Nr. 139
Zweiter Blatt
*64. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme dc§ Sonntags.
Die „Hiehener Familiendlatter" werden dein »Anzriqer* viermal wöck)entlich beiqelegt, das „Xnisdlett für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „LandwkrtfchafUlchen Zettfragen" erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Vberheffen
Mittwoch, tf. Zun! Ilir
Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Unwersiläts - Buch- und Slcindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» straße 7. Expedition und Verlag: e=®51. Rcdaktion:dqSlI2. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.
hessische Zweite Kammer.
rb. D a r m st a d t. 16. Juni.
Am Regierungstische: Staatsminister Dr, v. Ewald, Finanzmiinster Tr. Braun, Minister des Innern v. D o m - b e r a k , Staatsrat Lorbacher, Ministerialrat S ch l i c p h a k c, ÖöIzinger, Finanzrat Ulrich.
Vizepräsident K o r c l l - Angenrod eröffnet die Sitzung um 10V. Uhr.
Das Haus tritt sofort in die Tagesordnung ein: Anfrage des Abg. Bähr u. Gen., bctr. den
Bahnbau Hanau—Bübingen,
. Finanzministcr Tr. Braun verliest als Regierungsantwort eine längere Erklärung, in der auf die Geschichte dieses Bahn- Projektes hi,rgennesen wird, dast bereits im Jahre l905 die Aktien- acsellschaft für Bahnbau und -Betrieb um die Erlaubnis zur Anfertigung von Projekten eingekommen sei. Verschiedene Gemeinden hätten zusammen einen Garantiefonds von 80OM Mk. gezeichnet, aber die Stadt Büdingen habe wiederholt bekundet, daß sie gar kein Interesse an dem Bahnbau habe und es sei auch vom Gc- meinderat Büdingen Einspruch gegen den Bahnbau erhoben worden, so lange nicht gleichzeitig auch das Seementalvrojckt mit zur Durchführung komme. An diesem Widerspruch sei das Projekt zunächst gescheitert, um so mehr, als sich auch einzelne Gemeinden direkt feindlich dagegen gestellt haben. Neue MomeiUe sind seit der Zeit nicht cingetreten. Die Regierung ist grundsätzlich zur Vergabe des Staatszuschusses bereit, soscrn mit den Gemeinden und der Stadt Büdingen eine Einigung zustande komme. Die Regierung hält evtl, auch eine elektrische Bahnlinie für erwägcnstvrrt, sie wird aber ihre Stellungnahme von den Ergebnissen der heutigen Beratung abhängig machen.
Abg. Bähr (Bbd.) meint, die zarte Rücksichtnahme der Regierung auf die Stadt Büdingen gelte ivoht weniger dieser, als anderen Personen: einer habe ganz offen erklärt, daß ohne seinen Willen die Bahn doch nicht gebaut werde. Der Redner glaubt, daß die Stadt Büdingen gesetzlich gezwungen werden könnte, die Verpflichtungen zu erfüllen, die sie schon vor ihrer Sinnesänderung; cingcgangen war. Mit dem Standpunkt der Regierung, daß sic erst dann eine Vorlage machen könne, wenn die Stadt Büdingen ilwen Widerspruch aufgegeben Hab«, könneman nicht weiter kommen. Bevor man die Bahn nach Ober-Seemen fortsctzt, muß man doch einen Anfang der Bahn haben. Tie Regierung habe deshalb dies verlangen mit Reckst abgelehnt. Die Haltung von Büdingen verstößt gegen Treu und Glauben. Das Scheitern des Projektes würde für alle beteiligten Gemeinden ei» großes Unglück sein. Tie Gemeinde Bcrckheim sei durch die Verzögerung des Projektes allein hin: I4 0M Mark geschädigt worden, da fest der neuen Fcldberer- nigung die für den Bahnbau vorgesehenen Felder nicht mehr bearbeitet werden konnten. Für kleine Gemeinden sei das oft ein großer Schaden. Die große Schädigung, welche die projektsreund- lichen Gemeinden durch die fortgesetzte Verzögerung und Ungewißheit erleiden, dürfe die Regierung nicht unbeachtet lassen.
