Ausgabe 
19.5.1914
 
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Der Slehener Anzeiger

erscheint täglich, anher Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich «iehencrZamilienblätier: zweimal ivöchenllllikki- blattfiirdenAreirGlcben

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Erstes Statt

164. Jahrgang

Dienstag, 19. Mai 1914

Giehener Anzeiger

Generat-Anzeiger für Oberhessen

Rotationsdruck und Verlag dcr Brühl'schen Univ.-Buch- und Zteindruckerei R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulftrahe 7.

Bezugspreis:

monatlich75Bs^vlerlel-

jährlich Mk. 2.20: durch Abhole- il Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk. 2.Viertel­jahr!. ausschl. Bestell-, Zeilenpreis: lokalIbPf^ auswärls 20 Psemnq. Chefredakteur: A. Goetz. Verantwortlich für den polit. Teil: Aug. Goetz; für .Feuilleton", .Ver­mischtes^ und^Gerichts- saal": Karl Steuralh; für .Stadl und Land^

Anzeigenteil: ö. Beck.

Die heutige Nummer umfaßt 14 Seiten.

Das tschechische Panama.

Alts Wien wird nns geschrieben:

Kcriser Franz Josef, dessen allzu langsam fortschreiten­der Gencsungsprozeß bei dem hohen Atter des nicht mehr sonderlich widerstandsfähigen Patienten noch immer einige Besorgnis verursacht, hat die Tschechen einst als einege­mischte Gesellschaft" bezeichnet, tvährend der Erzherzog- Thronfolger, wie man weiß, dieser Partei wesentlich freund­lichere Gesinnungen entgegenbringt. Der Prozeß, welcher sich soeben vor dem Prager Schwurgericht gegen den Redak­teur derNarodni Lisch" Servaz Heller wegen Ehren­beleidigung des früheren RcichsratSadgeordnetcn und Präsi­denten der national-sozialen Tschechcnpartei, Dr. Karl Sviha, abspiettc, hat jenes Urteil des greisen Kaisers in glänzender Weise bestätigt. Angeklagter war in diesem Prozeßverfahren formell der genannte Redakteur des Iungtschechenblattes, aber der moralisch Verurteilte ist der Expräsident der natio­nal-sozialen Partei. Denn der Redakteur, der den tschcchi- schen Reich-sratsabgeordneten als bezahlten Polizeispitzel be­zeichnet hatte, wurde glatt freigesproehen, weil die Geschwo­renen, durchiveg Tschechen, einstimmig dcr Meinung wären, daß der Wahrheitsbeweis vollinhaltlich erbracht sei.

Es ist zwar nicht der erste Fall, daß Führer der Tsche­chen des Verrats an der eigenen Partei überführt worden sind, aber der Fall Sviha geht noch weit über das Maß der bisherigen Korruptionsgeschichtcn hinaus, so daß man in Anbetracht der mannigfachen Enthüllungen, welche dies Ge­richtsverfahren mit sich gebracht hat, ohne Uebcrtrcibung von einem tschechischen Panama sprechen kann. Zur Erläute­rung der Skandalsache, die sich vor dem Prager Schwur­gericht abgespielt hat, sei bemerkt, daß es sich hierbei um den nie aufhörenden Kampf zwischen den beiden Tschechen­parteien handelt, die sich freilich immer wieder brüderlich znsaimnensinden, wenn es gegen die Deutschen geht, denn in diesem Fall heißt es: Pack schlägt sich. Pack »erträgt sich. Es sind dies die Jungtschechen und die National- sozialen, von denen die ersteren den konservativen, die letzteren den radikalen Flügel der Tschechen darstellen. Diese erheben gegen die Jungtschechen den schrecklichen Vorwurf, daß sie österreichfreundlich sind, was man freilich von den Nationalsozialen in keiner Weise sagen kann. Haben sie doch wiederholt ganz ungeniert ihre Spmpathien für den Pan- slavismns zum Ansdruck gebracht, und ihr Führer Klesatsch hat es fertig gebracht, im österreichischen Abgeordnetenhaus den RufHoch Serbien!" anzustimmen, ein Beispiel, das ja neuerdings ein deutscher Sozialdemokrat mit dem RufBive la France!" nachgemacht hat.

