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Nr. 96

Zweiter Blatt

*64- Jahrgang

Erschein, täglich mit Ausnahme de? Sonntag?.

Die«ießener Zamilienblätter" werden dem »Anzeige," viermal wöchentlich beigelegt, da? Lreiibtatl fttr den Kreis Hießen" zweimal wöcheuüich. Diekandwirlschastlichen Seit­fragen erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Vberhejsen

Samstag, 25. April *9*4

Rotationsdruck und Verlag der Brühlffchc» Universiläts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» straße 7. Expedition inid Verlag: e^j>51. Redaktion: ^48112. Lel.-Ad>.:An,eigerG,eßen.

Zeitungskritik und Opernaussührungen in Gießen.

In Nr. 77 unseres Blattes haben wir vor einiger Zeit ein Feuilleton von Geheimrat Prof. Tr. Krüger vcröffent- licl,t, der mit großer Sachkenntnis ausführlich die Aufgaben kritischer Tätigkeit besprach, daraus hiuwics, daß nur frei­mütige Kunstbesprechungcn ifjrcit Zweck erfüllten und an- deutcte, daß hier in Gießen dem Kritiker sein Amt nicht immer leicht gemacht würde. Zivar mache die Kritik nicht dem Publikum, dagegen den Männern Sorge, denen die öffentlichen Peranstaltungcn auf dem Gebiete der Kunst an­vertraut sind. Herr Geheimrat Krüger erwähnte auch die Opernga st spiele des Tarnistädter Hof­

theaters und empfahl in der Erwägung, daß wirvon der Gnade der Darmstädter" abhängig seien und diese von Kritikverschnupft" werden könnten, von weiteren Kriti­ken gegebenen Falles ganz abzusehen. Wir müssen heute auf diese Tinge ausführlicher zurückkommen und unseren Lesern mitteilen, daß wir uns veranlaßt gesehen haben, künftig von Besprechungen der

Opernvorstclluirgcn des Theaterve'reins in der Tat abzusehen Ter Tatbestand ergibt sich ans folgenden Vorgängen: Geheimrat Fromme war dazu ge schritten, in einer vertraulichen Versammlung, aus Grund eines Schreibens des tzofthcatcrintendanten Tr. Egcr, die F i g a r o" -B c s p r e ch u n g unseres Musikreferenten zu beanstanden und Abhilfe zu beantragen. Nach dieser Vorbesprechung sollten die leitenden Herren desGie- ßener Anzeigers" gleichsam als Angeklagte in einer weite­ren Sitzung erscheinen. Daraus hat der Verleger unseres Blattes, Herr Lange, folgendes Schreiben an Herrn Ge­heimrat Fromme gerichtet:

Gießen, den 7. April 1914. Herrn Geh. Hosrat Professor Tr Fromme

Vorsitzenden des Theater-VcreinS

Gießen.

Sehr geehrter Herr Geheimrat!

Sie haben den Wunsch geäußert, mit uns und in Ge­meinschaft mit den Herren Gehcimrat Krüger und Justiz­rat Grünewald über die Besprechungen der Spernvorstel- lungen weiter zu verhandeln. Ich teile Ihnen hierdurch mit, daß wir Ihrer im Gespräch mit Herrn Will geäußerten Anregung im Hinblick auf bestimmte Feststellungen und Umstände folgen und künftig auf die Besprechungen der von Ihnen veranlaßten Opernvorstellungen verzichten wol­len, solange Sic ^>ei beharren, daß die bisher im Gieße- ner Anzeiger geümc Kritik ungerechtfertigt und zu schroff oder unhöflich gewesen sei. Den Grund unseres Verhaltens müssen wir natürlich zum gelegenen Zeitpunkt unseren Le­sern mitteilen. Mit dieser Entschließung unseres Blattes entfällt vorläufig wohl die Notwendigkeit zn weiteren ge­meinsamen Besprechungen, und ich bitte Sie, Herrn Ge­heimrat Krüger und Herrn Iustizrat Grünewald von die­sem Briese freundlichst Kenntnis geben zu woflen.

