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Nr. M

Der Sithener Anzeiger

erscheint täglich, außer Eonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich *ietzener,Sami>!enb!ätter; zweimal wöchenll.ilteis- dlatt für den Urei; Sieben (Dienstag »nd Freilag): zweimal monatl. kand- wirischastliche Seiisragen Fernsprech - Anschlüsse: Inr die Rodaklion IIS, Verlag u. Expedition öl Adresse inr Teveschc»: Anzeiger Gieße«. Annahme von Anzeigen siir die Tagesnunnncr bis vormittags S Uhr.

Erster Blatt ld-s. Zadrgang

GiehenerA

Samztag, y. Mai 1014

Mger

General-Anzeiger für Oberhessen

Rotationsdruck und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei R. Lange.

Bezugspreis:

monatlich75Pf.,vierlel« jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.: dlirch diePost Mk.2. viertel« jährl. ausschl. Bestellq. Zeilenpreis: lokal 15Pf^ auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A. Goetj. Perantivsrtlich für den polit. Teil: Aug. Goetz; für ,tfeiiiflctoii\ .Per- nlischtes" und.Gerichts- faal": Karl 9teurath; für .Stadt und Land":

Redaktion, Lrpcdition und Druckerei: Schulftratze 7. Anzeige',>!eck:'

Die heutige Nummer umfaßt 22 Seiten.

poliKIdic U>odicttfdiau-

Gictzcn, 9. Mai 1914.

Es war nach den Zaberner Vorgängen von besonderem Interesse, welche Stimmung der Reichstag bei der Be­ratung des Militärvoranschlags entwickeln würde. Nun hat inan sich schon vier Tage darüber unterhalten, und des Er­gebnisses dars man sich sreuen. Die bürgerlichen Parteien sind sich einig darüber, daß wir auf unser Heer stolz sein dürfen und daß kein Anlaß vorliegt, der Militärverwaltung das Vertrauen zu entziehen. Mißgriffe werden immer Vorkommen, und wenn die fortschrittlichen Abgeord­neten Müller-Meiningen und Gothein stellenweise einen etwas zu scharfen Ton angeschlagen haben, so schadet dies nichts, denn Kritik darf auch aus diesem Gebiete nicht unterbunden werden. Die Besorgnis auszusprechen, daß der Adel noch immer eine unberech­tigte Bevorzugung genießt, ist ein gutes Recht der Abgeord­neten, und was der Kriegsminister über den ganz be­sonderen wissenschaftlichen Drang der adligen Gardc- ofsiziere gesagt hat, wirkt in dieser bcweislosen Feststellung nicht völlig überzeugeiid. Es scheint wirtlich einganz ver­zweifelter Versuch" des Chefs des Cleneralstabs gewesen zu sein, wenn er die Arbeiten zur Kriegsakademie ohne Namen und Zeichen einforderte und danach fcststellte, daß von der Garde wieder mehr Herren cinbcrufen lvurden. Ta spielen vielleicht doch noch andere Umstände mit als nur der wissenschaftliche Drang der Gardeoffizicrc. Selbstver­ständlich lvar es, daß auch die Soldatcnniißhandlungcn wie­der zur Sprach« kamen; einzelne sehr üble Vorkommnisse erforderten dies, und der Kriegsminister hat ausdrücklich bestätigt, daß es notwendig sei, gegen solche Verstöße weiter anzukümpscn. Das Auftreten des Krirgsministers v. Falken­hayn war im allgemeinen würdig und erfreulich. Er sprach freimütig und mit Humor über seine Unabhängigkeit vom Ches des Militärkabinetts, wußte die Klage des Herrn Müller-Meiningen über angebliche konfessionelle Scheidung bei den Musterungen wirksam zu entkräften und verstand cs vor allem, mit ganz vortrefflichen Vorhaltungen und Gründen den Hetzereien und Uebertrcibungcn der sozial­demokratischen Redner entgegenzutreten. Er hielt ihnen ihre Stuttgarter Jugenderziehungsmethode vor und setzte die sozialdemokratischen Zcrsetzungs- und Unterwühluu.gsver- suche ins rechte Licht. Nun stellt derVonvärts" in Aussicht, eine Stelle der Rede des Kriegsministers werde von der sozialdemokratischen Partei ganz besonders agitatorisch aus­genutzt werden. Herr v. Falkenhayn hat erklärt:Wenn es wahr wäre, daß unser Kultursortschritt es dahin gebracht hätte, daß wir nicht mehr mit demselben Vertrauen auf unser Heer in den Krieg ziehen könnten, mit dem unsere Väter auf das Heer von 1870 sahen wenn das wahr ist verzeihen Sie mir das Wort, d a n n kän n m i r d i e g a n z e Kultur gestohlen bleiben." Er fügte sofort hinzu: Das ist aber nicht wahr", und er bekundete sein Vertrauen, daß alle Deutschen, Sozialdemokraten nicht ausgeschlossen, auch künftig ihren Mann stellen würden. In den Worten des Ministers lag also vielleicht eine kleine Abneigung gegen vereinzelte Seiten unseres Kulturlebens, im ganzen aber bedeutete der Ausspruch ein natürliches und gut klin­gendes soldatisck)«s Belcnntnis. Wir ivollcn die Verfeine­rung unserer Kultur nicht verneinen, aber wir wollen auch die harten Notwendigkeiten nicht verkennen, die uns mah­nen, stolz und wehrhaft zu bleiben. DerVorwärts" bringt den Ausspruch des Rriegsministers in Verbindung mit den allgemeinen Friedcnsidecn und unterstellt dem Minister,

