Nr. 86
Der (Btefjmr Anzeiger
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Erster Blatt
164- Jahrgang
General-Anzeiger für Overhessen
Dienstag, 14. April 1914
Dez« qHprei-:
monatlich 75Pf., viertel- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mt.2.—viertel- jährl. ausschl. Bestcllq. Zeileupreis: lokal 15Pf^ ariswärtS 20 Pfenniq. bhesredakteur: A.Goey. Verantwortlich, für den polit. Teil: Aug. Goeh; für „Feuilleton", .Vermischtes" uud^GerichtS- faal": Karl Neurath; iür .Stadt und Land"
^otationrdrulk und Pertag der 8rühl'sch«n Univ.-8uch- u»d Stei»dru<kerei 8. Lan-e. Redattisn, Lrpedition umö Druckerei: Zchulstrahe 7. Anzeigmi-ü:' H? Beck
Die heutige Nummer umfatzt IO Seiten.
Tageskalender aus dem Jahre 1814
a s r L I \ 2 V r rj,'°™ if ?l 3Jc!, - icnm 8 Frankreichs wird tragen^" ® enat d»ris dem verzog von Artois über-
Mecklenburg und feine Verfassung.
Der mecklenburgische Staatsminister Dr. Bossart bat »ieser Tage dem Vertreter des B. T. eine llnterreduna gewährt, tn der er sich ausführlich über die luecklenbur- gische VerfassungSfrage äußerte und den Standpunkt des Großherzogs und der Regierung genau auseinandersetzte
Staatsmmister Dr. Bossart, dessen Anschauungen rn der Bersassungssrage sich mit denen des Größt,erzoas von Mecklenburg-Slrelitz decken, erklärte:
Früher batten die Großherzöge die Staatsunlerhal- tungslopen aus dem Dominium zu decken, das heißt- es wurden eben so lange Auswendungen iür das Land ge- >nacht, als es ging. War kein Geld da, dann wurden eben keine Epenbahnen, keine Chausseen gebaut lind keine anderen Äuffven- dungen gemacht. Da nun der So, in Mecklenburg-Schwerin kein Vermögen besitzt, so haben di- Stände dort längst sich da,,, ver stehen müssen, Beträge, hie sür daS Gemeinwohl angesordert wurden, zu bewilligen. Anders lag die Sache in Mecklei,burg- Strel,tz. Der hiesige Hos -besitzt bekanntlich ei» recht beträchtliches /Vermögen, und der regierende Herr konnte für die Wohliahrt des Landes stets beisteuern, und die Herrscher baden auch sür daS Volk stets ein offenes Herz und eine osfene Sand gehabt. Nun kam daS Reich. Ta lneß es: die und die Einrichtungen müssen getrosten, diese oder jene Behörde geschossen werden, lind da reicktzen die vorhandenen Mittel nicht ans. Seit dieser Zeit betreiben beide Groß- Herzoge mit Ester die Schaffung einer Versassnng. Bis heute ist es ihnen leider nicht gelungen, den Widerstand der Stände z„ brechen. Xstgene Interessen der Großherzöge spielen hierbei absolut nicht mit. Tas^gebt schon daraus hervor, daß der Grobherzog von Meck- lenburg-Strelitz zwölf Millionen Mark versprochen hat für den Fall, daß die Schaffung der Verfassung gelingt. Einkünfte aus dem Lande hat der Großherzog von Mecklenburg-Strelitz sür seine Person überhaupt nicht. Er muß alles aus eigener Tasche bezahlen und steuert die Zinsen der versprochenen zwölf Millionen Aöark bereits heute vollständig zu den llnterlioltskosten des Landes bei. Es ist der sehnlichste Wunsch des GroßherzagS, daß die Periassung geschaffen werde. Ter Großberzog ist ein Mann, der mit beiden Füßen in, modernen Leben steht und auch seinem Lande und Volke die Segnungen des Fortschritis unbedingt zuteil werden lassen will.
