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Nr. 151
Erster Blatt *
164. Jahrgang
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General-Anzeiger für Oberhessen
Mittwoch. h Zuli 1411
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SufUlftrOßC <• Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umsaht 12 Seiten.
Die großserbische Gefahr.
Schon der bisherige Gang der Untersuchung hat bc- silitigt, daß der Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin der großserbischen Propaganda der Tat zum Opfer gefallen find, und das; die Fäden der Verschwörung. wenn nach den Drahtziehern.diese blutige Katastrophe möglichcr- tocise über das Programm hinausging, nach Belgrad laufen. An dieser^moralischen Mitvcranwortlichkeit der leitenden Kreise in Serbien können auch die feierlichsten Versicherungen der offiziösen „Samouprava" nichts ändern, und »nenn ims Belgrader Regierungsblatt meint, man werde wie geioöhnlich sogar Serbien selbst anschuldigen. so dürfte das schon zutrefsen. Beide Mordgesellen. Princip wie Cabrino- nnc. sind zwar österreichische Staatsangehörige, aber serbisch-orthodoxen Glaubens, und beide haben sich erst vor kurzer Zeit in Belgrad aufgehalten. Cabrinowic hat eiu- geftanden. hast seine Bomben serbisches Fabrikat waren, und Prinzip erklärte bei dem Verhör mit brutaler Offenheit, daß er seit seiner Rückkehr aus Belgrad den Vorsatz gehabt habe, eine hochstehende Person zu erschießen, um dadurch die serbische Nation für die Unterdrückung zu rachen.
Diese Feststellungen und Aeußerungen bilden mit den bereits bekannten Tatsachen eine geschlossene Beweiskette Die von Belgrad ausgcbcnde nationalistische Propaganda hat in den letzten Jahren unter den österreichischen Süd- slaven und ganz besonders in Bosnien und der Herzegowina plangemäß, skrupellos und Mit reichlichen Geldmitteln gearbeitet. Ihre Organisation fand diese Bewegung in der Na r o dua O chrana, die in allen größeren Orten Oesterreich-Ungarns. Nordalbaniens und Montenegros ihre Vcr- trauensmänner hat. und deren Zusammenhang mit den scr- bischen Ossizierskreisen wiederholt cinwandsfrei sestgestclit worden ist. Es ist bezeichnend, daß der jetzt ermordete Erzherzog Franz Ferdinand sich iminer geweigert hat, den serbischen Gesandten Johanowic in Antrittsaudienz zu empfangen, weil dieser als einer der Hauptorganisatorcn der Narodna Ochrana bekannt war. Es ist dem Erzherzog sicherlich auch nicht unbekannt gewesen, daß diese hetze sich in erster Reihe gegen ihn selbst, der sich den besonderen »haß der Großserben zugczogen hatte, richtete. Auf das Konto dieser hetze koinmen die mannigfachen teils gelungenen, teils lmKungenen •ajjn(V.'r n den b tzicn Jnhrni in
Bosnien aus hochstehende Persönlichkeiten ansgeübt wurden, nnd die ihre Krönung jetzt in der verabscheuungswürdigen Bluttat von Sarajewo gesunden haben.
Es kann zunächst als uaibegreislich erscheinen, daß der hast der Großserben sich gerade gegen den Erzherzog Franz Ferdinand wendete, der doch von jeher als Freund der Sla- ven Lalt, und aus den diese so große Hoffnungen gesetzt hatten. Aber gerade dieser Umstand erklärt den Mord, deck die Fäden der großserbischen Verschwörung auf. Man weist, daß die sndslavischen Elemente der Donaumonarchie, Kroate:: Serbokroaten und Slovencn, seit langer Zeit eine Sonder stellung erstreben, wie sie die Magyaren ja bereits für sich errungen haben, und ihr Endziel ging dahin, die jetzig« dua listischc durch eine trialistischc Staats'sorm zu ersetzen. Dem Erzherzog Franz Ferdinand hatte man nachgcsagt, daß er diesen Plänen mit Sympathie gegenübcrstand, daß er sich ernsthast mit dem Gedanken einer Lösung der sndslavischen Frage trug. Das aber war es gerade, was die Großscrben
Partei fürchtete, was sie unter allen Umstünden verhindern wollte. Eine Versöhnung der südslavi sehen Elemente mit der Monarchie mußte notwendigerweise das Ende der phantastischen Träume von einem Großserbenreich bedeuten, und als das schlimmste Hindernis dieser ZnknnftSphantasie galt den Großserben logischerweise der Erzherzog Franz Ferdinand, und zwar,aus doppelten Gründen. Einmal, nxil er eben die Versöhnung der Südslaven anstrebte, und zweitens weil seine auf den Ausbau des Heeres und der Flotte, auf die Stärkung des österreichischen Staatsgedankens gerichtete Tätigkeit alle serbischen Hoffnungen endgültig zu nichte machte.