Der Streit zwischen den feindlichen Brüdern spitzte sich in letzter Zeit sehr scharf zu. als das Organ der Rattonal- soztalen, derCeske Slovo", die Enthüllung machte, daß das führende Blatt der Zungtschechen, dieNarodni Lisch", durch den Disposittonsfond der Regierung gespeist werde und durch diese Bestechungsgelder tm Dienste der Regie­rung stehe. Die Behaupttlng wurde nicht eigentlich be­stritten, sondern es wurde von seiten dcr jungtschechischen Abgeordneten kaltlächelnd erwidert, man habe doch dafür sorgen müssen, daß der Dtspositionsfond auch den Tschechen ugutc komme! Gletchzeittg aber drehte dieNarodni Lisch" en Spieß um, indem sie behauptete, daß der Präsident der nationalsozialen Partei, der i. k. Bezirksrichter und

Felix v. Weingartner zum Generalmusikdirektor am hosthiatcr in varmstadt ernannt.

Felix von Weingartner wurde zum Generalmusikdirektor am Darmstädter Hosthcater und zum künstlerischen Beirat des Groß­herzogs in musikalischen Angelegenheiten ernannt. Der seunittcr übcrsicdelt im Herbst nach Tarmstadt, wo er sich sowohl als Opern­dirigent nie auch als Leiter der Hofmusik-Konzerte vctatigcn wird. Seine Gattin Lncilc von Weingartner-Marcel wurde sür eine Anzahl von Gastspielen verpflichtet.

Der Dichterkomponist Fclir Weingartner Edler von ?Nnnzberg ist an, 2. Juni 1863 in Zara in Dalmatien geboren und verlebte seine Jugend in Graz, wo er auch den ersten Musitünterrrcht genoß. 1879 veröffentlichte er seine erste Komposition füt Klarier, die ihm ein österreichisches Stipendium einbrachte, so daß er nach Mlaus seiner Gymnasialzeit sich am Leipziger Äoniervatorium dem Studium dcr Musik widmen konnte. 1882 machte er die Be­kanntschaft Ltszts. dcr ilyu ermunterte, nach Weimar zu ziehen und bei der dortigen Intendanz auch die Annahme von Weingartners erster OperTakuntala" erlangte. So mit der Bühne in Berührung gelangt, schlug Weingartner die Kapellmeister-Karriere em und ivar der »Reihe nach in Königsberg, Danzig, Hamburg und Mann­heim tätig, um dann 1891 einem Rufe nach Berlin Folge zu leisten. 1898 gab er seine Stellung an der Hosovcr aus und behielt nur die Leitung der Hoskonzerte bei. Nach selnm Ucbersiedttnng nach München stand er einige Jahre lang an dcr Spitze des Kaint- Orchcsters, das unter ihm seine Blütezeit erlebte. 1998 bis 1911 leitete Weingartner als Nachsolger Gustav Mahlers die Wiener Hosoper und lebt seit dieser Zeit seinem kompositorischen -chaficii. Seine OpernGenesius" undOrestes", drei Sinfonien, zahlreiche kleinere Orchester- und Kammcrmusckwerke, eine Musik zu Faust, ein Violinkonzert, Chorwerke und über hundert viclgesungcne Lieder künden den Ruhm ihres Schöpfers.

Lncilc von Weingartner-Marcel ist am 15. November 1883 in New Bork geboren und gciwß ihre Ansvildung bei dem Pariser! Vortraasmeistcr Jean des Reszke. Ihr erstes Engagement führte die Künstlerin an die Wiener Hofopcr, wo sie als Margarete, Eva und Tosca sehr gefeiert wurde und namentlich als Electra bei der Premiere des Straußschcn Werkes Aufsehen erregte. Nach einem Jahr gab sic ihre Steilung mt dcr Wiener Hofover auf und ist seither eine dcr gesuchtesten gasfterenden Sopranistinnen mt Kon­zertsaal wie auf der Bühne. Am! 29. Januar 9913 wurde in Amerika ihre Ehe mit Felix von Weingartner vollzöge,iz dessen Kunst in ihr eine siegessichcre Vorkämvierin erhalten hat.

