Ausgabe 
10.3.1914
 
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Nr. 58

Lrfcheinl 11(1)4 mit Nurnahm- beS Sonnt»,r.

Die«itfcmtr z»»>li«ndlttt«r" werden dem ,Nr.je>,er' viermal wöchentlich beigelegt, das Xrmblatt für den Kreit «ietzen" zweimal wöchentlich. Die!«»d«irllchastlichen Seit

stege," erscheinen monatlich zweimal.

164. Jahrgang

Dienstag, 16. März 1614

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Vberhesfen

Rotationsdruck und Verlag der Brühllchen UnwersiialS - Buch- und Slemdruckereu R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e-eS ül. Redaktion: 12. Tel.-2ldr.:Nnze,gcrEießen.

Mb. Deutscher Reichstag.

331 . Sitzung. Montag, den g. März.

Am Tische des Snuücsrats: Dr. Sols.

Präsident Dr. Kaemps eröffnet die Sitzung um 2 Uhr

wahlprüfungea.

Dir Kommission beantragt, die Wahl dcS Abg. Frommer i(Äonf., Heiligenbeil-Pr.-Eylau) für gültig zu erklären.

Abg. Dr. Neumann.Hvser (Vp.)

widerspricht. Es ist ein Novum, das; man auf Beweiserhebungen verzichten will, weil sic wahrscheinlich am Resultat der Wahl nichts ändern würden. Tann hat inan Stimmen, die auf nicht einwandsfreie Weise zustande kamen, ganz entgegen der bis­herigen Praxis nicht dem siegenden, sondern dem unterlegenen Kandidaten abgezogen. Wir verlangen BetvciScrhcbungen.

Abg- Schmidt-Meißen (Soz.):

alle Wahlen aus b c m Ostcn mutzten sorgfältig gc- »cusc werden. (Sehr richtig! links.) Auch die vorliegende Wahl ist «ine typisch ostelbischc Wahl. Wir sind für Klärung der Sach, lag»,

Die Wahl wird für gültig erklärt, ebenso die Wahlen der Abgg. Dr. v. Heydebrand (Kons.), Mertin (Rp.) und R o t h e r (Kons.). A n g c n o m in c n wird dabei ein Antrag, die zuständigen Behörden anzuwcisen, bei Bestimmung der Wahllokale Vorkehrungen zu treffen, die eine partei­ische Handhabung des Ha uS rechts seitens des Be- fitzcrs des Wahllokals auSschlietzcii.

Ueber die Wahlen der Abgg. v. Wiiiterfeldt (Kons.) und Glowatzki (Ztr.) werden Beweiserhebungen beschlossen.

2er Kolonialetak.

(Zweiter Tag.)

Abg. v. Böhlendorff-Külpin (Kons.):

Es ist sehr erfreulich, daß in den kolonialen Eisenbahnfragen die bürgerlichen Parteien einig sind. Die Fortschritte in den Kolonien sind unverkennbar. Wir haben uns von jeher energisch für eure kräftige Kolonialpolitik eingesetzt, weil wir gute LcbenS- bedingen für dre Arbeiterschaft fcfjaffeil und die deutsche Steuer­kraft heben »vollen. Die Kolonien sollen die Absatzgebiete für die heimischen Produkte werden. Leider fehlt es an Arbeitern. Daran ist nicht etwa schlechte Behandlung der Eingeborenen schuld.^ Es sind ganz naturgemäße Gründe, die vornehmlich in oer Psyche des Negers liegen. Er hat einen Hang zur Ar­beitslosigkeit. Wir danken der Verwaltung, daß sic für Ruhe und Frieden in den Schutzgebieten gesorgt hat. Die Ar­beiterverordnung hat sich bewährt und ist human. Ohne sein Einverständnis wird kein Eingeborener zur Arbeit gezwungen. Er genießt Rechtsschutz und wird vor dein Distriktskommissar ver­treten. Ohne die Plantagen und die Belehrung, die sie gewähren, würde die Eingeborcnenkultur sich nicht heben. Liberia ist nichts als eine Kulisse am Meere. Wenn der Gouverneur von Ost- 'vsrrka die vollständige Abschaffung der Haussklaverei bis 1920 kür ausgeschlossen erklärt, so sollen wir uüs freuen, daß er unL oie Wahrheit sagt. Der Baumwollbau hat nicht den vor einem Jahr erwarteten Erfolg gehabt. Der Kautschukbau leidet unter den ungünstigen Arbeiterverhältnissen. , Dagegen hat der Tabakbau, namentlich in Kamerun, gute Fortschritte gemacht.