Eben deshalb war der Thronfolger auch den Serben >elbst, wie die maßlosen Angriffe auch der regierungsfrom- mcn Blätter auf ihn zeigten, der bestgehaßte Mann. Wenn es jetzt heißt, Serbien soll offiziell aufgesordert werden, auch innerhalb seiner Staatsgrenzen die Untersuchung über die erwiesene Verschwörung fortzuführen, so darf man gespannt darauf sein, wie man in Belgrad dieses Ersuchen ausnehmen wird. Die Lage wird noch spannender dadurch, daß vor der Wiener serbischen Gesandtschaft dcutschnationale Studenten stürmische serhenseindlichc Kundgebungen veranstaltet haben, wobei sogar eine serbische Fahne verbrannt worden sein soll.
Wir erhalten folgende Meldungen:
Ein Ersuchen an die serbische Regierung.
Wien, 30. Juni. Tie „Neue Freie Presse" meldet: Im Ministerium des Aeußcrn fand heute mittag eine Beratung statt, an welcher der Minister des Aeußern, Graf Berchtold, der Chef des Gcneralstäbes Freiherr von Eon rad und der Kriegsminister Ritter von Kr ob atin teilnnhmen. Wie verlaulet, teilte Graf Berchtold dem Chef des Generalstabes und dem Kriegsminister mit, daß die kaiserliche und königliche Regierung die Absicht habe, an die königlich serbische Regierung mit dem Ersuchen heranzutretcn, die in Bosnien gegen die Urheber der Attentate geführte Untersuchung im Königreich Serbien sortzusetzen, da alle Spuren der Verschwörung unzweifelhaft nach Serbien führten.
Scrbeufcindlichc Kundgebungen vor der- serbische» Gesandtschaft in Wien.
1 Wiest, 30/Juni.'heute'äsend um '■) Uhr fanden vor der hiesigen serbischen Gesandschaft Kundgebungen gegen Serbien von etwa 200 deutsch-nationalen Studenten statt. Das Gesandtschastsgebäudc steht bereits seit vorgestern unter dem Schutz von Geheimpolizisten. Die Studenten zogen in kleinen Trupps an der Gesandtschaft vorbei, erhoben aus einmal ihre Stöcke und riefen aus: Nieder mitScrbicn, hoch Oesterreich, hochhabsburg! Die Studenten sangen sodann die Volkshhmne. Nach dem letzten Ton wurde von kincm Studenten eine serbische Trikolore empor gehoben und in Brand g e- si c ckck. Die Bewohner der angrenzenden Häuser gaben durch Tüchcrschwenken ihrem Beifall Ausdruck. Tie Wache drängte die Demonstranten aus der Gasse. In der Gesandtschaft blieb alles dunkel. Die Studenten begaben sich dann nach dem Schwarzenberg-Denkmal, wo eine Aussprache gehalten iourde, welche in die Rufe ausklang: Rache für die Ermordung des Thronfolgers, Krieg gegen Serbien! Hierauf gingen die Studenten auseinander.
Tie Testamcntscröfsiiiliig.
Wien, l.Juli. Gestern wurde in Gegenwart des Kaisers und des Erzherzogs »karl Franz Josef unter der Mitwirkung des Oberhofmeisters, Fürsten Monte n novo, das Testament des Erzherzogs Franz Ferdinand eröffnet. Das Testament, das älteren Datums ist, verfügt, daft das gesamte bciveglichc und unbeloegliche Vermögen den Kindern znsällt.
Tic verwaiste» Kinder der Verstorbenen.
Prag, 30.Juni. „Hlas sslaroda" meldet aus Chlu- metz: Tic SckircckcnSbolschaft aus Serojcwo lras am Sonntag Mittag hier ein. Sie wurde zunächst den Kinder n des Erzherzogs Franz Ferdinand bis zum Abend verbciinlicht. Nachdem die Kinder von der Gräfin Henriette Ehotek schonend vorbereitet waren, übernahm der Erzieher StonowSki das schwere Amt. ihnen den Tod der Eltern mitzuteile» ?kls die Kinder die Nachricht crftihren, brachen sie in einen: Weinkrampf aus. Tie Gräfin Chotek fiel bei, dem herzzerreißenden Anblick der verzweifelten Kinder in Ohnmacht. Die erschütternde Szene ergriff alle Umstehenden auf das tiefste. Graf Wuthenau und Gemahlin, Fürst zu Schön- bürg und Gras Nostiz bemühten sich, den verwaisten Kindern Trost zuznsprcchen.
