrworn, der Anatom Bonnet und der Geologe Steinmann. Was zunächst das geologische Alter der Fundstelle angcht, so ist die Knlturschicht sicher jünger als der Löß: es kann sich nur um Solutreen oder Mazdaismen handeln, Und da Solutreenkulturen bis jedt am Niederrhein noch nicht

bekannt geworden, Maadalenien-Külluren dagegen mehrfach vor- thandcn sind, so spricht nach Steinmann die Wahrscheinlichkeit für diese Kultirrgeschichtc. Aus der Lagening der Skelette und den Beigaben, die man daneben gefunden hat, zieht Verwarn folgende Schlüsse: es handelt sich um tvvlsche Begräbnisse, denn die Skelette waren von großen Basaltplatten bedeckt und lagen zwischen einem roten Farbstoff, pulverisiertem Rötel, der sich mit dem Lößlehm ziemlich gleichmäßig gemischt hatte. Bei den Skeletten bcsandcn sich Tierknxhen und aus Knochen geschnitüc Gegen­stände, dagegen keine Fe,lersteingerätc, und di' Knockeaeeräte weisen mit größter Wahrscheinlichkeit auf das untere Magdatenren. Es war, wie die Finder angegeben hatten, zunächst einHaarvieil" der unter dem Kops eines der Skelette lag, vorhanden. In die­sem .Haarpfeil erkennt Berworn ein sogenanntesLissoir" von großer Schönhcü der Arbeit, das vorzüglich erhalten i>t. Es ist ein zwanzig Zentimeter langes, im Querschnitt rechteckiges, aus barten Knochen geschnitztes, seinpolicrtcs Glätlinstruinent, Wim Grifsende zu einem Tierkopie ausgcarbeitet ist. Das andere Ende ist stumps: die Schmalsciicu zeigen für die Renntterzert charak- teristtsche Kerbschnittverzierungen. Die zweite Knochenichnitzerei ist eine jener kleinen, brettarttg schmalen, auf berden rrciten gra­vierten Pfcrdeköpsc, wie sie in den Pyrenäen und an anderen Orten als charakter'sttschesLeitfossil" der unteren Magdalenicn- schichten gefrmden worden sind. 1

Das Eremplar von Oberkasscl ist leider bei dem Ausgrabcn des Skelettes zerbrochen worden imd nickt mehr ganz vollständig. Was schließlich die menichlicken Skelette selbst angcht. ;o nt zu- nächst ihr guter Erhaltungszustand hervorzuhebcn: berde Ske­lette sind fast vollständig, und wegen des guten Erltaltungs- «ustandes und der Sicherheit der Besttmmung des geolognchen wie des archäologischen Alters sind sic den besten diluvialen Funden an die Seite zu stellen, um so mehr, als es ,ichi um ersi manw- liches und ein weibliches Skelett foanbclt. Außerdem Nt dies rer erste Fund nahezu vollständiger menschlicher Skelette^ aw^ dem Quartär und insbesondere aus dem Magdalenren aNi, Deutsch- and. Es muß ein seltsames Paar gewesen sein,

Hacke des Arbeiters aus ihrer vieltaujendiahrrgem Ruhe wieder

zutage befördert hat. Professor Bannet teilt einstweilen nur die wichtigsten Angaben über die Schädel mit. Die Frau war etwa 20 Jahre alt: der Kopf war wegen der einfachen Nähte ous- cinandergefallen, ließ sich aber vorzüglickz wieder zusammcnsetzcn. Er ist langköpiig tLäugen-Breitenindex : 70) und sein Horizontal- umsanq beträgt 512 Millimeter. Die steile Stirn ist grtt gewölbt, der Kieserapvarat ist gut entwickelt: die viereckigen Augenhöhlen sind verhältnismäßig groß. Dos Gebiß war wahrend des Lebens bis aus den dritten oberen Mahlzahn der rechten Seite voll­ständig. und die drei letzten Mahlzähne sind weniger abgekaut als das übrige Gebiß, also noch nickzt lange durchgebrochen. Die übrigen Knochen des Körpers deuten aus einen zierlichen Wuchs von etwa 1 Meter 55 . Ganz im Gegensätze hierzu noar der Monn, der etwa 1 Meter 60 lang war, außergewöhnlich kräftig gebaut, wie die starke Entwickelung der Mnskclansätze am Schädel und an den Extremitätenknochcn zeigt. Derbru­tale Gcsichtsschädel des Mannes" zeigt durch seine Breite und Niedrigkeit ein grobes Mißverhältnis zu der mäßig breiten aind etwas geneigten Stime und dem gutgcwölbten Hirnschädel. Der Oberliescr ist etwas nach rechts verbogen, das Gebiß ist mangelhast und so ist der ganze Anblick des Mannes wenig crsrcnlich gewesen. Tie Berstreichnng der einzelnen Schädclnähtc läßt aus ein Aller von 40 bis 50 Jahren schließen. Ter Langen- Breitenindex des Kopfes beträgt 74, der Horizontalumsang beläuft sich auf 538 Millimeter. Die niedrigen, rechteckigen Augenhöhlen sind stark nach außen und unten geneigt, über ihnen fällt ein einheitlicher etwa acht Millimeter breiter Oberaugcnhöhlwulst aus, ein niedriger mittlerer Stirnwulst zieht sich verbreiternd und verflack)end bis zum Scheitelpunkt. Vom Gebiß waren im Ober­kiefer nur noch die beiden lepten, stark nach auswärts gerichteten Mahlzähne beiderseits und der linke Eckzahn vorhanden, im Unter» kicicr sind während des Lebens zivci Schncidezähne und nack>- träglich noch ein Schneide- und ein Eckzahn ausgefallen. Sämt­liche Zahnkronen sind bis aus schmale Reste des Schmelzes ab- gckaut zind das sieiliegcndc Dentin ist schwarz wie Ebenholz.

