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Der Slehener Anzeiger

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Erstes Blatt

<64. Jahrgang

Montag. 29 . Juni M4

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger sür Oberhessen.

Rotationsdruck und Verlag ücr vrubl'schen llnio.-vuch- und Steindnickerei 8. Lange. Redaktion. Expedition und Druckerei: Schulstrahe 7. Amei^meN:' o? B-L

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jährlich Mt. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk.2.viertel- jährl. ausschl. Bestellq. ZeilenpreiS: lokal loPf^ auswärls 20 Pfennig. Chefredakteur: A. Goey. Perantworllich für den polit. Teil: Aug. Goetz; für .Feuilleton*, .Ver­mischtes* und^Gerichts-

Bomben- und Kevolveranjchlag auf den österreichischen Thronfolger.

Erzherzog Zranz Zerdinaud und Gemahlin getötet!

Serajewo, 28. Juni. Ms der Erzherzog-Thron­folger Franz Ferdinand und seine Gernahlin, die Herzogin von Hohenberg, heute durch die Straßen fuhren, gab ein Individuum aus nächster Nähe mehrere Pisto­lenschüsse auf sie ab. Beide wurden tödlich ge- troffen und verschieden nach wenigen Mi­nuten.

S e r a j c w o. 28. Juni, Ms sich der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand mit seiner Gemahlin heute oormittag zum Empfange ins Rathaus begab, lvurde gegen sein Automobil eine Bombe geschleu­dert, die der Erzherzog mit dem Arme zurückstieß. Die Bombe explodierte, nachdem das Erzherzog­liche Automobil die Stelle passiert hatte. Die in dem nachsolgenden Automobil befindlichen beiden Herren des Gefolges wurden leicht verletzt. Vom Publikum wur­den sechs Personen verletzt. Der Attentäter, der Typograph Eabrenovic aus Trebinje, wurde sofort fest- genommen.

Nach dem Empfang im Rathause setzte der Thron­folger mit seiner Gemahlin die Rundfahrt fort. Ein Gymnasiast der achten Klasse namens Princip aus Prahova feuerte aus einem Browning mehrere Schüsse auf den Thronfolger und dessen Gemahlin ab. Der Thronfolger wurde im Gesicht, die Herzogin in den Unterleib getroffen. Beide wurden in den Konak übcrgefiihrt, wo sie ihren Ver­letzungen erlegen sind. Der Attentäter wurde ver­haftet. Die erbitterte Menge lynchet nat»ezu beide Atten­täter.

Zu der Ermordung des serbischen Königspaares Mex- andcr und Draga am 11. Juni 1903 sowie der des Kö­nigs Karl von Portugal und des Thronfolgers am 1. Fe­bril ar 1908 gesellt sich als dritte furchtbarste Bluttat der neuesten Geschichte die Ermordung des österreichi­schen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdi­nand und seiner Gemahlin. Was sind .Hoffnungen, was sind Entwürfe, was sind Befürchtungen! Lange Mo­nate hatte man um das Leben des Kaisers Franz Josef gebangt, schon hatten sorgsame Zeitungen die Nach­rufe vorbereitet für den greisen Herrscher und die Bio­graphie für den kommenden Atann. Aber eS kam anders. Kaiser Franz Josef, der im 81. Lebensjahre steht, hat sich von der Krankheit, die seine Gesundheit ernstlich erschüttert hatte, wieder erholt, und der kommende Mann, die junge Kraft, die ihm auf dem Throne folgen sollte, ist vor ihm ins Grab gesunken. Den Toten ,nuß man beklagen, aber auch den Lebenden, den greisen Herrscher, dem zu dem unendlichen Leid, das ihm sein langes Leben gebracht, nun noch ein neues, grausiges zugefügt worden ist. Der Bru­der des in Luerctaro hingemordeten Ei^hei^ogs Maxi­milian, der durch den jähen Tod des Kronprinzen Rudolf gramgebeugte Vater, der durch den Dolch Luc- cheni? der hochsinnigen Lebensgefährtin beraubte Gatte, lmt jetzt den verhältnismäßig noch jungen Thronfolger, auf den er seine Hoffnungen für das Wohl der Monarchie setzte, vor sich ins Grab sinken sehen. Die Jugend stirbt, und das Mter lebt und leidet.