Sämtliche Regierungsvorlagen sind bisher an dem Widerspruch der Stände gescheitert. Der eine Teil will dieses und der andere ienes nicht. Die Stände wollen überhaupt nichts! Aber auch das Volk selbst, namentlich die kleineren Bauern und Handwerker sträuben sich seltsamerweise gegen die Einsübrung der Verfassung. Die Gründe dafür sind sür den Eingeweihten ohne weiteres klar. Erstens wird den kleinen Landwirten und Handwerkern von ge- ,-jsser Seite immer und immer wieder eingeredet: Wenn die Verfassung erst da ist, müßt ihr viele, viele Steuern zahlen, viel mehr als setzt. Ter Großherzog und seine Regierung betrachten es aver als Lebensaufgabe dem Volke das z» geben, dessen sich andere Volts- stämme lange erfreuen. Wie die Schweriner Regierung sich nach der Demission des Ministers v. Bassewitz und des Staatsrats v. Pres- sentin fernerhin zu der Veriassungsirage stellen wird, darüber kann man beute noch nicht urteilen. Allerdings ist der neue Schweriner Minister Tr. Langfeld einer der eisrigsten Vorkämpfer in der Frage.
Für uns gibt es nun, um eine moderne Verfassung durchzubrücken, drei Möglichkeiten: Entweder die Großherzöge müssen sich mit den Ständen einigen, oder sie müssen dem Volke eine Verfassung oktroftieren, oder aber Reichstag und Bundesrat müssen uns Helsen.
Durch diese Aeußerungen des Staatsministers Dr. Bossart ist ein neuer Schritt in der mecklenburgischen Ver- sassungsfrage geplant. Und zlvar toift man anscheinend den aussichtsloien Weg landesgesetzlicher Versuche verlas- sen und energisch darauf bestehen, daß der Bundesrat, natürlich unter einem gewissen Drucke des Reichstags, durch Einschaltung einer neuen Bestimmung in die. Reichsverfassung der mecklenburgischen Konstitution auf die Beine Hilst.
Damit wäre in dem nun bald siebenjährigen Leidensweg des mecklenburgischen Versassungskampfes ein neuer Markstein gesetzt. Im Jahre I9O7 hatte Großherzog Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin die Zusage gegeben, er werde auf eine zeitgemäße Verfassung hinwirkeu. Fünf Vorlagen wurden daraushiu gemacht. Me scheiterten. Die letzte Ablehnung erfolgte am 28. Oktober vor. Jahres init 239 gegen 129 Stimmen. Im Landtagsabschied an die Stände verkündete dann der Schweriner Großherzog: „Wenn wir auch einstn,eilen von der Durchführung der Verfassungsresorm abzustehen uns schweren Herzens gezwungen sehen, so sind wir doch in unserer Ileberzeugung von der Notwendigkeit derselben nicht schwankend geworden und wir werden das gesteckte Ziel weiterver- folgen."
Die iveitere Verfolgung soll also jetzt in die Richtung gegen den Bundesrat geleiilt lverden. Ter Bundesrat aber hat stets betont, daß die Einmischung in innerpolitische Verhältnisse der Einzelstaaten nicht Aufgabe des Reiches sei, was natürlich eine sehr dehnbare und doch nicht immer zutreffende Maxime ist. Wie lvir von einer vorzüglich unterrichteten Seite wissen, hat Herr v. Bethmann Hollweg kurz vor seiner Abreise in den Osterurlaub nach Kenntnisnahme der mecklenburgischen Ministeräußerung zu seiner Umgebung in der Wilhelmstraße gesagt, er iverde ganz einfach durch Staatssekretär Delbrück die Erklärungen vom 11. Januar 1910 und vom 10. Dezember 1912 wiederholen lassen, nämlich daß die Verbündeten Regierungen an ihrem bekannten Standpunkt festhalten. Und der lautet: Mecklenburg fara da se, Mecklenburg muß es allein machen, das Reich Hilst ihm nicht. Sollte Herr ». Bethniann-Hollwea wirklich unerbittlich ans dieser Meinung bestehen, so wirß man iin Reichstage ans den neuerlich immer deutlicher zutage tretenden Unistand Hinweisen, daß durch die Zerrüttung der nieckleiiburgischen Finanzen die Fähigkeit de-s Grvßherzogtnms in Frage gestellt wird, seiner sin a n- z i e lle „ Verpflichtung gegenüber dom Reiche dauernd ,lachzukommen. Die niecklenburgische Regierung Hot sich ja selbst schon mehr als einmal darüber beklagt, daß ihr die Verweigerung der Mittel durch den Laichtag die Ausrecht- erhaltung einer !geordneten Finanzwirtschaft unmöglich mache.
