Ausgabe 
30.3.1914
 
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Ar. 75 Zweites

Erscheint I-glich mit Ausnahme des Sonntags.

T,eGießener Hamilieichlätler" werde» den, .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Xreirdlatt für den Kreis Gienen" zweimal

wöchentlich. Di-Landwirtschaftlichen seft- sragen" erscheinen n>o»allich zwennal.

Blatt Jahrgang

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Montag, ölt. März,<>W

Rotationsdruck und Verlag der Brülzl'jcheir UniversttälZ - Buch- und Steilldruckerei.

R. Lange, (Kietzen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: e^§£»51. Redaktion: 2. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.

Zur Arankenkassenwahl.

Gießen, 29. März.

Zur bevorstehenden Krankcnkasscnwahl hatten 10 Ver­eine Gießens im Saale des Eaie Leib eine öiientlichc Bcriammlnng kinbcruien, wozu l,ch eine große Zahl Arbeitgeber nnd Arbeit, nehincr eingcfnndelt batten, io dag der Saal sowie die Galerien bis aus den letzten Platz besetzt wäre». Besonders stark vertreten waren d>e Frauen, welchen durch die Rcichsvcrsick-crnngsordnung daS Wahlrecht eingeräumt ist. Ter Vorsitzende des Wahlausschusses Pros. Tr. Vogt, erössnete die Versammlung mit dem Hinweise' dast die Krankenkassenwahlen kein Tunnnelplar, politischer Panei- leideiischaftcn sein dürften. Wen» auch leider keine Einigkeit erzielt loorden sei, da die sreien Gewerkschastcn eine eigene Liste ausgestellt haben, so könne eine sachliche Aussprache doch nur voit Nutzen 'ein. Er erteilte hieraus.Herrn 2r. Eahn Frankturl a.'Vi. das her über & t a n f c it t' a f f c u mit besonderer Vezichung aus die r n der ertadt Gießen geltenden B e st i nt nt u n q e >t sowie über die P e d e n t n n g der jk r a n k c n ! a ss e n w a h l c n Iprach.

Er hob hervor, wie ant l. Januar 1911 der letzte und wichtigste ü.eil der Rcichsversichcrnngsardnunq, die Krankenversicherung, ins Leben getreten sc, und wie durch deren Einiührung aus dem Gebiete des Versicherungswesens eine große Unuoälznng stall gefunden habe. Er bespricht diese Aenderultgen kurz und macht einen Gang durch das Gesetz. Darnach sind setzt die iäinttichen wirtschaftlich abbängigen Arbeiter und Arbeiterinnen versichert, auch die in gehobener Stellung bis zn den, Arbeitsverdienst von 2oOO Mark, im ganzen also nngesähr > Millionen mehr als irüher. Er geht dann des näheren auf die verschiedenen Arten der Versicherung eilt. Tabei warnt er die latidiuirtschastlicheit Arbeitgeber, in ihrent eigensten Interesse von der Bcstinnnnng keinen (Kebrauäi zn machen, wonach es gestaltet ist, voit der staatlichen Veriicherung abzusehen, für den Full. dast von ihiten mindestens gleiche Lcinnngen zilgesich-rt werden. Zn der Krankenversicherung und nngesähr 11) 000 20000 Versicherte cingcschlosse». Zn Bezug aus die Organisation weist der Redner Laraui hin, >vie an die rrtellc der Zersplitterung setzt eine größere Vcrcinsachung nnd .Konzentration cingetrctcn sei.

