Nr. 89
Zweites Blatt
*64. Jahrgang
Erschein! täglich mit Ausnahme de? Sonntag?.
Ti- ..«j-tzener ZmmNenbllifter" werden dem »Anzeiger, viermal wöchentlich beigclegt, da? „Kmsblott (fit den Kr«is Kietzen" zweimal
wöchentlich. Tie „raildwlrtschastlichen Seit- lragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Freitag, *7. April *9*4
Rotalionkdruck »nd Verlag der Brühl'schen Unwersitäls - Buch- »nd Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition »nd Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: S-zH öl. Redaktion:^« N2. Tel.-illdruAnzeigerBießen.
Die soziale Schichtung der vcvölkcrunz in Hessen.
. In der Gegenwart, in der Berufsfreiheft, Wandersrei- r>c,t. Ehesreiheit und öffentliche Meinung einen entscheidenden Einfluß auf die Gestaltung des Volkslebens geivonnen naben, können keine so fest umrissenen Berufsklasscn wie im Mittelalter entstehen Wenn die heutige Entwickelung auch wieder ein Aufblühen de? genossenschaftlichen Geistes und «ine Entfaltung von Vereins- und Vcrbandsbildung mannigfachster Art sicht, so lockern alle diese Bindungen' gleich- eilig aus der einen Seite, was sie aus der anderen zusammen- schließen wollten. Abstammung und Besitz. Berus. Leistungen und persönliche Eigenschaften zeichnen dem Einzelnen seinen gescllsckwstlichcn Kreis vor. Ilm die sozialen Schrch-« cken möglichst zutreffend zu erfassen, gelten die beiden Merkmale Besitz und Berussstellnng als die geeignetsten. Eine zuverlässige Besitzansnahme ist aber bei der betannten Steucrsurcht des Publikums unmöglich. So muß sich die Evzialstatistik auf die Erfassung der B e r u f s st c ll u n g beschranken. Allerding-? trifft sie hier den Menschen nach der hauptsackze, nach seiner gesellschaftlichen Lebensstellung, und gibt wenn auch nicht dem Besitzcinkommen. so doch dem Ar- beitseinkominen und in gewissem Maße zugleich auch dem Bildungsgrad Ausdruck. Rach dem Arbeitsrang gliedert sich der Bolkskörpcr in Selbständige, Angestellte und Arbeiter. Tiefe drei Kategorien erscheinen aber nicht immer sckxars getrennt. Lerbindel sich znni Beispiel mit der Selbständigkeit im allgemeinen auch wirtschastliche Unabhängigkeit, so ist das doch sehr oft nicht der Fall. Tie Selbständigen^ wie sie die Bernssstatistik versteht, sind nicht immer die Besitzer. sondern zu ihnen werde» auch die leitenden Direkt toren, die Hausgewerbetreibenden usw. gerechnet. Die Näherin, die für einen tleincn Kundenkreis tätig ist, zählt ebenso als selbständig wie der Großbankier. Mancher tvastwirt ist in Wirklichkeit nur der Angestellte seiner Brauerei, und der kleine Hausgewerbetreibende wie der Kleinskellenbesitzcr stehen dem Arbeiterstandc sehr nahe.
Sind somit aller Berufsstatistik Grenzen gezogen, so kornint doch bei ihr die Wirkung der Massenzifsern so zur Geltung, daß sich Gesetzmäßigkeiten ablciten lassen. Sic lehren uns die Verschiebungen greifbar kennen, die durch die Entwicklung von Technik und Verkehr bedingt sind und die oft der alten Zeit gegenüber «ine völlige Üniwälzuirg. bee deuten. Neue Schichten kommen „ach oben und alte, denen die Existenzbedingungen abgeschnitten oder erschwert ivcr- den, sinken unter. In diesem unruhigen Boden des Werdens und Vergehens wurzeln alle wirtschaftlichen und sozialen Kämpfe unserer Zeil.