Das deutsche Kaiserpaar hat an die Fürstin Sophie von Hohenberg, das älteste Kind des Erzherzogs und seiner Gemahlin, folgendes Telegramm gerichtet:
„W i r k ö n n e n ! a u m W o r t e f i n d c n , u m e u ch K i n - dein auszusvrccheir, wie unsere .herzen bluten in dem Gedanken an euren namenlosen Jammer, Noch vor vierzehn Tagen konnte ich so schone Stunden mit euren Eltern verleben uno nun euch in diesem unermeßlichen Kn mm er z u wissen! Gott gebe euch Kraft, diesen Schlag zu ertragen. Der Segen der Ellern geht über da - Grab hinaus. Wilhelm I. II. Viktoria."
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Tic Ucbcrführung der Leichen nach Wie».
Se rase wo, 30. Juni. Tic Leichen des Thronfolger? und seiner Gemahlin wurden nach der Einbalsamierung gestern vormittag vom Erzbischof Stadler feierlich eingesegnet. Dann wurden die Särge geschlossen und versiegelt und der Schlüssel unk-er Siegel gelegt. Die Särge :oaren> im ersten Stockwerk des Konaks ausgebahrt. Zu beiden Seiten des Katafplks. der von Blattpflanzen und Kerzen umgebe» war, hielten Offiziere, Bnrggendarnien und Hosbedrenftcte die Ehrenwache. Zahlreiche .Kranzspenden füllten den schwarzausgeschlagenen Salon. Im Laufe des Nachmittags kamen ununterbrociwn Offiziere nnd Zivilpersonen, um Gebete zu verrichten. Abends wurden die Särge von Unter- ofsizieren nnd Soldaten des 84. Jnsanterieregimenzes hinab» getragcn und aus den Leichenwagen gehoben. Als sich der Üondult unter den Klängen eines Trauermarsche» in Bewegung setzte, wurden von der Gelben Bastion 24 Kanonenschüsse gelöst. An der Spitze,des Konduktes marschierten meh rere Bataillone Infanterie und ein Zug Kavallerie. Es folgten die Geistlichkeit. Kranzwagen und"der Wagen mit den Särgen, dabinter der Hofstaat mit dem Obersten Bardolsf und der Gräfin Lantus, Landeschcs Potiorck mit der Gene- ralitäl und den Spitzen der Zivilbehörden. sowie die dien'" freien Offiziere und Beamten. Eine große Menschcnmer hatte sich angesammelt, welche den Zug entblößten Hauptc- vorübcrziehcn ließ. Um 1 / 2 ? Ubr tras der Kondult aus dem Bahnhöfe ein, >00 die beiden Särge zum Leichenwagen ge-
Lin unblkanntcs Drama Gutzkows.
Ein bisher völlig unbekanntes Drama Karl Gutzkows, MS der Dichter im Jabre 1872 geschrieben hat. spielt in dem r i e s w e ch s e l zwischen T i n g e l st c d t und Gutzkow, n Rudolf Göhler in der Deutschen Rundschau vcrösscntlicht, ne Rolle Am 24. März 1873 bietet der Schöpfer des „llriel costa" seinem alten Freunde Dingelstedt, der damals Direktor -r Mcner Burg war, ein Schauspiel an, das mit dieser Er- ähnung zum erstenmal in der Gutzkow-Literatnr auftauckt. „vscn chw mit einem neuen Stück ano- oder pseudonpm austretcn, -reibt er, „höre aber in, Geist immer die warnende Stinimc eines kannten: „Warum das? Ihr Name garanttert Ihnen doch, das; ; Stück gelesen wird. Sonst gehts mit den Hunderten, die einge- wt werden, so lstn." Ich würde es dem Bnrgtheater cmschicken ch aus Annahme Kossen, wenn nicht ossene Feindschgst gegen ich da ist. namentlich Nicht auch bei den Schausplelern. Das be- esfende Opus ist ein baktiges modernes «chammel IN meiner m Manier der Hcrzenskonstikte, biirgtheatermaßig. glaub ich. ech und durch. Am hiesigen tzostheater würde mir sur den weib- hen Hauptcharakter die Darstellerin fehlen, eine (^relmgcr, eine eltich. Kann die Damböck eine „Kommerzienratm machen -i-ie abillon? Alt muh die Darstellerin ^ein, denn daraus beruht die >ee de^ Stückes. Jene Damen hakicn ja keine Anfalle, in die mdlichen Rollen zurückzuqreifen!"
