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Nr. 136

Drittes Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

TieSlehcner Zaniiliendlälter" werden dem

»Anzeiger* viermal wöchentlich beiqelcgt, das «reiidlatl fßr den Kreis Kietzen" zweimal wöchentlich. Tie ..r-ndwlrtschastlichen Seil.

sragen" erscheinen monatlich zweimal.

16^. )ahrgang

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oderhejjen

Samstag, >7. Juni >Ssg

Rotationsdruck und Verlag der Arül)l'iche>r UniversitätS - Buch- und Steindruckerei.

R. Lauge, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- siraße 7 : Expedition und Verlag:

Redaktion: 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießeri.

Aus dem preutzischen Abgeordnetenhaus.

Berlin, 12. Juni.

Der heutige Tag gehörte dem Fideikommtßgesetz. Nachdem die Besoldungsvorlage in dritter Lesung einstimmig angenommen worden war und der Gesetzentwurf zur Ab­änderung des § 109 des Zuständigfeitsgcscyes (bctr. die Genehmigung von neuen gewerblichen Anlagen, die das Wassergesetz erforderlich macht) in 2. und 3. Lesung die Zustimmung des Hauses gefunden hatte, sprach sich Justiz- minister Tr. Bcselcr über die Gründe aus. die die Regie­rung zur Einbringung des Fideitomni>stgcsepes veranlasst haben. Er betonte dabei vornehmlich die Notwendigkeit einer Eindämmung der Ausdehnung der Fideikommisse und die Unerläßlichleit einer gesetzlichen Regelung zu den, Zwest, der bisher herrschenden Vielseitigkeit und den dadurch be­dingten Unzuträglichleiien zu begegnen. In Znlünft sollen alle neu zu gründenden Fideikommisse der .königlichen Ge­nehmigung bedürfen und die eigentliche Aussicht soll in den Händen des Oberverwaltungsgerichtes liegen. Tie Aendc- rungen, die das Herrenhaus an dem Euttpurf vorgenommcn hat, erscheinen deni Minister unbedenklich.

Hohe Anerkennung spendet hieraus der Abg. Dr. von Geschc r (Kons.) der Rcgicrungsarbeit, natürlich nicht ohne den Wert der Fideirömmisse zu preisen, in denen er lrästige Stützen unseres Staatswesens sicht. Daß die Fideikommisse das Bauernland beschneiden, erklärt er für eine Legend.', und bedauert in diesem Zusammenhänge, daß die Vorlage keine Bestimmungen zur Regelung der Bildung bäuer­licher Fideikommisse enthalte. In ähnlichem Sinne äußert sich der Zentrumsabgeordnete Bitter, der auch Wert darauf fegt, zu betonen, daß der Großgrundbesitz ein un­entbehrlicher Faktor unserer Landwirtschaft ist.

Die Kritik an dem Entwurf setzte eigentlich erst ein mit den Ausführungen des Abg. Dr. Loh », a n n (Nall.). Er sieht den wichtigsten Grund, mit dem der Gedanke der Fidei­kommisse steht und fällt, darin, wie man sich zu der Frage stellt, ob die sideikommissarische Bindung geeignet und not­wendig ist, um einen leistungsfähigen Großgrundbesitz im Staate zu erhalten oder seine Erhaltung zu erleichtern. Seine Partei sei geneigt, diese Frage zu bejahen. Man könne aller­dings den Gegensatz nicht verkennen, der zwischen diesem Ge­setz und dem Parzellierungsgesetz bestehe. Sehr bedenklich er­scheint dem Redner, daß vielfach versucht wird, jetzt vor dem Inkrafttreten des Fideikommißgesetzes noch Fideikommisse unter Dach und Fach zu bringen, wodurch der sideikommissa- risch zu bindende Grundbesitz gewaltig vermehrt wird, nicht zum wenigsten zum Schaocu der inneren Kolonisation.

