Nr. 88
Zweiter Blatt,
16§. Jahrgang
Erschein! täglich mit Ausnahme des Sonntag?.
Die „Siehener Zamilienblätter" werden dem »Anzeiger' viermal wöchentlich bcigclegt, da? „Xreirdlatt für den Xreir Sietzen" zweimal
wöchentlich. Die „landwirtschaftlich«» Seit- frage," erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Donnerstag, l6. April 10^
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Dießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e*s>51. Redaktion:«^ 112. Tel.-Adr.:AnzeigerVießen.
Steigendes Angebot an den viehmärlten.
Ter Monat März 1914 brachte an den deutschen Vieh- inärktcn eine ganz beträchtliche Zunahme gegen den Vormonat wie gegen den cntsvrechenden Monat des Vorjahres. Im Vergleich zum Monat März 1912 ist die Steigerung der; Austriebs allerdings noch ziemlich gering. Immerhin ist die Besserung des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage » an den Viehmärlten von großer Bedeutung, und cS wäre zu wünschen, daß sic auch in der Bewegung der Fleischpreisc im Kleinhandel mehr noch als bisher zum Ausdruck kommt. An den 40 größeren deutschen Schlachtviehmärktcn, sür die eine sortlausende Statistik vorlicgt, entwickelte sich das A n gebot im Monat März der Jahre 1911 bis 1914 in
ionen Kilogramm, wie folgt;
Mär-
1911
1912
1913
1914
Rinder
24.41
25,92
26,11
27,01
Kälber
4,39
4,36
4,41
4,18
Schale
1,82
2,07
1.98
1,64
Schweine
41,7«
41,17
39,21
45,54
Ter wesamtauftrieb betrug im März d. I. 78,37 Mill. Kilogramm gegen 71,72 Millionen Kilogramm im Vorjahre, 76,52 Millionen Kilogramm im März 1912 und 72,41 Mill. Kilogramm im Vergleichsmonat 1911. Aus diesen Zissern geht deutlich hervor, daß die Versorgung Deutsch- land s mit Fleisch den größten Schwankungen auSgesctzt ist, daß die Linie aber — zum Ruhme der Landwirtschaft sei cs gesagt — auswärts geht. Wie stark von dieser llnglcichmäßig- keits des Angebots der Fleischverbrauch bceinslußt wird, zeigt die nachstehende Zusammenstellung der an den oben erwrihn- kcn Plätzen dem Schlachthose zugeMrten Quantitäten in Millionen Kilogramm;
März >911 1912 1913 1914
Rinder 19,78 16,49 16,25 . 1725
Kälber 3,96 3,85 3,76 3,67
Schate 1,61 1,85 1,71 1,54
Schweine 31,88 34,04 29,20 34,60
Tie Gesamtmenge belief sich im März 1914 auf 57,08
Millionen Kilogramm gegen 50,92 Millionen Kilogramm im Vorjahre, 56,23 Millionen Kilogramm im cntsvrechenden Monat 1912 und 54,23 in 1911. Nach alledem wird man, so meint die „.Köln. Ztg.", an die Zunahme des Angebots im März 1914 noch keine iveitgehenden Hoffnungen knüpfen dürfen. Bisher ließ der Rückschlag nie'lange aus sich warten. .Hosscntlich bewahren die Bemühungen um Steigerung der Bichproduktion vor neuen Enttäuschungen
Die vegeginmg in Abbazia
Abbazia, 15. April. Sau Giuliano und Graf Berchtold empfingen heute nachmittag die Vertreter der Presse Italiens und Oesterreich-Ungarns. S«n Giuliano unterhielt sich in liebenswürdigster Weise mit den österreichisch-ungarischen Journalisten in deutscher Sprache und bedauerte, keine Mitteilung machen zu können. Wie bekannt, gewähre er niemals Interviews, da er niemand verletzen wolle. Er betonte gegenüber den italienischen und österreich-ungarischen Journalisten die guten Eindrücke, dtc er bei seinem Aufenthalt in Abbazia gewonnen habe
Die Konferenz des Grafen Berchtold mit San Giuliano dauerte zwei Stunden. Die Besprechungen nwrden heule nachmittag und in den nächsten Tagen fortgesetzt.
A b a z i a, 15. April. Heute nachmittag fand bei dem früheren Botschaiter Baron v. H c n g e l m ü l le r ein Gartenfest zu Ehren der Minister Marguis di Tan Giuliano und Grat Berchtold statt. Am Abend gaben Grai und Gräfin Berchtold ein Mahl zu Ehren des Marauis di Sa» Giuliano.
