m. *2>
Ter Sicszeuer Anzeiger
erscheint täglich, anher Sonntags. - Beilagen: viermal wöcbenilich «ießenerZamillenbläNer;
J wetmal wöchenll.ilteir- '(att für 6cw Kreis (Siegen (Dienstag nnd Freitag); zweimal monall, landwirtschaftlich« Seitfragen
Fernlprech - Aujchlnstc: für d<e RedakNon 112, Verlag u, Expedition öl Adresse lnr Depeschen: Anzeiger Kießen. Annahme »an Anzeigen für die Tagesnnmmec bis vormittags S Uhr.
Eisier Blatt
9
*64. Jahrgang
Mittwoch. 27. Mai m
General-Anzeiger für Oberhessen
Rotationsdruck und vertag der vrühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei R. Sange.
BeiuqSoretS: monatlich 75M.,vierrel-
jährlich 'M. 2.20; durch Abhole- il Zweigstetten monatlich 65 Pf.; durch die Post Pik. 2.— viertel« jährl. ausschl. Beslellq. Zeileupreis: lokal 15 Ps^ auswärts 20 Pieumq. Chefredakteur: A Goetz. Verantwortlich iür den polit. Teil: Aug. Gocg; für .Feuilleton", .Vermischtes" und,Gerichts- saal": Karl Neurath; iür .Stadl und Land-:
Redattion, Lrpcdition und Druckerei: Schiilstraße 7. A»z->gtt>!'-st:' H? Bc-r!
Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.
Der Sieg in 5tendal-Osterburg.
Der zweite Wahlgang in Stcndal-Osterburg hat mit dem Siege des nationallibcralcn Kandidaten Herrn Wachhorst de Wente geendet. Nach der sozialdemokratischen Stich Wahlparole für den nationalliberalen Kandidaten konnte mit diesem Ausgang gerechnet werden. Uebcrrascht hat jedoch, der große Borsprung, den Wachhorst vor seinem konscrva tiven Konkurrenten erzielt hat. Während dieser gegenüber der Lxruptwahl nur einen geringen Zuwachs von rund 300 Stimmen (12 518 gegenüber 12 221) zu verzeichnen hat, erhielt der nationalliberale Kandidat fast 1100 Stimmen mehr, als die Gesamtzahl der für ihn und den Sozialdemokralen ini ersten Wahlgang abgegebenen Stimmen betrug. So erfocht er einen Sieg mit einer Mehrheit von über 2500 Stimmen. Insgesamt find demnach etwa 1400 Re- scrvestimmen ans der Zahl der im ersten Wählgang zu Hause gebliebenen hcrangcholt worden, die zum allergrößten Teil den diationalliberalen zugute gekommen sind. Darin liegt die Bestätigung, daß die Konservativen alles, was für sie herausznholcn war, schon im ersten Wahlgang herausgebracht hatten. Dasselbe gilt wohl von den Sozialdemokraten, die, wie sich zeigte, nicht ganz ohne Grund daraus ausgegangen waren, statt des Nationalliberalen in die engere Wahl zu kommen. So ergibt sich, daß die Nationallibcralcn aus eigener Kraft ans den Lauen, deren es beim ersten Wahlgang soviele gewesen sind, noch eine ganz erhebliche Anzahl von Stimmen hcrausgeholt haben. Das ist möglich gelvescn durch eine bessere Organisation in den Städten, die an manchen Orten bei der Hauptwahl versagt hatten und damals zu jener auffälligen Stinnncncinbußc führte, die die Konservativen allzufrüh anfjubeln ließ.
> Daß der Aerger bei den unterlegenen Konservativen groß ist, ist begreiflich. Tatsache ist jedoch, daß der natio- nalliberale Kandidat der Sozialdemokratie gegenüber keine Verpflichtung eingegangen ist, daß er vielmehr von dieser aus politischen Gründen lediglich als das kleinere Nebel gewählt worden ist, «eine Auffassung, die sich allein schon daraus zur Genüge erklärt, daß die Konservativen aus ihrer Vorliebe für Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokratie gar keinen Hehl machen. Die Stich- Ivahlhilfe ist völlig bedingungslos gewährt worden. Wenn trotzdem daran herumgemäkelt und gesagt wird, Herr Wachhorst ziehe „auf sozialdemokratischen Krücken" in ^den Reichstag, so sann das nur einen Sinn haben, wenn man auf dem Standpunkt steht, daß sozialdemokratische Stich- wahlhilfc grundsätzlich zurückgcwiescn werden muß. Wer sich auf diesen Standpunkt stellen will, mag cs tun. Bis jetzt hat es aber noch keine Partei getan, auch die konservative nicht, wie ja auch der bisherige konservative Vertreter von Osterburg-Stendal, Herr Hocsch, sich im Jahre 1912 die sozialdemokratischen Krücken sehr wohl ebenfalls hat gefallen lassen.
