Ausgabe 
27.3.1914
 
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Nr. 73

Erstes Blatt

J64- Jahrgang

Set «Iktzener Snzeigtk

erjcheinl täqlid), auyer Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich Sietzener^amilienbläNer: zioctmal wöcheitll.llreiii dlatt sieden Leeis Siezen iLienstagundFreiiagi; zweimal n-.onall, Land, wirffchasUiche Zeilsragen Feruiprech - Anschlüffe: iür die Redaktion IIS,

Serloq », Expedition öl Adresse iür Teveichen:

Anzeiger Gieße».

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ihr die Tagesnmnmer -

bv3 »otmiiioijo 9 Uhr, «ourtionsfermf ntift Verlag »er vrühl'schen Univ.-Vuchi «nd Steinftrucferci R. Lange.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Freitag. 27. März

vezuqsorets:

i rioitatIitfi75'CI., Dienet- jährlich 'I!f. 2.20; durch Abhole- n- Zweigstellen monatlich Pf.; dura, die Post M.2.viert:!» jährl. ausschl. Le-trstq. Zeilenpreis: lokal lSÄ., auswärts 20 Piennig. C4>eiredakteur: 21 ®oef Berantwortiich für den volit. Teil: Aua. Eoeq: für .Feuilleton^, .Bei- mischies'und.Gerichte- saal"^ Karl Neurath; iüc .Stadt und Land":

Reftaftion, Lrpedition und Vruckerei: Schulstraße 7. An^igemeü:' Bcil!

Die heutige Nummer umsaht 14 Seiten.

Tagestalentzer aus dem Fahre 1814.

März: Napoleon gibt die Belagerung von Pitrn auf und eilt dem bedrohten Paris zu Hilfe.

Vas versprechen des Staatssekretärs.

Man fkkireibc uns ans Berlin:

Tie Entschließung des «udgetausfchlijses des Reichs- lags (Ziehe den näheren Bericht' betreffend die diplvmatische Prüsung und das Versprechen des Staatssekretärs u. Jagow, eine solche Prüfung einznfiihren, bedeutet einen parlamei, tnrisehcn Erfolg, dessen Wirkung und Wahl tat erst im Laufe von (Fahren ettipfnnden werden ivird. Zo paradox und vein- >,ch es klingen mag, es war doch bisher Tatsache und ist es heute noch: der deutsche Richter, der Arzt und Hhqieniler, der Beamte in allen Zweigen der Berivaltung, jeder, dem auch mir ein Teilchen der öffentlichen Licherheit und des Gemeinwohls anvertraut ist, muß seine Vorbildung und Ausbildung beweise», ehe er zu seinem Beruje zngelaffen ivird: der Tiptomat aber, dem inititnter das Wohl der gan­zen Nation in die Hände gelegt ist, braucht nichts zu be- weisen. Langsam, sehr langsam ist die Ertennlnis durch- gedrungen, dast die Zeiten, daBvtfchasler und Gesandte nur Reprasenlationssigiiren bedeutete» und eine »adinettspoli tik betrieben, endgültig vorbei lind, vorbei sein müssen. Tas Prädikatkaiserlich" nild der Titel einesbevollmächtigten Ministers" sowie die AnredeExzellenz" enthebt nach der lmn durchdrungenen AusfRssung leinen jener Auserwähl len, in fremden Landen a u ch das deutsche Volt zu vertreten, d>is alljährlich sür dieseil Zweck eine sehr ansehnliche Sun,ine befahlt. Und das; dieses Volk nicht mir durch eine go!d gestickte Unijorm, sondern auch io i r t s ch a s t l i ch vertreten werden muß, ist eine Notwendigkeit, die sich ans der Ent­wicklung des Deutschen Reickzs als Weltmacht ergeben hat. Trotzdem ivar die Reform des diplomatischen Dienstes bislang einer von den Wünschen des Reichstags, die bei aller dringlichen m,d mühseligen Wiederholung »»gehört verhallten. Tie Regierung hat dieseni eeteruin eenseo des Parlaments stets mit liebeiisivürdigen Ausflüchten erwidert lind jedem Versuche, das Thema einmal gründlich zu er­örtern, sich entwunden. Aber das geschah mehr so ans lieber lieserung und gewohnter Abweisungstatkil, nlS ans innerer Ueberzeugnng. Tie Regierung meist seit Jahren ganz genau selbst, dast man so nicht sortwursteln kan». lind nun ist mit dem Versprechen des Staatssekretärs v Jagoiv, die ver­langten diplomatischen Prüfungen einznführen, eine Bresche in die Festung geschlagen, die von der Regierung ernstlich gar nicht mehr verteidigt lvurde.

