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Swetter Blatt

m. Jahrgang

Erschein! täglich mit Ausnahme des Sonntag?.

DieSietzcner Zamilienblättei" werden dem »Anzeiger' «ierma! wöchentlich beigetegt, da? ^«reirdlLtt für den Urei; Sichen" zweimal wöchentlich. Diecandwinlchaftllchen Seit­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhesfen

Sreitag, \2. Juni

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schuld straße 7. Expedition und Verlag: e=s|^51. Redaktion: 112. Tel.-Adru AnzeigerGießen.

Die Gewinnung der Lahn für die 5tadt Gießen.

Hauptversammlung des Bürgrrvereins Gießen.

Gießen, 11. Juni 1914.

Im großen Saale des Cafs Ebel hielt der hiesige Bür­gerverein heute abend seine Hauptversammlung ab. Der von dem Vorsitzenden, Lehrer Valentin Müller, er­stattete Jahresbericht gab Zeugnis davon, daß der Verein auch in dein abgelausenen Vercinsjahr nach Kräften bemüht war, die Interessen der Bewohner zu wahren und das Wohl der Stadt zu fördern. Aus dem reichen Inhalt heben wir hervor: Es wurden 9 Vorstandssitzungen und 5 Bürger­versammlungen abgehalten. Ten Verkehrsverhältnissen wurde besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Eine besondere Freude war es für den Vcreinsvorstand, daß er an dem Vertreter unserer Stadt in der Zweiten Kammer, dem Landtagsabge- ordnetcn Professor U r st a d t, einen so warmen Fürsprecher unserer Wünsche hatte. Seine Eisenbahnetatsrede ist ein Be­weis, daß die Interessen unserer Stadt an ihm einen wach­samen Vertreter haben. Ueber Umfang und Ziele der jetzt ins Leben getretenen Gewerbeausstellung wurden die Mff- gliedcr und weitere Kreise der Bürgerschaft in einer Ver­sammlung von sachkundiger Seite unterrichtet. Der Frage des Zusammenschlusses der Bürgervereine in den Orten un­serer Umgebung trat man näher und regte eine Arbeits­gemeinschaft der einzelnen Bezirksvereine unserer Stadt an, deren Zustandekommen sicher einen Segen für unsere Stadt in sich schließt. Eine Versammlung, in der über Treuhand- gesellschastcn und .tzvvothekcnnot gesprochen werden sollte, mußte wegen Verhinderung des Reserenten ausfallen. Fi­nanzamtmann Meyer Mainz hielt einen Vortrag über den Wchrbcitrag. lieber die Jugendpflege saßt der Vorstand seine Ansicht dahin zusammen, daß diese nicht bloß die Fürsorge der Heranwachsenden männlichen Jugend umfassen, sondern vielleicht in erhöhtem Maße die körperliche und sittliche Kräftigung der weiblichen Jugend sich zur Aufgabe machen soll. Die am 11. November 1913 in einer außerordentlichen Hauptversammlung ausgestellte Wahlliste hat, wie der Aus­gang der Wahlen dies bewies, bei der Bürgergesellscl-ast großen Anklang gefunden. Bei der bevorstehenden Neuwahl wird es sich der Verein zur Aufgabe machen, in gleich ruhiger und sachlicher Weise wie seither zu handeln. Dem von der Stadtverordnetenversammlung einstimmig gewählten neuen Oberbürgermeister Keller bringt der Verein volles Vertrauen entgegen und hat Veranlassung genommen, ihm bei seinem Amtsantritt durch den Vorstand die Glückwünsche des Ver­eins zu übernritteln. Die in der Lesehalle am Neuwegertov ausgestellte und einem jeden zugängliche Büchersammlung des Vereins ist durch eine Anzahl von Schriften und Werken gefördert worden. Stadtverordneter Simon stiftete ein wert­volles Werk über die Studienreise der deutschen Gartenbau- gesellschast nach England, wosür ihm der Vorsitzende den Dank des Vereins aussprach. Er schloß mit bestem Dank an alle, die dem Verein im legten Jahr ihre Kräfte zur Verl- sügung stellten.

Die in Verhinderung des Schatzmeisters Kommerzienrat Müller von dem Schriftführer Jaskowsky verlesene Rechnung schließt mit einem Ueberschuß von 793,75 Mk. Es meldete sich niemand zum Wort, dem Vorstand wurde hieraus Entlastung erteilt.