Da ich mir Bedauern gehört habe, daß Sie am Sams­tag in einer eigen? eiuberufencn Verjainmlung, nicht nur mit dem Vorstand des Theater-Vereins, über die uns be­rührenden Meinungsverschiedenheiten streng vertrau­lich verhandelt haben, ohne uns Gelegenheit zu geben,den Verhandlungen beizuwohnen und unseren Standpunkt zu vertreten, so gestatte ich mir, zur Be­gründung unserer Entschließung die nachfolgenden Fest­stellungen zu machen, die jetzt und künftig die Rechtferti­gung unseres Verfahrens dartun sollen, zu deren Veröffent­lichung wir aber im Interesse der Gießencr Kunstpflege und des Ansehens des Darinstädter Ensembles nur im äußersten Notsafle hcrantrcten könnten

Den Gegenstand Ihrer Beschwerde bildete die Be­sprechung derFigaro"-Aufführnng, die in unserer Nr. 60 vom 12. März d. I. erschienen war. Gelegentlich eines Ge­spräches mit meinem Prokuristen, Herrn Will, am 23. März, brachten Sic Beschwerden über Schädigungen vor, die diese Art der Kritik zur Folge habe, und aus näheres Befragen übergaben Sie folgenden Brief, der Ihnen als Antwort auf Ihr Begleitschreiben zur Einsendung unserer Besprechung von, Intendanten, Herr» Tr. Eger, zugegan- gen war:

T arm stabt, den 16. März 1914.

Sehr geehrter Herr Gehcimrat!

Die Kritik imGießener Anzeigcr" in eine derartige, daß ick, doch mit einem Wort auf dieselbe zurückkommen muß. Das Ensemble unseres Hosthealcrs ersrcut sich nicht nur in Darmsladt, sondern auch außerhalb eines io guten tünsttcrischen Rufes, daß wir es wohl nicht nouvendig haben, uns bei Gastspielen Unhöslich- kciten sagen zuWasscn, die immerhin nach außen hin schädigend wirke». Die Gcneraldirektion hat unter diesen Umständen recht wenig Lust, im nächsten Jahr wieder mit ihrem Ensemble nach Gießen zu kommen Ich bin überzeugt, daß es dem Theater- komitce ein leichtes sein wird, ein anderes Opcrnenscmble zu ge­winnen, das den Ansprüchen der Gießener Kritik mehr entspricht.

Hochachtungsvoll

Dr. Eger.

Sie waren der Ansicht, daß etwas zur Klärung und Abhilfe geschehen müsse, indem Sie den Brief aus der Hand gaben, damit das weitere neranlaßl würde, ?fls Herr Will am selben Tage aus dem Munde des Herrn Th. Haubach erfuhr, daß dieser von dem Briefe des Intendanten durch Sie Kenntnis erhalte» habe, und als Nachteile für das Unternehmen zu befürchten waren, das er pflichtmäßig zu vertreten berufen war, ließ die Redaktion, wie Sie wissen, folgendes Schreiben an Herrn Dr. Eger ergehen:

Gießen, 25. März 1914. 2fn den Intendanten des Großh. Losthcaters und der Hofmusik Herrn Tr. E g c r

D a r m st a d t.

Sehr geehrter Herr Intendant!

Dir^haben Kenntnis erlangt von dem Briefe, den Sie unter dem 16. d. Mts. an Herrn Gehcimrat Fromme gefichtet haben. Da dieses Schreiben in erster Linie sich mit unserem Blatte be­saßt möchten wir die ergebene Anfrage an Sie richten, welchh Absicht Ihr Brief an Herrn Geheimrat Fromme versolgt hat. Sic haben oouUnhösiichkcitcit" gesprochen, die unser Blatt den

Darmstädtcr lffastspielen gegenüber zum Ausdruck gebracht I>abc: wir ersuchen Sie höslichst, sich im einzelnen darüber äußern zu wollen, woran Sic Anstoß genommen haben.

