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Der Siebener Anzeiger
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Erster Blatt
,64. Jahrgang
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Zamrtag. 6. Juni ,9,4
Die heutige Nummer umfahl 16 Seiten.
Tagcskalcndcr aus Vom Jahre 1814.
7. Juni: Kaiser Alexander von Rußland und König Friedrich Wilhelm III von Preußen kommen auf ihrem Besuch nach England in Dover an.
politische Wochenschau.
Gießen. 6. Juni.
Das bedrohte Durazzo, der schwankende Thron des Fürsten Wilhelm, das Scheitern der Vermittlung des Kontroll- ausschusses, das alles schasst uns wieder einmal spannende und unruhige Stunden, aber unser deutsches Lebensintercsse hängt nicht daran. Gewiß würden wir cs bedauern, wenn unser Landsmann, der nsuc Fürst von Albanien, seiner Krone beraubt, beschämt und niedergeschlagen zurückkehren müßte, allein im Grunde war es nur ein privates Wagnis des Fürsten, womit deutsche Interessen nicht aufs Spiel gesetzt worden sind. Daß es nicht ganz leicht sein würde, in Albanien den Königsthron einzunehmen, wußte man. „Sei im B e - s i tz e, und Du wohnst im Recht, und heilig wird'? die Menge Dir bewahren." Der Fürst von Wied aber kam als ein völlig Fremder, war nicht im Besitze eines natürlichen Anspruches, und nur weil Albanien von der Gnade der Großmächte überhaupt lebte und als selbständiger Staat geschasscn worden war, glaubte man, ihm auch einen Regenten bestimmen zu können. Die Geschichte lehrt uns, daß Königskronen ererbt oder erftritten werden. Kaum je wurde durch ein willkürliches Protokoll ein Reich oder eine Dynastie geschasscn. In einem Berliner Blatte haben wir gelesen. Fürst Wilhelm hätte sich mit einem Goldregen bei den Albanern cin- führen müssen. Run ist es ja wahr: Die Albaner sind staatsrechtlich und ökonomisch etlvas heruntergekommen, aber gar zu niedrig sollte mau ihr Volksgcsühl doch nicht einschätzen, und Leute, die sonst den Ursprung der Monarchie als von Gottes Gnaden auszugeben geneigt sind, füllten auch bei der albanischen Jürstensrage nicht einfach aus den Geldbeutel schlagen. Wenn der Fürst sich als tapfer erweist, wenn er allen Stürmen trotzt und die Aufrührer niederzwingt, wenn cs ihm gelingt, die sich regenden Gelüste der Serben und Montenegriner durch geschickte Politik abzuwenden, dann wird sein geschichtliches Verdienst ihm vielleicht doch noch die Krone erhalten, und in seinen Untertanen wird die Treue uich Anhänglichkeit Wurzeln schlagen. Ter Gedanke einer Flottcn- demonstration, mit dem einige Großmächte sich tragen, rechnet noch mit solcher Möglichkeit. Deutschland und Eng land sind, wie erklärt wurde, bereit, im Einvernehmen mit den ülerigen Mächten ein .Kriegsschiis an die albanische Küste zu entsenden. iDoch die nächsten Entschlüsse müssen vom Fürsten Wilhejm ausgehcn. Es heißt, er wolle ausharren und habe Tirrazzo neu befestigen lassen, um cs gegen die Angriise der Aufständischen zu verteidigen. Daneben steht aber auch die Möglichkeit offcu, daß er nach Skutari sich begibt, wo er iumiiicu der internationalen Truppen einer größeren Sicherheit sich erfreuen würde. Es ist endlich auch nicht ausgeschlossen, daß der Fürst ai.is dem schönen österreichischen Schiss, dessen Einrichtungen er vorgestern besichtigt hat, oder auf irgendeinem anderen Fahrzeug, die Heimfahrt anzutreten gedenkt. Wenn er selbst keine Tatkraft entwickelt und sich von
energischem Austreten nichts mehr verspricht, so können ihm auch die Großmächte nicht mehr Helsen; er wird dann am besten zurücktreten. Ob dann ein mohammedanischer Prinz mehr Glück haben wird als er, mögen die Götter wissen. Das junge Staatswesen wird von inneren nnd von äußeren Feinden umlauert. Wenn es wahr ist, daß die Montenegriner und die Serben sich bereits anschicken, über die Grenze zu treten, so wäre eine warnende Kundmachung der Großmächte unab- weislich. Diese sollten sich wenigstens die Möglichkeit schassen, jeden Augenblick eingreisen zu können.
