Nr. 63
Der «letzener Snzei-ek
erscheint täglich, außer EonntagS. - Beilagen: viermal wöchentlich SiebenerLamiliendlelter! zivemiat wöchenit.Ilreir- blatlffirbtn Kreis Aicfien iPtenslagundFreimai: SiMtmal »,anall. Landwirtschaftlich» Seilsraaen Feruiprech - Anschlüße: iär die Redaktion 112, Pcriag », Expedivo» bl Adresse lür Depeschen: Aiijciger Gieße». Annahme von Anzeigen lür die Tagesmnnmer bis vormittags S Uhr.
Erstes Blatt J64- Jahrgang
Montag, 16. März 191-
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oderhessen
Rolatfon$6rti(! und Verlag -er vrühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei 8. Lange. Rt&aftion, Lxpedition und Druckerei: Schulftrahe 7.
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Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
TagestalenScr aus den» Jahre 1814.
16. März: Bereinigung der neu gebildeten deutschen Züd- armee, der auch das hessische Kontingent angchört, unter dem Erbprinzen von dessen-Homburg bei M a? o n, nördlich von Lnon.
Die Beseitigung der Krtfis in Hessen.
Unser Darmstädtcr Mitarbeiter schreibt uns:
Tie Beratungen des Staatsvoranschlags für 1014 haben in der Zweiten Stänüekammer diesmal im allgemei-- nen viel weniger öffentliche Ausmerlsainkcit erregt, als das feit Einführung der einjährigen Bndgetpcriodcn um die Wende des Jahrhimdcrts der Fall war. Eine Jahres-- recht,ung von mehr als 86 Millionen Mark ist aber für einen der „kleineren Bundesstaaten" doch immerhin eine recht respektable Sache und ivohl des Schweißes der Edlen wert. Aber in diesen Tagen drehten sich die Tinge nicht um den baldigen ordnungsmäßigen Abschluß des all- >jährlichen Staatsbudgets, sondern die Losung des Tages ivar fast einzig und allein die Beamten- und Lehrerbesol- dung, deren allseitig erwartete, endgültige Verabschiedung vor Beginn der Haushaltsberatung noch im letzten Moment geradezu durch eine — nun sagen lvir — force majeure verhindert ivorden war. Als daher in den letzten Februar-, i tagen nach den bedenklich „kesselnden" Verhandlungen zwi- sä>en den Wortführern der drei gesetzgebenden Faktoren der Präsident der Zweiten Kammer den Beginn der Budgetberatung ohne Widerspruch auf Dienstag, den .'!. März, festsetzte, stand cs von vornherein fest, daß die allgemeine Aussprache zum Staatsvoranschlag eigentlich nur eine erneute Aussprache und Weitcrverhandluug über die Bejol dnngsrcform iverden würde. Und der Verlauf der Han»» chaltsverhandlungen hat diese Annahme auch vollauf be- -stätigt. Nicht divergierende Erörterungen über wichtige Budgetfragcn oder notwendige und zweckmäßige Ersparnisse in den Staatsausgaben, ivie sic sich angesichts des imnier langsamer marschierenden parlamcntarisck>en Ausschusses zur Vereinfachung der Staatsverwaltung mit jeden, Tage mehr aufdrängen, da die bisher erzielten positiven Ergebnisse des Ausschusses in keinem Verhältnis zu dem Vicimillionenhaushalt und dem zu seiner Verbesserung inszenierten Apparat stehen, sondern das Streben, in mehr oder weniger offenherziger Form die Stellung der verschiedenen Fraltionen zu den Tiffercnzpunkten in der Besoldnngssrage zn rechtfertigen, bildete den Kernpunkt der allgemeinen Aussprache
Und die Absicht ist wirklich erreicht worden. Tie Bc- soldungsresorin ist glücklich gerettet, die Haushaltserörtc- rungcn sprudeln fort! Daß eS gerade schön war, wie cs erreicht wurde, wird allerdings niemand behaupten wollen. .Nachdem an, Mittwoch voriger Wollte in später Abendstunde die Herren beider Finanzausschüsse und der Regierung beglückt über die endlich gelungene Verständigung sich die Hände reichten, hat ivohl niemand geahnt, daß auch, diese neuen und „allerletzten" Präliminarien nochmals eine arge Anfechtung erfahren würden. Das war aber bei den Plenarvcrhandlungen am Freitag der Fall, und .zwar besonders aus den, Grunde, nieil im Finmizausschuß noch ein
