Br. NS
Ter ««ebener Anzeiger
erscheint täglich, außer Sonntags. — Beilagen: viermal wöchentlich «ietzenerZamIliendlätteri zcveunalwvchenll.lirei;- dlatl für ben Kt«i$ Gießen «Dienstag und Freitag); zweimal monatl. landwirtschaftlich« Seitfraqen Fernsprcch - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag n. Expedition öl Adresse lür Depeschen: Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeigen iür die Tagesnummer bis vormittags 9 Uhr.
Erstes Blatt i64- Jahrgang
Blomag, 18. mal M4
Siehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Rotationsdruck und Verlag der vrühl'jchen Univ.-Buch- und Zteindruckerei R. Lange. Redaltion, Expedition und Druckerei: Schulstrahe 1 .
Bezu gSpretK:
moliatlich75Ps., vierteljährlich Mk. 2.20; durch Abhole' m Zweigstellen monatlich 65 Pf.: durch diePost Mk.2.— viertel- jährl. ausschl. Bestellq. Zeilenpreis: lokal 15Pf^ auswärts. 20 Pfennig. Chefredakteur: 21. Goetz. Verantwortlich für den polit. Teil: Aug. Goeg; für „Feuilleton", „Vermischtes" und^Gerichts- saal": Karl Neurath; für „Stadt und Land^: Kurt Bendt; für den 2lnzeigenteil: H. Beck
Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.
Vas Spiel mit dem Zeuer.
Der übliche Maifeierstreik im Zarenreiche hat die russische Presse erst jetzt in den Stand gesetzt, auf die in die Formen der diplomatischen Höflichkeit gekleideten Vorhaltungen zu antworten, welche der Staatssekretär von Jagow im Reichstage an die Hetzblätter vom Schlage der „Nowoje Wremja" und Konsorten gerichtet hat. Tie Taktik, welche die Petersburger und Moskauer Zeitungen dabei einschlagen, zeichnet sich nicht durch den Reiz der Neuheit aus. Nach dem alten Trick jenes Diebes, der, als er verfolgt wurde, aus Leibeskräften schrie „haltet den Dieb!", um so die Verfolger von sich abznlenkcn, erhebt die russische Presse gegen die deutsche den Vorwurf, daß diese ange- sangen habe. Wenn gerade die „Nowoje Wremja", die seit Jahrzehnten plangemäß diese Hetze betreibt, und auf deren gefährliches Treiben schon im Budgetausschuß des Reichstags hingcwicsen wurde, in jenen Ruf einstimmt, dann weiß man wirklich nicht, ob man mehr diesen Mut oder diese Verlogenheit bewundern soll. Wer es darf wohl daran erinnert werden, daß anfh ernsthaftere Blätter jene Hetze betrieben haben. Erklärte doch vor nicht langer Zeit das militärische Fachblatt „Raswjicorschir": „Ter Arniee muß täglich zum Bewußtsein gebracht werden, daß man sich zum Kriege rüste, um die beiden germanischen Reiche zu zerschmettert,." Und die „Petersburger BörscnzeiNing", die als das Organ des russischen Kriegsuriuisteriums gilt, fügte bedeutsam hinzu, baß die Armee zum Kriege gerüstet und bereit sei. Alle diese und andere Kundgebungen sind längst vor dem heftig umstrittenen Artikel der „.Köln. Ztg." erschienen, und wenn für irgend ein Land, so gelten für Rußland, wo die Presse durchweg von der Regierung abhängig ist, die Worte, die Fürst Bismarck im Jahre 1882 gesprochen hat: „Jedes Land ist lauf die Dauer doch für die Fenster, die seine Presse einschlägt, irgend einmal verantwortlich. Die Rechnung wird mi irgend einem Tag präsentiert in der Verstimmung des anderen Landes."
