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Der Siehener Anzeiger

erscheint täglich, anbei Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich GstßenerHimillenblätttr;

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Erstes Statt

M- Zahrgang

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Donnerstag, 30. April

Die heutige Nummer umfaht 10 Seiten.

Die Zrie-ensvermittlung in Mexiko.

BudgctcmSsch»ß des Reichstags hat Staatssekretär b. Ja go w eine Erklärung über die Lage in Mexiko und die Stellung des deutschen Rciclses dazu abgegeben (Siehe - Blatt.) Natürlich haben wir dadurch absolut nichts Er­schütterndes über die Ursachen der mexikanischen Wirr­nis, noch über die Kriegslage oder die künftigen Aussichten vernehmen können. Ter Staatssekretär ist über alles das genau >o im Ungewissen, wie das grosse Publikum. Köst­lich ist ein Satz in dem halbanitlichen Bericht; Tic Be­hauptung, das; Erdölintcresscntcn ihre Hand im Spiele haben, hat auch der Staatssekretär in den Zei­tungen gelesen, er permochte sic aber nicht nachzu- Piiifen. Sb es nun gerade nützlich war, diese Ahnungs­losigkeit der Regierung der Lesscntlichkcit so unumwunden Preiszugeben, ist etwas sraglich. Herr v. Jagow erklärte noch, die Regierung habe immerdar gewünscht, daß im Interesse der Deutschen in Mexiko und ihrer Unternehmun­gen recht bald wieder Ruhe und Ordnung eintretcn möge. Das ist ein bißchen selbstverständlich. Trotzdem kann man mit dem wenigen, das die deutsche Regierung bei den Wirren^ zu tun vermocht hat, zufrieden sein. Wir haben zum Schutzdienst zwei kleine Kreuzer an der mexikcv- nisäien Küste, und der Konimandant des einen Schiffes, der Dresden", hat dein Ansehen des deutschen Reiches durch sein entschiedenes Eintreten für amerikanische Flüchtlinge, die er vordem Pöbel in Tampico rettete, einen guten Dienst geleistet. Staatssekretär Bryan hat dem deutschen Botschaj- 1er in Washington für diese Tat bereits Dank abgestatteti Unser gehobenes Ansehen tonnten wir denn auch, wie Herr v. Jagow erklärte, dazu benützen, vorsichtig vermittelnd zu wirken, und die Schritte der südaincrikanischen Republiken werden von Deutschland unterstützt. Im übrigen hat Herr v. Jagow recht; Tic Haltung Deutschlands muß neutral sein. Nur für den Grundsatz der offenen Tür wollen wir eintreten. Aus den heutigen neuesten Meldungen ist aber leider noch keinerlei Aussicht zu entnehmen, daß rin Krieg verhindert werde. DerWaffenstillstand", dessen man sich heute freut, wird kaum von langer Dauer sein. Tie Friedensvermitbler haben sich, obgleich sie optimistisch sind, doch einstweilen nur vertagt. Wir erhalten folgende Meldungen: »

Washington, 29. April. Die Friedensver­mittler waren gestern zusammen und vertagten sich erst heute früh Ueber das Ergebnis haben sie sich nicht geäu­ßert, doch schienen sie optimistisch gestimmt.

Der brasilianische Botschafter teilte Staatssekretär Brhan mit, daß der nächste Schritt der vermittelnden Mächte dahin ziele, einen W a s s e n st i l l st a n d zu erwirken.

Washington, 29. April. Carranza hat den ver­mittelnden Mächten erklärt, er sei bereit/ die Vermittlung anzunchmcn und über den Gegenstand zu verhandeln.

El Paso, 29. April. Wie aus Chihuahua berichtet wird, sind Villa und Carranza überei,igekömine», daß, die Rebellen mehr Zuschauer in den mexikanisch-ame­rikanischen Wirren bleiben sollen, außer wenn das Gebiet der Rebellen angegriffen werde.