Dingelstedt ist die Nachricht hochnnllkommen^und er bittet um artige Einsendung. Gutzkow läht nun das L)tück von feinem uen, literarischen Adlatus Christoph Wiese emreichen, der in nem Begleitschreiben andeutet, dah ntcf)t. er ber Bersasfer jei .•bei das Werk selbst urteilt der Autor: „Akt l., 2 3 bauen sich .enisch ganz klar und spannend auf. Auch noch Akt 4. r,a aber ne der Straßmann zuzuteilende Rolle mit dem Aktschluß stirbt, w ürchte ich — ernüchterte Stimmung IM Publikum, falls Nicht die iuilgendliche Liebhaberin 'Martha Ehlerdt gehntzen) in ganz befon- oers interessierenden Händen ist. Tie blauen etliche, du du finden wirst, sind Resultate dieser (Selbltfritif. Gegen den Titel, den ich ursprünglich wählen wollte und der durch Vorgänge,m -tuck motl viert gewesen wäre. „Treudankbar" lehnte sich n.cin ganzes Hans ank — Frau und Tochter zählen, wenn sie Meinungen verfechten, für das Dreifache — darum sage ich „ganzes Haus per etwa- nüchterne, den du finden wirft, fiel mir erst heu c nacht cm. „Vcr- letzte Rechte der Natur" ist wohl di- Idee des Ganzen.
Dingelstedt antwottet ablehnend am 24. April 1873: „Es geht nicht. lieber Freund: mit dem (wahrhaftig!) beiten Wi-len von der tSclt bringe ich Dein Stück nicht durch. . ' Man wird
sich da an die Arbeit der Frage swtzcn, von un,cren.brennendei, fcic dcr.cit brennendste, an di? man auch im konlcrvaNvltcn smi.e nicht rühren dars. Aber gesetzt, ich überwände durch pcrsoiüichcs
Eintreten meinerseits mrd einige Conzessionen Deiner Seits dies erste Hindernis — in den Schauspielern crivüchsc mir ein zweites, größeres. ... Es ist nicht zu leugnen, daß alle Deine Personen, so viel es ihrer smd, irgend einen Haken ln>b:n, selbst die am mildesten gezeichneten, die Kommerzienrätin, ihr Mann, ihre Nachfolgerin." Sodann weist Dingelstedt aus die mangelnde dramatische Konzentration hi», auf die Vermischung innerer seelischer Motive mit Äriminol-Nooellen und Knalleffekten." Dagegen kommen die Vorzüge: „Zeitgeniäfer Stofs, geistvolle Ausführung, Einzel- l-eitcn der grössten Feinheit" nickst aus. Gutzkow fügt sich dem Urteil und läßt sich das Stück zurückschicken. Vielleicht Hai er cs in der zunehmenden Verdüsterung seiner letzten Jahre vernichtet: jedenfalls findet cs sich nicht in seinem Nachlaß
— Die diesjährige Sommeraus stellung des F r a n k f u r t e r Kunst-Vereins (Frankiutt a. M., Junghoi- straße 8) wird Arnold -B ö ck l i n nnd Franz von L e n b a ch acwidinet sein und von beiden Meistern eine große Zahl von Werke» bringen, di' einen lleherblick Über ihr schaffen von den frühesten Anfängen bis in dis svätcste Zeit erniöqlichen. Tie meisten der ausgestellten Werke entstammen o.ivatem Besitz und jiitb sonst der Allgemeinheit nicht zugänglich: eine Reihe von Gemälden, darunter namentlich solche aus der Frül>zcit Boecklins, werden in dieser Ausstellung Übcrhauvt znm ersten Mal öffentlich ge- zeigt. Die Boeckli» - Lenbackd-Ausstellung wird gegen Mitte Juli eröffnet werden mid soll bis Ende September dauern.