er habe die Kultur verdammen wollen, wenn sie dem ewigen Völkerfrieden sich nähere. Das ist eine sehr willkürliche Verdrehung. Allerdings hat gestern der Kriegsminister sehr nachdrücklich vom Dämon des verschwommenen Weltbürger­tums, von den falschen Propheten der internationalen Ver­brüderung gesprochen. Aber wie steht es denn auch draußen in der Welt? Sind wir demewigen Frieden" näher ge­kommen? Was würde aus unserer deutschen Kultur werden, wenn wir nicht mehr auf der Wacht wären und den äuße­ren Feinden ungerüstet gegenüberständen?

Die sozialdemokratische Agitation wird mit ihren Kün­sten keinen Erfolg haben. Ueberdies hat ja die deutsche Re­gierung vor einigen Tagen im Budgetausschuß des Reichs­tags llar bekunden lassen, wie sie den Friedensbemühungen gegenübersteht. Deutschland wird Mitarbeiten, wenn es gilt, wirkliche, sichere Fortschritte zu machen und die Schrecken der Kriege und ihre Häufigkeit zu mindern. Es trifft sich zufällig, daß auch England jetzt wieder einmal das heikle Gebiet angeschnitten hat. Wir haben jene Rede des Staats­sekretärs Greh über das Seekriegsrecht und die Abschaffung der Kaperei ausführlich wiedergegeben. Auch der englische Minister hat der Welt keine leere Gesühlsduselei vvrge- macht. Er hat vielmehr alles sorgsam erwogen und in An- satz gebracht, lwas England als Marinemacht verlangen und aufrecht erhalten will. Man denkt z. B. in London nicht daran, das Blockadcrecht aufzugeben. Wie steht cs aber mit der Abschaffung des Sceprisenrechtes, der Kaperei? Heute sind bekanntlich im Kriegsfälle auch die Handels­schiffe der gegnerischen Hand preisgegcben. Staatssekretär Greh hat zu dieser Frage in einer mehr vorsichtigen und nüchternen als idealistischen Weise Stellung genommen. Er ist der Ansicht, daß man durch neue Vereinbarungen über deii Begriff der Konterbande zum Ziele kommen könne. Schließlich hat England das allergrößte Interesse daran, im Kriegsfälle ungehindert Lebensmittel einzuführen. England erhebt ferner die Forderung, daß die Kaufsahrtci- schisfc nicht in bewaffnete Sck)ifse verwandelt werden dür­fen. Es scheint, als ob Sir Edward Greh nach den deut­schen Bekundungen über die Förderung des Schiedswesens nicht habe zurückstehen loollen. In der Tat versprechen diese Bestrebungen, ivenn sie im Geiste der letzten deutschen Darlegung erfolgen, wünschenswerte Fortschritte. Also cs ist nichts mit dem Militärstaat, der die Kultur zerstöre! TieGenossen" Schulz, Stückten und Liebknecht haben das Zeitbild sehr verzerrt wiedergcgeben.