Voller Tragik ist auch das Geschick des Ermordeten und seiner Gattin. Als der Erzherzog Franz Ferdinand Karl Ludwig Joseph Maria von Oesterreich am 18. Dezember 1863 in Graz geboren wurde, konnte nie­mand ahnen, daß er dereinst der berusene Thronanwarter werden würde. Er kam als ältester «oohn des Erzherzogs Karl Ludwig, des zweiten von den drei.jüngeren Brüdern des Kaisers Franz Josef, zur Welt und entstammt der schon im Jahre 1871 durch den Tod gelösten zweiten Ehe seines Vaters mit der Prinzessin Amiunziata von Bourbon-Si- cilien Rach dem tragischen Ende des Kronprinzen Rudolf am 30 Januar 1889 ging die Thronmnoartschaft aus seinen Vater i?nd nach dessen am 19. Mai 1896 erfolgten Tode aus ihn selbst über. Man entsinnt sich noch der allgemeinen Sensation, welche seine am 1. Juli 1900 geschlossene morga­natische Ehe mir der Gräfin S o s i e C h o t e k v o n C h o t- kowa und Wagnin. der am 1.Marz 1868 zu Stuttgart geborenen Tochter des österreichisch-ungarischen Gesandten am württemberqischen Hofe, des Grafen Borislav Ehotek, und der Gräfin Wilhelminc Kinsky erregte. Man weiß, welche heftige» Kämpfe dieser Eheschließung vorangingen, auf welch scharfen Widerstand der Erzherzog stieß, den er zum Schluß doch überwand. So überwand, daß die morga­natische Gattin des Thronfolgers, die als solche Fürstin von Hohenberg hieß. 1905 zur Durchlaucht und 1909 zur Hoheit und zur rrerzogin von Hohenberg befördert wurde.

Freilich hatte der Erzherzog feierlich aut die Erbbcrech- tiauna seiner Kinder aus dieser Ehe verzichten müssen, die nach österreichischem Recht als nicht jukzessionsfahig gilt.

Es sind dies Fürsten Sofie, geboren 24. Juli 1901, Fürst Maximilian, geboren 29. September 1902, und Fürst Ernst, geboren 27. Mai 1901. Durch den Tod des Erzherzogs Franz Ferdinand geht die Thronfolgeanwartschast aus den Groß­neffen des Kaisers, den Erzherzog Karl Franz Joses, über. Dieser ist der älteste der beiden Söhne des am I. November 1906 verstorbenen Erzherzogs Otto, der ein jüngerer Bruder Franz Ferdinands war.

Der jetzige Thronfolger, mit vollem Namen Kar l F ranz Josef Ludwig Hu bertGeorg Otto Maria, wurde am 17. August 1887 in Persenbeug ge­boren, steht also im 27. Lebensjahre. Nach absolviertem Gymnasium schlug er, wie üblich, die militärische Lauf­bahn ein und steht zurzeit als Major im Infanterieregi­ment Nr. 39 in Wien. Seih dem 21. Oktober 1911 ist er mit der am 9. Mai 1892 geborenen Prinzessin Zita von Bourbon und Parma vermählt, und der am 20. November 1912 geborene Erzherzog Franz Josef Otto stellt also jetzt die dritte Generation dar. Der Thronfolger gilt als ganz besonders deutsch-freundlich, und er hat, ohne poli­tisch hervorgetreten zu sein, aus dieser Gesinnung nie ein Hehl gemacht.

Am Grabe des Erzherzogs Franz Ferdinand mag man nicht der mancherlei Irrungen und Wirrungen in seinem Leben gedenken, nicht der Gerüchte, die ihn als tschechcm- sreundlich hinzustellen wußten, sondern nur seiner hervor­ragenden menschlichen, staatsmärmischen und militärischen Eigenschaften, seiner außerordentlichen Verdienste um die Kräftigung der Monarchie, vor allein um Oesterreichs Heer und Marine. Um so tragischer wirkt es, daß er so jäh aus (einem Schaffen abberusen lvurde, und daß diese Liebesche auf dem Fürstenthron ein so blutiges Ende durch die .Hand eines Mörders fand, dessen wahnwitziger Haß offenbar durch die neuerdings in der Donaumonarchie mit verstärktem Eifer betriebene großlerbischc Propaganda ge­schürt worden ist. Diese blutigen Früchte der Nationalitäten­hetze, die in Cisleithanien von jeher ihre besondere Stätte gefunden hat, sollten allen denen ernstlich zu denken ge­ben, die direkt oder indirekt mitschuldig sind an diesem gefährlichen und, wie sich soeben wieder gezeigt hat, folgen­schweren Spiel mit dem Feuer.

Einzelheiten über die Tat.

