Ausgabe 
19.5.1914
 
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Nr. M Zweites Vian M. Jahrgang

Erscheint täglich mit AuLnahine des Sonntags.

DieEichenerFamillendlätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Krc.sblalt für den Kreis Eiehen" zweimal wöchentlich. Tiekandwirtschaftlichen Seil­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

©elfter Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen ,

Dienstag. i9. Mai

Rotalionsdnick lind Verlag der Br üblichen Universitäts»Buch- »nd Sieindruckerei. R. Lange, Gießen.

Rcdaklion, Expedition und Druckerei: Schul­strabe 7. Expedition und Verlag: es 51. 9!ebattion:e=® 112. Tcl.-Adru AnzeigerGiehen.

Kirdjc und Schule.

Der «Bange I. H a !I v t v c r c i ,1 für deutsche ?ln- sredl er und Auswanderer in Witzcnbauscn an der Werra tagte in diesem Jahre in Witzenhauicn, Der Verein will, so schreibt man uns, unter der Losung:Mehr Wachsamkeit in der Auswanderernirsorgc" durch seine anfllärenden Veröffent­lichungen und Auskünfte dazu beitragen, dass tausende Bon deut­schen Stammesbrüdern in fremden Ländern Bor dem Untergang bewahrt blechen. Er will deutsche Auswanderer Bor der Habsucht und Geldgier gewissenloser Menschen retten, deutsche Glaubens­brüder Bon einer planmäßigen Zerstreuung durch fremde, anders ­gläubige Mächte retten und darum die deutsche Auswanderung, die zu einer natürlichen Lebensäußcrung unseres Volkes geworden ist, in deutsch-evangelischem Geist »ich Sinn beeinflussen und leiten zum Nutzen der Auswanderer wie »r Heimat, Dieses Ziel kann der Verein aber nur in stetiger Fühlung mit der Kirche und Schule erreichen ; er wendet sich darum an Pfarrer und Lehrer mit der dringenden Bitte, die Verösfcnilichungen und beratende Mit­wirkung des Vereins bei Auswanderungen in reichstem Mast in Anspruch zu nehmen. Auf diese Art könnte jeder Volkserzichcr sich über die wichtigsten schwebenden Auswandcrungsfragcn unter­richten und so gcwissermasten im kleinen eine gute Auskunftsstcllc für Auswanderer werden. Wie wichtig und dringend notloendig eine derartige Aufklärung ist, so lange die Ausivandercr sich noch in brr Heimat befinden, erhellt an> deutlichsten daraus, das; jährlich 4050 000 Auswanderungen stattsinden, eine Zahl, um die sich kümmern es sich wahrlich lohnt. Es must heute als erwiesen gelten, daß infolge der geheimen Tätigkeit ausländischer Werber eine sehr Niel größere Zahl Deutscher jährlich auswandert, als durch Reichsstatistik Bcrmerkt wird. Durch fremde Schiff­fahrtslinien werdet! Biele deutsche Bauernfamilien in Gegenden verschleppt, wo wirtfthastliches Fortkommen und die Bildung deutsch-evangelischer Schul- und Kirchcngcmeindcn unmöglich ist. Hier wird nur die größte Wachsamkeit in Auswanderungsfragen seitens der Kirche und Schule Abhilfe schassen können. Zu un­entgeltlicher Auskunff in allen Auswanderungsfragcn ist der Verein «Geschäftsführer ist Pfarrer Grisebachi gern bereit.

Aus Qcücn.