mal der Versuch „ntcruommen worden war, eine schon verlorene Position, die Besserstellung der inittlercn Beamten bei den Zentralbehörden, durch eine höhere Ortszulage zu retten. Durch die Bewilligung der vom Ausschuß beantragten Aenderungcn zu GchalkStlasse 62 und 34 würde aber die Kluft, die bisher schon zwischen den Gehalten der mittleren Beamten und denen der Lehrer bestand, noch mehr erweitert worden sein und wenn auch die bürgerlichen Parteien — besonders die städtischen Vertreter — sich gern mit dein Antrag des Finanzausschusses einverstanden erklärt hätten, so traten desto cnergisck)cr die Sozialdemokraten dagegen aus. deren Wortführer, Abg. Ulrich, rundweg versicherte, daß die inzwischen längst schwankend gewordenen Sozialdemokraten nur dann für die Bewilligung der ganzen Besoldungsvorlage stimme» könnten, wenn der neue Ausschußantrag gestrichen würde. Auch ein Redner der Natioiialliberalcn. des Bauernbundes und des Zentrums erklärte sich für die Streichung dieses Antrags, und da dieser dann auch mit erdrückender Mehrheit abgelehnt wurde, so erlebte die Zweite Kammer das höchst seltene Schauspiel, daß R a t i o n a l l i b e r a l c, Zentrum und Sozialdemokraten geschlossen für die Annahme der Ausschußkompromißanträge über die Lehrerbcsoldung cintraten, während von der fortschrittlichen Volkspartei die Hälfte, von der Fraktion des Bauernbundes die überwiegende Mehrheit gegen das endliche Zustandekommen der Vorlage stimmten.
Die Aussichten für die Annahnie des Ausschußkompro- misses waren unmittelbar vor der Schlußverhandlung noch besonders dadurch aus äußerste gefährdet worden, daß neben der .Hälfte der freisinnigen Abgeordneten auch die große Mehrheit der Fraktion der Bauernbund-, I e r einfach versagte. Einer der Führer, Abgeordneter Brauer, gab vor der Abstimmung die Erklärung ab, daß die am >:!. Juni 1918 beschlossenen „Richtlinie n" durch die Anträge des Finanzausschusses nicht erfüllt wurden und daher die Mehrheit der Fraktion „leider" nicht in der Lage sei, der Besoldungsvorlage zuzustimmen. Ob-, wohl ein derartiger Umfall seitens vieler Bauernbündler längst erwartet worden war, löste er doch schon angesichts der lakonischen Kürze seiner Begründung allgemeines Erstaunen ans. Aber vielleicht ist es gerade diesem Umstand init zuzuschreibvn, daß darnach sowohl die Nationalliberalen, wie das Zentrum, bei denen man vorher manchen unsicheren Kantonisten namhaft machte, geschlossen für den Lehrerbesoldungskompromiß des Ausschusses eintratcu und diesem damit mit 42 gegen nur lZStimmen zum Siege verhalseu. Die Abänderungsbeschlüsse der 2. Kammer werden nun am nächsten Tienslaq noch in der 1 . Kammer zur Behandlung kommen und noch zwischen beiden zu einigen Erörterungen Veranlassung geben, die aber mehr redaktioneller Art sind und sich aus der Notwendigkeit der seither gefaßten Beschlüsse ergaben. An den jetzt vorliegenden Endergebnissen der Beratungen über die Besoldungsreform ivird dadurch nichts mehr geändert werden. Es ist ein vorzugs- weiscs Verdienst des Finanzausschusses der Zweiten Kammer und vor allem des rastlosen Bemühens seines Vorsitzenden Tr. Osann, der darin von den Abg. Mvlthan und Henrich, ivie auch vom Abg. Tr. Weber eisrigst unterstützt wurde, daß dies bcsricbigeude Ergebnis nun endlich doch noch glücklich erreicht ivorden ist. Aus weitere Einzel
heiten und auf die mancherlei Lehren, die sich aus dem ganzen Verlauf der unendlich mühseligen Bcsolduugsrc» sorm-Berhandlungcii für die Zukunft ergeben, wird später noch ausführlicher zurückznkommen sein.