Für Gießen kommt nur die O r t s kr an kc n ka sse in Betracht, der auch die landwirtschaftlichen Arbeiter nnd Arbei- kcrinncit angeboren. Mitglied ivird seder durch Eintreten in ein Arbcitsverhältnis, nur die nnstäichigcit und die Heimarbeiter ct- luerben die Mitgliedschaft durch Anmeldung nnd Abmeldung. In­dessen ist seder Arbeitgeber zur An nnd Abntelduiig verpflichtet. Eine^Richtbeachtung dieser Vorschrift hat eine ein Pi,schliche Slrasc zur Folge. Tie Verwaltungsorgane, der Vorstand nnd Ausschuß, werden zu 2 Dritteln von den Arbeitnehmern tutd zu 1 Tritiel voit den Arbettgebcrn gcivählt und zwar durch die Verhältniswahl, nicht wie früher durch Mehrheitswahl Es must dieses Verfahren als durchaus gerecht bezeichnet werden, da auf diese Weise auch bcu kleineren Gruppen der ihnen gebührend,- Anteil alt der lüesamt- verwaltung gesichert ist. Ter von dem Wähler abzugcbende Stimm­zettel must in einen! von der Ortskrankenkasjc abgcstcn,pellen II,i,- schlage abgegeben iocrdcn. Gewählt wird nach der streng g.-bun- ' denen Liste Streichungen sind nnzulässig, selbst zusammi-ngcstcllt-e Wahlzettct ungültig, auch die Reihenfolge der zulWählenden ist genau einzuhalte». Aus jede Gruppe entlällen soviel Stimmen, als ihr ihrer Sti»,inenzahl nach zukommt. Nachwahlen oder Ersatz, wählen fallen ivcg. Ter Vorsitzende ivird nicht wie seither durch einfache Mehrheil der Arbeitgeber, sondcrii durch die dopvette Mehrheit non -Arbeitgeber und Arbeitnehmer getrennt -p-wähll. Führt der erste Mahlgang zu keinem Ergebnis, so wird ein zwefter vvrgenommen. Ist auch hierbei keine Einigung .zu erzielen, so ernennt öic staatliche Aufsichtsbehörde den .Vorsitzenden. Ganz ähnlich ist das Verfahren bei- der Wahl der übrigen Kassenbeamtcn. Tic Wahl hat also nach dem Grundsatz zu erfolgen: Arbeitgeber lind Arbeitnehmer müssen sich verständigen. An Leistungen gewährt die Kasse: Krankenhilsc, Wochenhille nnd Sterbegeld, die von dem Vortragenden näher erläutert lverde», und wobei benierkt wird, .dast Gießen auch bisher schon über die Pflichtleistungen hinaus-- gcbende Leistungen gewährte. Tie zn von dem Arbeitnehmer und zu vvin Arbeitgeber aufzubringeitdeii Beiträge sind bei der Krankenkasse verschieden. Sie. betragen l Prozent des ioge- iiannten Grundlohns, bei an Sonntagen beschäftigten Arbeitern 4i, Prozent. Tie einzelnen Instanzen, bei welchen Beschwerden »orgebracht niid entschieden werde», sind: das Versicherungsamt, das Sbcrvcrsicheruiigsomt lind dos RcichsverficherüngsafNt. Be. lrackftct Ulan das Gesetz als ganzes, so ist ein sozialer Fortschritt unverkennbar. Werden nun die Ehrenämter unparteiisch, gerecht nnd nicht nach parteipolitischen Gesichtspunkten verteilt, so ist zu

Vas schwachsichtige ttind.

Seit 9 Jahren besteht in Strastburg, so heißt es in einem Berichte der ..Münchener medizinischen Wochenschrift" aus Slraß- burq, eine städtische Volksschule für ichlvachsichligc Kinder, deren seitherige Erfolge ihre Taieinsbercchligung erwiesen halte. Für ihre Errichtung ivrachen Erzi.'hungs und grsundh i lid: Rück- iidjteit. Einnial bleiben solckn- Schwachsichtige IN den gewölmliclfen, überfüllten Schulklaisei, zurück, weil die Lehrer iicki nickt ein­gehend mit ihnen beschäftigen können. Tann aber- ist es dringend erwünscht, dast bei den Kindern die kranken oder schroachea Augen möglichst geschont iverden. Uni eine Uebersüllung der Klasse zu vermeide», hat man Nur solche Kinder ausgenommen, bet denen die verbesserte Sehsckärse des besseren Auges nicht 0,2 erreichte und unter den 21 090 Volkk-schulkindern Tiraßburgs 20 der­artige gesunden, alio ,-livo l pr. M. Tie Klasse der Schnwchlich- tigen selbst ist ein Mittelglied zwischen Blindenanstalt und Volks­schule. bei der Hornhauttrübungen und angeborene Mißbildungen als Enkstehungstiriachc die Heiuvlrollc ivielcn.