Abg. Mvlthan (Zcntr.) führt aus, es sei ans den Verhandlungen zu entnehmen, daß das so dringend notwendige und .klare Projekt nur an dem Widerstand von Büdingen und einigen kleinen Gemeinden gescheitert sei. Schon 1006 hatten alle Gemeinden, auch Büdingen, ihre Zustimmung zu dem Bahnbau gegeben und sich auch bereit erklärt, Zuschüsse zu leisten. Erst später hat die Mehrheit im Büdinger Gemcinderat eine entgegengesetzte Stellung eingenommen. Die Vorwürfe des Abgeordneten Bähr gegen die RVierung sind ungerechtfertigt, da diese doch keine Vorlage cinbrmgen kann, ehe die nötigen Vorbedingungen dazu erfüllt sind. Den Widerstand Büdingens muß man übrigens doch sehr wohl ans verwaltungsrechtlichem Wege brechen können. Rach der Erklärung sei die Hälste im Büdinger Gemeinden dem Projekt feindlich gesinnt, man sollte diesen Widerstand zu brechen suchen. Ein Ausweg wäre auch der Bau einer elektrischen Bahn. Jedenfalls muß alles gescheiten, um das nun so lange vergeblich behandelte Bahnvrojckt endlich zur Ausführung zu bringen. Tic Verhandlung wird daraus unterbrochen und zunächst zur
Abstimmung über die nntionale Einheitsschule
geschritten.
Absatz 1 des Ulrichschcn Antrags: Die nationale Einheitsschule aus der Grundlage der allgemeinen obligatorischen Volksschule cinzusühren — wird mit 20 gegen 17 Stimmen ab - gelehnt, dagegen der vom ?lbg. Dr. Osann gestellte Antrag, der die nationale Einheitsschule aus Grundlage der allgemeinen Volksschule unter Beibehaltung des konfessionellen
Religtonsunterrichts fordert, einstimmig angenommen. Für Abs. 1 stimnttcn die Freisinnigen und die Sozialdemokraten, sowie die Nationalliberalen Abg. Bach, Schott und Schönberger.
Abs. 2: Aufhebung sämtlicher Vorschulen, wird gegen die Stimmen des Zentrums angenommen. Zu Abs. 3: Ten fremdsprachlichen Unterricht in den höheren schulen bis zu Beginn des 4. Schuljahres hinauszujchieben, wird der AuS- schußantrag aus Ablehnung angenommen, der Antrag U r st a d t am Beseitigung des fremdsprachlichen Unterrichts in der untersten Klasse aller höheren Schulen wird angenommen. Abs. 4, den Lehrplan für die drei untersten Klassen der höheren Schulen mit dem sür das 4., 5. und 6. Schuljahr der allgemeinen Volksschule in Uebereinstimmung zu bringen, wurde dem Slusichuß- antrag entsprechend abgclehnt, dagegen der Antrag U r st a d t angenommen: Ter Lehrplan für die unterste Klasse per höheren Schulen mit dem sür das 4. Schuljahr der allgemeinen Volksschule in Uebereinstimmung zu bringen, so daß der Ucbcrtritt aus diesen in eine höhere Schule noch nach Abschluß des 4. Schuljahres ohne Schwierigkeit gescheht, kann. Punkt 5, die Zahl der Schüler auch in den Volksschulklasscn i» der Regel 40 nicht überschreiten zu lassen, wird abgelehnt, bagegen der Antrag Kvrell-Jngelheim angenommen, die Zahl der Schüler mit den Anforderungen der Pädagogik in Einklang zu bringen.
Das Daus setzt daraus die Beratung über die Anfrage Bähr fort.
