Br. 150
Der Sikhener Anzeiger
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Die heutige Nummer umfaht 20 Seilen.
Der serbische Anarchismus.
„Das scheußliche Verbrechen hat seine Wurzeln außerhalb unseres Vaterlandes !" so heißt es in der Proklamation des Bürgermeisters von Serajetvo an die Bevölkerung der jetzt unter Staudrecht gestellten Stadt. Die Bomben, die in Serajewo geworfen wurden und noch geworfen werden foll ten, stammen, wie festgestellt, aus Belgrad. Der erste Attentäter Cabrinovic n>ar Buchdrucker in Belgrad und dort längere Zeit tätig. Der zweite Attentäter Princip besuchte die Handelsschule in Belgrad und war erst einige Tage zuvor von dort nach Serajewo zurückgekehrt. Aber weiter; In Ofenpest erhielt man die erste Nachricht von dem«Attentat aus —■ Belgrad. An dem Unglückstage war der sogenannte Vidovdan, der größte serbische Nationalfeiertag, an dem gelvöhnlich das iliatioiurlgefühl der Serben durch die chauvinistischen Blätter in ganz besonderer Weise aufgestachelt wird. Und endlich; Schon am Donnerstag der vorigen Woche konnte die in Belgrad erscheinende Zeitung „Nowosti" über den Besuch des Erzherzogs schreiben; „Ter sterreichisch-ungarische Thronfolger möge sich Bosnien und .'Herzegowina diesmal gut ansehen, denn es sei das letzte Mal. daß er dazu Gelegenheit findet".
^ Diese Tatsachen ergeben eine furchtbare Anklage, deren Spitze sich gegen Serbien wendet. Sic bilden aber auch die Grundlage zur Erklärung der Psyche der Mörder von Serajewo. „Wir sind Gegner des Imperialismus", so erklärten bic Mordbubcn in den ersten Verhören, und unter Imperialismus verstanden sie Oesterreich. Um sich in t -e Köpfe dieser serbischen Anarchisten hineinzudenken, muß ilian sich vergegenwärtigen, was sie an politischem Zeitungs- stosi zu sich genommen haben: Die ausländische Industrie vürgc die einheimische in den Anfängen, dem Lande sei
Zugang zum Meere verwehrt worden, da^ Serbentum i'tte national zersplittert bleiben, und wie durch die österreichische Besitzergreifung Bosniens und der Herzegowina seinerzeit das Herz aus der Brust gerissen worden sei, so halte auch heute noch und erst recht Oesterreich seine Hand schwer und eisern auf Bosnien, und wenn die Forderungen Serbiens bei der demnächst zu erwartenden Liquidation Albaniens niciu erfüllt würden, so sei der längst angedrohte Krieg unausbleiblich.
Nimmt man dazu noch die serbische Umwelt und lieber- lieferung, den starken Geruch von Blut und Leichen, der sich vom Boden Serbiens seil Jahrzehnten^ und Jahrhunderten erhebt, die Fülle der Frevel, deren Schauplatz das Land gewesen (das erste große Heldenepos der Serben, das die Schlacht aus dein Amselselde feiert, dieses Epos der Besiegten, feiert zugleich den Königsmord), gedenkt man der Instinkte brutaler Grausamkeit und schonungslosen Hasses, die in Serbien so lange durch die hewaltsame Lostrennung von der europäischen Kultur gezüchtet waren, so hat man die Psychologie der Mörder von Serajewo. Damit soll «Serbien als Staat und (Kation nicht beleidigt sein. Aber sagte doch der Berliner serbische Gescttziststräger selbst einem Vertreter der Presse: „Keinem kann die Tragödie von Serajewo peinvoller sein als mis Serben."
Von den heute eingelausenen Nachrichten ist noch eine in Wiener Blättern halbamtlich erschienene Notiz bemer-
Die babylonische Urform der Geschichten von Sündensall und Sintflut entdeckt.
Eine Entdeckung von höä>stcr Wichtigkeit, die ganz neue Ausschlüsse kür die Bibclkunde bietet, ist einem Bericht der „Times" zufolge von dem Professor sür Archäologie an der Landesuniversität Oxford Tr Langdon gemacht morden. Der Gelehrte Hai unter den frühbobylonisäien Täjelchcn, die in Nippur ausgegraben wurden einen »orscmNischen Bericht über die Sinlslut entdeckt, den er als , das deutliche Original der Erzählung, die im Buch Genesis cntlxilten ist," erkannt hat. Außerdem enthält dasjelbc Täfelchen noch einen Bericht über den Sündensail des Menschen, der durch das Essen einer bestimmten Frucht hcrvorgcrusen wurde. Es ist dies die erste Erwähnung des Sündensails, die sich in der babylonischen Literatur sindel. Das denkwürdige und einzigartige Dokument stammt aus der ersten Bibliothek in Nwvur, die während eines Einsallcs der Elamrten IN Babylonien ,m Zeitalter Abrahams zerstört wurde, und befindet sich nun mit einer Anzahl anderer Täfelchen im Museum von Philadelphia.