Die Schule besteht aus -einer Klasse, in der Kinder aller Alters­stufen vom 6.14. Lcbensiabrc gemeinsam unterrichtet iocrdcn. und iuitl eine richtige Fachschule sein. Ihre Eigentumtichkett be­steht darin, daß der Lehrer mehr aus das Ohr als au, das Auge zu wirken such! nnd auch die anderen <rin»c möglichst in An- svruch genommen werden. Das Schreiben wird möglichst ctnge- schränkt Für das Schreiben iind eigene Schreibbntc nnt gib ßeren Zwischenlinie» und Teullichkeit der Linien selbst eingcsührt, wodurch der Kops nickt so tief gclmlten zu werden braucht. Auster dem ivird viel mit Kreide auf der schwarzen Tafel geichrn-ben. Zun, Lesen werden nur solche Stücke ansgewählt, deren ^Inhalt vorher du, chgcwrochc» ist. Gezeichnet Ivird mit Kohlestin auf weißem Zeichenvapicr. Beim Rechnen wird das Kopfrechnen bevor zugt >n der Geographie wird das Hauptgewicht gelegt an» den Anschauungsunterricht. Naturgeschichte wird bei Spaziergängen ini Freien gelehrt und dadurch auch das Törverliche Befinden gebessert Tann! die Kinder >n ihrem späteren Leben nach Mög­lichkeit ibrrn Unterhalt verdienen können, werden sie im Flechten nnd Netzstrickcn unterrichtet und es wird möglichst darauf ge­sehen daß die Arbeit mechanisch ausgeführt nnd die Augen nicht überanstrengt werden. Beim .Austritt aus der Schule werden passende Stellen vcrrmttelt.

Mit den Erfolgen der Schule kann inan, so heißt es. zu­frieden sein- bet dem Austritt aus her Schule haben die Kinder mindestens den nämlichen Bildungsgrad erreicht ivic dtc der

hoisen, ^dast dos Krankcnkasscngcsctz segensreich wirkt nnd auch feinen Teil zum sozialen Frieden beitragen Ivird.

Nack- einer Pauic ergrisf als erster Redner in der Aussprache Kassenkontrolleur B e ck m a » n das Wort. Er führte au-'-, dast n,au sich b>i Ausstellung der Liste an die sozialdemokratische Partei gewand: habe. Ticke aber habe das Aniinnei, abgelehifl. da die Krankenkassenwahlen mit P o l i t i t nichts z u tun hätten. Ter Vorschlag aber, den Ulan den freien Gewerkschaften gemacht habe lind wonach man den in dieser vereinigten -Ardeitern n. Arbeiterinnen itnr'L der Mandate zugebUligt habc, seiunrnnehni- bar gewesen. Es habc ihn gefreut, daß der Vortragende die Mchr- leiftnngen der Gicstcner Krankenkasse erwähnt und somit anerkannt habc, daß die Kaisenverwaltung gut gewesen sei. Er müsse aber noch verschiedenes anführe»: l. die freie ärztliche Behanblung int Familienangehörige ohne Erhöhung des Beitrags: 2. die Gewäh­rung der Hälfte des Grundlohns lnichl des Krankengeldes, bei Aui- nalnuc des Kranken in der Klinik, dew Kranki-nboiis oder einer Heil­anstalt: 9. die Auszahlung von Sterbegeld an Frau nnd Kinder. Tie Gicßcncr Krankenkasse sei bemüht geweste». Krankheit, Not uno Elend zu lindern und hätte so.manchen Arbeiter vor öffentlicher Unterstützung bewahrt. Tie werde, wenn man die seitherig: Zu- sannnenictzung lasse, in demselben Sinne auch in der Zukunsk wir­ken. Taher fordere er die Wähler auf, die Lifte Pr. 2 abzugeben.

Krankenkasienbeamier Fourier beanstandet, daß die Kann­leistungen vielfach auf dem Pavier ständen. Das hätten alles Muß- leistungcn sein müssen. Tabes sei die Selbstverwaltung sehr be­schnitten Tic Gewerkschaften seien die Schrittmacher der sozialen Gesetzgebung gewesen, deshalb verdienten s>- besondere Berücksich­tigung. Tic Regierung trage das politische Moment in die Kranken­kassen. seine lFouriers) Parkei nicht. ES lonmn- alles auf den Geist der Verwaltung an, nicht bloß aus die Satzungen. Er verlange gute ärztliche Versorgung der Kasse ohne freie Acrztewahl. Tann wolle er noch erklärend hinzufüge», daß eine Legitimation der Wähler nächsten Dienstag nicht nötig nKirc, da eine bis Montag abend offen liegende Lifte angeicrtigl^sei.