Hochachtungsvoll Redaktion des Gießener Anzeigers A. Goetz.

Dieses Schreiben war notwendig, da die Redaktion durch Umfragen sestgcstcllt hatte, daß die Kritik in sachver­ständigen .Kreisen keinerlei Anstoß und Tadel, sondern fin Gegenteil Anerkennung >ür ihre zutreffenden Anssührungcn gefunden hatte. Eine Aussprache mit dem Herrn Inten­danten war unumgänglich, da wir ihn überzeugen wollten, daß er einsettig unterrichtet sei und vonÜnhöflichkeiten" in unserem Blatte nicht die Rede sein könne.

Die erwähnten Umfragen bei sachverständigen Män­nern, die derFigaro"-Äufsührung beigewohnt hatten, konnten uns nur darin bestärken, alles zu tun, um den Kritiker, der unser Vertrauen besaß, gegen ungerechte Bor- würfe zu decken. Auch Herr Oberregicrungsrat Dr. Platz, der zwei Jahre lang für uns die Musikkritik ausgeübt hatte, vertrat aflcs, was über dieFigaro"-Ausführung der Darmstädter Gäste gesagt worden war. Wir geben diese Gutachten hier dem Wortlaut nach wieder:

Gießen, 23. März 1914.

Sehr geehrter Herr Neurath!

Gerne komme ich Ihrem Wunsche nach, Ihnen meine Ansicht über die jüngste Figaro-Ausführung lGastspiel des Gr. Hosthealers, Darmstad» mitznteilen. Mit dem besten Willen könnte ich diese Aufführung als eine gelungene nicht bezeichnen!

Mozart gut singen, gehört überhaupt zu den schwierigsten Aufgaben, und leider gibt cs nnr wenig Sänger und Sängerinnen mehr, welche den graziösen Feinheiten dieses Stils völlig ge­wachsen wären: entschuldigt mag das ja dadurch werden, daß die Künstler durch die moderne dramatische Musik auf wesentlich andere Aufgaben eingestellt und in ganz andersartiger Technik cingeschult sind. Dies kann aber nicht abhaltcn, einen Maßstab anzulegen, der dem Meisterwerk Mozarts einerseits, wie dem künst­lerischen Range de? Darmstädtcr Hoitheatcr? anderseits angemessen ist die Hochachtung vor Beiden verbietet einAugen,udrückcn", wie es etwa bei manchen Dereinsveranstaitungen angebracht sein mag.

Ich habe freilich auch aus anderen hochstehenden Bühnen noch keine vollkommen befriedigende Aufführung des Figaro erlebt und so war mir? gleich von vornherein zweiselhast, ob die Wahl des Stückes für das Gastspiel eine glückliche sei.

Der Verlauf Hai auch meinen Zweifeln Recht gegeben und ich kann, der Kürze halber, mich nur aus die in Ihrem geschätzten Blatte erschienene Kritik (bie mir auch in der Form nicht zu schars schien) in allen wesentlichen Punkten einverstanden erklären, hvchaüßungsvollem Gruß

Ihr ergebener

Dr, Platz,

Gießen, den 24, März 1914, Sehr geehrter Herr Neurath!

Allem zuvor muß ich erklären, daß ich im Interesse unseres Musiklebens in Gießen die Opernvorstellungen der Darmstädter Bühne stets auf das Lebhafteste begrüßt habe. So hatte ich anch an der neulichen Aufführung des Figaro große Freude, Ich bin ein so bedingungsloser Mozartverehrer, daß ich jede Gelegenheit willkommen beiße, die einem größeren, bildungsfähigen Publikum den Genuß Mozarth'chcr Opernmusik vermittelt. Darum bin ich auch ein schlechter Kritiker. Dem Schlußsatz der Kritik imAn­zeiger", der es zu mißbilligen schien, daß man den Figaro so­zusagen als Abstecher-Over benutzte, kann ich keinesfalls zu­stimmen, Die Mission, die das Darmstädtcr Ensemble neulich übte, war unter affen Umständen verdienstlich. Wie viele, auch musikalisch aebildete Menschen haben ha wieder schöne, sic innerlich erhebende Stunden verlebt!

