Nr. 56
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Erstes Blatt
M. Jahrgang
iehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Samstag. 7. März
VezuaSvrct-:
>nonatlich75V^vrerlel« jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- ru Zweigstellen monatlich 65 Pf.: durch die Post Mk.2.— viertel« jährl. auSschl. Besteüq. Zeilenpreis: lokal 15Pf^ auSivarls 20 Pfennig. Chefredakteur: A Goetz. Verantwortlich für dei' polit. Tell: Aug. Goetz; für „Feuilleton", »Vermischtes" und^Gerichts- faal": Narl dleurath', für ,Stadt und Land":
Rotationrtznick und Verlag der vrSHI'schen Unio.-Vllch- und Steiadriiderri R. lange. Retzakti«», Lrpedition nn6 ©ruderet: Pchnlstratze 7. Anzeig-ni-il:' H? aed
Die heutige Nummer umfaht 22 Seiten.
ragcstalcndcr aus dem Jahre 1!ßI4.
7 - Mär,: ©efeAt bei Etoonnc. Napoleon siegt gegen den ruimchen General Woron.zow, erleidet aber eine Niederlage gegen Blücher und Bülow
politifcbc WStchenseticr«.
liegen, 7. März.
Der Reichskanzler hat in Hamburg einen Ausspruch getan. der nicht ohne Bezug aus Ereignisse der jüngsten Bcr gangenheit oder aus Gegenwartsfragen in seinem Gedanken- gange entstanden sein kann. Er sagte, gerade der Deutsche habe noch mehr zu beherzigen, das; man Kleines klein und Grosses groß anschaucu müsse. Es sind schwerlich nur die Erinnerungen an Lcssing und au zklopswck gewesen, die ih:n in einem schwungvollen HerzenScrguß diesen Seufzer ent lockt haben. Tie beiden lilcrarischen Begründer unserer klassischen Blütezeit haben zwar in heißem Ringen eine enge Beschränktheit des damaligen geistigen Deutschlands nieder- legen müssen: wir erinnern uns, daß vor ihnen ein Swift die Deutschen als das dümmste Bolk bezeichnet hatte und daß aus der aereisteren Kultur Frankreichs wir als Barbaren charakterisiert wurden, als Menschen, die niemals eines schönen und großen Geistes fähig sein würden. Ein Menschenalter später war die wundervolle Umwandlung vollzogen, die beispiellose, glanzvolle Erhebung des deutschen Geistes, freilich nicht gepaart mit politischer Größe. Aber dem Reichskanzler, der am Webstuhl der heutigen Zeit sitzt, hat nur flüchtig ein Trauni der ltzeschtckite vorgeschivebt; er hatte vielmehr nach ini Ohre den Schrill und Tritt der parlamentarischen Fraktionen, die ihm ihr vielstininiiges Mißtrauen zugeruscn hatten. „Fern im Süd das schöne Zabcrn" . . . wenn wir diesen Gesang wieder anstimmen wollten — wovor uns der Himmel bewahren niögc! — so müßten wir uns gestehen, daß Herr v. Bethmann-Hollweg noch mehr den, Leipziger Professor Gottsched ähneln würde, als dem Bcrfajscr der Hainbnrgischcn Dramaturgie. Aber sehen ivir uns weiterhin >n der Gegenwart um! Zunehmende gesetzliche Verbote, polizeiliche Schatten steigen auf, und im positi neu Sinne wirkt, innerhall' der staatlichen Funktionen, eigentlich nur noch der Stcuersiskus. Bekämpft wird Sclimntz und Schund in der Literatur itzofsentlich nur wirkliche Auswüchse!), Verbote sollen den Gcburtcnzuwachs wieder heben, dazu wurde gestern noch die Vorlage gesellt zur Beschränkung der Schankkonzessionen, der Animicrkneipen, Singspiele und theatralischen Vorstellungen. Mignon dürfte heute nicht mehr aus össentlichen Plätzen die Geschmeidigkeit ihrer Glieder zeigen, und der alte Harfner könnte in seiner Kammer ein doppelt trauriges Lied von den „Kummervollen Nächten" singen, denn der behördliche Erlaubnisschein würde ihm wahrscheinlich versagt werden. Das harmloseste Tanzvergnügen, wenn es gelegentlich, in einer Wirtschaft, vielleicht auf einem Ausflug, veranstaltet werde» soll, ist unmöglich, weil die obrigkeitliche Erlaubnis fehlt. „Man soll Kleines klein und Großes groß sehen": wir sind ivirklich in Gefahr, dies mitunter zu vergessen, und cs wäre gut, wenn unsere Parlamente sich öfters daran erinnerten. Bei allem löblichen Ernst, Sitte und Wohlverhalten zu fördern, dars man die Welt nicht in zu-- nehmendem Maße verflachen. Wir wollen es uns gern gefallen lassen, daß auf Beschwerden der Nachbarschaft die Polizei gegen lärmende phonograpbischc Gnrgelavvarate künftig
einschreitcn darf, begreifen es aber vorläufig nicht, daß es wirtlich nötig sei, mit neuen Paragraphen — etwa gegen die Konsumvereine und den Kleinhandel mit Bier vorzugehcn.