Ter zweite Vortragsredncr, Stadtverordneter B a l z c r - Frankfurt a. M., lüg den Standpunkt des Vereins libe­raler Arbeiter und Angestellter in .Hinsicht ans das K r a » k e n g c s c tz dar. Nicht allein die Arbeiter der Sozialdemo­kratie hätten manche Hoffnungen begraben müssen, den liberalen Arbeitern gehe es genau so. Aber cs müsse weiter gekämpft werden. Dem Kronkenkasscnwcsen tue noch größere Einheitlichkeit not. Die Grenzen der Attersversicherung müßten hcruntergesetzt, die. Renten, erhöh! werden. Man müsse leichter in den Gcnnst der Rente ge­langen und anderes mehr. Tic bürgerlichen Parteien, insbesondcre dic Fortschrittliche Vvlkspartci, hätten aber nicht durchdringcn kön­nen. Warum, so stellt Redner die Frage, beteiligen wir uns an der Krankenkasscinvadl? Tnrcki die Masoratswahl ivar cs seither un­möglich und aussichtslos, einen Erfolg zu erringen. Nicht aus Miß­trauen gegen die seitherige Verwaltung wählen wir. nicht die Soziatdcmokratie nnd Gewerkschaften bekämvscn wir bei der Kran- kenkassegwahl, sondern wir sind geleitet von dem Gedanke,>, mikzn- arbeiten in der Ausübung sozialer Pflicht. Tic Reichsversichcrnngs- ordnung ist ein Fortsck'istli. sie gibt dcni Vorstand die Mvglich- Icil, die Leistungen zn erweitern. Tarum wollen wir a»sbaiu-n helicn, soweit es bie Möglichkeit zuläßt. Nicht die Sozialdemokratie und Gewerkschaften haben die sozialen F-nrsorgcgcsctzc geichaisc», sie liabcn sie immer bekämpft. Tie Hieich-Tunckc-rscheii Gewerk schäften sind vorbildlich vorangegangen. Es ist iwtwendig, die Bür­gerlichen zum Zusanitmenichlust aufzurusen. Unparteilichkeit und Tüchtigkeit must die Richtschnur sein, keine Partei- oder Kon- scssionssache, nicht die Interessen einzelner Verbände, sondern die Interessen iämilichcr Arbeiter sind zu vcrrreten.

Bei der irun folgenden regen Aussprache meldet sich Kranken- kassenkontröllcnr B c ck ma I! n zum Wort. Er verliest zunächst die Vereine, 16 a» der Zahl, die die Einladung unterschrieben: haben, und dcnientsprcchend sich an der Krankenlassenwaht be­teiligen wollen. Tie daran geknüpften Bemerkungen verursachen bei den sehr stark vertreten Sozialdemokraten Heiterkeit. Er knüpft dann an die -Ausführungen des »vrhergchcnden Redners an. der mftgcteilt habe, wo rinn sich die übrigen beteiligen wollten. Er vermisse indes ihr Programm. Es sei merk- nnirdig, dast die Fortschrittler die ersten aus dcni Gebiete der sozialen Gesetzgebung gewesen sein sollen, denn die Fort­schrittler hätten zn vericknedenen Malen gegen die sozialen Gesetze gestiinmt, aber nicht wie die Soziatdemokraten, incil zu wenig, sondern weit schon zu viel geboten worden wäre. Ter Redner gebt sodann aut das in den letzten Tagen von den Anhängern der Liste l verbrictete Flugblatt ein, das er als geistig arm be­zeichnet, und verliest den cchlustfay, wonach die .Arbeiter der einzelnen Gruppen zur Wahrnng ihrer Interessen aus (strund der Parität miigerusen werden, und incint dazu, es habe feilher voll-

Nvrmolklanen und dabei ist das schwache cchorgan niöglichst gc- jchvnt worden.

