Ausgabe 
30.5.1914
 
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förtten tim Geschwindigkeit von 20 Knoten. Er War für 432 Passagiere erster, 320 Passagiere zweiter und 340 Passa­giere dritter Elaste eingerichtet. Die Besatzung zählte 200 Mann. Tie Zahl der mi Bord befindlichen Passagiere ist un­bekannt. Nähere Einzelheiten fehlen noch.

lieber 700 Opfer, 350 Ueberlebende.

Quebec, 89. Mai Die letzten Nachrichten vomEin- preß of Jrelarrd" brachte die Funkenstation Fathcrpoint: einen unr 3 Uhr morgens abgegebenen Funkeniprnch. Da­nach hatte der Dampfer. 30 Meilen östlich von Fatherpoint einen Zusammenstoß mit einem anderen Schisse und begann zu sinken. Aus da« Signal8. 0. 8." de«Einpreß of Frr- Itnib" antwortete der Regicrnngsdampser Das plötzliche Aushören der drahtlosen Verständigung scheint anzuzeigen, daß derEmprcß os Ireland" gesunken ist. Ter Dampfer ist am 28. Mai mit 1200 Passagieren einschließlich der Besatzung an Bord nach Liverpool abgcgangcn.

Quebec, 20. Mai. Ter DampferEmprcß os Ireland" ist auf dcni St. Lorenz-Strom gesunken aus der Höhe von Father Point, nach einem Zusammenstoß mit dem KohlendampserSter- stad", nicht mit einem Eisberg, wie es in den ersten Mittei­lungen hieß. Zuerst war der kanadischen Regierung gemeldet worden, es sei der DampferHannover" des Norddeutschen Llonds. Gegen 3-' , Uhr wurde der RegierungsdampserHeureka", umgeben von Rettungsbooten, von Father Point aus auf der Unglücksstcllc sicht­bar. Vom untergegangenen Dampfer war nichts mehr zu sehen.

Quebec, 29. Mai. 3 50 Ueberlebende des ge­sunkenenEnipreß of Ireland" sind in Rimousti gelandet. Alle Anzeichen deuten auf einen schweren Menschenverlust hin. Eine Anzahl Passagiere wird vcrniißt. Wahrscheinlich sind über 6 0 0 uni gekommen. Tie Kollision fand bei dichtem Nebel statt. Ter Dainpser sank binnen zehn Minuten.

Aus Rimouski ist folgender:

ausführlicher Bericht cingetrofsen: TieEmprcß o f Ircland" führte 77 Passagiere erster. 200 zweiter und 504 dritter Klasse an Bord. Das Schist erhielt durch den Zusammenstoß mit demStorstad" ein großes Leck und sank zehn Minuten daraus. Das Wasser ist an dieser Stelle 19 Faden lies. Biele der Geretteten waren erheblich verletzt. 22 starben nach ihrer Bergung. Ter Zusammenstoß erfolgte um 10 Uhr nachts aui der Höhe von Fatherpoint. TerStorstad" bciand sich ans der Reise nach Quebec. Er traf dieEmpreß, of Ircland" etwa mitschifss in schräger Richtung und riß den Tchiffs- rumpt 'fast bis zur Mittellinie auf. Das Schiff sank, bevor viele Passagiere das Unglück gewahr wurden. Tic funkmtelcgraphischen Hilierufc wurden von dem LotsenbootHeureka" in >0 Meilen Entfernung und von dem TampserLad» Evelyn" aufgesangen. Tic beiden Schifte fanden die wenigen Rettungsboote, die von derEmprcß of Ircland" losgemacht worden waren und bargen die Insassen. Tic ,Ladv Evelvn" nahm 33g -Personen auf, die Heureka" 60. Tic meisten Passagiere erster Klasse scheine» UNI- gekominen zu sein, darunter Sir Hcnrn S e e t o n uno der Schau­spieler Irving nebst Gattin. Das Unglück geschah so schnell, daß die Passagiere sich nur in Nachtgcwänderu retten konnten. Alles Gepäck ist verloren. Die Ilcberlebcnden bciinoen sich in einem kläglichen Zustande, alle haben grotzc

