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Nr. J24 Zweites Blatt

Erschein! täglich mit Ausnahme des Sonntags.

I&i Zayrgang

chietzener ZanilienblSNer" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisdlatt für den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. Tielandwirtschaftlichen Seit, tragen" erscheine» monatlich zweimal.

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

Zrettag. 29. xrtot ro

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcri Universiläts - Buch- und Steindrlickerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- srraße 7. Expedition und Verlag: eäS§>51. Redaktion:112. Tel.-Adr.:AnzergerGießerr.

politische Tagcsschau.

Dir augrnblicklichr Stärke der Fraktionen des Reichstags.

Im Hinblick aus die Erörterungen bezüglich der künf­tigen Besetzung des RcichstagSpräsidiums durste eine Be­trachtung über die Stärke der Reichstaaspavteien an gezeigt fern. Im Lause des letzten Sessionsabschnittes vom Novem­ber 1913 bis zum Mai 1914 sind innerhaG der Fraktionen mehrere Veränderungen cingetreten. hauptsächlich auf der Rechten. Tie Deutsche Rcformpartci hat zu existieren aus­gehört und sich mit der Wirtschaftlichen Vereinigung ver schniolzen, die beide nach außen hin di? BezeichnungDeutsch- völkische Partei" annahmen. Die Stärke der Frak­tionen ist nach dem Stande des 26. Mai unter Berück­sichtigung des Ergebnisses in Lsterburg-Stendal folgendem

Konservative 43 lNovcmber 1913: 43), Reichs- Partei 12 (12), Wirtschaftliche Verein igung9 (7_), Zentrum 91 (88), Polen 18 (18), Elsaß-Loth­ringer 9 (8), Welsen 5 (5), Nationalliberalc 45 (46), Fortschrittliche Volkspartei 43 (43), So­zialdemokraten 111 (110). Bei keiner Fraktion sind 10 (8). Erledigt ist das Mandat in 1. Sachsen-Koburg-Gotha «bisher Dr. Quarck natl.s. Tie drei stärksten Fraktionen sind die sozialdemokratische, die Zentrums- und die national- liberale Fraktion, während die Konservativen und die Fort­schrittler gleich stark sind. Bei den Betrachtungen über die Neubesetzung des Präsidiums ist aber zu beachten, daß die Wirtschastliche Bereinigung technisch (für Ausschußbiloun- gen usw.) zur konservativen Fraktion zählt und di? weitere Rechte ohne Reichspartci mithin 52 Mitglieder zählt. Die Konstellation ist also folgende: Sozialdemokraten Hl, Zen­trum 91, Nationalliberalc 45, Konservative und Wirtschaft­liche Bereinigung552, Freisinn 43. Ta die Sozialdemokraten ausschciden, müßte das Präsidium bestehen aus je einem Vertreter des Zentrums, der Nationallibcralcn und der Rechten. Das Zentrum hat. das Anrecht aus den ersten Präsidenten, denn hinter seinen 91 Stimmen stehen noch 18 polnische, 9 elsässischc und 5 welsischc Stimmen, also 123 Stimmen.

Die Reichstagsersatzwahl i» Koburg.

Wir lesen in derKöln. Ztg.":

Für die Ersatzwahl in Koburg sind die Parteien im Lande zum Kampfe bereit, und cs finden bereits Wahlver­sammlungen statt. Bei den angcbahnten Einigungsverhand­lungen zwischen den Nationallibcralcn und de» Fortschritt­lern kam es zu keinem Ergebnis, da der als Kompromiß- kandidat vorgelchlagene Staatsminister a. D. v. Richter von den Fortschrittlern nicht angenommen wurde, auch war man beiderseits der Ucberzeugung, daß ein getrenntes Vor­gehen der bürgerlichen Parteien der Sozialdemokratie mehr Abbruch tue als ein gemeinsames Handeln, bei dem ohne weiteres die äußerste Linke der Fortschrittler sich entweder neutral verhalten oder zur Sozialdemokratie übcrschwcnkcn würde. Wie mitgetcilt, haben die Nationallibcralen mit dem Bund der Landwirte am Sonntag den Amtsrichter Dr. S t o l l in Koburg als Kandidaten nonriniert. Dr. Stoll ist bis jetzt politisch noch nicht besonders hcrvorgctreten und steht den ländlichen Wählern etwas jrcmdcr gegenüber als der bisherige Landrat Dr. Quarck. Ob die Kandidatur aus dem Lande glcick>en Sympathien begegnen wird wie die des Herrn Dr. Quarck, muß daher abgewartet werden. Ter fort schrittliche Kandidat, Landtagspräsident M. Oskar Arnold in Neustadt bei Koburg, dessen Name in der jüngsten Zeit im Streit um die Nicdcrsüllbacher Stiftung des Königs Leopold II. von Belgien öfters genannt wurde, ist eine popu­läre Persönlichteit, die in seiner Heimatstadt seit 30 Jahren auch von den Sozialdemokraten in den Landtag entsandt worden ist. Als Reichstagskaudihat, der er schon 1909 ge­wesen ist, wird er natürlich durch die Sozialdemokratie die schärfsten Angriffe zu gewärtigen haben. Zwischen den bür­gerlichen Parteien fofi der Wahlkampf möglichst loyal ge­führt ivcrdcn, um bei der Stichwahl, auf die bestimmt ge­rechnet wird, ein Zusammengehen nicht zu erschweren. Die