Eber hat Herr v. ^Fagow wirklich recht gehabt, und hat er auch nur aus innerer Ueberzcugung gesprochen, als er alle Schuld der bösen Presse zuwälztc und versicherte, daß das offizielle Rußland der Prcßkampagnc der pansla- vistischen Blätter nicht nur fernstündc, sondern sogar unangenehm davon berührt worden sct? Wir nehmen vielmehr an, daß es sich hier um eine diplomatische Nüance handelt, und daß der Staatssekretär damit sagen wollte, die Regierung des Zaren habe alle Ursache, diese Preßkam- pagn.ö nid)t sortdauern zu lassen, sagen wir ruhig, nicht weiter zu schüren. Denn bei dieser Geschichte von der Presse handelt es sich doch nur um offiziöse Märchen für große Kinder. Tic Presse ist der Spiegel der öffentlichen Meinung, und die Hetze der russischen Blätter ist der Ausfluß der panslavistiscl>cn Stimmung gegen Deutschland und nicht weniger gegen Oesterreich. Ist es etwa die Presse, welche die Rüstungen in Rußland betreibt, welche Deutschland und Oesterreich mit einem Spionagestzstem überzogen hat, welche den Vorstoß gegen die deutsche Militärmission in der Türkei gemacht, welche die deutschen Luftschifscr verurteilt, die Aktion gegen die deutsche Industrie eingeleitel hat und den festeren Zusammenschluß der Tripclentcnte betreibt? War cs, so fragen wir, die Presse oder die Regierung des Zaren? Aber wir verlangen von der Regierung keine Antwort, denn wir wissen, daß sie aus diplomatischen Gründen das Beste, waS sie weiß, doch nicht sagen dars.
Selbstverständlich sind unsere leitenden Kreise über alle diese Tinge ebenso genau insormicrt wie darüber, daß die treibenden Kräfte hierbei vielleicht noch mehr als an der Newa jenseits der Vogesen zu suchen sind. Sind cs doch die Milliarden Frankreichs, mit denen die russischen Rüstungen betrieben werden. Trägt man sich doch in Fr an kre ich, das deutsche Sozialdemokraten im deutschen Reichstage leben lassen!, noch immer mit der Hoffnung, die Regimenter des Zarenreiches der Revanche dienstbar zu machen. Die „France militaire", das Organ des französischen General- stabcs, hat es ja offen erklärt, daß die russischen Rüstungen eine Spitze gegen Deutschland haben, ebenso wie das russisch- französische Flottcnabkommcn dem gleichen Zwecke diene. Also daß Frankreich und Rußland einig sind wenigstens in dem Sinne, daß Frankreich auf die Revanche hosst. und Rußland, weil es die französischen Milliarden braucht, so tut, als ob es dereinst für die Revanche marschieren werde, darüber kann kein Zweifel sein.
Und trotz alledem glauben wir nicht, daß man in Rußland die ernste Absicht hat, denn man ist durch die zahlreichen Spione zu gut über die deutschen Rüstungen unterrichtet« und der Zar weiß, daß ein verlorener Krieg eine verlorene Krone bedeuten würde. Auch erweist sich der Dreibund gerade jetzt als ein stärkeres Friedensinstrument denn je, während das Kabinett Asquith es rund heraus abgclehnt hat, der Tritte in einem Kriegsbunde zu sein, und die deutsch-englischen Verhandlungen nach der Versicherung des Herrn v. Jagow zwar langsam, aber stetig fortschreiten. Wenn also das russische Spiel mit dem Feuer, wie es der Staatssekretär nannte, auch nur ein Spiel ist, so ist es doch immerhin ein sehr gefährliches, und deshalb war es gut, daß Herr v. Jagow seine Warnung nach Rußland richtete, die formell an die Adresse der Presse, tatsächlich aber an die der Regierung des Zaren gerichtet war. In Rußland versteht mau eine kräftige Sprache besser als eine freundliche, wie das ein englischer Staatsmann, Lord Palmerston, einst mit den Worten ausdrücktc: Die Politik Rußlands war stets, seine Uebccgriffc so weit gehen zu lassen, wie die Apathie anKwärtigcr Rcgieruirgen es erlaubt, aber stets zurückzuweichen, wenn es aus entschlossenen Widerstand stößt.
Eine amtliche Acußerung der „Norddeutschen Allgcm. Zeitung".