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In der innerpolitischcn Stille nach dem Psingstfest liefert die Sozialdemokratie wieder einmal das Tagesgespräch. Ihr Sitzenbleiben beim Kaiserhoch hat noch einen regen Gedankenaustausch hervorgerufen. Im preußischen Herrenhause ist bekanntlich ernstlich erwogen worden, was gegen das ungebührliche Verhalten der Genossen und ihre wachsenden Anmaßungen geschehen könne, und der Streit darüber hat sich in der Presse sortgesponnen. Es war zweifellos ein Mangel an guten Manieren, der die sozialdemokratische Fraktion bewog, sitzen zu bleiben, als das Kaiscrhoch ausgebracht wurde. Früher haben die Herren bekanntlich immer fluchtartig vorher den Saal verlassen. Der „Vorwärts" erklärt in seiner neuesten Nummer, die Genossen seien bisher wegen ihrer „Flucht" immer verspottet worden, und darum habe man cs mit einem andern Mittel versuchen müssen. Als ob die Unentwegten ihrer politischen lleber- zeugung etwas vergeben hätten, wenn sie mit den andern Mitgliedern des Reichstags sich von ven Sitzen erhoben hätten! Tie sozialdemokratische „Taktik" bezeugte aber nicht nur einen Mangel an guten Manieren, sondern sic bedeutete in ihrer Wirkung auch eine politische Einbuße für die eigne Partei. Ter „Vorwärts" freilich meint, es sei für die Sozialdemokratie eine Genugtuung, daß die Reaktionäre „vor Wut heulten" und daß die Liberalen „in ihrer Kinder stube" in lautes Weinen ausbrächen. „Mögen", so schließt das sozialdemokratische Zentralorgan seine Epistel, „vor der Demonstration die Ansichten über ihre Zweckmäßigkeit geteilt gewesen sein, die Wirkung gibt ihren Befürwortern recht."
Nach dem „Vorwärts" fühlt sich d/e Sozialdemokratie also geschmeichelt, daß wieder einmal so viel von ihr die Rede ist: man versteht es, daß das Blatt seinem Leitartikel die Ucberschrist „Kindisches, allzu Kindisches" gegeben hat. Aber wird den Genossen ihre Kinderei wirklich etwas eiubringen? Zur gerühmten W i r k u n g der taktischen Tal hat cs auch gehört, daß zwei sozialdeniokratische Führer ebenfalls über die Folgen des Sitzenbleibens sich ausließen. Ob der „Vorwärts" die Veröffentlichungen der sozialdemokratischen Abgeordneten Wolfgang Heine nnd Edmund F i s ch c r in den „Sozialistischen Monatsheften" auch als nutzbringend für seine Partei ansieht? Heine legt dar, daß es den Konservativen gelingen werde, den Vorfall „in den politisch zurückgebliebenen Gegenden" mit Erfolg auszuschlachten und daß die Sozialdemokratie den Schaden davon haben werde. „Der ncnlichc Akt", so schreibt Heine wörtlich, „verletzt die Rücksicht, die der Reichstag von seinen Mitgliedern, und die jedes Mitglied von jedem andern fordern kann, die wir vorkom- mendenialls auch für uns fordern, und die nur im äußersten Fall wichtigster höherer politischer Interessen außer acht gelassen werden darf, weil auf ihr die Arbeitsfähigkeit und das
äußere Ansehen des Parlaments selbst beruht." Ter Genosse Heine redet seiner Fraktion weiter ins Gewissen: cs widerspreche dein Grundgedanken des Parlamentarismus, den Kaiser persönlich für die Politik der Regierung verantwortlich zu machen. Der Schlachtruf „für oder gegen den K a i s c r!" bedeute eine Verfälschung und Verschleierung der politischen Probleme, und die Sozialdemokratie müsse demnach darauf bedacht sein, die Person des Monarchen aus den Kämpfen um politische Fragen möglichst auszuschalten.