Niemand eignet sich so gut für den Tropendicnst wie ein menschenfreundlicher Mediziner. Wünschenswert ist eine Pro­fessur für die Pathologie der Tropcnkrankheiten. Der Streit Mischen den Missionen muß die Eingeborenen verwirren. Ihr Tätigkeitsfeld muß gegenseitig abgegrcnzt werden. DaS Parla. ment braucht praktische Kenntnis der Kolonien. Ihr Wunsch, sich selbst zu verwalten, ist berechtigt. Mit Hebung der Kolonien wer­den auch die Eingeborenen gehoben, moralisch und materiell. Des­halb heißt eS, Verkehrswege zu erschließen und auszubauen. Leuten, die bei uns keine Arbeit finden, sollen die Kolonien offen stehen.

Abg. von Morawfki (Pole):

Die HauSsklaverci sollte sofort abgcschafft werden.

Staatssekretär des Reichskolonialamts Dr. Sols:

Bei meinen letzten Inspektionsreisen durch unsere Kolonien ist mir klar geworden, daß wir sie in zwei verschiedene Klassen scheiden müssen: tropische und B e s i e d l u n g s k o l o n, e n. Zu den letzteren gehört zunächst nur Südwestafrika. Zweifelhaft bin ich mir. ob man vielleicht als Unterabteilung dieser Klasse noch die Insel Samoa rechnen köniitc. die ja an sich tropisch ist, aber dank der ozeanischen Lage ein milderes Klima hat und den Weitzcn in den höher gelegenen Gebieten Erholungsstationen die- tet. Freilich möchte ich aber auch den tropischen Kolonien nicht jede Siedlungsfähigkcit absprcchen. Daß die tropischen Kolonien in den Niederungen und Küstenstrichen von Europäern nicht be-1 siedelt Werder, können, darin sind wohl auch die Siedlungsfreundc einig. Die Frage ist nur. ob mau etwa die Hochplateaus in Kamerun undOstafrika besiedeln kann. Ich halte das für möglich unter bestimmten Voraussetzungen. Zunächst müßte für diese an sich wasserarmen Hochländer unter Mitwirkung der Regierung Wasser erschlossen werden. Zweitens müßten die Inter­essen der Eingeborenen abgewogen werden gegenüber den Inter­essen der Ansiedler.

Drittens müßten die Farmen vor der Besiedlung bemessen werden. Viertens wüßten dic>e Hochplateaus an daS Verkehrsnetz der Kolonien und damit an den großen überseeischen Verkehr für den Welthandel angeglicdcrt werden. Erst wenn diese Bedingun­gen erfüllt sind, könnte ich mich aus den Standpunkt der Sied- lungssreunde stellen und sagen: K o m m t h c r c i n , d e r T i s ch ist gedeckt! Aber ich bin ein zu freundlicher Wirt, um Leute zu laden, ohne ihnen einen gedeckten Tisch bieten zu können. Da­bei möchte ich noch erlvähnen, daß ich nur unter den genannten Einschränkungen die Kolonien für geeignet halte, den Ueberschus; unserer Bevölkerung aufzunehmen, sobald nachgetviescn ist, daß ein solcher Ueberschuß der Bevölkerung existiert und daß deshalb eine dira neccssius zu Aufiedlungen vorliegt. (Sehr richtig! links.) Pionieren, die auf eigene Faust sich in den Kolonien an- fiedeln wollen, will die Regierung, ohne diese Herren zu ermuti­gen, freundlich cntgcgenkommen. Jedenfalls bitte ick in dieser außerordentlich wichtigen Frage konform mit der Verwaltung zu gehe!,. Das liegt im Interesse des deutschen Volkes, sannt nicht falsche Hoffnungen erweckt werden