In Tcutscklaitd ftuden sich fulrfve Schulen für Schwachüchtigc nur noch in Müldausen. Es empficblt sich, auch in anderen größeren Städten solche Klassen zu errichten, damit noch mehr Erfahrungen gesammelt und weitere Fortschritte darin gemacht werden, da die hochgradig Schwachsichfigcn meist gut veranlagte Kinder sind.

V o ui H u n g c r. Fn der Deutschen inititärärztlichen Zeitschrift besvricht Prof. Schlostmann. Düsseldorf, wie Ulan aus dem Sloiiumsatz also aus chemischen Vorgängen, aus Arbeits­leistung und Wärmebildung, also phpsikalischc Erscheiniinaefi, schlie­ßen und weiter, wie mau aus direktem Wege Arbeitsleistung und Wännebildung bestimmen kann. -Aus den »om Versaster a» Kin­dern angestcllien Versuche» lassen sich auch sür den Soldaten wich­tige Schlüsse ziehen. Ter Hunger an sich wird nickst unangenehm cnipiundcn lbci genügender Jlüssigleitszusuhr-, weil die Ttosf Umsetzung, wcnigltcns in den ersten 48 Stunden, keinen Abbruch erfährt, weder in bezug auf Menge des Umsatzes noch der zur Vcrbrcnnung gelangenden Substanzen. Bon besonderer vraktifchcr Wichtigkeit ist das Resultat: der dauernd mit übermäßigen oder großen Eiweißmcngen genährte Soldat greift bei Entbehrungen im Felde seinen Körperbestand stärker an als der an geringere Eilocißmengen gewöhnte. Ter an tftcht über das Bedürfnis hinaus- gchendc Eiweißmengen gewöhnte Sotdal. der zwei bis drei Tage dungerii muß, rcißl weniger Äörperiubstanz ein als ein starker Eiwcißcsscr. Bcini hungernden Erwachsenen stelll sich, gerade ivie beim Säugling, 4872 Stunden nach d<-r lctzien Mahlzeit, ein erhebliches R-uhcbcdürinis ein: bei einer über 48 stunden hungern­den Truvpe komint es zuni Schlafiwcrdcn, über das allst» die Willenskraft nicht nichr obsiegt.

T i e Kugelernte ans dein Balkan. In Mar- seftle find in diesen Tagen vier Schisse eingetrofsen, die -eine seltsame Ladung vom Balkan brachten: unzählige tlcine Säcke, von denen ein jeder ungefähr einen Zentner wog und die nichts enthielten als seltsam gesorinte .kleine Bleistückc, pl-ttgcdrückte Kugeln, Geschosse, von denen noch einige deutlich Blutspuren zeigten. Allein der TamvierGrimöe" landete mehr als 2000 dieser Säckchen im Gesamtgewicht von über 2000 Zentnern. Wo­her .st am Nit diese seltsame Fracht-? Es sind die Kugeln und Geichossc von den Walstütten des Balkankrieges, Kugeln, die ver­wundeten nnd löteten und oück jene Geschosse, die jhr Ziel nicht erreichten und irgendwo verirrt aut den Boden sanken. Fleißige Bauern und arme verspätete Schlachtscldwanüercr haben in müh-

kommenc Parität gchern'cht, denn von den Krankenlässt-nbeainten seien fünf, die mir der sozialdemokratischen Partei nichts gemein hätten. Auch müsse er hier aussprechen, dast die seither tätig ge wcienen Arbeit g.-ber tüchtig gewesen seien. Aber es dürift-n ti-ine Schariinacher geivähli werden. Es inüfsc deshalb nächsten Dienstag seder seine Schuldigkeit tun. Rührend sei es, wie in letzter Zeit sich manche Herrschaften die Absätze schief liefen, um auf 'die Dienstmädchen cinzuwirke». für deren soziale Besserstellung fie früher nicht jo sehr bedacht gewesen seien. ^

Ter folgende Redner sucht datzntun, dast die Hirich-Tnnckcr- schcn Gewerkschaften das nicht leisten, was sie versprechen. Es müß­ten richtige Leute in den Vorstand, darum Liste 2

Krankenkaiscnbcamtcr Fourier spricht !ich für das Bcr - h ä l t n i e, w a h l s N st e m aus. Aber die seitherigen bewährten Vertreter sollen gewählt werden. Er führt ein Beispiel an, wo durch ungeeignete Elemente in der Veripallnng die geolantc Famil-.enver sichcrung abgelehnt ivurdc.