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt in ihrer Wochenrundschau:
Die zweitägige Aussprache über die auswärtige Politik stellte die Ilebcreinstimmung der bürgerlichen Parteien des Reichstages mit der amtlichen Leitung der auswärtigen Angelegenheiten des Reiches klar und bestimmt fest. Tic Blätter aller Partcirichtungen unterstreichen dies erfreuliche Ergebnis. Zutreffend wird mchr- sach hervorgchvben, daß Staatssekretär von Jagow seine Darlegungen in voller Ucbercinstimmung mit den Absichten des Reichskanzlers gemacht hat. Das Gewicht seiner Rede kann dadurch nur vcrstärft werden, daß die wesentlichen Sätze sorgfältig erwogen und scstgelcgt Ivaren.- In der allgemeinen Bewertung der Lage ist der Staatssekretär über die Feststellung einer fortschreitenden Entspannung nicht hinaue-gegangen. Er machte kein Hehl daraus, daß Elemente der Unsicherheit noch weiter vorhanden und wirksam .sind und indem er offene Worte über die russische Preßkamvagne sprach, bczeichnetc er die Gefahrenquelle deutlich, Lwlocit bisher Aeußerungen der ausländischen Presse vorliegcn, scheinen alsbald Bestrebungen eingesetzt zu haben, gerade in diesem Punkte den Eindruck der Worte des Staatssekretärs zu verwischen. Es hat sofort jenes von ihm gekennzeichnete Spiel begonnen, das Deutschland in der internationalen Meinung ins Unrecht zu setzen sucht, indem es die Preßangrifie aus die deutsche Politik durch Schweigen deckt und die notgcdrungene Abwehr als einen unberechtigten Angriff erscheinen läßt. Einige französische Blätter bemühen sich nachzuweisen, daß die
-■ ------------ ■ r—
Störenfriede in Deutschland sitzen: aut denselben Ton sind auch die Entgegnungen der r u s s i sch e n Presse gestimmt. Ueberschcn ivird dabei, daß der Staatssekretär chauvinistisckw Aeußerungen der deutschen Presse durchaus ablehntc. Daß cs an solchen Prcßerzcug- Nissen auch bei Mts nicht fehlt, ist unbestritten. Ebenso aber weil! alle Welt, daß die deutsche Regierung Slusschreiiungen dieser Art stets weit von.sich gewiesen hat. Auch ein englisches Blatt illustriert die Richtigkeit der Bemerkungen des Staatssekretärs, indem es einseitig für die russische Presse Stellung nimmt. Das Blatt legt dabei in die Rede des Staatssekretärs ganz UN tzutrefscnd Angriffe gegen die englische Presse und glcichzcitis ein Werben um ihre Sympathie hinein, das vergeblich bleiben müsse. Demgegenüber loärc zu bemerken, daß von Sympathie und Antipathie in dem, was v. Jagow sagte, überhaupt nicht die Rede war. lins wird cs vollauf genügen, wenn die englische Presse auch in der Beurteilung der deutschen Politik mit dem gleich- am europäischen Maße messen würde, lvic Deutschland es ür sich in Anspruch nclMcn kann, in dem lstntcr uns liegenden Abschnitt der Orientwirren eine gut europäische Politik gemacht zil haben und zwar wesentlich im Verein mit England. Gerade aus dem Bode» der Balkanpolitik entivickellc sich bekanntlich die vertrauensvolle Annähcrimg der Kabinette von Berlin und London, aus die der Staatssekretär unter dem Bestall des Reichstages hin- gewiesen hat. _
* Au» Hessen.
Abänderung des Fischereigesetzes vow 27. April 1881 und 2V. April 1911. Der ülbtz. Dr. Winkler beantragte in der Zweiten Kammer, zu beschließen: Tie Zweite Kammer der Landstände ersucht die Groß hi Regierung um Vorlage eines AbändcrnngS- entwurfs zum Fischereigesctz vom 27. April 1881 bezw. zu dessen Neufassung vom 29. April 1911 nach der Richtung, daß entweder die Angclfreiheit des Artikel 48 ganz aufgehoben oder doch in wirtsamcr Weise eingeschränkt wird.
vcntsche» Neich.