Der vierte Parteitag der Fortschritt­lichen Volkspartei für das Großhcrzogtum Hessen findet am SO, und 21, Juni in Darmstadt statt. Das Pro­gramm weist gesellige Veranstaltungen, Sitzungen des enge­ren Ausschusses und eine Landesparteiversammlung auf. Die Tagesordnung der letzteren, die morgens um 9'/ s Uhr be­ginnt, enthält neben geschäftlichen Berichten und Wahlen den Bericht des Abg, Urstadt über die Tätigkeit der Landtagsfraktion und des Abg, Henrich über die kom­menden Landtagsivahlcu. Den Kassenbericht wird Sani- tätsrat Dr, Kolb erstatten,

Reichstagsabgeordneter Keinath, der am Sonntag abend in einer von der Darmstädtcr Rational- liberalen Partei Unberufenen, auch von zahlreichen Partei- sreunden des Landes besuchten öffentlichen Versammlung über die Stellung der nationalliberalen Rcichstagsfraktion zu den politischen Tagesfragcn sprach und für seine Aus­führungen außerordentlich starten Beifall erntete, wird, wie uns geschrieben wird, einer schon früher gegebenen Zusage Folge gebend, in einer Anzahl hessischer, im Wir- kungsbezirk der Freien Vereinigung hessischer Rational- liberaler liegender Orte dasselbe Thema behandeln, Tie Sersammlungen finden voraussichtlich in nächster Zeit statt.

Der veleiüigungsprozeh Grünewald-winkler.

G i e st e n, den 18, Mai 1914, Um 10>/2 Uhr wurde die Verhandlung wieder ausgenommen. Die Beweisaufnahme hatte am Samstag ihr Ende gefunden und die Parteien ergriffen das Wort zu den Plädoyers, Justizrat Gr, begann damit, dast er ausfüffktc, feig fei derjenige, der um persönlicher Nachteile willen eine sittlickfe Pflicht verletze: des­halb könne man dem Tuellgegncr nicht den Vorwurf der Feigheit machen: es habe aber auch niemand das Recht, die Anhänger des beschränkten Ducllzwanges feige zu Heiken: wenn Männer in seinem Alter und seiner Stellung sich dazu entschlössen, eine

Deutsche Werkbund-Aurstellung Köln

Erste Eindrücke,

Von Franz Brückner,

Köln, 14, Mai, Die lebensfrohe, schaffensfreudige Metropole am Rhein hat dem Deutschen Wcrkbunde ihre Tore geöffnet. Am Ufer des deut­schesten Stromes, angesichts des einzigartigen, von den Türmen des Domes und der anderen mittelalterlichen Kirchen überragten und in symplwnischcm RbBthmus gesteigerten Stadtbildes er­streckt sich das unvergleichliche Ausstellungsgelände, in weicher Schwingung sich dem Stromlauf anpasfcnd und belebt von herr­lichem alten Baunrbestand, der den anziehenden Rahmen für die Ausstellungsbauten bildet. Aus dieser künstlerischen Schau zeigt der Deutsche Wcrkbund zum erstenmal vor breitester Oesfenllichkcit, was er in den sieben Jahren seines Bestehens in stiller, emsiger Arbeit zuwege gebracht hat: über Theorien und Worte hinaus soll diese Schau ein Ausdruck der neuen künstlerischen Tat sein. Der innerlich gefestete, abgeklärte Gedanke des Werkbundes will nun mehr auch mit dcni Selbstbewußtsein und der werbenden Kraft eines gereisten Könnens vor das unbefangene Urteil des A"tclandos treten. Und kaum eine Stadt, fern von den großen deutsch, Kunst­zentren, ist eher dazu berufen, diese künstlerische Sehe ' in ihren Mauern aufzunchmen, Ws Mittelpunkt des großen rhemisch-wcst sälischen Industrie- und Wirtschaftsgebietes der Brennpunkt des neuen deutschen werktätigen Geistes, ist Köln recht der geeignete Play für diese Ausstellung modern-deutscher Werkkunst, Köln steht auf altem Kulturboden, wunderbare Reste einer tausendjährigen Kultur haben sich in unsere Zeit hinübergerettet, und das neue Köln steht gerade heute in der Epoche eines machtvollen Aufstiegs, der aufs innigste bestrebt ist, die vcrlorcngegangcnen Fäden einer großen Kulturtraditton im Geiste unserer Zeit wieder anzuknüpfen. Und zugleich ist Köln die Brücke zwischen Ost und West, die berufene Vermittlerin zwischen germanischer und romanisck)cr Kultur, An der Grenzsäzeide der Wcstmark ist diese Ausstellung erstanden, als I ein Ausdruck her neuen deutschen Formt, die die Herrschaft des I deutschen Gedankens in die Welt wcitertragen und befestigen wird, sicherer als Politik und Heeresrüstungcn,

