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Der «kfcen« rlnzeiger erschei« tägkch, atißer S«uttags. - Beckagen: viermal wmbemlich «et«erLomIU<n »I i tu r. potrmai möd»ntLKltis> Nattfüt Vn Kreis Sieten (Dienstag nndFreiiaq); zweimal man all. Land- ^tschastNche Zeitsragen nenijprech - Anschlüße: !ür dre Redaktion 112 , Vertag >u Expcdinon LI Abreise Kir Depeschen: Anzeiger «ieße». Annahine von Anzeigen iür die Tagesnummer bis vormittags S Uhr.
Erster Blatt
m. Jahrgang
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Rotationsdruck und Verlag der vrühl'schen Unio.-Vuch- und Zteiudruckerei R. Lange.
Zreitag, 29. Mai m
Be; uqSprctS:
monatlich 75'T3?., Dienet- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- il Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk.2.—viertel- jährl. ausschl. Bestcllq. Zeilenvreis: lokal 15'Bw auswärlS 20 'Bienmcu Chefredakteur: AGoerz. Perautwortlich für den polit. Teil: Aug. Goerz; für „Feuilleton-, „Vermischtes- und ^Gerichts- saal": Karl Neurath; sür „Stadl lind Land":
Redaktion, Lrpedition und Druckerei: Schulstrahe 7. Anzeigen!ett:' H? BcL
Die heutige Nummer umfaht 14 Seiten.
Die Wirkungen de§ hessischen Gemeinde- umlagengesetzez.
ii.
In dem umfangreichen Aktenstück der Regierung über die Wirkungen des neuen Gemeindcumlagengesctzes wird gleich in der Einleitung chetont, daß sich die Ausführungen darauf beschränken wollen, die Ergebnisse rein zahlenmäßig darzustellcn und zu erläutern, und daß sie dem Urteil des tlesers nur die nötigen Unterlagen geben, ihm aber nicht vor- yreifen wollen. Es ist denn auch mit außerordentlichem Eifer ein höchst reichhaltiges vnd vielseitiges Zahlenmaterial zu, snmmengcstellt und geordnet worden, das sehr wohl zu einer eingehenden Prüfung geeignet erscheint. Tie Großh. Regierung bekennt selber, daß dieses Material nicht ganz einwandfrei sein kann, und daß der Vollzug der erstmaligen Veranlagung die Finanzämter und die Veranlagnngskom- missionen vor eine schwierige Ausgabe stellte, bei der angesichts der Mrze der Zeit auch nicht immer die erwünschte Sorgfalt und Gründlichkeit «beobachtet werden konnte, auch bei der Neuheit und Schwierigkeit der anzulvendenden Vorschriften nicht in allen Punkten eine den Absichten des Gc- seßgebers entsprechende, gleichmäßige Veranlagung erwartest werden kann. Tie Ergebnisse der erstmaligen Veranlagung könnten «daher .auch keineswegs in allen Beziehungen als der Ausdruck der endgültigen Wirkung der neuen Vorschriften angesehen werden. Immerhin aber werde doch das vorgelegte Material genügen, um zu erkennen, ob und inwieweit die Wirkung des neuen Gesetzes in ihxen Grund- .zügen den an seinen Erlaß geknüpften Erwartungen nach einer gerechteren Verteilung der Gemeindesteuerlast entspricht. Es ist hierbei auch »och besonders zu beachten, daß das jetzt vorgelegte Material nur die erste, gewisserniaßcn die amtliche Unterlage für die Beurteilung bildet, die zweite Hälfte, nämlich die sämtlichen, aus den Kreisen der Interessenten, also der Bürgermeistereien und Gemeinden, wie der einzelnen Steuerzahler erhobenen Anstände, Klagen und Beschwerden, wird erst in 8 bis 14 Tagen ebenfalls in Form einer Tcnkschrift den Landständen zugehen.