Die ausscheidenden Mitglieder wählte man durch Zuruf wieder. Für das seitherige Mitglied Troß wurde Fabrikant Homberger durch Zuruf bestellt. Darnach teilt der Vorsitzende mit, daß nach einer ihm zugegangenen Zuschrift am 21. Juni dieses Jahres von Gießen aus ein Sonderzug zur Besichti­gung der Deutschen Wcrkbundausstellung in Köln eingelegt werde. Für den Fall daß sich 32 Personen melden, ermäßigt sich das Fahrgeld um 40°/°. Der Eintrittspreis beträgt 80 Pf. Wer sich beteiligen will, wird eingeladen, sich bei dem Vor­sitzenden zu melden.

Damit schloß der erste Teil der Tagesordnung. Nach einer kleinen Pause sprach GeheimratPros.Dr. Som­mer über

Die Gewinnung der Lahn für die Stadt Gießen.

Geheimrat Sommer führte aus:

Im gcogravhischen Sinne liegt Gießen an der L a h n^ Dieser ätbestand ist jedoch durch die Art der Entwickelung der Stadt IN -n letzten 60 Jahren in vieler Beziehung inhaltslos geworden, da x Hauptteil der Stadt, abgesehen von einigen Durchlanen, durch en Eifcnbahiidamm von dem Fluß abgefchnitten nt. Der entichei- »nde Vorgang war die Anlage der Main-We,er-Bahn, welche die itadt von der Lahn wie durch eine hohe Mauer abtrennte, so daß ic Lahn im gewissen Sinne aus dem Bewußtsein der Emwohncr- hajt größtenteils verschwand. ,

In dem alten Gießen, dessen Schönheiten z. B. von S eji cf c n» erg so hoch einqeschätzt wurden, svielt die Lage der Stadt in inem Kranz von Wiesen am Flusse eine große Rolle, senckenberg at das Großzügige dieser Landschaft, die einen mächtigen Kessel wischen den Ausläufern von 4 Gebirgen «des «ogelsbcrges, des aunus des Westerwaldes und des Rothaargebirgesj darßellt. rich- iq erkannt. Jedenfalls gehört der Fluß, der d,e,es an Natur,chow eiten reiche Becken durchfließt, durchaus zu dem Landichaitsbildc >er große Eisenbahndamm hat aber nicht nur das Landlchaitsbild rheblich zerstört, sondern die Stadt von dem Wayerlau,, der zu hrer natürlichen Voraussetzung gehört, da Gießen urwrunglich an er Stelle eines Lahnüberganges cntltanden ist, abgetrennt.

»Njr wollen nicht verkennen, welch' große Entwicklungsmöglich- eiten diese Eiienbayn, durch die Gießen zu esnein wichtigen Halte­nd Kreuzungspunkt an der Bahn von Frankfurt nach Kassel und »cit-r nach Norddeutschland wurde, geichaifen hat. selbstveryand- ich wäre die mächtige wirtschaftliche Entfaltung der Stadt ohne »eie wichtige Berkehrsverbindung unmöglich geweien, und es ,olt rickt verkannt werden, daß die Stadt Gießen auch gerade in Bezug ,us ihre Einwohnerzahl der Entwickelung ihres Eisenbahnwesens dank schuldig ist aber umgekehrt darf auch nicht vergehen werden, öelck' großen Schaden der ganz- Charakter der Stadt durch diese Ibschneidung ihres vauvtteils von der Lahn erlitten hat. Man «raucht nur bei einer vergleichenden Studie Uber eine Reche von deutschen und außerdeutschen Städten zu tehen. wie anderwärts viel ,erir,aere und landschaftlich nicht so schone Wayerlause m hervor- waender Weise zur Verschönerung des Stadtbildes, und des ganzen iebens in einer Stadt verwendet werden, um diese Schädigungen Kt Stadt Gießen durch diese Abschneidung von der Lahn zu bc.

,tClT ffiir wollen jedoch hier nicht nutzlos über ein unvermeidliches Lebcl"klagen, sondern wollau uns lieber die Frage vorlegcn, wie

sich die dadurch bedingten Schäden nach Möglichkeit be­seitigen lassen. Ich möchte nun im folgenden einen Plan hierzu entwickeln, und ioähle dazu diese Form der ösicnllichcn Er­örterung, um tveitere Kreise von der Notwendigkeit eines derar­tigen Vorgehens zu überzeugen. Findet der Plan, wie ich hosie, in der Bürgerschaft Anklang, so bin ich in meiner Eigcnschait als Stadtverordneter bereit, mit den entsprechenden Anträgen an die Stadtvcrwaftung heranzutreten.