_ Wir wollen nicht ungerecht sein und es zugebcn, daß auch gcnlig« und freiheitliche Fortschritte versucht werden. Dazu gehört der Entwurf zur Reform der Militärstrasgcsetze und das Vorgehen des bayerischen Kriegsministers gegen Mißhandluna oder vcrsehltc Behandlung der Soldaten. Gerade nach jenem scheußlichen Gcrichtssnlle, wo Soldaten gezwnn gen worden waren, aus einem Spucknaps zu trinken — die Feder sträubt sich, es zu schreiben — wirkte der bayerische Erlaß befreiend und versöhnend. Tie Soldatcnmißhand- lungen sind selten geworden, das ist wahr, aber da vcreiw- zclt immer noch so krasse Fälle Vorkommen wie der in jenem Berliner Gardcrcgimcnt, so mußte das pädagogische Bekenntnis des bayerischen Kriegsministers, dem kein preußischer Erlaß von einer ähnlichen eindringlichen Sprache bisher zur Seite steht, als eine Notwendigkeit erscheinen. Wir versprechen uns eine gute Wirkung davon aus die ganzen deutschen Hccrcsverhältnisse. Je iveniger der Soldat als eine bloße Maschine aufgesaßl wird, je mehr man sein Ehrgefühl und seine moralischen Bc- dürsnisse berücksichtigt, desto besser wird es mit dem Geiste der Mannschaften bestellt sein.
Die parlamentarische Lage in Hessen ist nicht ganz mehr so nnheilschwangcr wie vor 8 Tagen. Seit Dienstag hat die Zweite Kammer die Beratung des Staatsvoranschbigs ausgenommen. Dabei lies; es sich nicht vermeiden, daß auch die kritische Besoldungsfrage gestreift wurde, aber es geschah mit größter Vorsicht, und nach einigen Aeußernngen der Minister wie der Fraktionsvertreter scheint es, als wolle die bessere Einsicht sich endlich durchdringen. Das Bild ist noch seltsam genug. Man kann der günstiger gewordenen Finanzlage anscheinend nicht recht sroh werde». Im Hintergründe lauert »och die Schlange der Zwietracht wegen der 80 MO Mark für die Lehrer. Zuerst malte als Berichterstatter des Finanzausschusses der Abgeordnete Dr. O s a n n ein rosiges Bild der Lage, indem er in Ueberschüssen schwelgte und fcststellte, daß die Steuern und die Eisenbahneinnahmen. die beiden „Eckpfeiler unserer Finanzen", in den letzten Fahren sich vortrefflich entwickelt hätten. Die Ein kommensteuer für 191.°» hat bet einer Gesamtsumme von 14 941000 Mk. ei» Mehr von 848000 Mk. erbracht. Das in Hessen vorhandene Vermögen hat sich seit 1912 um 203 Millionen .'>(10 000 Mk vermehrt! Das war allerdings bedingt durch die Abschätzung aus Grund des neuen Gemeindestcuec- gesetzes, über dessen Wirkung iin einzelnen die Regierung eine Denkschrift ausarbeiten will. Eine Gemeindesteuerno velle, so crllärt der Finanzminister, sei indessen auf diesem Landtag nicht mehr zu erwarten.