Aber noch auf etwas anderes soll bei der nächsten Gelegenheit in, Reichstag hingewiesen werden, was vielleicht zu einer neuen Beeinflussung des Bundesrats und zu einer Aenderung seiner Haltung führen könnte. Nach einer wissen- schastlich und politisch durchaus solide begründeten Ansicht besteht nämlich in Mecklenburg rechtlich noch heute eine Verfassung: Das Staategruudgesetz von, 10. Oktober 1849, das rechtsgültig niemals aufgehoben sei! Der Großherzog hatte es beschworen. Die Mecklenbuvger haben unter jenem Recht gestanden und es angewendei. Nur aus Betreiben von oö protestierenden Rittern haben Preußen, Sachsen und Hannover durch ihre drei Abgesandten im sog. „Schiedsgericht" von Freienwalde jene Verfassung als
ungültig angesehen. Der preußische Minister v. Schleinitz protestierte 1849 gegen die Verfassung in Mecklenburg, lveik die Agnatenrechte des Königs von Preußen gesührdet zu sein schienen, wenn man den „EventualsulzessionSvergleich" von — 1442 zugrunde lege. Damals mußte das liberale Ministerium Lützow sich diese Einrnischung in die inneren Angelegenheiten des Landes verbitten. Aber dem konservative,, Ministerium erging es nicht besser. Auch 1851 war der Rückhalt, den die mecklenburgische,, Versassungsseinde bei Preußen sandeu, so stark, daß der Großherzog sich der Drohung beugen und den Freienwalder Schiedsspruch an- nehmeu mußte. Vielleicht darf man jetzt den deutschen Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten an den berühmten Beschluß der dritten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins in Koburg voni 7. Oktober 1862 erinnern, also an einen Moment, in dem das deutsche Nationalbewußtseiu so hohe Welle» schlug, daß man dir mecklenburgischen Zustände direkt als deutsche Schmach empfand. In jener Entschließung hieß es: „In Erwägung, daß das Staatsgrundgesetz vom 10. Oktober 1849 nicht auf rechtsgültige Weise aufgehoben ist und d«ß die Wiederherstellung des Rechtszustandes in Mecklenburg im ailge- meiiien deutschen sowohl politischen als wirtschaftlick,eil Interesse ist, beschließt die Generalversammlung, mit allen gesetzlichen Etteln dahin zu wirken, daß sobald als möglich die Verfassung wiederhergestellt wird." Unter jenem Beschluß standen neben vielen anderen auch die Namen Rudolf von Bennigsen und Miguel, Bürgermeister von Osnabrück! Ter Bundesrat täte nur ein nationales Werk und nicht mehr als seine Pflicht, wenn er heute endlich den Mecklenburgern wieder zu ihrer beschworenen Verfassung und Ordnung im Staate verhelfe.
Der gefälschte ttaiserbrief.
Das Wiesbadener Zentrumsorgan, die „Rheinische Bolkszeitung", erhält von geistlicher Seite, die den Brief des Kaisers an die Landgräfin von Hessen gelesen hat. die Mitteilung, daß die von verschiedenen Blättern zitierten angeblichen Aeußerungen des Kaisers über den Katholizismus in de,g Briese nicht enthalten seien. ES sei daruni Pflicht der katholischen Presse, das öffentlich festzustellen.