Eagle Paß, 29. Avril. Die Vorhut der Rebellen be setzte Piedras N e gra s. Ter Befehlshaber der Bundes­truppen Guajardo ist an seinen Wundön gestorben. Ter Anführer der Rebellen erklärte, er werde heute bei seinem Einzüge die amerikanische Flagge salutieren.

F» Veracruz

ist eine amerikanische Zivilregicrung eingesetzt ivorden. Ter Amerikaner Robert I. K e r r hat die Regierung über­nommen.

Washington, 29. April. Wie Kontreadmiral Flct- ch e r meldet, sind gestern abend 109 Amerikaner und 28 an­dere Ausländer aus dem 'Binnenlande in B e r a c r u z ange- komnicn. So gut wie alle Ausländer in der Nähe von Du rango und Torreon haben das Land verlassen. Zwei von dem britischen Gesandten bestellte So n Verzüge, welche die englische und die amerika,rische Flagge führten, verlie­ßen gestern abend mit Flüchtlingen die Hauptstadt. Unter­wegs. nehmen sie noch weitere 600 Flüchtlinge auf. Bundes­truppen u,ch sechs Vertreter der verschiedenen Gesandtschaf­ten begleiten die Züge. Ein britisches Kriegsschiff in P u e r t o M e x i k o wird bis zur Ankunft der amerikanischen Transportschiffe den Schutz der Flüchtlinge übernehmen. Die Hauptstadt war gestern ruhig. Seit Sonntag sind keine Kundgebungen vorgclömmen.

Erschießung gefangener Amerikaner?

Beracruz, 28. April. Nach einer Meldung, die noch der Bestäligung bedarf, sind wieder sechs Amerikaner aus dem Gefängnis von Cordoba genommen und erschos­sen worden. Ein Anierikaner soll in Casa Malenpan ge­tötet worden sein.

Tampico durch Ansammlungen von Oelmengen gefährdet.

Washington, 29. April. Tie Stadt Tampico ist infolge der Ansammlung riesiger Oelmengen in den großen Bohrlöchern nahe bei der Stadt sehr gefähr­det. Das Staatsdepartement hat daher die in der Nahe stehenden Konstitutionalisten ersucht, zuzustimmen, dieses Gebiet für neutral zu erklären. Die englische Gesandtschaft in der Stadt Mexiko bemüht sich, Huerta zu veranlassen, die Maßnahmen zum Schutze der Stadt zu unterstützen.

Hochzeit im Hanse Huerta.

Präsident Huerta verfügt über ein nicht eben gewöhn­liches Maß von Kaltblütigkeit, die durch nichts zu erschüttern ist. Das bezeugte erst in diesen Tagen wieder die behäbige Ruhe, mit der er die Hochzeit seines Sohnes Viktor, der den Rang eines Majors in der mexikanischen Arme« be­kleidet, mit Fräulein Concepcion Hermandez unter Entfal­tung allen standesgemäßen Pomps feierte. Während sich Mexikaner und Amerikaner blutige Kämpfe liefern und das Land von der feindlichen Invasion bedroht ist. setzte sich der Präsident ganz gemütlich an den Schreibtisch und fertigte die Hochzeitseinladungcn an das diplomatische Korps aus. Tic Herren der verschiedenen Gesandtschaften hatten aus­nahmslos der Einladung entsprochen, aber das Erstaunen der Hochzeitsgesellsäiaft war begreiflicherweise nicht gering, als man als einzige Dame des diplomatischen Korps Frau OShaughnessy, die Gattin des amerikanischen Gesandten, das Haus des Präsidenten betreten sah, die man unter den derzeitigen Verhältnissen am wenigsten hier erwartet hatte. Mit Nonchalance beivcgte sich die Amerikanerin unter den

Hochzeitsgüsten und, als diese sich zum Zuge ordneten, er­griff sie den Arm eines ob dieser Auszeichnung wenig er­bauten höheren mexikanischen Offiziers, schritt im Zuge mit zur Kirche und nahm dort mit der harmlosesten Miene von der Welt zur Seite von Frau Huerta Platz. Nach vollzogener * Trauung trat sie >vie die anderen Gäste an das junge Paar heran, um diesem wie den Brautcltcrn ihre Glückwünsche auszusprechen.