Paris, 15. Avril. Das „Petit Journal", destcn Leiter seit kurzem der frühere Minister des Acuhcrn P scho n ist, erörtert anläßlich der Zusammenkunft di San Giulianos mit dem Grasen Berchtold die Beziehungen zwischen Frankreich und Italien und
schreibt u. a.: (Sä ist wohl mögtidi daß der Dreibund bei seiner Erneuerung im Jahre 1912 nicht geändert wurde. Biel z w e i s e l Hafter dagegen ist cs, ob nicht irgendein neues Abkomme n betreisend das M i t t e l m e c r , die Adria und R o r d - a f r i k a hinzugefügt wurde, lieber diesen Punkt brauchten wir eine Aufklärung, die sich in keiner amtlichen Erklärung des italienischen Ministers findet.
A b a z z i a , 15. April. Heute nachnnttag fand bei dem früheren Botschaiter Baron von Hcngelmüller ein Garten- fest zu Ehren der Minister Marauis di Tan Giuliano und Grat Berchtold statt. Am Abend gaben Gras und Gräfin Berchtold ein Mahl zu Ehren des Marauis di San Giuliano.
Slerblichkeit und Gefundhei'szuftand im Krcifc Giehcn im Zähre fyfZ.
Das Großh. Krcisgesundhcitsamt G.icßcn schreibt uns;
Im Anschluß an unsere Beröiscntlichung über die Bewegung der Bevölkerung und die Sterblichkeit in der Stadt Gießen wird aus der Statistik sür den Kreis Gießen solgcndrs auszugsweise mitgcteilt -
Im Jahre 1913 sind im Kreise Gießen 1342 Personen gestorben, 696 männlichen und 646 weiblichen Geschlechts (im Jahre 1912 waren es 1434 Todesiällc Bei einer Einwohnerzahl von 96 500 beträgt die Sterblichkciiszisscr, d. h. die Zahl der Todks» iälle aus 4000 Einwohner berechnet, 13,91 °/ t0 (im Vorjahre 15,02° oo- Hiervon kommen in Abzug diejenigen Personen, die in den hiesigen Kliniken verstorben sind und dem Kreise nicht angchören. Es sind dies 272 Dodesiälle, so daß also die Zahl der Todesfälle im Kreise sich in Wirklichkeit nur auf 1070 beläuft oder aus 11,08° 0 „. Diese Zahl wird auch bei den folgenden Betrachtungen zu Grunde gelegt. Ihr steht gegenüber die Zahl der Geburten (Lcbendgcborcnes, die im Berichtsjahre rund 2100 beträgt, so daß also immerhin noch ein ganz ansehnlicher Geburtenüberschuß vorhanden ist.
Tie Todesfälle verteilen sich aus die einzelnen Altersklassen solgcndermaßen: untcrlJahr 1-15 15-30 30—60 60-70 70 und darüber 118 84 92 245 203 328
Bei den Kindern unter 1 Jahr kommt als Haupttodesursachc angeborene Lebcnsschwäche, Lungenentzündung und Brechdurchfall in Betracht. In den mittleren Jahren nimmt die Tuberkulose, insbesondere diejenige der Lungen, einen großen Raum ei», während die Todesfälle an Lungenentzündung sich auf alle Lebensalter gleichmäßig verteilen. Tie Todesiälle an Herzkrankheiten und Erkrankungen des Gcsäpshstems lArterrosklerose sind bis zum 30. Lebensjahre nur wenig vertreten, während sie vom mittleren Lebensalter an stetig zunehmen. Auch Gehirnschlag und Krebs sind noch eine Todesursache des höheren Alters. An Wochen bcttsieber starben 4 Frauen.
Eine verhältnismäßig große Zahl von tragischen Todes fällen ist im oerslossenen Jahre zu verzeichnen. Es kamen 25 Selbstmorde vor, 43 Fälle von Verunglückung und 3 Todesfälle, bedingt durch Körperverletzung.
179 Personen starben an Altersschwäche, ein gutes Zeichen sür die Lebenszähigkeit unserer Bevölkerung.
An Scharlach starben im oerslossenen Jahre 2 Kinder, an Masern 7, an Diphtherie 11 und an Keuchhusten 2.
