Ausgabe 
10.6.1914
 
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Nr. 135

Der »letzener Hitzig«

erscheint täglich, anher Sonntags. - Beilagen: viermal wöckwnlsich »tetzenerZomlljendlStler;

znxnnal Wochen tUXreir- blatl für den Kr«i$ Hießen

<Die,^ra<, undFteilaq); zweimal monntl. Land» winfchaflliche Zeitfragen ^erniprech- Anschlüsse: Eür die Redaktion 112, Berlar ü. Exvedition LI Rdresie Kit Depeschen: Aurei^cr «ietzeu. Annahme von Anzeige» Kit die Tcrgesnummer bi§ vormittags 9 Uhr.

Erster Blatt

164. Jahrgang

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Mittwoch, 10. Juni 191^

Di< heutige Nummer umfahl 10 Seiten.

Der Uaiserbesuch in Konopischt.

Kaiser Wilhelm trifft am Freitag zum Jagdbesuch beim Erzherzog Thronfolger Franz Ferdinand in Konopischt ein, und in seiner Begleitung befindet sich der Staatssekretär des Reichsmarineamts Großadmiral v. TtrPitz, wäh­rend gleichzeitig der österreichische Marinekommandant Ad- mrral Haus, nachdem er soeben erst vom Kaiser Franz ^>ses in längerer Audienz empfangen worden ist, in Kono- vfecht cintressen toird. Zur Jagd, wie die Offiziösen ver- tuhern, die zugleich hinzufügen, daß es sich hierbei um einen remen privaten Besuch handele, der lediglich dem Jagdver- gnugen diene.

Es wird der Oesfentlichkeit schwer fallen, an den rein jagdürlw» Charakter dieses Besuckles zu glauben. Wird doch rr/mcrhin zugegeben, daß Erzherzog Franz Ferdinand, von oeni bekanntlich in erster Reihe die Initiative zu dein Aus­bau der österreichischen Flotte ausgegangen ist, den Wunsch geäußert habe, den Staatssekretär v. Tirpitz, der die trei­bende Kraft bei der Verstärkung der deutschen Flotte war, näher kennen zu lernen. Auch die Begrüßung, welche die bekanntlich dem Thronfolger nahestehende WienerReicl>s- post" der KönopischterEntrevue" widmet, läßt zwischen den Zeilen unzweideutig erkennen, daß es sich hierbei trotz aller Ableuguungeu nicht um einen rein privaten Besuch handelt. Schreibt doch das Blatt, man freue sich aufrichtig, daß der Deutsche Kaisergerade von dem großen Flotten- organisator begleitet" ist, und es weist darauf hin, daß Oesterreich an einem Wendepunkt in seiner Floltenpolitik stehe, der niemand eine wärmere Förderung hat zuteil wer­den lassen, als ihr Admiral Erzherzog Thronfolger Franz Ferdinand. Cs ist in der Tat gar nicht daran zu zweifeln, daß man sich in Konopischt sehr eingehend über de» ge­planten weiteren Ausbau der österreichischen Flotte, die nach dem Wunsche der maßgebenden Staats­männer aus dem Wege der Festlegung durch ein Flottcn- gesetz nach deutschem Muster erfolgen soll, unterhalten wird. Und nicht minder eingehend über die weltpolitischen Wand­lungen, welche zu einer solchen Flottenverstärkung dringen­den Anlaß geben Es kommen hierfiir ebenso die Anstren­gungen in Betracht, welche Frankreich zur Verstärkung seiner neuerdings sehr stark ausgcbauten Stellung im Mittclmeer macht, wie die außerordentlich« Betriebsamkeit, mit der das Zarenreich zu Wasser und zu Lande rüstet, Rüstungen, die umsomehr Aufmerksamkeit beanspruchen, zvenn man damit die mannigfachen Unfreundlichkeiten zusanrmenhält, die sich die russisch« Politik neuerdings gegen ihre beiden Nachbarn, gegen Oesterreich Ungarn wie Deutschland, geleistet hat.