Sozialdemokraten haben sofort nach dem Ableben des frühe ren Reichstagsabgeordneten Fritz Zietsch den Rechtsanwalt Ho [mann in Hof in Bayern als Kandidaten ausgestellt Schon bei der Wahl 1912 hatte die Sozialdemokratie gegen­über der vorhergehenden Wahl einen Stimmenzuwachs nicht zu verzeichnen, cs wird auch diesmal hoffentlich ein sozial- dcmokratffck>er Sieg vereitelt werden können, wenn auch nicht zu verkennen ist, daß die Minifterkrise so manches Wasser auf die sozialdemokratische 'Mühle geliefert hat. Bei den Wahlen 1912 erhielten im ersten Wahlgang Tr. Quarck (Natl.) 4740, Hauptlchrer Sandner (Fortschr. Bp.) 3540 und Zicffch (Soz.) 6199 Stimmen.

Gepückabsertigung ohne Fahrkarte.

Man schreibt uns: Es ist wiederholt angeregt worden, auf der preußischen Staatsbahn eine Gepäckabfertigung ohne Fahrkarte bei Pcrsoncnzügen einzurichtcn, wie sie in der Schweiz üblich ist. Namentlich im Sommer würde von Touristen diese Einrichtung viel benutzt werden. Der Eisen bahnministcr hat gegen diese Einrichtung aber verschiedene Bedenken, wen» er mich anerkennt, daß diese Einrichtung im Interesse des Verkehrs liegt. Bei kleineren Verwaltungen läßt sich diese Einrichtung ohne Sck)wierigkeiten treffen, bei Riesenbetrieben mit starkem Durchgangsverkehr vom Aus­lände begegnen sic aber allerlei Bedenken. Die Entwicklung würde dahin streben, daß viele Eilgüter in die Gepäckwagen der Pcrsonenzüge strebten, diese überfüllten und dadurch die Möglichkeit ciniretc, daß das Passagiergepäck auf Zwischen stationcn nicht befördert werden kan». Der Reisende konnte also unter llmständcii bei der Ankunst am Zielorte nicht in der Lage sein, sein Gepäck ausznlöscn. Der Eisenbahnministcr will aber den Wünschen insosern cntgcgcnkommen, daß er die Sätze für Expreßgut ermäßigen will,-um auf diese Weise das VorauSsendcn von Gepäck ohne Fahrkarte zu erleichtern.

vie vermi tlnngsversuche in Mexiko

haben bisher keinerlei Ergebnis gehabt. Der heutige nachstehende Bericht rechnet nur mit Annahnien, Möglichkeiten und Hoff­nungen, deren Verwirk.ichnng aber noch außerordentlich ferne steht:

Niagarasalls, 28. Mai. Hier wird angenommen, daß sich die Bermittclungskonscrenz einem Stadium nähert, das dazu berechtigt, gcincinsame Sitzungen abzuhalten, in denen ein Protokoll ausgesetzt und unterzeichnet werden könnte. Es ver­lautet, es seien gewisse grundlegende Vorschläge an­genommen worden einschließlich der Ucbcrlragung der Ereeuliv- gewalt von Huerta aut einen provisorischen Präsiden­ten, der für alle Parteien annehmbar ist und der von vier Mitgliedern des Kabinetts unterstützt werden soll. Diese fünf M änner teilen sich in die Verantwortlichkeit für die Neu­wahl des Präsidciiten. des Vizepräsidenten und der Mck- glicder des Kongresses. Die Zusammensetzung der neuen provisorischen Regierung Hai bereits die Zustimmung des Präsidenten Wilson gefunden. Es ist selbstverständlich, daß die neue Regierung sofort die Anerkennung der Vereinigten Staaten er­halten wird und daß dann auch die amerikanischen Trupven als­bald zurückgezogen werden. Trotzdem darüber keine Erklärungen abgegeben worden sind, glauben die mexikanischen Delegierten, daß die Vereinigten Staaten die Handlungen des gegenwärtigen mexi­kanischen Kongresses als gesetzlich betrachten werden. In amtlichen Kreisen verlautet, daß die endgültigen Vcrmitteliniaspläne Carranza vorgclegt werden, dessen Antivort erwartet wird. Der genaue Wort­laut des Planes ist noch nicht veröffentlicht morde». Es beißt aber, daß er zwar die Annabmc einer provisorischen Regierung in Mexiko- Citv, jedoch keine Bestimmungen übe/ Huerta und die Landsragc cnihalien wird. -

Sitzung der Stadtverordneten.

Gießen, 28. Mai.

Die Sitzung wird imi 4>/e Uhr eröffnet, Zunächst wird der stellvertretende Schriftführer Mostg vom Oberbürgermeister Kel- ,'c r beeidigt. Zu Urkundspersonen werden die Studio. Irbet und Eichcnaucr bestellt. Daraus machte der Vorsitzende einige Mitteilungen.

Er teilte mit, daß die Hinterbliebenen des verstorbenen Geh. Justizrates Gutsleisch in einem Schreiben für die Teilnahme der Stadt an der Beerdigung danken.

Eine Eingabe des Hausbesitzervereins, die wir in unserer Nummer vom Samstag vcrössentlichtcn, wurde dem Fi­nanzausschuß überwiesen.

Tann gedachlc der Vorsitzende der langjährigen und ersvricß- lichen Tätigkeit des aus oem Amte geschiedenen Geh. Schulrates Raus eh.

Beigeordneter Grüncwald teilte mit, daß der Vorschlag, de» Schreiber weg zu verlängern, von dem Landwirlichails- ausschuß als erledigt angesehen worden sei, da die Forstbehürde »eisicheri lzabc, daß die Verlängerung des Weges schon letzt hcr- gcrichtet worden sei.

Gesuche und Anträge.

Für die Bckämpsung der Obstbaumschädlinge (mt Stadt». W i n n de» 'Antrag gestellt, eine spritze a»zu- schalsen, wodurch die Bäume mit einer ätzenden Flüssigkeit be­spritzt werden können, dasür einen Kredit von 70 Mark zu be­willigen und die Spritze auch Privatleuten zur Vcriügung zu stellen. Der laudmirtschaylichc Ausschuß hat sich zustimmcnd ge­äußert iwd empiiehlt die Anschaitung mit einem Kredit von 80 Mark, während in Peivatbesig bcsmdlichc Bäume durch städ­tisches Personal gegen Ersatz der Selbstkosten behandelt werden sollen. Ter Antrag wird angenommen.

Der Schulvorstand beantragt, sür das für den 28. Juli ge- vlante I u g e n d s c st die Zustimmung zu geben. Diese wird erteilt. Stabt». Huhn regt dabei an, den nach dem Trieb führenden Weg zum Festzuge zu verbreitern. Als Vorsitzender des^ Fest­ausschusses wird sür den schlcudcn bcsoldelen Beigeordneten Stadtv. Ebel gewählt.

Ter Kaninchenzucht - und Pslegeverein plant eine Ausstellung und ersucht »m Gewährung eines Ehrenpreises. Der Finanzausschuß beantragt, dazu 30 Mark zu gewähren, und findet Zustimmung. Stadtv. u r st a d t fragt an, warum die de» Kan»,chenzuchtvc,einen zngcbilligtcn t00 Mark bisher nicht aus­bezahlt worden seien, nachdem beide Vereine dem bcssischen Landes­verband ficigetreten seien, wie man verlangt habe. Oberbürger­meister Kelter verspricht, Erkundigungen darüber einsuhoken, bisher sei ihm der Beitritt zum Verband nicht mitgetcilt.