Leiden ausgcstanden. Die Schiffstrümmer treiben im

Lorenz-Strom aus viele hundert Meter, weit umher. Tie grotzc Mehrzahl der Geretteten besteht aus der Schiffsmannschaft, weil zurzeit des Zusammenswßes alle Paslaarcrc sich in den Kabinen besanden. Ter zweite Ingenieur und deck'Schiffs­arzt sind gerettet. Tie von derLady Evelvn" Geretteten geben Schilderungen von deni Unglück, die gn den Untergang derTi­tanic" erinnern. Sic mußten ins Wasser springen und wurden dann von den Booten aufgciischl. Tie meisten der Ueberlcbcnden befinden sich i» einem hysterischen Zustande und vermögen nicht, zusammenhängend zu berichten. Die Schornsteine derEmprcß os Ircland" ragen bei Ebbe über das Wasser hinaus. Jnsolgc des Lecks strömte das Wasser in den Maschinenraum und verur­sachte eine Explosion. Ter Kapitän sprang von Bord, als das Schiss im Waiscr versank. Ein Passagier Taviez aus Mont­real erzählt, er und seine Frau seien erst erwacht, als das Wasser bereits in die Kabine cindrang. Sie stürzten an Teck, ivrangcn in das Wasser, wurden jedoch durch die Strudel in die Tieje ge­bogen. Als sie wieder emvoriauchien, gelang es ihnen, eine Holz- planke zu ergreijen und sie wurden dann in einem Boot geborgen.

Als Ursache des Zusammenstoßes der beiden Dampfer wurde der furchtbare Sturm angegeben, der gestern längs der Nord» atlantischen Küste wütete. An der Stelle, wo d'Emoreß os Jrrland'4-gesunken ist, ist der Lorcnzstrom 18 Kilometer breit und 20V Meter tief.

Tie Ueberlcbenden litten furchtbar unter ihren Bein- und Armvcrletzungen sowie durch die Kälte. Kapitän Rondell war zu erschöpft, um eingehender berichten zu können. Bon 140 Mitgliedern der Heilsarmee, die sich aus dem Schisse besanden, sind nur 20 gerettet worden. Alle hiesigen Acrzte und Einwoh­ner nahmen sich der Erschöpften und Verletzten an.

TicEmprcß os Ireland" war ein vrächtigcs Schiss, das mit allen modernen Einrichtungen versehen war, und besaß für alle an Bord befindlichen Personen Rettungsboote. Nach dem Zu­sammenstoß neigte das Schiss nach Backbord, was das .herab­

lassen der Rettungsboote hinderte. Berücksichtigt man dieses und die lrerrschendc Finsternis, so grenzen die Rettungen, von denen man bisher hörte, ans wunderbare. Der DampferStorstad , rettete ebenfalls unter großer Aujovjernng viele Sanffvruchige und dampfte langsam nach Quebec. Die beiden Beamten, welche den Dienst für die drahtlose Telegraphie versahen, sind gerettet, ebenso der erste Ingenieur derEmvreß oi Ireland'Looi> Evelin", undHeureka" brachten hauptsächlich Frauen und Sta­ber nach Rimouski und kehrten dann an die Unglücksstcllc zurück, um diese weiter obzuiuckien. TicEmprest os Breloifd" war aus 580 Pfund versichert. ' .

Ter TampserStorstad", der einer norwegischen Gesell schast gehört und am 17. April Venedig verlassen hat und am 18. Mai in Quebec angekommen war, ist nicht gesunken. Er ist aus der Fahrt hierher und hat, wie verlautet, einige Ueber- lebcndc derEmvreß of Ireland" an Bord. Tic letztere sank in 18 Faden Tiefe .