Der sreikonservativc Abg. Dr. Schröck hat an dem Entwurf so gut wie nichts auszusetzen, während der Abg. Wald sie in (Bpt.), ähnlich wie Dr. Lohmann, von ihm die Wirkung befürchtet, daß der Großgrundbesitz weit über das Maß der normalen Entwicklung scstgelcgt und die innere Kolonisation geschädigt wird. Auch vermag er und auch hierin stimmt er nlit dem nationallib. Redner überein in den Fideikommissen keineswegs die Retter des deutschen Waldes zu sehen, wie die Freunde der Fideikommisse immer behaupten. Er verlangt schließlich, daß 20 Jahre lang keine neuen Fideikommisse gebildet werden und desto eifriger innere Kolonisation getrieben werde.

Ganz und gar gegen das Gesetz sind die Genossen. Das setzte der Abg. Hoser dem .Haute auseinander, wobei er sich schließlich so weil von dem Thema des Tages entfernte, daß er von denBluturteilen" der preußischen Gerichte sprach. Der Präsident Graf Schwerin-Löwitz sah sich genötigt.

ihn zweimal zur Ordnung zu rufen. Morgen: Fortsetzung.

Der 17. Ausschuß des Abgeordnetenhauses zur Vorberatung des Fideikommißgesetzes wird sich Samstag konstituieren. Zum Vorsitzenden tvird 'Abg. v. Krö- chcr lkons.), zum Stekfecrtrctcr Abg. Wald stein (Vpt.) gewählt werden.

politische Tagesschau.

Die Reisepläne des Kaisers.

Rach den vorläufigen Dispositionen des Kaisers wird, wie man hört, der Kaiser Freitag, den 19. Juni, am frühen Vormittag, in Hannover einlrcssen und im Lause des Vor­mittags die Ausstellung der Deutschen Landwirtschafts­gesellschaft besuchen, wo u. a. Wettspiele der Landjugend statt- linden. Nachmittags besichtigt der Kaiser die Fuukspruch- station in Eilvese. Für Sonnabend, den 20. Juni, früh morgens, ist die Besichtigung des Königsulanenregiments in Aussicht genommen, sodann sährt der Kaiser im Auto­mobil nach Hamburg, wo er etwa um 2 Uhr eintrcffen dürfte, uni sich auf der an den St. Pauli-Laudungsbrücken liegen­den JachtHohenzollern" einzuschissen. Nachmittags 3 Uhr findet auf der Werft von Blohm u. Voß der Stapellaus des für die Hamburg Amerika-Linie geballten dritten Riescn- dampscrs der Jmperatorklasse stall, dem der Kaiser selbst den bisher nicht bekannten Namen gibt. Sonntag, den 21., besucht der Kaiser die Gartenbauausstellung in 'Altona, um dann dem Augusta-Viktoria-Jagdrenncn aus der Horner Rennbahn bcizuwohnen. Montag, den 22., sährt der Kaiser nach einem Frühstück bei Generaldirektor Dr. Ballin mit der Hohenzollern" nach Brunsbüttel. Dienstag, den 23., ist die Wettfahrt des Norddeutschen Regatta-Vereins aus der Unter­elbe mit anschließendem Festmahl an Bord der Dampsjacht Viktoria Luise". Mittwoch, den 24., um 1,30 Uhr nach­mittags, fährt der Kaiser durch den Kaiser-Wilhclni-Kanal nach Holtenau, wo aus Anlaß der Fertigstellung der Erlveite­rungsbauten eine größere Feierlichkeit stattsindet. Für Frei­tag, den 26. Juni, abends, ist eine Huldigung der zur Düppel­seier in Kiel versammelten Veteranen in Aussicht genommen.