Qualität und Form: mit diesen Worten umschreiben sich die Grundgedanken des Deutschen Wcrkbundes, Tie Qualitäts­arbeit fördern, den Willen zur Arbeit, zur besten Arbeit wecken: das ist das große Ziel, Tenn das deutsche Volk besitzt heute jene nationale Kraft, in allen Dingen, die es gestaltet, seine Wesens- eigene Art auszudrücken, Ter bewegende Gedanke ist die Durch­dringung des ganzen künstlerischen Lebens mit einer architektoni- fschcn Gesamtidec,

Wieweft der Gedanke der Zusammenarbeit zwischen Kunst, Handel, Gewerbe und Industrie beute schon durcdacdrungen ist.

Forderung anzunebmcn, so müßte es sich um schwerwiegendere Tinge als um Verbalinjurien, wie im vorliegenden Falles han- dcln, etwa um einen Angriff auf die Familieuchrc: obwohl er grundsätzlich diesen Standpunkt teile, sei er um feiner Freunde willen in diesem Falle bereit gencesen, die Forderung anzu- nehmen. Er ging alsdann ausführlich auf die geschichtliche Ent­wicklung des vorliegenden Falles ein. Er verlangte, ohne einen bestimmten Antrag zu stellen, höhere BFtrasung des Privatklägers, indem er daraul Hinweis, daß einer Beleidigung seiner Person andere Bedeutung bciznmcfscn sei, als der Beleidigung irgend eines anderen, nicht im öffentlichen Leben stehenden Privat­mannes: ihm hätten Stadt und Land die höchste» Ehren, die sie zu verleihen hätten, zucrkannt und seine Kollegen hätten ilm in den Vorstand der Anwaltskammer berufen: zudem habe er, gegen den schon ftühcr des öfteren zu Unrecht ähnliche Beschuldigungen erhoben worden seien, den Vorwurf der Feigheit »nd der Sa- tisiattionsuniähigkcit besonders schwm cmpftcnoen. Für sich als Widcrbeklagtcn nahm er den Schutz des 8 193 in Anspruch, wollte aber diesen Schutz Tr, W, nicht zugcbiiligt wissen, Rechtsanwalt Schneider ergänzte alsdann in einigen Pundcn die Ausführungen des Privatklägers,

Nachdem um 2 Uhr eine lystündige Pause gemacht worden war, crgiit Tr, W, das Wort: er machte den Eindruck, als sei er körperlich nicht wohl und erklärte mich, daß er ein ärztliches Zeugnis in der Tasche habe, das ihm bescheinige, daß cx nicht vcrhandlungssähig fei; trotzdem wolle er versuchen, zu verhan­deln, einmal um eine nochmalige Ausrollung des grasten Prozcß- stoifcs zu vermeiden und sodann, um seinen politischen Gegnern keinen Stoff zu ausfallenden Bemerkungen zu geben. Während seines Vortrages verlor er mehrmals den Faden; trotzdem war es eine rednerische Leistung, die er vollbrachte, namentlich, als er aussührte, er habe in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt. Er betonte, daß er niemand um deswillen die Ehre abivrcchc, weil er das Duell verwerfe, und behauptete, dies a»ch dem Priöatkläger nicht vvrgeworsen zu haben: wenn er von Feigheit gesprochen habe, so habe er damit nicht lediglich die Vorgänge hei den Verhandlungen mit den Kartellträgern im Auge gehabt. Er habe ausdrücken wollen, dast Privatkläger nach densingulären Anschauungen eines kleinen Gesellschaftskreises" das Recht verloren habe, mit der Masse seine Ehre zu verteidigen. Das Hauptgewicht seiner Ausftihrungen legte er aus die Er­örterung der Frage, ob er in Walwung berechtigter Interessen gehandelt habe. Er fand temperamentvolle Wo«c, wie schwer ihn der Vorwurf, er sei ein Ki-arettkünstlcr, er sei nicht ernst zu nehmen Vorwürfe, die die Frankfurter Zeitung schon früher ihm gemacht getroffen habe.

