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Der Sießener Anzeiger
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Erstes Blatt
M. Jahrgang
ietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Donnerstag, U. Juni I9N
Bezugspreis:
monatlich75Pf.,v»enel«
jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- »u Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost 2)ik.2.— viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15Pf^ ausivärls 20 Psemnq. Chefredakteur: 2l. Goetz. Pcrantivortlich für den polit. Teil: Aug. Goetz; für „Fenilleto»»", .Vermischtes" und„Äcrichts- saal": Karl Neurath; für .Stadl und Lander
Rotationrdnick vnd Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei l». Lange. Redaktion, Lrpcdition und vriukerei: Schulftrahe 7. Anzeigen!'-:):' H?B-ck!
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Die Unruhen in Italien.
Um die Gründe und Zusammenhänge des derzeitigen ttllgcmcincn Ausstandes in Italien und der blutigen Ün- ruhcn zu verstehen, muß man sich erinnern, daß Rtinistcr- Präsident Salandra bald nach seinem Amtsantritt seicr- lich erklärte, er werde alle die Staatsautorität schädigenden Bersairmlungen. hauptsächlich die mitimilitaristischcn und anarchistischen Veranstaltungen rücksichtslos unterdrücken. i!lls nun die Arbciterkammcrn verschiedener Städte aus Anregung der Arbeitcrkanimer in Ancona sür den 7. Juni, den Nationalfeiertag, antimilitaristische Kundgebungen an- sagtcn, war sür Salandra die Gelegenheit und die Pflicht gekommen, sein Versprechen wahr zu machen. Gr wies die Präsekten an, die Kundgebungen zu verbieten und übernahm dann in der römischen! Kammer die volle Verantwortung für seine Anweisungen. Unterdessen lam es zu blutigen Zusammenstößen in Ancona. Wer dabei angcfangcn hat. wird ja die Untersuchung ergebe». Gin nach Ancona gesandter Generalinspektor hat sestgestcllt, daß die Karabinieri, die von ihren Schußwassen Gebrauch machten, vorher einem Steinhagel ausgesetzt waren und erst dann angesangen haben zu schießen, nachdem mehrere von ihnen durch Stein- Würfe verwundet worden waren.
Jedenfalls haben die Ausrührer in Ancona den Konflikt zwischen den Arbeitern und dem Militär hervorgeruscn, und cs klingt wie Hohn und Bosheit, wenn dann wegen dieser Zusanimcnstöße der allgemeine Ausstand der „gesamten Arbcitertlasse in ganz Italien" vom Gcneralvorstand der italienischen sozialistischen Partei beschlossen wurde. Es ist ein allgemeiner Ausftand ans Trotz und Haß. nicht etwa eine Bewegung zur Erlangung neuer wirtschaftlicher Vorteile, sondern ein RevolutionSscldzug, der der Regierung Salandra die Zähne zeigen und womöglich einen cinpsind- lichen Biß ins Fleisch beibringcn will. Der Beschluß des i^encralvorstandes wurde sofort dem in Ancona residierenden Zentralvorstand der italienischen Eiscnbahnangestellten zugesteUt. Das ist höchst charakteristisch. Beginnen muß jeder richtiggehende „Generalstreik" mit einem Giscnbahnstreik; ruht der Güterverkehr, so sind die Städte ohne Lebensmittel. Schließen sich dann die städtischen Arbeiter dem Eisenbahn- strerk an, so bleiben die Städte bald ohne Licht, ohne Wasser,^ ohne Reinigung. Zu dem Lebensmittelmangel tritt die persönliche Unsicherheit und die Gefahr von Krankheiten. Seit Sonntag wird jetzt die Hauchtshadt Italiens nicht mehr gefegt und gesprengt; die Kchrichttübel werden auf die Straßen ausgeschüttet, so daß überall Staub und übelriechender Unrat umherlicgcn und uncrträgtiche Fliegcnschivärme den Rtüll umschwirren. Ter inodcrne, anarchistische General- streikler rechnet eben planmäßig mit den Bedürfnissen und Ginpsindlichlciten der großen Städte und ihres Bersorgungs- apparates, in vorwiegend agrarischen Staatswesen tvörc ein Generalstreik aus haß nicht durchzufllhren. Tie Mehrzahl der Bevölkerung wäre nicht in Schrecken zu bringen. In einer „bestreikten" Stadt macht sich z. B. sofort der Mangel an Milch bemerkbar, der Hauptnahrung der Säuglinge, und die Säuglingssterblichkeit steigt denn auch bereits nach wenigen Tagen in unerhörtem Maße. Tie ganz Unschuldigen lerden am meisten. Daß mau auch bei dem neuesten italienischen Ansstand vor allem mit der Not und der Angst des Bürgers rechnet, beweist der Umstand, daß prompt die Ar