Auch der Genosse Fischer schreibt: Solche Kundgebungen (wie das Sitzenbleiben) „wirken nicht einmal agitatorisch. mit der Zeit werden sic langweilig und wirken dann lächerlich". Außerdem bildeten sic, so fügt er hinzu, ein großes Hindernis für die Mitarbeit au der staatlichen Verwaltung. In der Tfit hat sich die Sozialdemokratie mit ihrer Kundgebung gegen den Kaiser völlig isoliert: selbst das „Berliner Tagebl.", das oft die Genossen in Schutz zu nehmen geneigt ist, spottet ihrer und heißt sie Philister, die den Zopf hinten tragen, „sie mögen sich drehen und wenden wie sic wollen". Es ist sehr charakteristisch, aber wirklich kein Zeichen von politischem Weitblick, daß das oberste sozialdemokratische Zeitungsorgan über diese Wirkungen dcS parlamentarischen Verhaltens seiner Fraktion eine ttzenuI- tuung äußert, die derjenigen gleichkommen mag. wie sic etwa von rabiaten englischen Frauenrechtlerinnen nach irgend einer Sachbeschädigung gehegt wird. Hier wie dort ist der unausbleibliche Erfolg, wie der Genosse Heine ganz mit Recht besorgt, eine „Erweiterung der Kluft", die unä von solchen politischen Geistern trennt und — ein vermehrtes Drängen nach gesetzlichem Eingreifen. Aber schließlich werden solche vollzogenen Maßregeln bcini „Vorwärts" immer noch Genugtuung auslöscn. Die Zeiten haben sich eben geändert, und das Demonstrationsbedürfnis der heutigen sozialdemokratischen Führer übersteigt alle andern politischen Erivägungen. Tie bürgerlichen Parteien brauchen sich über solche Wandlung keine grauen Haare wachsen zu lassen!
Albanien und die Stimmung der Großmächte.
Paris, 1. Juni. Der „Temps" erklärt, daß die Meldung der „Köln. Ztg", wonach die Großmächte bezüglich einer Flotten! undgebungvorDurazzo einig seien, verfrüht sei. Ein solches Einvernehmen der Mächte bestehe nicht, gewisse Regierungen hätte» einen derartigen Vorschlag überhaupt noch nicht erhalten. ES sei klar, daß eine Flottenkundgebung in keiner Weise zu einer Lösung der albanischen Frage beitragen würde, cs wäre viel dringender notwendig, daß der Ministerrat das Abkomment von Korfu genehmige, damit die Epirusfrage erledigt werde. Tic Großmächte seien durchaus bereit, dieses Abkommen zu ratifizieren. Sollte es sich bewahrheiten, daß der italienische Gesandte Aliotti in dieser Frage eine andere Politik verfolgt wie seine Regierung und daß er den Fürsten zu einem Widerstand ermutige? Angesichts der ohnehin schwierigen Lage wären solche Ränke sehr beklagenswert.
Belagerungszustand in Durazzo.
D ura zzo, ö. Juni. Die Verhängung des Belagerungszustandes erfolgte auf einen Beschluß des Ministerrats, der ferner beschloß, die M a l i s s o r e n sofort gegen die Aufständischen zu schicken, die Ausführung dieses Beschlusses jedoch verschob, um die Ereignisse
Abschieds-Abend für Gertrud Geifersbach.
D a r m st a d t, 5. Juni. Von den verschiedenen Abschiedsvorstellungen der jetzt zu Ende gehenden Spielzeit des Hostheaters konnte wohi keine so allgemeines Interesse in Anspruch nehmen, wie der heutige Abend unserer Heroine Gertrud Genersbach. Es wäre überflüssig, aus die schlechthin vollkommene Leistung dieser großzügigen Künstlerin näher cinzugehen, der ungehenere und wirklich ties empfundene Beifall nach Schluß des ernsten Musikdramas „La Boheme" von Puccini war Beweis genug dafür, daß diese bedeutende Gcstaltcrin im Verlause ihres fünfjährigen Wirkens an der hiesigen Hosbühne durch ihre Kunst die ungeteilte» und vollauf berechtigten Snmvathie» des Tarmstädlcr Publikums sowohl, als auch der Kunstkritik im weitesten Maße erworben hat. Zugleich war auch das Gesamtnivcau der Aufführung, deren Besetzung schon von früher bekannt ist, erfreulich. Die Leistungen des Quartetts Globcrgcr, Schützendorj, Semper und Bertram, als auch von Olga Kallensee (Musette) niachten der Gefeierten alle Ehre, die ihre-Partie (Mimi) mit hinreißender Eindringlichkeit verkörperte. Den minutenlang anhaltende» Beifallssalven dankte sic mit sichtlicher Rührung. Nach der Vorstellung fand noch eine kleine Sonderfeier zwi scheu den ansgebautcn Kränzen, Blumen, Einzclspende» und sonstigen Anerkcnnungszcichen für die Kollegen und Freunde statt, bei welcher Intendant Dr. E g e r niit tiefgefühlten Wor len des Tankes der Künstlerin als ein Zeichen besonderer Anerkennung des Großhcrzogs die Silberne Medaille für Kunst und Wissenschaft überreichte. Am Theaterausgang harrte inzwischen trotz des starken Regenwetkcrs eine tausend köpsigc Menge, die der Scheidenden nochmals ihre herzlichen Snmpathien und Abschiedsgrüße durch laute Ovationen ausdrückte. t Fr. N.