Der serbisch-türkiiche zrieüensvertrag.
ist jetzt endlich unterzeichnet Ivorden. Das türkische Presse- bureau veröffentlicht den Text des Vertrages:
Art. l bestimmt: Tie beiden Teile betrachte» de» Londoner Fricdensvertraa als ratifiziert. Tic früheren Verträge Iverden wieder in Kraft gesetzt und die diplomatischen Kvnsularbczichnngcn unverzüglich wicherhergcstellt.
Art. 2 betrifft den Austausch der Kriegsgefangenen und lautet analog de» Bestimmungen des türkisch-bulgarischen und des türkisch griechischen Friedensvcrtragcs.
Art. 3 enthält Bestimmungen über den Straferlaß.
■ Art. 4 regelt die Frage der Staatsangehörigkeit und bestimmt: Tie s» den an Serbien abgetretenen Gebieten wvdnhastcn Personen werden das Recht haben, innerhalb dreier Jahre iür die türkische Nationalität zn optieren. Tie von dort aebürtigen und im Ausland wohnhaiten Personen werden das Recht haben, für die serbische Rationalität zu optieren, in welchem Falle sie nicht mehr nach der Türkei zurückkehren können. Tic Muselmanen werden während der Optionsfrist nicht zum Militärdienst herangezogcn und keine Miliiärtaxe zahlen.
Art. !>: Tic G r u n d e i g e II t n m s r c ch t c von Privatpersonen, die vor der Okkupation erworben wurden, werden respektiert.
Art. 6 : Tie Privatgüter des Sultans und der Mitglieder der Ottomanischen Thnastic werden rcspeltiert. Alle Streitsragcn werden dem Haager Schiedsgerichte unterbreitet.
Art. 7: Die W a k u ss werden respektiert und nach dem Scheriat-Ecsctz von den betressenden muselmanischen Rcligionsgc- melndcn verwaltet. Die Wakuszehnten werden ansgehoben. Die serbische Regierung wird denjenigen Institutionen, die infolgedessen keine genügenden Einkünfte haben, Subventionen gewähren.
Art. 8 : Tie serbische Regierung erkennt den serbischen Untertanen muselmanischer Religion in den abgetretenen Gebieten die a l e i ch e n büraerlichen und politischen Rechte, wie den übrigen Serben zn. Sie iverden Freiheit ihrer Kultusübnngen genießen Tie Ernennung des Obcrmuftis findet nach den Bestimmungen des griechisch-türkischen Vertrages statt. Tic von Müslis gefällten Urteile werden durch die kompetenten serbischen Behörden in Vollzug gesetzt.
Art. 9: Tie muselmanischen Privat schulen werden anerkannt.
Art. 10: Das Grabmal Mnrads ans dem Amselseldc wird erhalten und respektiert
Art. ll: Ta die königlich serbische Regierung bezüglich der Gesellschaft der Orientbnhncn und der Bah» Taloni? Monastic für die Teile, die in dem an Serbien abgetretenen Gebiete gelegen lind, in die Rechte, Lasten und Verpflichtungen der Ottomanischen Regierung tritt, werden alle betreffenden Fragen der Pariser Finanzkommissson übertragen.
Hccr «nv Flotte.