Im preußischen Abgeordnetenhaus standen am Samstag zumeist kleinere Vorlagen auf der Tagesordnung. Von größerer Bedeutung war lediglich das Eisenbahnanlcihe- g c s e tz. dem sich denn auch das Hauptinteresse zuwandte, »nd zwar waren cs, nachdem der Staatsvertrag mit Oldenburg über die Veräußerung der Wilhelmshaven—Oldenburger Bahn angenommen worden war, die Linie Altona-Neumünster und die Verbindungen mit Dänemark, denen die, wie immvr sehr zahlreichen »nd gründlichen, Reden vornehmlich galten. Für di» Fehmarn- Linie' konnten sich die Abg. Graf v. d. Groeben (Kons.), Brütt (Freik.), Gras Moltkc (Freik.), Hoss (Vp.) und Waldstein^ (Vp.) durchaus nicht erwärmen, da sic von ihr eine empfindliche Schädigung der Provinz Schleswig-Holstein befürchten, und der Ministei o. Breitcnbach vermeidet es, mit Rücksicht aus die Verhandlungen, die gegenwärtig mit Schtvedcn und Dänemark schweben, sich durch eine Erklärung zu binden, er gcht indes zu. daß die jetzigen de,usch-dänischen Verkehrswege verbesserungsbedürftig sind. Entgegen deni Ausschußantrag, der die Bittschrift betr. die Fehmarn- Linie durch Uebergang zur Tagesordnung erledigt wissen will, begründet Abg. Fürbringer einen nationalliberalen Antrag, welcher gleich einem Zentrumsantrag Ucbcrwestnng als Material fordert, was nach Lage der Dinge zweifellos das Richtige gewesen wäre. Das Haus beschließt indes Uebergang zur Tagesordnung. Der Rest des Eisenbahnanleihcgesctzes wird ohne Ausivrachc in zweiter Lesung erledigt. Hierauf wurde noch ein von den Abg. Ecker-Winsen (Rat.) und Frhrn. v. Los <Ztr.) besürworicter Antrag Porsch (Ztr.) betr. Einrichtung eines Instituts für Milchwirtschast angenommen.
Der Abg. Bass ermann (natl.) fragt im Reichstage an, wie weit die Verhandlungen zwischen Deutschland und Luxemburg über die gegenseitige Anrcchnuilg der iür Invaliden- und Hinter- blicbenenversicherung in Deutschland und Luxemburg gezahlten Beiträge gediehen sind.
Zur 2. Beratung des Entwurfs betr. Acnde- rungderGebührenordniingsürZeugenundSach- verständige beantragen die Sozialdemokraten im Reichstage,
vannflädter zrühlingrscstsp-ele.
Darmstadt, 17. Mai. Die Frühlingssestspiele des Darmstädter Hoftheaters wurden am gestrigen Abend mit einer Urans- s ü b r u n g der cinattigen Oper K ai n und Abel von Felix v. Weingartner sortgcsctzt. Die einaktige Oper ilt ein ziemlich umfangreiches Werk, das fast zwei Stunden ausfüllt. Es hat im Grunde genommen eine ebenso wenig ausgesprochene Physiognomie wie des Komponisten seitheriges Schassen ans dem musik-drama - tischen Gebiet im allgemeinen. In der Gcsamtkonstrnkiion hält cs sich sireilg konventionell an Wagner, wobei doch das allzu stark-Jn- telleftuclie. Konstruierte vorherrschend ist. Ta aber zeigt sich Weingartners hohe Meisterschaft im hellsten Lichte, sowohl in der geschickten Orchestraiion, wie in der sein wägenden Verwertung der Mittel. Und daher überwiegt auch zweifellos das breit Lyrische, in dem sich das Orchester zuweilen in seinvoinkticrcndcr Malerei ergehen und in raffinierter Klangschönhcii schwelgen kann. Das vom Komponisten selbst verfaßte Textbuch bietet sich in seiner verhalt- mäßigen Handlungsarmui auch bequem dazu dar. Tie fünf auftretenden Personen erhalten ihre hauptsächlichste Cbaraklcristik aus den vor der eigentlichen