Nr. 93
Der Sießener Anzeiger
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22. April 1914
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monatlich75Di., viertel- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- il Zweigstellen nwnatlich 65 Pf.; durch die Post Mk. 2.—viertel- jährl. auHschl. Bestellq. Zeilenpreis: lokal 15Pf^ auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A. Äoetz. Berautwortlich für den polit. Teil: Aug. Goet;; für „Feuilleton", »Vermischtes* uud ^Gerichts- faal": Narl Neurath; für ,Stadt und Land": Kurt Bendt; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Der Besuch des englischen Königspaares in Paris.
Frankreich äußert feine Wünsche etwas ju ossenherzig und stürmisch, und England erhebt dagegen bcschivichtigcnd die Hand. Tas ist nicht allein der Eindruck, den man aus den Presseäußerungen der beiden Länder erhält, sondern das gehl auch aus dem Verlaus der Reise des KönigSpaares nach Paris selbst hervor. Zwar sind die Berichte noch nicht abgeschlossen und der Wortlaut der Trinksprüche beider Staatsoberhäupter liegt noch nicht vor. Allein mit so übersließender Herzlichkeit wie der Präsident Poincare hat König Georg doch nicht gesprochen, Ponicare entwickelte in blumenreicher und vhrascnvoller Rede die Vorzüge, die den sranzösischen Nationalcharakter auszeichnelen und er betonte, das, England und Frankreich sich lieben gelernt hätten. Mit so hohem Schwung hat bisher keines der englischen Blätter, deren Aeußerungen wir wiedcrgcgeben haben, das englisch-sranzö- tische Verhältnis gekennzeichnet, Herr Poincars sprach von ,,dcm glühenden Kultus eines Ideals, das nie verschwindet und das Leben einer Nation mit vollem Lichte ersüllt". Was meinte er damit? Etwa die Rüstung sür einen neuen Kamps um Elsaß-Lothringen? Er fügte dann den Wunsch und die Bitte hinzu, daß „das Band der Einigkeit täglich noch fester geknüpft werde, zum Nutzen der allgemeinen Zivilisation und des allgemeinen Friedens",
Ter König von England, dessen Ausführungen iinr in kurzem Auszug vorlicgen, besehrankte sich darauf, festzu- steuen, daß die Entente cs zuwege gebracht habe, die Fragen zu regeln, die beide Länder früher getveiiiit hätten. Er sprach da»» von den edten imi> erhabenen Absichten, die England und Frankreich verfolgten, und nun kann iedermann stillschweigend das hinznfügen, nnas die englischen Zeitung:» deutlicher ausgesprochen haben: Wir wollen kein Bünö- n i? mit der Spitze gegen Deutschland, In dieseni Sinne dürfen auch wir Deutsche es guthcißcn, wenn der König von dem besten Vermächtnis sprach, das die hentigcii Herrscher ihren Völkern hintcrlassen würden, indem sic das bisherige Einvernehmen fortsührten.
Wir crhalt-'n folgende Meldungen:
> L o n d o n , 21, Ilpril, Ter K ö n i g u n d d i c Kö n i g i n reisten heute vormittag! 8,45 Uhr nach Paris ab,
Poris, 21 April, Tas Königspaar von England ist 4 Uhr 35 in Paris eingeiroffen und wurde von einer großen Menge herzlichsi begrüßt, Tas hohe Paar wurde auf dem Bahnhof voni Präsidenten und Frau Poincars sotrne den hohen Würdenträgern der Republik empfangen. Während die Musikkapelle der Garde Republicaine die englische und französische Hymne spielte, erdröhnte der Kanonensalut, Ter König von England empfing 6,30 Uhr im Ministerium des Aeußcrn das diplomatische Korps, dessen Mitglieder dem König durch den englischen Botschafter vorgestellt wurden. Der König richtete sehr herzliche Worte an jeden Würdenträger, Ter König brachte immer wieder seine große Freude über den herzlichen Empfang seitens der Pariser Bevölkerung zum Ausdruck,
Der Trintspruch des Präsidenten Poincore.