Für Süd westafrika, das sich »a allmählich glücklich weiter entwickelt, ist die wichtigste Aufgabe die Wassererschließung. Davon hängt cs ab, in welchem Umfange Südwest für uns eine lutt Kolonie werden wir!» Natürlich können die Ausgaben da­

für nicht von Sen Farmern allein geleistet werden. Dazu mutz die Regierung mit den verfügbaren Fonds eintrcten. Die Land­wirtschaftliche Bank für Süowcstasrika leistet auf diesem Gebiet bereits Ersprießliches, und ich bitte bei dieser Gelegenheit, den Nachtragsetat, der die Kommission ja noch nicht beschäftigt hat, dem Hause warm ans Herz legen zu dürfen. I nr Ausbau d e^ S e l b st v c r to a l t u ii g siiid bereits Fortschritte gemacht. Wir haben dem LandcSrat wichtige Materien zur Beschlußfassung überwiesen. (Zustimmung.) Den Ans gaben des SanitätS- wescns wenden wir in erhöhten! Maße unsere Aufmerksamkeit zu. Ich gebe ohne weiteres zu, daß für das Sanitätswcscn in den Kolonien noch nicht viel geschehen ist, aber immerhin haben sich die Ausgaben von 2 Millionen im Jahre 1909 aus (3 Millionen im Jahre 1914 gesteigert.

Deutsch-O st asrika ist mir aus eigener Anschauung be­kannt, und ich habe cS jetzt nach 1b Jahren wiedergesehen. Ich war selten in meinem Leben so freudig überrascht, als ich die blühende Entwicklung und den Unterschied zwischen Daressalam und der Kolonie von damals und jetzt sah. Auch der Handel ist in erfreulichem Aufschwung begriffen. Unsere Hauptaufgabe wird der Ausbau des Bahnnctzcs sein. Dieser soll die fern- gelegenen Landschaften an den Außenhandel anschließen. Ich habe den erfreulichen Eindruck gehabt, daß im Durchschnitt die Produktion sich gehoben hat mit Ausnahme vielleicht der Gummi- plantagcn. So die «isalkulturcn und die Kaffccpslanzungen am Kilcmandscharo und am Reru.

Nun Kamerun! Man soll nicht prophezeien, aber eS ist nicht vermessen, und ich kann cS mit gutem Gewissen sagen, daß Kamerun eine unserer besten und am b e st e n zahlenden Kolonien werden wird. Das ist keine Prophezeiung, denn ich war in der glücklichen Lage, die Zukunft Kameruns in dem benachbarten Nigeria zu sehen. Die Ver­hältnisse in beiden Kolonien sind gleich. Nigeria ist etwas größer und hat erheblich mehr Einwohner, aber die Konfiguration deS Landes ähnelt der von Kamerun. Es ist gerade so fruchtbar, und ich möchte fast annchmen, daß für die Kultur der Oelpalme Kamerun mit seinen höheren Niederschlägen und seiner Urwalü- zone noch besser ist als Nigeria. Und dieses hat in den letzten Jahren eine Oelpalmenaussuhr von 80 Millionen gehabt. Die Prophezeiung für Kamerun ist also keine Vermessen- heit, sondern beruht auf einem berechtigten Vergleich. _ Wir werden aber Kamerun mit einem Male von der langsamen Entwicklung, in der cS sich befindet, zu einem schnellen Aufblühen bringen, wenn wir uns entschließen können, die Bahn von Süden nach Norden zu bauen.

Ich meine nicht den Ausbau der schon jetzt bestehenden Nord- l-ahn genannten Bahn, sondern den Anschluß des Norden bis zum Tschadsee an das vorhandene System. Leider bin ich oben ani Tschadsec nicht gewesen, wie ich gerii gewünscht hätte, »veil daö eine Zeit von fünf Wochen erfordert hätte. Ich habe aber die­selben Völker, die dort oben ihre alte Kultur gezeigt haben, in Nigeria gesehen, und das hat n,ir den Mut gegeben, ohne ängst­lich zu erwägen. Ihnen den Bahnbau nach dem Norden vorzu­schlagen. Wir werden erzielen, was Nigeria mit der großen Voraussicht der Engländer für koloniale Ent. Wickelung erreicht hat. Die Hauptfrucht Kameruns ist die Oelpalme, und ich möchte hier ein Wort der Ansiedler zitieren: Unser Land ist so fruchtbar, daß, wenn wir einen Spazierstock in die Erde stecken, eine Palme hcrauswächst!" (Gr. Heiterkeit!) Das ist symbolisch für die Hosfnungsfreudigkeit der Ansiedler und das ist gut, ein Pessimist soll nicht in die Kolonien gehen. (Zustimmung Zuruf bei den Soz.: Verkaufen Sie sie doch!) Zu verkaufen sind die Kolonien nicht, sie sind von mir nicht zu haben! (Heiterkeit!)