Seit 1895 habe» sich in der Landwirtschaft Hessens die drei großen sozialen Sckstchtcn in folgender Weise entwickelt:
1893 1907
Selbständige 62 785 62 011
Angestellte 680 1300
Arbeiter 48 377 44 117
Wir sehen also in der Vermehrung der Angestellten eine Entwicklung nach vorwärts, hcrvorgcrufen durch die .Ausgestaltung der Großbetriebe und ihrer landwirlschast- lichcn Nebengewerbe, dagegen eine Abnahme sowohl der Selbständigen um säst 800, als auch der Arbeiter um mehr als 4000. Bei letzteren sind zudem noch 1036 Ausländer mitgezählt. die meist aus einer so niedrigen Knlinrstnse stehen, daß man wohl sagen muß: im allgemeinen f>at die soziale Schichtung der hessischen Landwirtschaft in ihrer jüngsten Entwicklung stark gelitten. Taß diese tiefgehende, nach rückwärts gerichtete Veränderung der sozialen Struk
tur, die von der allgemeinen Bevöllernngs q n a l i t ä t gar nicht zu trennen ist. aus die Tarier von keinem guten Ein-- ilnß auf die ganze agrarisäze Entwicklung des Landes sein muß, ivird wohl niemand leugnen.
Ganz andere Bilder bieten Handel und Industrie. So zeigt die Industrie mit dem handlverk folgende Zahlen:
1893 1907
Selbständige 41 928 42 224 b. i. -f- 0.7 Prozent,
Angelleine 4 428 12 47t d. i. + 187,0
Arbeiter U3 073 160 039 d. i. + 42,0
Sich in Industrie und haiidlverk selbstündig zu machen, dazu gehört bei der hcutigcii BetriebStcchntck ein größeres Kapital. Tic Entwicklung zielt darum viel mehr auf die Erweiterung der bestehenden Betriebe hin. Bei der nusgc- bildeten Arbeitsorganisation (Arbeitsteilung und Spezialisierung fuhrt das von selbst zu einer außerordentlichen Vermehrung der Angestellten, die sich in den zwölf Jahren fast verdrcilacht haben. Der neue Mittelstand, der sich hier bildet, und der vielsach den alten zünftigen Mittelstand ablöste, in zu einem ganz neuen sozialen Faktor geworden und sucht sich seine Daseinsberechtigung bei der Gesetzgebung energisch zu erkämpfen. Zugleich ist aber auch die industrielle Arbeiterschaft gewaltig gewachsen und gibt durch d-ie Wirkung ihrer Massen der Zeit das eigentliche Gepräge.
Ter Handel zeig! von jeher einen verhältnismäßig hohen Bedarf an Angestellten. Ta außerdem die deutsche Bernssstatistik merkwürdigerweise die Verkäufer in den Ladengeschäften nicht als Angestellte, sondern als Arbeiter rechnet, erscheint in Handel und Verkehr die Zunahme der Angestellten prozentual nicht ganz so stark Nne in der Industrie. Es ergibt sich hier folgendes Bild:
1893 1907
Selbständige 18 267 22 185 d, i. -f- 22 Prozent,
Angestellte 3 853 9 089 b. + 137 ,
Arbeiter 21 832 30036 d. i. + 45
Als ungewohnt fällt hier vor allem die nicht unbedeutende Steigerung der „Selbständigen" auf, die in Widerspruch zu den bekannten Klagen über den Rückgang des händlerischen Mittelstandes zu stehen scheint. In Wirklichkeit liegen die Verhältnisse aber so, daß die Möglichkeit sich „selbständig" zu mache», nirgends so leicht geboten wird wie im Kleinhandel. Gewerbliche Unternehmer, Großhändler und andere Kreditgeber, sowie ein lleberfluß an Ladcn- räumen erleichtern die Errichtung neuer Geschäfte. Auch Personen, die nicht kaufmännisch vorgebildet sind, etablieren sich im Vertrauen aus das Glück. Wie das Kais. Statistische Amt zulresscnd sagt, handelt es sich ost nur nur einen „Alleinbctrieb, das Leben zu fristen", oder auch bei Ehc- sraucn von Arbeitern, kleinen Angestellten und Handwerkern um ei» bloßes hinznverdicncn zum Arbeitseinkommen des Mannes. Das sind dann nicht vollwertige „Selbständige" im Sinne der Volkswirtschaft, sondern oft nur Klein- und Scheincxistcnzen, die schwer mit den lvirtschaftkichen Widerwärtigkeiten zu ringen haben.