beiter in den Ausstand traten, deren Tätigkeit ans die Be" sriedigung der elementaren menschlichen Bcdürsiiisse gerichtet ist. Tie eigentliche Industrie, die Texsilindustric nnd Schwerindustrie spielt dabei eine untergeordnete Rolle: denn der Gegner, die bürgerliche Gesellschaft kann sich ja lange halten, ohne neuer Kleider und ohne neuer Maschinen zu benötigen. Man läßt also die eigentlichen Industriearbeiter zunächst ruhig an der Arbeit und verläßt sich daraus, daß der Stillstand der Fabriken dem Vcrkehrsstreik ganz von selber folgen muß, weil cs den Fabriken sehr bald mi Kohlen sehlt und auch an Rohmaterial, womit dann auch die mit Wasserkraft betriebenen Fabriken lahmgclegt sind. Ter allgemeine AuSstand aus Haß rechnet im Endziel damit, das; die Städter, wenn sie ohne Brot, ohne Licht, ohne Wasser usio. bleiben, ivcnn ansteckende Krankheiten zunehmen, wenn die Kinder im jüngsten Alter leiden, schließlich ihre Regierung zu zwingen wissen, das zu tun, was in den Wünschen der Streikzentrale liegt. Diese Taktik ist in der Absicht und im Erfolg nichts anderes als t e r r o r r i st i s ch; sie unterscheidet sich von der Taktik des anarchistischen Boin- bcnschreckens lediglich dadurch, daß sie nicht einzelne bedroht und schädigt, in denen man die Spitze und die Urheber der Gesellschaftsordnung erblickt, sondern der allgemeine Ausstand ans Haß will die ganze Bevölkerung durch Schädigung und Drohung fiir Leib und Leben niederznzwingen. Er vergißt aber, daß überall da, wo die Gesamtheit von Nöten betroffen wird, es die Allcrärinstcn sind, auf die schließlich alles Leiden abgewälzt wird. Und an dieser Niedertracht nnd Unsinnigkeit wird er sich schließlich den häßlichen Schädel einrennen. Die Bürgerschaft der italienischen Städte und weite Arbeitcrkceise schließen sich jetzt mit der Regierung zusammen, und sie werden des Terrors Herr werden.
Neue Unruhen.
Rom, 10. Juni. In Palermo ist heute nacht der allgemeine Ausstand erklärt worden. Er wurde bisher nur teilweise durchgcsührt. In Turin fand eine Versammlung vor der Arbeiterkammer statt, an welcher trotz des Regens mehrere Tausend Personen teilnahmen. Nacktdcm mehrere Reden gehalten waren, bildeten die Versammelten einen Zug, der durch die Straßen zog nnd sich dann ohne nennenswerte Zwischenfälle auslöste. In Ancona verlies der Morgen ruhig. Der Ansstand ist ein vollständiger. Heute vormittag beabsichtigte die Eisenbahndircktion: zwei mit Soldaten bewachte Züge abgchen zu lassen, die Züge mußten aber wegen des auf ossener Strecke von den Zlusständrgep aiigcrichtetcn Schadens zurückkehren. Die Krenzör „Pica", „San Giorgio" und „Argodat", sowie drei Torpedobootszcrstörer sind in Ancona angekommen. In Faoma wurden heute morgen abermals Steine gegen die Truppen und die Polizei- bcamten geworfen, welche die Ausständigen auseinander- trciben wollten. Tie Truppen gingen mehrmals vor, die Veranstalter der Kundgebung versuchten jedoch am Ponto di Wezzo Widerstand zu leisten^ indem sie die Karabineri und Soldaten mit Stcincn bewarsen. Sic umzingelten in der Farnescestraße ein Haus, in welchem zwei Osfizierc wohnten, die einige Schüsse in die Lust abseucrtcn. Tie Truvpen rückten heran nnd gingen gegen die Menge vor, die sie mir Steinwürsen empsing. Tic Mengp wurdc schließlich zerstreut. Mehrere von den Vcrhaitetcn sowie eine Anzahl von Karabineri und Soldaten wurden verletzt.