Während in unserm ersten Artikel das Verhältnis der Einkommensteuer zu den Vermögenssteuern im allgemeinen erörtert wurde, sollen weiterhin die Ergebnisse der einzelnen Besteucruugsartcn näher behandelt werden. Bei der Einkommensteuer kommt besonders die in Art. 51 Abs. 2 angeordnete Verteilung des grundbesitzlichcn und gctverb lichcn Einkonnncns in Betracht, wodurch das seitherige Besteuerungsrecht der Bctriebsgemcinden wesentlich erweitert wurde, und sodann die anderweitige Regelung der Einkom- nvensteuer der Staatseiscnbahnen. Wie die beigefügte Tabelle IV ergiebt, wurden im Jahre 1912 von den Staatseisenbahnen und zwar vom Großherzogtum lLandescigen- tum) insgesamt an Gemeindesteuer 447 482 Mark und vom preußischen Eisenbahnsiskus 173112 Mark gezahlt. Ta aber nach Art. 54 die hessischen Staatsbahnen nicht mehr der Einkommensteuer unterworfen sind, und außerdem die seitherigen Entschädigungen der Gemeinden wegen der vertragsmäßigen Steuerfreiheit außerhcssischer Staatsbahncn wegfallen, so stellten sich die gesamten Gemeindesteuern der Staatsbahnen für 1913 für das Großherzogtum nur auf 214 241 Mk., für den preußischen Eisenbahnsiskus dagegen auf 206 107 Mk., während sich für die Privateiscnbahnen die Gemeindesteuern von 26 481 Mk. auf 43 857 Mk. erhöhten.
Der Ausfall au Einkommensteuer auf den hessischen Staatsbahncn beträgt für sämtliche hessische Gemeinden 111287 Mark, wovon auf Darmstodt 20 486 Mk., auf Mainz 26 683 Mark, auf Ossenbach 12 476 Mk., auf Worms 11607 Mk., auf Gießen 924 Mk. entfallen. Benshcim büßt 1903 Mk., Bingen 3575 Mk., Tieburg 595 Mk., Ebcrstadt 493 Mk., Gins- Heim 3943 Mk., Groß-Gerau 1772 Mk, Kelsterbach 379 Mk., Lampertheim 1215 Mk., Rüsselshcim 1355 Mk, Alzey 1218 Mark, Alsfeld 1103 Mk, Büdingen 519 Mk, Fricdberg 163 Mark, Lauterbach 801 Mk. an Gemeindesteuern ein. Von dem im Artikel 59 Abs. 3 vorgesehenen Selbstbestimmungsrecht haben vier Städte mit Wirkung vom 1. April 1913 Gebrauch gemacht: in Ossenbach bleiben die Einkommen bis 750 Mk., in Worms, Friedberg und Benshcim die Einkommen bis 500 Mk. von der Einkommensteuer befreit.
Von Interesse ist das Verhältnis der Vermögenssteuern zueinander. Nach Art. 55 des Gesetzes wird die Gemeindesteuer vom Grundbesitz, Gewerbebetrieb und Kapitalvermögen nach einem einheitlichen und gleichmäßigen Satz für jedes volle Hundert Mark des sür die Besteuerung festgestell- lcn Wertes ausgeschlagen, wobei das Kapitalvermögen nur mit dem halben Wert angcsetzt wird. Nun hat in 66 Gemeinden bei Abnahme der Grundsteuer gleichzeitig eine Zunahme der Käpitalstcuer stattgcsuuden, während in 55 Gemeinden der Abnahme der Grundsteuer eine Zunahme der Gewerbesteuer gcgenübcrsteht. In 51 Fällen, etwa der Hülste der Gesamtzahl, hat die Grundsteuer abgcnommen und zugleich die Gewerb- und Kapitalsteuer zugenommen. Eine gleichmäßige «Wirkung des neuen Gesetzes auf die Art der Verteilung der Vermögenssteuern ist hiernach nicht eingetrelen. Der VermögcnSstcuerkoesfizient ist bekanntlich je nach der Steuerschuldigkeit verschieden. Ei» Bild von dieser Verschiedenheit geben die sollenden Zahlen für das Jahr 1913. Von den Gemeinden mit istädteordnung erhob Friedberg 15,6 Pf. auf 100 Mk. Steuerwerk des Vermögens, Bad-Nauhcim 18Ps., Gießen 21 Pf., Benshcim 21,6Pf., Darmstadt 21,6 Pf., Bingen 22,2 Ps., Worms 22,53 Pf.. Mainz 22,95 Ps., Alzey 28,51 Pf. und Ossenbach 34,5 Pf. Für eine Auswahl von 160 Landgemeinden ergab sich, daß in 2 Gemeinden 5 — 10 Pf., in 8Gemeinden 10—15 Pf., in 34 Ge- meinden 15—20 Pf., in 