— Björns 0 ns letzte Worte. In Chriftiania ist soeben ein Buch erschieucn, das alle Verehrer des großen Norwegers mit aufticlstigem Interesse begrüßen werden: cs enthält unveröffentlichte Erinnerungen an Björnstjerne Blörnson, die von Frau Finsen, einer intimen Freundin der Familie des Poeten, pietätvoll gesammelt wurden. Frau Finsen, die Zeugin der letzten Krankheit und des Todeskanlpscs Björnsons war, hat seine letzten Ideen und Worte getteulich ausnotiett, Acuße- rungen, die in der Ticic ihres Nachdenkens den Geist des großen Mannes oder besser gesagt: die menschliche Güte seines warm empfindenden Herzens charakteristisch wiederspiegeln. Die Liebe zur Schönheit, das Mitgefühl mit der känipteuden und leidenden Menschhci!, der heiße Wunsch, Gutes zu tun, leuchten aus ihnen, wie Strahlen aus köstlichen Edelsteinen, hervor. Nock; in den Tagen, da Björnsvn bereits wußte, daß er sich vom Schmerzenslager nicht melzr erheben werde, noch in den Augenblicken, da er mit dem Tode kämvite, samt er über das hohe Problem nach», wie man int Leben handeln müsse, um dem Mitmenschen das möglichst geringe Maß an Ucblem zuzusügen, das möglichst große Maß au Gutem zuzuwenden. Geben wir hier einige der icklönen „Aphorismen im Angftühte des Todes" nach
der nonvegischcu Origiualschrift wieder. „Eiiisvnals hielt ich es für meine Pslicht. allen Mensche» und alle Tage offen und treimütig die Wahrheit zu sagen, wenn ick das menschliche Dasein in, Spiele sah, wenn cs sich um schwere Jrrtümer vdeo bedeutende Vergehen handclle. Heute, da das Leben hinter mir liegt, bin ich von Zweifeln erfüllt und ftage mich angstvoll: Ist es nicht vielleicht besser, stillzuickuocigen. als zu reden?" fine Acnßcrung bei anderer Gelegenheit: „Nein. »ein. nicht die Religion. nicht das Schwert, auch nicht das Zepter werden »cmals die Menschheit erheben und ooranbringcn können: nein, einzig die Liebe!" Er starb, still und ergeben, indem er die purpunien Strahlen der IFrühlingssonne betrachtete, die eben zur Ruhe ging. Tic letzten Worte, die seine schon todcskalten Lippen hauchten, waren: „Schönheit . . . Güte".
— Der Vo g c l - B r ch in. Bor einem halben Jahrhundert starb der Ornithologe Ehristian Ludwig Brehm, der Vater Edmund Brchms, der durch das „Illustrierte Tierlcben" sich einen dau- crnden Namen erwarb. Der Vater war Autodidakt. Er war Geistlicher und Vogclsammler. Er war am 24. Januar 1787 in Sckiö- nau bei Gotha geboren, hatte in Jena Theologie studiert und war im Jahre 1813 in Renthendorf bei Neustadt a. Orla Pfarrer geworden. Und das blieb er über ein halbes Jahrhund?« bis zu seinem am 23. Juni 1864 erfolgten Tode. Aber der Landpfarrer von Renthendors war eine weit und breit bekannte Persönlichkeit, ja ein berühmter Mann. Er halte eine Nogelsammlung von mehr als 0000 Stück europäischei' Vikgel i» allen Altersstufen, Kleidern und Abänderiingen zuiamnwn. gebracht, und daß war ihm mir dadurch möglich gewesen, daß von weit und breit dem Pfarrer von Rcnihendorf Vögel ge
bracht und geschickt wurden. Er pstcgte in seiner Landpfarrc stets Hunderte von Vögel», von denen er die meisten gefangen, und die er dann, wenn sie verendet waren, selbst stopfte, und außer seinen verschiedenen Werken über Vogelkunde — er hat zuerst die zahlreichen 'Abwcicknmgen von der Nonnalform der einz.'lnen ?lrtc» sestgestcllt — veröffentlichte er über alles niöglickie die
Vogelzucht betreffende Handbücher, über Wartung uno Vilcge von Kanarienvögeln, über Taubenzucht, über de» Bogelfarg. über die Kunst, Vögelbälge herzusteklcn und noch viel ähnliches 'mehr Und alle Menschen weü über Thüringen hinaus, die irgend,
etwas über Vogelzucht zu wissen begehrten, wandten sich an den Vogel-Brchm, von fcftn man sich seltsame und lustige Dinge erzählte. So wollte inan loissen, daß er Tausende BS'cl i:n
Umkreise gewissermaßen „persönlich" kannlc. derart nämlich, daß er nicht nur wußte, der oder jener Vogel sei eine Anise!, sondern die Amsel, die da »der dort ihr Nest habe Man siebt iedcn- salls daraus, daß er wie kau" indcrer ill das Vogel-
leben cuigedruligcn >var.
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