Die Ausbreitung der Elektrizität in Deutschland macht riesige Fortschritte. Aus der alle zwei Jahre erscheinen­den Statistik der Elektrizitätswerke in Deutschland (für 1913) geht hervor, daß die Zunahme der Zentralen entgegen 1911 1514 beträgt. Zurzeit liefern etwa 4100 Werke Strom, wäh- 17 500 Orte mit Elektrizität versorgt werden. Zu Beleuch­tungszwecken sind 25 Millionen Glühlampen und 232 000 Bogenlampen angeschlosseu. Die Zahl der stationären Mo­toren hat bereits eine halbe Million überschritten. Die Ge­samtleistung beträgt etwa 2 Millionen PS. Daß auch elek­trische Heiz- und Kochapparate immer mehr in Aufnahme kommen, zeigt die Steigerung ihres Stromverbrauchs von 73000 auf 83 000 Kilowatt. Bemerkenswert ist es, so lesen wir in der in Dresden erscheinenden ZeitschriftDeutsche Arbeit", daß z. B. 103 Werke eine Leistung von über 5000 Kilowatt besitzen, während cs vor zwei Jahren nur 53 waren. An der Spitze der Riesenwerke stehen die Berliner Elektri­zitätswerke mit 193 000 Kilowatt, dann kommen Düsseldorf- Reisholi mit 65 000 und die Obcrschlesischen Elektrizitäts­werke Gleiwitz. Betrachtet man den Gcsamtanschlußwcrt aller Werke zusammen, so ergibt die neue Statistik bereits 3,8Mil­lionen Kilowatt, während es 1911 2,5 Millionen waren. Schließlich hat sich die Zahl der abgegebenen Kilowatt-Stun­den in zwei Jahren um 55,4°/« vergrößert.

Echt englische Tnchc' nus Kottbus.

Eine Harle, aber gerechte Buße wurde von der Straf­kammer des Landgerichts Krefeld dem Tuchhändlcr Emil Heinrichs aus Düsseldorf aufcrlcgt, der zugestandenermaßen deutsches Tuchfubrikat, zum großen Teil aus Forst und Koit- bus stammend, jahrelang alsecht englisches- Tuch", natür­lich zu entsprechend höheren Preisen, verkaufte. Aus den Strafantrag einer Vereinigung deutscher Tuchfabrikantcn hi» wurde gegen H. Klage tvcgen unlauteren Wettbewerbs er­hoben. Da sich in der Verhandlung die Richtigkeit der Be­schuldigung ergab, sah der Tuchhändlcr einer harten Bc- strasung entgegen. Aus sein Billen zog schließlich die betref­fende Vereinigung den Strafantrag unter folgenden, dem H. auscrlcgtcn Bedingungen zurück. H. muß in dem führenden Fachblatt der Branche öffentlich bekennen, daß er jahrelang deutsche für englische Tuche ver­kauft hat, und vcrpslichtet sich bei einer Buße von 1000 Mk. für jeden einzelnen Ucbcrtrctungsfall dies in Zukunst zu unterlassen. H. zahlt außerdem zu Händen des Vorsitzenden, Landgerichlsral Wollseisen, sofort die Summe von 2500 Mk., die zu gemeinnützigen Zwecken wie folgt verteilt tvird: 1250 Mark bekommen die Armen Düsseldorfs, je 625 Mark die Gefangenen - Fürsorgevereine von Düsseldorf und Krefeld. Rechnet man nun noch die Kosten des Prozesses hinzu, so sind den: kpckulativen Händler dieecht englischen" Tuche aus Kottbus ziemlich teuer zu stehen gekommen.

Hut Hessen.

D i e Verkaufspreise von Vieh und Ge­treide einerseits unddic Lebensmittel preise andererseits. Abg. Korell-Angenrod und Genossen haben in der Zweiten Kammer folgende dringliche Eingabe

eingebracht:

1. Ist es der Großh. Regierung bekannt, daß gegen- würtig die S ch l a ch t vi c h p r c is e, insbesondere die Schweinepreise, unter den Produktionskosten stehen, die Getreidepreise dieselben kaum decken, daß aber die Verkaufspreise in den Städten diesem Sinken der Einkaufspreise nicht gefolgt sind?

2. Ist die Großh. Regierung unterrichtet, daß die Lage der Landwirtschast durch diese E n t >v i ck e - lung ausdieDaucrunerträglich tvird, und ist dieselbe bereit, gemeinsam mit der Landwirtschafts- kämmer nach Mitteln und Wegen hu suchen, um die Wiederkehr dieser Verhältnisse möglichst zu verhindern und auf eine sür alle Teile gesunde Preisbil-, düng hinzuwirken?