In einer Zeitschrift an die „Breslauer Zeitung" ertz klärt der Nachlassverwalter des Kardinals Kopp, Geheim- rat Dr. Porsch, den Vorwurf, er habe das Vorhandensein des Kaiserbriefes an die Landgräsin von Hessen in Kopps Nachlaß abgeleugnet, für unberechtigt:
„Uebrigens ist auch der Kaiserbrief in dem Nachlaß weder von mir noch von einem anderen gefunden worden, vielmehr nur ein verschlossener, an den Herrn Bischof von Fulda adressierter Briefumschlag mit der schriftlichen Weisung an mich, ihn eingeschrieben abzusenden. Das Habich am 13. März getan. Erst gleichzeitig, mit Berössentn lichung des ersten Artikels der ^.Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", erfuhr ich, daß in' dem verschlossenen Brief-« Umschlag der gesuchte Kaiserbrief sich befunden habe."
Der Empfänger des Kaiserbriefes, der Bischof von Fulda, war vom 15. bis 24. März von Fulda in Rom abivesend. Er muß also nach Porsche Zeitangabe unmittelbar nach Eingang des Brieses ,n Fulda nach Rom abgereist sein.
Tie „Köln. Ztg." meldet aus Berlin: „In manchen Zeitungsartikeln zur Fälschung des kaiserlichen Privat- brieses an die Landgräsin von Hessen ist gefragt worden.
Kunst, Wissenschaft und Leben.
— Ausstellung „Kunstwerke in Ossenbacher Privatbest tz". In der mächtig emporstrebenden Fabrikstadt Ostenbach hat der Verein sür Kunstvslege in Verbindung mit den Technischen Lehranstalten den Versuch unternommen, über den dortigen privaten Kunstbesitz Musterung abzuhalten. Man erwartete nicht viel: aber das Ergebnis hat den Versuch glänzend gerechtfertigt, und obwohl eine Anzahl der besten und wertvollsten Sammlungen sich ablehnend verhielten, kann man doch von dieser Kunst- schau sagen, daß iie von dem Sammeleifer und dem Verständnis der Ostenbacher einen guten Begriff gibt. Es ist Mannigfaches ver - treten, alte Gemälde und ostasiatische-s Knnstgcwerbe, jranzösische Bronzen, Metall und Gläser des 18. Jahrhunderts und griechische Münzen, Miniaturen und moderne Malerei, Plastik, Gravhik, und alles in guten, oit auserlesenen Stücken. Einen großen Raum nimmt naturgemäß die aui Ostenbachs Vergangenheit bezügliche Kunst ein: Familienbildnisse der Goethe- und Biedermeierzeit, Ostenbacher Favenee (um 1800 , Sticke, Aquarelle uiw. mit alten Ansichten der Stadt und ihrer Bauten: anschließend eine kleine Zusammenstellung von Bildern der beiden Bode. G. W. und Leopold, beides Ossenbacher aus der Nazarenerzeit, und der beiden Livvmann, der lebenden Ostenbacher Maler, zum Beweise, daß die Stadt auch aktiv Tüchtiges zum deutschen Kunstbesitz beigesteuert hat.
— Münchener Osterausführungen. Aus München, 42 Avril, wird rms geschrieben: „Marl", eine Komödie in drei Akten'van Karl Ettlinger und Max Ferner, das dramastsche Osterei des Münchener Schrm'vielhauses, wurde mit wohltempe- rierter Heiterkeit begrüßt. Marl, ein Musterexemplar der bekannten Speeies der Herzbrecker, hat einen Jahresverbrauch von 24 Freundinnen, und daher einen Geldverbrauch der ihn trotz seines achtbaren Wechsels ,II häusigeil Bemchen bei der^P,and- leikerin Weiß nötigt. Dort ist er von einer bei einem Ltamm- qast erklärlichen Gesprächigkeit, und seine neucst-^tzerzensweun- din Susi dOrette die im bürgerlichen Leben suianne Weiß beißt erfährt durch die Freundlichkeit einer spanischen Wand allerlei Beherzigensivertes über den Wert und die Dauer kavaliermäßiger Licbesichwürc. Diese amüsante Idee Ist mit Srlte eines buntscheckigen Staststenapparotes durchgefühlt. Lcrder kehren die Autoren nach gelegentlichen Anläufen zur Charaktcrkomödie stets bald wieder zur Porträtierung wirh'amer, aber recht dagewesener Dvven zurück — Die Kammerspielc errangen rn ihren Oster- lestioielen dank Ziegels überaus liebevoller Inszenierung trotz der auälendcn Unerträglichkeit des Stückes Mit Strmdbergs „Kron- braut" und Irene Triesch als Gast einen starken künstlerischen Eriola Mit „Herodes und Mariamne", mit Hartau und Triesch in den Titelrollen, werden die Festspiele fortgesetzt.