Der unlängst bekannt gewordene Erlaß des Zaren, wo­nach im Herbst drei Jahrgänge russischer Reservisten zu sechs­wöchigen Hebungen einberusen werden sollen, findet sein Gegenstück in den Rüstungen zur See, die besonders auch dem Schwarzen Meere gelten. Stehen doch schon jetzt dort fünf Panzerschiffe bereit, und drei weitere sind im Bau, so daß hier bei einer etwaigen Erzwingung her Durchfahrt durch die Dardanellen die österreichische Flotte immerhin ernst­lich belästigt iverden tönnte, wenn sie bei einer Kooperation mit der italienischen Flotte der französischen Mittelmeer­macht gegenübcrstände. Bekanntlich ist im Jahre 1912 zwi­schen Frankreich und Rußland ein maritimes Abkommen zwecks gemeinsamen Vorgehens der beiden Flotten sür den Bedarfsfall getroffen worden, und neuerdings werden offen­bar von russischer Seite alle Hebel in Bewegung gesetzt, um

ein analoges russisch-englisches Flottenabkommcn zustande zu bringen, dessen Vorteile freilich fast ausschließlich auf russischer Seite liege» würden. Eben deshalb zeigt man sich an der Themse bisher noch durchaus abweisend gegen der artige Pläne, einmal, tveil die russische Dardanellcnpolitik den Interessen Englands, welches sich die freie Straße durch das Mittelmeer aus alle Fälle sickwrn rnuß, schroff zuwider­läuft, und zweitens weil die britischen Staatsmänner keine Neigung haben, den Fortgang der deutsch-englischen Bcr- ständigun^sverhandlungen durch eine Politik zu stören, die auf eine schroff gegen den Dreibund gerichtete Zentralisie­rung der Tripclcntente hinauskommt.

Die französischen und russischen Rüstungen sind aber Grund genug für die Donaunwnarchie, an einen weiteren Ausbau der Flotte zu denken, und diese Frage, über die in Konopischt während der Jagdpausen eifrig gesprochen wer­den dürste, ist auch für Deutschland von sehr ernster Be­deutung, nicht nur, weil im Falle einer Blockierung der deutschen Küsten an der Nord- und Ostsee die Nahrungs- mittelzuffihr aus dem Wege über das Mittelmeer von gro­ßer Bedeutung werden könnte, sondern auch weil in Frank­reich bei einem etwaigen .Kriege gegen Deutschland aus die Mitwirkung der 80 000 Mann starken Armee in Nordasrika gerechnet wird, eine Rechnung, die bei einer Sperrung des Mittelmeers durch die österreichische und die italienisck»« Flotte durchkreuzt werden würde. Dem deutschen Reiche sind durch das Bündnis mit der Donaumonarchie sehr gewichtige Verpslichtungcn militärischer wie politisckier Art auscrlegt worden, und es ist natürlich, daß wir hierfür von unseren Bundesgenossen entsprechende Acquivalenle erwarten. Sollte von diesen nicht doch trotz aller offiziösen Ableugnungen in Konopischt die Rede sein?!

Da; Ministerium Ribot

ist, wie aus Paris gemeldet wird, konstituiert worden. Del» tasso übernimmt das Kriegsministerium, Chautcmps das Marincministerium. Cs bleibt noch ein Minister zu ernennen, was noch iw Lause des heutigen Abends erfolgen dürste.

Infolge der augenblicklichen Abwesenheit Leon Bourgeois wird die endgiltige Zusammensetzung des neuen Minfftcriums erst abends bekannt gegeben. Ribot meldete, entgegen anderen Meldungen, dem Präsidenten Poürcare, daß folgende Zusammen­setzung wahrscheinlich sei: Ministerpräsident und Justiz: Ribot, Auswärtiges: Lson Bourgeois, Inneres: Pehtral, Krieg: Noulcns, Marine: Delcasse, Finanzen: Clementcl, Kolonien: Emile ChauiempS, Landwirtschaft: Dariac, Oestentliche Arbeiten: Jean Dupun, Handel: Reville, Unterricht: Dessohe, Arbeiter- und soziale Fürsorge: Maunoury.