Es handelt sich zunächst als fundamentale Voraussetzung darum, außer der vorhandenen großen Lahnbrücke an zwei Stellen und zwar einerseits im Süden, andererseits im Norden mit bil­ligen Mitteln je einen Lahnübergang zu schäften, die cs ermög­lichen würden, in leichler Weise von den beiden Enden der Sladt aut die andere Lahnseite zu gelangen, und van da in dem Gelände an der Westseite der Lahn einen Weg entlang dieser mit der Aus­sicht aus den Fluß, andererseits aus die schöne Landschaft im We­sten (Gleiberg, Vetzberg, Tünsberg usw.> z» gewinnen, und zwar schlage ich für den nördlichen Teil von Gießen vor, vom Ende der E d c r st r a ß e, da wo sie durch den Viadukt der Main-Weser Bahn geht, unter Benutzung und Verbreiterung eines schon vorhandenen schmalen Fußweges quer durch die Lahngärten im rechten Winkel zur Lahn den Fluß zu gewiuneu und ihn in einer noch näher zu beschreibenden Weise zu überbrücken.

.^sch verstehe hierbei unter Uebcrbrückung im allgemeinen die Schassung einer Möglichkeit, um von einer, Flußseite zur ande­ren zu gelangen, wobei verschiedene Arten der'Ausführung in Be­tracht kommen. An steinerne Brücken ist selbstverständlich au, un­absehbare Zeit weder im Süden noch im Norden an den gemeinten Stellen zu denken, da ganz abgesehen von der Finanzlage der Stadt, die zwar zurzeit nicht schlecht ist, aber doch Lurusausgaben nicht erlaubt, ein Bcdürsnis »ach Fahrbrücken an diesen Stellen bisher in keiner Weise vorhanden ist, besonders weil bei den Flutvcrhält- nissen der Lahn eine lleberbaumig der betr. Gegenden des rechten Lahnusers so gut wie ausgeschlossen ist. Wohl aber kommen an den von mir gemeinten Stellen einfache Holzbrücken entschie­den in Betracht. Dabei müßte allerdings aus die Frage des Hoch­wassers und im Norden der Stadt des Eisganges Rücksicht genommen werden, indem, wie das manchmal geschieht, der mittlere Teil der Fußgängerbrücke cntscrnbar sein müßte. Abgesehen von einer Holzbrücke kommen ferner noch in Betracht Verbindungen durch eine Fähre oder durch Kähne. In diesen beiden Fällen müßte selbstverständlich der Lahnübergang durch entsprechende Ein­richtungen geregelt sein.

Es kommt nun ferner ein Moment in Betracht, das abgesehen von dem Eisgang gerade für die nördliche Uebergangsstelle am Ende der Ederstraße eine der letztgenannten Einrichtungen in Be­tracht ziehen läßt. Es ist nämlich durchaus notwendig, um die Lahn für die Einwohnerschaft in höherem Maße wieder zu ge­winnen, daß eine öjsentllche Einrichtung für Kahn- fahren und Rudern auf der Lahn getrofscn wird. Dem älte­ren Gießcncr Rudcrveroin, der aus der linken Sleite der Lahn in der Nähe des Lahnwchrs sein Heim hat, und dem jüngeren Ruder- Verein, ivclchcr aus der rechten Seite sein Bootshaus hat, gebührt unstreitig das Verdienst, trotz der geschilderten Entwickelung das Interesse am Wassersport ausrecht erhalten zu haben. Es ist selbst­verständlich, daß der Schwerpunkt des Rudersports immer in die­sen tätigen Vereinsorganisationen liegen wird, aber das Studium einer Reihe von anderen Städten, speziell auch in England, wo das Wassersahren eine außerordentlich weit verbreitete Volks­gewohnheit ist, hat mich zur Ueberzeugung gebracht, daß die aus­gezeichnete Gelegenheit, Rudersport zu treiben und dabei das pracht­volle Landschaftsbild von der Lahn aus zu genießen, in außeror­dentlich viel geringerem Grade benutzt wird, als dies im Inter­esse gerade der Volkshygiene zu wünschen ist.