Die Straßenlaternen, die in der Nähe eines der neuen Feuermelder stehen, sollen durch einen roten Streifen mit der AuffchriitFeuermelder" gekennzeichnet werden. Da diese Laternen hister zumeist nicht oder nicht die ganze Nacht gebrannt ivurdcn, erfordert das dadurch mehr verbrauchte Gas einen jähr­lichen Kostenaufwand von 702 Mark, die unter dem Titel Feuer­löschwesen auszujührcn sein werde». Staat». Sommer empfiehlt Anstrich mit Leuchtfarben, da ihm der Betrag sehr hach erscheint. Der Vorsitzende will, der Anregung folgend, die Ausführung des Antrages so lange aussetzcn, bis die Frage der Leuchtfarbe» gc- prüst worden ist. Der Antrag dcS Ausschusses, die 702 Marl zu gewähren, wird angenommen.

Die Gesuche des Peter S ch c v v, seine Grundstücke Glaubrccht- straßc 9 und Büchnerstraße 2 mit Holzeinsricdigungen zu ver­sehen, werden bewilligt. Ebenso ein Gesuch des Professors Dr. P s e i s f e r, der am Aulweg eine Blockhütte errichten will.

Der wichtigste Punkt der Tagesordnung betraf die Errichtung einer Freilichtbühne im Philo sovbcnwald. Oberbürgermeister Keller verlas dazu ein Schreiben derFreilichtbühne", worin mitgetcilt wird, daß die Aufführung von HanptmannsVersunkener Glocke", AnzengrubersPfarrer von Kirchfeld" und SchillersWallen- stcin" für diesen Sommer geplant sei. Als Hilfskräfte für die Hauptrollen seien Mitglieder des Stadttheatcrs, für die künst­lerische Leitung Obcrregisseur Dworkowski m Aussicht ge­nommen. Ta man diesen Künstlern eine Entschädigung gewähren müsse und sonstige Untosten entstehen würden, die möglicherweise nicht durch den Verkauf von Billetts gedeckt werden könnten, so ersuche die Freilichtbühne die Stadt um Gewährung eines Ga­rant i e s o » d s von 2000 Mark. Ferner wird um Ueberlassung eines Platzes im Phüosophenwald gebeten, um Hort zwei Hütten sür die Mitspiclendcn zu errichten und eine tulisscnartigc Taniien- anpslanzung vorznnehmcn.

Die bkteiligien Ausschüsse haben am Donnerstag morgen un­ter Führung des Forstmeisters .Köhler eine Ortsbcsichtigung rorgenommen und man hatte schwere Bedenken gegen den er­wählten Platz im Philosophenwalde. Es wurde jedoch die Auf- mcrliamkeit aut einen anderen Platz, aus den sogenannten Fich­tenkops, links von der Lichcr Straße, in der Nähe der Zicgcn- zuchlstakion. gelenkt. Auch dieFreilichtbühne" ist mit dein neu erwählten Piatze ans dem Fichienkopl einverstanden.

Der Finanzausschuß beantragt, diesen Platz zur Versügnng zu stellen und sür seine Herrichiung einen tkrcdit bis zur Höhe von 2000 Mk. zu betvilligcn. Für die Gewährung eines Gacantic-

Kunft, Wissenschaft «nv Leben.