Bei dem Diner im Elhsse brachte Präsident P o i n - e a r s einen Trinkspruch aus, in dem er zunächst der von der Stadt Paris und dem gesamten französischen Volke emv -1 jundenen Freude über dcu Besuch des englischen Königs -'
Paares und der dankbaren Erinnerung des ihm selbst im | vorigen Fahre in London zuteil gewordenen Empfanges Ausdruck verlieh und dun» fortsuhr:
Ter heutige Besuch sei ein glänzender Beweis einer Freundschaft. ioelchk die Probe der Zeit und der Erfahrung bestanden, welche ihre ständige Dirksamkcii bewiesen habe lind dem ivohl- Überlegten Sinne der beiden Nationen entsoreche, die in gleicher Weise dem Frieden zugeian, dem Fortschritte gleich leidenschaiilich ergeben und an den Sieg der Freiheit in gleicher Weise gewöhnt seien, Tie künstlerischen, sportlichen und militärischen Feste, welchen der König in liebenswürdiger Weise bei» zuivohnen versprochen habe, werden ibm einige Elemente des französischen National charaktcrs zeigen: der König werde dort die traditionellen Kräfte wiedernndcn, welche feit so langer Zeit die Große und den Ruhm Englands begründet haben, den Sinn sür das Maß, für die Ordnung, die soziale Disziplin, das erlauchte Bewußtsein der patriotischen Pflicht, die freudige Annahme noiwendiger Opfer, der glühende Kultus eines Ideals, das nie verschwindet und das Leben einer Nation mit vollenr Lichte ersüllt. Nach einer langen Nebenbuhlerschaft, welche ihnen unsterbliche Lehren der Wertschätzung und der gegcnsesligen Achtung zurückgclässen habe, haben England »nd Frankreich gelernt, einander zu lieben, ihre Gedanken einander näher zu bringen und ihre Anstrengungen zu vereinigen, Es sind heute schon zehn Fahre, seit die beiden Regierungen in friedlicher Weise die Fragen gelöst lniben, welche sie trennten, Tie Vereinbarungen, welche sie damals abschlossen, und deren Vcrwirkiichnng der Borausblick König Eduard VII, und seiner Rai gebet so glücklich vorbereitet haben, haben ganz natürlicherweise zu einer allgemeinen Verständigung geführt, welche nunmehr eine der wichtigsten Bürgschaften des europäischen Gleichgewichtes bilde, Ter Präsident schloß: „Ich zweifle nüht daran, daß unter den Auspizien Eurer Majestät uud Ihrer Regierung dieses Band der Einigkeit sich täglich noch fester knüpfen werde zum großen Nutzen der allgemeinen Zivilisation und des allgemeinen Friedens, Tiefes ist der aufrichtig« Wunsch, den ich im Namen Frankreichs aussprcche. Ich erhebe mein Glas zu Ehren Eurer Majestät, Ihrer Majestät brr Königin, des Prinzen von Wales und der ganzen königlichen Familie, Ich trinke aus die Größe und die Wohlfahrt des geeinigten Königreiches,"
Die Antwort des König»
Ter ,K ö n i g anitportetc mit cineni längeren Trink- jpruch, in dein er ebenfalls für die glänzende Aufnahnic bankte, die ihm das französische Volk heute bewiesen habe. Er sagte dann:
Ich emvftnde ein ganz besonderes Vergnügen, unter dem französischen Volk im Augenblick des zehnten Jahrestages eines Einvernehmens zu weilen, durch die die beiden Länder friedfertig die Fragen geregelt naben, die iie trennten. Aus diesem Einvernehmen sind so intime uuv so herzliche Beziehungen lier- vorgegangcn, die uns-heute einigen, und die es uns gestatten, an dem humanen Werk der Zivilisation und des Friedens zu arbeiten.