Wer genau beobachtet, der weiß, daß allein die ökonomischen Entwicklungsgesetze den Gang der sozialen Schichtung bestimmen. Diele Abhängigkeit wird mit der steigenden Differenzierung von Groß- und .Kleinbetrieb immer lüirtcr, und cs ist da zu verstehen, daß sich in unserer Gesetzgebung der soziale Gedanke „Schutz dem wirtschaftlich Schwachen!" überall diirclHnsctze» bemüht ist. Und lvas die Gesetzgebung nicht vermag, das bleibt der Arbeit der Organisationen überlassen, die sich in allen drei sozialen Schichten immer deutlicher hcrausbilden und an ihrem Teil dafür sorgen Helsen, daß ihre Mitglieder so gut als möglich zu ihrem Rechte kommen.
Au» ßcflkn.
rb. Dar ,n st a d t, 16. April. Ter vierte A u s s ch n tz der Zweiten K a m m e r wird als erster der parlamentarischen Allsschüsse nach den Osterscicrtagen seine Beratungen lvicder ausnehmen und zwar am Dienstag, denl 21. April. Zur Beratung stehen verschiedene Anträge und Vorstellungen.
M a n d a t s n i e d e r l e g n n g Ter nationalliberale Landtagsabgeordnete Edmund Dicht hat infolge andauernder Krankheit in einem Schreiben an das Kammcr- präsidium erklärt, daß er sein Mandat nicderlcgc. Diehl war Bürgermeister von Gau-Odernheim und vertrat den 2. rheinheisischcii Wahlkreis (Alzey). Er gehörte der Zweiten .Kamincr seit dem 18. November 1890 an und war in« herbst 1011 nach dem neuen Wahlgesetz ans sechs Jahre wiedergewählt worden, hatte jedoch im letzlcn Jahre wegen seines leidenden Zustandes zumeist den Knmmcrvcrhand- lnngcn fern bleiben müssen. Ten gesetzlichen Bestimmungen gemäß hat das Staatsministerium alsbald eine Neuwahl anzuordnen, die noch im Laufe des Monats Mai stattsindcn dürste. Ter Wahlkreis gilt als ein sicherer Besitzstand der nationalliberalen Partei.
Evangelisch-sozialer Uongretz.
~ Nürnberg, 16. April.
Unter zahlreicher Beteiligung aus allen Teilen des Rcickies trat hier der Evaugeliich-Soziale Kongreß zu seiner 25. Tagung zusammen, die mir einer Begrüßungsfeier ciiigelcitct wurde. In seiner Erösinungsredc wies der Vorsitzende Proiesior v. B a u m- garten (Kiel) darauf Hill, daß man dem Kongreß vorgcwortcn habe, er mache Kompromisse, besonders mit dem Kapitalismus und dem Luxus. Gewiß fühle sich der Kongreß »ich! für verpflichtet, mit großen Kuildgcbungcii vor die Oesientlichkeit zu treten, denn man dürfe- von derartigen össentlichcn Kundgebungen keine zu große Wirkung aus die, die cs angehc, erwarten. Was die Frage des Schutzes der Arbeitswilligen anlangt, so ist nach unserer Ueber- zeugung die unbedingte Koalitionsfreiheit die magna cktzirta unserer Arbeiter, iLebst. Beifall.! Wir sind der Meinung, daß die soziale Bewegung noch nich! halt zu machen hat. D.« Füstrcr der sozialen Bewegung in England Hai uns den Tank der zivilisierten Welt dafür ausgesprochen, dnst wir aus dem Gebiet der sozialen Fürsorge bahnbrechend gewesen sind. Unsere ganze Arbeit werden wir zu stellen haben unter die zwei Bitten des Vaterunser: Führe uns nickst in Versuchung! und: Tein Reich komme! Ter Redner schloß mit einem hoch auf den König von Bayern und den Kaiser und nahm dann das Wort zu seinem Vortrag über das Thema: „Der Einfluß der s o z i a l e n B e r h ä l t n i s s e auf die E n t w i ck l u II st derFrömmigkeitundKirchtichkei t". Nach theoretischen Erörterungen kam er zu der praktischen Frage, ob wir ein Programm zur Becinslussung der sozialen Zustände im Interesse de-z Evangeliums haben, und gelangte zur Verneinung dieser Frage. Weiter erörterte er die Fragen der inneren Kolomsation und der Jugendpflege, aus welchem Gebiete aus katholisck>cr Seite Vorbildliches erreicht worden sei.