Abg. Busold (Soz.) tritt dafür ein, daß die Stadt Büdingen energisch veranlaßt werden sollte, ihre Zustimmung zu erteilen, dann würden auch die kleinen Gemeinden nicht zurück- bleiben. Tie Stadt Büdingen sei aus einem falschen Wege: sie werde durchaus keinen Schoden von der Bahn haben, könnte im Gegenteil als Ausflugsort durch die Bahn mir gewinnen. Eine Bcrsanimlung von Interessenten habe sich auch in Gegenwart eines Kreisamtsvertrctcrs ausdrücklich für die Bahn ausgesprochen. Die Fortführung der Seementolbahn sei notwendig, damit die ganze Strecke rentabel wird, aber erst solle Büdingen—Hanau gebaut werden. Besonderen Schaden habe die Gemeinde Langen-Bcrkhain. Tie Regierung sollte in der ganzen Frage energisch Vorgehen. Eine elektrische Bahn sei nicht zu empschlcn: ein solches Projekt würde nur neue zeitraubende Verhandlungen nötig machen.
Abg. Dr. v. Hclmolt (Bbd.) meint, sür die Einbringung einer Regierungsvorlage seien die Vorbedingungen erst dann erfüllt, wenn eine solidarische Zustimmung der Gemeinden vorlicgc. Der Gemeinderat von Büdingen l»abc nicht seinen früheren zn- stimmcndcn Beschluß aufgehoben, sondern nur das Ersticken an die Regierung gerichtet, das Bahnprojekt nicht zu genehmigen. Die Regierung hätte energischer austreten sollen, dann wäre man heute weiter. Turch das Zögern sei ein unverantwortlicher Schaden entstanden. Das Vertrauen zur Regierung könne dadurch nur große Einbuße erleiden.
Abg. Joutz lwilds tritt gleichfalls für baldigste Erledigung der Sache ein: aus das Sonderinteresse von Büdingen dürfe keine Rücksicht genommen werden.
Abg. Ulrich lSoz.s beinerkt, er halte formell den Standpunkt der Regierung sür richtig, es sei aber zu bedauern, daß die Regierung die Sach: so weit kommen ließ. Das K'reisamt hätte angewiesen loerdcn müssen, die Schuld an der Verzögerung sestzustellen imb dann cinzugreisen. Der Redner ersucht die Regierung, anzugeben, was sie denn nun zu tun gedenke.
Finanzministcr Dr. Braun:
Die Ausführungen des Abg. Bähr sind entschieden zurückzuweisen. Es ist ja in der Regel so, daß die Regierung bei der Sache die Schuld tragen soll. Für die Regierung war aber lediglich der .Widerstand der Stadt Büdingen und einiger anderer Gemeinden maßgebend. Es ist der Regierung gar nicht eingefallen, wie der 'ög. Bähr es darstellt, „zarte Rücksicht" aus Büdingen zu nehmen, sick> aber in Wirstichlcit in ihrer Haltung auf eine einzelne Person bestimmen zu lassen. Gegen eine solche Insinuation muß ich entschieden Verwahrung eiulcgen. Tie Herren sollten mich doch so weit kennen, daß ich nicht der Mann bin, der sich in seiner amtlichen Haltung durch die Rücksicht aus einzelne Personen beeinflussen läßt. Ebenso merkwürdig ist die Behauptung, daß im Grunde gciionimen nicht die Stadt Büdingen gegen das Projekt sei, jondern nur der Gemeinderat, der sich durch drei neucingctretcne Gemcinde- räte zu scincr Sinnesänderung bestimmen ließ. So unentschlossene Leute werden die Büdinger kaum sein, daß sie sich durch drei'Leute ihre Hckltung diktieren ließen. Ter'Abg. Bähr beschwert sich immer, daß seine Anfragen nicht beantwortet würden: er fragt aber mehr, als man überhaupt beantworten kann (Heiterkeit), der Abg. Bähr trat auch die Bemerkung genracht: „Wenn die Worte des Ministers