Tic Schädigung der Waldbesitzer und Ge­werbetreibenden durch das Verbot der Ver­wendungeinheimische rHölzerbeiVergebuirg öffentlicher Arbeiten. Wg. Dr. Weber hat in der Zweiten Kammer folgende dringliche Anfrage gestellt:

Bei Arbeitsvergcbungen und Lieferungsverträgen ist von der Staatsbaubchörde in einzelnen Fällen die Ver­wendung von Floßholz ausbedungen worden. Durch diese Vorschrift werden die hessischen Waldbesitzcr (Staat, Gemeinde und Private), sowie die holzverarbeitenden Ge­werbebetriebe schwer geschädigt.

Ist die Großh. Regierung bereit, aus die Beseitigung der fraglichen einschränkenden Bedingungen hinzuwirken und welche Schritte gedenkt sic zu tun, um die erwähntcp Schädigungen für die Folge zu verhindern?

Zur Aufführung der vcrsunfenen Glocke durch die Eichener Freilichtbühne.

Der Mißerfolg seines Florian Geyer hatte Gerhart Hauvt- mann innerlich schwer mitgenommen. Ta flüchicie er in die Alpeu- welt am Lugancr Tee und dichtete das Märchenspiel von der ver­sunkenen Glocke. Er hatte sich schon so sicher gefühlt aus seine« künstlerischen Höhe, nun war bicfcr Sturz gekommen. Das wühlte alles in ihm aus, was an Zweiseln und Unsicherheiten in seiner Seele und in seinem Leben war. In den Künstlcrkonslikt klang sei» Ehekonslikt mithincin. Und all diese innere Erregung drängte nach Ausdruck.

Warum aber sollte gerade ein Märchenstofs das Mittel dieses Ausdrucks sein? Es ist nicht schwer zu raten: Das Märchen be­deutete die Flucht in eine andere geistige Welk. Da allein war cs möglich, die eigenen Erlebnisse wie aus einer gewissen Entfernung mehr objektiv zu schauen uud zu gestalten. Und noch eins: Das Märchen ist die Kunst der dämmrigen Stimmungen, der leisen Andeutungen, der überraschenden Erlebnisse, der wunderbaren Träume. Wo dos realistische Drama mit scharfen Umrissen ver- standcsmäßig klar durchdachte Probleme bietet, da läßt das Märchen hinter all seinen Bildern einen ungelösten Rest. Und der Dichter, her mit sich selbst nicht im Reinen war, konnte nichts anderes ge­statten, als einen Stofs, der auch den Zuschauer nicht^ganz mit sich und der Welt ins Reine brachte. Im Gegensatz zu Schiller in Gerhart Hauptmauns Art ganz allgemein ein solcher Zug der Unsicherheit, der Fragestimmung, der Unklarheit über die letzten Gründe seiner Weltanick>auung. Ihm fehlt, war Schiller in seinen ticsgründiacn geschichtlichen und vhilosovhischen Studien gesunden hat. Die Zeit aber, in der Gerhart Dauptmann die versunkene Glocke dichtete, war qanz besonders sür ihn eine Zeit der Fragen und Zwcisel, eine Zeit des neuen Suche,is und des llfeubeginncns.

Seinem Wesen nach gehört das Märchen eigentlich der Kind­heit, sowohl der Kindheit des Einzelnen wie der der Menschheit. ES bedeutet das erste Ernxuhen des Geistes, seine erste stammelnde Auseinandersetzung mit der Welt um ihn herum mit ihren tausend Rätseln und Wunden,. Es ist ein sruchtbarer Vorbereitungszustand, der Nährboden sür alle späteren Entwicklungen und Verzweigungen des Menschengcistes. Zu diesem Nährboden flüchtete Gerhart bauvt- mann in der versunkenen Glocke zurück, um neue Krast zu schöpfen für sein weiteres Schassen.