I» heftigen Worten wendet sich lKeiverkschaitsvorsteher M ann gegen oen vorbereitenden Ausschuß. Es sei ein Hohn, den in der sreien. Gewerkschaft zutämmengeichloilenen Arbeitern Gie ­ßens nur ein Drittel Sitze anzubieten. Ten Liberalen fehle es an dem nötigen Mut, gegen ungebührliche Forderungeit F-ront zn fpachen. Tic -Aerztc seien von 10 Mark auf 16,50 Mark heraus gegangen. Ter Teutschnationalc Handlungsgehtlfenvrrband be- schncihe die Rechte der Frauen.

Tiefem Redner entgegnete der Vorsitzende, daß die freien Ge - werkichoftcn kein Recht und keinen Grund hätten, sich gegen das Verfahren des Ausschusses zu beklagen. Wenn, der gemachte Vor­schlag nicht genügte, so hätte man sich auf einen Gegenvorschlag einigen lönnen. Außerdem werde ständig bchaupiet, der Vorschlag sei ttberhanvt undiskutabel. Ta fehle die Logst. Wenn keine Frie- densliste zustande gekommen sei, so trage einzig und allein die freie Gewerkichait die Schuld daran. Tann dürfe man den» Gegner die ehrliche Meinung nicht bestreiten, wie dies bersch iedentlich geschehen sei.

Ter erste Redner, Tr. Eahn, nimmt Veranloisung, berschte dcncs richtig zu stellen. Alle vorgelragenen Einwendungen könnten nichts gegen die Liste I benn-iscn. Die freie A c r z t e io a h l sei ein F o r t s ch r i t t. Tie Gründe, welche die Fortschrittliche Bolks- vartci veranlasften, in früherer Zeit gegen die Füriorgegeictzc zil stimmen, seien ganz andere gewesen, als Herr Beckmann behauptet habe. Tie seien Kinder ihrer Zeit gewesen, aber arbeiterfeindliche! Gesichtsvunlic seien nicht in Betracht gclomnren. Tozialdemotratte und freie Gewerkschaften sollten nicht hcrausgcdränat werden. Tie Fronen müßten vertreten lein. Tic Absicht, die Kasse zurückzu­schrauben, bestehe nicht. Alio müsse jeder die Liste 1 wählen.

Nachdem ein Ausländer sein Befremden geäußert, dast anti­semitische nnd jüdische Vereine bei der Ärankenlaiienwaht gemein - iäme Sache »mellten, wendet sich Kassenkontrolleur Bcckniann gegen die christtichcit Arbeitcrorganisanonen, mit welchen man schlechte Ersahrnngen gemacht habc. Tic Regierung beabsichtige, ihre Militäranivärter in die Kranke,tlassen hereinzuichassen.

Fabrikant H o r st kennzeichnet treffend, wie das Be-strcben, die cinzetncn Gruppen gegen einander auszuspielcu, sedensatls den Erfolg hätte, daß nian um io geschlossener nächst-cn Ticnstag fnr dic Lifte 1 stimmen lverde.

Ta sich kein Redner mehr gemeldet hatte, schtost der Bor- sitzende die Versammlung.

zrühjayrsvcrsamnllung öes Zentraloorftander öer Natiünalliberalen Partei.

Tie zahlreich betuchte Frühjahrsoersammlung des Zcntralvor- standcs der -Nationalliberalcu Partei, die am Sonntag im Reichstag stattfand, erössnete der Vorsitzende. Rcichstagsabgcordn. Bass cr- mann. mit einem herzlichen Willkonimengruß an die Erschie­nenen. Ter erste Punkt der Tagesordnung betraf die Z u io a h l c n zum Z e n t r a l v o r st a n d. Die Wahlen wurden jedoch am die nächste Sitzung vertagt, da nachträglich eine Rcihc Von Vorschlägen der Elnzelorganisattoncit eingcgangcn ivar, deren Berücksichtigung die in den Statuten sür den Zcntraloorstand vorgesehene .Höchstzahl überschritten hatte.