Der König dankte sodann dem Präsidenten, daß er der Verdienste seines Vaters an dem Zustandekommen dieses Abkommens Erwähnung getan habe, und fuhr fort: „Ich unterschreibe von ganzem Herzen das, was Sie, Herr Präsident, über die erhabenen und edlen Absichten, die unsere beiden Länder gemeinsam verfolgen, gesagt haben, Tie Verwirklichung dieser Absichten wird eine Wohltat für die beiden Völker sein und sie irnrd zugleich das kostbarste Vermächtnis darstellcn, bas wir den künftigen Generationen hinterlassen werden," Der König schloß mit den Worten, er wünsche aus tiefster und aufrichtigster Freundschaft Frankreich Glück und Segen,
Französische Begrüßungsartikel.
Paris, 21, April. Tic meisten Blätter bringen anläß- ! sich des bevorstehenden Besuches des englischen Königspaares > sehr herzliche Degrüßungsartikcl und erörtern da-
| bei insbesondere die Bedeutung der Entente Eordiale, Jrv „Matin" schreibt der Senator Ribot:
Tao auf beiden Seiten des Kanals herrschende Gefühl von der Gleichheit der Interessen Ivird uns zweifellos gegebenenfalls von der Tatsächlichkeit eines Beistandes überzeugen, dksicn etwaige Bedingungen zu regeln, die beide» Regierungen zweifellos die Voraussicht gehabt haben, Tic Pariser Bevölkerung ivird durch einen freudigen und achtungsvollen Emvsang des hcrrscherpaarcS zeigen, daß stk den Wert und das nationale Interesse begreift, welche einem solchen Besuche innc wohnen.
Der „F i g a r o" sagt:
Tic beiden Länder, die immer mehr und mehr von dem Nutze» und der Notwendigkeit ihrer Verbindung durckidrungen sind, sind entschlossen, alles zu tun, UNI diese Verbindung inniger zu gestalten Sic haben den selten Dillen, ihre Verbindung vor lieber» rasckmngen und Unsällen zu schützen, od diese nun ihre gegenwärtige divlvmaiische Form bewahrt oder ob sic später in eine Allianz um- gcändcrt wird,
TaS „Echo de Paris" erklärt:
Tic Trivle Entente ist friedlich nach ihrem innersten Wesen und nicht aus Berechnung, Tas ist ein großer Vorteil, denn sic gestattet den drei Mächten, sich offen aurzusprechcn, gemeinsam denselben Gefahren zu begegnen, und alle von gutem Willen beseelten Nationen um sich <jni scharen. Aber halten wir uns einer vor Augen : Tie schlimmste Sckhoächc besteht in einem Vorteil, dessen man sich nicht bedient,
Tas „Petit Journal" meint:
Die Erlenntni:- .ihrer gemeinsamen Interessen, welche mit denen aller friedlichen Völker übcreinstimmcn, Hai Frankreich und England einander cudgüliig näher gebracht. Tic Festlichkeiten anläßlich des Besuches des Königspaares werden vom EintrachtSgcdanstn beseelt sein, und' wen», was man haften darf, dieser Besuch ein« noch engere Freundschaft zur Folge bat, dann wird man sich dazu in der ganzen Welt nur beglückwünschen können.
Die nationalistische „Libre Parole" schreibt:
Die anglophilen Kundgebungen unterscheiden sich sehr von denen, mit ioelcken cinst der Zar emmangeu wurde. Damals war Frankreich begeistert, damals ivrach das her; Frankreichs: heute wird die Ausnahme syn>oathisch sein, der Verstand gebietet dies. Zwischen England und Frankreich bestehen eben, ioas immer man tun möge, Erinnerungen, die niemand vergessen kann,
Äußerungen der englischen Presse.