Wien, 28. Juni DieNeue FreiePresse" bringt folgende Darstellung über die erschütternde Tragödie in Serajewo:

Nalcb dem ersten Attentat, bei dem der Flügeladjntant Oberstleutnant v. Marizza am Halse verwundet wurde, ließ der Erzherzog sein Automobil halten. Nachdem er er­fahren hatte, um was es sich handelte, fuhr er nach dem Rathanse. Dort erwarteten ihn die Gemeinderäte mit dem Bürgermeister an der Spitze. Ter Bürgermeister wollte eine Ansprache hallen. Ms er sich hierzu anschickte, sagte der Erzherzog in scharfem Tone zu ihm:Herr Bür­germeister, da kommt man nach Serajewo, um einen Besuch zu machen, und man wirft aus einen Bomben. Das ist empörend!" Nack» einer Pause sagte er:So, jetzt können Sic sprechen!" Der Bürgermeister hielt dann eine Ansprache an den Erz­herzog, der hierauf erwiderte. Das Publikum, das in­zwischen von dem Attentat erfahren hatte, brach in begei­sterte Zivio-Ruse auf den Erzherzog aus.

Nach, der Besichtigung des Rathauses, die eine halbe Stunde dauerte, wollte der Erzherzog in das Garni­sonlazarett fahren, um den verwundeten Oberstleut­nant zu besuchen. Ms der Erzherzog an der Ecke der Franz Josesstraße und der Rudolfftraßc angelangt war, wurden ans ihn in rascher Aufeinaiiderfolge von einem Indi­viduum namens Gavrilo Princip (beide Attentäter sind Serben) zwei Revolverschüsse abgegeben. Der erste Schuß, welcher durch das Automobil ging, durchbohrte die rechte Bauchseite der Herzogin, der zweite Schuß trat den Erzherzog neben der Kehle und durchbohrte die Halsschlagader. Die Herzogin war sofort bewußt­los und siel dem Erzherzog in den Schoß. Der Erzherzog verlor nach einigen Sekunden das Bewußtsein. Das Auto­mobil fuhr in den Konak. In dem Automobil bcfaiiden sich auch der Landesches und Gras Harrach, der das Automobil lenkte, ferner der Vorstand der Militärkanzlei, Oberst Bardolff, der zu Hllfe geeilt ivar, und ein Major.

Im Konak leisteten Oberstabsarzt Wolsgang und Regi- inentsarzt Payer die erste Hilfe, doch gaben der Erzherzog und die Herzogin von Hohenberg keincLebenszeichen mehr von sich. Der Spitalkommandant, Oberstabsarzt Arnstein, stellte den Eintritt des Todes fest. Hierauf wurde seitens der Zivil- und Militärbehörden der Tatbestand aus­genommen.

Von anderer Seite wird noch über das Attentat von Serajewo gemeldet: Heute vormittag 10 Uhr traf das erz­herzogliche Paar aus Jlisse in Serajewo ein, wo ein großartigerEmpfang vorbereitet wurde. Unweit dem, Bahnhose wurde die Bombe geworfen, von der der Thron- j solaer imb seine Gemahlin noch verschont blieben, durch welche 11 Personen aus dem Publikum, davon sechs'

schwer und fünf leicht verletzt wurden. Die beiden Offi­ziere des Gefolges sollen schwer verletzt worden sein Trotzdem fuhr das Erzherzogspaar nach dem Rat­hause weiter. Nach dem Verlassen des Rathauses sollen sie bcabsichsigt haben, den Verletzten einen Besuch abzustatten. Am H auptpl atz von Serajewo sprang plötzlich ein jun­ger, gut gekleideter Mann aus dem Publikum hervor und gab aus das erzherzogliche Paar zwei Schüsse ab, von denen einer den Erzherzog-Thronfolger nahe der Schläfe und der andere die Erzherzogin von Hohenberg in den Unterleib traf. Das Automobil setzte die Fahrt nach dem Konak in beschleunigtem Tempo fort. Hier waren sofort Aerzle zur Stelle, doch war jegliche Hilfeleistung unmöglich. Gleich nach dem Eintreffen in dem Konak verschieden der Erzherzog-Thronfolger und seine Gemahlin.

Ter Mörder.