Es fragt sich nur, nach welchen Richtlinien die Reiorw nun betrieben wird. Ter verstorbene Staatssetretär von Ki de r le n-Wäch 1 e r bat schon vor zweieinhalb Jahren bei Eröffnung der neue» llnterrichtslnrse sür die Konsular anwärter des Auswärtigen Amtes sehr bemerkenswerte Richtlinien vorgezeichnet. Er meinte n. a.:Dem A s s c s s o r se hlt eine unffassende Kenntnis des deutschen Wirr schaftslebens! Es 'wäre ein großer Vorteil, wenn er vor seiner .Hinanssendung von berufener Stelle über die Be deutung der größeren FabrilationS- und Exportzweige un­terrichtet würde und einen Blick für das Kaufmännisch Nütz

liche erhielte. Dieser Fachunterricht must voin Auswärtige» SlmMieu organisiert lverden. Ties setzt aber voraus, dast ein Teil des Unterrichts von denjenigen übernommen werde, über deren Interessen und Anschannngen der Konsul unter­richtet sei» must, nämlich von Handel »nd Industrie selbst."

Das Auswärtige Amt hat sich unterdeffen wiederholt an zahlreich? Firmen uni ihre dauernde Mithilfe gewandt und von allen Zeiten Zusagen erhalten. Ebenso haben sich die hervorragendsten Vertreter der Wissenschaft bereitwil ligst zur Verfügung gestellt. Tamil ist ztoeisellos der Anfang einer Grundlage geschaffen, ohne die die ver sprvchene lünstige Organisation des diplomatischen Prü- sungswesens gar nicht den richtigen Wert hätte. Das Aus­wärtige Amt hat die genannten Kurse jetzt auch für alle Anivärter des diplomatischen und konsularischen Dienstes obligatorisch gemacht. Ob eine vollständige Verschmelzung des Vorbereitungsdienstes der künftigen Diplomaten und Konsuln vorteilhaft erscheine, darüber hat Staatssekretär v. Jagow noch im April v. I. eine verneinende Ueberzeu- gung ausgesprochen. Vielleicht aber hat sich die Ansicht der Regierung auch in.diesem Punkte geändert. Schwierig kann die Verschmelzung wie überhaupt die ganze Reform­arbeit in organisatorischer Beziehung gar nicht sei». Tie ganze Karriere der deutschen Diplomatie zählt nur etwa 90 Beamte, diese Zahl verteilt sich auf 9 Botsck>aften, >7 Gesandtschaften, 12 Ministerresidenturen im Ausland und das Auswärtige Amt in Berlin. Tie Vorbildung für die vereinigten Konsuln und Diplomaten wäre leicht gesetzlich oder durch Bundesratsverordnung zu regeln. Verlangt must lverden das ersto^uristifche Staatsexamen, mindestens zweijährige Tätigkeit vei den heimischen Behörden und dann ein Probejahr bei einem Generalkonsulat. Das zweite juristische Staatsexamen wird ersetzt durch das ueueinzu führende Staatsexamen sür den auswärtigen Dienst. Für Bewerber, die bereits die zweite juristische Prüfung abgelegt haben, wird das vom Reichstag verlangte Nachexamen not­wendig. Herr v. Jagow erklärte, daß noch Verhandlungen mit dem preußischen Kultusminister erforderlich seien. Wie wir hören, handelt es sich uni das merkwürdigerweise nicht unter Reichsaussicht, sondern unter preußischer Leitung stehende orientalische Seminar, das unter Umständen zu einer Anslandsakaoemie für die deutschen Tiplo- niatcn ansgebant werden könnte.

Die Stichwahl in Dorna-Pegau.