Daß die Großmächte es heute noch nicht zuwege gebracht haben, unmenschliche Grmisamkeiten halbbarbarischer Völ­ker zu verhindern oder mit Züchtigung zu bedrohen, das ist freilich traurig und beklagenswert. Nach dieser Richtung sind die Folgen aus den Balkankriegcn leider noch nicht gezogen worden. Wir haben die Schreckensmeldung ver­nehmen müssen, daß im Epirus 200 mohammedanische Al­baner in einer Kirche gekreuzigt und sodann dem Flammen­tod übergeben worden seien. In Valona hat der internatio­nale Kontrollausschuß seinen Sitz, und man hört jetzt von ihm, daß er sich an Herrn Zographos, den Chef der auto­nomen Epirotcn-Regierung, der wohl für die Kreuzigungen mitverantwortlich ist, gewandt hat, um den Ausstand in Güte, durch Zugeständnisse an die griechische Bevölkerung, bcizulegcn. S ch l i m in c r e s zu verhindern, daS ist jetzt das einzige Bemühen der Vertreter Europas, und wir müssen uns damit bescheiden, daß der entsetzliche Massen- mord in der südalbanischen Kirche ohne Sühne bleibt. Kundige Beurteiler der albanisckien Verhältnisse hatten es voransgcsagt, daß inan in Durazzo, dem Regierungssitz des Fürsten Wilhelm, den Forderungen der Auiständifchen am beste» durch Gewährung einiger berechtigter Wünsche ent­

gegenkomme. Man hatte aber dort statt dessen die Hand go ballt und die Mobilisierung von Truppen angeorduet, die unter großer Begeisterung des ganzen Volkes vor sich ge­gangen sein soll. Diese künstliche Bcgeistcrungswcllc hat sich aber als kraftlos erwiesen; die epirotischen Freisck-aren waren der albanischen Gendarmerie überlegen, und sie be- drohen nach einer Meldung der letzten Tage sogar die al­banische Hauptstadt. Tic albauisckw Miliz ließ sich so ohne weiteres nicht aus dem Boden stampfen, zumal die Re­gierung in Durazzo zahlreiche und vielseitige Sorgen hat. Die Finanzen sind zerrüttet, und die Verwaltung ist nock- ganz ungeordnet. Roch herrscht das türkisck-c System, unter dem die Bcvöllcrung seufzt, und die Macht Essad Paschas, des Kriegsministers und Ministers des Innern, der schon einmal eine friedliche Vernrittlung mit dem aufständischen Epirus vereitelt hat, ist verhängnisvoll groß. Der inter­nationale Kontrollausschuß wird fester zugreifcn müssen, wenn Friede und Ordnung wicderhergcstcllt werden sollen. Wenn aber gestern ini Ausschich der österreichisck>eu Dele­gation ein an diesen Dingen so nahe interessierter Poli­tiker wie Graf Bcrchtold die Zuversick-t geäußert hat, daß cs gelingen werde, Ruhe und Sicherheit aus dem heißen Boden des neuen Albanien l-crzustellen, so wollen auch wir, die Sache des Fürsten Wilhelm noch nicht verloren geben. Rach den allerneuesten Meldungen sollen freilich die Epi­roten, um sich für die Verhandlungen einen möglichst gün­stigen Boden zu schaffen, zu neuen Schlägen ausgeholt haben.

ver Kaiftr bei einer Gefechtsübung in den Vogesen.

Karlsruhe, 8. Mai. Der Kaiser hat sich am Freitag morgen mit Gefolge im Sondorzuge von Karlsruhe nach Türk- h c i m begeben, ivährend die Kaiserin in Karlsruhe verbleibt. Der Grofchcrzog geleitete den Kaiser zur Bahn.