Zu gleicher Zeit betrachte ich cs sür eine Handlung richtiger Voraussicht, wenn die Stadt Gießen selbst von vornherein diese bessere Erschließung der Lahn sür diese Zwecke in die Hände nimmt, indem sic an depi Nordende der Stadt, wo sür diese Zwecke bessere Flutverhältnisse sind, an der bezeichneten Stelle ein städtisches Bootshaus schasst, bei welchem man sich einen Kahn leihen oder, wie das nach meinen Erkundigungen von verschiedenen Seiten geschehen würde, einen eigenen Kahn gegen eine bestimmte Gebühr cinstellen kann. Dieses städtische Bootshaus könnte mit einer ein­fachen Dienstwohnung sür einen der städtischen Angestellten z. B. einen Straßenwart verbunden werden, der zu gleicher Zeit die Ober­aussicht sühren könnte, während ein anderer Angestellter das Ver­leihen der Boote usw. besorgen könnte. Ich habe im vorigen Som- tner bei einer Reise in England die Wasscrläuse bei den Universi­täten Oxford und Cambridge gesehen und habe den geradezu außer­ordentlichen Bootsverkchr von seiten der Studenten und der wei­teren Einwohnerschast dabei beobachtet. Es ist sicher, daß die Ver­hältnisse aus unserer Lahn an der bezeichneten Stelle viel gün­stiger sind als aus den genannten kleinen englischen Flüssen, daß seiner unser Landschastsbild unendlich viel schöner ist als das bei Oxford und Cambridge, während wir bisher diese außer­ordentlich günstigen natürlichen Bedingungen fast gar nicht be­nutzen. Wir müssen in diesem Punkt den eingeschränkten Zustand, in welchen wesentlich der Eisenbahndamm die Stadt Gießen versetzt hat, zu durchbrechen suchen und endlich die Lahn und alle die Möglichkeiten, die dieser Fluß bietet, wirklich zu gewinnen suchen. Ich habe schon vor längerer Zeit Herrn Oberbürgermeister Mecum aut die Notwendigkeit eines städtischen Bootshauses gesprächsweise hingewiesen und dabei seine Billigung gesunden, jedoch ohne daß die Unterredung zu irgend welchen weiteren Folgen geführt hat. Das weitere Studium der Frage Hat mich dann zu dem vorliegenden weitergehendcn Plan geführt, den ich nun weiter entwickeln will.

Ist die Möglichkeit erst gegeben, die Lahn an dieser Stelle auf einer Holzbrücke, einer Fähre oder mit einem Kahn an dem eventuellen städtischen Bootshaus zu überaueren, so gelangt man nach dem Gelände- und Straßenplan an der rechten Lahnseite aus den Lehmkautenweg und den Weg, der nahe am Fluß durch die Wiesen an dem Bootshaus vorbei zu dem westlichen Ende der steinernen Lachnbrückc führt. Dieser Weg von 7>cm zukünftigen Lahnübergang müßte mit Bäumen bevslanzt werden, so daß man den Spaziergang später aus einer schattigen Allee zurücklegen könnte.

'Wir wenden uns nun zu dem Süden der Stadt und fragen, wo hier am besten der entsprechende Lahnübergang stattsinden könnte. Für dieses Gebiet habe ich infolge der Lage meiner Woh­nung schon längst das Bedürfnis nach einem solchen llebcrgang empfunden und habe mir aus diesem Grunde früher einmal einen Kahn angeschasst und ihn in der txühercn klinischen Waschanstalt eingestellt. Das gleiche Bedürfnis haben sicher schon sehr viele im Süden der Stadt empfunden, und würden eine Fußgängerbrücke, die an dieser Stelle auch nicht durch Eisgang bedroht wäre, als außerordentliche Wohltat empfinden.

Als Ausgangspunkt sür dieselbe kommt das in den bänden der Stadt besindliche früher Pascoschc Grundstück in Betracht, et­wa- südlich des Gasthauses zur Lahnlust, von dessen Veranda über dem Fluß man einen vorzüglichen Ueberblick über die ganze Landschaft hat. Von hier könnte man dann sehr leicht die Gegend der Hardt und deS Windhofes »der auch am Schlochthof vorbei die steinerne Lahnbrücke erreichen. Ebenso wie nördlich der stei­nernen Brücke an den oben beschriebenen stellen müßten auch hier allmählich schattige Fußgängerwege gcschafsen werden. Es würde dadurch die Lahngegend tatsächlich nicht nur für Spazier­gänger, sondern auch jür manche Berkchrsbedürsirtjlc zwischen dem

Sudendc der Stadt und der Hcuchclheiiner Chaussee überhaupt erst erschlossen werden.