Als Dr Langdon vor einigen Monaten dies Museum besuchte, schrieb er sich die Inschriften von etwa jünszig Täfelchen der Nippur-Sammlung ab, die alle in sumerischer Schrlst sind einem Keilschrift Alphabet der vorsemitischen Beivohncr von Babylonien. Das eine dieser Täfelchen weist nun eme Hymne an Nimtud aus an die babylonische Göttin, die nach der Sage die Schöpferin des' Menschen ist. Die Hymne biete: die babylonische Version der Flutgeschichte und stimmt im Gegensatz ,n dem berühmten „chal- däischen Bericht der Sintflut", der 1872 von George Smith entdeckt wurde, mit der biblischen Darstellung in dem Namen des Patriarchen überein, der auf Grund seiner Frömmigkeit aus der Ko- tastrophc gerettet wurde. Der Name, der diesem Patriarchen be>- qclegt ist. heisst Tagtog, auf semitisch Nühu. Weitere gleiche Angaben zwischen der babnlonöchen und der biblifdx-it Erzählung sind bic 'Bezeichnung des Patriarchen als eines „Gärtners" oder Ackerbauers und die Dauer der Flut, die beide Male mit neun Monaten wlcücrgegeben wird. Tic Kabul'wiche.Version berichtet dann weiter, daß Noah nach der Flut „wie die Götter" wurde, was dayin zu verstehen ist, daß er das Geschenk einer außerordentlichen Langlebigkeit empfing: sodann erzählte sie, daß OanncS — die babyloniickze F»rui iür den Wasscrgotl Enki -- Noah die Geheimnisse der Tinge lehrte irnd ihm die Weisheit enthüllte, die von den Göttern in Besitz gel-alten wird. Es ist bemerkenswert, daß diese „Enthüllung der,We:sh:il" auch von Berosius erwähnt wird, dem babylonischen Geschichtsschreiber, der zur Zeit Nebukadnezars schrieb. Nach einer Lücke der Inschrift stüsst niau dann aus die bedeutsame Erzählung des Sünde',salles, der Bestrafung mit dem Verlust des ewigen Lebens oder der aLnglebigkcit deswegen, toeil der Mensch vom Bamn des Lebens aß. Die Darstellung besteht in einem Streitgespräch zwischen der «Schöpferin deS Menschen, Ninharseg oder
kenswert, nwrin es u. a. heißt, „daß die bisherige gutmütige Haltung der Monarchie" wohl mißverstanden worden sei:
„Davon nimmt die Leitung der österreichischen Politik Kenntnis und weiß sich in Uebereinskimmung mit dem europäischen Kulturbewußlsein, wenn sie feststellt, daß das Maß ihrer Geduld erschöpft i st. Tie nächsten Tage und Wochen müssen zeigen, ob man überall die Pflichten anerkennt, die eine solche Schandtat den auswärtigen Regierungen gegenüber irredcntiskischen Hetzereien und «Spekulationen aus dem Gebiete der Monarchie auferlegcn."
Das ist wohl mehr als eine Warnung gedacht, denn als Ankündigung eines Umschwunges in der Politik des Habsburger Reiches. Vielleicht ist 'der Ursprung dieser Notiz doch in einer Quelle zu suchen, die nur halb verantwortsich ist und sich nichts „gefährliches" dabei gedacht hat!