Drei A e h r tu , 8. Mai. In Anwesenheit des Kaisers fand heute in den Vogesen zwischen Urbeis und dem Höhenkurort Drei Aehren eine Gebirgsiibung statt, welche der Kommandierende (stcne- ral v. T c i IN l i n g lcitele. Sie endete nach einen! anstrengenden! mehrstündigen Gefecht i» teilweise glacisartigcm Gebirgsgelände mit einem Sturm auf das mächtige Vogescnmassiv la Röchelte. Große Bewunderung erregte ein FliegerderStraß kurzer Flieger st ation, welcher von Kolmar aus trotz der Regen­böen die feindliche Stellung in kriegsmäßiger Höhe erkundete.

S ch l c t t st a d t, 8. Mai. Ilm 2 1 , Nbr traf der Kaiser mit Gefolge im Kraftwagen aus dem Gefechtsfelde bei Evaux kommend, über Rappoltsweilec und Thannenkirch auf der Hohkönigs- b u r g ein. Aus der großen Freiung vor dem Burgportal meldete sich der kaiferliche Statthalter von Elsaß-Lothringen, Dr. von Dallwitz. Ebenso begrüßten hier den Kaiser unter an- dercm Staatssekretär Graf von Rödern sowie der Schloß- hauptmanii der Hohkönigsbiirg, S taatssckrctär a. D. Frei­herr Zorn v. Bulach. Bei dem Rundgang durch die Räume der Burg unter Führung Bodo Ebhards wurde,, besonders die neuen Wandmalereien des Malers Leo Schnug besichtigt. Kurz vor 4 Uhr erfolgte die Abfahrt »ach Schlettjiadt, von wo dio Fahrt nach Braun- fchwcig über Karlsruhe mittels Sonderzugcs gegen 5 Uhr angctreteil würbe. Bor der Hohkönigsburg, über der während der Anwesenheit des Kaisers ein Geschwader aus sechs Straßburger Flugzeugen kreuzte, hatte der Kaiser eine Parade über die elsaß-lotb- ringischenPiadsindcrin Stärke von 700 Mann abgehaltcn.

Die Tauffcierlichkeiten in Braunschweig.

Als woitcre sürftlicho Gäste trafen Freitag abend der Kron­prinz und die Kronprinzessin, Prinz Eitel Friedrich,,Prinz August Wilhelm und Gemahlin und Prinz Oskar mit Gefolge auf dem braunschweigischen Hauptbahnhosc ein.

Die vermiltlung in Albanien.

Paris, 8. Mai. Nach einer anscheinend offiziellen Meldung wird der internationale Konlrollausschuß in Alba­nien folgende Vorschläge zur Lösung der Epi-

von der sozialen Wertschätzung der Arbeit.

Von Adolf Teutcnbcrg -Weimar.

Zu den psychologisch interessanten Erscheinungen auf dem Ge­biet der Wirtschaft, in denen sich zugleich ein artig Stijckckien Mcnschcnnatur aussvricht, gehört die Tatsache, daß sich zu allen Zeiten au gewisse Arbeitsarten der Fluch der allgcnicincn Ver­achtung nebeltet bat, und daß das Volksbcwnßtscin nirgends so untcrschicdlickie Wiwtschätzungcn trifft als gerade da, wo cs nach der Logik seiner Moral ani weitherzigsten sein sollte, nämlich i» den Dingen der beruflichen Tätigkeit. Wer möchte ,es I-eulc wohl glauben, daß einst das vielbesungene und sich so aristokratsich aus­nehmende Tchmicdehandiverk aufs ärgste verpönt war? Daß auch der Ackerbau, der sich nicht mit der Würde des freien Mannes zu vertragen schien und von den Sklaven und Wcibeni ausgeübt wurde, als in, höchsten Grade verächtlich angesehen war? . Und nicht nur aus niedrigster Stuft der Kultur galten solche gesellschaftlichen Vorurteile": man Iveiß, daß das bäurische Gewerbe bis ans den heutigen Tag beim Volk sehr unberechtigterweise nur in recht be- fcheidenem Ansehen steht. Man weiß ferner, daß ini Mittelalter gewisse Gewerbe, so z. B. das Abdecker-, Scharfrichter-, Glaseö gewerbe alsunehrlich" galten, und daß dieunehrlichen" Hand iverker von aller Zunit- und menschlichen Gemeinschaft bis an! das Oanudium ausgeschlossen waren Verachtet ist im Mittelalter wie auch später alle an persönliche Dienstleistung gemahnende Arbeit, desgleichen das Handwerk der Schauspieler, der Tänzer, Gauller usw. welche Mißartung sich ebenfalls bis aus unsere -tage er­hallen bat: der Borbier, der Kellner, der Kammerdiener ist nock, beuizutage kein in seinerStandesehre" ganz wicderhergestellter Mann, und wer in einem Hinterlande eine liebe, altfränkische Tante hat, wird bekrästigcn können, daß man sich da vor dem besten Schauspieler nocki zuweilen gern dreimal bekreuzigt.