49 Gemeinden 20—25 Pf., in 31 Gemeinden 25—30 Pf., in 22 Gemeinden 30—35 Pf., in 9 Gemeinden 35 — 40 Pf. und in 3 Gemeinden 40—45 Pf. erhoben wurden. Das Vermögen ist darnach im allgemeinen mit einem Ausschlag von 15—35 Ps. für 100Mk. Steuerwerk belastet. Von der Anwendung des Sctbskbcstimmungsrcchts, wonach elternlose Minderjährige, erwerbsunfähige Personen und Witwen, deren Vermögen bei einem Gesamteinkommen unter 750 Mk. den Betrag von lO OOO Mk. nicht erreicht, von der Grund-, Gewcrbs- und Kapitalsteuer befreit werden können, haben bisher durch entsprechende Ortssatzungen nur Ossenbach und Worms Gebrauch gemacht.
Einen sehr umfangreichen Abschnitt bildet in der Re- gicrungsmittcilung das Kapitel über die Grundsteuer. Sie hat von den in Tabelle 2 aufgeführtcn 101 Probcgemein- den in 71 eine Abnahme, in den übrigen 30 eine Zunahme erfahren; es ist mithin im allgemeinen das Grund- vcrmögcncntlastet worden. Diese Wirkung dürfte, insbesondere in den Landgemeinden, unmittelbar aus den Ersatz der Steuer nach dem Steuerkapital durch die Wertsteucr zu- rückzusühreu sein. Tas Ergebnis muß, so betout eine Anmerkung in der Vorlage, um so ausfallender erscheinen, als die Veranlagung sich ausschließlich auf den gemeinen Wert gründet. „Betrachtet man die fünf größten Städte «Mainz, Darmstadt, Ossenbach, Worms und Gießen, für sich allein, so ergibt sich bei allen eine Zunahme der Grundsteuer, was
offenbar aus die schärfere Erfassung des durchweg hochwertigen Geländes und Gebäudebcfitzcs zurückzuführen ist."
Auf die Verschiebungen bei den wichtigeren Arten des steuerpflichtigen Grundvermögens, landwirtschastlich genutzten Grundbesitz, Waldungen, Baupläne, Gebäude, wobei die Wirkung der Grundsteuer im ganzen wesentlich dadurch beeinflußt wird, wie sich der Grundbesitz einer Gemeinde nach den verschiedenen Arten zusammensetzt, sali in einem weiteren Artikel näher eingcgangen werden. _
Die Ausstandsbtwegung in Albanien.
Das Wiener Korr.-Bureau meldet aus D u r a z z o; Der Kontrollausschuß erhielt gestern bei seiner Anwesenheit in Kawaja seitens der Wortführer der Aufständischen und der an der Bewegung teilnehmenden Bevölkerung die Versicherung, daß sie sich von den Aufklärungen und Zusagen des Kontrollausschusses persönlich besriedigt fühlten, daß sic aber vor der endgültigen Abrüstung noch einctz Meinungsaustausch mit den Vertretern der übrigen an der Bewegung beteiligten Landschaften pflegen möchten. Allerdings hat in Kawaja eine Anzahl Fanatiker in präziser Form den Wunsch nach derWiedcrhcrstellungdertürkischenHcrr- s ch a s t ausgesprochen, indessen haben, wie gestern in Kawaja, die Erklärungen des Kontrollausschusses auch heute in Tirana, wohin er sich begeben hat, beruhigend gewirkt und dürsten ihren Eindruck sicherlich nicht verfehlen. Hcrvor- zuheben ist, daß die religiösen Chefs von Tirana, nämlich der Mufti und der lllema, gemeinsam mit dem Kontrollausschuß sich bemühten, die Vertreter der unzufriedenen Landschaften von der Unzulässigkeit einiger ihrer Forderungen zu überzeugen. Indessen konnte bemerkt werden, daß ein ziemlich starker religiöser Fanatismus geiveckl und auch dort unter den Unzufriedenen die Forderung nach Ernennung eines mohammedanischen F ü r st e n laut geworden ist. Wie in Kawaja erklärten in Tirana die Führer, daß vorerst den Delegierten aller in Betracht kommende» Landschastcn Gelegenheit zur Aussprache zu geben sei, die in einer Versammlung der nächsten Woche erfolgen soll. Daran hätte auch der Kontrollausschuß teilzunchmen.