Tie beiden Mordbubcn
Serajewa, 29. Juni. Außer den beiden Attentätern wurden zugleich noch einige der Mitschuld verdächtige Personen verhaftet. Die bisherigen Erhebungen haben ergeben, daß die beiden Attentäter Laudesangehörige und serbischorthodoxen Glaubens sind. Cabrinovic gestand, vor kurzer Zeit in Belgrad gewesen zu sein, wo er Bomben zu dem ausdrücklichen Zweck eines Attentats aus den Erzherzog erhalten habe. Der zweite Attentäter gestand, er habe seit seiner Rückkehr aus Belgrad den Vorsatz gehabt, eine hochstehende Persönlichkeit zu erschiecßn, um dadurch die serbische Nation für die angebliche Unterdrückung zu rächen. Bei der Ausführung des Attentats habe er sich absichtlich zwischen zlvei bekannte Studenten gestellt, von welchen er gewußt habe, daß sie noch nicht verdächtig waren. Bon dem Bombcnatienlat Eabriiwviös habe er nichts gewußt. Wegen der U c b e r r a s ch u n g ü b e r d a S Bombenattentat sei er nicht schußfertig gewesen, als der Erzherzog das erstemal vorbcigesahren sei. Maßgebende Kreise sind überzeugt, daß die Ausübung derartiger Attentate durch bosnische Landesangehörige ausgeschlossen gewesen wäre, wenn ichcht geraume Zeit hindurch, wie schon seit langem bekannt gewesen sei, in der loyalen serbischi- orthodoxen Bevölkerung vom Ausland aus in maßloser Weise agitiert und geschürt worden wäre, was besonders bei der Jugend der Mittelschulen und den Sozialisten scr- bisch-orthodoxen Glaubens verführend wirkte.
Belgrad, 29. Juni. Das Blatt „Lalcane" macht über die beiden Urheber des in Serajewo verübten Attentats folgende Angaben: Ncdjehsp Cabrinovic, von Beruf Typograph, war vou anarchistischen Ideen erfüllt und als unruhiger Geist bekannt. Er weilte bis vor 20 Tagen in Belgrad, wohin er nach dem Kriege kam und wo er in der Staatsdruckerei beschäftigt war. Bor seiner Abreise erklärte er, daß er sich nach Triest begebe, wo er in eine neue 'Druckerei kommen werde. Cavrilo P r i n c i 0 weilte gleichfalls bis vor kurzem in Belgrad. Während des Krieges hatte er sich alo Freiwilliger gemeldet, wurde jedoch nicht angenommen, weshalb er Belgrad verließ. Er kehrte aber zu Weihnachten vorigen Jahres nach Belgrad zurück, wo er eine Zeitlang das Gymnasium besuchte und verließ dann Belgrad säst zu gleicher Zeit wie Cabrinovic, doch aus einem anderen Weg als dieser. Princip war schweigsam, nervös, lernte gut, verkehrte mit einigen gleichfalls aus Bosnien und der Herzegowina stammenden Mitschülern und in der letzten Zeit auch mit Cabrinovic. Er neigte sozialistischen Ideen zu, obwohl er ursprünglich der fortschrittliche» Jugend angchörte. Cabrinovic und Princip verband seit ihrer Kindheit eine unzertrennliche Freundschast.
Nimtub, inid ihrem Gatten Enlil. Der Anfang der Erzählung ist nicht erhalten. Was davon auf uns gekommen ist, wird von Langdon folgendermaßen übersetzt: „Von der Kassia nahm er . . . Er aß. . . Die Pflanze, die ihr Schicksal bestimmte, damals kam sie über sic. Ninharseg im Namen von Enkt stieb einen Fluch aus: „Von nun an soll er Leben, bis er stirbt, nicht sehen." Die Geister der Unterwelt im Staub setzten sie sich nieder. Zornig sprach sie zu Enlil: „Ich, Ninharseg, gebar diese Kinder, und was ist mein Lohn." Enlil, der Vater, antwortete zornig: „Du, o Nin- harscg, hast Kinder geboren, deswegen soll Dein Name heißen „Jv-mcincr-Stadt-zwei-Menschen-will-ich-machtni-sür-dich". , Der Berühmte, seinen Kops hat sie gesormt als ein Vorbild, seinen Fuß hat sie gezeichnet als ein Vorbild, seine Augen hat sic leuchtend gemacht als ein Vorbild." Es ist zu beachten, daß in der babylonischen Erzählnng im Unterschied zur biblischen cs Noah ist und nickt Adam, der versuch! wird und fällt Bedeutsam ist die Jdcniisizicrung der Kassia mit dem Lebensbauni. Die Kassia ist die wichtigste aller Heilpflanzen des Altertums, und von ihrer Wirkung als Heilmittel mag sich ihre Bezeichnung als ein Baum herschrciben, der etviges Leben gibt. Die Bezeichnung des Baunies als des „Baumes der Erkenntnis" ist den Hebräern eigentümlich. In einigen babylonischen Texten wird die Kassia der Daum der «Schlange genannt, und cs ist möglich, daß der verlorene Teil des Täfelchens, der den Anfang der Erzählung enthält, die Szene der Versuchung schilderte.