heutzutage scheint, trotz aller sozialistischen Ideen, trotz Marx und seiner Gläubigenschar, überhauvt jede Art von Handarbeit für weite Kreise in einem üblen Geruch zu stehen, so wenig das osien zugesianden, so selten es auch mir bewußt werden mag. Tat­sächlich drängt sich, wer das nur einigermaßen kann, in dieHähern", diegeistigen" Berufe hinein: die Uebersüllung im Kaufmanns­stande, in den Fächern der technischen »nd freien Wiisenschasteik bestätigt das zur Genüge. Wie stolz ist doch beute der Hand­werks- oder Bauersmann aus den Sohn, der's bis zum Lehrer ge­bracht oder garauf Geistlich" studiert oder sonst ein erfolgreich Gestudierter" ist. Und man beobachte nur, wie geflissentlich die neuzeülichcn Meister des Handwerks, soweit sie noch übrig ge­

blieben, das Beschäinendc ihres Geivcrbcs: das DandwerkSniäßigc unter allerlei hochtrabenden Titeln zu verbergen suchen. Der Schreiner wird daMöbelsabrikant", der bescheidenste Anstreicher Maler", also sozusagen Künstler, der SchusterBesitzer eines Ateliers für Fußbekleidung" und der Bauer nennt sichOckonom". Es ist, als ob die Schon vor der ehrwürdigen Arbcjit der Hände epidemisch würde, als ob man mit der Beschmutzung der Hände auch seineEhre" zu bestecken sürchtete.

Woher diese tieswurzelnde Neigung, die Arbeit so verschieden einzuschätzen? Man wird die Frage zunächst aus dem Geist der Zeiten zu beantworten suchen und so wenigstens für das Altertum eine Erklärung schnell bei der Hand haben: diesein stand die per- iönliche Freiheit des herrschenden Mannes obenan auf der Tasel feiner Werte alle Arbeit aber, sofern sic nicht, wie die männ­lichen Geschäfte der Jagd, des .Krieges, des Raubes, der Politik, der schönen .Künste und Wissenschaften zugleich den, Trieb nach Herrschast diente und über den Zwang des Daseins sich erhob, war Freiheitsberaubung, und also unwert, unwürdig, unehrenhaft. Mit dem Christentum aber, sollte man glauben, sei ein anderer Begrisl von Freiheit in die Welt gekommen innere Freiheit, Freiheit in der Beschränkung, Freiheit als Pflichterfüllung und Ent­sagung und mit ihm habe sich über alle Arbeit ein Schimmer von dem Glanze der Heiligkeit ausgegossen. Indes, das Unzu­längliche des wirklichen Lebens reicht an die Ideale der großen Neu- schöpser von Sitte urch Sittlichkeit niemals hinan, und die mensch­liche Natur verleugnet sich auch nicht unter der Herrschaft dieser Ideale selbst wenn sich diese Herrsck)aft schon nahezu 2000 Jahre behauptet hat. Das Christentum hat die Stellung zur Arbeit in der Menschheit doch wohl nur theoretisch umgebildet. Zu tief lltzt im Menschen der Trieb nach Unterscheidung, etwas muß er haben, ans das er herabsehcn kann, und so kann er in der Welt die Arbeit nicht als gleichwertig gelten lassen, was der Natur der Sache nach gleichwertig ist.