In der Aussprache führte u. a. Dr. Mchling (Württemberg- aus: Ter Evangelisch-Soziale Kongreß muß auch für das Recht cintrctcn. Es geht nicht an, daß die Betätigung eines Leutnants v. Forstner die Grundlage irgcndwelckier Rechtsbegriffc bildet. Auch Oberst v. Reuter gehört in diese Linie. Professor D. h a r n a ck erklärte, daß dieser Hinweis aus die Zaberncc Verhältnisse unpassend gewesen sei. I» der zweiten hauptoer- sanrmlung sprach Lic. Paul Rohrbach über die Frage: Die Ein geborenen sragie in unseren Kolonie» als sittlich-soziales Probte m Die Neger seien nickst fähig, eigene Staalswesru zu bilden: das hätten die Negerrepublikcn in .Haiti und Liberia gezeigt. Es sei eine Astensckiande, daß derartige Staatswesen noch existieren dürften. Ata» werde den Neger nie so weit bringen, wie die weiße Rasse mit ihrem tieicn religiösen Empfinden. Beim Neger dürste es nickst beißen „Freiheit", sondern „Autorität". Ten Neger kan» man nur erziehen mit
Die Zreie Sezession.
Tie alte Sezession ist tot. Es lebe die Freie Sczcision! Daß das einst für die Entwicklung der modernen Kunst in Berlin jo überaus wichtige Unternehmen nun endgültrg zu Grabe getragen ist, das bringt diese erste Ausstellung der „Freien Sezession" zu schmerzlichem Bewußtsein. Es ist nickst mehr der alte Geist, die alte Einheitlichkeit der 'Anschauung. Wohl zeugen auch hiec noch so manchcSäulen von der einstigenPrachl; aber lencrEinbruch der jüngsten Kunst, den man schon in früheren 'Ausstellungen ahnte, hat sich nun mit aller Schrecklichkeit vollzogen. Böte uns die Freie Sezession einen streng gewählten Ausichnitt des Besten, was die Vernichter jenes Stils erstreben, dessen Hochburg die alte Sezession war — man wäre ihr dankbar und würde auch das Gemeinsame finden, das alle gute Kunst besitzt. Aber cs hat den Anschein, als ob die Jur» den Talen der Expressionisten und Kubisten diesnial urteilslos und ratlos gegenüberstand. Auch wer der neuen Maler- gencralion in ihrem Ringen und Wollen sympathisch gegenübersteht. muß das viele Nichtige und Unerhebliche ablehncn, das manchmal gerade an bevorzugtester Stelle sich darbiciet. Man erkennt so recht die unendliche Armseligkeit dieser Theorien, die nar durch das Erleben echter Künstler mit Größe und Olchimalität er- fülXt werden können, aber in der Hand der Kleinen zum Spielzeug lierabsinten, zum einförmig langweiligen Schema, an dem das Etikett alles ist. und alles sagt. Wenn die Sezession glaubte, durch die Entfernung einer Anzahl nicht eben überragender, aber ihr wesensverwandtcr Maler ihr Niveau zu heben, so hat sie es diesmal statt dessen lies deruntergcdrückt. indem sie, die sonst so strenge, dem Dilettantismus Tür und Tor öffnete. Es ist sehr bcgrciilich, daß die Jury, fast alles Meister, die im Jniprclfto- nismus wurzeln, kein Oualilätsgesühl haben kann für eine Aus- drucksiorm. die der ihren ganz enlgegcngesetzt ist: dann sollte nian überliauvl die Jungen ausicheidcn oder die ^ury ihnen sclbit überlassen Trotz oller hochtönendeii Phrasen des Kaialog-Bor- wortco liegt jedenfalls der Wert und die Bedeutung der ersten Ausstellung der „Freien Sezession" durchaus da, wo die der früheren Sezession log: im französischen Impressionismus, in djebermonn. Trübner, Thoma und den Besten der alten Garde. ~ Einen reine» Genuß von erlesener Art gcwalxct der eine Ecksaal der ausgewähltcn Bildern aus der Sammlung des oer storbcnen Julius Stern eingcränmt ist. Ter Ge,chmack eines Kunstircundea. der mit der Sezession gelebt »nd an ihren