Stellt man diesen Gesichtsvunkr voran, so ist man von vorne herein gewillt, gegenüber gewissen Unebenheiten der Aufführung sein Obr zu verschließen. Rufe ich aber den Kritiker in mir wach (und ich bemerke, daß ich den Figaro auf weite Strecken fast aus­wendig kenne», so kann ich nicht leugnen, daß mir die Ausführung neulich nicht auf der Höhe Darmstädtcr Leistungen an anderen Abenden, die mir wohl im Gedächtnis sind, zu stehen schien. Das galt gleich oon der Ouvertüre, die überhetzt war, fast Vr Minute zu schnell gespielt, sie soll rund 4 Minuten dauern, so daß gewisse Einzelheiten nicht mehr zur Geltung kamen. Er galt weiter von der Gräfin, die gleich beim ersten Auftreten unerfieulich detonierte und ihre Rolle viel zu tragisch spielte. Es galt mich von dem tech­nisch nicht einwandfreien Vortrag der Arien Chernbins. Sicher fehlte auch manches im slotten Zusammenspiel, und Mozort'sche Grazie kam nicht überall zum Vorschein. Wenn ich Ihren Kri­tiker recht verstand, so hat er auch nicht viel Anderes sagen wollen. Es war jedensalls eine Kritik, aus der Sänger und Darsteffer lernen konnten, wenn iie lernen wofften. Und einer solchen Kritik soll man meiner Meinung nach auch dann nicht entgegcntrcten, wenn man manches anders ansieht als der Kritiker. Sollte man wirffich in Tarmstadt verschnupft sein, so wäre es doch höchst unbillig, daraus iraend welche für Gießen unangenehme Folgerun­gen zu ziehen. Solche Hinterwäldler sind wir doch schließlich auch nicht, daß wirs nicht sagen dürfen, wenn uns einmal etwas nicht so ganz gesallen hat, weil wir uns sonst der Gefahr aussetzcn, daß uns wie unartigen Kindern, unser Vergnügen entzogen wird. Ich kann nur sagen, daß ich mich jetzt schon aus die nächste Vor­stellung freue. Sofftc dieser Brief einem der Darmstädtcr Herren zu Gesicht kommen, so bitte ich ihn, cs als meine und aller musik­liebenden und muffkverständigen Gießencr Meinung anzusehcn, daß wir die Darmstädter hier stets mir dankbarer Freude begrüßen. Unser Kritiker muß, aber das Recht haben, nicht nur zu loben, sondern auch zu tadeln, wen» ^hm etwas mit den hohen An­sprüchen, die er a» ein Kunstinüitut wie die Darmstädter Oper zu stellen berechtigt ist, nickst übereinzustimmen scheint. Sonst wäre es immer noch besser, man glNterließe jede Kritik.

Diese Zeilen erhalten Sie zu gutscheinender Verwendung.

Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebener

Dr. Krüger.

Gießen, den 2. April 1914, An die Redaktion des Gießencr Anzeigers

Gießen,

Aus Ihre werte Anfrage teste ich Ihnen hierdurch mit, daß ich mit allen Krstiken Ihres Musik-Rezensenten vollständig ein­verstanden bin. Insbesondere gilt das von seiner Kritik über die letzte Lpernvorstellung. Gerade von der Quintessenz der Mozart- schen Musik: dem Rhythmus, der Grazie und der Leichtigkeit war sehr wenig ,u merken. Die Einsätze kamen nicht präzis genug, das Jneinandersließcn bei Duetts, Terzetts usw, fehlte säst durchweg. Die Sänger waren an den Taktstock des Kapellmeisters und an den Souffleur-Lasten gebunden. Die Tempi jm Orchester waren oft

überhastet, wodurch manche Stellen verichwommcn er,chicncn (Schluß der Ouvertüre). In allem war cS eine Vorstellung, die weder Mozart, noch einer Hoibühne würdig war, Gerade ich, der ich Gelegenheit hatte, die Sänger in ihrem Heim, in Darmstadt, öfters und in verschiedenen Opern zu höre», muß bezeugen, daß sic mir bei den hiesigen Gastivielen wie verwandelt erscheinen.