Bari, 10. Juni. Heute morgen zogen Gruppen von Aus- stländigen durch die Stadt und forderten die Schließung der Läden, was auch geschah. Die Polizei zerstreute mehrmals die Ausstälidigen, ohne die Waise zu gebrauchen. Tie Polizeibeamten wurden mit Steinen beworfen; zwölf Polizeibeamte nnd Karabinieri wurden verletzt, ein Beamter erlitt Quetschungen, mehrere Verhastnngen wurden vorgenommcn. Die Ausständigen gaben
R e v o l v c r s ch ü s s c aus den Obersten der Karabinieri ab, der jedoch unverletzt blieb.
Der Eisenbahnbetrieb.
R o m , 10. Juni. Trotz des allgemeinen Ausstandes wickelt sich der Eisenbahnbetrieb in säst ganz Italien normal ab. Nur zwischen Ancona und Bologna ist die Bahnstrecke bei Fabriano, Jmola und Facnza beschädigt und der Betrieb unterbrochen. Der gestrige Abend verlies in allen großen Städten ohne besondere Zwrschensältc. Heute vormittag verkehrten in Genua die Automobile und die Fubrlvcrke. Alle Läden sind geössnct. Auch in Turin sind nicht alle Gcschästc geschlossen. In Neapel begann der Ausstand ernst z» werden; aber die Straßenbahn verkehrt und die meiste» Läden sind geössnct. Ern Versuch, die Arbeiter im Erscnbahiitunnel bei Grazie zum Ausstand zu veranlassen, wurde durch die Polizei vereitelt. Mehrere Verhaftungen wurden vorgenommcn.
Gegnikundgcbungcn gegen den Ausstand.
Florenz, 10. Juni. Heute nachmittag durck/zog eine große Schar von Burgern die Straßen unter Protcstrnsen gegen die Gewalttaten der Ausständigen. Jede ihnen begegnende Abteilung von Soldaten wurde mit dem begeisterten Ruse; Es lebe Italien! Es lebe die Armee! begrüßt. Vor der Präsektur ries die Menge: Es lebe der König! Tic Menge, der rine Fahne vorausgetragen wurde, zog dann vor den Vacchio Palast, wo es zu immer begeisterteren Ktrndgebnngcn kam. Tie Abordnungen der Umzügler begaben sich schließlich zum Präfekten Und zum Bürgermeister.
Rom, 10>. Juni. Heute nachmittag wurde in der Stadt ein Flugblatt verteilt, das die Bürger zu einer Kundgebung für die Armee aussordert. Einige tausend Personen bildeten einen imposanten Zug mit Fahnen an der Spitze, der sich durch mehrere Straßen nach der Piazza Venezia beioegte. In den Straßen, durch die der Zug kam, waren an vielen Fenstern Fahnen hcrausgehängt. Damen winkten mit Taschentüchern und warfen mit Blumen.
Aufforderung zur Einstellung des Ausstandes.
Rom, 10. Juni. Der Sekretär des allgemeinen Arbcitcrvcr- bandes richtete an alle dem Verbände angchörenden Arbeitcrkam- mern ein Ruichschreiben, in welchem die E i n st c l l u n g des Au ist a Ildes vor Mitternacht gcsordcrt wird. _
Noch ist Albanien nicht verloren.