Borna, 20, März. Bei der Reichstagsecsatznichwahl im 14. sächsischen Wahlkreise Borna Pegau sind bis -. ,10 Uhr abends gezählt für v. Lieb ert (Reichspartei) 11946, für Ryssel (Soz.) 13 772 Stimmen; ungültig sind 498 Stim­men. Es fehlen nur noch! 14 Ortschaften, die aber an dem Ergebnis nichts mehr ändern. Ryssek sSoz.) ist somit g e w ä h l t.

Eine spätere Meldung besagt: Bei der heutigen Reichs- tagsstichwahl im Wahlkreise Borna Pegau erhielt v. Lie­be r t (Reichspartci) 12 731 .Ryssel (Soz. 14 321 Stimmen. Ryssel ist somit gewählt.

Zu dem Ausfall der Wahl schreibt dieBosfische Zeitung" : Mit Borna-Pegau geh! seit den Hauptwahl;» der Rechten das fünfte Mandat verloren. Bei dem seither immerhin unsichere» Mehrheitsverhältnis im Reichstag be deutet der sozialdemokratische Wahlsieg ztoeisellos ein wich tiger Gewinn für die dem schwarz-blauen Block gegenüber­stehende Linke.

TieDeutsche Tageszeitung" schreibt: Fchr

diesen ebenso überrajchenden >vie bedauerlickien Stichtvalst ansgang in Borna-Pegau tragen die Quertreibereien der freisinnigen Parteileitung und des freisinnigen Preßoretzu die ganze Schwere der Verantwortung. Dieser Frei-inn. wie er sich in Borna Pegau als Weggenosse der Sozial deinolratie gezeigt hat, kann nur noch als schwächliche - Anhängsel der Sozialdemokratie vetrachtet und behandelt lverden. Tie Nationalliberalen, die in anerkennenswerte: Weise ihre Schuldigkeit getan haben, werden nicht umhin tönnen, aus der Haltung des Freisinns die erforderlichen Konsequenzen zu ziehen

TerVorivärts" schreibt: Ten großen organisato­rischen Erfolg derRoten Woche" lrönte die Wahl des 111 Sozialdemokraten.

Der Kaifer und die deutschen Gäste in Venedig.

Venedig, 26. März. Ter Kaiser hörte gestern den Vortrag des Gesandten v. Treu Iler und heute vormit­tag die Vorträge der Chefs des Marine-, des Militär und des Ziviltäbinetts. Ter Kaiser hat heute nachmittag »in 4>- Uhr an Bord derHohenzollern" einen Tee ge­iz,len, zu dem Damen und Herren der venezianischen Aristo hatte, der deutsche Konffil mit Gemahlin u. a. geladen waren. Tie Hohenzollern und die anderen deutschen Schiffe gehen morgen vormittag nach Miramar in See. Ter Kaiser verlieh dem Präselten Ronasanga den Roten Adler­orden zlveiter Klaffe mit Stern.

Tie deutschen Schiffe haben seitens der Behörden, der Gesellschaft und der Bevölkerung eine so warme nnd ent gegenkvnimende Ausnahme gesunde», wie kaum zuvor, so dast, wie der Vertreter des Wolff-Bureans meldet, die deutsche» Offiziere und Mannschaften den Aufenthalt in an­genehmster und dankbarer Erinnerung halten werden. Ten, Kommandanten derHohenzollern" wurde schon bei seiner Aiilnnsl an, 6. März Kapitän Lubelli zur Verfügung ge­stellt. Tie Festlichkeiten begannen am 7. März mit einen, Tiner sür das Osfizierlvrps bei beut Admiral Garelli, den, fick, ein Besuch des Theatro Rossini nnschlos; In der "Panse wurden auf Wunsch des Pnblikums die italienische und die deutsche Nationalhvnine gespielt, die es zu be­geisterten Kundgebungen veranlaßten. Ferner fand. a eine Rund fahrt der Ofsiziere statt, die unter kun­diger Führung die interessanten Stätten der venezianischen Jtiüuilete besuchten. . , .

Scnlfdx» Reich.