Anhänger des Fürsten Wilhelm in Skutari.
Tie „Neue Freie Presse" meldet aus Skutari: Am Mittwoch hat hier eine große Versammlung der Malissoren und Mirditen stattgefunden, wo etwa 1000 Mann versammelt waren. Prcnk Bibdoda führte den Vorsitz. Die Versammlung beschloß, eine Abordnung an den Fürsten Wilhelm zu entsenden, um ihm über die Lage und Stimmung; in Albanien zu berichten und ihm ferner mitzuteilen, daß sie bereit seien, 'gegen die aufständischen Anhänger Essads zu marschieren. Wenn der Fürst ge- ztvungen werde, den Aufständischen Konzessionen zu machen, würden diese von den Versammelten nicht anerkannt werden. Es herrschte eine sehr erregte Stimmung.
Der albanische Hofmarschall in Berlin.
Der „Kölnischen Zeitung" wird aus Berlin gemeldet: Zur Reise des Hofmarschalls des Fürsten von Albanien von Trotha nach Berlin wird uns bestätigt, daß sic auf keinen politischen Auftrag zurückzusühren ist. Trotha ist der Uebcrbringcr gewisser persönlicher Wünsche des F ü r stze n, die mit der politischen Behandlung der albanischen Frage nicht im Zusammenhang stehen.
Ein österreichisches Geschwader.
D u r a z z o, 28. Mai. Ter österreichisch-ungarische Ge- sandte hat den italienischen Admiral Trisari benachrichtigt, daß ein von Malta kommendes österreichisches Ge-
Napoleon und Zosephine in vriefen.
Am 29. Mai 1814 ist die Kaiserin Joscphine zu Malmaiion gestorben. Sie hat den Sturz ihres früheren Gemahls nicht lange übcrlebt, nachdem die Verbündeten cs ihr abgeschlagen hatten, Napoleon nach Elba zu beglctten, ivozu Marie Luise sich nicht hatte verstehen können. Tie Weltgeschichte braucht nicht viel mehr von ihr zu registrieren, als daß sie den jungen (tzcnera! Bonaparte heiratete, der sich svätcr als Kaiser von ihr scheiden ließ, weil sic ihm keinen Thronerben schenken konnte. Polittsch ist Josephine nie hervorgetrctcn. Aber dieser anmutigen Kreo lin verdanken wir die intimsten Herzcnszeugnissc Napoleons, der diese Frau erst mit einer ratenden Glut liebte und ihr lein Leben lang, auch nach der Scheidung noch, mit aller Zärtlichkeit zugetan war, worüber uns seine zahlreichen Briese an: sic belehren, die der Verlag Robert Lutz in Stuttgart voriges Jahr in künstlerischer Ausstattung deutsch hcrausgegeben^hat «Napo- leons Briete an Josephine. herausgcgebcn von A. Saager. ES gibt nichts Jiitcreiianteres. als diese Briefe ,u lesen, die uns Napoleon von seiner unverbüllt meuschlichsien Seite zeigen. Mit Erlaubnis der Perlagsbuchlzandlung geben wir im folgenden zwei Proben aus dein Buche, einen Brief des Generals aus dem italienischen Feldzug von 1796 und einen Brief der geschiedenen Joseplsine an den Kaiser, der in seiner rührenden Hingabe lind Liebe sür sich ielbcr und die Schreiberin sprickN und geigt, wie dieser Licbesbund trotz der Ehescheidung in Frieden >,»d Har- monic ausklingt.