Ueber das neue Mitglied der nationalliberalen Rcichs- tagsfraktion schreibt die „Natl. Korrespondenz":
Herr Wachhorst de Wente, der, nachdem er bei den letzten Landtagswahlen ins Preußische 'Abgeordnetenhaus gewählt worden war, nunmehr auch wieder in den Reichstag zurückkehrt, wird von der uaiionalliberaleu Fraktion als tapferer Mitstreiter herzlich begrüßt werden. Insbesondere wird der Fraktion in Hinsicht auf die bevorstehenden Verhandlungen über unsere Wirlschasts- politik die prakiische Erfahrung Wachhorsts sehr willkommen sein.
Für den Deutschen Bauernbund bedeutet der Eintritt Wachhorsts in das Reichsparlament noch einen ganz besonderen^ Erfolg. Das ist für feine konservativen Gegner vielleicht mit das Schmerzlichste an der erliii»nen Niederlage. Während die Dahn nnd Roc- sickc bei den letzten Wahlsi aus der Strecke geblieben sind, sieht der Bauernbund seine beiden Vorsitzenden neben dem Gcschäjls- sührcr im Reichstag. Daher auch der erbitterte Kamps der Konservativen gc^en die Person Wachhorsts. Jetzt wird es gelten, dem crstrirtcnen Sieg Tauer zu verleihen durch unermüdliche Ansklärung und Ausbau der Organisation. Für die Nationalliberale Partei wie sür den Bauernbund eine ernste Ausgabe, aber auch ein lohnendes Ziel!
Das österreichiscd-i aliinische Li vernehmen bei den Wirrnissen in Albanien
scheint fürs erste nicht getrübt zu sein, wie aus den Darlegungen der zuständigen Minister hervo^geht. Besonders! interessant und bedeutungsvoll ist die Kammerrede des Herrn San Guiliano, der Essad Pascha Kivar ein wenig in Schutz nahm, aber zugab, daß der gegen ihn bestehende Verdacht Maßnahmen erforderlich machte.
Wir erhielten folgende Berichte:
Eine Darstellung des italienischen Ministers des Auswärtigen.
Auf einige Anfragen bezüglich Mbanien-- sagte San Giu- l i a n o am gestrigen Dienstag in der italienischen Kamme r, die gegenwärtige Lage Albaniens fordere seitens der Regierung die austnerksamste Sorge, weit damit ernste Interessen Jiaiiens verbunden seien, welchesniemalsundinkeinem Fallezugebenkönne,daßdasGleichgewichtinder Adria zu seinem Schaden verändert werde. Die augenblicklichen Schwierigkeiten müssen mit heiterer Ruhe und tatbereiter vorsichtiger Energie ins Auge gefaßt und ihre wahre Natur nnd Tragweite ohne Uebertrcibnng und Abschwächung betrachtet werden. Ein gut Stück Weg zur Lösung der Schwierigkeiten im südlichen Albanien ist auch schon zurückgclcgt worden. Aber seit etwa 14 Tagen entstanden und verstärkten sich Gerüchte von einer Unzufriedenlstit in Mittclalbanien, wo dann ein Ausstand ausbrach, der teilweise einen sozialen und agrarisch-demokratischen Charakter, teils denjenigen einer muselmanischen Erhebung gegen die befürchtete Vorherrschaft der christlichen Minorität zeigte, zimr Teil aus die herkömmliche Abneigung der Mbanesen gegen die Zahlung von Steuern und den obligatorischen Militärdienst und gegen die Gesamtheit der Anforderungen eines modernen westcuropäisck>en Siaatswcsens herrührten, die in der Wahl eines europäischen F ü r st e n zum Ausdruck kamen, obwohl auch der Wunsch der zivilisierteren Muhamedaner in dieser Richtung gegangen war. Da die Aulständischcn Durazzo bedrohten, so waren sofortige Ver- teidigungsmaßnahmcn erforderlich, dre jedoch durch lebhafte Mer- nungsverschiedcnheitcn zwischen den holländischen Gcndarmerie- ossizieren und dem Kriegsminister Essad Pascha beeinträchtigt wurden. Bisher ist kein Beweis für den Verdacht der Hintergedanken erbracht worden, die man von verschiedenen Seiten dem Kriegsmini st er beimaß. Aber die Tatsache, daß der Fürst und die holländischen Osjiziere diesen Verdacht hegten, machten die Verteidigung Duraz- zos gebest eine Gefahr sür die Hauptstadt, den Fürsten und die albanstche Regierung, eine Gefahr, welche die einen sür sehr groß und unmittelbar' bevorstehend, die anderen für weniger schwer hielten, schwieriger und weniger wirksam.