— Aiajor v. Bohlen und Hallbach nicht Intendant in Karlsruhe. Herr Major a.D. Harry v. Bohlen und Lallbach Hot erklärt, daß die^von verschiedenen Zeitungen gebrachte Nachricht, er sei omi l. September ab au das Karlsruher hosthcatcr verpslichtet, völlig unrichtig ist. Ter Intendant des hol- theatcrs Geh. hosrat Tr. Basscrmann hatte die Freundlichkeit, ihm zu gestatten, daß er sich einige Zeit zu «tudien- zwccken am Karlsruher Hoftheater aushaltc, wie er solches bereits am Hamburger Stadttheater tat und auch an anderen Bühnen noch zu NM gedenkt. Daß er iedoch am Karlsruher hosthcater selbst «Intendant werden solle, wie jene Zcitungsnieldung behauptet habe, davon sei'überhaupt uic und an keiner «teile die Rede gewesen.
— Eine große Anzahl von Feuerstcingerätcn aus der ncolithischen Zeit wurde im Klettaugebict (Schweiz) gesunden. Aus dem hämming entdeckte man viele Ton- scherbcn mit Ornamenten aus der späteren Bronzezeü. Man nimmt an. daß dort eine Zusluchtsstätte bestanden haben muß. Die Funde sind so zahlreich, daß cs sich hier nicht um eine Opferstätte, sondern nur um eine eigentliche Niederlassung handeln kan». Nach der „Umschau" werden die Grabungen in größerem Umsang sortgcsctzt.
— Eine recht interessante Frage beantwortet die Wochenschrift „Promotheus" (Lcivziq, Otto Spamer) in einem hübschen «kleinen Aussätze. „Welches ist der Stofs bezw. das Material, das gegenwärtig die manifigsalügsh: Verwendung findet.?" .Es Pt
Sic hatten Serbien verlassen wollen, weil sie dort, trotzdem sic sich sür begeisterte Serben ausgaben, nicht die crhossic Ausnahme gesunden haben.
Zahlreiche Verhaftungen in Serajewo.
Der „Neuen Freien Presse" wird aus Serajewo gemeldet: Es finden zahlreiche B er Haftungen von bosnischen Serben statt, auch von Frauen und M ä d ch e n. Tic Verhöre dauern jort. Gendarmerie-, Polizei- und Militärpatrouillen durchziehen die Stadt. Um 10.30 Uhr nachts Imirden d r e i M o n l e n e g rinet cet> hastet, von denen einer ein Tischler ist, ivährend die beiden anderen angeben, Studenten zu sein. Allem Anschein nach handelt es sich um ein weit verzweig t e s K o m p l o t t. Es wird erzählt, daß Cabrinovic wiederholt geäußert habe, es werde gelegentlich der Ankunft des Thronfolgers etlvas geschehen. Es darf nicht vergessen werden, daß gestern der größte serbische Nationalfeiertag, der sog. „B e s r e i u ii g s t a g der Serben" war. Aus diesem Anlaß brachte das serbische Oppositionsblatt „Narod" einen chauvinistischen Artikel, der mit den serbischen Farben umrahmt war. Dieses Blatt wurde auch bei dem Täter Cabrinovic gesunden. Um 9.30 Uhr abends sanden in der Franz-Josef-Straße an tiser b ische Kundgebungen der kroatischen und moslcmitischcn Jugend statt. Studenten zogen, die Volkshymne singend und hoch- ruse auf den Kaiser ausbringend, durch die Straße und riefen „Nieder mit den Serben! hinaus mit ihnen! Wir brauchen diese Mörder nicht! Nieder mit den Feinden der Monarchie!" Tie Kundgebungen nahnien einen immer größeren Umfang an. Die Kroaten und Moslims bewarfen das Hotel de l Europe, das Eigentum des serbischen Führers Jeftalnovic, des Schwiegervaters des serbischen Gesandten in St. Petersburg, Dr. Spalaikowitsch, mit Steinen und zerlrümmcrten die großen Scheiben eines Kaffeehauses. Zur Verstärkung der Polizei mußte Militär ausgcbolen werden, um die Ruhe wieder herzustellen.
Serajewo, 29. Juni, Tic Kundgebungen nahnien, da sich zu den Demonstranten der Pöbel hinzugesellte, einen iznmer bedrohlicheren Charakter an. Serbische Kausläden wurden gestürmt und geplündert. Infolge des bedrohlichen Charakters der Kundgebungen und da die Erregung in der Stadt immer mehr ivuchs, wurde das Standrecht verhängt: sämtliche Stadtpunkle sind militärisch besetzt worden. Ein junger Bursche warf am Vormittag an einer Straßenecke eine Bombe, die explodierte; ein Moslim wurde verletzt, der Bursche verhaftet.