— Wertvolle Alt ertums fu nde. Das Grab des Petrus Lotichius. Seit kurzem werden, wie schon berichtet, in dem alten, 742 von Boniiazius gestistetcn Benediktiner-Kloster Schlüchtern unter Leitung d:S Freiburger Archäologen Dr. Weiser Forschungen angcstellt, die dieser Tage ein sehr interessantes Ergebnis hallen Aus der Suche nach den Fundamenten des ältesten Klostergebäudes, das in karolingischer Zeit errichtet, aber um 1500 von dem Abte Christian Happ aus Windcckcn io gut wie vollständig umgcbaut wurde, legte man eine Reihe von wertvollen Grabdmknrälern aus dem 14. und 16. Jahrhundert frei, u. a. wurden die gut erhaltenen Grabsteine von Frowin und Rabe von .Hutten, beide Verwandte Ulrichs von .Hutten, aufgesun- dcn. Als höchst bedeutsam gilt jedoch die Entdeckung des Denkmals Petrus Lotichius'. das länge Zeit hindurch verschollen war. Lotichius wirkte als Abt im Kloster Schlüchtern. Er war einer der ersten Geistlichen, die mit Luthers Ideen svmpathstiertcn. Peter Lotz, der Bauernsohn, zählte kaum t6 Lenze, als er aut Wunsch seiner Eltern 1517, dem Lutherschcir Thesenjahr, in das Kloster cintrat. Ter ideal veranlagte fromme Jüngling erlebte schwere Enttäuschungen. Als er drciunddrcißigiährig zum Abt über das .Kloster eingesetzt wurde, setzte er sich, maßvoll, wie er in allem war, nicht etwa für die Aushebung der Klöster, sondern mit der gan.zen Krait seiner Ueberzeugung sür eine durchgrei- sende Rcsorination des klösterlichen Gemeinwesens ein. Luthers Schritten und eine innige Freundschait mit Melanchthon stärkten ihn in scineui von Widersachern oft bedrohten Vorsätze. Freilich blieb er mit seinen Anschauungen nicht Sieger. Tie ewigen Kämpfe, mit denen er seinen Standpunkt fortwährend zu verteidige,! hatte, machten ihn schließlich mürbe. Das Leben als Abt erschien ihin unerträglich, und so legte er im Jahre 1565 seine geistliche Würde in die Hände eines Verwandten, nicht ohne eindringlichst zu mahnen, sein „ongciangen christlich Werl iortzusetzcn und zu verbestern." Zwei Jahre später, am 23. Juni 1567, starb Lotichius in Hanau. Sein Amtsnachfolger, der Abt Hattenius, ließ in Fulda ein Grabdenkmal sür Lotichius anier- tigcn, das in der Schlüchterner Klosterkirche auigestellt wurde und jetzt durch die Nachgrabungen wieder ans Tageslicht gebracht worden ist.