Serajewo, 28. Juni. Der Attentäter Princip ist 19 Jahre alt. Er gab bei dem Verhör an, schon lange die Absicht gehabt zu haben, irgend eine hohe Person aus nationalistischen Motiven zu töten. Er habe einen Moment gezögert, da auch die Herzogin sich im Automobil befand, dann aber rasch gefeuert. Er leug­net, Komplizen zu haben. Der einundzwanzigsährige Typograph Eabrinovic zeigte bei dem Verhör ein sehr zynisches Wesen. Auch er erklärte, keine Komplizen zu haben. Eabrinovic war nach dem Attentat in den Fluß gesprungen, wurde jedoch von den nachspringendcn Wachtleuten und Personen aus dem Publikum verhaftet. Wenige Schritte von dem Schauplatz des zweiten Attentats wurde eine unwirksam gebliebene Bombe ausgesunden. Sie dürfte von einem dritten Attentäter wcggcworsen worden sein, nachdem er gesehen hatte, daß der Anschlag gelungen war. Princip erllärte, er habe längere Zeit in Belgrad studiert. Eabrinovic erllärte, die Bombe von einem Anarchisten in Belgrad, dessen Namen er nicht kenne, erhalten zu haben.

Tic erste Bombe

war eine sogenannte Flaschenbonibc mit Nägeln imd gehacktem Blei gefüllt. Tie Explosion war von großer Heftigkeit. In einem in der Nähe befindlichen Geschäftsladcn tvurden die eisernen Rolläden an mehreren Stellen durch­schlagen. Es wurden etwa 20 Personen zumeist leicht verletzt, darunter ein Forstrat und seine Gattin, ein Apo­theker und nichrere Damen und Kinder. Im Lause des Nach­mittags meldete sich noch eine Reihe westerer Personen, meist mit geringfügigen Verletzungen. Ein Beamter der Landesregierung, namens Reich, lfat schwere Verletzungen durch Sprengstücke an den Beinen erlitten.

Tcr Einpsang im Rathausc von Serajewo.

Serajewo, 28. Juni. Der heutige Einpfang des Erz­herzogs Franz Ferdinand und der Herzogin von Hohenberg im Rathausc verlief programmäßig, tim 9.50 Uhr erfolgte die Ankunft der Gäste mittels Hofzuges. Vor dem Philipvic- Lager wurden der Erzherzog und die Herzogin von den mili­tärischen Behörden empfangen. Auf der Fahrt zum Rathause lvurde, wie bereits gemeldet, das erste Attentat verübt. Nach der Wcitcrfahrt nach dem Attentatsversnch «varen der <H:zherzog und seine Ge­mahlin der Gegenstand stürmischer Kundgebungen, die um so herzlicher »varen, als sich die K u n d e vondem mißlungenen Anschlag bereits verbreitet hatte. Fm Rathaus wurden die hohen Gäste von dem Bürgermeister und den Gemeinderäten festlich empfangen und mit stürmischen Zivio-Rufen begrüßt. Ter Bürger­meister hielt an den Erzherzog eine Ansprache, in welcher er ihn der unerschütterlichen Untertanentreue und Liebe zum Kaiser nick» dem ganzen Herrscherhause Habsburgj versicherte.

Der Erzherzog erwiderte:

Mit besonderer Freude nehme ich die Versicherung Ihrer uncr- schütterlicheu Treue und Anhänglichkeit an unseren allcrgnädigstcn Kaiser und König entgegen und danke Ihnen, Herr Bürgermeister, herzlich crsieut für die mir und meiner Gemahlin bereiteten jubeln­den Ovationen umsomehr, als ich darin auch den Ausdruck der Freude über die mißglückten Attentate erblicke. Zu meiner ausrichtigen Genugtuung war es mir vergönnt, mich während des kurzen Aufenthalts in Ihrer Mitte persönlich von der erfreulichen Entwicklung dieses prächtigen Landes zu überzeugen, an dessen Aufblühen ich jederzeit regsten Anteil genommen habe. In serbisch-kroatischer Sprache sortsahrend sagte der Erzherzog: Ich bitte Sic, den Bewohnern der schönen Landeshauptstadt meinen hcrzlichenGrnß zu entbieten und ich versichere Sic meiner unwandelbaren Huld und Gewogenheit.

Der Erzherzog und die Herzogin waren ein wenig erregt, aber sonst in fföhlichcr Stimmung. Sic streichel­ten liebevoll das Töchterchen des Landesdirek­tors, das der Frau Herzogin einen Rosenstrauß über­reichte. Nachdem die Herrschaften den Sälenhof des Rat­hauses besichtigt hatten, traten sie die Weiterfahrlij zum Musenni an, wo die ruchlose Tat erfolgte. Der LandeSchef Potiorek, der sich in dem erzhei^og- lichen Automobil befand, blieb unverletzt. Die beiden Leichen bleiben vorläufig im Konak aufgebahrt,

Verschärfung des Sicherheitsdienstes und Warnungen vor der Tat.

Wien, 29. Juni. Ueber den Sicherheitsdienst in Sera­jewo wird von privater Seite gemeldet: Angesichts der Auf-