London, 29. Mai Einzelheiten über das SchiNsungluck aus dem St. Lorenzstrom sickern n,ir langsam durch. Tie Eanadian Paciftc Eiscnbatmgesellschaft, teilte dem Rcuters'chen Telcgraphcn- durean mit, daß dieEmprcß os Ireland" 78 Passagiere der ersten, 2l0 der zweiten, 490 der dritten Klasse an Bord und 413 Mann Besatzung halte, so daß 1i92 Personen sich aus dem Schisse besanden.

Deutscbe» Reich.

Bei der Stichwahl im Wahlkreise Magdeburg 2 (O st e r b u r g - S l e n d c> kl wurden von 3l 617 Wahlberechtig­ten 27 815 Stimmen abgegeben. Davon erhielten Wachhorst de Wentc snatl.l 15118, Hösch lkons.l 12 697 Stimmen.

Ausland.

Ovtimismus der Vermittler in Mexiko. Alis Niagara Falls wird heute gemeldet: Die Pläne zur Schaffung dem Präsidenten Wilson sowie General Huerta zur Billigung vor- fricdlichcr Zustände in Mexiko sind im wesentlichen fcrtiggestellt und gelegt worden.

Ans Stadt «riS Land.

. Gießen, 30. Mai 1914.

Pfingsten.

Aus der Urzeit der christlichen Kirche lverden uns sonder­bare Vorgänge berichtet. Als ob Feuer vom Himmel falle, so senkt sich der Geist Gottes urplötzlich in die Seelen der Menschen. Tie einen reden in mancherlei Sprachen,mit anderen Zungen", wie die Apostelgeschichte in Luthers Bibel­übersetzung sagt, die anderen weissagen, wieder anderen ist die Gabe verliehen, das Zungenreden auszulegen. Völlige Klarheit über diese Vorgänge zu schassen, wird der Wissen­schaft unserer Tage nicht gelingen. Ter Zcitabstand ist zu groß, die Geschichtsschreiber jener alten Zeit haben mit anderen Augen gesehen als die modernen Menschen, die psychologisch und religionsgeschichtlich ganz anders geschult sind. Aber zweierlei ist klar. Einmal dies, daß jene Menschen in Jerusalem, Cäsarea, Korinth und Antiochien davon über­zeugt waren, vom Geiste Gottes, dem heiligen Geiste er­faßt zu sein, und sodann das andere, daß sie den Beweis für die Wahrheit dieser Tatsache erbrachten, indem sie Lei­stungen a.iswiesen, die durch die Kraft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe hoher standen als Zungenreden und Weissagen. Was Angelus Silesius in seinemEhcrubinischcn Wandersmann" sagt, das galt für jene Christen der ältesten Zeit:

Ich bin die Reb im Sohn, der Vater pflanzt und speist, Die Frucht, die aus mir wächst, ist Gott, der heilige Geist."

Sic dienten den Menschen in heiliger Geduld. Der ärmste Sklave in der Großstadt Rom und der durch die Wüste streifende Beduine waren ihre Brüder, denen sie Trost, Frie­den, Hilfe zu bringen hatten. In dem verkommenen Volke, das die dunklen Gassen der Hafenstädte am Mittelländischen Meere bevölkerte, sahen sie das Ebenbild Gottes und gaben sich Mühe, cs von der Schönheit eines reinen und guten Lebens zu überzeugen. Sie hoben die Kranken auf, die ver­nachlässigt in den Winkeln der syrischen Städte lagen, und pflegten sie ohne Entgelt, ohne Anerkennung, oft unter .Hin­gabe des eigenen Lebens und der eigenen Gesundheit. Aber in diesem Tun haben sic an sich die beglückende Wahrheit des Paulinischcn Wortes erfahren:Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder."

