Nr. q
Ter 8ici,iHtr Lnzetger
erscheint täglich, nutzer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SietzenerKamiiiendiiittce;
zwciiiinlivöchcull.llreiL-
blatt für den rleeis Sietzeu
lTienstng und Freitag); zweimal inonall. Land- wirlschastiich« Zeitsragen Fernsprech - Anschlüsse: iiir die Redaktion 112, Verlag >>. Erpeditio» öl Adresse Inr Depeschen: Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeige» 'nr die Tagesnummer dis vornrittags 9 Ilhr.
Erstes Blatt
J<H- Jahrgang
Montag. 20. April
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Rototions6rii<f und Verlag -er Srühl'schen Univ.-V»ch- un- Stcindruckerei R. Lanze, vedattion, Lrpe-ition und Druckerei: Schulstrahe 7. j“ 1 ' 3c " M ' h ' 1 ~ bt "
Bc;ttqSpreiS:
monatIlch75Ps., viertel« jährlich D!k. 2.20; durch Abhole« u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mt.2.— viertel« jährl. ausschl. Beste llq. Zeilenpreis: lokal 15Ps^ auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A. Goetj. Verantwortlich für den polit. Teil: Aug. Goetz; für .Feuilleton", .Vermischtes" und^Gerichts« fetal": .llarl Neurath; iür .Stadt und Land" Kurt Bendt; für bei Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Tagcskalcnder aus dem Jahre 1814.
20. April: Napoleon nimmt in Fontainebleau Abschied von seiner Garde und tritt unter Begleitung seiner,Generale Bertrand, Truot und Cambronne die Reise nach Elba an.
Der neue Statthalter.
An demselben Tage, an dem das 99. Regiment, von der Bevölkerung freudig begrüßt, seinen Einzug in Zabern lsielt, dessen Atmosphäre seil der Beseitigung der KabinettS» vrder von 1820 einigermaßen gereinigt ist. hat der Kaiser das Abschiedsgesuch des Statthalters Grafen Wed et genehmigt, während gleichzeitig der bisherige preußische Minister des Innern von Dallwitz zu seinem Nachfolger bestimmt wurde. Mit allen Ehren wurde Graf Wedel verabschiedet, mit allen, denn der Kaiser hat ihm nicht nur die Fürstenwürde verliehen, sondern die Elsaß-Lothringer haben ihm Abschicdstundgebunaen bereitet, wie sic selten einem scheidenden Manne zuteil geworden sind.
Aber von dem scheidenden wendet sich der Blick dem neuen Manne zu. Die Berufung des Herrn von Dallwitz auf den Statthalterpostcn bedeutet leine Uebcrraschung. Man hatte seit langer Zeit damit gerechnet, und die Besorgnisse, die in den Reichslanden vielfach au die Berufung des als „preußischen Junker" verschrieenen Ministers gekuscht wurden, haben sicl^einigermaßcn gelegt, seitdem man gesehen hat, daß Gras Rödern, der mit .Herrn von Dallwitz nahe verwandte und eng befreundete Staatssekretär, der ja die Verantwortung für die elsaß-lothringische Politik trägt, alles eher denn ein Scharfmacher ist.
Die Laufbahn des .Herrn von Dallwitz ist eigenartig genug. Vom Kanalrebellcn zum Statthalter! Es erging ihm wie dem Schillerschen Taucher, „cs ivar mir zum Heil, es riß mich nach oben", nur daß ihm das Glück treuer blieb als den, Taucher. Am 29. September 1855 in Breslau geboren, wandte sich Johann v. Dallwitz der Verwaltungs- lausbahn zu, 188b wurde ihm die Landratsstelle des Kreises Lüben koimnissarisch und 1887 definitiv übertragen. Als er 1893 ins preußische Abgeordnetenhaus als Vertreter von Glogau-Liiben gewählt wurde, schloß er sich dem rechten Flügel der konservativen Partei an und ivurde im August 1899 wegen seiner Opposition gegen den Mittellandkanal zur Tispositton gestellt, Tie Maßregelung war jedoch nicht von langer Dauer, denn schon im Januar 1900 wurde er zum Regierungsrat beim Oberpräsidium in Posen ernannt und im Dezember desselben Jahres als Hilfsarbeiter ins Ministerium des Innern berufen, wo er am 1. Juni 1907 zum Vortragenden Rat aufrückte. Oktober 1902 wurde er zum Leiter des Dezernats für Personalien ernannt, also derselben Abteilung, die ihn drei Jahre vorher geinaßregelt harte, weil er sich in seinem Verhalten bei der Abstimmung über die Kanalvorlage „mit allen Traditionen der preußischen Verwaltung in Widerspruch gesetzt" hatte. Aber seine Lausbahn riß ihn schnell weiter nach oben. Am 1. Januar 1903 wurde er zum anhaltischcn Staatsminister ernannt, und er war auf diesem Posten b Jahre tätig, leistete sehr Tüchtiges und erwarb sich nahezu allgemeine Anerkennung. Im November 1909 wurde er wieder in den preußischen Staatsdienst berufen und zwar ans den Posten des Ober- vräsidentcn der Provinz Schlesien. Wenige Monate später.