Daraus gab der Minister eine genaue Darstellung der Vorgänge, deren Hauptpunkte folgende sind: Am 17. Mai erreichten die Meinungsverschiedenheiten zwischen Essad Pascha und dem holländischen Major Schleuß ihren Höhepunkt, um 18. dauerten sic fori. Ein Abschiedsgesuch Essads wurde abgclehnt. Schleuß aber blieb Stadtkommandant. Ta die Nachrichten aus dem Innern immer bedenklicher lauteten, wurde das italienische Geschwader auf Wunsch des Fürsten aus Valona
znrnckgeruscn und traf in Durazzo ein. Tic holländischen Osjiziere trafen Vorbereitungen zur Verteidigung der Stadt. In der Nacht zum 19. Punkt 2'/- Uhr wurden zwei schwere Geschütze, die kürzlich aus Oesterreich Ungarn mit unserer Zustimmung gc- liefcrt worden waren, während wir Gewehre lieferten, in der Umgebung der Stadt unter dem Befehl des Majors Schleuß in der der Nähe des fürstlichen Palastes, in eine Stellung nicht weit vom königlichen Schloß, gebracht. Dieses war die F o l g c c i n c s V c r- d a ch t c s gegen Essad Pascha, der in seinem Hause und in der Nachbarschaft seines Hauses, 100 Bewajsncle verborgen hielt, von denen Malor Schleuß eine Gefährdung des fürstlichen Palastes und der Stadt befürchtete, während die Aufständischen von außen hcrannahicn. Um 37: Ubr erhielten Gruppen von bewasjnctcn Nationalisten den 'Befehl, sich näher an Essads Haus zusammenzu- ziehen. Major schleuß mackste sich selbst aus den Weg dorthin, nachdem er den Beiehl gegeben hatte, bei den ersten Gewehrschüssen das Feuer zu eröjsncn. In der Nähe von Essads Haus angekomme» besah! er den dort ausgestellten Leuten, die Waffen nicderznlcgen. Ein Fr u erg es echt war die Folge, bei welchem ein Mann getötet und zwei Mann verwundet wurden Don den daraus abgegebenen 7 Kanonenschüssen trafen zwei da- Ddch von Essads Haus. Dieser erftärtc daraus, sich den Italienern ergeben zu wollen. Der italienische Gcschästsirägcr begab sich sodann zu Essad, der i*>t ersuchte, ihn unter einer Eskorte be- wasjneter Matrosen an Bord bringen zu lassen. Dieses geschah zu allseitiger Befriedigung, Nach weiteren Besprechungen äußerte Essad den Wunsch, nach Italien gebracht zu werden. Am 19. Mai fanden vor dem fürstlichen Palast Sympathiekundgebungen von etwa 40 sogenannten Nationalisten, die Essad Pascha feindlich gesinnt waren, statt. Die Nationalisten durchstreiften weiter die Stadt bcwassnet und mit sicgcsfrohcn Mienen in der irrtümlichen Meinung, daß Essad Pascha den italienischen Einfluß repräsentiere. Sie tadelten die Vertreter Italiens und gaben ihrer Freude über Essads Sturz Ausdruck. Ihre Freude war aber nur von kurzer Dauer, denn zipci Tage später war die Lage gründlich zu ihrem Nachteile verschoben. Heute sind viele unter Essads Feinden in Albanien entmuligt und besonders Muselmanen zu seinen Gunsten gestimmt. Aber in Albanien ist all das herkömmlich. vorübergehend und wandelbar. Die in der vorhcrgcgangc- nen Nacht aus die vereinbarten Zeichen hin gelandeten Matrosen blieben an Land, um den Palast und die Gcsaiidtschast zu schützen. Die Nacht verlies ruhig. Am 20. wurde Essad Pascha, nachdem er eine Erklärung, nicht ohne die Zustimmung der Fürsten nach Albanien zurückkehren