ehrlich gemeint sind." Die Achtung vor diesem Haus verbietet mir, aus diese Bemerkung in der gebührenden Weise zu antworten. Ter gute Ton in diesem Hause und unser ganzes Zusammenarbeiten wird jcdensalls nicht gcsördcrt, wenn die Worte eines Ministers, der sür das allgemeine Wohl arbeitet, in dieser Weise angczweisclt werden. (Zustimmung.) Die Regierung kann doch eine Vorlage erst cinbringen, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen dazu erfüllt sind. Und die Zustimmung der Gemeinden zu dem Projekt ist bisher nicht zu erreichen gewesen. Wenn der Gemttuderat von Büdingen seine Pflicht getan »nd seine Versprechung vom Jahre 1906 erfüllt hätte, so wären alle Hindernisse aus dem Wege geräumt gewesen, dann wären die anderen Gemeinden wohl auch gcsolgt. Tic Regierung hält die Bahn sür ein unbedingtes Ersordernis, und wenn fortgesetzt die vrojeklireundlickten Gemeinden eine Schädigung erleiden, io tragen die widerspenstigen Gemeinde» daran die Schuld, Im übrigen ist auch schon die Frage einer elektrischen Bahnlinie für diese Strecke angeregt worden und ein solches Projekt erscheint mir jedenfalls erwägenswert Ter Redner wendet sich schließlich noch gegen verschiedene Ausführungen dcS Abg. Busold ttvobci er wiederholt durch laute Zwischenrufe des 4lbg. Ulrich lttUcrbrochcn wird), und betont, daß die Regierung alles tun werde, um die vorhandenen Widerstände zu beseitigen.
Vizepräsident K o r e l l-Angenrod erteilt daraus dem Abg, Bähr sür seine belcidigcitdcn Bemerkungen dem Finanzininister gegmüber nachträglich einen Ordnungsruf.
Abg. Leun >Bbd.) führt aus, die Gemeinde Büdingen müßte einsach zur Erfüllung ihrer eingegangcucn Verpflichtungen im öffentlichen Interesse veranlaßt werden, evtl, durch Einleitung des Vcrwaltungsstrcitveisahrcns.
Abg. B u s o l d <Soz.) wendet sich gegen einige Ausführungen des Ministers und erörtert die Tätigkeit des Kreisrates, wogegen! Finanzminister Dr. Braun feststellt, daß den Kreisrat keinerlei Schuld an der Verzögerung der Sache tresse.
Nach einigen weiteren Ausführungen des Abg. Bähr, in denen dieser erklärt, daß er die Worte des Ministers nicht Hab« anzwciscln wollen, schliDt die Besprechung,
Aus die dringliche Anfrage des Abg. Urstadt., betr. Ankauf eines sürstlich Braunsclsischcn Gutes durch die Gemeinde Bellersheim gibt
Minister v. Hombcrgk eine kurze aktcnmäßige Darstellung der Sache. Es sei Pflicht der Regierung, sich eine gewisse Zurückhaltung auszuerlegen, da sie aus die sürstlich Braunscls'sche Rent- lämmer keinen Einfluß habe. Das Kreisamt Gießen habe erklärt, daß es fortgesetzt vermittelnd in der Sache tätig sei.