Denkt man sich in dieser Weise die Lahn im Norde» und Sü­den der jetzigen einzigen Lahnbrücke in dieser Weise überbrückt und diese Stellen mit schattigen Fußwegen verbunden, so fehlt sür die Wiedcrgennnnung der Lahn noch eine im Laute der Zeit zu schat­tende Einrichtung, nämlich ein zentral gelegener Lahn park. Einen solchen hatte ich schon vor längerer Zctzt in einer anSsühr- lichcn Eingabe an Herrn Oberbürgermeister Mecum beantragt unter genauer Bezeichnung der betr. Stelle. Ich hatte damals das Wiesengeländc in der Lahnschleisc im Auge, welche dadurch ent­steht, daß etwas südlich vom Elektrizitätswerk die Lahn einen schar­fen Bogen nach links macht, bis sie dicht an dem steilen User die oftcnbae in ihrem Laus verlegte'Wiescck ausnimmt und sich nun wieder schart nach Süden wendet. Dieses zungcnsörmigc Stück, wel­ches zum Teil im Besitze der Stadt, zum Teil in dem des Staates ist, schien mir sür eine einfache Anlage Mit Bäumen und Ruhe­bänken trotz des gelegentlichen Hochwassers sehr geeignet zu sein, da ich schon mchrsach in ebensalls nicht hochwassersreten Flußnie­derungen solche Anlagen gesehen habe, die säst das ganze Jahr der Bevölkerung in ausgezeichneter Weise als Park dienen, wenn sie auch gelegentlich sür kurze Zeit überschwemmt sind. Allerdings erschien es entschieden notwendig, diese eventuelle Lahn Park­anlage, die ja aut der rechten Serie der Lahn liegt, mit der Städlscitc durch eine öölzbrückc zu verbinden, die der erhöhter Lage des Geländes hinter der Güterhallc trevvcnartig von oben über die Lahn himoeg auf dieses Gelände zu hätte gelegt werden Essen. Technisch bietet dies durchaus keine Schwierigkeiten, nur ist zuzugeben, daß infolge der Absperrung durch die Bahnhoss- anlagc dieser Zugang nicht sehr bequem vom Zentrum der Stadt aus gewesen sein würde. Immerhin hätte diese Verwendung des Wicsengeländcs in der Lahnschleisc für eine einfache Parkanlage einen außerordentlichen Vorteil für die Gewinnung der Lahn be­deutet. Herr Oberbürgermeister Mecum bat mich damals, von der wcitcrcn Verfolgung dieses Plans bis aus weiteres Abstand zu nehmen, weil er bestimmte Absichten hatte, mit denen derselbe kol­lidierte. Ich habe dementsprechend damais den Antrag, der sich bei den Akten der Bürgermeisterei befinden muß, nicht lvleiter be­trieben. Nachdem jedoch die mir von Herrn Oberbürgermeister Mc- cum mitgeteilten Gründe völlig gegenstandslos geworden sind, wo­bei ich über die Einzelheiten schweigen will, so habe ich nickst de» mindesten Grund mehr, von einer öffentlichen Erörterung dieses damaligen Planes, der mit meinem jetzigen Thema eng zusammen­hängt, Abstand zu nehmen. Tcir einzigen Gegengrund, den ich jetzt noch anerkennen könnte, ist der einer möglicherweise kommrndeil L a h n k a n a l i s a t i o n. Ich bin jedoch überzeugt, daß diese Kanalisation, wenigstens soweit sie sich bis nach Gießen erstreckt, sür uns in sehr langer Zeit noch nicht in Betracht kommen wird, wobei ich auf das gewöhnliche Schicksal von Gießen, nicht ge­nügend berücksichtigt zu werden, nicht weiter cingehen will. Jeden­falls kann man ruhig in der Lahusthlcisc vorläusig einige Bäume vilanzcn und einige Ruhebänke in diesem geradezu idyllischen Winkel am Fluß aufstcllen auf die Gefahr hin, daß sie ill 50 bis 100 Jahre» bei der großen Lahnkanalisation, die Gießen zu einer Binncnseestadt mackstn ioll, loiedcr lvcggerisscn werden müssen. Unterdessen könnten 2 bis 3 Generationen der Gießencr Bevölkerung hier ihre Freude haben.