»

Reichsratsabgeordnete Dr. Sviha, unter dem Pseudonym Wiener" besoldeter Polizeispitzel mit einem Gehalt vvn früher 600 und jetzt 800 Kronen monatlich sowie einigen Nebenbezügen sei. Dr. Sviha alias Wiener schwieg zuerst, leugnete dann, drohte mit einer Beleidigungsllagc, gab sich dann sür krank aus, legte seine Aemter und Atandate nieder, verschwand aus Prag, kehrte wieder und klagte zum Schluß doch, worüber er allen Grund hatte zu klagen, denn das Schwurgericht sprach den Beleidiger frei und sah den Wahrheitsbeweis als restlos gelungen an.

In der Tat ist in dem Prozeß erwiesen worden, daß der Führer der nationalsozialen Partei im Dienst der Po­lizei zwecks Verrats dcr eigenen Partei stand, und daß er dasür gut honoriert wurde. Erhielt er doch sogar 3000 Kronen für Wahlzwecke von dem Kabinett Biencrth, gegen das er für seine Partei offiziell tättfj tvar! So wurde das Kabinett über alle Abmachungen zwischen den beiden tsche­chischen Parteien prompt unterrichtet, und ebenso verriet Sviha die von den Tschechen getroffene Vereinbarung über die Sprachenvorlage. Im übrigen ging aus manchen An­deutungen in dem Prozeßverfahren klär hervor, daß Dr. Sviha durchaus nicht der einzige tschechische Politiker ist, der einen derartigen Nebenerwerb betreibt. Durch dieses tschechisches Panama ist aber zugleich die politische Po­lizei in Oesterreich auf das ichwerstc bloßgestellt, denn es wurde erwiesen, daß deren System sich ungeniert aus der Bestechung ausbant. Wurde doch unter anderem festgestellt, daß die Polizei zuerst einen Angestellten des deutschen Volks­rats und dann Postbeamte zu bestechen suchte, um diese Organisation der Deutschen in Böhmen zu überwachen, und daß ihr das nur mißlang, weil sie das Pech hatte, an un­bestechliche Leute zu geraten. Der Prozeß Sviha wird vielleicht zu weiteren politischen Konsequenzen führen, da die deutschen Parteien die Tschechen werden sttll- schweigcn, weil sie alle Ursache haben entschlossen sind, gegen dies Korrupttonssystem im Reichsrat vorzugchcn. Ob dabei freilich viel mehr herauskommen wird als stim­mungsvolle Reden und mcmnhaste Beschlüsse, das steht auf einem anderen Blatt.

Die Verständigung im Lpiru;.

A t he n, 18. Mai. (Agence d'Athenes., Deute ist das Proto­koll über die Verständigung zwischen den Epiroten und den Alba-, ncscn unterzeichnet worden. Es enthält fogende Privisie- gien: Die lokale Gendarmerie darf nicht außerhalb Epirus verlegt werden, außer, wenn dies durch höhere Gewalt erfordert wird, die durch den internationalen Kontrollausschuß gerechtfertigt wird. Die griechische und die albanische Sprache werden in den drei untersten Klassen gelehrt. Die griechische Sprache wird als Verwaltungs- und Gerichtssprache in Epirus gebraucht. Der schrift­liche Verkehr mit der Zcntralregierung IN Durazzo erfolgt in alba­nischer Sprache. Die beiden Verwaltungen in Koritza und Ar» gyrokastro werden durch christliche Gouverneure geleitet, die von dcr albanischen Regierung ernannt werden. Es werden zwei Verwaltungsbciräte durch eine allgemeine Volks­abstimmung geschaffen, denen die Gouverneure wahrscheinlich verantwortlich sein werden. Die Beschwerden der Chimarioten wer­den den Mächten unterbreitet. Die albanesische Regteriing wird den Eingeborenen in Epirus einen allgemeinen Sträserlaß gewähren, die unter den Massen bleibeil werden, im mit den Offizieren eine Irene Grundlage für eine neue Gendarmerie zu bilden. Die sremdcn Freiwilligen ivcrden das Land verlassen. Diese Neuordnung wird eingerichtet Und übenvacht vom internationalen Kontrollausschuß, dcr sich nach Chimara begibt. Die Ausführung und Beobachtung der genannten Zugeständnisse wird von den Mächten garantiert.