London, 21, 2lpril, Die Presse beschäftigt sich mit der Reise des englischen Königspaares nach Paris, Die „Time s" schreibt:
Tic Hauptaufgabe des Königsbesuches ist nicht, neue politische 'Arrangements zu erzielen oder die bestehenden abzuändern, König Georg geht nach Paris, um das Wert König Eduards zu bestätigen und sortzusiihren und um öffentlich kundzutun, daß nach den Jahren der Prüfung die Politik der Entente noch die Politik Englands sowie die Politik Frankreichs ist, Ee geht nach Paris, NM zu bezeugen, daß sie in dem Sinne beider Nationen fester imirdc als in irgend einer früheren Periode dev Geschichte,
„Daily Chroiiicle" schreibt:
Unser größtes Bedürfnis ist Friede, und ein System, unter dem die europäischen Staaten seitdem die schwierigsten Probleme gelöst haben, ist auch sür uns nicht ohne Vorteil gewesen. Solange unsere Zusammenarbeit mit dem Zweibund mit der nötigen Elastizität geführt wird und solange sie n i ch t z u e i n e r künstlichen Feindschaft mitanderensrcundschastlichcnMäch- t c n führt und solange sic uns! eine mäßigende und s r i c d e n s- srcundliche Rolle ermöglicht, solange hoffen wir, daß sie bleiben und dauern möge,
Tie „Daily New s" schreibt:
Tie Verwandlung der Entente in eilt Bündnis würde den Krieg unvermeidlich mache», einen Krieg, in dem wir alles zu verlieren und nichts zu gewinnen hätten. Wir wünschen die Freundschaft Frankreichs und, wenn wir auch keine Sympa-
pialtn in Nassau.
Ueber das viclumstrittenc und vielbestrittenc Platinvorkommen in den Gemarkungen Manderbach und Sechshclden werden setzt von fachmännischer Seite sehr veachtenswerte Au-siihrungen aemncht, in denen dargelegk Ivird, daß das Schiesergewrge der. rxiuerlande- Platm in Bei bindung mit Indium, Rhodium, PaNadnim, Osmium und Ruthenium neben Gold, Silber und Nickel birgt, Ter Umstand, daß die Entdeckung dieses Platins erst in so später Zeit erfolgte, ist daraus zurückzusühren, daß sich die bisherigen Analy- sierungsmetHoden sür die Gewinnung von Edelmetallen als un- auwendbar erwiesen. Erst der Ingenieur Schreiber entdeckte ei» Verfahren, durch das die Edelmetallgewinnung sich billig und gründlich vornehmen läßt, Schreibers Untersuchungen führten in eine Trete bis zu 16 Metern, Bor kurzem ljat eine rheinische Gesellschaft die Untersuchungen fortgesetzt und zwar io, Großbetriebe, nicht mehr im Laboratorium, trie Schreiber es tat, T<t» Gestein wurde tounenweis in Laftautomobilcn aus die Fnbrik- arundstücke befördert und hier in'einer den Großbetrieb vorbereitenden Weise bearbeite, Tic Gesellschaft hatte drei Stollen von 160 Metern Länge geschlagen Und hieraus, sowie ans 6 Bohr löchern und Gesenken von 3—12 Metern Tiefe Grstcinsproben von insgesamt 20 000 Kilo entnommen: hiervon zerkleinerte man 6000 Kilo aus unter 0,5 Millimeter und analosicrt« iic. Etwa 100 Analysen ergaben einwandfrei einen Gehalt pan 18 bis 3 5 Gramm Platin ,e Tonne oder 36 bis 70 Gramm Platin im Kubikmeter, Tic Stollen waren in Abstanden wm 400 bi« 800 Metern getrieben,