Au» Hessen.

Ans dkm Finanzausschuß.

rb. T a r in st a d t, 29. April. Ter Finanzausschuß der Zweiten Kammer trat beute unter dem Vorsitz des Ahg Tr. Osann wieder zusammen und schritt zunächst gemäß den Bestimmungen der land­ständischen Geschäftsordnung zur Wahl eines Schristsührcrs und dessen Stellvertreter. Als solche wurden die Herren Abg. Dr. Weber und Henrich bestimmt. Dann wurde in die Tagesordnung eiuge treten und die Vorstellung der Allg. Radsahrcr-Union, der Bürger­meister und des Deutschen Radsahrcrbuiides über die Besteuerung der Fahrräder, welche die Kammer bereits bcschästigtc, aber an den Ausschuß wieder zurückvcrwi^en wurde, erledigt. Ter Ausschuß be barrle indessen aus seinem srüherc» Beschlüsse, daß eine Aenderung, der jetzigen Sätze und der veranlagten Personen nicht statttindcn kann, weil hierdurch die Stcmvclcingängc sich verschlechtern könnten.

Tie Vorstellung der Straßcnwärtcr über dciinitivc Anstellung muß vorerst iür erledigt erklärt werde», mit Rücksicht aus die Neu bearbeitung der allgemeinen Bauordnung, mit welcher auch die Dienstverhältnisse dieser Beamten geklärt werden.

Der Antrag von 26 Mitqlieocrn der Ersten Kammer, betr Abänderung des G c m e i n d e u m I a g c n g e s c tz e s lwt die Znstinrmung der Regierung soweit geinnden, daß cilze Vorlage gc- scrtigt werden soll, in welcher insbesondere die Verhältnisse zwi­schen Ertrags- und gemeinem Wert bei bebauten und unbebauten Grundstücken klar gelegt werden soll. Diese Vorlage wird der Kam­mer in 14 Tagen gedruckt zugehrn, und cs wird beschlossen, den Antrag der Ersten Kaimncr bis zum Eingang der Regierungs­vorlage für erledigt zu erklären. Dann wird Gelegenheit gegeben sein, die Frage der Gemeindcbesteucrung, in Bezug aut den Er­trags-, den Mittel und den Gemeinen Wert im Plenum der Kammer zur Verhandlung zu bringen.

Ter Finanzausschuß stinrmi weiter der Vorlage zu, betr. die Staatsbeihilse an die Gesellschaft für Auto-mobilbctricb Wein- Heim- Trösel von je 25000 Mark jür das Jahr 1913 11

Bei Beratung der Regierungsvorlage, betr. die Förderung der Kras twa gen l i n i eit wurde die Grenze des Zuschusses mit höchstens Vs des Betrages, um den die Betriebs- und son­stigen Einnahmen in einem Jahre hinter den Betriebskosten zurückbleiben, für zn gering erachtet. Ter Ausschuß ist dafür, die Grenze auf die Hälfte scstzusttzen, auch sollen nicht nur solche Linien, .welche das ganze Jahr IN Betrieb sind, sondern auch die sog. Saisonlinien die Staatshilst erhalten. Bet Art. I Abs. 2 entsteht ebenfalls Widerspruch und es soll nochmals mit der Re­gierung verhandelt werden.