Die Jubelfeier der Zürcher Universität.
Q Zürich, 18. April.
Ein Fest, an dem auch Deutschland lebhaften Anteil nimint, feiert heute und die folgenden Tage die gutdeutschc Schwcizerstadt am Zürichsec unter Beteiligung hervorragender deutscher Gelehrten- und Knnstkreise. Nämlich die Einweihung der neuen Züricher Universität, die sich als ein überaus stattlicher und iniposantcr Bau im Westen der Stadt hoch über den: bunten .häusergcwirr am Limmalauai erhebt. In den Straßen der Stadt wogt eine vicl- tauiendlöpsigc Menschenmenge, durchsetzt von Musensöhnen aus aller Herren Ländern, vor allem aber aus dem benachbarten Deutschen Reiche, aus Oesterreich, Frankreich und Italien. Eine Reibe glänzender Namen repräsentieren bei der Jnbclscicc die deutsche Wissenschaft. Von den 2k reichsdeutschen Universitäten sind 19 vertreten, darunter Pros. Dr. Martin aus Gießen, der früher hier tätig war.
Die Gründung der Zürcher Universität im Jahre 1833 siel in eine politisch sehr bewegte Zeit. Streitigkeiten über die Wahlen zum Großen Rat waren an der Tagesordnung. Dazu kam, daß die politischen Unruhen der Nachbarländer nach der Schweiz hiniiber- spiklien und ihr eine Menge unruhiger .Köpfe zusührten, die nicht grade zur Herbeisührnng geordneter Zustände bcittugcn. Alle Schwierigkeiten verinochlcu aber die Entwicklung der Universität nicht auizuhalten. Mit großem Geschick Hai sic sich auch der bald austretcndcn Konkurrenz durch die Universität Bern zu crwcbren gewußt. Heute steht die Hochschule Zürich als gleichberechtigtes Mitglied im reichen Kranze der Universitäten deutscher Zunge da. Tie an ihr verbrachten Semester werden den reichsdeutschen Studierenden voll angcrechnct, und sie wird daher von deutschen Studenten, namentlich aus Süddeutschiand, mit Vorliebe auigesucht. Tie Räume der Universität erwiesen sich in den letzten Jahrzehnten als vlel zu begrenzt, so daß schon längere Zeit ein Neubau erwogen wurde. Nach mübcvollen Vorarbeiten unterbreitete dcr Rcgicrungs- rat dem Kantonsrat Anfang 1907 eine Vorlage, in dcr die nötigen Kredite sür die Neubauten beansprucht wurde».
Die Baukosten waren zunächst aus 6 Millionen Franken veranschlagt, sic erhöhten sich schließlich auf mehr als 8200 000 Franke». Zur Erlangung geeigneter Entwürfe wurde ei» Preisausschreiben erlassen, aus dem die Bausirma Curiel u. Maier in Karlsruhe und St. Gallen als Siegerin hervorging. Ihr Ivurde auch der Bauaustrag überwiesen und sie hat ihn ohne Störung durchgcsührt. Tic gewaltige Masse der Neubauten, die von einem ,nächtigen Turm gekrönt wird, fügt skch wunderbar in das alte Stadtbild ein. Zur Ausschmückung der inneren Räume wurden hervorragende Schweizer Künstler herangezogen.
