Ausgabe 
2.4.1914
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 78 Drittes Blatt \w. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieEietzener Zamiliendlättei" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisklatt für den Kreis Sietzen" zweimal

wöchentlich. Die .Landwirtschaftlichen Seil- Iragen" erscheinen monatlich zivennal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

Donnerstag. 2. April

Rotationsdruck und Verlag der Brnhl'lchea Unioersltats - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition lind Druckerei: Schul« slraße 7. Expedition und Verlag: Redaktion el l 112. Tel.'Ädr.: AnzeigerGleßen.

Der Einzug der llnleroffi; erschule in Wetzlar.

Wetzlar, i. April.

Pünktlich 4M Uhr tras der Sonderzng aus Biebrich auf dem Bahnhof Wetzlar ein. Tic Beigeordneten begrüßten das Bataillon und seinen Kommandanten, Herrn Oberstleutnant von Wurmb und fuhren dann dem Militär voraus, um den offiziellen Empfang auf dem Tomplatze vorzubereiten. Auch die Stabsoffiziere des Gießener Infanterie-Regiments Ttt. 116 waren zur Begrüßung erschienen.

Das Regiment nahm Marfchstellung und verließ unter Vorantritt der Tambourc und der Kapelle unter Leitung des Musiknieisters Zwirnemann den Bahnhof, stür­misch begrüßt von einer tausendköpfigen Menschenmenge, die die Umgebung des Bahnhofes und die filr den Einzug vor gesehenen Straßen dicht besetzt hielt. Tic Häuser waren mit itzirlanden geschmückt und zu beiden Seiten der Straßen wehten Jahnen und Wimpel auf hohen, laubbekränztcn Masten. In der Bahnhofstraße grüßte die Einzichendcn das Stadtwappen.

Das Militär rückte dann weiter durch die Langgasse, Lahnstraße, Krämergasse, Tchwarzadlergasse auf den T o m Platz Hier erfolgte der Aufmarsch aus dem Paradeplatzc, der rings von einer gewaltigen Menschenmasse umsäumt war, so daß die Schutzmannschaft ihre liebe Not hatte, die hinter den Mannschaften nachdrängende Menge in Schran­ken zu halten. Taß die Fenster der Häuser ebenfalls dicht besetzt tvaren, dürste bei solchem bedeutungsvollen Ereig­nisse selbstverständlich sein, daß aber eine große Anzahl venoegcncr Bursche» selbst die höchsten und schrägsten Dächer erstiegen hatte, erregte die berechtigte Entrüstung einiger Stadträte, die auf der dem Dome gegenüber liegen­den Straßenseite zusammen mit den Spitzen der Behörden, der Kirche, der Schulen, Männern der Industrie u. a. Auf­stellung genommen hatten.

Es war ein bewegtes Bild, das der ehrwürdige Doinplatz in seinciti bunten Kleide bot, als die jugendlichen Soldaten stramm in Reih und Glied standen und hinter und neben ihnen die Volksmenge auf- und niederwogte. Und über allem lachte die liebe Sonne, wie seit langem nicht.

Stille trat ein, als kurz nach 5 Uhr der erste Beige­ordnete Hiepe in Vertretung für den erkrankten Bürger­meister au den Oberstleutnant von Wurmb und an die Mannschaften folgende Bcgrüßungswortc richteten

Hochvcrehrlc^Herr Oberstleutnant!