Schadow und Goethe.

Zum 150. Geburtstage Gottstteb Schadows, 20. Mai.

Deralte Schadow" unter diesem Namen wird er in der Kunstgeschichte gcsührt, schon um ihn von seinem Sohne, dem Düsseldorfer Schadow zu unterscheiden der alte Schadow war ein Voll- und Prachtmensch. Ein alter Berliner von echtem Schrot imd Koni: gescheit, derb, geradezu, Kops und Herz am rechten Flecke, und nie um ein kräfttg Wörtlcin und um einen schlagenden Witz verlegen. Er ließ sich nicht verblüffen und er ließ sich nicht den Mund verbieten. Er liebte und verehrte Gocthen in hohem Maße, aber auch von ihm nahm er den Aussall gegen Kunst und Künstler Berlins, den Goethe >m Jahre 1800 in denPropyläen" veröffentlichte, nicht stillschwei gend hin. Damals hatte Goethe geschrieben:In Berlin scheint außer deni individuellen Verdienst bekannter Meister, der Na­turalismus mit der Wirklichkttts- und Nützlichkeitsfordcrung zu Dause zu sein und der prosaische Zeitgeist sich am meisten zu os- scnbarcn." Schadow hatte den Muh aus dieses Urteil Goethes in einem Aufsätze, jden er in derEunomia" verösfentlichte, zu antworten. In diesem Aussätze sprach er aus:Mich sollte es freuen, wenn wir einen charakteristischen Kunstsinn besäßen, und obwohl dieser in den Propyläen als ein solcher betrachtet wird, welcher auf die niedrigste Stufe gehört, so ist es doch der einzige, durch loclchen wir Deutschen dahin kommen, Kunstwerke hervor- zubttngcn, in welchen man uns selbst sähe." Was da der Berliner Meister sagte, war nicht mehr und nicht loentger als eine offene Kriegserklärung an den wcimattschen Klassizismus. Erfrischend ist es, wie der kernige Künstler sich überall für das Ursprüngliche und gegen jede Nachahmung erklärt.Seit anderthalb hundert Jahren schon sind wir Nachahmer der Welschen und der Fran­zosen, oder Graeculi, anstatt zu geben und cmszubilden, was in uns ist, analen mir uns, etwas hcrvorznbringen, was den,! von diesen Fremden Gemachten ähnlich ist." Der so schrieb, war dcr Mann, dcr im Berliner Zietendenkmal zuerst es gewagt Tratte, einen preußischen Kriegshelden in preußischer Unisorm >darzustcllcn, und, durchweg seiner Auffassung treu, hatte er die im Sinne Goethes gesprochen t Kühn lieft, den national- englischen Hogarth nnd' seine Arbeiten allen Schöpfungen der englischen Pseudoklassizisien vorzuziehen.

Schadows Aussatz hat seinerzeit viel Aussehen erregt, und er wird von der heutigen Kunstgeschichte mit Recht als eine höchst wcrtvotte Urkunde sür die Auflehnnug natürlichen Kunstempfindens gegen die Herrschaft des Dogmas in der Kunst geschätzt. Wie hat nun aber Schadows freimütige Erklärung aus Gocthen ge­wirkt? Persönlich konnte sich der Dichter nicht gut verletzt: fühlen, da Schadow in seinem Aufiatze von ilM mit wärmster Verehrung und höchste,: Schätzung gesprochen hatte: aber er fühlte sich miß-

Addankung Huertas?