Pfingsten, das Fest des heiligen Geistes, gilt zugleich als das Geburtssest der christlichen Kirche, weil damals in Jerusalem 3000 Menschen sich an die Urapostel anschlossen und sich taufen ließen. Viele in unseren Tagen sind der An­sicht, daß man diesen Geburtstag nicht lange Zeit mehr feiern wird, weil der Todestag der Kirche nahe sei. Man braucht nicht, wie es Theologen aller Konfessionen tun, mit großen, pathetischen Worten die ewige Bedeutung der Kirche zu behaupten und kann doch sagen,' daß sie sich seither als einen ungeheuer langlebigen Organismus erwiesen hat. Sie hat der Wucht der Anklagen, die man »von Jahrhundert zu Jahrhundert ihr in das Gesicht geschleudert hat, stand- gehalten, Königreiche in Ost und West sind seit dem Psingst-

sestc des Jahres 33 in Staub zerfallen, Dynasften, die slkft einst machtvoll regten, sind in ihrer Ahnengrust zur Ruhe gekommen, tausendmal hat man inzlvischcn die Landkarte revidiert, aber die Kirche ist noch da, auch wenn sie getcilv ist, auch wenn gerade die Besten unter ihren Gliedern jeden Tag Anlaß haben, mit demCherubinischen Wandersmann" zu seufzen:

Ach, daß lvir Menschen nicht, wie die Waldvögelein, Ein jeder seinen Ton mit Lust zusammen schrcin!"

Trotz des Erdenrestcs, der ihr bis auf diesen Tag nnhastet, ist die Kirche immer noch die Gemeinschaft, ohne die rcli- giöses Leben zu leicht in die Niederungen der Unkultur und minderwertigen Schlvärrnerei herabglertet, die (Gemeinschaft auch, in der der nach Wahrheit, Frieden und einem festen Lebensziel suchende moderne Mensch am sichersten den Standpunkt findet, von dem aus er sein eigenes Leben mit Lust und Leid, mit Dulden und Arbeiten, mit Sieg und Niederlage in das große Weltganzc cingeglicdert und von der ewigen Liebe getragen sieht. Je mehr die Glieder der Kirche sich von dem Geiste Gottes stillen lassen, um so mehr wi^> diese, auch wenn die äußeren Formen der Anbetung verschieden sind, sich dem Ideale nähern, eine heilige, christ­liche Kirche und die Anstalt zu sein, die Geschlecht um Ge­schlecht zuin Lichte Gottes führt, H. B.

** Tagcskalcndcr. Gewerben us st ellung: Erster Psingslseiertog MUUärkonzert 47 Uhr. 2. Pfingslseiertag Konzert der Kcwelle Wester 47 Uhr und von 8 II. 3. Psingstseiertag Konzert der Knvelle Wester 4'/, 6V, und 810 Uhr.

Weitere Pfiuystkouzerte in Gießen und der näheren Umgebung werden verantznllet:

Steins Garten: 1. Psingstseiertag, abends 8'/. Uhr Militärkonzert.

Lieh, gs höhe: Dienstag (Z. Psingstseiertag), nachmittags 4 '/, Uhr Militärkouzert,

.Jagdichlößckren'Tuten Hosen: t. Pfiizgleiertag, nach- mittags 4 Uhr: Gastspiel der Kapelle ans ,Alt-Heslen».

,S ch ü tz c n g a r l c n" zu Wetzlar: I. Psingflsetertag, »ach- inittaas 4 und abends 8 Uhr Militärkouzert.

Minneburg (beiWctzlarl: I. Pfimnlseiertag Militärkouzert.

» »i o n -T h c a I e r: Täglich Darstellung.

L i ch t s p i e l h g » 5: Täglich Vorstellung

Ob e r h e s s i I ch c r K n n stv e r c i n. Die Gemälde-AnSstestung ist täglich von 1lI Uhr, Mittwochs von 3 bis 5 Uhr, und nn Sonntagen von 113 Uhr geöffnet.

0 b c 1 1) e (! i (c!) c 3 Muse» nr » » d G a > I' s ch e S a m m» ln» ge». Geöffnet Sonntag vormittags 111 Uhr »nentgelllich,

Al u l e u m f it t Völkerkunde. Geöffnet an Sonntagen vormittags von 11l Uhr unentgeltlich.