Ei» a n g c b 1 i ch c r B r i c f d e s K aisc r s. Ti?Nordd. Allg., Zeitung" zitiert einen Artikel derHamburger Nachrichten", der unter der UeberschriitMißbrauch eines Privatbriefes" die Handlnngslveiie einer Anzahl von Blättern scharf geißelt, die Stel­len aus einem angeblichen P rief e K a i i c r W , I h e 1 in s veröffentlichten, de, in, Jahre 1901 an die Landgräiin von Hessen gerichtet sein soll und sich in, Nachlatz des Kar dinal» Kovv vorgeiundei, haben soll. In diesem Briefe soll der Kaiser gesagt haben, das; er das katholische Bekenntnis hasse. In den, Artikel wird daraus hingewieien, das; der Kaiser, obwohl er ein treuer Anhänger des evangeliiche» Bekenntniffes iei. durch viele Handlungen bewiesen habe, daß er auch das katholische Be lenntnis sehr hoch achtel. TieNordd, Allgen,. Zig." iügt hinzu: Wenn nun das Hamburger Blau, befielt grundsätzlicher Auffaffung über de» nichtöiientlichet, Charakter des Briefes wie über die Ließ lung des Kaisers zu den Kvnieiiionen wir beitreten, eine Au> klärnng über das Schriitsffick verlangt, io möchten

Unveröffentlichte Briefe von Emanuel Seidel.

In, nächste» Hefte der Eotta'schen MonatsschriitTer Greii" teilt Gottiried Böliing aus dem Cottaichen Archive bisher n- veröffenllichte Briefe Emanuel Geibels mit. Der Freiherr Georg von Eotia intrreffierte sich von vornherein iür den damals^noch inngeii Tichler. dem eine reich-: Zuluiffl zu loinke» schien. Durch Zreiligrath liest er ihn cinlade», mit ihm in Verbindung zu treten »nd übernahm da,,» auch die Beröiienllichnitg von Geibels DramaKönig Roderich", obwohl er iich natürlich von vornherein ilar loa'r, das; er iich hiervon einen geschästlichen Vorteil nicht zu versprechen habe. Trotzdem ging Cotta, als der Berliner Kunsthistoriker Franz Kugler, Geibels Freund, wegen des Ver­lages eines neuen Gedichtbandes von Weibel an ,h» heranlrat, sogleich freudig aus diesen Vorschlag ein. To ging die neue Samm lung die urivt'ültgltch den Titel trugLattb tittd orncht '.Ulttius- lieder)" an Cotta über, Weibe! sandte die .Handichriit dem Ver­leger am 21. Septeniber 1647 mit den, folgenden Briese zii^:

Hochverehrter Herr Baron! Beiiolgend tan» ich Ihnen endlich das druckiertige Manuskript meinerJun,slieder" über senden De»,, diesen Xitel nicht, wie ich irnher beaditchligte: »anb und Frucht) habe ick iür die vorliegende zweite Lammlung meiner Gedichte ausgen-ählt. Zunächst brachten mich e», paar Ve»e aus einen, alten Volksliede daraus, welche mir die stimm»,,«, die ick zu bctcicfmcn wünichte, einigermatzen anszudruckeii Ich,s neu Tann ist aber die Mehrzahl der Gedichte »nrNtch>

der ersten hohen Sommerzeit, im JunmS memes Lebens ent­standen: der Mai ist vorüber, die trühe renbe blute, die Zeit des glückseligen SchwärmenS und Träumen« Ist dahin: nur

hin und wieder macht iic iich geltend, aber Saiin als ein Ver­gangenes das in. Glanze der Erinnerung »eilt .tu, btutBi und flackernde Glut folgt die nachhgltige, truchlbrtNgende Warme, die Gewitterschläge der Leidenickmit beruh,gen nch in ernster Betrachtung, die Einviindung refft zun, Gedanlen. Ans den, Kampfe geht es zur Versöhnung, und wenn es h,er und dort auch noch dunkelt und ickmttet. so trägt doch zuletzt das Ctwigheüere immer den Sieg davon, wie das Licht zur Sommerzeit selbst in den Naevten von der Erde tiickt mehr gant losläßt. Tas und Aehnliches habe ich mir bei dem Titel gedacht. Ob ein anderer das­selbe dabei denke» werde, oder auch nur denken Imme, weist ich icht. Aber gleichviel! Das Kind muß eben einen Namen haben, und der Vater wäblt ihn »och seinem Sinne. Wen», das tteme Geschöpf sonst mir schmuck und tüchtig ist, daß die Welt sich darüber ;u erfreuen vermag, so wird niemand um den verwunderlicheit Namen schmollen. Verzeihen wir dock einen, hübschen Mndckten gern, daß sie Cephise oder Petronell« heißt."