Diphtherie herrschte während des Bertchtsjahrses in einer Reihe von Orten in wechselnder Ausdehnung, die Erkrankungszahl erreichte ihren Höhepunkt im Monat Dezember mit 51 Fällen. Während des ganzen Jahres kameen 294 Fälle zur Anmeldung, von denen aus die Stadt Gießen allein 169 entfallen, von denen 5 Kinder gestorben sind. Die in den ländlichen Orten vorgckom» menen Fälle betrafen messt solche Orte, deren Bevölkerung im täglichen Verkehr mit der Stadt Gießen steht, in den entserntep gelegenen Orten Kam diese Erkrankung vereinzelter und seltener vor.
Die Anzahl der Scharlachsällc erreichte im April v. Js. ihren Höhepunkt mit 25 Fällen, im ganzen kamen 159 Fälle zur amtlichen Kenntnis. Meist nahm die Erkrankung einen gutartigen Verlauf.
An Typhus starb im Berichtsjahre niemand und kam auch kein Erkrankungsfall zur Anzeige.
Erschreckend groß ist immer noch die Zahl der an Lungentuberkulose Verstorbenen,- es sind dies 143 Fälle, an tuberkulöser Erkrankung anderer Organe starben 33.
Gegen Errde des Jahres nmchte sich in Lich und den benachbarten Orten ein häufigeres Auftreten von Blinddarmentzündung bemerkbar. lieber die Ursache dieses schon häufiger beobachteten cpcdemseartigeii Auftretens dieser Erkrankung schtvebt noch ein völliges Dunkel. Jedenfalls ist nicht, wie es im vorliegenden Falle vereinzelt behauptet wird, das Trinkwasscr die Ursache.
Tie zur Bekämpfung der ansteckenden Krankheiten durch Pol: zcivcrordnung festgesetzte DsSinsektton wurde in allen uns zur Kenntnis gekommenen Fallen durchgeiühri. Wenn wir auch i» der Tesinsckiionsirage noch weit vom Ideal cntscrnt sind, so muß hoch hcrvorgehoben werden, daß die zurzeit gebräuchlichen Tcsinscklionsmcihvdcn IM Kampfe gegen die ansteckenden Krankheiten immerhin einen mächtigen und wirkungsvollen Faktor bedeuten. Erfreulicherweise bricht sich diese Erkenntnis immer mehr Bahn, und es kommt auch fast kaum vor, daß der 'Ausführung der Desinfektion Widerstand entgegengesetzt wird. DaS Publikum ist doch von der Zweckmäßigkeit überzeugt, und gar oit wird die Desinfektion auch ohne behördliche Anordnung aus freien slüacn gewünscht.
Gelegentlich der sckmlärztlicknm Untersuchungen, die durch die Unterzeichnete Behörde ausgesührt werden, konnte im allgemeinen sestgestelll werden, daß für derartige Hhgicnische Maßnahmen auch im weiteren Publikum Berständtii» vorhanden ist. Es zeigt sich dies an der Befolgung der schulärztlickwrseits gegebenen ärztlichen Ratschläge und, damit Hand in Hand gehend, in einer Besicrung des körperlichen Beiindens in den höheren Tckmlkiassen. Es soll allerdings auch nicht verschwiegen werden, daß es auch noch eine Menge „Unbelehrbarer" gibt, deren Gleichgültigkeit oder Fatalismus auch durch die schlimmsten Erfahrungen nicht zu ändern ist.
Ter größte Feind des Gesundbeitszüstandcs unserer Bcvölkc rung ist aber immer noch der Alkohol, und das trotz aUcr ent- qegcnwirkcndcn Bestrebungen. Ist cs doch eine Tatsache, daß in manchen Orten am Montag ein intensiver Schulunterricht nicht durchzusühren ist, da ein Teil der Kinder einen regulären Katzen jammcr hat. Und es ist eine in jedem Falle nachweisbare Tat- iachc, daß der größte Teil der Fälle von allgemeiner, körperlicher lind geistiger Schwäche und allgemeiner Verwahrlosung aui diese Verhältnisse zurückzusührcn ist. Dieser betrübenden Tatsache gegenüber muß aber auch Izervorgehoben werden, daß in vielen Orten des Kreises die Erziehung der Kinder in geistiger und körperlicher .Hinsicht sich immer mehr den hygienischen Grundsätzen nähert, die unter den gegebenen Verhältnissen als erreichbar Mid durchführbar zu betrachten sind. .