»»Schulwesen. Ernannt wurde der Lehrer an der Volksschule zu Obcr-Rainsiadt Georg Heinrich Guyot zuni Rcallchrer an der Lndwigs-Oberrealschule zu Darmstädt mit Wirkung vom l.Juni 1914 an unter Befassung in der Kategorie der Volksschullehrer. Ueb ertra gen wurde am 26. Mai d. Js. dem Schulamtsaspiranten Franz Peter Hart in a n n aus Ober-Olm, eine Lehrcrstcllc an der Volks­schule zu Mörlenbach.

»» H a u p t st a a t s k a s s c. Ter Sergeant der Garde- Unterossizier-Kompagnie Karl Möller wurde zum Kanzlei- wärter bei der.Hauptstaatskasse ernannt.

»* T i e M a n l - u n d K l a u c n s e u ch e ist erloschen im Viehhof zu Frankfurt a. M. Ausgebrochen ist die Seuche im Magerviehhof zu Friedrichsfelde bei Berlin, im Viehhof zu München und in Rchau (Bayerisch-Oberfranken).

** Gewerbe-Aus st ellung. Bei dem Konzert der Kapelle Weller werden verschiedene Kompositionen des Mu­sikdirektors i. P. K r a u ß c zur Aufführung gelangen, dar­unter der Turner-Marsch 1883.

** Ober hessisch er Kunstvercin. Die Gemälde- Ausstellung ist auch an den beiden Pfingstfeicrtagen geöffnet. Die Sammlung von Professor Lulteroth verbleibt nur noch bis zum kommenden Donnerstag, an deren Stelle gelangen Pastelle und Lelgcmälde von H. Giebel und K. Manskopf zur Ausstellung.

»* Scftülerkonzcrt. In Steins Garten veranstaltete Fränlei,, E.i abeth Felchncr mit ihren Schülern eine rmisi- talischc Matinee, der, wie man uns schreibt, eine zahlreiche Zuhörerschaft mit inniger Freude beiwohnte. Das sehr ab­wechslungsreich zusammengestellte Programm umfaßte Solo- und Enseniblcspiel. Alle gaben ihr Bestes und die präzise Aussührung legte Zeugnis ab von dem guten Ge­schmack und der liebevollen Sorgfalt der erfahrenen Lehre­rin. Den Schluß bildete die temperamentvoll geleitete Kin­dersymphonie von .Hahdn.

** Zevlon-Aus st ellung. In der Zeit vom 12. Juni bis 12. Juli beabsichtigt die Tirekiron des Botaniichen Gartens eine Ausstellung von Kolonialpslanzen urch deren Erzeugnissen im Palmenhausc des Botanischen Gartens zu veranstalten. Es soll dadurch einem größerem PubliftiM Gelegenheit geboten werden, die meisten tropischen Kulturpflanzen in großen, zum Teil blühenden und fruchttragenden Exenrplaren kennen zn lernen. Außerdem wird

Innern. In diesen streng traditionellen Stücken haben sich die Mar- burgcr eine gesunde Originalität bewahrt, was man dort, wo sie der Moderne gerecht zu werden suchen, oft nicht in dem Platze be­haupten kann. Der Einfluß, unserer besten heutigen Künstler könnte hier noch außerordentlich siuchtbar sein. Keßler u Burg, Wieseck, haben in den oberen Räumen eine kleine Ausstellung ihre: Gesäße und Gcbrauchsgeschirrc zur Schau gestellt. Erfreulich ist die gute technische Durchbildung der Glasuren und die reich- entwickelte Farbenskala, wenn auch die Aussührnna des Dekors vieliach noch etwas ängstlich und kleinlich ist. Bemerkenswert sind ihre Versuche, den Farbenschmel, der römischen und griechi schen Gesäße nachzuahmen. Ein Kunststück, das bis zur Stunde eigentlich noch niemand restlos geglückt ist. Eine gute Auswahl seiner Arbeiten zeigt Leonhard Bauer-Lauterbach. Man sieht hier aus den ersten Blick den dauernden Einiluß moderner Künstler, die ganz im Geiste des Materials schaffen. Dieser Meister ver­schmäht alle mechanischen Hilssmittel und lärmt selbst große Gesäße zunttgcmäß mit der Hand aus seiner Drehscheibe. Mit seinem primitiven Malhörnchen gießt er dann akkurat und un­geheuer sicher die kompliziertesten Verzierungen aus seine Vasen und Tövsc. Technisch sind seine Arbeiten ganz vorzüglich Er ist ein wirklicher Künstler in seinem Fach. Aus derselben Tüvierei sind die im Ausstellungsraum der Brühl'schen Truckcrci ausgestellten Blumentöpfe, die nach Entwürfen von Frl. Minna Weber in Lich angcsertigt sind. In demselben Raum schen wir auch Er zevgnissc aus der Werkstatt Heinrich Scitz I.-Homberg, dessen Tech­nik und Farben noch sehr entwicklungssähig sind.