Der Vorlage der hessischen- technischen Lehrer­innen über einheitliche Regelung der Gehaltsbezügc der Hand arbcitslehrerinnen steht die Regierung ablehnend gegenüber, weil die allzugroßc Verschiedenheit in den einzelnen Orten eine all­gemein« Regelung nicht ermögliche, und erst >ni Jahre 1909 die Regelung soweit wie möglich crsolgl war. Der Ausschuß schloß sich der Regierung an. Der Vorstellung des B o l k s l i c d e r v e r - eins Franksurt, betr. einen Staakszuschuß zu den Theater­vorstellungen des Rhein-Main-Vcrbandcs soll dahin stattgcgcben werden, daß auS dem Betrage des Fonds iür all­gemeine und gemeinnützige Zwecke aus dem nächsten Staatsbudget dem Verband entsprechende Bcihilsc zugesührt werde» soll. Be­stimmte Summen konnte der Ausschuß nicht sestsetzcn. Nächste Sitzung Donnerstag.

Mn-erideale.

Eine umfangreiche Untersuchung über Kinderideale hat der Münchener Forscher Tr. Heinrich Mayer mit Unterstützung zahl­reicher Lehrer und Lehrerinnen an 3600 Schülern und Schüle­rinnen städtischer Volksschulen in München und oberbayerischcn Landschulen ausgesüh'lt. Aus den Antworten der Schulkinder aus eine Reihe von Fragen ist iestgcstcllt worden, in welcher Richtung sie im Lause ihrer Entwicklung ihre persönlichen Ideale, die ihres Berufes, ihrer Lektüre und ihrer Freundschaft suchen, und das Er­gebnis dieser gründlichen Untersuchung, einer für Eltern und Er- zieher gleich wichtigen, experimentell-pädagogischen Studie, er­scheint soeben in Buchsorin im Verlage der Jos. Köstlichen Buch­handlung lKemvten und München) unter dem Titel.Kinderideale". Der Inhalt eines besonders fesselnden Abschnittes sei hier heraus- gegrissen; welche Ideale entnehmen die Kinder aus der Geschichte, aus der Sagenwelt und aus der Kunst?

Im vierten Schuljahre werden solchegeschichtlichen" Ideale, wie sie hier genannt werden mögen, nur selten genannt, erst vom fünften Schuljahr an treten sie häufig aus. Tie folgenden Angaben beziehen sich alle aus diese Zeit vom 13. bis zum 16. Lebens­jahre. Die Einwirkung des Lehrplanes läßt sich in Mayers Zu­sammenstellungen deutlich erkennen, denn in der^ö. Klasse werden die Germanen, Hermann und Siegfried, als Ideale erklärt, im sechsten Schuljahre Rudolf von Habsburg, Kaiser Ludivig nnd und Dürer, im siebenten Friedrich der Große und Navoleo», »nd allmählich treten auch die Klassiker in pe» Vordergrund. Von den Knaben wurden Karl der Große und Hermann am häuiigsten, näm­lich je 19 Male, als Ideale angeführt; weiter kommen Schiller (17), Siegfried (15), Napoleon 14-, Teil und Goethe (11), dazu Schiller und Goethe" (einmal), Bismarck und LudwigII. (l0, Friedrich der Große <91 »nd Dürer (7). Tic meisten anderen Ideal- geslalicn werden nur 2 oder I mal genannt. Bei den Mädchen steht als Idealgestalt obenan Tckiiller 19 mal) (nebenSchiller und Goethe" 2 mal', dann kommt die Königin Luise (10, Maria The­resia >7), Goethe (6) und Dürer 15). Vergleicht man die Antworten der Knaben mit denen der Mädäwn, so fällt einem der Unter­schied in der Anzahl der Idealgestalten auf: bei den Knaben fin­den sich 5,4 verschiedene Namen, bei den Mädchen aber nicht 75, die ihrer Zahl entsprächen, sondern nur 30. Tic Knaben finden also überhaupt um das 2'/,lache mehr historische Idealgestalten, als die Mädchen. Noch mehr steigert sich dieses Mißverhältnis, wenn man die Kinder zählt, die diese Ideale gewählt haben; 191 Knaben und 84 Mädchen. Man kann sagen, so meint Mäher, ha-- Interesse der Knaben für historische Personen ist dcm der Mädchen um das dreifache überlegen. Er verweist dabei au» ähn­liche Ergebnisse, zu denen andere Forscher gelangt sind. Während sich unter den 75 hisloriichen Namen der Knaben nur eine ein­zige Frau bestndct, nämlich die Königin Luise, bestehen die 30 histo­rischen Namen der Mädchen fast durchaus aus Männern; nur acht weibliche Gestalten sind darunter zu finden; nämlich Königin An­