lieber die Rasscnzugehöriqkeit äußert Prof. Bonnet sich noch zurückhaltend: die Oberkasseler Schädel weisen neben unverkenn­baren Aehnlichkciten auch nickt unbeträchtliche Abweichungen von einander auf: der Mann zeigt Rassezeichen der Neanderthaler, der Cro-Magnons und Anklänge an den Schädel von Chancclade: diese treten auch an dem Hirnschädel der Frau hervor, doch sind bei ihr die Ero-Magnon-Mcrkmolc weniger stark ausgebildct. In beiden Schädeln kommen die sehr bemerkbaren Folgen während des Diluviums stattgcfundener Kreuzungen zum Ausdruck.

Das Urbild desUasper-Ghm".

(Zum 100. Geburtstag von John Brrnckman, 3 . Juli).

Das Dreiblatt der plattdeutschen Klassiker, Reuter, Groth und Brinckman, hat sehr verschiedene Schicksale beim deutschen Publikum erfahren. Während Fritz Reuter sogleich der gefeierte

Liebling eines großen Kreises wurde, und Klaus Groth mit seinemQuickborn" benmndert in den Kreis der großen Dichter cintrat, ist die Liebe zu John Brinckman auch an seinem 100. Ge­burtstag noch nicht in die Herzen der Vielen cingezogen, und doch gebührt nicht nur dem großartigen Novellisten, dem prächttgcn Erzähler, sondern auch dem tmindcrvollen Lyriker desBagel Grip" ein Ehrenplatz in unserer Literatur.

Wenn so eine Vertiefung in das Gesamliverk des McisterS Neue tschätzc der Poesie ans Licht fördern wird, so dürfte er für die Allgemeinheit doch immer der Verfasser dc-s humoristischen MeisterwerkesKasper-Ohm un ick" bleiben, an das sich der eigent­liche Ruhm seines Namens knüpft. In dem Helden dieses so lebendig gesehenen Eharakterbildes hat er nicht nur eine der besten komischen Figuren der Weltliteratur gcschaffm, sondern auch die ausgezeichnetste Darstellung des DansescheU Seebären ans einer lieute verschwundenen Zeit der Schiffahrt, die nur in den glänzendsten Figuren der englischen Romane von Fielving und Smollctt Parallelen findet. Brinckman hat zwar anfangs geleugnet, daß er diese urwücknige lstestalt der Wirklichkeit cntnammen habe: er erklärte ausdrücklich, er habe nicht eine bestimmte Rostocker Person zu zeichnen beabsichtigt, dennockz erkannten die Nahestehenden deut­lich, daß der lcbenssprühcndeKävven Pött" nicht wett von ihnen in der Kosseldersttaßc wohne und dem ehrsamenKaus- mann" Kasper Tüpve aufs .Haar ähnlich sähe. Die Tochter des Urbildes kam entrüstet zu der Gattin des Dichters gclanjen und sagte vorwnrssvoll:Aber, Elise, wie konntest Du nur leiden, daß er so etwas schrieb!" In denGlossen zu Kasper^Ohm" hat das Brinckman selbst später zugestanden.Ich schmeichle mir," so berichtet er von Freund Tövvc,sein getreuer Biogravh ge­wesen zu sein, Ivenn ich dies eben aus Familienrücksichten auch in der Vorrede zu der ersten Ausgabe noch nicht zugeben durste. Die Züge, welche der niederdeutsche Seemann des vorigen Jahr­hunderts von Kolberg bis Emden vereinzelt bietet, fanden sich bei ihm vereinigt. Mut und Gottesfurcht, Tätigkeit und Spar­samkeit, Rechtssinn und Freimütigkett, aber auch eine an die Gren­zen des Rohen stteisende Derbheit und alberne Pornehnitticrci, aus Geld-, Familien- und Kastenstolz gemischt, aber ailch eine Portion grotesken Eigendünkels und skurilen Besserwiffens neben einer kleinen Quote kleinlicher Abgunst, die ihre ticicn Schlag- sckzattcn über jede liebenswürdige und schöne menschliche Seite weisen und nicht selten dann in eine Rodomontadc ausarten. Gerade aus diesen Kontrasten beruht der Humor, den derKasper- Ohm" einem unbefangenen Leser bietet." Auch der prächtige Neffe dieses würdigen Onkels, der so recht den Rostocker Bürgcr- suugen all seinen tollen Streichen darstellt, gehört den, wirtz- lichen Leben an: Brinckman hat ihm die schönste Frisck)e des Lebens ans seinen eigenen Erinnerungen geliehen, und so steht de,m dieses humorvolle Paar von Onkel und Resse nicht unebenbüttig neben zwei ähnlichen Gestalten eine? andern unvergeßlichen hu- moristtschen Meisterwerkes der Weltliteratur, neben den Helden desOnkel Benjamin" von Elande Trlliec.