Gleichwertig ist? Der Natur der Sache nach? Sind wirklich alle die Tätigkeiten, die wir unter dem Sammelnamen Arbeit" zusammenfaisen, der Natur der Sache nach gleichwertig? Sind wirklich keinerlei Qualitätsunterschiede zwischen der me­chanischen Verrichtung des Fabrikarbeiters und der schöoftrischen Tätigkeit des Organisators, des Staatsmannes, des Gelehrten, des Künstlers? Wenn nich^ dann wäre, abgesehen von der ge­schichtlichen Zufälligkeit herrschender und gewesener Anschauungen, eine ungleiche und sehr mannigfaltig sich abstuscnde Wertschäyung der Arbeit doch am Platze? Und es müßte, im Interesse des Küitur- sortschrittes in der Gesellschaft, unsere ängstliche Sorge sein, diesa Unglcichheft als die stärkste Triebfeder menschlichen Strebcns auf-

rechtzucrhaltcn? Fragen, die eine ganze Kette von Problemen nach sich ziehen! Wer möchte -edanvten, siclösen" zu können?

Soviel scheint icstzustehen: die Mannigfaltigkeit der Begabun­gen und Talente liegt im Plane der Natur; die Mannigfaltigkeit der Begabungen und Talente ruft Leistungen hervor, die nicht nur gualitativ unterschieden sind, sondern auch bleibende und vielseitigere oder beschränktere Wirkung tun und endlich auch einen Hähern oder geringern Einsatz von Persönlichkeit erfordern in jedem Betrocht also wertversck jeden sind,. so daß die Wert- untcrscheidung der Arbeit an und für sichnatürlich" wäre. Und in der Tat! Wer möchte nicht den .modernen Chiliastcntranm, der, um die Gleichheit aller mcnlchlichen Arbeit z» dokumontieren, den Minister der Zukunft INI Nebenamt die Reinigung der Straßen besorgen siebt, die Ausgeburt einer ebenso varbariich fühlenden wie unzweckmäßig schallenden Phantasie Hallen? Wer es für wünschenswert ansehen, daß zwischen der genial känst» Icrifcften Produktion oder der angestrengtesten und konzentriertesten Gchirnarbeit und einem ebenso angestrengten Handlangerdienst keinerlei Unterschied mehr gemacht werde? Wie der Mensch nach Unterscheidung strebt, so sind die Menschen aus Unterscheidungen angelegt. So wird jede Arbeit ihren besonderen Grad von Än< sehen wohl immer behalten. Und immer wird cs auch wohl gewisse schmutzige Verrichtungen in der Gesellschast geben, die, ivcil sie niedrig find, auch erniedrigend sein werden, und die, je allgenieiner das Streben der Mensckum nicht nur nach der bcstentlohntcn, son­dern auch nach der ausgesuchtesten Arbeit geht, von den wenigst aualisizierten Exemplaren der menschlichen Gattung, den Parias der Gesellschaft, de»Stumpsesten", wie Nietzsche will, wird verrichtet werden müssen.

Allein, dieses alles zugegeben, so ist damit doch nicht die gegenwärtige, an historischen Ueberlicferungen l-ängcnde soziale Wertschätzung her Arbeit, die auf eine Unterstützung der Hand­arbeit hinausläuft, gerechtsertigt. Es war kein geringerer als Goethe, der durch eines der Werke seines Alters das Evangelium von dem Wert und der Würde der handlichen Arbeit gegenüber der geistigen als vernehmliches Leitmotiv hindurchklingen ließ. Sollte nicht auch unserer von dem Ideal derGeistesbildung" hypnotisierten Zeit ein solches Evangelium nottun?

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Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissen­schaft. Der zuständige Ausschuß der Zweite» Kammer in Dres­den bewilligte für das neue Galeriegebäude eine Million Mark.