Aus Albanien.

Die WienerNeue Freie Presse" erfährt von besonderer Seite aus Belgrad: Hier geht das Gerücht, daß die griechische und serbische Regierung den Groß­mächten mitgeteilt hätten, daß sie unter keinen Um­ständen zulasscn werden, daß ein mohammedanischer Prinz den albanischen Thron besteige.

Wien, 8. Juni. DiePolitische Korrespondenz" meldet aus D u r a z,z o: Tie Meldungen von dem angeblichen Ueber- siedclüngsplanedesfürstlichenHofes rufen m unter­richteten Kreisen in Durazzo Erstaunen hervor. Der Gedanke einer Residenzvcrlegung hat bei dein Füfflcn aus volüischcn oder vcr- söiilichen Gründen niemals Raum gewonnen. Der Füfft hatte und hat der gegenwärtigen Erhebung gegenüber nur das eine Pro­gramm : Anwendung aller oeffügbaren Mittel zur friedlichen Bei­legung der Streitigkeit, und sür den Fall der erfolglosen Er- schöpting derselben: Riederringen der von der großen Mehrheit der Albanesen verurteilten Bewegung mit Gewalt.

Das Zeugcnverhür in der Angelegenheit Mnricchio Cbi - n i g o wurde heute abgeschlossen. In der Stadt herrscht Ruhe. Die Loge ist unverändert. In den letzten Tagen versuchten die Auf- ständischen wiederlwlt, mit dem Kontrollausschuß wieder Ver­handlungen anzuknüpfcn. Aus Epirus sind die dort nicht mehr erforderlichen Truppen, insgesamt 2500 Mann, nach El hast an beordert worden, wo sic übermorgen eintreffen werden. Wie ver­lautet, steht Ahmed Bei Mali mit Trnpvcn an der Grenze von IMalissia zur Verfügung des Fürsten, um aus Beseht gegen Tirana vorzudringcn >md die aufständische Bewegung raschesten? zu unter­drücken. Es wird ein gleichzeitiges Vorgehen von drei seiten, von Alcssio, Durazzo und Valona geplant. Ter Vormarsch der Truppen düfftc noch in dieser Woche cffolgen. __

Der japanische Gesandte in Mexiko vermißt!

London, 9. Juni. DerDaily Telegraph" meldet au? Mexiko vom 8. Juni, daß der japanische Gesandte in Mexiko und ein Attache vermißt werden. Sie hatten fich nach Manzanilla zum Besuche des japanischen KreuzersJzumo" begeben und fanden aus dem Rückwege in der Nachharschaft von Sayula die Eisenbahnverbindung zerstört. Seitdem fehlt jede Nachricht von ihnen. Die Be­wohner von Sayula haben sich gegen die Regierung er­hoben und sind zu den Rebellen übcrgcgangen, die Regie­rung hat von Guadalayara Truppen abgeschickt und sic durch eine fliegend« Kolonne aus der Hauptstadt verstärkt, da man befürchtet, daß die beiden Diplomaten in die Hände der Aufständischen gefallen sind. _

Au» Hoffen.

Zum Beamlenbcsoldungsgesetz,

rm. D a r m st a d t, 9. Juni. Wie wir hören, beabsich­tigt die n a t l i b. Fraktion in der Zweiten Kammer eine Anfrage einzureichen, ln welcher von der Regierung dar­über Auskunft verlangt werden soll, wie weit die neue Be- amtcnbesolduugsordnung Härten und Unstimmigkeiten innerhalb der Beamtenschaft hervorgeruscn hat und wie weit hierüber jetzt schon Beschwerdematertal vorliegt. Die in vielfacher Beziehung vorhandene verschiedenartige Möglich­keit in der Auslegung vieler Bestimmungen haben zahl­reiche Benachteiligungen älterer Beamten gegenüber jün­geren Beamten hervorgerusen, besonders beim Stellen­wechsel; es soll hier baldigst Abhilfe geschaffen werden.