Nach langer Beratung wurde gegen 11 Uhr das Urteil

verkündet: es lautete:

I, Die Berufung des Angeklagten und Widerklägcrs wird zurückgcwiesen,

II, Aus die Berufung des Privatklägers und Widerbeklagten werden unter Zurückweisung dieser Berufung hinsichtlich Pos, II des angesochtencn Urtests die Entscheidungen dieses Urteils unter I, IV nnd V aufgehoben und wird statt dessen erkannt:

1, Der Angeklagte, Rechtsanwalt Dr, Philivv Winkler in Oppenheim, 38 Jahre alt, katholisch, wird weaen Beleidigung im Sinne dzr §8 186, 200 StGB in zwei Fällen zu Geldstrafen von 3 00 und bOOMark hilssweise dreißig bzw, fünfzig Tagen Gefängnis verurteilt: dem Privatkläger wird das Recht zuer­kannt, den entscheidenden Teil des Urteils innerhalb 14 Tagen nach Zustellung einer Aussertigung des Urteils je einmal imGießener Anzeiger",Tarmstädler Tageblatt",Darmstädter Täglichen An­zeiger",Mainzer Tageblatt" und in derLandskrvnc" in Oppen­heim auf Kosten des Angeklagten öffentlich bekannt zu machen,

2, Der Privalkläger und Wiedcrbeklagter wird voü der Beschul­digung i, S, des § 186 StGB, in einem Falle sreigesvrochen, im übrigen wird das Verfahren über die Widerklage eingestellt.

3, Die Kosten des Verfahrens in beiden Instanzen, einschließ­lich der dem Privatkläger erwachsenen notwendigen Auslagen fallen dem AngcUagten zur Last mit Ausnahme der gegen die Mitange­klagten Redakteure (Pos, III des angesochtenen Urteils) erwachsenen Kosten, welche der Privatklägcr zu tragen hat.

Der wesentliche Inhalt der

Begründung wurde etwa, wie folgt, mündlich mitgeteilt:

Gegenstand der Privatklagc sind die Veröffentlichungen, die der Angeklagte in Nr, 5 derLandskrone", Nr, 10 desMainzer Tage­blattes", Nr, 10 desDarmstädtcr Tageblattes" nnd Nr, 11 des Darmstädter Täglichen Anzeigers" im Januar 1913 mitgeteilt hat.

wie weit wir heute auf dein Wege einer durchaus modernen Auf­fassung der Architektur und des Städtebaus gelangt sind, das will diese Ausstellung zeigen. Und gerade in letzterem Betracht darf man heute schon ein sachliches Urteil fällen, bei cincjm knappen Ueberblick über den architektonischen Rahmen, in den diese moderne Kunstschau gefaßt ist. Alle A u s st e l l II n g s g c b ä u d c stehen vollendet da, wenn auch die innere Ausgestaltung und Einrichtung noch einige Frist wird beanspruchen müssen. Schon im architektonischen Gesamtbild verkörpern sich in lebendigem Aus­wirken die schaffenden Kräfte unserer Zeit, würdig und mit innerer Selbständigkeit, Klar, in strenger Konscgucnz und in harmonischem Ausbau präsentiert sich der Grunüplan dieser Ausstellung: der Entwurf rührt von dem Beigeordneten Bürgermeister der Stadt Köln, Landesbanrat a, D, Karl Re hör st her, dem geistigen Urheber und Organisator des Ausstellungsgedankcns, jenem Manne, dom die moderne Regeneration der alten Stadt in groß­zügig-architektonischer und städtebaulicher Beziehung am ehesten zu danken ist, und der mit einer hinreißenden Begeisterung, mft nie ermüdender Schasscnskrait und einer opferniutigen Liebe zur Sache den großen Gedanken in die Tat uinzusctzen wußte,