Es ist inir eine hohe tlhrc und Freude, die Offiziere, Unter­ossiziere und Mannschaften unserer neuen Garnison der Untcr- ofsizierschulc Wetzlar namens der Stadtverwaltung, Stadtver­tretung und Bürgerschaft heute bei ihrem Einzug herzlich begrüßen und willkommen heißen zu dürscn. Meine Herren, wir stehen aus dem Paradeplatz unserer alten Garnison des Rheinischen Jäger­bataillons Rr. 8, ivelchcs fast 60 Jahre in unserer guten alten Stadt gestanden trat und an das noch viele freundliche und an- genchmc Erinnerungen bestehen. Hier aus diesem Platze haben wir tiefbewegt von unseren Rheinischen Jägern Abschied genommen, wenn sie zu heißem Kampfe ins Feld zogen und haben sic wieder freudig begrüßt, wenn sie iicggckrönt in die Heimat zurückkehrten. Wir hege» alle den Wunsch und die Hoffnung, daß das schöne und herzliche Verhältnis, welches viele Jahrzehnte lang zwischen der früheren Garnison und der Stadt bestanden hat, auch zwischen der Unterossizierschule und unserer Bürgerschaft allzeit herrschen möge. Ich bin gewiß, daß Ihne» schon der Einzug in die festlich ge­schmückte und reich geflaggte Stadt den Beivcis geliefert hot, daß Tie in einen gut patriotischen, militärsreundlichcn Standort kom men, niöge es allzeit so bleiben! Aber ebenso wie es der Wunsch der Stadt Wetzlar war, wieder eine Truppe in ihren Mauern zu haben, so Ivar es auch der Wunsch unseres Allerhöchsten Kriegs­herrn, der schon im Jahre 1900 seinem damaligen Kriegsminister Sr. Erzcllenz General von Goslar gegenüber, wie wir aus besten Munde in Berlin erfahren haben, den Ausspruch getan hat:Ich wünsche, daß die alte Jägcraarnison Wetzlar wieder Garnisonstadt wird." Dafür sind wir unserem geliebten Kaiser und König, den wir vor Jahresfrist in unserem herrlichen altchrwürdigen Dom zu begrüßen die hehre Freude hatten, immerdar Tank ichnldig und fassen alle unsere Gedanken und Wünsche, welche uns heute beseelen, zusammen in den Ruf: Seine Majestät, unser Aller­gnädigster Kaiser und König Wilhelm II. Hurra, Hurra, Hurra!

In das Hurra stimmten begeistert Zivilisten und Mili­

tär unter präsentierteni Gewehr ein. Böllerschüsse ertönten, und die Kapelle spielte die Nationalist»»»«.

Herr Lbcrstlentnant von Wurmb antwortete auf de» Gruß der Stadl Wetzlar mit folgenden herzlichen Worten:

Für die so sreuirdlichen Bcgrüßungsworte, die Tic, sehr ver­ehrter Herr l. Beigeordneter, im Namen der Stadt Wetzlar ioebc» an die Untcrofsizicrschulc gerichtet haben, daiike ick herzlich.

Ihr Willkommen iindct eine» lebhaitcn Widerhall in unserem Innern und wir empfinden cs sehr ivobltuend und anheimelnd, daß uns bei unserem Eintrcssen allseitig ein so liebenswürdiger Emp­fang bereitet worden ist.

Ich bitte Sie, Ihren verehrten Mitbürgern unseren besten Tank hierfür gütigst übermitteln zu wolle».

Uno an diesen Tank knüpfe ich die bcstinlinte Erwartung, d'ß es der Unterossizierschule Wetzlar vergönnt sein möge, in dasselbe srenndschastliche Verhältnis zwischen Bürgerschaft »»d Garniion cinzutretcn, wie wir cs soeben in Biebrich verlosten haben und wie es hier in Wetzlar mit den alten 8. Jägern last sprichwörtlich geworden ist.

Diesen Wunsch wird die Unterossizierschule mit mir bckrästigen durch den Ruf:

Unsere neue Garnison, die Stadt Wetzlar, ihre Hobe Ver­tretung und die gesamte Bürgerschaft, sie leben hock, hoch hoch!

Tarauf schritten Oberstleutnant von Wurmb und Bei­geordneter Hiepe die Front ab und nahmen dann den Parademarsch in Kompagniekolonne entgegen.

Damit hatte die Begrüßungsfeier ihren Abschluß ge­sundet: und die Mannschaften bezogen ihre neuen Kasernen.

Das «Festmahl.

Uni 8 Uhr abends versammelten sich die Spitzen der Behörden, die Stadtverordneten und andere angesehene Bürger Wetzlars mit den Offizieren des Bataillons zu dem Festmahl in dein geschmückten Saale des Schützengartens. ES beteiligten sich etwa insgesamt 200 Personen daran. Die Tafelmusik lieferte die neue Militärkapelle.

Das Kaiserhoch brachte der Landrat des Kreises Wetzlar, Dr. Sartorius, aus. Ter Redner begrüßte im Namen der Stadt und des Landes das Militär und hob hervor, daß es dem Befehl des Kaisers zu danken gewesen sei, wenn Wetzlar wieder Garnisoiistadt gewotzden sei.