A,ch dom Bekam,twcrdcu dieser Funde schwiegen die Ztpeitel dennoch nicht: aber Autoritäten wie Hommcl (.Klaustal, und K r us cki Berlin bestäffgien ine Richtigkeit der Analosen. Tas i-ckireiberschc Versahren gibt zwar noch heute die Richtlinien an, ist aber durch die neuere Methode überhelt. Bei dem Dekannt- ioerdcn de« Platinvorkommcns wurden naturgemäß ,n dem Ge bieie Mutimgen eingelegt. Die Platingewinmmg ist nur möglich aui Grund »eriraqlicher Abmachungen imt dein Grundeigentümer nd-r durch diesen selbst, falls er gleichzeitig das Bergrecht auch inr Gold Silber, Kupier »»er Nickel UM. Derartige Mutungen inh jedoch nur Tür den wertvoll, dem gleichzeuig das aus der ^ckireibcrschen Methode beruhende Beriahren bekannt ist und das V-rmeriungsrccht zusteht. Soweit dies zusammcngetrof en ist, tonn- , ' .„rf, in den letzten Tagen llntersuchungcn oorgenommen werden die abermals einwandfrei Platin fcststellten, und zn«r an einer Stelle bis 121 Gramm Platin rn der Tanne Gestein,
-Die Gewinnungskosten belaufen stch für eine Tonne Gestein ,aus etwa §0 Mark, unter der Boraitsictzung, daß d-S Gestein
im Tagebau gewonnen wird Trr Plaiinpreis beträgt zur Zeit etwa 7000 Mark sür das Kilo, wobei zu beachten ist, daß dre bisherigen Analysen neben dem Plapn etwa durchschnittlich 5—6 Gramm Iridium, 2—3 Gramm Rhodium, 4—5 Gramm Gold und etwa 275 (öramm Silber in dem Gestein seststrlltcn Die Funde bei Manderbach bedeiiteii mehr, als sich bis jetzt überieheit läßt. Fair die mit Glücksgütern nicht gesegnete Bevölkerung dürfte ihre Ausbeutung eine Oluelle ioirtschaitlichen Wohlstandes werden, h.
Der goldene Schlüsse! der Weser.
Am 20, April d, I, war ein Vicrtelsahrtausend verflössen, seit an der Einfahrt i» die Wesermündung, 4,2 Seemeilen (7,7. Kilometer! nördlich vom Leuchtturm der Insel Wangerooge, die große, „S ch 1 üf id 1 o n n c" ausgelegt wurde. Eine in zierlichen Lettern gedruckte Nvtffieation vom 20, Avril 1664 gab „sederntänniglich, sonderlich allen Schiffern und Seeiahcenden Leuthcn kundt mrd zu Missen", daß draußen vor der Weier „n o ch eine schwär tzc Seeton ne ist ausgelegct .... woraus eine Stange mit vergüldetem Schlüssel stehet, welches den Schiffern und Seefahrenden Leuthcn zu guthcr Nachrichtung dienet." Form und Größ- der Tonne haben sich seit jenem Tage geändert: die schwarze Farbe ist 1887 cineni leuchtenden Rot gewichen: in großen weißen Buchstaben glänzt seit 1880 die Bezeichnung „Weser" ans dem Rumps der Tonne: aber der ver- güldetc Schlüssel zeigt heute wie vor 250 Jahren dem Schisser an, daß er bald aus der „Salzcnen See" den schützenden Hafen erreicht haben wird, winkt dem die Weser ansahrendcn Reisenden den ersten Willkomm, deui die Heimat Verlassenden den letzten Abschied-gruß Bremens zu,
Tie bremische Äausmannschajt und ihre Handelskammer kann anläßlich dieses Juhiläums auf eine lange und bedeutende Geschichte mit stolzer Befriedigung zurückblickcn. War doch die Auslegung der Schlüffeltonnc die .Krönung eines Shslems von Tonnen und Baken, das das Fahrwasser der Weser bczeichnete von Brc- men-Stoör abwärts, und deffen Unterhaltung eine der vornckm- sten Obliegenheiten der „Elterlcutc der Kallfmannscha't" war. Diese alte Korporation, das „Eollegium Seniorum", bestand ioabr- schcrnlrch sckwn am End: des 13, Jahrhunderts: aus dem Jahre 1400 liegen die ersten authennschen Zeugnisse vor, die bereits aus ein mehr als lOOjährigcs Bestehen der Vertretung der Kaufmannschaft hivdeulen: in einer Urkunde vom 13, Juli 1426 ist bas Tonnen- und Bakcnwesen in einer Fvrnr erwähnt, daß schon van einem von den Eltcrleuten unterhaltenen System gesprochen werden kann, Jahrhunderte hindurch, bis zum Jahre 1848 — mir einer kurzen Unterbrechung im Jahre 1522 und in