Trotz des neuesten Zwischenfalles in Durazgo beharri Italic n bei seiner bisherigen Politik, nnd der italienische Minister des Auswärtigen hat in der Kammer eine hocherfreuliche staatsmännischc Rede gehalten, ans der hervorgeht, das; die volle Einigkeit zwischen Italien und Oesterreich noch besteht und daß die Mächte entschlossen sind, die Autoritär des Fürsten Wilhelm nach Möglichkeit zu stärken:
Rom, 10. Juni. Der Minister des Aeußcrn, San Giu- l i a n o, antwortete vor dem sehr besetzten Hause auf die Ansiagc über die Verhastung des Obersten Muricchi und setzte die bekannten Tatsachen auseinander. Es sei dem Gelaichten überlassen worden, sestzusetzen, welche Genugtuung er erhallen müsse, im Hinblick aus die Notwendigkeit, das italienische Prestige zu wahren, aber auch im Hinblick auf das Interesse Italiens an der Festigung des albanischen Staatswesens, seiner mit Rücksicht ans die besonderen in Durazzo herrschenden Stimmungen und Zustände. Nach dem Zwischenfall sei zwischen Italien nnd Ocstcrrcich-llngarn ein neuer Meinungsaustausch erfolgt und die beiden Regierungen seien übercrngckommen.
t. ihren Vertretern in Albanien gleichzeitig entschiedene Weisungen zu geben, damit sie im E i n v e r II e h m c n miteins ander Vorgehen; 2 ihr möglichstes zu tun, um den Fürsten in seiner Macht zu erhalten: 3. jede Bevorzugung Italiens oder Oesterreich-Ungarns in Wirklichkeit sowohl als auch dem Anschein nach zu vermeiden und ebenso die größte Rücksicht auf die internationale Kontrollkommission zu nehmen: 4. die anderen vier Mächte zu ersuchen, sobald alsmöglich Kriegs schisse sür jede Macht nach Durazzo zu
Die vuse Ser deutschen Schauspielkunst.
Tie „Düse der deutschen Schauspielkunst", so nannte Ernst v. Possart in seiner Grabrede Coiistanze Dahn, die am 12. Juni vor einem Jahrhundert das Licht der Welt erblickte. Tic Bezcich- mmg ist wohl nicht besonders glücklich gewählt, aber sie ist in Nachschlagewerke nnd Lexika übergcgangcn und nnrd nun wogt der Eonstanze Dahn, deren Kunst eigentlich mit, der der großen sJtalienerin nichts anderes gemein hatte, als daß Beide wirklich originell in ihrem Schassen waren, dauernd anhastcn. Ter Vergleich ist deshalb schon hinkend, weil die Dahn vom Schauplatz der Bühne abtrat, als die Düse eben erst überhaupt zur Welt gekommen war. Aber Eonstanze Dali» tvar auch eine Große im Reiche der Bnhncnkunst, tmd sie war dazu die Mutter des Tichtcrs Felix Dahn. Sie war französischer Herkunft; als Jcröme, der König von Westsalcn, eine ganze Anzahl französischer Künstler nach Kassel vcrpflanzlc, wurde auch dort der Kapellmeister Lc Gabe ansässig, und ihm wurde bald, nachdem die sran^ösisckze Herrlichkeit in Kassel in die Lust auigeslogen war. das Töchtcrchen Constanze am 12. Juni 1814 geboren, also als Deutsche bereits, und so konnte Constanze le Gane eine deutsche Bühnenkünstlerin und Mutter eines deutschen Dichters werden. Das erste ipurde sie ungemein srnh. Bereits mit zehn Jahren wurde sic als „Wunderkind" von ihrer Mutter durch die Lande geführt, /sie gastierte als „Donauwcibchcn" in einem nach dem Französiicknm sitt sie eigens bearbeiteten Stück „Die Puppe". Das entzückende sou- brettcntalent des Kindes erireutc. erschreckte aber auch manchen wegen der Frühreife, die sich dabei osienbarte. Tie Kleine verschwand dann einige Zeit von der Bühne, um von neuem in Hamburg fünf Jahre später ihre ciqcntlichc Thcaterlansbahn