Als ztvciter Redner sprach in Vertretung des Bürger­meisters von Zeugen der erste Beigeordnete Hiepe. Er führte folgendes aus:

Hochverehric Fcstversammlung!

Nachdem cs mir als dem derzeitigen Oberhaupt der Stadt bereits vergönnt war, die Unterossizierschule Wetzlar m ilyccr Gesamtheit auf dem Paradevlatz begrüßen zu können, möchte ich bei unserem heutigen Festmahl speziell den Herren Ostiziecen und Beamten nochmals ein herzliches Willkommen in der neuen Garnison zurusen. Meine verehrten Herren, wie ich schon heute nachmittag andeutetc, haben wir Wctzlarer unserer alten Garnison, dem Rheinischen Jägerbataillon Nr. 8, über 30 Jahre nachge- traucrt und ich versichere Sie. cs war ein schönes, überaus herz­liches Verhältnis, das die gesamte Bürgerickxist mit den lieben Grünröcken verband. S>e werden es daher begreiflich finden, datz die Stadtverwaltung und Ttadtvcrtretung seit dem Jahre 1877, nicht geruht und gerastet hat, um wieder Garnstonstadt zu werden. Fast in jedem Jahre gingen Petitionen und öfters Deputationen an dos »riegsministcriuni ab, um uns an maß­gebender Stelle in Erinnerung zu bringen. Wie groß daher meine Freude war, als mir im November 1900 durch unser» damaligen Äezirkskommandeur Major Retzlast ein Schreiben zuging mit der Anträge der Königlichen Intendantur des 18. Armeekorps, im Aufträge des Königlichen Kriegsmiinsteriums, ob wohl in Wetzlar aus Entgegenkommen bei einer in Aussicht genommenen Errichtung einer Untcroisizicrschule zu rechnen sei, ist leicht ver­ständlich. Wie positiv meine Antwort aussiel, können Sie daraus entnehmen, daß bereits einige Monate später Banvlatz, Exerzier- vlatz und Schicßstände und zwar an der jetzigen Stelle von der damaligen Slaütv. rordnelenoeriammlung bereitgestellt waren. Wir rechneten damals bestimmt damit, daß spätestens im Jahre 1904 die Untcrofstzicrschulc in Wetzlar cinrückcn würde. Leider kam cs anders, nach anfänglich sehr glatten und angenehmen Verhandlungen mit der Königlichen Intendantur des 18. Armee­korps bekamen wir im Herbst 1904 die betrübende Nachricht, datz mit Rücksicht auf die schlechte Finanzlage des Ruches dieVerlegung der Untcrofsizicrschulc und die damit verbundenen Neubauten vertagt werden müßten. Tie Garnisonsragc hat dann zu unserem größten Bedauern wieder 7 Jahre geruht, bis wir im Mai 1908

von unscrni hochgeschätzten Landsmann, de» wir heute so gern als liebcn Gast bei uns begrüßt hätten, dem damaligen Che: des Allge­meinen Kriegsdepartcments, jetzigen lommandierenden General des 4. Armeekorps Sr. Erzcllenz Sitzt von Arnim die Nachricht bekamen, daß neuerdings unter anderen Bedingungen der -Frage der Errichtung einer Unterossizierschule in Wetzlar näher getreten werden tönne. Nach manchen Kämpfen, bei denen an der Spitze der Ttadtvcrtretung unser leider heute durch seine Krankheit am Erscheinen behinderter Bürgermeister von Zengen die Interesten der Stadt aufs beste vertrat, wurde aal 9. April 11(10 der Bau­vertrag stoischen Intendantur und Stadt geschlossen. Tic unter bewährter Bauaussicht und tatkräftiger Bauleitung sowie von streb­samen Handtverkcrn imd sleißigen Arbeitern fertiggkftclltcn schö neu und würdigen Gebäude, die selbstverständlich mit allen hygie­nischen Einricklungen der Neuzeit versehen sind, geben uns hos senttich die Gewähr, daß sich Ossizierkorps und Monnschaften in ihrem neuen Hein: recht wohl fühlen werden. Berücksichtigen Sic dabei weiter, daß Etzerzierplatz und schießstand nur i bezw. 2 .Kilometer von dcni Kaiernengebäude entfernt sind, so dürste es nur wenige Garnstonstädte im deutschen Vaterland geben,, in denen die Verhältnisse dienstlich so günstig liegen wie in Wetz­lar. Wir hassen daher auch, datz all' diese Momente Ihnen, meine sehr verehrten Herren Ossiziere und Beamte, den Weggang von Ihrer alten Garnison Biebrich am herrlichen Rhein und vor den Toren des schönen Wiesbaden nickt gar zu schivxr machen werden. Ich glaube daher im Sinne meiner Mitbürger zu sprechen, wenn ich unsere beste» Wünsche für ein freundliches und herzliches Verhältnis zwischen der neuen langerschnlen Garnison und der guten alten Stadt ausklingen lasse in den Rus:

Tie Unterossizierschule Wetzlar, ihr Ossizierkorps _ und an seiner Spitze der ritterliche Kommandeur, Herr Oberstleutnant von Wurmb, sie leben hoch, hoch, hoch !

In Vertretung des Bezirtskonimandrurs hieß haupt- manii Busse seine neuen Kameraden willkommen und sprach die zuversichtlich« Hoffnung ans, daß cs ihnen hier ebenso gefallen möge, wie in der früheren Garnison.

Herr Beigeordneter Hiepe verlas sodann eine Tepesche, die an den Kaiser nach Korfu geschickt werden sollte. Sic hatte folgenden Wortlaut:

Etv. Kaiser!. und Königl. Majestät bittet die heute heim Einzug der neuen Gernisou vereinigte Festvcr- sainmiung die Versicherung unwandelbarer Liebe und Treue entgegen zu nehmen.

I. A.: .Hiepe, v. Wurmb. '

Herr Oberstleutnant v. W u r m b, der Kommandeur der Unterossizierschule, begann seine Rede mit einem Hinweis auf den schmerzlichei: Abschied in Biebrich, in dem das Bataillon länger als 47 Jahregehaust" habe. Etwas sei, das dürfe ihnen keiner verübeln, an Biebrich hängen ge­blieben. Sic seien auf den Befehl des Kaisers gekommen, aber sic hätten beiin Einzuge erfahren, daß Wetzlar sie mir offenen Armen aufnehme. Sie wären, wenn die Stadt auch fernerhin ebenso entgegenkommend wäre, keine Fkein- den mehr, sondern gute Wctzlarer wollten sie von nun an sein. Bei der Freude des Einzuges sei nur die Erkrankung des verdienten Bürgermeisters v. Zeugen ein Wertmuths- tropfen. Das .hoch des Redners galt den Bürgern Wetzlars.

Herr Beigeordneter Eocrs toastete auf die verdienst­volle Bauleitung und aus die fleißigen Handwerker, deren Arbeitsleistung hohe Anerkennung zu zollen sei.

Weitere Telegramme wurden abgesandt: an den Koin- mandierenden General Sixt von Arnim tu Magdeburg und an den Kriegsminister v. Falken Hahn in Berlin und an den Bürgermeister v. Zeugen.

Stadtverordneter Schmitt brachte dem erkrankten Bürgermeister v. Zen gen ein Hoch aus.

Stadto. Allmenröder ließ Herrn Beigeordneten Hiepe hochleben.

Tie Unterossizierschule wurde als die dritte im Königreich Preußen (öic erste war in Potsdam, die zweite in Jülich) an: 1. Oktober 1867 ge­gründet und erhielt nach der Farbenfolge in der preußischen Armee (weiß, rot,gelb, blau: gelbe Achselklappen. Sie bezog bei ihrer Begründung die jetzt verlassene Kaserne in Bicb

Erstes deutsches volkstrachtenfest tu Mainz.

Mainz. 30. März.

Ter Bahcrnvcrein Mainz hat den Gedanken eines Deutschen Dolkstrachtenscstes in Mainz angeregt und mit großer Energie sind die Vorarbeiten zu diesem gros-angelegten Fest, das ein nationales B o l k s s e st im idealsten Sinne des Wortes werden soll, jetzt nahezu beendet. Tie Ausrnsc i» den VolkStracknen- zeitungen und derBergheimat" von Pros. Grllnbaucr haben bewirkt, daß in ganz kurzer Zeit sich derart viel Vereine und Ge­meinden gcnieldet haben, daß man mit einem Besuch von! etwa 10 000 Menschen in Volkstracht, abgesehen von den Fremden die sich einsinden, in Mainz rechnen kann. In dem Aufruf heißt es: Trachtensrcundc in allen deutschen Gauen! Bei diesem ersten deut­schen Volkstrachtcnsestc im goldenen Mainz wollen wir vor aller Wett beweisen, wollen wir zeigen, ums wir mit unserer Heimat- liebe, mit unserer Liebe zum heimatlichen Volkstum getan und erreicht haben. TaS erste deutsche Volkstrachten»!! soll sür unsere Bestrebungen und für unsere Volkssachc zu einem Siege werden. Ter besten Ausnahme bei den Mainzern sind wir gewiß."