— Altertumstunde. Aus Kön > g >tein , 4 Juni, wird uns geschrieben : In der Kloslcrgasse wurden bei Fundamcnlie rungsarbeitcn für einen Neubau gröbere Reste der ehemaligen Stadtgräben sreigelegt. Die Tovpelgräben batten eine Diese von drei, und eine Breite von sünt Metern und liefen in einem Abstand von acht Metern parallel nebeneinander her. Durch die Ausgrabungen ist es minmehr möglich, die Größe Alt-Königsteins zu bestimmen, zugleich erbrachten sie aber auch den Beweis, daß der Ort König stein ursprünglich in einem Zusammenhänge mit der Barg stand.
— Die Vollendung der Florentiner Domkup- p e t. Die Galerie ztvischen dem Tambour und der Kuppel des Doms zu Florenz, die seit 400 Jahren unvollendet ist, mag >» ihrer nackten Häßlichkeit wohl noch jeden Besucher der Medicäcr-Stadt
verletzt haben, und so mancher hat melancholische Betrachtungen darüber angcstellt, daß dieser klafscndc Riß den Eindruck eines der wundervollsten Bauwerke beeinträchtigte. Nun endlich soll dieser „Schönheitsfehler" des Toms ausgcmerzt und die Galerie doch noch zu Ende geführt werden. Wie Walter Biehl in einem Aufsatz der Kunstchronik des näheren aussührt, ist ein Programm- entwurs ausgearbeitet worden, nach dem die Vollendung der Domgalerie durch einen internationalen Wettbewerb in die Wege geleitet werden soll. Ein beißendes Svottwort Michelangelos soll ja daran schuld gewesen sein, daß die Weitcrsührung der Arbeiten an der Galerie unterblieb. Der große Meister, der selbst ein neues Modell entworfen hatte, nannte die Kreits in Angriff gcnommcnc Galerie boshaft einen „Grillenkäfig". Das Fragment an der Südostseile des Oktogons verdient diese vernichtende Kritik aber gewiß nicht. Ter Entwurf geht auf ein Modell zurück, das 1509 unter der Leitung Baceio d'Agnolos auszuführcn begannen wurde. Es ist eine tüchtige Arbeit der reisen Hochrenaissance, die im ganzen den Linien der Kuppel, dieses Brunclleschischcn Meisterwerkes, tresslich angcpaßt ist. Wie Basars erzählt, wurde die Arbeit 1515 auf Betreiben Michelangelos abgebrochen. Aber auch sein Modell kam schließlich nach langen Verhandlungen nicht zur Aussühntng. Es ist sehr die Frage, ob ein nwderner Künstler dem Empfinden Brunclleschss so nahe kommen wird, wie es Baccio tat. Jedenfalls werden alle die Architekten der ttzegcn- wart, die sich an der Weltkonkurrenz beteiligen, die Anweisungen beherzigen müssen, die der große Baumeister der Kuppel in seinem Bauprogramm vom Älpril 1420 gab: „Außen führe man über den Rundsenstern des Tambours einen Rundgang herum, welcher aus Kragsteinen ruhe, mit durchbrochener Brüstung von ungefähr zwei Ellen Löhe, nach dem Muster der unteren tler neu Kuppeln: oder aber zwei Umgänge übereinander, aus einem schön geschmückten Gesims ruhend: und der obere Umgang sei unbedeckt."