zu be- äinnen. imd ihr Talent zeigte sich zum erstcii Male, als demrich Marr 1831 nach Hamburg kam, um in der dortigen Erstaufführung des Faust", der zwei Jahre vordem in Braunschweig die Ersi- aussülstung erlebt hatte, den M^phisw zu spielen. Mehr noch als er wurde Constanze le Gaye als Gretchen beimindert, vor allen, vom Heldendarsteller Friedrich Tabn, der seine Kollegin im 'Jäbre 1834 heiratete und acht Tage nach der Geburt seines ersten Sohnes Felix mit ihr nach München übersiedelte, um am dortigen Hos- tbeater ein gemeinsames Engagement mit ihr anzutreten. In München war Constanze Dahn ein Menschcnalter eine Zierde der Coibühne trat aber schon 1865 dauernd zuruck. sne stand trotz vierzigjähriger Tätigkeit auf den Brettern noch in der Vollkraft ihres Könnens, und wohl nur mißliche Familienverhältnisie bezogen sie, der Bühne zu entsagen; ihr Gatte, der sich von ihr Iwtte scheiden lassen, war inzwischen eine Ehe mit einer anderen Kollegin. Marie Hausmann, eingegangen. Tic zog sich in ein stilles Heini am Chiemsee zurück, >vo sie am 26. März 1894 Itarb. Sie ist während ihrer langen Laufbahn tr. allen weiblichen Rollen-
fäckstrn ausgetreten, und nnc sie einst in der Jugend als Gretchen, Pariser Taugenichts und Jungfrau von Orleans die Bewunderung erregt hatte, so entzückte sie bei den von Dingelstedt veranstalteten Münchener Musterausführungen als Minna von Barnhclni und später noch als alte Fadct und als „Störenfried". Auch aus ihren zweite» Sohn, Ludwig Dahn, der Bühnenkünstler wurde, hatte sie künstlerisch cingewirkt.
— Ein Dichter, der auf der Landstraße starb. Ernst Ortlcpv war's, der vor fünfzig Jahren so unglücklich endete^ ein Mann, der in jungen Jahren im Ruhmesglanz sich sonnen durste, zuletzt aber elend unlerging. Zn Troyssig bet Zeitz in der Provinz Tachcsn im Jabrc 1800 geboren, als Sohn eines Geistlichen, kam er mit zwöls Jahren nach Schulpsorta, wo er so große Begabung und Fleiß zeigte, daß er noch als Schüler Goethes „Iphigenie" ins Griechische übersetzte. Mit 19 Jahren bezog er die Universität Leipzig, um dort Theologie zu studieren, mußte aber krankheitshalber das Studium ausgeben und kehrte zum Vater zurück, der inzwischen Propst in Schkölen geworden war. Tort begann er nun seine literarische Tätigkett mit einer romantischen Tragödie „Ter Cid". Die revolutionäre Bewegung vom Jahre 1830 trieb ihn nach Leipzig, wo er als politischer Dichter schnell zu Ansehen gelangte. Sein „Oslerlied sür Europa" fand eine begeisterte Aufnahme, nnd dieses wie ähnliche seiner Dichtungen („Psingstgedicht sür Europa", „Polens Stcrbelied", „Allgemeines Neujahrsgedicht für die deutsche Nation" nsw. iisw.h die in Flugblättern weite Verbreitung fanden, ließen ihn der Regierung gesährlrch erscheinen, daß er ausgewieicn wurde. „Mangelnde Subsistenzmittel" gaben der sächsischen Regierung die Dandhabe, den politisch mißliebigen „Auslandes' auszuweisen, der nun in einem andern dcutichen Staate Unterkunft suchte. Er fand sie in Stuttgart, wo er unermüdlich tätig war. Er veröfsentlichte zahllose Zettgedichte in Flügblättern- die ihm aber natlttlich wenig cinbrachten, veranstaltete allerlei. Anthologien, schrieb auch Romane, lvrischc Gedichte, übersetzte einzelne Werke von Byron und Shakespeare, konnte aber trotzdem zu keiner gesicherte» (sicistenz kommen,-und so kehrte er gebrochen geistig und körperlich zerrüttet in die Heimat zurück. „Tas Glück