Aus- üellungen sich geläutert und vertieft hat, Ist hier ausgeprägt. Neben den Großmeistern des Impressionismus sind es vor allem Z, ,'ckiöncn Liebermanns, die den künstlerischen Höhepunkt dieser Kollektion darstellen. Wenn man noch von dem großen inctstcehaft Spazierritt" Renoirs aus dem Bentz der Hamburger Kunsthalle absieht, ist sonst nicht viel und nichts Belang- uollks von ausländischer Kunlt an, der AuSitellung zu Ieben, -riaaeaen tut sich als ein wahres Heiligtum dcuftchen Schonens Z :% a„s-Thoma-Saal auf., Es sind nur etwa zwanzig «Oder- aber sie bieten zusammen einen starken Eindruck von dem Wesentlichen des Meisters. wobB sie auch left.e Grenzen nlch- «r »«eigen, sowie von .einer Entwicklung. Von dem anmutig
dürftigen Frühbild (1862, ist ein Ivcitcr Weg bis zu dem wundervoll blühende» herbftbild -1874) und den bercils einer leisen Manier versallenden italienischen Studien. Der Hauptakzent liegt in der lzerrllchcn Reiiczeil der 70 er Jahre, die vielleicht überhaupt das Beste von Thomas Schossen entstehen ließ: diese Epoche vertreten die beiden unvergleichlich schöne» und warmen Portrats und die rührend ssillc Flucht nach Aegypten, der sich die szeuc zwischen Christus und der Samariterin als ein deutsches Idyll unter Bliftenzweigcn anschließ!. Diese historische Uebcri'ck»au, zu der noch einige weniger charakteristische Bilder von Marees, Viktor Müller und u h d k, ein paar entzückende Ober» lindcrs und eine melodische Landschait von Thcodorhagcn treten, nrutci in dem ringsherum tobenden Chaos »todernster Malerei wie eine „Insel der Seligen" an.
Gehen wir zu den Schöpfungen der Gegenwart über. >ä stehen die neuesten Arbeiten Liebermanns an erster Stelle. Das Bildnis Ludwig Fuldas ist in seiner bekannten 'Art aut den hellgrauen Grnnd licht und rosig hlngcsetzt, aber den Zügen jehlt die letzte Beseelung: sic haben den Meister augenscheinlich nicht sehr inlcrcssiert. Ein neues Mali» schlägt Liebermann, der leine einfachen Stoffe so gern in ganzen Serien crsckzöpft, mit den beiden hundebildern an. in denen sein Malerangc eine Fülle neuer Nuancen und Feinheiten gesehen hat. Unter Trübners Werken fällt besonders ein Bild seines Sohnes in einer Rüstung mit roter Schärpe aus. Kalckrcuths Porträt einer Lesenden ist von der übcrzengendenWahrheit u. inncrlichcnSchlichthcit des Ausdrucks, die die wir an diesem Meister besonders lieben. Hoblers Schwörender, ioobl cincEinzelsigur aus seinem großen Wandbild in Hannover, ist eine .unvergeßlich mackstvolle Gestalt, wie er im braunroten Wams breitbeinig dastcht, die Schwurfingcr erhoben, die Linke beteuernd on> die Brust gelegt — der ucrkörvertc Eid in aller Leidenschasl und Inbrunst. Während Ulrich Hübner in seinen jüngsten Landschaften zu einer lvahrhast imponierenden Monumentalität sortschrcitet und Tora hitz in ihrem stimmungsvolle» Emmaus-Bilde eine seinsarbigc Verschmelzung von Figuren und Landschaft gelingt, sind andere langjährige Mitglieder der allen Sezession nicht weitcrgekommen, so B a l u sch e ck . der in seinem „Runrmclplatz" vergeblich das Probleni einer Illumination mit bunten elektrischen Lampen zu lösen sucht, so Beckmann, desien eigenartige «traßenbilder m llner Vermeidung jeder lmvrcsiio- »istiichcn Note noch nicht geglückt sind, so Brock Husen und R öslcr, die zu viel erperimenlieren. Bon bcdeulsamen Porträt- lcistungcn seien P a n k o k s Graf Zeppelin, Stucks Tilla Durieur als Circe und hcrrenbildnisse von Heinrich Hübner, Kar- d o r s s, Rhein und G i e s c hervorgehoben.