Tie Beziehungen zwffchen Dichter und Verleger haben des »leitete» mehr und mehr ireuiwichailtick^n Charatter angenommen, und Geibel Hai sich Cotta gegenüber über manchtwlei, was ihn in Lebe» und Kunst bewegte, und auch über lein eigenes Dichten

offenherzig ausgeivroche». hat er in einem Briete an Cotta von, l6. Februar 1846 der Freude Worte geliehen, die Mörikes Gedichte in ihm wachgerutci, liatten.Cs fft eine Frische und Klarheit, eine, wohltnende, sonnige Heiterkeit, eine Äunstrollen- dung in dieien Lieder», toie ich iie bei keine», anderen Porte» der lffegemoart gpiunden habe. Außer bei Goethe ist mir nirgends rin so schöner und reiner Ausdruck des.Gefühls, ein so liebens­würdiger Humor vorgkkomtnrn. Kritik und Publikum scheinen mir freilich »och immer nicht dem Dichter die gebührende Gerech- tigteii tviderkahren zu lasse», ober er läßt tick, das hoffentlich nicht ansechte». Ter Tag einer allgrnieinen Anerlennung kann für ihn nicht misbleiben, lind seine Lieder werden einst in ihrer einfachen Schönheit ruhig dastehe», wenn unendlich viel Ge lvreiztes und Gebeiztes, was die kendeitzvolle ZKeschinackloiigteit unserer Tagesvrrffc bis in den Himmel zu erheben strebt, in seiner inneren Nichtigkeit längst der Vergeffenheit anheimgesallen, sein wird." Es war dies dasietbe Jahr, das Geibel durch die be tonnten politischen Ereignisse tiei und schmerzlich erschüttern sollte ?lnch darüber bat er sich tut Herbste 1646 zu Cotta ausgeivroche». Cs tut weh" so schrieb er ihm am 10. Oktober, die Hälfte seines Volkes in rasender Berblendung de» .Weg znm Abgrund cinschlage» ;h sehen, es tut web. an Männer», die wir hochgehalten vor Vielen, und aus die wir unser ganzes Ver­trauen gesetzt, verzweiieln zu inüffen, weil sie in der entichei- denden Stunde absielen. wie dürres Herbstlaub. Wo ist die weiie Mäßigung geblieben, die wir als ein unveräußerliches Erbteil nnieres Stammes anseben zu dürien wähnten, wo die männliche teste Treue und das tieieinivohiicnde Gercchtigkeitsgeiühl, auf die wir jo gerne stolz waren? lind wo will das alles hinaus . . .?"

Tie Junjuslieder, Geibels lyrischer Mrtslerband, erlebten Auslage nach Auslage. Tas war Weibel eine besondere Freude, den» auch er betrachtete gerade Meie Sammlung als feinen beionderen dichterischen Ehrentitel. Als Cotta ihm den Plan einer neuen Ausgabe des Bandes machte, da legte cr ihm iol gendes Bekenntnis ab:Eine neue Ausgabe der Juniuslieder würde mir um io unerwünschter kommen, da durch die fort gehende »arte Verbreitung meiner irühere» Gedichte, deren in neren Gebalt ick dem der Juniuslieder toeit nachietze, sich oll mählich ein durchaus falsches und einseitiges Urteil über meine dichterische Eigentümlichkeit beim Publilun, ausbilden inuß, Ich b»> keineswegs der sanfte Liebeslyriker vom Jahre 1840: eben die Juniuslieder, meine ich, könne» den Beweis liefern, wie der ernste Gedanke und die nmnnliche Kraft neben dem Schmelz der Empfindung bei mir zu ihrem Rechte gekommen sind."