toinette, Isabclla Braun,eine Germanin", Königin LulscTus- nclda, Iphigenie, Maria Theresia und Gertrud, die Frau Stauf- sachcrs. '

Außerordentlich fesselnd sind die Gründe, die die Schulkinder sür die Wahl ihrer Idealgestalten angegeben haben. Im 5. Schul­jahre ist Hermann das Ideal der Knaben, weil er lavier, ein Held, ein tapferer Osstzicr war, weil er die Römer besiegt hat, weil Hermann große Siege gewonnen hat und viel Ehre; denn er ist überall bekannt geworden und ich möchte seinesgleichen sein". Karl der Große ist das Ideal, weil er (5. Schuljahr) tapfer, klug iind geschickt ist, weil er (6. Schuljahr) gute Eigenschaften gehabt hat, mächtig, mutig, gescheit und gereck>t war, und <im -8. Schul­jahr) weil er eine große Gestatt und tapfer sowie mächtig ist. Mädchen wählen ihnn 7. Schuljahr) zum Ideale, weil er das Christentum verbrcilet hat oder weil er ein Herrscher und berühmt war. Siegsried ist das Ideal der Knaben lim 5. Schuljahr , weil er kräftig, stark, tapscr usw. ist und Tell ist lim 8. Schuljahr) das Ideal, weil er tapfer und vaterlandsliebend, kühn, hilireich, treu ist,nd weil man viel von ihm redet. Schiller ist das Ideal der Knaben (im 8. Schuljahr), weit er ein Dichter ist, ein Dichter nnd berühmt, ein Dichter nnd gescheit; gescheit, berühmt und be­liebt undwegen seiner Dichtkunst und seines interessanten Lebens­laufes". Bei den Mädchen, deren häusigstc Idcalgestalt er ist, werden solgende Gründe angegeben lim 4. Schuljahr); Dichter, dann wäre ich in der ganzen Welt berühmt und dürste am königlichen Hos leben. Dichter, einfach, demütig und sromm (6. Schuljahr). Im 7. Schuljahr tauten die Begründungen; ein großer Denker, oderam allerbesten gefällt mir von Schiller, daß er in der Rokoko- zcit die dcuiiche Sprache verwendet hat »nd nicht die sranzösische". Bei den ältesten der befragten Schulkinder ist die Begründung wegen seines Ersindnngsgcistcs und seiner Tugend".

*

Max HalbesFrcihci t". Aus Berlin wird uns geschrieben; Hier hilft kein Wunsch zn milder Beschönigung, ehr lich muß cs ausgesprochen iverden; lange ist >es her, seitdem zulctzt die Leitung eines großen Berliner Theaters die Hand zur Aus- sührung eines so peinlichen Werkes reichte, wie dieses Schauspiel F r e i h e i t" von M ax H a l b e cs ist. Tie Kainmerspiclc des Deutschen Theaters machte), sich am Dienstag dieser unerklärlichen Verirrung schuldig. Patriotische und deutscl>e Ge- fühle mögen cs gewesen sein, die dem Dichter derJugend" die Feder führten, als er dieses Stück schrieb; doppelt bitter, wenn aus so fruchtbarem Boden to große künstlerische Ohnmacht wucknrt. Im Munde redseliger Marionetten, die mit grober Hand nach dcm Tchwarz-Wciß-Prinzip gemalt sind, wirken diese Worte vater­ländischer Begeisterung als leblose Phrasen und nur schwer über­windet man das bedrückende Gesühl, daß hier Erhabenes nnd Großes mißbipucht ward, um einen Theaterabend zu süllcn. 1812, Napoleon zieht nach Rußland. Ein junger Schwärmer, cin Tugend- bündler, zetteil Verschwörungen gegen Napoleon an. Ein kalt­herziger Tanzigcr Senator, ein Anhänger Napoleons der Ver­