Regierungsrat Tr. Locher übergab das neue Ilniversitäts- geüäude den: Rektor der Zürcher Universität Pros. Tr. Egger, der dann über die Aufgaben des modernen Hochschullehrers sprach.
im Juni 1910, wurde er dann als Nachfolger des Herrn v. Moltke Minister des Innern, also Leiter des Ressorts, das ihn einst als Kanalrebellcn gemaßregelt hatte. Als Minister des Innern hat er sich stets des Beifalls der äußersten Rechten erfreut. Aber wenn er schon in Anhalt gezeigt hatte, daß er sich anderen Anschauungen anpassen kann, sv wird man auch in den RcichSlaiiden, wo er sich nicht, wie der Polizeipräsident v. Jagow es meinte, „beinahe wie in Feindesland" fühlen dürfte, seine Taten abwarten müssen. Die Berufung dcS Herrn v. Dallwitz ans den Statthaltern Posten ist ein Werk des Reichskanzlers, und dieser hak es ja als einen naiven Aberglauben bezeichnet, daß, was die Gewalt errungen hat, nur die Gewalt behaupten könne.
Eine Uebcrraschung bedeutet dir Ernennung des Wirkt. Geh. Rates v. Löbe'll zum Nachfolger des Herrn von Tallivitz. Friedrich Wilhelm v. Lübcll. der jetzt 59 Jahre alt ist, wurde 1881 Landrat des Kreises Ncuhaus in Hannover, nachdem er das Amt schon ein Jahr kommissarisch verwaltet hatte. 1888 wurde er Landrat des Kreises Westhavelland, ivelchcn Posten er l l Jahre lang verwaltete, und 1898 wurde er als Vertreter von Westhavelland-Brandcn- burg in den Reichstag gewählt, Ivo er sich dcr konservativen Partei anschloß. Als er 1900 Geucraldireltor dcr Landfeuersozietät der Provinz Brandenburg wurde, schied er aus dem Reichstag aus, gehörte aber dann von 1901 bis 1904 dem Abgeorductcnhausc an. In diesem Jahre wurde er zum Vortragenden Rat in der Reichskanzlei ernannt, wo er die rechte Hand des Fürsten Bülow war. Und so verließ er auch die Wilhclmstraße. als Fürst Bülow von seinem Posten zurücktrat. Zwar wurde Herr v. Lvbell damals zum Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg ernannt, aber er trat diesen Posten aus Gesundheitsrücksichten nicht an. In politischen Kreisen deutet man die Berufung des .Herrn v. Löbell ins Ministerium des Innern dahin, daß nunmehr die Wahl- rcsorm, deren entschiedener Gegner Herr v. Dallwitz war, ernstlicher betrieben werden solle. Inwieweit das zu- trisst, und wann es zutrefsen wird, bleibt natürlich abzuwarten. Jedenfalls zeigt aber diese Personalvcränüerung, die dcr Initiative des Herrn v. Be th mann Holl weg entspringt, daß die Stellung des fünften Reichskanzlers, welche eine Zeitlang als erschüttert angesehen ivurde, wieder als durchaus befestigt gelten kann.
Eine Ehrung des scheidenden Statthalters.