»

bl. Friedbcra, 9. Juni. Der Wchrbeitrag des Steuerbczirks Fricdberg, Ivelcher 48 Ortschaften um­faßt, hotte folgendes Ergebnis. Asienheim 114 000 Mark, Bad- Nauheim 195 000 Mk, Baiiernheim 2500 Mk., Beienheim 1.500 Mark, Bönstadt 1200 Mk., Bruchenbrücken 6900 Mk., Büdesheim 46 000 Mark, Burg-Gräjenrode 2000 Mk, Dorheim 5300 Mk., Dornassenheim 800 Mark, Dortelweil 7200 Mk., Frlcdberg 162 000 Mk, Groß-Karben 4500 Mk., Harbeim 1600 Mk.. Helden- bergcn 5500 Mk, Holzhausen 1000 Mk., Ilbenstadt 35 300 Mk, Maiefeen 3400 Mk, Klein Karben 3400 Mk, Koppcnhein, 1800 Mk, Leidhecken 900 Mk. Massenheim 600 Mk, Melbach 18 000 Mk, Niedcr-Erlenbach 7800 Mk, Niedcr-Eschbach 8700 Mk, Riedcr- Florstadt 7100 Mk., Niedcr-Rosbach 2500 Mk., Niedcr-Wöllstadt 15 500 Mk., Ober-Erlenbach 2000 Mk, Ober-Eschbach 4700 Mk, Ober-Florstadt 100 Mk. Obcr-Rosbach 5700 Mk, Ober Wällstadt 2900 Mk. Ockstadt 2900 Mk, Okarben 2900 Mk, Ossenheim 7400 Mark, Petterweil 2900 Mk, Reichelsheim 7500 Mk, Rendel 6500 Mark, Rodheim v. d. tz, 13 200 Mk, Schwalheim 3030 Mk, Södel 1400 Mk., Staden 4800 Mk, Stammhcim 1700 Mk., Vilbel 15 500 Mk.. Weckesheim 2100 Mk., Wickstadt 2700 Mk., Wölfersheim 3405 M.k Wohl sind die eingesetzten Zahlen nicht enbgültüz, sie lassen aber doch gewisse Schlüsse zu.

Ritnjt, wiffenfcbaft und Leben.

-- T e Haans Abschied. Aus Tarmstadt wird uns geschrieben: Zu Ehren des scheidenden Geh. Hofrats d e H a a n fand heute mittag eine Abschiedsfeier im Theater- Foper statt, der neben den Mitgliedern des Hoftheaters und der Hofkapelle auch viele Musikfreunde beiwohnten. Nach einem Begrüßungschor richtete Intendant Dr. Eg er herz­liche Worte an den Scheidenden und dankte ihm besonders auch im Namen des Großhcrzogs, der Gelegenheit nehmen würde, ihm heute abend auch in dem Abschicdstouzert noch persönlich zu danleu. Im Namen der Hofkapelle dankte Äammermusiler Mthmel herzlich für alles das, was de Haan nicht nur als leitender Künstler, sondern auch als warmherziger Freund den Mitgliedcnr gewesen sei. isie wollten ihn deshalb auch besonders ehren und hätten be­schlossen, mit Genehmigung des Großhcrzogs den Hilfs­fonds der Hosmusik, dessen Schaffung vor allem sein Werk gewesen sei, alsWi l l e m - d e - Haa n - S t i s t u ng" weiterzuführen. Kammersänger Stephani würdigte die künstlerischen Eigenschaften des Scheidenden und überreichte ihm namens der Mitglieder des Hoftheaters eine silberne Blumenvase Hosrat Winter ries als ältester Freund dem Scheidenden berzlichc Taniesworte zu und zum Schluß dankte Oberbürgermeister Tr. G l ä s s i n g im Namen der Stadt Geh Rat d c Haan entgegnetc mit Worten voll tiefer Rührung und forderte zum Schluß zu einem dreifachen Hoch aus dos öostheater auf. Geh. Hofrat de Haan verab­schiedete sich heute abend in einem Konzerte von dem hiesigen Publikum und mar Gegenstand zahlreicher Ehrungen Ter Großhcrzoq sprach ihkm nach Schluß des Konzertes seinen Tank aus und verlieh ihm sein Bild im Lederrahmen und mit einer selbstgeschriebenen Widmung.