- Esn telegravhischer Wettbewerb. Mit dem eng- liicheiiLextuplex", mit dem man gleichzeitig sechs Telegramme am einem einzigen wruht befördern will, tritt, lvie wir erfahren etn deuticktzis System in Wettbewerb: ein Schnelltelegraph von

Siemens und Halske Hierbei schieben sich nicht mehrere Tele.

gramme gleichlam ineinander, soitder» rs Ivird nur ein Telegramm aus einmal befördert, Tas Telegraphieren iindel aber so schnell stall, daß dabei etwa 1000 Buchstaben in der Minute übermittelt werden können! Um dies zu erreichen, ivird das Telrgronin, zuerst in eine» Papierftreifen gestanzt, und es können dabei runde Löcher in inni vrrschiedeiien Zeilen austreteii. So bedeulen beispielsweise zwei untereinander liegende Löcher in Zeile 2 und 3 eina" Dieser Lochstreifen Ivird nun durch eine Maschinerie verzehrt, lind es werden enisvrechende Stromstöße iw die Leitung geiandt. Im Empiangsorte beffudeii sich ferner fünf jenen Zeilen entspreckiende Relais, von denen bei Ucberniitlelung desa" Nummer 2 iiNd 3 eingestelll werden. Ter Truck der Zeilen vollzieht sich, indem ei» Papierstreitei, durch ein Hämmerchen zeitweilig gegen den Rand eines mit eingeiärbtew Tnpen versehenen, schnell umlauiendenRades geschleudert wird. Und rs gescknedt dies in unserem Fall aus Grund jener Relaisftellung eben in dem Moment, wo dasa" vorbei kommt. Bei einem rascher arbeitenden Modell und die Buchstaben schabloiienartig in ben Rand einer dünnen rotierenden Scheibe ein- geschnitten, auf deren einer Tritr eine kleine Funlenstreckc ange - ordnet ist, während ans der anderen photograhisches Papier vorbei läuft. Ein im richtigen Moment überspringender Funke übermittelt danil das betreffende Zeichen.

S i l o x y d e i n n e »e s G l a Aus Frankfurt a. M., .23, März, wird gemeldet: Nach jahrelangen Versuchen ist es der hieiigen Zirkon glas Gesell ichail geluitge», zwei neue Glasarle» herzuftelle», die dem allergrößten Teinveratiir- wechsel standlstitlen ^ind selbst io fest sind, daß man sie zu Tiegeln für die (tzold »ud Silberschmelze verwenden kann. Es ist bekannt, daß Quarzglas eine hohe Widerstandsfähigkeit gegen Teniveratti,- eiiiilüffe besitzt. Tiefem Glas verlieh man »un durch Zusatz von Zirkonvtzyd und Titanorhd eine ganz erheblich höhere Ten, peraturseftigkeit und Säurebeständigkeit. Tie eine Glasart, das Z i r k o n g l a S, lann auf 1600 Grad niid die andere, das T i t a n glas, kann auf 1200 Grad erlnpt und fofort in eiskaltem Wasser abgeschrcckt werden, ohne daß ein Zerspringen zu befürchten ist. Tie Gläser-kommen unter dem Namen silvxyd in den .Handel: iie sind gegen alle Säuren, mit Ausnahme, von Schwefel säure und Fluorwasserstoif, vollständig »nempiindlich: man dürste ihnen deshalb in der Säurcindustric die weiteste Verbreitung ei» räumen. Allerdings iv,rd die Hausfrau, die sich vielleicht Zchon beim Lesen dieser Zeilen im stillen gelobt hatte, einen nicht mehr platzenden Silolbd-Lampeiizylinder zu kaufen, wohl noch einige Zeit warten müssen. Tie Gläser sind vorerst nicht sehr billig.

K u r z e N a ch r i ch l e n aus K n st u n d W i s s e - schait. Die Jury der Raimundoreisstiitung hat beschsosien, iür bie abgelaufene Zeit von vier Jahren zwei Preis; von >e 2000 Kronen zu vergeben. Tie Preise siele» Arthur Schnitzler für seinenJungen Medardus" und Rudolf Holzer iur iem Stück Gute Mütter" zu. A m u n d s e n s 0k o r d p o l i a h r l ist au! nächstes Jahr verschoben worden.

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