Handlung liegenden Geschehnissen, was lunwillkürlich den Tcxl ins Mystische sich verlieren läßt. Ter am Ende ziemlich unvorbereiict einirelende Brudermord ist motiviert aus der Halbbrüderschast zwischen Kain und Abel. Adam, der sich in haltlosen Träumen nach dem verlorenen Paradies erschövst, und die raue Eva tragen den Zwist schon in sich, der sich ans das ungleiche Brüdervaar forterbt. Das Paradies ist die Perkörvcrung der Sehnsucht, die in Ada, der bildschönen Tochter Adams, scstc Gestalt gewinnt. Tie Ada sang Frau L u c i ( c v. Weingartner-March mit sehr Wohllauteicher Stimme und erireulichcr Ausgeglichenheit, und im Verein mit ihrer prächtigen Bühncner- scheinung erzielte sic einen vollen Erfolg. Sehr wuchtige, wirkungs-' volle Figuren boten R. P a r k i n s als Adam und H. Bertram als Kain, Frl. Jakobs als Eva und Herr Aug. Giobergcr als Abel wirkten stimmlich und darstellerisch gleich gut. Die Ausführung erzielte einen tiefgehenden, eindrücklichcn Erfolg. — Dem neuen Einakter folgte nach halbstündiger Pause eine Glanzleistung des- T-rrmstädter Hoftheatcrorchesters, die Ausführung der „Shnsonie Nr. 3 in E-dur" von Weingartner. In dem hier wohl zum erstenmal zu Gehör gebrachten Werk bestätigte sich die Anschauung, daß des genialen Dirigenten unztpcisclhastc Stärke im Sophonischen, absolut Musikalischen liegt. Die beiden Mittcl- sätze sind Prachtstücke von Geistreichtum und poliphoner Ausdruckskraft, v Fr. N.
•
Sin Ausflug auf den Mailänder Pom.
Ein Marmorberg. — Picknick auf der Madonnina.
— Liebeszauber und Eheorakcl.
E.G. Mailand, Mai 1914.
Ein herrlicher, frühlingsfrcudiger Tag. Ich überschreite fast gcwohnheitsniäßig die Schwelle des Toms. Tonst herrscht im Innern fast stets ein mystisches Dämmerlicht, heute hingegen erstrahlt alles in märchenhafter Klarheit. Nie bisher hatte sich jedes Detail, jede letzte, kleinste Einzelheit mir mit solch vollendeter Deutlichkeit gezeigt: überwältigt stand ich vor dieser unermeßlichen Fülle harmonischer Schönheit, die im Ungeheuern Raum verschwenderisch sich meinen Blicken bot. Draußen lockt die Sonne, der Frühlingswind ruft mich schmeichelnd ins Freie, und doch mag ich mich gerade heute nicht so bald von den Wundern dieses 'Heiligtums trennen. Natur und Kunst! Wem soll man folgen, wenn beide so lackend werben? Für dies Dilemma bietet der Mailänder Tom einen Ausweg. Kann man ihn doch besteigen, diesen kunstvollsten aller künstlichen .Marmorberge, die treuer Glaube der Andacht errichtet hat, und Augen und Seele ausjauchzen lassen im gleichzeitigen Genuß der Ossenbcrrungen vollendetster Kunst und der weiten offenen Natur.
Ich wandre auf schimmernden Marmorsluren, unter gewaltigen, marmornen Strebebögen, die sich kühn von einem Grat znni andern schwingen, zwischen Brüstungen, deren Arbeit den Marmor imkörperlich gleich Stickereien erscheinen läßt.
Wohin ich auch den Blick wende, rund um mich her ein Wald von marmornen Spitztürmen — Fialon — 123 im ganzen, >eder einzelne von einem ganzen Hofstaat von Statuen und Statuetten belebt, über 2000 im ganzen — , die sich ihrem Postament entsprechend verjüngen: Provheten, Patriarchen, Heilige, Jungfrauen und Märtyrerinnen, die ganze himmlische Hierarchie ist hier zwischen Himmel und Erde so harmonisch vereinigt, wie nirgends sonst.