Bremen, 15. März. Heute morgen traf der Kreuzer „Bremen" hier ein, um nach langjähriger Abwesenheit int Auslände zuerst seine Patenstadt zu besuchen. Ter Kreuzer wurde bei seiner Aukuuft vom Marincmilitärperciu, der sich im Hafen II ausgestellt hatte, begrüßt. Gegen ll 1 /., Uhr stattete der Kommandant, Fregattenkapitän Sce- b o h m, dem Präsidenten des Senats, Bürgermeister Stadtländcr, einen ofsizicilen Besuch ab, den dieser nachmittags auf der: „Brenien" erwiderte.
3u der Aufführung von Ibsens Zamiliendrüma „Gespenster".
Betrachtet man Ibsens dramatische Werke, das Ergebnis einer fünszigjährigen dichterischen Tätigkeit, vom ersten bis zum letzten, so zeigt cs sich, daß ihnen allen eines gemeinsam ist: die Darstellung der menschlichen 2 c l b st su ch t. Er hat sie, da ohne ^elbstcrlennt ins keine Menschenkenntnis möglich ist, nicht nur in der Außenwelt, sondern auch mit dein so seltenen Mute des gegen sich selbst unerbittlichen Richters in den Wirklichkeiten wie in den Möglich keilen seines eigenen Innern auigeiucht mrs untersucht. Von Anfang an stand cs für ihn fest: sic ist des Menschen böser Geist, sein seelischer Tod: oder wie cs Kant in seinem Büchlein über die Religio» ausdrückt: sie ist, als Prinzip aller unserer Maximen nngenommen. gerade die Oucllc alles Bösen. Dem Kamvs wider ihre lebenzcrstörcnde Macht widmete Ibsen seine Lebensanigabe, I und seine Kunst schmiedete ihm die Waffen zu diesem Streit. Dem Dichter, der in seiner Kindheit durch die Schule eines strengen EhristcntumS gegangen ivar, in dessen Adern vuritanisches Blut floß, ward schon irühc das Auge auigcian iür die Schwächen und Sünden der Menschheit. Wohin er auch blickte, erschaute er die > schlimme Saat der Selbstsucht: Lüge und Selbstbetrug, Feigheit ! und Heuchelei, Selbstüberhebung und lliisreiheit, den törichte» Glauben, sein Böses nicht sehen zu ivollen oder es sich nicht cin- | zugestchcn. heiße, es auihcbeu. Tie menschliche Gesellilltaft er 1 schien ihm darum als eine Weit wesenloser Sckwttcn, gespenstiger Schemen, die nur scheinbar leben, die, in seiner Sprache zu reden, längst tot sind vor ihrem Tod. Zum wahren Leben führt aber nur ein Weg: Erkenne und überwinde dich selbst: werde oadurch du selbst: schasse dich io zu einer Persönlichkeit um! Tas ist die Wiedergeburt, oder wie Ibsen es lieber bezeichnet, die Umwandlung, die allen notlnt. Tupät sie allein wird dieZMallit der Vergeltung auigehoben. In seinem weltgeschichtliche» Schauspiel „Kaiser und Galiläer" iindel sich das geheimnisvolle Wort Julians: „Tie Nemesis webte vor dem Galiläer dahin gleich einem Schatten". Indem Christus die Selbstüberwindung lehrt, weist er uns aut ocn | Weg, die Sünde auszutilgcn und so der Vergeitnng zu entgehen. Webe dem, der sich nicht zur rechte» Zeit befreit ’ Er verfällt der furchtbar strafende,I Hand der Nemesis. Tas ist der Sin» von Ibsens Trama „Gespenster". 11881 in Sorrent gedichtet.) Tie zahlreichen Einwände, die der Schluft seines Schauspiels „E i n Vuppenheim" (1879 > heivorgcruscn hatte, vermachten ihn dazu, als eine Antwort daraus in seinem nächsten Werke die Schrecken des rächenden Schicksals in den grellsten Farben zu schildern. Tie . Heldin der „Gespenster", Frau Aloing, hat sich einst, unfähig, sich selbst zu bestimmen, fremdem Track nachgebend, gleich einer Sache dem ungeliebten Mann oerkanit. Als dieser ibrc Ehe durch einen ausschweifenden Lebenswandel befleckt, verläßt sie ihn — aus einem triftigeren Grunde also wie Nora. Dann läßt sic sich aber von dem Pastor Mandcrs, dem Vertreter von Gesetz und