Das trübe, regenverschleierte Gesicht der letzten Tage hat dem guten Besuch der Ausstellung keinen Abbruch getan. Als cs am Mittwoch und Donnerstag vom Himmel goß, da waren die Gänge der Ausstellungsräume voll von Menschen, und auch dem Wirt schastsbetrieb wurde tüchtig zugcsprochcn. An beiden Tagen ver zeichnete die Kasse eine Reineinnahme von je 350 Mark. Und ist es ein Wunder? Wenn uns die Wonnemondsreuden draußen im Freien verkürzt sind, so sind wir ja daraus angewiesen,, nachzuprüfen, wie cs in den Werkstätten der Menschen aussicht, und da drückte man sich denn auch gerne ein Stündchen länger au den gastlichen Bierttschen der Festhallen herum, wo das Aus­fallen der Konzerte im Freien desto lebhafteren Verkehr entwickelte. Der Festwert, Herr Kemper, pflegt dann nach Ablauf jeden

abends seine Zufriedenheit über die Ereignisse auszusprechen. ES gibt Leute, die mit seiner frohen Laune nicht übcreinstimmen, begreiflicherweise, weil sie mit ihren Interessen dabei weniger aus ihre Rechnung lömmen.Den lieben Gott da droben, cs können ihn alle zugleich nicht loben. Einer will die Tonn, die den andern beschwert; dieser will« trocken, was jener feucht begehrt." Mit diesem Spruch, der uns über die Launen des Wetters hinweg­hilft, müssen sich auch die Gießencr Wirte abiinde», die infolge des Wirtschastsbetricbes auf der Ausstellung eine Einbuße verspüren. Aber sic haben einen Trost und eine Hoffnung: wenn das Bummeln in die Wirlschastsräume der Ausstellung den Reiz der Neuheit verloren hat, wenn derKuhstall" inAlt-Hessen" nicht mehr soziehen" wird wie im Anfang, werden die ungetreuen Gäste zurückkommcn,brüllend die gewohnten Ställe füllend". Vorläufig geht es da oben noch hoch her. In der großen Hauvt- scsthalle, die mit ihrer vornehmen Einrichtung und der prunkvollen Beleuchtung allen Bedürfnissen nach einem weiteren Saalbau abgeholien zu haben scheint, erklingen die verlockendsten Töne einer kleinen Kapelle, untermischt mit den Vorträgen des Komikers Pcich Maria, der sein Publikum schon kennen gelernt hat und ganz genau weiß, daß. wie jede andere Philosophie, auch der Humor seine Grenzen hat. Hier sitzt nämlich die Hauteoolöc von Gießen, an deren Tchicklichleitsgefühl^md Kunstverständnis nicht zu -Weiseln sich im übrigen Speisen und Getränke wohl bekommen lall.^n einer Ecke des großen Saales hat der Ausstellungs­vorstand seinen Stammtisch ausgeschlagen, wo er seine ver­traulichen und gemütlichen Konferenzen abhält und auch auf den Ausstellungsfrühling das schöne Wort anwendet:Man weiß nicht, was noch werden mag". Auch in den Nackimittagssttiichen kann mau interessante Beobachtungen machen: wie die biederen Leute aus der Umgegend erstaunt und überrascht Umschau halten wie sie voll Zutrauen und Neugier auch die anliegende Muster- baclerei dc-treten, die ja für diesen Zweck geschaffen wurde und die uns die angenehmen Taste der frischen Backwaren entgegcnströmen