Hauptauarticr Tortona, Mittags, den 15. Juni 1796.
Mein Leben ist ein ununterbrochener Mpdruck. Eine furchtbare Ahnung hemmt mir den Atem. Ich lebe nicht mehr. Ich habe mehr als mcii, Lebe», mehr als mein Glück, mehr als meine Ruhe verloren. Ich bin völlig ohne Hoffnung. Ich schicke Tir einen Kurier' er wird nur vier Stunden in Paris bleiben, und mir dann Tcinc Antwort zurückbringen. Schreibe mir 10 Seiten, das allein kann mich ein wenig trösten. . . Tu bist krank. Tu liebst mich, ich habe Dich betrübt: Du bist guter Hoitnung") und ich werde Dich mcku sehen! Tieier Gedanke verwirrt mich« Ich habe Tir großes Unrecht getan, daß ich gar nicht weiß, wie ich es wieder aut machen kann. Ich mache Tir Borwürie, daß Du in Paris hleibst, und Tu bist krank! Verzeih mir, meine liebe Freundin, die Liebe, die Tu mir eingeflößt hast, hat mich best Verstandes beraubt. Ich werde ihn nie. wieder stndcn. Von diesem' Hebel wird man niemals gelallt. Meine Ahnungen sind so sürchtcrlich, daß ich zufrieden wäre. Dich zu sehen, Dich zwei
*) Ein Irrtum.
Stunden lang an mein Herz zu drücken und dann mit Dir zu sterben. Wer pflegt Dich? Ich denke mir, Tu hast Hortense rufen lassen. Ich liebe dieses liebenswürdige Kind noch tausendmal mehr, seit ich denke, daß cs Dich ein wenig trösten kante. Was mich betrisst, so habe ich keine» Trost, keine Ruhe, keine Hoffnung, bis der an Dich geschickte Kurier zurückgekehrt ist, und Du mir in einem langen Briefe anseinandcrgesetzt hast, was an Deiner Krankheit ist, und wie lange ihre Tauer sein wird. Weirn sic gefährlich ist, so iocrdc ich. das sage ich Tir i»i voraus, nach Paris reisen: meine Ankunft wird Deine Krankheit besiegen. Ich bin immer glücklich gawesen. Nie hat das Schicksal meinem Willen widerstanden. Nun aber bin ich in dem Einzigen, was mir teuer ist, schwer betroffen. Josevhine, wie kannst Tu cs so lange aiistchcn lassen, mir zu schreiben? Tein letzter, kurzer Brief, solltest Tu cs glauben, ist vom 22. letzten Monats, und noch heute betrübt er mich Dennoch trage ich ihn immer bei mir. Tein Bild, Tcinc Briefe sind immer vor meinen Augen.
Ich bin Nichts ohne Dich, ich begreife kaum, wie ich leben konnte, ohne Tick) zu kennen. Ach Josephine, wenn Tu mein Herz gekannt hättest, hättest T» vom 18. bis zum.4. mit Deiner Abreise gezögert? Solltest Tu Dein Ohr treulosen Freunden geliehen haben, die Tich vielleicht von mir enticrnt halten wollten? Ich habe jedermann im Verdacht, ich hasse alles, ivas Tich umgibt. Ich rechne darauf, daß Tu am 5. abreiscst und am 15. in Mailand eintriffft.
Alle meine Gedanken vereinigen sich in Deinem Schlafzimmer, an Deinem Bette, in Deinem Herzen. Teine Krankheit beschäftigt inich Tag. und Nacht . . Ich habe keine Eßlust, keinen Schlaf,
keinen Sinn für die Freundschaft, sür den Ruhm, sür das Vaterland! Tu, nur Tu — die übrige Welt ist nicht Mehr für mich vorhanden, als wäre sie vernichtet. Es liegt mir am Ruhme, weil Tir daran liegt, am Siege, weil es Tir Vergnügen macht: ghne dies hätte ich jängst alles verlassen, um mich Tir zu Füßen zu werfen. Zuweücn sag' ich mir wohl, ich beunruhige mich ohne Ursache: schon ist sie hcrgestellt, sie reist ab, sie ist schon abgereist, sie ist vielleicht schon in Lyon. Eitler Wahn! Tu liegst in Teincm Bette, leidend, doch schöner, interessanter, anbetungswürdiger als sonst: Tu bist btaß und Teine Augen sind schmach- tendcr, aber wann wirst Tu hergestellt sein? Wenn schon eines von uns beiden krank sein muß, warum kann ich es nicht sein? Ich bin stärker und mutiger, und würde die Krankheit leichter ertragen. Das Schicksal ist grausam', es trifft mich in Tir. Was mich zuweilen tröstet, ist allein der Gedanke, daß es vom Schicksal abhängt, Tich krank zu machen, aber von niemand, mich zu nötigen, Dich zu überleben.