Ordnung, dazu bewegen, in das besudelte Heini znrückzukchren. Danach wird sie die Mutter eines Sohnes: und dieses Kind eines zerrütteten Vaters bringt den Keim künstigcn Siechtums mir aus die Welt. Wie -der Mut zur Freiheit, so mangelt ihr auch die Krast der Wahrheit, »m den Schein zu retten, verdeckt sie den Abgrund ihrer unglücklichen Ehe und errichtet ein Lügengebäude, um die Schande zn vertuschen. Aach des Gatten Tod hat sie ihm, »m alle Gerüchte niederzuschlagen, als Ehrenmal ein Äinderheinr gebaut. Bon dem Gelde. dos ihn einmal zu einer guten Partie machte, und sic bildet sich ein, damit einen Teil ihrer Schultz beglichen zrr haben. Zugleich will sie auch nicht, daß die Summe, iür die sie sich verkaufte, in ihres Sohnes Hände übergeht. Alles toll er von ihr empfangen, nichts von detii Vater erben. Tie Verblendete bat aber nicht damit gerechnet, daß der Vater in den, Sohne gesvcnstig und doch leibhaitig wcitcrlebt, dast der Fluch, den sic verschuldet, durch ihre Mackeuillnften nicht auizuläsen ist. Ta wir sic lenncn lernen, ist sie jedoch nicht mehr dieselbe ivie früher. Tenn sie hat sich von den ihr einst aufgezwungenen überlieferten Anschauungen zn befreien begonnen: sic bcllagt setzt ihre Feigheit und Ilnwahrhaitigkeit, sa sie gebt nun in der Freiheit ihrer Meinungen bis an die äußerste Grenze. Aber cs ist doch nur eine Acndcrung ihrer AnslckNcn erngeireicn, keine wahrhafte Umwandlung ihres Wesens. Wer hierzu nicht die Kraft findet, wird von senen unheimlichen Schicksalsgewalten abhängig, und sein, selbst seiner Nachkonimen Leben wird von ihnen bestimmt.
Ein iurchtbarcs Strafgericht ist es, das zum Schlüsse über Frau Aloing als die Hauptschuldige ergeht. Nachdem ivie üblich bei Ibsen durch eine Reihe von Geständnissen Licht in die künstlich verdunkelten Verhältnisse gebracht ist, muß sic, zu spät und darum zu ihrem Entsetzen sehend geworden, den grauenvollen Zusammenbruch des vergebens behütete» Sohnes erschauen. In die Tragik seines Stückes mischt der Dichter aber noch bitteren Spott und schneidenden Hohn..
Tie nicht den Mut zur Freiheit und Wahrheit haben, geraten hier nicht mir in die beschämende Gcmciiischait mit dem Vertreter der niedrigsten Selbstsucht, dem verschmitzte» und scheinhciiigen Tischler Engstrand: sie werden sogar zu seinem Werkzeug und Spielzeug: und er ist cs, der an, Ende den Vorteil hat von Frau Alvings mißglückten, Versuche, mit ihres Gatten Geld ihre Sünden wic-ee gut ,u machen. Vor allem ist cs der Pastor R anders der sich von diesem plebejischen Tartuss ,um Narren halten läßt' Er entdehrt noch mehr wie Frau Aiving der Persönlichkeit: seelisch unentwickelt geblieben, ist er bei aller Gutmütigkeit stets aus sich bedacht, immer voll Angst vor der öffentlichen Meinung und aus der Hut, daß er nicht etwa in eine peinliche Lage gerate. Bon niedrigster Selbstsucht ist dagegen Engstrand-s angebliche Tochter, die lebcnsgierigc R e g i ne, erfüllt.