Ich bewunderte dieselben in Tarinstadt und lounderte mich stets über die Interesselosigkeit, die Nonchalance, mit der sic hier in Gießen austtetcn.

Diese Nonchalance ist nicht nur im Gesang (Markieren der Stimme, merrv voce wie in derWeißen Dame") zu merken, sondern auch im Schminken und Kleiden, (So sei hier nur aus du unmoiioiertc Verwandlung des Richters inMartha" erinnert, der zwischen 2. und 4. Akt um die Hälfte seines Körverumsangs abgcnommen hat, was auch die Kritik s. Zt. hcrvorgehoben hat.'

Ob im prächtige» Tempel ob in armer Hütte, hat der Priester scincrr Dienst mit dericlbcn Ehrfurcht und Lieb,' vor seinem Gott zu erjüllen. Dasselbe gsti vorn Künstler. Tie Pflicht einer ernsten und objektiven Kritik ist, auf alles hinzuwcijen, was gegen die Regeln der ernsten Kunst verstößt.

Ihr Musik-Rezensent hat seine Pflicht ganz objektiv und sachlich erfüllt.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Boris Pines.

Ta e? uns nicht nur darum zu tun war, recht zu be­halten, sondern auch schädliche Nebenwirkungen zu vermei­den, die namentlich die Darmstädter Gäste getroffen haben würden, so haben wir von Veröffentlichungen abgesehen. Sie, Herr Gehcimrat, haben uns diese Mäßigung nicht gerade leicht geinacht. Sie haben Herrn Will gegenüber geäußert, Sic müßten eine Erklärung von uns verlangen, daß solche Kritiken wie die angcfochtenc nickst wieder vor­kämen Sie haben ferner die Ansicht ausgesprochen, der Herr Intendant, mit dem Sie sich ins Benehmen setzen wollten, möck>tc am besten daran tun, der Redaktion über­haupt nicht, oder ganz grob zu antworten. Bei dieser Sachlage kam es uns natürlich sehr gelegen, daß Herr Gcheimrat Krüger sich gedrungen suhlte, seinem Gutachten auch noch einen eingehenden Aufsatz hinzuzufÜHcn, der in unserer Nr. 77 vom l. April d. I. abgcdruckt ist und der strengen Sachlichkeit unseres Musik-Kritikers hohes Lob jpendet, unserem Standpunkt in bezug auf die Aufgaben der Kritik in jeder Weise betpflichtet, den Ihrigen aber zu­rückweist. Entweder freimütige, oder gar keine Kritik, an dieser Losung wollen wir scsthalten. Am selben Tage, als dieses treffliche Feuilleton des Herrn Cffchetmrats Krüger in unserem Blatte erschienen war, erreichte uns die Antwort des Intendanten Herrn Dr. Eger-

Darmstadt, den 31. März 1914.

.An die Chefredaktion desGießener Anzeigers"

G testen.

Sehr geehrter Herr Chefredakteur!

Eine nochmalige Lektüre des ersten Teils Ihrer Kritik unserer Gießener Figaro-Vorstcllung, und zwar der allgemeinen Be­sprechung des Gastspiels, wird Sie zweifellos darüber belehren, was an demselben als Ilnhöslichkcit empfunden werden muß. Da Sie meinen Brief an Herrn Geheimrot Fromme gelesen haben, so erübrigt sich ja auch die Frage, welche Absicht ich mit diesem Briese verfolge: ich habe dieselbe ja darin ausgesprochen.

Hochachtungsvoll

Dr. Eger.