— Photographisch wirksames Blut. Bemerkenswerte Erfahrungen mit der Röntgenbestrahlung, die bekanntlich aus Menschen nnd Tiere nicht nur eine örtlich begrenzte Wirkung aus- übt, sondern den ganzen Organismus beeinflußt, sind in jüngster Zeit bei der Bestrahlung des Blutes und Blutserums gemacht worden. S. W e r m e l setzte nach den ausführlichen Mitteilungen in den „Naturwissenschaiten" und der „Zeitschrift für Elektrochemie" menschliches und tierisches Blut bei zwei 'Zentimeter Rührenabstand einer starken Bestrahlung aus — dieses Blut wirkte dann IN der Dunkelkammer auf photographische Platten wie X-Strahlen ein, unbestrahltes Blut aber nicht. Außer dem Blut selbst zeigten in gleicher Weise die Blutkörperchen wie auch das Blutserum für sich allein nach der Bestrahlung photographische Wirksamkeit. Diese Versuche wurden mit Blut von Hammeln und Pferden und mit Menschenblut ausgeiuhrt, wobei letzteres sich noch drei Wochen nach der Bestrahlung als wirksam erwits, also sozusagen die Röntgenencrgie in sich ausgc- speichert h»ne. Auch in seinen physiologischen Wirkungen kommt
bestrahltes Blut den X-Stiahle» gleich: man kau» bei Patienten anstelle der Behandlung mit Röntgcnstrahlen Einspritzungen mit bestrahltem Serum vornehmen, und umgekehrt zeigt das Blut von Patienten, die der Röntgenstrahlung unterworsen waren, photographische Wirkungen. Platten, die zur Verhütung der 'Wärmcwirkung des Körpers durch ein 0,5 Zentimeter dickes Holzbrcttchcn von der Hautoberiläche getrennt waren, zeigten nach drei- oder vierstündigem Anstiegen am Handgelenk, am Fuß oder in der Herzgegend schwache Abdrücke, die sich als Konturen von Knochen oder Blutgesäßen deuten ließen. Ganz allgcnrcin zeigt das Blut bei bestrahlten Tieren ein Sinken der Anzahl der weißen Blutkörperchen. Da die intensive Röntgenbestrahlung sehr häufig den Organismus schwer schädigende Wirkungen hat, besteht künftig die Losfnung, daß unter Umständen die Verwendung befirahlten Blutes als geeigneter unschädlicher Ersatz rintre t e n kann. Von ärztlicher Seite wird der höchst interessanten Entdeckung eine vor torgsrurster klinischer Erprobung iierechttgle Skepsis cntgcgcngcöracht und u. a. Haram knngewstksen,' dal; es noch strittig ist, ob es' sich bei den ganzen Erscheinungen: nicht um eine einfache Verstärkung der Phosphoresccnz handelt. Wie dem auch sei — die unantastbaren Tatsachen der photographischen Blutwirkung allein sind eine der merkwürdigsten natur- wisscnschastlichen Feststellungen, die je im Laboratorium gelangen und große praktische Perspektiven erössnen.
— Dasvotlkommcne Rettungsboot. Katastrophen, wie die der „Empreß oj Jrcland" oder der „TitanM' würden nicht so viele Menschenleben verschlingen, wenn aUe Schute mit dem „Lundin-Rettungsboote" ausgerüstet wären — so meinen die Fachleute der amerikanischen Regierung, die dieses „vollkommene Rettungsboot" jüngst geprüst haben. Das Rettungsboot besteht nach der Beschreibung des „Technical World Magazine" eigentlich aus zwei ineinaudcrlicgendcn zylindrischen Gebilden, die am Ende abgcstumpst sind; das ganze Boot in aus- klappbar, bietet bei einer Länge von rund zehn Metern Platz sür über 50 Menschen, hat seine eigene Maschine, die eine Gcschwin- digtcit von sechs Seemeilen gestattet, und ist außerdem mir Einrichtung sür Funkentelcgraphic versehen. Die wichtigsten Einzelheiten des Rettungsbootes find: daß es weder umkipven noch versinken kann: bei einer Prüfung wurde ein solches Rcttuugs- boot bemannt, dann wurde cb mit einer Trosse umschlungen und nun versuchte man cs durch einen Kran umzukippe». Das Umkippen gelang natürlich zuerst, aber das Boot richtete sich so- sort wieder aus. Selbst ein Zusammenstoß mit einem Eisberge, so lautet das Urteil der Fachleute, würde das Rettungsboot wahrscheinlich nicht zum Sinken bringen, weil cs doppelte Wandungen hat. Es wäre in der Tat ein gewaltiger Fortschritt der Sicherheit aus der See, wenn das Boot alles hiejte, was man von ihm verspricht. Solange nicht aussührltck>c Nachrichten über seinen Bau vorlsegen, muß man natürlich mit einem Urteile zurück halten.