Sodann erössnete Reickfstagsabg. B a ssc r IN a n n mit einem an den Gcschäftsführendcn Ausschuß erstatteten, gedruckt vorliegen­den Jahresbericht anknüvienden kurzen Rede die

R u s s v r a ch e über die Politik des Reiches.

ilntec allgemeinem Beifall stellte er an die Spitze ferner Aus­führungen die Genugtuung über die Wiederherstellung des Vor fitzenden des Geichäflssühtcndcn Ausschusses, des Geheimrats Tr. Fricdbcrg. der sein Amt zur Freude aller Parteiireunde be­reits wieder übernammen l»at. Ilcbcrgehcnd zur Besprechung der politischen Lage bezcichncte Herr Bafscrmann das Gesamtbild als

fämcr langivierlgcr Arbeit alle diese Projektile gesammelt und in Säcke gevackt. um ans diesen Abfälle» des Srieaeä bescheide­ne» Nutzen zu ziehen. Von Marseille gehen die Kugeln nach Paris und on die Röhrenjabrikcn, werden eingcichmolzen uich finden nach kriegerischer Vergangenheil eine friedlichere Bestimmung: Gas- und Wasjerleitungsröhren iowic Kapseln für Wcinslaschcn werden aus ihnen bereitet. Auch große Säcke und Kisten mit den Resten geplatzter oder zerstörter 'Pottonenhütsen aus Kupfer oder Messing sind von den Balkankriegsptätzcn nach Marseille versandt worden, um hier als altes Metall verkauft zu werde». Denn das Metall befjäft seinen Wert und niemand fragt nach der mörderischen Vergangenheit.

Wic ich mir meine Zukunft denke!" Ein hübscher und amüsanter Klassenantsatz eines zwötsiährigen Mäd­chens wird dem B. T. von einen, Leser zur Verfügung gestellt. Tie junge Dame erzählt, wie sic sich ihre Zukunft denit, und verrät IN ihren Wünschen und Hoisnungcn einen recht zesunden sinn, der auf die praktischen Rdatitäten des Lebens gerichtet ist. Tie Orte Breslau und Dortmund spielen in dem Aufsatz eine Rolle weil die Kleine bis zu ihrem zehnten Jahre in Breslau ivohnta nnd dann mit ihren Eltern nach Dortmund kam. Und nun soll die kleine Evastochter verraten, was ihr Herz bewegt:Wenn ich einmal aus der Schule bin.^dann wird cs lein. Ich gehe in ein Bliime»gcichä>t und lerne Sträuße und Kränze binden. So­bald ich das kann, miete ich mir ganz alleine einen Laden nnd verkanii- alle Blninen, die darin find. Natürlich habe ich dann genug Geld. Ich weiß auch, was ich damit machen werde. Ich steige in den Zug und fahre nach Breslau. Tort hole ich mir einen Küraslierhauptmann, und wir vcthciratrn ans. Nun geht erst ein Leben an, und die Rekruten müssen mtt und meiileni Herrn Gemahl die Pferde satteln und uns daraus Helsen, nnd dann sagen sie:Zu Beseht, Frau.Obcrhauvtuiann !" Jetzt rate» mir nach Dortmund, nnd wenn wir lange genug dort waren, rintcn wir nach Breslau, wo gerade der Kaiser ist. Weil mein sehr ver­ehrter Mann die Ehre hat, mit dem Kaiser zu sprechen, lädt er ihn und mich zum Fe,leisen ein. Wir gehen natürlich hin, und da acht eS soviel Apfelmost, daß wir allesamt Bauchschmerzen be­kommen. Wir machen noch mehr Spaß, da kommt auf einural ein Mann nnd sagt, es wäre Besuch da. Ich fahre hin, und was denkt ihr, in meinem Zimmer steht der cotorck. Er war ganz böslich nnd schenkte mir ein Kind. Später komint der Kaiser zur Taufe nnd wird Pate. Mein Söhn wird ein tüchtiger Mann. Ich und mein Mann freuen uns w, daß mir sterben. Natürlich kommen wir in den Himmel, »ich dort iängl die alte Geschichte wieder von neuem an."