Unsere Redaktion hat darauf unter Beifügung der Gut­achten und des Zeitungsaufsatzcs folgendes geantwortet:

Gießen, den l. April 1914.

Sehr geehrter Herr Intendant!

Auf Ihr Antwortschreiben vom 31. März möchten wir Ihnen entgegnen, daß auch im ersten Teil der fraglichen Kritik, der all­gemeinen Besprechung des Gastspiels, in keiner WeiseUnhöflich- keitcn" ausgesprochen sind. Es ist sogar sestgcstellt worden, daß fast überall" die Gastsvicivorstcllungen die erwähnten Män­gel an sich trügen. Wir möchten heute versuche». Sie davon zu überzeugen, daß hei der Kritik unseres Mitarbeiters keinerlei un­berechtigte Härten oder Angriffe in Frage kommen. Sic selbst waren bei dem Gastspiel, wie wir hörten, nicht anwesend, und daher nehmen wir an, daß Sie einseitig und falsch untcrrichlct worden sind. Daß wir uns nicht willkürlich aus etwas versteisen wollen, was nicht zu halten ist, wollen Sic freundlichst daraus entnehmen, daß wir nach Kenntnis Ihres Briefes an Herrn Geheimrat Fromme bei sachkundigen Persönlichkeiten, die derFigaro"- Äufsührung beigewohnt haben, eine Umfrage veranstalteten. Nie­mand hat der Kritik solche Vorhaltungen gemacht, wie sie in Ihrem Briese zum Ausdruck kommen: nur Herr Gehcimrat

Fromme, der einer ossenen Krüik nicht gewogen ist, vertritt Ihre Aussassung. Wir legen Ihnen hiermit eine Anzahl von Aeußcrungen vor, die Ihnen wohl den Nachweis liefern werden, daß Sie unserem Blatte und unseren, Kritiker Unrecht Inn, wenn Sie Ihre Behauptungen ausrecht erhalten wollten. Sie werden nicht annehmen, daß Herr Gcheimrat Proseffor Krüger, der die Darmstädter Gastspiele, wie auch wir, nicht missen möchte. Und e g r ü n d e t e Aussetzungen in so nachdrücklicher Weise in Schutz nehmen würde. Auch das beiliegende Urteil des Ober- rcgicrungsrates Dr. Platz, der zwei Jahre hindurch mit un­bestrittener Sachkenntnis und Liebe für echte Kunst das Kritiker, amt für unser Blatt versehen hat, hält die kritischen Bemerkungen der von Ihnen angefochtenen Besprechung slir voll berechtigt.

Wenn wir hinzufügen, daß uns nichts ferner liegt, als etwa durch schroffe Kritik angesehene Gäste verletzen oder kränken zu wollen, so werden Sie hoffentlich keinen Anstand nehmen, »vn Ihrem bisher geäußerten Standpunkt zurückzutreten. Wir können es nicht unwidersprochen lassen, wenn schädigende Gerüchte oder unzutrcssende Urteile über unser Blatt ohne unser Wissen ver­breitet werden, aber nur notgedrungen würden wir uns zur Klarstellung an die Oessentlichkert wenden.

Ihrer gesl. Entschließung und Antwort cntgegensehen'o, bitten wir Sic, uns die Anlagen möglichst bald wieder zurückzugeben.

Hochachtungsvoll Redaktion des Gießencr Anzeigers A. Goetz.

Sie ersehen daraus, sehr geehrter Herr Geheinrrat daß auch uns daran gelegen ist, den Darmstädter Gast­spielen affes schuldige Entgegenkonrmen zu beweisen und nichts zu unternehmen, was das angesehene Darmstädter Institut schädigen könnte. Tie Freiheit sachlicher und fach- verständiger Meinung aber, sofern sie von den besten Ab- sichten diktiert wird, soffte man nicht in kleinlicher Weises befehden und zu beeinträchtigen suchen Wir haben bis zur Stunde noch keine Antwort auf unser letztes Schreiben vom Herrn Intendanten Dr. Eger erhalten, hassen aber, daß er