Es dar! deshalb die Hoffnung ausgesprochen werden, daß diese Tatsache aus den Gesunbheitszusiand und die konstitutionellen Berhältniskc des Einzelnen und der ganzen Rasse nett der Zeit nicht obne Einiluß bleibt »nd sür die Säumigen vorbildlich wirkt. Es bleibt trotz aUcr hygienischen Maßnahmen von Staatswegen doch immer wieder die Aufgabe des Einzelnen in seinem kleinen Kreise hngienisch zu wirken und sich nicht damit zusrieden zu geben, daß er dem Staatsvehkangen Rechnung getragen hat, aber auch nicht alles von der staatlichen Behörde zu erwarten. Ohne das kygienische Mitarbeiten und Mitdenken des Einzelnen tmrd auch die beste sanitätLpoKzeiliche Verordnung nur einen zweisclhajien Erfolg haben. _
Sserichtrsaal.
th. Gießen, 15. April. Ter llnlerosiizier d. R. H. von E. war angeUagt, daß er den Feldwebel des Bezirkskommandos ivrederhvlt belogen hat und schließlich crncm Gestellungsbefehl nicht nachgekommen sei. ES lwndelte sich darum, daß der Angeklagte sich bei seinem Abgang von der Truppe anfänglich nicht angemeldct hatte, dann aber dem Bezirksfeldwebel in Schotten erklärte, er habe leinem ebemaligen Feldwebel noch eine Schuld ab,„tragen, weshalb dieser seinen Militärpaß zurückbehalten habe. Aus Vorhaltungen des Be- zirksscldwebels versprach H., die Angelegenheit zu ordnen. Er ist dann auch wiederholt auf dem Dezirkskommando gewesen, hat sogar ei» Protokoll über seine Aussagen unterzeichnet, aber immer neue Ausreden vorgetragen. Schließlich hat er einer Vorladung, vor dem Bezirkskonimando zu erscheinen, keine Folge gegeben, obgleich er an dem Tage in Schotten war. Der Angeklagte war geständig, in Dienstsachen dem Bezirlsscldwebel inehrsach die Unwahrheit gesagt zu haben. Er sei dem Gestellmrgsbesehl nicht nachgekommen, weil er wußte, daß cs fid> uni den Paß handelte, den crchis dahin außer Ttande war, ernzulösen. Er bat um eine milde Strafe. Ter 'Anklagevertreter beantragte eine Gesamtstrasc von 14 Tagen Mittel-
vernhard Shaw und die „premierentiger".
Am Samstag erlebte Shaws „Pygmalion" in London die erste Ausführung in England: der Mitarbeiter eines großen Londoner Blattes, der dieser Tage den Verfasser besuchte, hat ihn bei dieser Gelegenheit gefragt, ob er nicht ^gleich anderen Autoren ein wenig Prcmiereniiebcr habe. Woraus Shaw lackne und meinte, cs gäbe für ihn nicht den geringsten Grund, nervös zu icin^Er kennt kein Premiereniiebcr, seiner Sache iühlt er sich sicher. Lind aber auch die Prcmicrcntigcr, diese gewohnheitsmäßigen Besucher aller Erst- ausiührungcn. ihrer Sache sicher? Sind sie in Bereitschaft? Werden sie dem Stück die Möglichkeit geben, gehört zu werden? Das sind Fragen, die Shaw beschäftige». „Wird der bygieniiche Herr, dem seine 'Aerzte sagten, cs gäbe sür die Lunge nichts 'Leiseres als e,n süni Minuten langes, wieherndes Lachen, irnrd dieser hygienische Herr da sein? Worden jene gütigen Leute, die da wähnen, es ermutige die armen lieben Schauspieler, bei jedem zehnten Worte durch sröhiiches Lachen unterbrochen zu werden, werden diese gütigen Leute alle an Influenza krank zu Bett liegen, wie ich das inbrünstig erhoise? Ja, wenn das nicht der Fall ist, dann müssen wir uns den Gedanken an eine künstlerische Ausführung aus dem Kops schlage»: dann ist die Sache verschlt. Tann wird der fort lausende Zusammenhang des Stückes und des Spieles zerstört, dann werden die Uebergängc. an die die Schauspieler so viel Studium und Mühe setzen, im Lärm