Ein düsteres Bitd ist es. das der Tichtcr hier gemalt: trüb wie der Regentag, an dem dos Stück spielt, und das Licht, das hincinsällt, zerstört oder beleuchtet Zerstörtes. Freilich möchte
Ibsen, daß wir hinter dieser Welt, die er i» Trümmer geschlagen, lenes gelobte Land des persönlichen Lebens sähen, dann allein Freiheit und Wahrheit, Glück und Freude gedeihen können. Tas Werk wirkte jedoch anders, wie er crivnrtet hatte. In seiner Heimat erhob t'idi ein Sturm der Entrüstung, u. eine Flut van Schmähungen ergoß sich über ihn. Norwegens Theater wagten cs nicht, dos Stück auszusühren, ja man fürchtete sich, das Buch zu lausen. In Deutschland wurde» die „Gespenster" zuerst in Augsburg, am 14. April 1886, vor eingeladcnen Zuschauern gegeben, und am 22. Dezember 1886 ließ sic der Herzog von Meiningen in seinem Hosthcatcr, cbensalls vor besonders geladenen Gästen, spielen. Eine von den Meiningern geplante öiscntliche Auiiührnng in Berlin wurde verboten: für eine einmalige Vorstellung an einem Sonntag — es war der 9. Januar 1887 — wurde das Werk dann dem Rcsidenztheater sreigcgcben. Tamals erklärte ein über- eiiriger Anhänger des nordischen Dichters: „Heute bricht iür die deutsche Literatur eine neue Epoche an": und Otto Brahm meinte später, bei dieser Gelegenheit sei die Pforte zur deutschen Moderne euigegangen. Am 29. September 1889 cröiinete die „Freie Bühne", die zu dem Zwecke gegründet war, dieser neuen Kunst eine Stätte zu schaiien, ihre Wirksamkeit mit einer Ausführung der „Gespenster". Tas nächste Stück ivar H a u p t ni a n n s „Vor Sonnenaufgang", womit (am 20. Olt. 1889: der deutsche Naturalismus zum erstenmal die Bühne bcschritt. Es dauerte aber dann noch mehrere Jahre, bis das Verbot der „Gespenster" auigehoben wurde. Heute steht man der vielgcsch,nähten Dichtung nnbesangcner gegenüber. Sie vermag jetzt eher im Sinne ihres Schöpfers zu wirken, oder man wird wenigstens nun deutlicher erkennen, „ms diese drgmatiichc Büßpredigt ivirken tollte. Tas Miterleben eine» furchtbaren Schicksals müßte mit solch ungebcuerem Track aus unserer Seele lasten, dost dadurch die zähe Schale der Selbstsucht zersprengt würde und sich io dos bessere Ich in Freiheit und Eigenheit entfalten könnte. I. Collin.
— Kurze Nachrichten au S ' K u n st und W i s se lisch» ft. Ludwia Hellers Lustspiel „Fanfare" erzielte im Münchener S ch a u s p i e l h a u s c einen lebbaften Hcitcrkcfts- ersolg. — Tas dreiaktige Schauspiel „Der Erbe" des Engläü- dcrs John Galswortftps fand in der Ucbersctzung L Leonhards bei seiner Uraufsührung rm Le i v z i g c r A l t e n T h e a t c r unbestrittenen Beifall. — „Zeitwende", das neue fümaktige Trama Eulcnbcrgs, dessen vierter Akt sonst gestrichen war wurde im Leipziger Schauspielhaus zum erstenmal ungekürzt aui- gesührt. Tie Wirkung war tiefgehend und die topiere Sckiar des Leipziger Schauspielhauses, die schon in mehreren heißen Schlachten ihre Kräfte in den Tienst der Eulcnbergichen Kunst gestellt, konnte, trotz des Wchcrsoruckis einer kleinen Menge, einen starken und ehrlichen Beifall cntgcgennehmcn.