fasser dachte hier an ein kleineres Gegenstück zu dcm großen Korsen - vcrsolgt ihn und bringt ihn vors sranzösische Kriegsgericht. Allein dieses Senators Sohn, ein schwacher, redseliger Träumer, ist Freund des Konspirators; und gerät nun mit in des Schicksals Mühle. Ta gibt der Vater, um seinen Sohn zu retten, beide zum Tode Verurteilten frei. Das wäre der Kern der Handlung. Um sie herum gruppieren .sich allerlei Neben­figuren, ausnahmslos Opfer des napoleonischen Danziger Se­nators; ein alter Herr, der einst reich war und durch den Verrat des Senators arm und zum Philosophen ward, eine »atürlichse Tochter des Senators, die von einer gewissenlosen Mutter der französischen Soldateska als Beute geboten wird und schließlich bei dem Versuche, den Pulvertnrin zu sprengen, als Opfer fran­zösischer Kugeln fällt. Französisckic Offiziere, die Nicht mehr Menschen, sondern wahre Bestien an Fühllosigkeit sind. Und in mitten von diesem Chaos lebloser Puppen nur ein in iran- zösischc» Diensten stehender bayrischer Ossizicr trägt incnfd>lid>c Züge und macht Max Halbe keine Sck-ande fallenUN die großen Worte, die in solcher Atmosphäre wesenlos bleiben müssen. Ein schmerzlicher ?lbend, der nichts hintcrläßt als das Ttauncn darüber, daß dieses gutgemeinte und so trostlos miß­glückte Werk zu einer Aufführung angenommen werden konnte. Man hat Max Halbe, aber auch der Vaterlandsfreudigleit damit keinen guten Dienst erwiesen. i

Von dcrWcltailsstcllüng in SanFranzisko. Tic Arbeiten an den zahlreichen stattlichen Gebäuden, die die Weltausstellung zu Ehren der Erössnung des Panamakanals in, Jahre 1915 aufnchmen sollen, machen schnelle Fortschritte. An­fang April waren sechs von den Ricstnpalästcn bereits vollständig fertig, und von dem Maschinengcbäudc, dem größten in der Aus­stellung, waren die Gerüste schon entfernt. Ter Palast der sreien Künste und der Palast der I,mieten sind die einzigen wichtigen Gebäude, die noch nicht im weseutlichen fertig sind. Viele von den Staaten, die aus der Ausstellung vertreten sein werden, sind auch in der Vorbereitung der Dinge, die sie zeigen wollen, weit gediehen. Eine Armee von 5000 Handwerkern ist aut hem Ge­lände am Werke, so daß man mit allen wichtigen Arbeiten bis zum September dieses Jahres fertig zu sein hofft. 'Besonders umiasscnd gehaftet sich natürlich die Ausstellung der Regierung der Vereinigten Staaten, die jedes Gebiet ihrer Betätigung an­schaulich vorführcn will. Auch die privaten Körperschaften sind in ihren Vorarbntcn nicht weit hinter den Regierungen zurück. Die Union Pacific Railrvad Hot ihre Arbeit an einer realistischen Wiedergabe des Vellowstone-Rationalparks, eines der großenNatur- wunder in den Vereinigten Staaten, begonnen, die eine der Hauvt- sehenswürdigkciten der Weltausstellung werden soll.

Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissen- schast. Der 3. Internationale Kongreß für Ge­werbe I r a n k h e i tcn findet in Wien vom 21. 26. Septem, der 1914 statt.