Abg. Urstadt (s. Pp.) spricht sei» Bedauern über die Ber- spätnng der Regierungsantwort aus und erklärt sich auch mit ihrem Inhalt nicht sür befriedigt. Er bittet um Auskunft darüber, wann das Krcisamt Schritte getan habe, was es getan, ob es auch darauf hingewirkt habe, daß die Gemeinde als Käufer austrete, und was es in Zukunft zu tun gedenke. Einer taktlosen Einwirkung auf die Entschließungeu der Standcsherrschast hätte es nicht bedurft. Denn der Verkauf sei für sie ein gutes Geschäft. Die Zinsen der Kaus- summe seien bedeutend höher als die bisher eingenommene Pacht. Die Rücksicht auf den Pächter des Hosguts sei sehr schön von der Standesherrschast, aber dieser habe auch keine Rücksicht auf die Bauern genommen. Er verdiene bettächtlich durch Afterverpachtung und habe bei der Neuverpachtung 97/98 den Bauern 50 Morgen abgcnommen. Wenn Verkauf nicht mehr zu erreichen sei, möge die Regierung darauf hinwirken, daß 100 Morgen an kleine Leute gegeben würden, um der Landflucht entgegenzuorbeitcn. Der Redner avvcllicrt auch an die Herren vom Bauerickmnd, sie möchten aus den Pächter, ihren Parteigenossen, eimvirken, daß er den Bauern entgegenkamme. Ter Fall twn Bellersheim sei nicht vereinzelt, ähnlich lägen die Verhältnisse in vielen anderen Orten Oberheslens und in Starkenburg. Da müsse hessische innere Kolonisation getrieben werden. *
Minister v. Hombcrgk entgegenet, daß für die Regierung die Angelegenheit damit erledigt war, als ihr erklärt wurde, cs sei ein neuer Vertrag mit dem Pächter abgeschlossen worden.
Die Abg. B u s o l d lSoz.) und Dorsch (Bbd.) treten dafür ein, daß dem Uebergewicht des adeligen Grundbesitzes gegenüber mehr kleine Bauernstätten gegründet werden. — Die Besprechung ist damit erledigt.
Aus die dringende Anfrage des Abg. K o r e l l - Angenrod, betrefsend die
Verkaufspreise von Vieh und Getreide einerseits und die Lebensmittelpreise andererseits, gibt Minister v. Hombcrgk eine Regierungserklärung ab, worin sich die Regierung bei der Wichtigkeit der Frage zu weiteren Erhebungen bereit erklärt. Sic gedenkt auch
Die Entstehung des Papiers.
In den ältesten geschichtlichen Zeiten, und jedenfalls auch schon >or diesen, verstand man es bereits, Nachrichten, Befehle, und »ergleichcn durch schriftliche Mitteilung an abwesende Personen dadurch zu übermitteln, daß man die Nachrichten auf Baumblätter, potz- oder Steinplatten, einritzte oder auszeichnete, und dann diese rem Empsänger zusandtc. Auch bereiteten die alten Aeghpter schon vor etwa 5000 Jahren eine Art Papier aus dem Stengel der Pavpruspflanze, indem sie das Mark derselben in dünne Scheiben zerschnitten und diese dann in kreuzweise übereiuandergelegten Lagen unter Anwendung starken Druckes zusammenkieblen. Durch llebcrstreichen der Oberflächen der so erhaltenen Papierblättcr mit Kleister wurden diese zur Ausnahme von Schriftzeichen tauglich gemacht. Allerdings konnten dieselben immer nur einseitig beschrieben werden, da die zu den Schriftzeichen benutzte Farbe in die Pavier- masse so tief eindranq, daß sie auf der anderen Seite durchschien. Neben diesem sogen. Papvrus war auch das aus besonders präparierten Tierhäuten von Schafen, Ziegen, Kälbern und Eseln her- gestellte Pergament als Schrcibstofs in den frühesten Zeiten bekannt.