Ich komme nunmehr zu unserem Mustcrländlc in den Kolonien, zu Togo. Wir werden es hoffentlich bald zu einem wirklichen Musterland machen. (Heiterkeit!) Wir wer­den auch für Togo dasselbe tun, was wir für Kamerun vor­geschlagen haben und möglichst schnell Bahnen bauen. (Unruhe bei den Soz.) Sic werden auch noch mal den Bahnbau mitmachcn. (Heiterkeit!) Ich habe mich fest davon berzeugt. daß wir auch für Togo Bahnen brauchen. Wir haben auch ,m Innern Kulturen angelegt, in Misahöhe z. B. Eingeborenenkulturen von Kakao. Ich habe die Idee des Gouverneurs von Togo freudig begrüßt, daß er einen unserer landwirtschaftlichen Sachverständigen mit einem weiter fortgeschrittenen Eingeborenen nach der Goldküstc schicken will, um oort die Eingcborcnenkulturcn zu besuchen. Und ich bin überzeugt, daß das frcundnachbarliche Verhältnis der beiden Gouverneure diesen Schritt sehr erleichtern wird. (Beifall.) Tie Bahn, die augenblicklich in Togo von den meisten Ansiedlerri gewünscht wird, ist die Anechobahn. Diese bleibt aber immer nur eine Bezirksbahn. Ebenso loirb die Bahn, die der Bezirks­amtmann von Misahöhe vorschlägt, mehr oder weniger nur eine Bezirksbahn bleiben. Ich bin deshalb nicht in der Lage, darüber Vorentwürfe zu machen.

Ueber die Eisenbahnpolitik in unseren Kolo n i e n im allgemeinen habe ich bereits voriges Jahr gesagt, daß das bestehende Verkehrsnetz noch bei weitem nicht so ausgebaut ist, wie cs wünschenswert wäre. Wir brauchen noch Bahnen, werden uns aber vorsichtig innerhalb des Rahmens unserer Finanzkraft halten. Daher müssen natürlich gelegentlich Pausen eintrcten wie voraussichtlich in oem Fall, wenn Sic die Uganda­bahn in Ostafrika bewilligt haben werden. Diese Pausen sollen aber nimmer mehr einen Stillstand bedeuten. Sic sollen nicht in eine dauernde Untätigkeit des Bahnbaucs ausarten. Der Ab­geordnete Keinath hat bei Besprechung der Ostafrikabahn vor- geschlagen, die Regierung möchte dort und auch in den anderen Kolonien ein einheitliches Bahnnetz errichten, derart, daß alle künftigen Bahnen an die Hauptbahn, hier also die Tankanjikcn bahn angegliedcrt werden. Ueber diese Frage habe, mich in den englischen Schutzgebieten mit englischen Technikern unterhalten uird sic sind alle der Meinung, daß cs für eine jiingc Kolonie, die noch nicht erschlossen ist, die beste Eiscnbahnpolitik ist. an eine große Eisenbahn die anderen Verkehrszweige anzuschlicßen. Ich möchte mich aber nicht auf ein System festlegen. Wir können gerade in Ostafrika in die Lage kommen, erst die Nordbahn sertig- zustellen oder eine Südbahn oder irgendwo eine andere Bahn auszubaucn, die nicht gerade in das System der Tankanjika hineinpatzt.

Wir wollen be, jeder Bahn von Fall zu Fall die Rentabilität und Trassesührung berechnen. Denjenigen Rednern, die die Tanganjikabahn als ein Denkmal deutscher Technik begrüßt haben, mochte ich den herzlichsten Dank der Kolonialverwaltung aussprechen. Aber ich habe bereits vor zwei Jahren, als ich den Entlvur. der Bahn vorlcgtc, gesagt, der Verfasser des Ent­wurf» und der Begründer der Bahn ist mein Amtsvor. gänger von Lindequrst und «it ihm Herr von Rechevberg. Mein Anteil ist nur. daß ich nnLt« unversucht gelassen bade, d»es«» kraft»»üc Kulturwe,' mogilchtz schnell M vollenden. (Leb­

hafter Beifall.) ES ist so schnell vollendet worden, wie noch niemals vorher eine Kolonialbahn abgeschlossen ist. Nach der Vorlage sollte die Bahn bis Tabora bis zu», 1. Juli 1014 fertig sein, und jetzt, wo wir noch nicht den 1. Juli 1914 haben, ist bereits die ganze Eisenbahn fertig geworden. (Lebhafter Beifall.) DaS ist eine Differenz von 14 Monaten! (Wiederholter lebhafter Beifall.)