Washington, 18. Mai. Depeschen ans maßgebender diplo­matischer Quelle aus Mexiko City an die hiesigen ausländi­schen Vertreter erklären, Huerta habe die mexikanischen Dele­gierten ermächtigt, seine Abdankung zu unterbreiten, falls dies int Interesse der Friedcnsvcrhandlungcn notwendig erscheine. Dies bestätigt Andeutungen, welche Freunde dcr Delegierten gestern hier machten.

DseB. Z." meldet ans Veracruz: Hucrta ist an einem schweren Rücken marksleidcn erkrankt und bettlägerig. Es verlautete, er habe Selbstmord begangen, doch stellte sich her­aus, daß das Gerücht unbegründet war. Menschenmengen durch­zogen die Straßen und es kam zu Zusammenstößen mit dcr Polizei. Eine Anzahl Leute wurde verhastct.

Washington, 18. Mai. August Rodriguez, der Vertreter Mexikos bei der Fttedcnsvermittlunaskonscrcnz, hat entschieden in Abrede ge st eilt, daß Huerta sich zur Abdankung bereit er­klärt habe.

Düutscdss Reich.

Der Kaiser mit Gesolqe tras am Montag vormittag gegen 10 Uhr auf der Saal bürg ein, wo er vom Bau­rat Jalobi.empfangen wurde. Während des etwa, cinsttin- digxn Aufenthaltes auf dem Kastell besichtigte der Kaiser die neuen Münzen vom Kastell Zugmanteh die Abgüsse von Dentsteinen, welche die Städte Köln und Dortmund gestistet haben, und die Büsten der römischen Kaiser, ge­schenkt von Herrn Reißinger New Bork. Der Kaiser begrüßte den Geh. Oberbaurat Dr. Metdcnbauer-Berlin und gra­tulierte ihm zum 80. Geburtstage. Herr Moser, Gründer und Leiter der Firma D. A. Maysarth u. Co., Maschinen­fabrik, führte eine rckonstruicrle gallische Mähmaschine und der Herr Fabrikant Josef Braß-Lberursel eine rekonstruierte römische Mühle vor. Um!,U Uhr traf der Kaiser von dcr Saalburg kommend am Kaiser-Wilhelm-II.-Park in Hom­burg ein und wurde am Turstbrunnen von den Spitzen dcr städtischen Behörden, Oberbürgermeister Lübkc, Stadt- vcrordnetcnvorstand Dr. Rüdiger nnd Kurdirektor Gras von Zeppelin empfangen. Er ließ sich den Sttfter des Brunnens, Landrai a. D. von Brüning ans Bad-Homburg und den Schöpfer Bildhauer Hans Dommann-Berlin-Grunc- wald vorstellen und verweilte mit den Herren in längerem Gespräch. Vom Durstbrunnen aus ging Se. Majestät zum siamesischen Tempel, der ,jhm vom Bürgermeister Lübke genau erklärt wurde. Zuletzt besichttgte ° der Kaiser die Kuranlagen und den Ettsabethbrunnen, der vergangenen Winter hne neue Einfassung erhalten hat. Der Kaiser sprach sich üt>er das Gesehene sehr erfreut aus und ver­ließ kurz vor 12 Uhr Bad-Hombnrg, um nach Wiesbaden zurückzukchren. Dem Kaiser wurden auf der Saalburg von dem Direktor des Saalburgmuseums Jacoln neue Funde gezeigt. Gegen 1 Uhr ist dcr Kaiser nach Wiesbaden zurückgekehrt. Den Abschluß der diesjährigen Festvor- stettungen bildete am Montag abend WebersO b e r o n" mit der Einrichtung, die ihm Georg von Hülfen gegeben hat. Der Kaiser wohnte der Vorstellung bei und ist nach Schluß des Theaters^ um 10 Uhr 50 Min. nach Mldpark abgereist.