Deutschlands beste Architekten sind aus den Plan getreten, sie alle ordnen sich sachlich dem großen Gesamtplan unter; eigen- starke baulünstlcrischc Schöpfungen sind erstanden, die doch nie den Eindruck einer aufdringlichen Prätention und eines selbst­herrlichen Ucbcrschwangs erwecken möchten. Gleich hinter dem wuchtigen Portalgebäudc von Karl Moritz -Köln teilt sich die große Ausstcllungsachse: zur Rechten sühnt eine breite Mlee, flankiert von der langgestreckten Verkehrshalle, die H u g o Eber­hard- Ossenbach schuf, und den Scftcntrakten der reizvollen F a r b e n s ch a u", hinauf aus das alte Festtrngsort, das tnft seinen« prächtigen Äaumwuchs unberührt blieb und nun als Krö­nung dasTeehaus" trägt, eine Schöpfung von Wilhelm Kreis, in seiner Zierlichkeit und freudigen Anmüt etwa an den Baugedanken des späten Rokoko erinnernd. Zur Linken nimmt den Blick die ausgedehnte Ladenstraße gefangen, von Oswin H em v e l-Dresden erbaut, die mit ihren 48 Läden dem un­mittelbaren Handverkauf und zugleich der Veranschaulichung modern-ästhetischer Delorationstünst dienen wird. Am Rheinuscr erhebt sich dasKölner Haus", das Ludwig Psasscn- d o r s - Köln erbaute, ein zmn wenigsten eigenartiger Bau, der mit einer Sonderansstcllung von dein heutigen Stande der Kölner Handwerkskunst Zeugnis geben soll, Tie vorgelagerte Platzanlage wird in ihrem Charakter bestimmt durch den anziehenden Bau der Farbenschau" von Hermann Mnthesius, Ein Weg zum Teehaus kreuzt die Ladenstraße: m«t offenen Terrassen zum Rhein liegt do« das Hauptcase, errichtet nach Entwürsen von Adelbert Ric- mehcr, inr Rechten baute Mnthesius seinen Pavillon für die Hamburo-Kmerika-Linie, Die Ladenstraße mündet auf den Haupt-

Diese Veröffentlichungen sind fast gleichlautend und werden vom Oiericht als gleichlautend angesehen. Hierin wird dem Priöatkläger der Vorwurf der Feigheit gemacht. Die Strafkammer lrisst folgende Feststellungen: Ter Angeklagte hatte zwar das Recht, sich gegen Angriffe, die IN der Presse gegen ihn erhoben werden, zu wehren, allein er niar, weil die Vorgänge in der Kammer selbst unter dem Schutze der Immunität stellen, nnd weil außerhalb der Kammer vom Privatkläger keine Beleidigungen erfolgt sind, nicht be­rechtigt, gegen die Person des Privalllägcrs, um die Angriffe der Presse von sich abzuwehren, in beleidigender Weise vorzugehen. Daß er dies Recht nicht hatte, war dem Angeklagten, der Jurist und Abgeordneter ist, zur Genüge bekannt. Damit entfällt die Anwendbarkeit des 8 193 StGB, Es war daher nur noch zu Brüten, ob die Veröffentlichung selbst den Tatbestand der 88 186, 200 StGB, erfüllt, Tic Frage ist zu bejahen. Der Angeklagte bat auch selbst zugegeben, daß der Vorwurf der Feigheit eine Be­leidigung sei.