Straßburg i. E., 19. April. Fahnenschmuck in den Straßen und ein nachmittags vvn Stunde zu Stunde sich steigernder Verkehr in der inneren Stadt und vom Bahnhof her kündigten schon srllhzcittg etwas Außerordentliches an. Vier von der Bahn- Verwaltung eingelegte Sonvcrzügc und das prächtige Wetter eines einzigschönen Frühlingstages wirkten fördernd ans den Zuzug aus Elsaß und den Nachbarländern ein. Bereits eine Stunde vor Beginn der dem scheidenden Statthalterpaar von der Bürgerschaft und den Vereinen aus Stadt und Land zugcdachten Ehrung großen Stils nahm das Mcnschongewvgc in den dem Slatthalter- palais nahcgelcgcncn Straßen, namentlich am Kaiserplatz und Lczav-Marnejia Staden, einen beängstigenden ttmiang an. Vor- trcsslich organisiert — ein Werk des Fcstletters, Rechtsanwalts Dr. Zcnncr, — ging die Ausstellung dcr gegen 10000 Teilnehmer am Faüclzug in vier gesonderten Grupvcnlinien, zu- sammen 16 Gruvvcn umfassend, von 8 Uhr ab vor sich und Punkt 8>d Uhr setzte sich von dcr Pionicrgasse aus die erste Marschsäule in Bewegung, den Lezay-Marnesia .Staden entlang am Statthalter- Valais, dcr alten Präfektur vorbei, wo von der Ballnstrade des Gartens aus Fürst und Fürstin Wedel die imposante Huldigung eittgcgeiinahmcn. Hier, gegenüber dem Statthalterpalast, war aus Veranlassung des Direktors L o e w e vom Elektrizitätswerk eine
.Hingabe an die Wissenschaft und Selbstlosigkeit sei das erste Ersor- dernis an den Dozenten. Als Vertreter der deutschen und österreichischen Universiläten begrüßte Rektor Tr. Georg Ritter v. Mayr ^München) die ZürchcrUniversiiät und sprach von dcr großen Reibe die Universitäten, die eine bundesstaatliche Verfassung haben. Es solgten Ansprachen von Pros. M. Cotton aus Paris und Pros. M a c o n (Oxford), die die Glückwünsche ihrer Universitäten übcr- brachten. Zuletzt verkündeten die Dekane der einzelnen Fakultäten folgende Ehrenvromotionen;
Tic theologische Fakultät ernannte zum Ebrcndoltor den Geb. Justizrat Pros. Ulrich Stutz in Bonn, den Pfarrer T r a u b in Dortmund und den Zürcher Kantonsobcrbibliothckar Dr. Konrad Esche r. Die staatswissenschastliche Fakultät promovierte zum Ehrendoktor Reichsgcrichtsrat S t a s s e l in Leipzig und den Zoologen und Anatomen Prof. Arnold Lang an her Technischen Hochschule in Zürich. Die medizinische Fakultät ernannte zum Ehrendoktor den Pharmakologen Pros. Karl H a r t w i ch (Zürich), die philosophische Fakultät, Sektion l verlieh daS Ehrendoktorat dem Architekren des neuen Uniocrsitätsgebäudes Pros. Karl Moser (Karlsruhe), dem Komponisten Volkmar Andre ac und dem Direktor des Zürcher Stadttheaters Alsred Rezicker; die Sektion 2 ernannte den Großindustriellen Peter S u l z e r in Winterthur zum Ehrendoktor. Außerdem verlieh das Polytechnikum in Zürich dem Chemiker Pros. Alfred Werner und dem Biologen Pros. Arnold La n g die Würde eines Ehrendoktors. Zuletzt übergab der neue Rektor dcr Universität, Pros. C l o c t t a. 400 000 Franks im Namen eines Komitees zur Förderung wissenschaftlicher Forschungen. Ter Weiheakt der neuen Universität erreichte sein Ende mit einer Feffkantate, Gedicht von Alfred F r c y, o. Professor sür Literaturgeschichte an dcr Universität Zürich, komponiert von Tr. Friedrich H e g a r.
Hauptversaminlimi f>cs Keplerbunöes.
2. Tag.
— Frankfurt, 18. April. Tie Beratungen am heutigen Vormittag waren inneren Vercinsangclegenhcitcn gewidmet. Es wurden Geschäfts- und Rcchnungsbcrichtc abgelegt und sonstige geschäftliche Angelegenheiten erledigt.
Gegen dcnMonisn,uS wurde folgende Entschließung angenommen:
Ter alle Materialismus eines Vogt, Büchner und Moleschott, der das Wesen und die Bedeutung dcr geistigen Wett völlig ver kannte, ist wissenschastlich überwunden. Die alten Jrrtümcr werden in unserer Zeit in neuer Fassung unter dem Namen „Monismus" ins Volk getragen.