Vom Reichskanzler. Ein Berliner Tclegranzm derKöl­nischen Zeitung" stellt gegenüber dem in einigen Blättern wiedcr- gegcbenen Gerüchte, der Reichskanzler bcabsichttge einen mehr­monatigen Urlaub anzutreten, seit, daß der Reichskanzler auch in diesem Sommer seine Fetten nickt, anders halten wird. Ipie im vorigen Jahre. Dcr Urlaub werde die übliche Dauer nicht über­schreiten.

vctttandcn und er war jedenfalls lies verstimmt. Schadow hat sich Wohl nicht so ganz Rechenschaft darüber gegeben, wie empjind- lich dcr Olympicr gegen solchen offenen Widerspruch war, und wie großes Gewicht er gerade aus die Anerkennung seiner Grund­gedanken über Kunst legte. Er nahm darum keinen Anstand, als er im Jahre 1802 nach Weimar kam, auch Goethe» sttnen Besuch abzustatten. Der Empfang ivar sttts formell. Viellttcht wären die Beiden sich nun im (bespräche doch näher getreten, als Schadow eine Ungeschicklichkeit beging, durch die er Gocthen ganz vor den Kopf sficß. Er fragte ihn nämlich, ob er ihm erlauben würde, mit dem Zirkel die Maße nehmend, seinen Kops zu zeichnen. Da hatte er an die falsche Türe gepocht. Steis erklärte Gotthe das sür bedenklich: er argwöhnte, dag sein Kops zur Demonstration der Gallschen Schädellehrc bc- nutzt werden sollte mid lehnte ab. Das Gespräch wurde unter­brochen und am Ende entließ Goethe seinen Berliner Gast mit einem frostigen Abschiede. Er hatte gegen ihn noch etwas An­deres aus dem Herzen: er hatte ihn im Verdacht, daß er zu Kotzcbuc halte. Wirklich l>at Schadow in Weimar mit Kotzebue verkehrt, und dieser hat sich damals auch zu Schadow sttndlich über Gotthe ausgesprochen,Wenn wir ihn machen, ließen (fo sagte er da­mals zu dem Künstler,, müßten jvir nnc Erlaubnis haben von ihm zu jedem Vorhaben."

Wie dem auch sei, Schadow und Gotthe standen von Stund an aut gespanntem Fuße, und Goethe hat sich über seinen Be­sucher damals sehr unverblümt ausgesbrochen. Schadow habe ihn, fo sagte er voller Unmut, wie dtt Oberon den Sultan, gleich um ttn paar Backzähne und Haare aus sttnem Bart gebeten. Und er ließ cs nicht btt Wottm bewenden, sondern arbeitete zu. Schadows großem Vecdrusse eifrig dagegen, daß der Berlinet Meister den Austrag zu einer Büste Wielands erhielt. Ucber ein jFahrzehnt haben sich die bcidttt Männer dann fremd und kühl gegenüber gtttanden; und wenn sich das Verhältnis später geändert und gebessett hat, so war es ttn gemeinsames Wirken, das sie zu- sammensühtte. Dabtt handelte es sich um das bekannte Blücher- idcnknral sür Roswck. Der Austrag ivar Schadow erteilt, Gotthe aber war um Rat für den Entwuri gefragt worden. Sttnem Gc- schmackc gttrcn schlug er sür den Helden von Wahlstatt einean- tilische" Tracht vor und Schadow sah sich genötigt, aus diesen Gedanken ttnzugchen. Tanfit wurde er sttnen ttgencn künstlerischen Ueberzeugungen untreu: hatte er doch ttnst das gute Wort ausge­sprochen ,Jede fremde Tracht ist ttne Verstellung und dient nur dazu, die Sache unkenntlich zu machen": das Gewand ttnes Helden mochte es sttn, wie es woUte, wird durch ihn geheiligt". Und jetzt wars er sttnen, Blücher doch den phantastisch-antiken Mantel über! Es hat dem Werke nicht zum Vorteile gereicht: der charakter­volle Pvrträtkops steht zu dem theatralischen Kostüme in empsind> lichem Widerspruche. Aber um diesen Pcttz hafte sich denn doch