Nach dem Ergebnis der Verhandlung hat die Strafkammer an­genommen ebenso wie die 1, Instanz, daß der Angeklagte persönlich an die Wahrheit der von ihm behaupteten Tatsachen geglaubt hat: das Gericht hat aber ferner scstzustcllcn, daß diese Tatsachen objektiv unwahr sind. Es ist nicht nur nicht erwiesen, daß der Privatkläger feige gehandelt hat, sondern das Gericht hält cs für seine Pflicht, positiv sestzustellen, daß der Privat-i klüger in der Tat bcicit war, die Genugtuung mit der Wassc zu gewähren.

In dem Artikel der Nr, 12 derLandskrone" vom 28, Jan, 1913 wird dem Privatlläger der Vorwurf der S a t i s f a k I i o n s - unfähig kefft gemacht und zwar der Satissaktivnsunfähigkeit, losgelöst von der Auffassung irgend welcher Kreise der Gesell­schaft, Ter Brief vom 22, Jan, 1913, den Rechtsanwalt Hill im Auftrag des Angeklagten an den Privatklägcr geschrieben hat, enthält denselben Vorwurf. Ter Angeklagte hat auch weit zurück­liegende Vorkommnisse herangezogcn, um den Borwurs der Satis- saktionsunsähigkeit zu begründen. Dieser Vorwurf enthält eine Beleidigung i, S, des 8 186 StGB,, denn durch diesen Vorwurf wenn nicht damit die Bemerkung verbunden ist, daß diese Sattssaltionsiinsähigkeit beschränkt wird auf die Auffassungen be­stimmter Kreise, wird ausgesprochen, daß der Gegner nicht würdig sei, mit dem betreffenden als Gegner im Duell zu scchten. Von der Wahrnehmung berechtigter Interessen kann aber hier ans den oben angeführten Gründen ebenfalls keine Rede sein. Zu berücksichtigen ist, daß zwar diese Auslassung in derLands­krone" Nr, 12 vom 28, Jan, 1913 sich an eine Veröffentlichung in Nr, 10 derLandskrvnc" anschlicßt, die die Bemerkung ent­hält,er hat ein bißchen schnell von der Stellung der Forderung Abstand genommen". Allein diese Auslassung gab dem Ange­klagten unter keinen Umständen einen Grund, neue Angriffe zu machen; er mußte sich sag^l, daß gerade diese Porwürse von dem Privatklägcr sehr schwer empfunden würden. Der Brief an Rechtsanwalt Hill ist an sich beleidigend: es ist aber hier mit Recht dem Angeklagten der Schutz des 8 193 zugebilligt worden: es war daher mit Recht hier auf Freisprechung erkannt worden.

Zur Widerklage ist folgendes zu bemerken, Gegenstand dieser sind sämtliche Punkte, welche in dem Sitzungsprotokoll angegeben sind. Diejenigen Punkte, die zuM Gegenstand die Beleidigung durch die Presse haben, konnten nicht mehr Grund zu einem verurteilen­den Erkenntnis abgebcn, weil Verjährung nach 8 22 des Preß- gesctzes eingctreten war. Bezüglich dieser Punkte hätte der Border- richter aus Freisprechung erkennen müssen. Der Angeklagte hat hervorgehoben, daß- er nicht speziell die Veröffentlichung in den Zeitungen zum Gegenstand der Widerklage gemacht habe, sondern auch die Einsendung der Manuskripte an die Redakteure; allein es genügt hier aus jene Rcichsgerichtsent-chcidung hinzuweiscn, nach der eine Scheidung zwischen der Einsendung der Manuskripte und der Veröffentlichung nicht gemacht werden kann, weil beides als eine einheitliche Handlung anzusehen ist.

Es bleibt die Erörterung der Widerklage übrig, insoweit das Gericht 1, Instanz ans Verurteilung des Privatklägers erkannt tat. Hier hat die Strafkammer der Berufung des Privatklägers stattgegcben und die Widerklage abgcwiesen, weil der Angeklagte bei der Abfassung des Schreibens in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt hat und Umstände, die die Absicht der Beleidi­gung erkennen ließen, nicht vorliegcn.