Ter Begriff Monismus bezeichnet ursprünglich das au sich berechtigte Bestreben des menschliche» Geistes nach Vereinheitlichung
großariigc Beleuchtung dcr Nachbarschast zugerüstet: In gewaltiger Ausdehnung, von der Theatcrbrückc^bis zur Sohcnlohebrücke, erstrahlten von der gegenüberliegenden Stadcumaucr viele Tausende buntfarbiger Glühlampen, zu Feucrgirlanden, Slralstcnbün- dcln und Kronen geordnet, eine Flammcnsroitt, wirkungsvoll und ein Meisterwerk dcr Beleuchtungstechnik. Ter Zug, dcr größte F a ck c l z u g, d c n S t r a ß b u r g w o h l g c s e h c n h a t, ivurde rrössncl von einer Gruppe Allstraßburgcr Pompiers, Feuerwehrleute mit Raupcnhclm und Stcinichioßstinten, dahinter die Feuerwehr Veteranen vvn 1870, an welche sich die populäre Pompiers- Käpcllc anschloß. Eine hübsche Gruppe, zwei Elsässcrinnen und zwei Lolliringcriiincn sowie junge Straßburger Damen in Tracht solgten. Tie nächste Gruppe wurde von den Abordnungen auswärtiger Elsaß-Lothringer Vereine erüssnet,^darunter Vertreter der Berliner, Franksurtcr, Münchener und Saarbrückener Landsmoiinschaslcn. Bemerkenswert aus dcr weiteren Folge des Zuges sind die Gruvvcn dcr 2 t u d c n t c n i ch a t l, diese meist in Wichs und lcils beritten, mit Pechiackeln. während die übrigen Teilnehmer des Zuges Lampions in den Landes- und den Stadtsarbcn weiß und rot trugen. Die Musik, Gesang- und Sportvereine der großindustriellen Firmen (Elsässischc Maschinen» baugescltscktait Jlllirch-Grasenstaden. Adler und Oppenheimer, Al» tiengescllschast L. Ungemach! und die große Gruppe dcr K r i c - gcrvcreine. Den Schluß des Zuges, dessen Vorbeimarsch nahe zu zwei Stunde» in Anspruch nahm, bildeten 36 Gesangvereine von Ttraßburg und Umgebung, die sich alsbald gegenüber dem rttatt- haltcrpoar zur Serenade sormierten. Fürst und Fürstin Wedel — der erste itt einfachem schwarzen Gehrock — dankten unermüdlich und sichtlich bewegt mit liebenswürdigem Läckteln und sich verneigend sür die ununterbrochene Reihe dcr Huldigungen, die in kräsiigeu Hochrufen und Hüteschwenkcn der vorübergehenden Gruppen sich äußerten.
Tie sich gegen 10 Uhr anschließende Serenade bestand aus zwei Musikoorträqen und drei Gcsangsnummern. darunter das Eliaßlicd von Wiltberg-Eolmar. Den gewaltigen Sängcr- chor, wohl 400 Sänger, dirigierte imrkungsvoll der kaiserliche Musikdirektor K. F r ö'd l, der Dirigent des Straßburger Männer- gcsangvercinS. Daun dielt dcr Präsident des clsaß-lotbringischen Sängerbundes, Rechtsanwalt Tr. Zcnnner eine Anivrache an das Statihalterpaar. Er gedachte dcr sympathischen Persönlich» leiten des Statthalterpaares, die „heute noch einmal ihre versöhnende und einigende Kraft gezeigt und uns, die wir allen Schichten dcr Bürgerschast entstammen, in einer bisher noch nie gesehenen großen Zahl zu dieser einmütigen, und frei gebotenen. Huldigung verbunden. Zum letzten Male grüßen wir Euer Durchlaucht und Ihre Durchlaucht in Ihrem gastfreundlichen Heim zu Straßburg in anirichtiger und dankbarer Verehrung. Wir werden Sie aber nicht vergessen: in unseren Herzen, in der Geschichte des Landes ist Ihren Persönlichkeiten und Ihrem Wirken die ehrenvollste Erinnerung gesick>ert".