Tiefer Aufruf und nicht minder die unermüdliche Tätigkeit des Protektors des Volkstrachtcnsestcs, des Landtagsabgeordneten Kommerzienrat Kart Gr Übel in Gotha, trugen dazu bei, daß aus alten Gauen Deutschlands zahlreiche Anmeldungen ecnlicsen.

Mit einem festlichen Begrüßungsabend am 20. Mai in dev nichrerc tausend Personen fassenden Stadthalle :mrd das crlte deutsche Volkstrachtensest erössnet. Tie Tauer des Festes ist von: 20. '.ns 25. Mai festgesetzt. Als Hauvtsesttag llt der 21. Mac (Christi Hinrmelsahrt! bestimmt. Au diesem Tage wird der Fest­zug stattiindeu und Heller Jubel wird alte Herzen, erfüllen beim Vorüberziehen der sarbcnvrangcnden, noch nie in lolcker Anzalil und Mannigfaltigkeit gesehenen deutschen Volkstrachten. Vom Rhein bis zum Jsarstrand und von Thüringens sähen bis zum Wiener Waid werden sich die Träger, die Förderer und Erhalter der deutschen Volkstrachten zuni erstenmal die Hände reichen und es wird sich zeigen, welcher deutsche Gau, welcher deutichc Volks­stamm noch seine Volkstracht beivahrt und erhalten Hai.

Kassels neue Stadthall« Aus Kassel, l. Avril, wird uns geschrieben: Heute hat die Stadt ihren monumentalen Saalbau cingeweiht, ein Werk der hiesigen Baumeister Hummel und Rothe, die in cinäm Wettbewerb unter den Architekten Deutschlands erste Preisträger waren. Tic in der Gcundrißlölüng vorbildlich

gelungene Halle ist varallel zur Hohenzollernstraße im Westen der Stadt in dem von Kommerzienrat Aschrott geschenkten Floraparke errichtet. Das Zentrum der Anlage ist ein rechteckiger, 5,0 Meter langer Festsaal mit Galerien, Orchester- und Sängervodinm, an dessen Rückwand eine mächtige Orgel eingebaut ist. An den großen mit Wandelhallen umgebene» Fcstsaal schließt sich ein intimerer Gesellschastsraum. Dazu kommt in der vorgebauten Eingangshalle ein M u s i k - u n d T h e a t c r: a a l, in dem das Hostheatcr künf­tig K a m m e r s p i c l c veranstalten wird. Alle diese Hauvträume befinden sich im Obergeschoß aus einer Ebene mit dcni dahinter- liegendcn großen Konzcrtgartcn und den Küchen eines Wirtschaits-- gebäudes, das sich an die linke Schmalseite der Halle anlchnt. Tie Täte sind so zueinander gelegt, daß sic, je nach Bedarf, in bequemster Weise zusammen oder einzelii benutzt werden können. Sie fassen annähernd 3000 Personen, fast ebensoviel Besucher lin­den Platz im Garten, der rings von gedeckte» Säulenhallen um­geben ist. Tie umfangreichen Garderoben sind im Anschluß an das Vestibül im Untergeschoß zweckmäßig nach allen Seiten vertellt, ebenso zweckentsprechend ist die Führung der Treppen. To sind in dem weitläusigen Gebäude alle Bedingungen erfüllt, um eine flotte Abwicklung, auch des stärksten Verkehrs zu ermöglichen. Bei der Innenausstattung ist die Farbe das Hauvtwirkungsmittel. Ter Ge- scllsckmftslaal ist in blau, der Theater- und Musikiaal in blau und Gold gehalten. Tie inächtigcn, grün getönten Flächen des mo numciitaien Festsaols sind durch pikante Akzente von tiefem Schwarz und reinem Weiß belebt. Tie gelben Sandsteinsassaden des Außen­baues, in denen sich die Anordnung der Hauplräume klar aus- spricht, zeigen klassizistiiche Formen. Mächtige glatte Säulen mit ionischen Volitten-Kavitell bezeichnen den Eingang. Tic Baukosten betrugt» 2 100 000 Mark.