hatte ihn ganz veriassen, und so verlor er sich selbst," heißt es in einem Nachruf auf Ortlepp, womit angedeutet ist, daß er buchstäblich zum Bettler und Trunkenbold herabsank. Zumeist lßelt er sich in Schkölen, dann in Hamburg und zuletzt in Naumburg auf, von wo aus er zeitweilig nach Schulpsorta zu pilgern pflegte, wo ihm, dem noch in seiner üefftcn Verkommenheit ost dickterischc Produktionen gelangen, ein Wohltäter in dem Pro- scssor Keil lebte, der unermüdlich sür ihn wirkte und immer vor» neuem die liitcrarischc Welt aus den Unglücklichen aufmerksam
machte. So lourdc Ortlcpps Elend der hauptsächlichste Anstoß zur Begründung der S ch i l l e r st i s t u n g , aus deren Mitteln er auch eine der ersten Gaben erhielt, die aber nicht mehr imstande war. ihn aus seinem Elend zu erheben. Als er sich wieder einmal auf solcher Pilgcrsahrt »ach Schulpsorta besand, kam er elend aut der Landstraße .um. Man zog am 14. Juni 186 4 seine Lcick>e ans dem Mühlgraben (Kleine Saale bei dem Dorsc Almrich in der Nähe von Schulpsorta. Ob er freiwillig in den Tod gegangen, ob er verunglückte, ist nicht bekannt geworden. In neuerer Zeit hat man übrigens einen Teil von Ortlepps Gedichten gesammelt.
— Das Rhein-Mainis che Vcrbandstheatcr
(Frankiurt a. M., Paulsplatz 10.), dessen Existenz infolge finanzieller Schwierigkeiten in Frage gestcllll toar, ist durch Sammlung eines Garantiefonds von 3000 Mark für die Spielzeit 1914 lo vorläufig Ivieder iichcrgestellt worden. Ang.'iichts des diessährißcn Fehlbetrags von über 5600 Mk. (der z. T. durch außergewöhnliche Umstände bedingt war: wird der gesammelte Garantiesonds siei- lich nur dann genügen, wenn die Nachfrage nacki Vorstellungen sich wieder aus einer so ersreulickwu Höhe hält, Une im Winter 1913/14. Tie Genossenschaft Deutscher Bühnenangehörigcr in Berlin bat dem Theater sür 1914/15 eine Subvention von 1000 Mark zugcsagt, die allerdings durck, eine Erhöhung der Schanipieler- gagen verschlungen werden wird. Es wird indessen den Vorstellungen zweisellos zu 0!ute kommen, daß die Schauspieler besser gestellt sind, als srüher. Voraussichtlich wird die Genossenschaft dem Theater im nächsten Jahre noch weitergelzendc Unterstützuwgen gewähren. Der Spiclvlan des Verbandstheaters sür 1914/15 weist von llassischcn Werken „Ton Carlos". „Emilia Galotti" und Molliers „Geizigen" in derAortrcsflichen Derdeulschung von Ludwig sFulda aus, ferner das seine Goldoni'sche Lustspiel „Tie Wirtin" (La Locandiera). Auch für die Jugend geeignet sind „llriel Acosta" und das Schauspiel des jüngst verstorbenen Tichtcrs Paul Hcvsc „Hans Langen". Einen Lustspielabend bestreiten Goethe („Die (9c- schwister": und Björnson („Die Neuvermählten"). Tie neuere Literatur ist vertreten mit „Heimat", „Nachtasyl" und „Haubenlerche", sowie mit einer Komödie des Wieners Carlwers „Das grobe Hemd". Endlich hat der Spielplan durch Benedix Lustspiel noch ein Stück, das Gelegenheit zu harmloser Heiterkeit bietet. Es ist zu hoffen, daß das Theater sich mehr und mehr in den Orten deS Rhein- Maingebietcs einbürgert. In vielen kleineren nnd größeren Städten ist es in den sieben Jahren seines Bestehens zum dringenden Bedürfnis geworden. !
— Eine kontraktlich ausbcdungenc Mesalliance. Dos Thema der Mesalliancen ist in den letzten Tagen wieder vielsach besprochen und dabei der mannigsachen Widerstände gedacht worden, die dcranige nnstandesgemäßc Heiraten in der