Der Redner gab dann dcr festen Ueberzeugung aller inr Lande Ausdruck, daß Graz Wedel" „mit uns empfand, daß er sür uns ein Herz gehabt und daß er nack> bestem Können stets entschlossen gewesen, alle Interessen des Landes, seine Würde und Freiheit zu wahren." Mit feinem Takt und staatsmännischer Klugheit betonte der Redner, habe Graf Wedel gewisse unvermeidliche Konflikte zu verringern gewußt und deren Folgen weise und wirkungsvoll auSzuglcichen verstanden. Auck» den schönen Sitten und Gebräuchen der Heimat sei Gras Wedel in steter Hochachtting begegnet. Ter Redner gelobte in dieser Erinnerung: „In Treue wollen wir scsthalten an der Eigenart des Landes, wollen die alten Erinnerungen ehren und die Pslichteir dcr Gegenwart loyal ersüllen im engen festen Anschluß an Kaiser und Reich!" Daun wandte sich Redner der Fürstin Wedel zu und sprach: „Als Fremde kamen Sie, dnrchlauchttgste Fürstin, vor sieben Jahren in unser Land, als echte Landesmutter haben Sic in diesen sieben Jahren an der Seite des Herrn Statthalters gewaltet; als liebe, als geliebte Freundin dcr Heimat scheiden Sic von hier." Ter Redner gedachte noch dcr vornehmen lind tiebenswürdigen Gastfreundschaft der Gräfin Wedel, die sie in ihrem Heim gepilegt und der sympathischen und freundlichen Beziehungen, die glcsch-
dcr Erkenntnisse. Er hat aber eine Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit erlangt, daß seine Verwendung viclsach zu einem Mißbrauch geworden ist.
In weiteren Kreisen kennt und beachtet man einzig und allein einen Vulgärmonismus, dcr sich im Teutschcn Monistenbund, im sogenannten Freidenkertum und in ähnlichen Bestrebungen findet und von da ans eifrig Verbreiter wird. Dieser Vulgärmonismus trägt die wesentlichsten Merkmale des alten Materialismus an sich. Er weist der Naturwisscnschast eine allein ausschlaggebende Rotte im Weltanschauungskamvl zu (Hacckcl, Ostwaldt, eine Rolle, die die Naturwisienschast angcsichis ihrer Grundlagen, ihrer Ausgabe und ihrer Arbeitsmittel nicht hat, und gegen die ihre Vertreter selbst in überwiegender Mehrzahl sich verwahren.
Die agitatorischen Bemühungen, den zur Nachprüfung nicht ausgerüsteten Volksschichten eine wissenschaftlich unhaltbare, wc- scnllich aus Verneinung beruhende Weltanschauung zu bringen, sind zu einer Bedrohung der geistigen Kulturgüter, des wertootlsten Besitzes dcr Menschheit, geworden. Sic veranlassen den Kepler» blind zu der nachsolgcnden Erklärung;
1. Ter VulgärmouiSmus hat keine Berechtigung, sich als ei» tatsächliches Ergebnis der Naturwissenschaft hinzustellen. Er trägt vielmehr den Charakter einer aus persönlicher Meinung und Nes. guug beruhenden Auffassung.
2. Als wirkliches Ergebnis der Gedankenarbeit dcr Forscher und Philosophen aller Zeiten kann vielmehr, insoscrne sic an di» Fortschritte der Naturwisienschast überhaupt anknüpst, nur solgcn- dcs hingestcllt werden:
ul die Naturwisscnschast ist sür sich allein unzulänglich, eine Weltanschauung zu bilden,
bi die naturwissenschaftlichen Tatsachen sind in bezug aus Weltanschauung und Religion neutral in dem Sinne, daß naturwissenschaftliche Tatsachen sich zu verschiedenen Weltanschauungen perwerten lassen.
3. Aus den beiden letztgenannten Sätzen ergibt sich als notwendige Folgerung die Berechtigung des Gottcsglaubcns und seine Vereinbarkeit niii naturwisscnschastlichcm Denken, sowie freie Bahn für jegliche religiöse Betätigung des menschlichen Geistes, sosern sic sich ou> dem der Religion wcscnscigcittünüichen Gebiet bewegt.
Entsprechend der von ihm' vertretenen Forderung: „Gebt dcr Naturwissenschaft, was der Naturwisscnichait. und der Religion, was der Religion gebührt!" weist dcr Keplerbund den vom Vulqärmonismus erhobenen Anspruch, seine Anschauung sei wissenschastlichc Weltanschauung, als dem' wirklichen Sachverhalt widersprechend zurück.
— Tarmstädtcr Theaterbrief. Tarmstadt, dien 19. April Im .Hofthcater hoben die neuen Frühlings»