Den vom Abg. v. Pöhlendorff gewünschten Ausbau bei Hafens von Daressalam halten auch wir für notwendig schon im Interesse der Tanganjikabahn. Der Vorcntwurs liegt schon vor. Ich bin mit dem Abg. v. Pöhlcndorff auch darin einig, daß Kamerun das ideale Land für Forstkultur ist. Die Forstvcrivaltung muß sich aber doch darauf beschränken, die Forsten zu erhalten und nicht auözubeutcn. WeliN in Europa der Holzbedarf noch schwerer gedeckt werden kann wie daS jetzt schon der Fall ist, wenn die Preise bis zu einer Höhe gestiegen sind, daß daS Kolonialholz konkurrieren kann, dann ist es Zeit, an die Ausbeutung unserer reichen Bestände in den Kolonien zu gehen. Andere Nationen gehen ja minder vorsichtig vor, aber der Deutsche steht doch in der Forstverwaltung allen anderen Nationen voran. (Beifall.) Was die Entwicklung des Handels in den Kolonien betrifft, so stimme ich den sehr interessanten Ausführungen des Abg. Gothcin darin zu, daß wir zu Vergleichen nicht absolute, sondern relative Zahlen heran- ziehcn müssen. Bei einem solchen Vergleich ergibt sich, daß kein Land in der ganzen Welt seine Handelsbeziehungen zum Mutter- land derart gesteigert hat, wie unsere gesamten Kolonien zu Deutschland.

Diese Steigerung ist gerade dadurch möglich geworden, daß »vir keine Differenzierung im Zvllwescn gemacht haben. Eine solche Differenzierung ist auch unmöglich, »veil sie »ins in Äon- flikt bringen würde mit anderen Nationen. Den Eingcborencn- kulturen stehe ich durchaus sympathisch gegenüber und ich werde »vettere Maßnahmen treffen, um ihre Entwicklung zu heben. Aber gerade im humanitären und wirtschaftlichen Interesse für die Eingeborenen muß ich auch für den Plantagcnbau der Europäer sein. Der deutsche Plantagenbau muß den Eingeborenen die Methode zeigen. Die deutsche Landwirtschaft mit ihren jahrhundertelangen Erfahrungen muß die Lehrmeisterin auch der tropischen Landwirtschaft sein. (Beifall.) DaS kann nur geschehen ourck den Plantagenbau. Deshalb kann ich auch die sozialdemokratische Resolution auf Verbot des Plantagen- bauS nicht annehmen, eher kann ich mich mit der Resolution ein­verstanden erklären, die Plantagen nur soweit zuzulassen, als die Interessen der Eingeborenen dadurch nicht geschädigt werden.

Von besonderem Interesse ist d'ie Arbeiter» und Ein­geborenenpolitik. Vor wenigen Monaten ist für Ost­afrika die neue Arbeitsordnung ergangen, und ich möchte zitieren, was derVorlvärts" dazu sagt. Ich zitiere nicht dieSozia- listischen Monatshefte", denn das erregt ja immer Unwillen bei den Herren Sozialdemokraten. (Lebhafte Heiterkeit.) Der un­angefochteneVorwärts" sagt also, daß die neuen Bestimmungen, tvcnn man sie mit gleichartigen Bestimmungen anderer Kolonien vergleicht, keineswegs inhuman sind. (Hört! Hört! rechts.) Und »veiter: Formell ist es eine gute Verordnung. (Zuruf b. d. Soz.: Ja, aber nur formell!) Die Regierung steht natürlich nicht hinter jedem Paragraphen des Gesetzes. Sie kann nicht verhindern, daß in einem zweimal so großen Land wie Deutschland gelegentlich Fehler gemacht werden, weil nicht genügend Beamte vorhanden sind. Aber Sie sehen doch, welchen Weg die Regierung gehen will. Die deutsche Regierung sucht ihren Stolz darin, den lv i r t s ch a f t l i ch Schwachen in den Kolonien z u helfe n. Wir haben eine zehnstündige Arbeitszeit angcordnct, Verpflegung für Krankenfürsorgc, eigene Spitäler aus größere» Pflanzungen usw.