- - Tie Errichtung von Versuchs sch ulen, wie sic bereits in München und St. Petersburg geschehen ist, wird immer lauter gefordert. Tie Versuchsschulen führen ihren Namen daher, daß sic dem pädagogischen Forscher sür seine Versuche zur Ver­fügung stehen, natürlich ohne durch diesen Dienst die Erfüllung praktisch-vädagogischcr Ausgaben in Frage zu stellen. Sie sollen einen Einblick in. den Entwicklungsgang der Schüler gewähren, imd zwar in vollkommenere Maße, als eS bisher möglich gewesen ist. Man möge aber- nicht glauben, schreibt Otto Pommer in denGci- stcswissenschaften", daß cs an den Bersuchsschulen vor lauter Erve- rimcntieren nicht zum Unterrichten kommt. (An sehr großer Teil der pädagogischen Erfahrungen muß notwendigerweise so gewonnen

iocrden, daß die Schüler davon nichts wissen und merken. An der Bersuchsschulc sind zunächst alle tlntersnchungcn auszusühren, die das Verhalten des Schülers unter den natürlichen Bedingungen der Schulumgebung und der Tchulaniorderungcn inmitten einer ganzen Schulklasse zu erforschen haben. Erst aus diese Art wird sür viele Fragen des Unterrichts und der Erziehung die wissen­schaftliche Grundlage geschossen werden törinen. Außerdem lassen sich hier zunächst die Maßnahmen, die sich aus sonstigen Forschun­gen mehr theoretischer Art ergeben baden, aus ihre Brauchbarkeit und Anwendbarkeit prüfen. Und schließlich soll an der Bersuchs- schnle ein dem jeweiligen Standpunkt der Wissenschaft in bester Weise angcpaßter Unterricht erteilt werden, und zwar von Lehrern, die mit streng pädagogisch wissenschaftlicher Ausbildung ein muster- giltigcs praktisches Können vereinen. To wird die Versuchsschule zugleich auch Musterschule sein.

Hebbel und die Bühne Es ist bekannt, mit welchen Schwierigkeiten es Friedrich Hebbel gelungen ist, sich das Feld der Bühne zu erobern. Besonders auch der damalige Burglheatcr- direktor Laube batte durchaus kein Verirauen zu der Bühnen­wirksamkeit von Hebbels Tragödien. Er niar überzeugt, daß sunt' Beispiel HebbelsNibelnnaen" gegen RauvachsNibelungenhort" nicht würden auskommcn können. Wer aber denkt heute noch an dies Drama Rauvachs? Nach dem großen Erfolg, den dann die Ausführung der Nibelungen in Wien fand, schrieb Hebbel an Stern einen Brief, den Professor Oskar Watzel in einem Aussatz in den Geistcswissenschaiten" wiedergibr und der lebhaft an die Kkagen zeitgenössischer Dramatiker gemahnt:Tie Herren Intendanten und Direktoren wirtschaften das ganze Jahr hindurch mit den In­dustriellen, wie ich die jedesmaligen Kotzcbucs und Jsstand nennen möchte, und befinden sich wohl dabei, denn die Schauspieler haben Beschäftigung und die Kasse füllt sich. Nun kommt ein Schalttag, und an dem soll den Musen geopfert werden. Ta greisen sie nach irgend einer Stelzenlragödie, einem Perseus von Mazedonien, einem Tcmetrius und ähnlichen verregneten Feuerwerken. TaS Publikum merkt, daß die Herren Verfasser, die sür den großen Mazedonierkönig oder den russischen Zaren das Wort ergreifen, kaum für ihre Kammerdiener sprechen können, es lacht oder schläft ein, die Intendanz und Direktion haben einen neuen Beweis in Händen, daß es mit demhöhnen Drama" nicht geht. Geraten sie dann einmal an das Rechte, so sind sie über ihren eigenen Erfolg so erstaunt, wie der Phönizier-, der Linsen zu kochen glaubte imd das Glas erfand,"

J