zu wollen, unterzeichnet hatte, in Begleitung! des italienischen Dragomans auf den italienischen Dampscr „Bcng- hasi" gebracht, der sofort nach Brindisi abging. Am selben Tage ersuchte der Fürst die Minister, im Amte zu bleiben. Am 21. Mai fanden vor dem Palastc Loyalitätsbczeugungen statt von etwa 100 Mann aus Erosa und von etwa 120 katholischen Malissoren, welche der Für st aus eigenem Antrieb aus Skutari hatte kommen lassen, und welche sich ihm zum Schatze des Palastes zur Verfügung stellten. Außerdem langten aus Skutari der holländische Offizier Kroon mit etwa 50 Gendarmen, General de Wccr und der holländische Offizier Thompson aus Valona an. Am 22. gaben die Minister ihre Demission iniolge von Maßregeln des Stadtkommandanten Major Schleuß, welche sie sür unerträglich mit ihrer Stellung hielten. Der Fürst aber drang in sic,
im Amte zu bleiben. Da Gerüchte laut geworden waren,
daß die Anwesenheit der katholischen Malissoren lebhafte
Aufregung bei den Aufständischen hervorgeruscn habe, drang der italienische Gesandte darauf, man möchte keinen Anlaß zur Entfesselung des Religionshasses geben, der die Lage nur noch mehr verwickeln würde, daß man demnach die Malissoren sobald als möglicki entjcrnc. Am Abend marschierten die holländischen Offiziere mit einer Abteilung Gendarmen und Malistoren, zwei Maschinengewehren nach Kawauja, wo auch ein Ausstand ausgcbrochen war. Am 23. Mai erfuhr man, daß die Expedition in Kawauja mit den Aufständischen zusaminengestoßcn sei, gegen welche die Malissoren nicht kämpfen wollten, da sie, wie sie sagten, nur zum Schutze des Fürsten gekommen waren. Die Malissoren kehrten in kleinen Gruppen nach der Stadt zurück. Tic Gendarmen und Freiwilligen wurden in kleinen Kämp-
Die varmslädter Kunstausstellungen.
D arm stad t, 26. Mai.
Tic beiden zurzeit in Darmstadt etablierten Kunstausstellungen bieten Kontraste dar, wie sie gleichzeitig selbst in den größten Kunstzentren nicht so bald wieder beieinander angeirosten werden dürften. Aus der in voller Frülilingspracht dastelzenden Mathilden- höhe hat die Tarmstädier Künstlerkolonic-AuSstellung ihre Pforten geöffnet, in welcher die schasfenstreudige Künstlcrschar besonders aul dem Gebiete der Wohnungskultur neue große Probleme zu lösen bestrebt ist und die freie und angewandte Kunst in modernster jugendirischer Form zu wirkungsvoller Tarjiellunq kommt, und in dem alten düstern Rcsidenzschloß I)at die Jahrhundert Ausstellung ihren Platz gesunden, die uns die trübste und charakterschwächlle Zeit Teutjckilands, die.Kunst vom 30jährigen Krieg bis zur Acra Napoleons I. vor Augen führen soll. Und dazu gesellt pch bald nach Pfingsten noch eine dritte Kunstausstellung, die der Freien Vereinigung Tarm.städter Künstler in den Räumen dos Kunst- Vereins am Rheintor, die nach der im Jahre 19tt gegebenen Probe ihres Könnens an Interesse für den Kunstfreund sicher nicht zurückstehen wird. Bon den bewert enswertestcn Darbietungen der Ausstellung auf der Malhildenhöhe haben wir unseren Lesern bereits gelegentlich ihrer Eröffnung nähere Mitteilung gemacht nnd auf besonders in Betracht kommende Momente wird später noch cin- zngchen sein.