Aus der Denkschrift ist der Schluß gezogen »vorden, daß die Verhältnisse fürchterlich seien. Wenn die Abgg. Erzbergcr und Dittmann, die aus dieser Denkschrift Stellen verlasen, Zeit ge» habt hätten toeiterzulesen (Heiterkeit), dann hätten sie folgenden interessanten Passus gefunden:Die erhebliche Tätigkeit der Ar. beiterkommissare erwies sich für Arbeitgeber und Arbeitnehmer nutzbringend. Die Arbeitcrsürsorge hat in den Bezirken, in denen Distriktskommissare angestellt sind, eine erhebliche Besserung er- fahren. (Hört! Hört! rechts.) Wenn nicht immer die guten Absichten der Regierung durchgeführt werden, so liegt das nicht an den kleinlichen Gründen, die hier vorgcbracht wurden, sondern, »oie der Abg. Naumann in der Kommission treffend meinte, an dem Gegensatz zwischen dem modernen Arbeits- mechaniSmus und der cudaimonistischen Lebensauffassung der Neger. DaS ist dcS Pudels Kern, und daraus entstehen die vielen Inkonsequenzen. Ich leugne, daß die Arbeitsordnung einen Zwang zur Arbeit enthält. Ich habe mich schon im Vorjahr durchaus auf den Standpunkt der Resolution des Reichstags gestellt, wo­nach die Gouverneure angewiesen »verdcn sollten, jedeArbeits- ordnung, die einen Arbcitszwang enthält, auf - z u h e b e n.

Ich gebe zu, denn ich will nichts vertuschen, »veil ich durch Vertuschelung mir nicht Ihr Vertrauen erwerben könnte, an dem mir alles gelegen ist ich gebe zu. daß tatsächlich anscheinend in Daressalam so etwas »vie Zwang sich eingcschlichen hat. Nach den mir vorliegenden Telegrammen scheint das sogenannte Truck­system auch auf andere Gebiete ausgedehnt »vorden zu sein. Ich will untersuchen, ob darin ein Zwang für bestimmte Arbeit liegt. Wenn es oer Fall ist, lvird es jedenfalls beseitigt »verden. Em gewisser Zwang zu öffentlichen Arbeiten e x i - sticrt ja auch bei uns. Natürlich aber darf der Zwang nicht dahin ausgedehnt »verdcn, daß jemand am Eisenbahnbau oder auf den Plantagen zu arbeiten gezwungen wird. (Zuruf des Abgeordneten Erzberger.) Ja, Herr Erzbergcr. das gebe ich ja zu. (Abg. Erzberger: Ich bin ja ganz einverstanden.) Na dann ist es gut (Gr. Heiterkeit). Im allgemeinen liegen die Vcrhältniste in Ostafrila günstiger als in Kamerun. Aber an der ungünstigen Lage der Arbeiter in Kamerun sind nicht einzelne Plantagenbcsitzcc schuld. Ich habe die berüchtigste Plantagen- gesellschaft mir angesehen und kann danach nicht glauben, daß das ganze Unglück von diesen Plantagengesellschaften kommt. Ich kann nur bitten, die Beschwerden, die Sie aus Afrika bekommen und die I>ct 40 Grad Recmmur geschrieben sind, nicht allzu ernst zu nehmen, sondern auch die Entgegnungen der Verwaltung zu prüfen. (Abg. Ledebonr: Die sind ja auch mit Jo Grad Rcaumur geschrieben!) (Gr Heiterkeit-. Sie sind doch aber objektiv, »näh­rend die Beschwerden zum großen Teil hervorgchcn aus dem Jntcrcssenkonflikt zlvisck)c,l Pflanzern und Kauflenten.

Die Pflanzer fint ungehalten, daß die Kauslcute ihnen tau­sende Arbeitskräfte nehmen. Das find also k>'ine objektiven Dar- stcllungen. Musterhaft sind die Tabakspflau Zun­gen. Einem Teil der Bevölkerung habe ich ganz unverblümt die Wahrhc^ gesagt und hoffe damit allgemeine Zustimmung z»i fotzen. Ich habe erklärt:DaS, was ich auf den Landsttatzcn