R ich a r d Strauß, der am II. Juni seinen 50. Ge­burt s ka g «eiert, ist ein richtiges Wunderkind gewesen. Bevor er noch buchstabieren konnte, hat er schon komponiert, ein drei­stimmiges Lied, eine Polka, die sog.Schneideipolka", und sogar an eine Ouvertüre sür Orchester hat er sich gewagt. Aber seine ver­nünftigen Eltern, derHorn-Strauß", so genannt, weil er der efft," Hornist der Münchener Hoikapetle war, und die Mutter, eine Tochter des Braucreibesipers Pschorr, erzogen ihn vernünitig, und niemand istKünstlcrmätzchen" und Genialitäts-Demonstratioucn weniger geneigt als Strauß. Beim Dirigierenverschmäht er

die schöne Linie der Stabführung, bezeichnet IM Affekt sogar sehr eckige Figuren, knickt mit den Knien ein und schwebt, in aufge­regten. Momenten aus den Zehen balancierend, weit vornüberge­beugt mit ausgebreitcte» Armen wie ein großer Raubvogel über dem Orchester". Seine Kompositionen aus der Ghmnasiastenzcit, darunter ein Chor aus der Soplokleischen Elektra, wurden alle öffentlich aufgeführt und mit Beifall ausgenommen, aber das verleitete ihn nicht, das ernste Studium hintenanzusctzen. Er selber sagt:Mein Vater hielt mich streng dazu an, die alten Meister zu studieren. Durch deren Durcharbeitung legte ich einen festen Grund. Man kann Wagner und die Modernen nicht ver­stehen, wenn man die grundlegenden Klassiker nicht studiert hat. Da bringen mir junge Komponisten voluminöse Manuskripte und fragen mich um meine Meinung darüber. Ich schaue mir die Sachen durch und sehe gewöhnlich, daß sie da aniangcn, wo Wagner am'gchört hat. Ich sage dann immer:Mein lieber, guter Mann, gehen Sic nach Hause und studieren Tic die Werke von Bach, die Sinfonien von Hahdn, Mozart, Beethoven und wenn Sie das alles bemcistert haben, dann kommen Sie wieder zu mir. Ohne daß jemand die Bedeutung der Entwicklung von Haydn über Mozart zu Beethoven und Wagner vollkommen versteht, kann niemand, auch diese Jüngsten nicht, weder die Musik Wagners, noch die eines seiner Vorgänger, nach ihrem richtigen Werte beurteilen!" Wie merkwürdig, daß Strauß das sagt, mögen diese jungen Leute meinen: aber ich gebe ihnen den Rat nach meiner eigenen Erfahrung , .

Bekämpfung des Lupus. Uns wird berichtet: Das Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose, welches soeben seine 18. Generalversamm­lung obgchalten hat, hat seit 1908 aut Anregung des verstorbenen Ministerialdirektors Erzellenz A l t h o f t auch die Bekämpfung des Luvus in den Bereich seiner Tätigkeit ausgenommen und zur Erfüllung dieser Aufgabe eine besondere Kommission eingesetzt. Diese Kommission sieht ihre Hauptausgabe darin, möglichst vielen unbemittelten Lnvuskranken soweit sie bcilungs- oder wcsentlich besserungssähig sind unter Mitheranziehung anderer zur Unter­stützung moralisch oder rechtlich verpilichteter Faktoren ein Heil- vcrsahrcn in einer Lllvusheilanstalt zu vermitteln. Als Luous- heilanstalten stehen der Kommission eine Anzahl von Universitäts- Hautkliniken, Lichtheilanstalten, Abteilungen für Hautkranke in größeren Krankenhäusern und Privat-Hautkliniken zur Verfügung. Während 1609 die Zahl der .Kranken, die auf Veranlassung der Kommission in Behandlung traten, 10 betrug, und für diesen Zweck von der Kommission 2297,50 Mk. ausgewandt wurden, betrug die Zahl der Behandelten 1911 schon 157: 1913: 350: die ausgewendeten Kosten beliefen sich 1911 aus 12959,54 Ml.; 1913