Die Jahrhundcrtausstcllung zeichnet sich vor allem anderen darin ans, daß neben zahlreichen Museen, Sammlungen und Privatleuten auch ein großer. Kreis von Fürsten mit Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Joseph an der Spitze als Slusstcller aus- trcten und daß die Ausstellung direkt vom Großherzog Ernlt «udwig veranstaltet worden ist. Als Patrone der Ausstellung fungieren Kronprinz Ruvvrccht von Bauern, Prinz August Wilhelm von Preußen und Prinz Johann Georg, Herzog zu wachsen und die Liste der Aussteller verzeichnet außer den beiden Kaisern die Könige von Bayern, Württemberg und Sachsen, die Groß- herzöge von Hessen, Baden, Sachsen-Wcimor-Eiscnach, Oldenburg, die beiden Mecklenburg, den Herzog von Cumvaland u. v. a. Bo» den vielen Sammlungen und Gemäldegalerien seien nur die köuiql Gemäldegalerie uni, das grüne Gewölbe zu Dresden, die bayerischen Staatsqalericn, das Germanische Museum in Nürn- bcra die küuigl. Gemäldegalerie und die Altertümcrsammlung zu 'Stuttgart, die städtischen Sammlungen in Dresden. Leipzig, Köln Hamburg ». s. f. genannt. Die Ausstellung versolgt, Wiedas Vorwort zu dem höchst voluminösen, und dabei wenig über- übersichilichen Katalog besagt, deii Zweck, einen möglichst ausgedehnten Ucbcrblick über czne bisher wenig bekannic Epoche der
deutschen Kunst zu geben. Nachdem im Laufe der Jahre, die der deutschen Jahrhundertausstcllung von 1906 in Berlin folgten, Ausstellungen von Meister,verken der englischen und französischen Künst außerordentliche Ersolge davongetragen haben, erschien es als Ehrenpflicht, auch der gleichzeitigen deutschen Kunst die Geltung zu verschasten, die ihr, ohne sie überschätzen zu wollen, gebührt. Tic Ausstellung soll die Linie der Entwickelung vor allem der deutschen Malerei vom 30jäl>rigcn Krieg bis znm Ende des 18. Jahrhunderts zeigen und cs ist das Bestreben der Ausstellungsleitung gelingen, den Nachweis zu führen, daß neben der bisher fast ausschließlich geschätzten deutschen Bmikunst des 17. und 18. Jahrhunderts auch eine selbständige deutsche Malerei bestanden hat.
Ob diese letztere Absicht wirklich erreicht worden ist, muß dem Besucher- der Ausstellung allerdings etwas zweifelhaft erscheinen. Es wurde in der Eröstnungsrede des Ausstellungsleiters, Prof. Biermann, selber zugegeben, daß das Werk lückenhaft sei. Und das kann auch gar nicht anders sein, da man trotz des entwickelten staunenswerten Sammeleifers doch nicht alles aus den Schlössern, den Kirchen und Museen nach Tarmstadt bringen konnte, was zur Charakteristik jener Kuustcpoche erforderlich war. Zur Gewinnung eines vollständigen jUeberblicks über den Barockstil und das Rokoko wäre neben der Barockmalcrei, die übrigens ganz hervorragend vertreten ist, doch auch die Barock-Architektur und die Plastik erforderlich gewesen, die man natürlich nicht nach Tarmstadt zaubern konnte. Aber auch das, Ivas die Ausstellung mit ihren rund 2000 zur Schau gestellten Objekten bietet, reicht vollkommen aus, um ein besseres, gründlicheres Urteil über die deutschen Kunstbcstrcbungcn jener Zeit zu gewinnen. Ten größten Raum nimmt natürlich die über 900 Nummern zählende Gemälde- abieilung ein (die eine schärfere Sichtung der Spreu von dem Weizen sehr wohl vertragen hätte) und darin ist besonders stark bcrvortretend das Porträt, das uns in zahllosen fürstlichen und bürgerlichen Konterfeien zu Hunderten l>cgegnet: Die Porträtistcn Anton Grass, Ziesenis, ikupetzki, Tischbein, Iah, Georg Edlinger u, a. zeichnen sich hier besonders aus.