Wenden wir uns von diesen Künstlern, die alle noch ftn Banne der Tradition stelzen, zu dem großen Schlachtfeld der modernen Kunst, das sich aus dem größten Teil dieser Wände ausbreitet- so finden wir eine ganze Reihe Uebergangsgcstalten, die dem Neuen zustreben, ohne mit dein Vergangenen ganz zu brechen. Solcher Art sind Walter Bondh, desien Porträt des Plstlo- lophen Cohen, mrglichen mit dem Liebermanns, allerdings schon einen hohen Grad von Formlosigkeit auftvcist, Kurt Tuch,
mit seinem unscrsigcn Bacchanal, W a s k c mit seinen in gelblichen Blitzen zerslatternden visionären Landschasten mit einem lelzr guten Sclbstporträt und noch so mancher andere. Eine Gruppe für sich kann man die beiden geistrcickzcn Phantasten Markus Zcl- 1 e r und Klaus Richter nennen, von denen der letztere klarer und kräftiger, Zeller aber vhantgsieooller und geistreicher ist. Unter den ausgcsvrochcncn Crvrcssionisten steift billig P c ch - st e i n an erster Stelle, dessen Mutter und Kind in der keck hingcsctzlcn Zeichnung und dem genial gegebenen Ansdruck mit neuen Mitteln das uralte Thema prächtig verkörpert. So vollkommen wie diesem Maler gelingt es keinem andere», das Letzte zu geben. Aber cs sind doch starke Eindrücke, bei aller Krastheit- dic einige vermilicln. To 2 c g a l s Schlafende mit der mächtigen Geste und dem tiefen Iraumhasten Zweiklang von Blau und Gelb: Tcgncrs Salome mit ihrem brutalen Pathos: der .kovilose Rumps wird wcggcschlevvt: der Henker streift lick» die Hemdsärmel herunter, und über den, blutenden Haupt trcl- sen sich die beiden Fraucngestalten in einer wilden Sinnlichkeit- Andere Bilder Dcaners sind trotz ihrer starken Oualftäten zu wüst, und das Gleiche gilt von den Stichien des sehr begabte» W o l > R ö h r i ch t. illns Futurisftschc grenzen schon die grausigen Krastlcistungen M c s e ck s, die grell gcspenssigen, unleugbar lies erlebten Visionen Erich heckels und die wijdcn Schreckens- szcnen Ludwig Meidners. Eine ganze Reihe von Mülern erstrebt einfache und klare Kompositionen durch ciuc Art Malen in Linien, indem die Körper nur ilüchtig »mrisscn werden, ja 50 o s e r, der seine W er n er h e u s e r u. a. linier den Kubisten bringt cs allein Max Oppenheimer zu einer geschloffenen Einheit, indem er die vier Spieler des „Heß-Quartett" mit Raten und Notenständern sehr klar und Überzeugend zusam- mcnbringt.
Auch die Plastik Ivird immer stärker von dem neuen Schwarmgeist des Primitiven ergriffen Man begnügt sich nicht mehr damit, zu Aeghptern und Babyloniern in die Lehre zu gehen, sondern man findet seine Ideale im Buddhismus oder in der Ncgcrkunst oder in der Steinzeit. Alles, ioaS lm Ausdruck nicht gekonnt, in der Form inaßlos ist, wird »achgeahml. To ist dev Eindruck der plastischen Abteilung recht betrübjich, obgleich cs auch hier an Schönheiten nicht fehlt. An erster Stelle stehen da Werke Rodt ns und eine sehr eigenartige Gcwandiigur aus farbigem Marmor von Klinget. Wunderschöne Werke von schlichter Harmonie bieten Richard Engelmann, Aug. Kraus und Johannes Walther. Von der innigen Mysftk frühchristlicher Kunst sind die großartigen holzarbeiten Varlachs durchivcht, während Kolbe sich durch seine souveräne Beherrschung aller Feinheiten des inciilchlichen Körpers dazu verleiten läßt, geiuchte und svielerischc Stellungen seinen Gestalten zu geben. Lehmbrucks Gotik entartet bereits zu einem schematffckzen (Ktiederstreckcn: eine echte Neuschövsnng aus dem Geist der Golit aber ist Wilhelm Gerstel in seinem toten Christus gelungen, dessen vom Todeskrainps durchzuckte Gestalt bei allem Rcalis» mns feierlich und groß wirkt.