der Franzosenzeit 1810,13 — bat das Collegium Seniorum das Tonnrnwesen verwaltet und trefflich ausgcbaut. Die Koste» bei Unicrhaliung der Tonnen utd die sonstigen Kosten dos Colle- güims, das auch eine große Rolle in der Politik Bremens gespielt hat, wurden durch ein von den Schiften erhobenes Tonnen- aeld bestritten, 1848 wurde das Collegium gufgelöst und au feiner Stelle als Staatsanstalt die Handelskammer eingesetzt. Trete tibernahni Wavpen, Archiv und im welenllichen die Funk- tionen der Elterleutc: das Tonnen- und Bakenwescn blieb in ihrer Verwaltung bis 1877, In diesem Jahre wurde auf Grund eines Slaat-ovcrtragcs der Wrserstoatcu Bremen, Oldenburg und Preußen die Betonung und Befeuerung der Weser deni bremischen Tonnen- und Dakenamt übertragen. Ul dessen Verwaltung die Handelc-kammcr noch heute vertreten ist, — Das Seezeichen, dessen Jubiläum jetzt gefeiert wird, ist also ein Symbol sür die durch Jalwhunderlc hindurch betätigte Sorge der bremischen Kaus- mannschast sür die Sicherheit der Seeschiffahrt an der deuffchcn Küste, , <
dt, Kammer spicle in Kassel, Aus Kassel wirb uns 'gcschricben: Kassel steht vor einem dritten Theater, Wer die hiesigen Verhältnisse kennt, wird über diese Nachricht erstaunt sein, umsomehr, da Kassel als Theatcrstadt nicht gerade den besten Ruf besitzt. Es ist eine bekannte Tatsache, daß dem hiesigen Hostheater jeder frische Zug ermangelt, daß es für die Oper wohl ein weites Entgegenkommen zeigt, dagegen die neueren und neuen Bühnenautoren, wenn sie nicht eine besondere Empfehlung m,t- bringen, verbannt. Es ist nicht zu virl gesagt, wenn dem Hos- theatcr vorgeworscn wird, cs habe die Interesselosigkeit der Kasseler sür hie Theatcrkunst verschuldet, Direktor Nordau hat lange kämpsen müssen, bis cr sich im Rcsidcnztheatcr mit einem sein- sinnigen, literarisch hochstehenden Spielvlan durchzusetzeu vermochte, Ter neue Bm'uch, das Theaterinteressc in Kassel zu heben, gehl von Mitgliedern des HasthcaterS aus. Es erscheint also selbstverständlich, daß das neue Unternehmen vom Hostheater, das sich ja durch seine eigenen Mitglieder Konkurrenz machen läßt, nicht nur gebilligt, sondnni auch in allen Stücken, wenn nicht gar finanziell gefördert wird. Eines nur ist auffällig: In den Anfang des nächsten Monats beginnenden K a m m e r s p i c l c n , die im Theatersaal der unlängst eingeweihten neuen Kasseler Stadthallo ihr Heim haben werden, sollen die modernen Bühnenautoren zu Wort konimen. Das Hostheater will deinnach von seiner Tradition, nur Altes, „Bewährtes" zu bringen, nicht abgeben. Es wül seine heiligen Hallen nicht durch die modernen Literaten cin/veihcu lassen, denen seine Mitglieder am dritten Ort das Dort zu reden beabsichngen.