- Der Zwist im Hause Wagner. Ein Arzt. Herr Tr. A. Kruehc, der Frau Isolde Beidtcr vor zwei Jahren be­handelt hat, schreibt denMünchener Neuesten Nachrichten": Der betrübende Zwist im Hause Wagner, der aut alle Verehrer des großen Meisters einen so überaus peinlichen Eindruck macht, wich vielleicht menschlich verständlicher, wenn man erfährt, daß Frau Isolde Beidlcr seit einigen Monaten in einem Sanatorium ,n DavoS weilt und daß sie seit mehreren Jahren körperlich zu leiden batte. Ich glaube, keine Jndiskrclion zu begehen, vielmehr hege ich die Hoffnung, beiden Parteien zu nützen und eine friedliche Eini­gung sowie ein Verstehen anzubahncn, wenn ich hier mitteilc, daß Frau Isolde Beidler mir vor kurzem aus DavoS zu meinem 60. Ge­burtstage einen langen Brief schrieb, in welchem keine Silbe von dem Familicnstreit noch eine Anspielung aus denselben steht, sondern lediglich ihr körperliches Befinden seit einem Unfälle, wegen dessen ich iie vor zwei Jahren ärztlich behandelte, geschildert wird. Schon damals bestand meinerseits der Verdacht daß ein konstitutionelles Leiden, um dessentwillcn sie Davos ausgesucht hat, in der Ent­wicklung begriffen sei Dcr-Paiieniin mußte dies mit großer Vor- sicht allmählich beigebracht werden, weil allerhand Vorurteile, gegen dieses Leiden bestehen. Dasselbe hat sich seitdem in der bekannte» Werse entwickelt, daß die psychische Sphäre insofern in Millcidcii schaft gezogen wird, als Gemütsdeprcssionen, svezicll die Furcht, zu verarmen oder nicht genügend im Dascinskamvic gcwavvnet zu sein, mit einer Ueberschätznng der eigenen Leistuiigsiähigkeit ab­wechseln, und daß nicht selten in solcher Stimmung allzu große Ansordcrungen an die Angehörige» gestellt werden. Wer mit diesen die körperliche Erkrankung begleitenden Seclenstimmungcn vertraut ist, wird alles milde beurteilen, was vom juristischen Standpunkte alS Aiimaßnng oder Rechthaberei erscheint. Wäre zur rechgm Zeit ein seiniübliger Vermittler zwischen Mutter und Tochter getreten, so hätte sich gewiß ein so veinlicher Prozeß vermeiden lassen. Viel­leicht gelingt cs jetzt noch!

D.ic Venus von Kyrene. In der Kyrenaika haben die italienischen Genietruppen an der Stätte des Apollotemvels, der sich bei der berühmten Quelle Kyre erhob, ein machtvolles Stand­bild der Venus Anadhomene ausgefunden, ein ungewöhn­lich schönes Werk aus paritchem Marmor. Die Gestalt der Göttin weist eine Löhe von 1,60 Meter aus. Die Göttin, die unbekleidet dargestellt ist, steht aufrecht neben einem Delphin, der das Meer symbolisiert und teilweise von den Falten eines Gewandes be­deckt ist, das die Venus anzulegen im Begriffe stand. Ter Kopf Und die Arme des Standbildes fehlen, aber trotzdem läßt sich

die ursprüngliche Gebärde und Körperhaltung rckonsttuiercn: die Göttin hatte die Anne erhoben, um ihre vom Meere noch »asseil Haare zu trocknen. Das ergibt sich aus der ausgesnildenen Haiiü, zwischen deren Finger die Locken des Haares noch deutlich zu erkennen sind. Pros. Lueio Mariani, der die Oberaufsicht über die archäologisck>en Arbeiten in den italienischen Kolonien sühtt, hat die Statue als ein Werk aus der ersten Hälfte des 4. vor­christlichen Jahrhunderts bestimmt. Die Archäologie hat vielfach angenommen, der Typus der Venus Anadyomene sei die Wieder­gabe eines berülMten Gemäldes des Apelles. Wenn die Datie­rung Marianis zuirifft, ist diese vielfach verteidigte Hypothese erschüttert. Die Gelehrten und Künstler, die bisher Gelegenheit hatten, die »cuentdecktc Vemis-Statue zu sehen, iprcchcn sich über die Schönheit des Werkes in sehr cnlhujmstischen Worten aus. Voraussichtlich wird das Standbild noch im Lause des kom­menden Monats im T h c r m c n - M u s e u m in Rom seine Stätte finden.