aus 18 999,76 Mk Tie Gesamtzahl der bis jetzt von der Lupus- Kommission vermittelten Heilverfahren beträgt 932. Die von der Kommission ausgcwendeten Mittel betragen insgesamt rund 65000 Mark, während in der gleichen Zeit von anderer Seite rund 50 000 Mk. ausgebracht wurden. Tic Zahl der in den fünf Jahren durch die von der Kommission eingeleitetc Behandlung geheilten und gebesserten Lnvuskranken beträgt 711.

W > e blinde Tiere wieder sehend gemacht werden. Man schreibt uns: Der Grottcnolm iProteus angni- neusi, ein blinder Schwarzlurch, der in den unterirdischen Höhlen» gewässern von Krain lebt, gilt den Zoologen als Schulbeispiel sür die darwinistische Lehre, daß die Funktion der Organe sich den Bedürfnissen anpaßt. Speziell in diesem Falle verhält es sich so, daß die einst sehenden Lurche ihr Augenlicht allmählich ein­gebüßt haben, da sie cs in den jinsteren Höhlen doch nicht brauchlcn. Sie behielten zwar die Augenanlage, aber sie war nicht völlig ausgebildet: über sie zog sich eine pigmentierte Hautschicht, die jeden Lichtstrahl verschlucken würde. Als Ersatz sür dies verlorene Sinnesorgan besitzen sic eine außerordentliche Tmvsindlichkeit durch Schwankungen und Bewegungen des Wassers. Es war nun ein außerordentlich glücklicher Gedanke des Erverimciitalphysiologen Paul Kämmerer, durch Experimente zu versuche», den Prozeß umzulehren und die blinden Ärottenolmc wieder sehend zu machen. Er setzte zu diesem Zwecke neugeborene Olmc dem Tageslicht und stärkeren Lichtauellen aus. Zunächst blieb der Erfolg aus. Tie Haut begann die Augen zu überdecken. Aber als die Bestrahlung fortgesetzt imirde, blieb die weitere Pigmententwickelung zurück. Die Augen selber aber hatten sich gegen die Norm um Rehr als bas Doppelte vergrößert. Mit derartigen Augen, an denen Linse, Glaskörper, Iris und Netzhaut ausgebildct waren, im Gegensatz zu dem gewöhnlichen Zustand, konnten die Tiere, wie Experimente einwandsjrei zeigten, wirklich sehen. So wurde ein außerhalb der Wanne zavveliider Regenwurm von ihnen wahrgenommen. Es wäre nun außerordentlich interessant, wenn ZüchMngsversuche mit diesen Tieren unternommen würden. Vielleicht werden sich dann, wenn die Tiere dauernd am Licht gehalten werden, in den folgenden Generationen, die Sehorgane weiter entwickeln, und die verloren gegangene Anjage wird durch Anpassung an das Milieu wieder erworben werden, ein weiterer Beweis für die Richtigkeit der Darwinschen Theorie.

Hcrkomers Hinterlassenschaft. Aus London wird berichtet: Nach der amtlichen Feststellung der englischen Erb- schastsbehörden beträgt die Hinterlassenschait Hubert von Her- komers 826 000 Mark. Ter Maler, der bekanntlich Ende März d. Js, starb, hat seinen drei Kindern je 20 000 Mark ausgefetzt, während der Rest fernes Vermögens seiner Witwe zusällt.