Bei dem nicht unanstrengenden Aufstieg sieht der „Bergsteiger" durch kühngewölbte Oeffnungen, je hoher er gelangt, die üppige Stadt in immer kleinerem Maßstab, aber desto übersichtlicher sich zu seinen Füßen ausbreiten, als stände sie Modell. - Vom höchsten Gipfel, der berühmten Madonnina — 105 m über dem Tomplatz — umfaßt der Blick vollkommen all die vielen Verglömme — Giebel und Zacken, das ganze Meer von Türmen mit seiner gespenstig starren Bevölkerung: ein märchenhaftes Meisterwerk der Filigrankunst — im edelsten Marmor Sonst läuft die Besteigung von Kathedralen und Kirchtürmen ja meistens eins eine Strapaze hinaus, aber di.- des Mailänder Doms verlohnt allein eine-Reise nach Mailand. Uebertkesjen
tut sie nur die des Campanile von San Marco: »eben diesen beiden sinkt selbst die Ersteigung der Pcterskuppcl zu etwas Alltäglichem herab.
Die Mailänder sind von dieser Wahrheit auch tief durchdrungen: sie hängen mit ihrem altersgeweihten Dom und seiner Madonnina sp innig zuiammcn, daß sic es iich um nichts in der Welt nehmen ließen, ihm wenigstens zweimal im 'Jahre einen Massenbesuch abzustattcn, das erstemal, um den cinziehcnden Sommer zu begrüßen, das zweitemal, um dem scheidenden ein wehmütiges Lebewohl nachzurnfen. Und stets tritt die heitere Gemeinde des heiligen Ambrosius diese Fahrt in das Zauberreich Seiner Majestät des Marmors so wohl verproviantiert mit Speise und Trank an, als gälte cs zum wenigsten den Gaurisankar zu besteigen.
Oben angclangt, wird ausgepackt: wie auf Almen lagert man sich aut den schneeigen Marmorsluren mit zwanglosester Selbstverständlichkeit und verzehrt sein Miigcbrachics mit dem gesunden Appetit homerischer .Helden. Stets jevoch blechen sie des Respekts, den sie der Gottheit schulden, so bewußt, daß c-t wohl zu manchem Rausch, aber nie zu irgendwelchen Ausschreitungen kommt. Besonders auch ftir junge Liebespaare ist solch ein Ausslug von tiefster Bedeutung. Gibt es doch, hauptsächlich für die einfacheren Leutchen, keine zuverlässigere Verheißung eines glücklichen Ehestandes, als das Jawort in der unmittelbarsten Nähe ihrer lieber Madonnina zu tanschen.
Niemand darf sich rühmen, das Mailänder Volksleben zu kennen, der nicht wenigstens einmal xino dieser eigenartigen Agapen mitgemacht, ebensowenig wie jemand behaupten dürfe, er kenne den Dom, wenn er ihn nur von außen bewundert.
Aber der Märchenban mit allen seinen Wundern schwindet, sobald man das Auge hinausschwcisen läßt, hin zu der Alpcn- lette, die aus der Ferne in zartesten Farben herübcrlenchtet, über Städte und Flecken, deren Namen — Pavia, Certosa, Novara — uns eine ganze Welt heraufbeschwören. Und fast stets lassen sich die eisgckrönten Gipfel des Monte Biso, Montblanc, Monte Rosa, Mont Cenis, Jungftan, Ortlcr, Generoso und vieler anderer hochragend, deutlich unterscheiden.
Alles in allem läßt sich eine genußreichere, belehrendere und billigere Bergbesteigung nicht denken als diejenige des Mailänder Zauberbaucs -*■ 194 Stufen, und nur rund 20 Pfennig Ein, trittsgcld!
— D i e sämtlichen Lübecker Theaterkritik er haben ihre Besprechungen eingestellt, da die Ortsgruppe Lübeck des Verbandes der Äühncnangestclllen in einer Broschüre gegen sic fc» Vorwurf erhob, die Künstler durch leichtfertige, unfähige Kritik wirtschaftlich zu schädigen.