Was die Ttraizumessung betriff so kommt in Betracht, daß es sich um Beleidigungen ungemein fchwerer Art handelt, und daß als Mittel der Verbreitung die Presse, jene gefährlichste Waffe, benutzt wurde. Die Strafkammer hat nicht, wie die erste Instanz die beiden Beleidigungen gleich gewertet, sondern sic bewertete die

ausstellungsplatz, eine Anlage, die in städtebaulicher Beziehung von besonderem Interesse ist. Gerade in der Ausgestaltung dieses Platzes dokumentiert sich am stärksten jene Energie des Willens zur knappen nnd doch festlich gehobenen Form und der hinreißende Schwung eines prägnanten und ganz persönlichen Baugedankcns, Dem Rhein gegenüber erhebt sich, mit seiner mächtigen Kuppel den Baumkomvlcr beherrschend, das Hauptausstellungsgebäudc von Theodor Fischer-München, Im übrigen wird der Platz umrahmt von der in seierlich-pathetiickfen Formen gehaltenen Fest- Halle von Peter Behrens, von dem reizvollen Bau des Oesterrcichischen Hauses, das Joses Hass mann entwarf und schließlich von den breithingelagerten Baulichkeiten des Wein und Bicrrcstaurants nach den Plänen von Bruno Paul, Ein schöner Durchblick öffnet sich von der Hauvthalle aus zu dem scinahgewo- gencn Bau desSächsischen Hauses" von M, H, Kühne, Das graziöse HausderFrau nach dem vreisgekrönten Entwurf der Architektin Frau Knüppelholz-Roesen schließt sich an, ferner das Bremcn-Oldenburghaus der Architekten Abbehuscn und Blcndcrmann und das monumental-eindringliche Fabrik- und Bureaugcbäude von W a l t er Gr o v i u s -Berlin, Ihren har­monischen Ansklana find« die grosfe Zentralachse in der Anlage des neuen niedcrrheinischen Dorfes, die unter der künstlerischen Ober­leitung von Georg Matzendorf -Essen errichtet wurde. Nennt man noch den entzückenden und gerade für den künstlerischen Geist eines Henry van der Velde so überaus charakteristi­schen Bau des Wcrkbundtheatcrs, so hat man die größeren Baulichkeiten dieser Schau erschöpst. Eine Fülle kleinerer Ge­bäude reihen sich gleichwertig an, so das Aielierhaus, die Kolonial­anlage, die Ausstellungen für moderne Gartenkunst, das Kranken­haus, das eigenartige Glashaus, die Friedhofsanlagen, die Etagen- und Reihenhäuser u, a, m.

Die architektonische Gcsanttstimmung läßt den eigenschöpfe­rischen Willen erkennen, jene innere Zucht und den wirklichen Respekt vor der Forderung des Tages, vor dem sttengcn Bewußt­sein, daß nur das aus einer solchen Schau Daseinsrecht hat, was dem unmittelbaren, klar erfaßten Bedürfnis der modernen Zeit einen kraftvollen und natürlichen Ausdruck gibt. Zahlreiche Werk­künste find in reichhaltigen Sonderausstcllungen vertreten, alle Einzclgebietc von Gewerbe und Industrie, soweit sie der Ver­edlung durch die Kunst zugänglich sind, vereinigen sich in über­sichtlichen Materialgruvvcn, Was hier über die äußeren Rahmen gesagt wurde, das wird auch für die innere künstlerische Ausgestal­tung gelten dürfen, wenn demnächst einmal «n innen und außen abgerundetes Bild über die geleistete Arbeit gewährt ist. Aber heute schon darf man sagen, daß, alles in allem, Diefe Ausstellung eine machtvolle Kundgebung, ein wirkungsvolles Bekenntnis für den neuen deutschen Stil ist.