Die Leichname des Erzherzogs und der Herzogin wurden heute nacht einbalsamiert und ihnen dann die Totenmaske abgenommen. Der Zeitpunkt der llcber- führnng der Leichen nach Wien ist noch nicht bekannt. An der Bahre werden zahlreiche Kränze »iedergclegt. Der am hinterlaupte verletzie Flügeladjutanl Oberstleutnant Me- rizzi befindet sich außer Gefahr. Graf Boos-Waldeck wurde nur unerheblich verletzt.
Ten Einzug der Truppen und die Proklamicrung des Standrechts nahm die Menge mit begeisterten .Hochrufen ausden Kaiser auf. Beim Heranrücken der Truppen spielte sich folgende Szene ab: Als eine Abteilung heranmarschierte, lvclchc stürmisch akklamiert lvurde, ries der Oberst den Maniscstanten zu: Wenn ihr den Kaiser liebt, seit jetzt ruhig. Die Menge leistete der Ausforderung sofort Folge.
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der Papierstoff. Wenn man sich vergegenwärtigt, was alles aus Papicrsloss hergcstellt wird, muß man deni Versasser zweifellos beistimmen. Tie Eisenbahnwagenräeer aus Papierstoss na.cn vor Jahrzehnten einmal eine große Sensation, Ricmichciben und Zahnräder aus Papierstoff sind heute ebenso bekannt, wie Anzüge aus Papier, die beispielsweise im städtischen Kcankeuhause von Chilago in großem Maßstabe von den Kranken getragen und nach dem Gebrauch verbrannt werden. Strümpfe aus Vap erstoss gibt cs in Amerika ebenfalls, mit Handtücher» aus Papier ärgern süddeutsche Eiscnbahnvcrwaltungcn die Fahrgäste ihrer li-Zug ragen, in Amerika sabriziert man wasserdichle Regcnmänle! aus Papier, die zusaiunicngesallcl in der Tasche getragen und nach einmaligem Gebrauch weggcworien werden, während der japanische Kuli — Japan ist das Land, in dem auch Wände und Fenster aus Papier hergestcllt werden — seinen nwsserdichicn Regenmantel aus Papier, den er sür etwa 75 Pfennig kaust, etwa ein Jahr lang tragen kann. Fässer, Eimer, Badewannen, Küchengcsäßc verschiedener A.rl und Waschbretter aus Papierstoff finden sich auch bei uns in vielen Häusern, Fußbodcnbelag und Wandbekleidungsstoffe aus Papier sind auch keine Neuigkeiten mehr, lvährcnd Gasrohre aus Papier doch verhältnismäßig selten Verwendung finden. Leitungsiiola- torcn aus Pavierswff, Ledcrimitatioiicn, sowie Garne und Gewebe aus gleickzcm Material erfreuen sich dagegen einer zunehmenden «Anwendung. Segel sind ein erst neuerdings aus Papierstoff her- gestellter Artikel, während hygienische, weil nach Gebrauch lvcg- gcworsenc Trinkbecher und Flaschen aus Papier in größeren Mengen verbraucht werden. Triumphe feiern der Papierstoff und das Papier als Verpackungsmaterial der verschiedmsten Art, von den scinsteu Erzeugnissen unserer Kartonnagcnindusttic bis zu den Zemcntsäckcn sür ein Gewicht von 50 Kilogramm und mehr. Neuerdings tritt nun aber der Paricrstoss auch als Ersatz sür Holz bei Tischlerarbeiten aus, iusbeionderc int Schiffbau, wo das leichte Gewicht eine große Rolle spielt. Zudem können die Bretter, Leisten usw. ans Papierstoff, der sich sehr leicht in Formen gießen und pressen läßt, aus viel billigerem Wege init plastischen Ornamenten versehen werden als bolz. Befestigt iverden solche imitierte Hölzer aus Papierstoff mit Schrauben aus dem gleichen Material, wohl dem neuesten Artikel aus Papier. Die Schrauben werden gegossen, das Gewinde — grobes holzjchrauben- gennndc — wird in gleicher Weise cingesckmiitcu, wie bet eisernen Schrauben. Tiefe kurze Auszählung dürste schon das eingangs über die universelle Verwendbarkeit des Papierstoffes Gesagte bestätigen. Aus Vollständigkeit kann aber diese Aufzählung durchaus keinen dknsvruch machen. Wahrscheinlich ist die Zahl der hier nicht angeführten Artikel, die auch aus Pavierstost hergestellt werden, größer als die der gcnaniltcil. Und was die Zukunft aus hieseni Gebiete noch bringen wird, läßt sich vollends gar nicht abselze», denn heute werden immer noch etwa 90 Prozent des in der Welt erzeugten Papierstoffes zu Papier verarbcttet.,