verschüttet, dann werden die Tchau- svielcr, die sich so hingebcnd zur Konzentration zwingen, abgelcnkt und gezwungen, alle boisnunq fahren zu lassen, lind die Zuschauer werden sich über ihre lärmende .Heiterkeit beklagen können, werden eine kalbe Stunde zitzspät nach Hause gehen, werden ärgerlich und müde sein und miteinander Reden führen, die da schließen mit der Erklärung: „Solange ich lebe: mit Ihnen zusammen gehe ich nie wieder ins Theater." So wenigstens wachs bei der Premiere von „Androlles und der Löwe". Das war eine so surchtbare Prüfung, daß wir die nächste Premiere — die Neueinstudierung von „The Toctors Dilemma" — mit voller Absicht aus einen Tag setzten, an dem eine andere große Premiere stattsand, so daß die gewohnheitsmäßigen Premsercntiger fcrichliebcn. Und das bewährte sich glänzend. Rein, Shaw will nichts von Lachen wissen; alsihm der verblüistc Besucher die Frage oorlcgt, ob er etwa wünsche, das Publikum möge die heiteren Stellen im tiesstcn Ernste hinnehmen, meinte Shaw voll Elser: „Ich sehe durchaus nicht ein, warum das nicht sein sollte; lautes Lachen ist nur eine schlechte Gewohnheit." Die Leute sollen richtig lachen, so wie Shaw lacht: ohne den Nachbar zu stören. „Wenn die Premiercntigcr sich weigern, ihre Tränen, Hochrufe und ihr Lachen bis zum Schluß jedes Aktes zurückzn- halten, dann wird die Ausführung bis zum Ostersonntag dauern. Und wenn das eintrrtt, werde ich künftig bei meinen Premieren aus den Stücken alle guten Bemerkungen herausstreichen und die Ur- puisübrung aus süns Minuten Spieldauer reduzieren. Denn nur an cn Premicrenabcndcu srnd die Leute so lärmend. Sie meinen cs
gut, aber wenn sie erst einsehcn, daß sie den Abend ruinieren, dann werden sic hossentlich dazu kommen, sich vernünftig zu benehmen." Im übrigen behauptet Shaw, daß „Pygmalion" durchaus nicht amüsant sei, im Gegenteil. „Sä gibt in dem Stücke nichts, was irgendeinen Menschen veranlassen könnte, vor Heiterkeit zu toben oder zu platzen. Ich jedensallS kamr das Stück anhören, ohne vor Vergnügen zu heulen: und als Autor müßte ich mich doch viel mehr amüsieren als irgendwer sonst."
— T r c diesjährigen Frühlingsfc st spiele im
Hoitheater zu Tarnrsiadt. Man schreibt uns aus Darm stadt unterm 14. April: Das Großherzogliche Hoitheater zu Tarm- stadt Ivrrd auch heuer unter Leitung seines Intendanten Tr. Paul Eger in den Monaten April, Mai und Juni Frühlingsiestsviclc veranstalten, für die 4 berühmte Gastdirigenten und 16 Gesangskrästc ersten Ranges verpslichtct worden sind. Auch eine Urauisührung wird in den Rahmen der Festspiele mit cinbczogcn werden, und zioar Weingartners neue Oper „Kain und A§el", die am 17. Mai unter persönlicher Leitung ihres Schöpfers ihre künstlerische Aus- erstebung feiern soll. Von berühmten Tirigenlcn sind weiter zu Gastspielen verpflichtet die Herren Proscssor Arthur Nikisch-Lcipzig, Generalmusikdirektor Leo Blech-Berlin und Generalmusikdirektor May v. Schillings-Stuttgart. Es gelangen in vollständiger Neuinszenierung und in den führenden Partien ausschließlich von allerersten Künstlern besetzt zur Ausführung; am 19. April „Tic Meistersinger von Nürnberg", am 26. Avril „Ton Juan", am 10. Mai als Gesamtgastsviel der Stuttgarter Hosopcr mit den gesamten Dekorationen. Kostümen uiw. dieses Instituts „Tic Entsührung aus dem Serail", am 17. Mai Weingartners „Kain und Abel", am 28. Mai „Carmen" und am I. Juni „Aida" unter Leitung von Arthur Nikisch. H. S.