Parier aus Pflanzcnsasern, wie wir cs heute ausschließlich benutzen, kam erst viel später in Gebrauch, wenngleich auch dieses bereits ein Alter von mindestens 2000 Jahren hinter sich hat. Es ist asiatischen Ursprungs, und seine Erfindung wird dem chinesischen Minister Tsaelün zugcickrieben. der 420 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung das erste Papier aus der Bastfaser des Maulbeerbaums herstellte. Bald fand man dann, daß auch Abfälle Vau Seide, Baumwolle und anderen Webstoffen, sowie die Faser verschiedener .Gräser ein ausgezeichnetes Material zur Papierbereitung bilden. Me Papiersabrrkation wurde in China aus einen hohen Stand gebracht, und es werden auch heute die aus Ostasien be, uns ein- aesührten Papiere, Und zwar namentlich die sogen. China- und Japanpapiere, ihrer vorzüglichen Eigenschasten wegen, außerordentlich hochgeschätzt. Me Güte dieser Papiere ttt wohl in erster Reihe den gulen Rohmaterialien, die das asiatische Pflanzenreich liefert, aber auch der eingehenden und sorgfältigen Verarbeitung der letzteren zuzuschreiben. Sind doch gerade das Rohmaterial und nicht minder die Verarbeitung desselben von grobem Einslnß aus die Güte des Papiers. m „ .
Die besten bei uns hergestellten Papier,orten bestehen aus den Fasern des Flachses und der Baumwolle, welche lange Zeit ialt allein als Grundstoffe der Papiertabrikatron >n Frage kamen. Allerdings gelangten sie zu dieser Ehre erst, nachdem sie vorher als Webstoffe zur Bekleidung des Menschen gedient und hier ihre Rolle ausgespielt hatten. Als Lumpen wurden sie dann von dem Lumpensammler sür einige Pfennige angekaust und den Pavrer- sabrikn überantwortet. Hier müssen sie sich, nach vorheriger Sor
tierung und Zerkleinerung, zuerst einer gründlichen Reinigungskur unterwerfen, welche sie von dem anhastcnden Schmutze und tunlichst auch von den Farbstoffen befreit- Dieselbe erfolgt, nach vorherigem mechanischen Ausklopsen und Absaugen des Staubes, durch Kochen in den sogen. Hadernkochern, einer Art sich drehender oder schwingender Waschmaschinen, wobei als Lösungsmittel Soda oder Kalk zugesetzt wird. Tann folgt das eigentliche Mahlen der Lumpen in den sogen. Holländern. Das sind große Bottiche, in welchen an ihrem Umsange mit schräg gestellten Messern besetzte Watzen rasch rotieren, denen fest angeordnetc Meffer so gegen- übcrstchen, daß zwischen beiden nur ein enger Zwischenraum bleibt, welchen die im Wasser schwimmenden Lumpen passieren müssen und dabei zerkleinert toerden. Es ist sehr wesentlich, daß die Fasern picht glatt abgeschnitten, sondern möglichst zerrissen werden, weil letzteres der späteren Verfilzung i» der Papiermasse förderlich ist. Gleichzeitig mit dem Zerkleinern der Hadern erfolgt auch ein Bleichen derselben, zu welchem Zwecke in den Holländern gewöhnlich Chlorkalk zugesetzt wird. Nach genügender Zerfaserung gelangt der Papierstoff in den Mischlwlländer. Hier werden nach Füllstoffe zugesetzt, welche den Zweck haben, die piäume zwischen den einzelnen Fasern auszusüllen und dem Papier die erforderliche Dichtigkeit und Glätte zu verleihen. Man benutzt dazu sein gepulverten Ton, Kreide, Kaolin, Schwerspat u. dergl. Ebenso werden je nach Eriordern Farbstoffe sowie Leim zugegeben und dann das Ganze behuss gründlicher Mischung nochmals durchgearbeitet.
Ter jetzt scrttge Papierbrei wird in dünner Lage aus ein engmaschiges Sieb gebracht, welches eine schüttelnde Bewegung hat und dadurch die Verfilzung der Fasern sowie auch di- Entwässerung der Masse befördert. Letztere toird nach genügender Verfilzung noch durch Absaugcn des Masters und dann durch Pressen zwischen Trockenwalzmr unterstützt. Von den Entwässerungswalzen gelangt das Papier zu den Glättwatzen behuss Einebnung der rauhen Oberflächen, wird dann durch rotterendcMesserscheiben in passende Breiten zerschnitten und in die bekannte Rotlensorm auigewickelt, oder, unter Zuhilfenahme von Querschneidern, in einzelne Bogen zerlegt, deren Maße durch passende Einstellung der Messer beliebig gewählt werden können.