Die versunkene Glocke wurde Hauptmanns größter Ersolg. Biele waren von der Wendung deS Dichters zum Märchen erstaunt. Und doch war sie längst in ihm vorbereitet. Man denke an die Traumdichtung von Hannclcs Himmelsahrt. Ist doch auch der Traum eine der krästigstcn Wurzeln des Märchens. Man denke aber auch an die Neigung zum Symbolisieren, die nach dem Bei- ' auptmann selbst in seinen realistischen Dichtungen as Auge, mit dem der Bahnwärter Thiel z. B. die Lokomotive schaut, ist nicht das Auge des gli­chen. Wo die Äisscnlchast das Wunder aus der Welt da macht eben die Kunst auch das Alltägliche zum bloße Feststellung des Tatsächlichen ist niemals

spiel Zolas S> gezeigt hat. D

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täglichen Mens gestrichen bat, Wunder. Tic

Kunst. Alle Kunst ist im Grunde genommen symbolisch. Sie sucht Sinnbilder sür die unjagbaren Vorgänge in unserem Seelenleben. Und daher hat sich auch die Kunst trotz aller Wissenschast und Realistik das Recht aus die Verwendung des Märchens gewahrt. Nicht wissenschaftliche Wahrheit, sondern Wahrheit des Gesühls- ausdrucks ist ihre Pflicht. Und wo unsere Stimmungen und Ahnun­gen über das Zeitliche und Faßliche hinausgehen, da bleib! der Kunst gar nichts anderes übrig, als ihre Sinnbilder aus dem Reich des Wunderbaren uud des Unmöglichen zu holen.

Aufklärerische und materialistische Zeiten sind einer solchen märchen- und mystiklicbcnden Dichtung wenig günstig. Die unsere aber ist erfüllt von einem starken neuen religiösen Suchen und Hassen. Das spiegelt sich in Gerhart Hauptmauns Entwicklung. Das spiegelt sich überhaupt in der Kunst unserer Tage. Man denke an Böcklins heitere Märchengcstalten, an Sascha Schneiders vhanta- stische Allegorien, an Maeterlinks ost so schaurige Märchcndichtnn- gen sür Erivachsene. Karl Spittcler wagt es logar, der Zeit geradezu einen neuen religiösen Mythos zu dichten, während eine Künstlerin wie Sophie Reinheimer das Kindcrmärchcn in unerreichter Lieblich­keit neu werden läßt. Und der sür unsere Geisteskultur so bedeut­same Verlag von Engen Diederichs in Jena gibt unter dem TitelDie Märchen der Weltliteratur" eine Serie von seinen Bänden heraus, die uns von Musäus und den Brüdern Grimm bis auf die heutige Zeit und zu allen Völkern und Ländern führen.

Man sah früher im Märchen den Nachkömmling des Mythos. Man glaubte in seinen Gestalten die Bilder der alten Götterireseii wiedcrzuerkcnnen. Die neuere Forschung hat uns gezeigt, daß in Wahrheit umgekehrt das Märchen die Mutter des Mythos ist. So wird cs uns noch ehrwürdiger. Wir haben eine vortreffliche Einsührung in den Stand der heutigen Märchenforschung von Adolf Thimme (Verlag Heims, Leipzig, 2 Mk.), die durch ihre übersichtliche Darstellung wie durch ihre reiche Literalurangaben weiten Kreisen willkommen sein dürfte. Wir bekommen da einen guten Begriss von dem tieferen Eindringen der Wissenschast in das Problem der Märchendichtung. Wir sehen nach Ueberwindung der Benscyschen Theorie, die alle Märchenmotivc aus Indien wollte Herkommen lassen, heute die Philologen, Orientalisten, Mytho- iogcil und Etuographen vereint an der Arbeit, um zu einer Aus­heilung der Ursprünge des Märchens zu kommen. Da erscheint es denn als geistiges Denkmal jener ältesten Zeiten des Animismus, wo das kindliche Denken der Urmenschen überhaupt noch keine Götter hatte, sondern nur erst die Nächstliegenden Naturerscheinun­gen beseelte und jenes Herr von Dämonen und Tpukgestalten, von Riesen und Zwergen, von Feen und Nixen schuf, aus dem dann einerseits die Götter erst hcrvorwachsen konnten, während doch andererseits die Masse jener ursprünglichen Geschöpfe in der Phantasie des Märchens auch noch weüer lebendig blieb. Und was die Motive des Märchens anlongt, lo wird ihre Verwandtschaft bei den verschiedensten Völkern, deren direkte Berührung untereinander ausgeschlossen ist, aus die Allgemeinheit gewisser seelischer Er­fahrungen, aus Wünsche und Aengste, aus Traumgesichte und Ein­bildungen zurückgcsührt, die zu allen Zeilen und an allen Orlen aus der gleichen Konstitutton der Menlchen gleich hervorgehen.