— Ern St ob trat sür M u s i k in London. Aus London wird berichtet: Die Stadtverwaltung der englischen Hauptstadt gibt den Rommunalbehördcn der europäischen Großstädte ein interessantes Beispiel städtischer Mufirpslege; Mr. Hubert Bath ist zmn Stadtrat sür Musik von London ernannt worden. Dem nnrsikalischen sStadtrat fällt chic älcberwackmng dep Programme jener Konzerte zu, die in den verschiedenen Stadtteilen Londons ösicnllich veranstaltet werden; er hat somit Etnsluß über rund 50 Orchester. Der neue Stadtrat sür Musik erllärte bei Llntritt seines ?lnttes, darüber wachen zu wollen, daß sortan nur Musikstücke gespielt loerden, die geeignet sind, das Musikverständnis und das musikalische Urteil der Allgemeinheit zu verbessern. Einstweilen sreilich haben die englischen Komponisten den meisten Vorteil, denn ihre Kompositroneii füllen weitaus den größten Teil der Programlnc aus.
— Ein heimatloses Bildnis von Anatole France. Aus Paris wird berichtet: Eines der schönsten Meisterwerke Carrier cs ist sein Bildnis Anatole FranccS, der in Diesen .Tagen seinen ,70. Geburtstag feiert, .Ae Ironie will es.
daß dieses Bildnis des berühmten Schriftstellers, dieses Meisterwerk Carrieres, heimatlos ist. Das Bildnis war von dem Verleger Pelletan dem Louvremuseum gcsnste! worden; allein das Museum lehnic die Annahme des Bildes ab. Im Sladtparlamcnt nmchte mm der Seincpräsekt den Vorschlag, das Werk sür das Carnaoalet Museum anzunelmren, aber aut Veranlassung des Stad.'perordncteii d'?Indigne lehnte das Parlament die Einnahme des Bildnislcs ab und zwar mit der Begründung, daß durch die Entgegeunahme dieses Geschenkes einige tznndcrr Francs Kosten entstehen könnten.
— DicOdysscederverbotc neu Tolstoi-Bücher In Rußland behält die Polizei immer das letzte Wart; das hat nun auch Tschcrtkow erfahren müssen, der Freund Tolstois und Begründer einer Baucrnkolonie, die den Namen Tschcrtkow trägt Tolstoi, so berichtet der Rußkojc Slowo, hatte in einem kleinen Hause im Parke von Jasnaja Poljaim eine nicht unerhebliche Anzahl von Exemplaren jener seiner Werke verwahrt, die in Rußland verboten sind. Hin und wieder gab er intimen Freunden ein Exemplar, Leuten, voll denen er annabm, daß ihnen der Besitz eines verbotenen Buches keine Unannehmlichkeiten bringen könnte. Allein die in Rußland allgegenwärtige und allmächtige Polizei ersuhr doch von diesem Gchermlagcr verbotener Bücher und als Tolstoi starb, einigten sich sein Sohn Andreas und die Gräsin Alexandra, diese verbotenen Werke fort,uschasien und jedcnsalls nicht in die Erbmasse cinzubcziehc», da die Exemplare dann doch nur vernichtet werden würden. Tie Gräfin ließ die Bücher verpacken und in ihr Haus Tetjatnikow schassen; cs waren süns Zentner Bücher, die man nun in einem Haserschober versteckte. ?lls die Grast» später ihren Wohnsitz verlegte, wußte sie nicht, was sie mit den verbotenen Büchern ansangen sollte und gab schließlich, um Konslikte mit der Polizei zn vermeiden, Auftrag, die Werke zu vernichte». Allein die Persönlichkeit, die das vollbringen sollte, wagte nicht, den großen Bücherhausen zu verbrennen ans Angst, die Polizei könnte davon erfahren; und er begrub heimlich bei Nacht und Nebel die Tolstoi-Bücher. De Bewohner von Tschertlow entdeckten das Versteck, grliben die Bücher aus »nd beschlossen, sic im Ausland in Sicherheit zu bringen. Der Zuiall, daß an der Grenze Eisenbahndicbstählc vorgckommcn Ware», machte der Odyssee der Tolstoi Bücher ein Ende; da alle Kolli durchsucht wurden, ent. deckte man dir Werke. Nun hat sie die Polizei verbrannt, die ?kbscnder verhaftet und gegen Kaution sreigelasscn, Tschcrtkow aber mit einer hohen Geldstrafe belegt.
— Kurze Nachrichten au S Kunst und Wissenschaft. Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie erössnete am gestrigen Mittwoch in der Hochschule sür Musik in Charlottcnburg ihren 43. Kongrcst. Den Vorsitz sührte Proscssor M ü l l e r - Rostock. Etwa 1000 deutsche Chirurgen lind anwesend.