Während alle Arbeiten der Pavierfabrikation von dem Mischen im Holländer ab früher von Hand ausgeführt wurden, ist jetzt mit wenigen Ausnahmen der ganze Arbeitsvorgang ein maschi- neller. Der Papierbrei wird durch ein Becherwerk in den sogen. Knotensänger gebracht, der alle etwa noch vorhandenen gröberen Teile abgesondert, und gelangt von hier aus das Fvrmsieb. Dieses ist als Transportband ausgebildet »nd bringt den Papierstoff zu den Wasserabsaugern, wobei auch gleichzeitig mittels einer über
dem Siebe lagernden Walze etwa gewünschte Wasserzeichen eingepreßt werden. Bon dem Siebband kommt der jetzt schon ziemlich zusammenhängende Papierstoff auf ein Filzbaud und wird von diesem durch die Trockenwalzcn gebracht, um dann zur Nacharbeit in die Glättwalzen und aus diesen als fertiges Papier hcraus- zukommcn.
Tie Herstellung von Papier allein aus Lumpen war nur solange möglich, als genügende Menge solcher zu beschaffen waren. Tiefes ist aber schon seit langem nicht mehr möglich. Die Fabrikanten waren deshalb gezwungen, sich nach Ersatzswssen umzusehen, und sanden dabei schon bald, daß schließlich säst jede Pflanzen« safer als Papierstoff brauchbar sei. Viel verwendet wird jetzt der aus Baumstämmen gewonnene Holzstoff, entweder als Holzjchliss oder als Zellulose. Holzschliff wird aus rein mechanischem Wege durch Zerreiben des Holzes aus Schlcissteinen gewonnen. Er ist nur zu minderwertigen Papieren verivendbar. Besser ist die Zellulose, bei welcher neben der mechanischen auch eine chemisckn: Bearbeitung der Holzfaser erfolgt. Dabei werden alle das Papier ungünsttg beeinflussenden Bestandteile entscrnt oder doch neutra- fisiert. Außer Holz und den anderen bereits angeführten Stoffen kommen noch eine große Zahl weiterer bei der Papierbereitung zur Verwendung, so fast alle Stroh- und Gräsersortcn, von welch' 'letzteren besonders die zähen Wüstengräser gern benutzt werden, ferner die Samcnsasern verschiedener Gewächse. Auch Altpapier wandert in großen Mengen zu den Papierfabriken zurück, um Umgearbeitet auss neue seinen Lebensweg anzutrelcn.
— Sein Standpunkt Eine lustige Geschichte erzählt ein amerikanischer Jahrniarktbudenbeiitzcr aus seinen Erinnerungen: ,Lch zog mit meiner Bude duiäh die kleinen Städte des Westens und hatte auch einen netten Kannibalen mit, der gehörig ausgcputzt im Publikum neugieriges Staunen und schaudernde Bewunderung erweckte. Eines Tages kam auch ein Geistlicher, und nachdem er sich den toildcn Mann gehörig beguckt hatte, fragte er einen meiner Leute: „Ist das wirklich ein Kannibale?" „Todsicher", antwortete der, „wissen Sie auch, wie der gefangen wurde? Mese größte lebende Merkwürdigkeit, mein Herr, wurde ergriffen, wie er gerade einen lasten Methodistenprediger über einem langsamen Feuer briet." 'Der Geistliche war entsetzt. „Dann muß man ihn bekehren," schrie er. „Um Himmels Willen, warum taust man ihn denn nicht?" 'Doch der Mann lehnte entrüstet ab: „Ihn bekehren? Ja glauben Sie denn, das Publikum würde 10 Cents pro Kops bezahlen, arm sich einen Christen anzuschen?"