Die Porträtgalerie will rms überhaupt als der.enft'chicdcn fesselndste und hervorragendste Teil der Ausstellung erscheinen, da wir hier in ganz ungeahnter Weise mit fast allen bedeutenderen Repräsentanten des 18, Jahrhunderts bekannt gemacht werden: Bach, Bürger, Gleim, Goethe, Gottsched, Händel, Hagedorn, Herder, Jffland, Kant, Klopstock, Lessing, Schiller, Schlegel, Wieland, Winkelmann. Mit großem Interesse wird man namentlich auch die Maler aus der ersten Hälfte der Barockzeit verfolgen, von denen uns hier viele zum erstenmal vor Augen geführt werden. Weiter dürfen neben den vvrtresstichen Fürstenbildern von I. G. Ziesenis. und F. A. Tischbein mich Ramm, wie Friedrich Heinrich
Fuger, Matthias Scheiko, Ch. W. E. Dietrich, Joh, Konr, Scc- katz u, a. nicht unerwähnt bleiben. Sehr stimmungsvoll ist das kleine Silbouettenkabinett aus dem letzten Drittel des dargcstcllten Zeitabschnittes, über das uns eine kurze Abhandlung im Katalog nähere Erläuterungen gcht. Die Plastik ist verhältnismäßig reichhaltig mit 162 Spicken vertreten, unter denen neben dem vielgewandten Meister des barocken Kirchenstils auch Schadow, Schlüter, Bardou, Klauer und Kern zu finden sind. Auch die Abteilungen : Gold, Silber. Elfenbein und Miniaturen enthalten manch seltenes und bedeutendes Stück. Ganz reizend mnlei den Beschauer schließlich noch die im zweiten Stock des Residenzschlosscs zusammen- gestcllte Gemäldegalerie des Köniqslcutnants Grasen de Thorane an, eine Art Gartensaal, in welchem der französische Gast des Herrn „Rai Goethe" in Frankfurt durch Bilder von Nothnagel, Sckrütz, Seekatz u. a. seine Äunstschwärmcrei z» beweisen suchte. Man sicht wohl schon aus dieser knappen Aufzählung, daß die Ausstellung nicht nur für den Kunsthistoriker, sondern auch sür jeden gebildeten Laien eine Fülle des Interessanten und B«ach- tenswerten enthält. st, h.
— Ein neues Werk Max Klinqers ist auf dev
Leipziger Buchgewerbcausstellung ausgestellt worden. Es ist eine mächtige Büste Friedrich.Nietzsches aus weißem Marmor, die ,ms den Tichterphilvsophen in den letzten Jahren vor seiner Erstankung aus der Höst: seines Schasfcns zeigt. Die hervor- tretende Stirn des Gesichtes, die finsteren Augenbrauen und der durchbohrende Blick geben der Plastik einen säst unstimlichcn dämonischen Estraktcr, Jedcnsalls ist es eins der eigenartigsten und reiisten Werke des Meisters, Es steh: in der Bcrlagsabteilung von Alfred Kröner, des Verlegers der Werke Nietzsches,
— Ein unbekanntesGemälde Dürers, T,e Nachricht von der Entdeckung eines bisstr unbekannten Werkes von Albrecht Dürer wird in Kunstkreisen zu lebhasten Erörterungen sühren, Professor Franz Naager, der bekannte Mitarbcit-r Ludwig bosmanns, hat in der alten Schack-Galerie in Müncben, die er vom Kaiser seinerzeit erworben hat, gestern die Vorbcsich- tigung seiner kostbaren Sammlungen erölfnct, Das größte Interesse erregt ein Gemälde, das das bekannte Motiv „Christus in der Vorhöllc" darstellt und das Prosesior illaager mit Be- stimmtstit sür einen echten Dürer aus seiner italienischen Zeit erklärt, Es ist augenscheinlich an Mategna angclehnt, stammt aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts und zeigt in der einen Ecke ein Selbstbildnis Dürers. Das BeweiSmatcrial, das Professor Naager vorlegt, ist jedenfalls sehr beachtenswert.