Las aus der Westseite des Ausstcllungsgcbictes gelegene ari ml ° WirtschaftslokalAlt-Scsscn" bedarf zuirä,

einer Beschreibung seiner originellen und künstlerischen Aeußcrli reit. Auch hier entwickelt sich bei Konzert und Vorträgen bis den fpaten Abend hinein ein reges Leben. Ter Raum ist nach d Muster berühmter Vergnügungslokalc (Mt-KSln, Leivzig, Fra surt: mit altertümlichen und heimatlich anmutendcn Wanddc

rationen umrahmt, und was hier nach den Angaben des Architekten H. G a r n o n geschaffen wurde, ist in der Tat sehenswert. Zwischen charakteristischen oberhelffschen Fachwerksbauten treten wir durch einen mittelalterlichen Torbogen, den das Gießencr Stadtwappen schmückt, in das Innere der Halle. Wer aber kleine Winkel und niedrige Räume erwartete, der wird sehr überrascht: wir befinden uns hier unter azurblauem Himmel inmitten eines großen Platzes, der von alten, schönen Gießencr Fachwerkshäuscrn eingeschlosscn ist. Uifter den vorzüglichen Wandmalereien lausgcsührt von Herrn Karl Nicraad aus Essen: sehen wir den Landgraf-Phrlippsvlatz mit dem ehemaligen Wachtlokal, dem Krcisamt sowie dein alten Schloß. Das alte Rathaus und andere alte Sehenswürdigkeiten von Gießen schließen sich harmonisch au. Das links vom Ein,rang in die .Halle einspringende Giebclbäuschen, in dem sich die Apotheke befindet, ist ebenfalls ein wahres Prachtbild Alt-Hessens, und cs ist wirk­lich lobenswctt, tvie hier die Platzgcstalttrng ausgcnutzt wurde. Das Bild wird durch einen Daum belebt, der lrnks vom Gfkbel- häuschen siekft und in dessen Aesten i-rn Storch sein Nest einge­baut hat. Ter von der Querwand im die Halle einspringende Schuppen wurde mit seinem starken Dach sehr geschickt zur ?ln- lagc einer Terrasse ausgenützt, die sich über die ganze Brette der Halle erstreckt und genügend Platz bietet zur Ausnahme eines großen Teiles der Gäste. Eine breite Treppe, die wie die Terrasse selbst von einen, schinucken Geländer aus Birkenholz cingeschlossen ist, sührt hinaus, während der Raum in dem Schuppen zu einer Halle ausgenutzt lvorden ist, in der Likör bind.Sekt zum Ausschank gelangt! Trotz der hier von iveiblichcr Hand ausgcbotencn teuren Genüsse ist es der bereits envähnte Kuhstall" weil wir an den Wänden die Perspektive eines alt- hessischen Hoscs Ifaben.

In diesen Lokalitäten geht es also sehr animiert zu. Die Mu­siker, unter Herrn Z i r n , sind mit althessischcn Nnilorinen angetan, und der Komiker Gries weiß, daß er im Gegensatz zu seinem Kollegen in der anderen Festhalle auch die derberen Realitäten des Lebens besingen darf. Selbstverständlich sind auch sür einen großen Teil der genanntenHautevolee" von drüben diese Dar­bietungen eine erwünschte Abwechselung. Wir schließen unsere hc»- tigc Betrachtung mit dem Wunsche, daß die Illusion noch lange Vorhalten möge und daß die Gewcrbcausstellung in Oberhessen,und darüber hinaus die Beachtung finden ffföge, die sic vollauf verdient!