— Shylocks Grab. Zur Zeit der Shakespcare-Zhklcn dürste es interessant sein, zu erjahren, daß der Gattesacker, aut dem Shvlock und Tubal beerdigt wurden, nach immer erhalten ist. Dieser liegt auf dem Lido. Nur wenige Besucher ahnen etwas von dem ehrwürdigen Gottesacker, der, hinter seinen Mauern versteckt, einen packenden Kontrast bildet zu der Entfaltung üppigen, hochmodernen Badelebcns, dos sich hier abspielt. Einsam liegen die meist versallenen Hügel da. die Grabdenkmäler neigen sich trauernd zur Erde und kaum lassen sich einige ivenige Jnichrijtcn noch entziffern. Totenstille lagert über dem Ruheplatz der Schläfer
— jenseits seiner Mauern aber ertönt helles Lachen und sröhliches Treiben — das ist das Leben!
— Die Greco-Fcier in Toledo. Der 300. Todestag des großen Kreters Domcnico Theotocopuli, de» in Toledo zum spanischsten aller Maler wurde und den daher die Spanier mit Recht als einen ihrer bedeutendsten Künstler feiern, wurde in der „Vaterstadt seiner Wahl", in Toledo, mit einem weihevollen Festgottesdicnste begangen. Ter päpstliche Nuntius las die Messe und ein Hymnus aus die Kunst des Griechen wurde au dem Porphnr-Katafalk verlesen, der seine sterblichen Ucberrcste birgt. Das Grab war Mit kostbaren Stickereien geschmückt, auf denen die noch vorhandene Palette des Meisters ruhte. Dann wurde ein einfaches Tenkinal zu seinem Gedächtnis, ein masiivcr Granit- block, cingewciht. Ganz Toledo.stand in diesen 'Apriltagen unter dem Zeichen dieses merkwürdigen Künstlers, der der Stadt am Tajo zu ihrem rchselvollen Zauber noch einen besonderen modernen Reiz geschenkt hat. Seit der Grceo ein so hochbcrühmier und hochbezahlter Maler geworden ist, tauchen in Toledo immer neue Bilder von ihm auf. Das Haus, in dem er wohnte, ist in seiner alten malerischen Gestalt wieder hergcstcllt worden: nicht weit davon beffndet sich das Greco-Museum, das ebenso wie das Grcco- Haus eine Schöpfung eines hochherzigen Grcco-Vcrehrcrs, des Marguis von Bega Jncla», ist. Einen vollständigen lieberblick über das reiche Lebenswerk des Meisters gewährt die zur Feier seines Todestages veranstaltete Ausitellung von Photographien nach keinen Werken. Außerdem sind hier z»anzig Bilder Greeos aus Toledaner Privatbesitz zu sehen, die bisher nur schwer zugänglich waren, darunter vie herrische Kreuzigung, die dem Herzog von Mba gehört.
ks. Wie Verdi sich eines Theaterbesuchers cn t- l e d i g t e. Die Art, wie Verdi einst einen unzuiricdencn Theaterbesucher begütigte, dllrite von nicht vielen seiner modernen Kollegen nachgeahmt werden. Es war im Mai 1872, da reiste ein gewisser Prospcro Bcrtani von seiner Heimatstadt Reggio (in Emi- lia> nach Parnia, um der Erstaufführung vo» „Aida" in dem dortigen Kgl. Theater beizuwohncn. Er machte dieselbe Reise zur zweiten Aufführung, aber beide Male kehrte er höchst unzusrikdcn zurück. Er setzte sich darum hin und schrieb einen cmvörtcn Brief an Verdi, in dem er als Entschädigung die Erstattung seiner Kosten verlangte. Seine Rechnung belief sich auf 31,80 Lire und unter den einzelnen Posten befanden sich nicht nur Reise- und Eintrittsgeld, sondern auch . . . vier Lire für Mendessen, eingenommen aus dem Bahnhof. Verdi, den dieser Brief höchst belustigte, schrieb, wie die „Arte pianistica" erzählt, an den Herausgeber Ricordi, er möchte durch seinen Vertreter in Reggio (Emiliai die Forderung begleichen lassen. „Nicht die ganze Summe, die er mir abvcrlangt aber . . • ihm auch noch das Abendessen zu bezahlen! Das nicht. Er konnte ebenso gut bei sich zu Hause essen. Natürlich soll man von ihm