Das zweite Gebiet, toefchcs für die Anlagje eines zentral ge­legenen Lohnparks in Betracht kommt, ist die sogenannte Insel, die sich zwischen her Lahn und der Südseite des Elektrizitäts­werks und den, dortigen Mühlgraben befindet. Wer ienrals dieses Gebiet besucht hat, weiß, welche landschaftlichen Schönheiten ge­rate diese Stelle bietet, und mutz auss lebhafteste bedauern, daß infolge der Abtrennung der Stadt von der Lahn eine so günstige Gelegenheit, eine Lahnparkanlage zu schaffen, von der Stadt noch"nscht benutzt worden ist. Glücklicherweise befindet sich in diesem Falle, soviel ich weiß, fast das ganze Gelände in den Händen der Stadt Gießen, so daß ein Gcländeerwcrb nur in beschränktem Grade in Betracht käme. Auch an dieser Stelle ließe sich ein städtischer L a h n p a r k sehr leicht anlegen. Dieser wäre von der Wcstanlagc und der Bahnhosstraße durch die betr. Unterführungen und am Elektrizitätswerk vorbei sehr leicht zu erreichen und könnte zu einer wahren Quelle der Erholung für weite Kreise der Bevölkerung von Gießen werden.

Denkt man sich die gemachten Vorschläge: Uebcrguerung der Lahn im Norden am Ende der Ederstraße, im Süden ungefähr in der Verlängerung der großen Eiscnbahnbrücke in der Achse der Klinikstraße, in Verbindung mit schatttgen Fußwegen, die von der Stelle dieser Ueberbrückungcn ausgehend das Gelände west­lich der Lahn mit schattigen Fußgängerwege» durchkreuzen wür­den, ferner in Verbindung mit dem genannten Zentralpark an der Lahn, so würde dadurch trotz der Jahrzehnte langen Ab­schneidung der Stadt durch den Eisenbahndamm die Lahn wieder ein organischer Bestandteil der ganzen Stadtan­lage werden, was meiner Ansicht für die ganze weitere Ent­wickelung von Gießen von außerordentlicher Bedeutung sein wird. Dabei lassen sich die genannten Wünsche mit relativ geringen Mitteln befriedigen und belasten die Stadt mit außerordentlich viel geringeren Kosten, als dies bisher bei viel weniger für die allgemeine Verschönerung der Stadt notwendigen Anlagen der Fall gewesen ist. Dabei lassen sich selbstverständlich die einzelnen Teile dieses ganzen Planes der Reihenfolge nach je nach den zur Verfügung stehenden Mitteln Herstellen. Nur muß von vorn­herein ein richtiger Gesamtvlan in dieser Beziehung ins Auge gefaßt werden. Die Bürgerschaft und die Stadtverwalttmg sür eine solche zusammenhängende Verbesserung und Ausgestaltung in der Verwendung der Lahn für die Stadt zu gewinnen, ist der Zweck dieses Vortrages.

In der nun folgenden regen Aussprache macht Pro­fessor Freiherr von Liebig darauf aufmerksam, wie in München mit verhältnismäßig geringen Kosten durch Pri- vathilse der Bürgerschaft der Luitpoldpark geschaffen worden sei. Stadtverordneter Löber steht den Ausführungen des Vortragenden sehr sympathisch gegenüber und erblickt in den Vorschlägen einen Weg, dem so sehr in den Hinter­grund gedrängten nördlichen Stadtteil etwas anfzuhel- sen. Brauereibesitzer Bichler weist auf die Städte Frei- sing und Kissingen hin, wo unter ähnlichen Verhältnissen Anlagen geschaffen wurden, die das Städtebild sehr zu ihrem Vorteil umgewandelt haben. Gehcinrerat Haikpt möchte nicht bloß die rechte Seite der Lahn, sondern auch das linke Ufer zugänglich gemacht haben, da hier durch Privatbesitz jeder Zugang versperrt werde. Auch sei es notwendig, die wilden Backsteinbrennereien mit chrem un­angenehmen Geruch in Ringosenziegeleien umzuwandeln, worauf aber später geltend gemacht wird, daß nach Lage der Sache diese Backsteinbrennereien in absehbarer Zeit von selbst verschwinden würden. Geometer R e i tz macht aus die die Landwirtschaft schädigende Wirkung der anzupflati- zenden Bäume aufmerksam, sowie auf die durch den An­kauf des Geländes notwendigen Kosten. Geheimrat Som­mer ist mit dem Verlauf der Aussprache sehr zufrieden und stellt fest, daß die aufgeworfenen Bedenken keineswegs mit seinen Ausführungen in Widerspruch stehen, sstach eini­gen zustimmenden Worten to Uurverlitätsprofessors

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