Die Sommeraus st ellung der Münchener Sezession. Aus München wird uns geschrieben: Ti? Eröff­nung der Sommer-Ausstellung der Sezession hat in der Geschichte der Münchener Künst zivcifellos die Vedentung eines historisch merkenswerten Ereignincs Ist es diesmal hoch aller Wahrschein­lichkeit nach die letzte Ausstellung, die di? Sirzesiions-Vcreinignng in den würdig-weihevollen Räumen des Kunsttempels am Königs- Platz veranstalten wird Was aus den bedeutsamen Knnsl-V?r > anstaltnngen werden wird, wenn der Staat das Gebäude wie geklaut ist für fein Antiquarium in Anivnich nehme» wird darüber sind die Akten bisher noch nicht geschlossen. Ist dieFrüh- iahrS-Tczession" ein Sammelplatz für jüngere Künstler, eine Ge­legenheit, neue Talente zu entdecken und zu fördern, so zieht zur sommerlichen Ausstellungsveriode auch die alte Garde ins Feld, dessen muß man sich herzlich freuen. Auch von Fritz von Uhde, der einer der Mitgründer der Sezession war, sieht man noch eine Arbeit. Ter siebzigjährige Albert von Keller ist mit drei Bildern vertreten, von denen besonders das große,Ruhe" be­titelt, an Farbenvracht und Ausdruckskraft meisterlich ist. Wer Franz von Stuck in seinen dämonischen Darstellungen schätzt, wird diesmal auch aus seine Rechnung kommen. Eine symbolische FrauengestaltDie Pest" lehrt ihrer Grüntönnng zatte Seelen das Gruseln, den farbenprächtigenTrachenröter" werden auch Leute, denen der Porträtist Stuck lieber ist, als gute technische Leistung empfinde»: die intimere LeinwandDas Tiner" schließ­lich macht den Salopgeichmack Konzessionen, l>al aber doch Vor­züge: schließlich gibt er noch das eindrucksloseBad" und einFaun" betiteltes Werk. In Stucks Nähe hängen die

S am b c rg c r-Porträts: formvollendete Kunst. Auch Eugen Spiro zeigt Porträts, deren Bestes wohl das treffliche Meier- Gräse-Bild ist. Wenig wirtiam sind die kffabcrmann Bilder. Packend ist Th. Th. Heines Kricgerbild1813". Von Werken jüngerer Künstler fallen die beiden Stücke des Tirolers Hell aus: beson­ders das wundervoll beleuchteteSchönachlal". Dieser Maler, der schon im Frülstahr in derSezession" Aufsehen erregte, ist eine unserer stärksten Hoffnungen. Der moderne Leo Patz zeigt vor allem eine große, sarbcnorächtigc LeinwandPuppen", die in der Idee wie in Komposition und Farbengebung grandios ist. Technisch unterscheidet sic sich von anderen Werken dieser Künst­ler durch das Strichhatte ihrer Pinselsührung.

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des Oxsorder on»>tutS >ür Anihropologie hat eine vojilische Dame, Fräulein Czaplica, soeben eine bedeutende tvisicnschaslliche Exve- dilion nach Nordsibirien angetrctcn. Die Forscherin, die sich dem Studium der sibirischen Rassen gewidmet und bereits ein großes Werk über die Ureinwohner Sibiriens veröffentlicht hat, will das Leben und die Geiovhnheitcn einiger asiatischer Stämme genau bc- obachtcn, die bisher unter den Raffen der Welt noch »ich, klassi-> siziert sind. Es sind das die Ottjaken am mittleren Jenissei in einem der wildesten und wüstesten Teile Sibiriens und die Tungusen die zu der Gruppe von Stämmen gehören, die das östliche «ßebirge zwilchen dem Jen,sic, und dem Stillen Ozean bewohnen Tie Er- vedllion besteht aus zwei Männern und zwei Fra»?»: Fräulein E?avl>ca wird die anthropologischen Forschungen durchführen- die andere Dame, eine Engländerinaniens Eurtis, dient als Zeich­ner,n und Photographin: die beiden männlichen Gelehrten sind ein Zoologe und NN Ornithologe. Man will ein Jahr lang unter den betreffenden Stammen leben, um ihre Svrachi? zu lernen und ihr tägliches Leben ,o genau als möglich zu sttidieren. Während dieser ganzen Zeit werden die Reisenden ein Zelt bewohnen, das ganz ähnlich demt, nne es Kapitän Scott aus seiner letzten Reise bc- nutzte Dieses Zelt besitzt zwei gesonderte Abteilungen sür Männer und Frauen Aahrtcheinlich werden die beiden Herren, da cs im Irtntcr mr sie wenig zu tun gibt, schon früher nach Hause zurück­kehren, Io daß die beiden Damen dann allein unter den wilden Sie hat jedoch nicht die mindeste Furcht [,c 1° n i>er$ die Tungusen schon fremden Reisenden sehr ge- tahelich gcwerden und: sie ist tief eingedrungen in die merkwür­digen rcligwien Vorstellungen dieser Völkerschasten und hofft, ver­möge der genauen Kenntnis ihrer Anschauungsjornie» mit ihnen sehr gut auszukommen.