Das also ist der Born, aus dem auch die Dichtung der neuen

Zeit hin und wieder, einen frischen Trunk schöpft. Von Chamissvs Peter Schlemihl" und FouguösUndine" gehl die literarische Tradition über Th. A. tzosmanns wunderliche Gespenstergeschichten und des Dänen Anderson anmutige Gedankcndichtungeu bis zu Spittcler und Gerhart Hauptmann. Jahrhunderte und Jahrtausende werden durch die zeit- und ramnlose Märchcndichtung miteinander verknüpft. Um 1750 vor Christus ist die bisher als älteste be­kannte Sammlung ägyptischer Märchen im Papyrus Wcstcar er­schienen. Um 200 o. Ehr. entstand die indische Sammlung des Peintschatantra. Im 15., 16. und 17. Jahrhundert erschienen die arabische Sammlung von >001 Rocht und die Sammlungen der Italiener Straparoja und Basile. Und wie die Zeiten, so iinden sich im Märchen die Generationen zusammen. Immer wieder lernen die Enkel aus dem Munde der Großmütter Schneewittchen und Aschenbrödel, Dornröschen und Rotkäppchen und alle die->anderii belännten Märchcngestaltc» kennen und tun an der .Hand dieser uralten Phantasiegeschöose die ersten erstaunten Schritte in das unendliche Reich des menschlichen Geisteslebens. Es lebt etwas im Märchen, das in den Menschen aller Zeiten und aller Alters­stufen gleich bleibt. Das Staunen und Wundern, daS Hoffen und Bangen, das im Kinde oder im Urmenschen schon von der nächsten noch uneittzisferten Umgebung ausgelöst wird, ist doch auch dem Menschen von heute auf der höchsten Höhe der modernen Kultur nicht jremd geworden. Wohl reicht unser Blick und u»ser Denken weiter, aber ein Wunder und ein Geheimnis ist die Well doch auch sür uns geblieben. Und der Wandel der Schicksale trägt auch uns noch bergauf, bergab durch Glück uud Leid bis an die dunkle Pforte des Todes und läßt uns bald jubeln, bald jammern, bald wünschen, bald fürchten, bald sinnen und staunen. Wo es die letzten Fragen alles Daseins gilt, greift deshalb auch ein Gerhart Hauvtmann zu Märchcnbildern, die mehr ahnen als schauen, mehr fühlen als denken lassen. Da wachen in ihm die Ettnnerungen an die schlesische Heimat und die ersten Eindrücke seiner Jugend wieder aus, die Erzählung von Rot-Aennchen (Rautendelein), der lockenden Wassernixe und dem lüsternen Waldschrat, von versunkenen Wun­derwerken und unwillig dienenden Kobolden. Er denkt zurück an die Eindrücke, die er in Nürnberg von dessen kunstgewerblicher Blütezeit im Mittelalter cmpsinq und so wird ihm der Glocken­gießer Heinrich zum Helden seines Stückes. Ter garstige Nickel­mann aber ist nach Eduard Meyers seiner Bemerkung ein Phantasie- vrodukt, wie einer der grotesken Wasserspeier an den gotischen Domen. So sind die Formen gesunden, in die der Dichter seine schwer aus,»sprechenden innersten Empsindungcn und fernste Ahnungen gießen kann.

Die Freilichtbühne wird das deutsche Märchen in seine ur­sprünglichste Umgebung, in die heimatliche Natur wieder mitttu hincinstellen. Möge inan da umso deutlicher spüren, wie innig wir selbst alle noch mit dieser Natur, mit diesen Märcheubildern verwachsen sind und möge ihre alte geistig befeuchtende Urkraft sich auch da wieder an Mitspielern wie Zuschauern von neuem bewähren I

Dr. Strecker, Bad-Nauherm.