In Teincm Briese, liebe Freundin, trage Sorge, mir zu
sagen, daß Du überzeugt bist, daß ich Tich über alle Begriffe liebe: daß all«'' nreine Augenblicke Dir geweiht sind: daß nie eine Stunde vergeht, in der ich nicht an Tich denke: daß cs mir nie in den Sinn gekommen ist, an cüie andere Frau zu denken: daß in meinen dingen alle anderen ohne Anmut, Schönheit und Geist sind: daß Du, Tu, nur Tu, so wie ich Dich sehe, so wie Tu bist, mir gefallen und alle Fähigkeiten meiner Seele cin- saugcn kannst: daß Tir all mein Sinnen geweiht ist: daß mein Herz keine Falte hat, die Tu nicht sichst, keinen Gedanken, der nicht Tir gehört: daß meine Kräfte, meine Arme, mein Geist, alles, alles Tein ist, und daß der Tag, wo Tn Tich 'ändern oder Ivo Tn gar anfhören würdest, zu leben, auch mein Sterbetag wäre. Die Natur, die Erde sind in meinen Augen nur schön, weil Tu sie bewohnst. Wenn Tu dies alles nicht glaubst, wenn Deine Seele nicht davon überzeugt und durchdrungen ist, so betrübst Tn mich tief, denn dann liebst Tu mich nicht. Es ist ein magnetischer Strom zwischen den Menschen, die sich lieben. Tu weißt wohl, daß ich Tich nie einen anderen lieben sehen könnte. Ihn sehen und vernichten, wäre das Werk eines Augenblicks, und hernach, wenn ich es wagte, die Hand an Deine geheiliate Person legen . . . Nein, ich würde es nie wagen, aber ich würde eine Welt verlassen, in der mich ihr iugendhasicstcs Geschöpf getäuscht hätte.
Ende April 1810.
Tausendmal, tausendmal zärtlichen Tank, daß Tu mich nicht vergessen hast. Mein Sohn bringt !Mir soeben Temen Brief. Mit welcher Begierde las ich ihn, und doch brauckste ich so lange dazu, denn bei jedem Worte mußte ich weinen, aber es waren süße Tränen! Ich habe mein Her, iviedcr gefunden, ganz wie es immer bleiben wird: es gibt Gesnhlc, die das Leben selbst sind, die nur mit dem Leben selbst aufhären.
Es brächte mich zur Verzweiflung, wenn mein Brief vom 19. Tir mißfallen hätte: ich erinnere mich nicht mehr ganz der Worte, aber ich weiß, daß ihn ein sehr schmerzliches Gefühl diktiert hat: cs war der Kummer, keine Nachricht von Dir zu haben.
Bei meiner Abreise habe ich Dir geschrieben, und wie oft wollte ich Tir seitdem wieder schreiben! Wer ich fühlte die Gründe Tcines Schweigens, und fürchtete, mit einem Brief ungelegen zu kommeu. Tein Brief war Balsam für mich. Sei glücklich, sei so glücklich, als Du es zu sein verdienst, das ist, was mein ganzes Herz Tir wünscht. Tu hast mir auch einen Teil Glück gegönnt, und zwar einen tief cnrvsundcnen Teil. Nichts gilt mir so viel, als ein Zeichen Tcines Gedenkens.
Lebe wohl, mein Freund! Ich danke Dir so zärtlich, als ich Dich stets, lieben werde. Zosephinc,