Bei der Betrachtung des neuen Voranschlags für 1914 zeigte sich nun die Regierung vorsichtiger und zurückhaltender als die Volksvertretung. Für 1914 hat der Finanzminister ein Steuermehr von 900 000 Mk. vorgesehen: davon entfallen (102 400 Mk. aus Einkommen-, und 237 000 Mk. aus Vermögenssteuer. Was aber die Erträge aus der Eisen- bahngemcinschast anlangt, so will Herr Braun nicht nner- kennen, daß sic dauernd günstig und steigend sein würden. Sie seien ein schwankender Faktor, 1913 würden sic laut Berliner Nachrichten 143 000 Mk. weniger betragen als der Etat- ansatz von 17,44 Millionen. Ter Minister sicht auch weitere Schatten, als da sind: Arbeitslosigkeit, schlechte Lage des Baugewerbes und des landwirtschaftlichen (tzenossenschafts ,
.vesens, niedere Preise landwirtschaftlicher Produkte, und er stellte dies alles den vielen Begehrlichkeiten der BolkSper- treter gegenüber, die für ein einziges Fahr schon Mehrausgaben von zusammen über rinc halbe Million verlangt hätten. Ader wenn auch die natürliche Zierde eines Finanz- ministers die Sparsamkeit ist, so muß er doch daneben teil haben an dem Wunsche, die neuzeitlichen Staatsausgaben zu erfüllen. Er muß Großes groß und Kleines klein anschaucn. So durfte die Regierung ivcgcn eines kleinen Streitobjektes, jener 80000 Mk. für die Lehrerbcsoldung, nicht eine Kabi- nettskrisis an die Wand malen, und fie konnte sich nicht wundern, daß dieses Verhalten verblüffend gewirkt hat. Wie der Zcntrnmsabgeordnetc Molthan meinte, würde der Rücktritt der Minister allein ja schon 3(1000 Mk. Kosten verursachen. Auch an den Beiträgen sür die Landivirtschaftskam- mcr sollte man nicht mäkeln. Die Kammer hat nachgewic- sen, daß das (tzcld nutzbringend verwandt wird, und Herr Braun hat selbst zugegeben, daß über die Landivirtschaft wieder Nöte der Zeit gekommen find. Daß das Hesscnland imäi zahlreiche Wünsche auf dem Herzen hat, namentlich Eisenbahnen gebaut und verbessert haben möchte, ist kein Zeichen eines schlechten Geistes. Prüfet alles, und das Beste bchal tct! Für die Stunde der kommenden Entscheidung in der Besoldungsfrage wollen wir das Hamburger Wort des Reichskanzlers als Leitmotiv empsehlcn.
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Au» Cjcfictt.
rm. Tarmstadt, 6. März. Der Abg. Dorsch bat bei der Zweiten Kammer einen Antrag eingereicht, in welchem er unter Bezugnahme aus die demnächst in den Orten Wallern- hausen. Geiß Nidda, Kohden, Nidda, Ravcrtsbauscn, Ulia, Tauern- heim und Nieder-Mockstadt in Aussicht siedende lüldbcrciniguug cs für erforderlich erachtet, daß die Feldbercinigungskommissarc und der Feldbereinigungsgeomter in Nidda wohnen, de dies der Mittelpunkt der klägliche» Orte ist und die Arbeiten von dort leichter erreicht und ausgesührt werden können.
Ttircbe und Schule.
Die Beisetzung des Kardinals Kapp.
B e r l i n , 6. März. Tic „B. Z." meldet aus T r o v v a u: Gestern ist die Leiche des Kardinals Kopv, die mit dem roten Talar bekleidet ist, cingesacgt und der Sarg geschlossen worden. Am gestrigen Nachmittag erfolgte die Uebersührung nach der Klosterkirche und die Aufbahrung vor dem Hochaltar. Tausenbe von Mensche» defilierten gestern nachmittag vor der Leiche. Der Sonder,ug, der die Leiche des Kardinals Kovp von Trvvpou nach Breslau bringt, trifft heute nachmittag 3,39 Uhr dort ein Das Domkavitel unb die Geistlichkeit erwarten die Leiche am Bahnhof und geleiten sic im feierlichen Zuge »ach der sürst- bischösttchen Residenz, wo die Aufbahrung in der Hauskavclle er folgt. Die Uebersührung der Leiche vom Palais nach deni Toni erfolgt am Dienstag vormittag. Die Bcisetzungsfcicrlichkeiten beginnen vormittags 10 Uhr. Bei der Feier amtieren Erzbischof Tr. v. Hartmann-Köl», Bischof Schmidt-Fulda und Weihbischof Likowski-Posen. Tic Gedächtnisrede hält Domvrediger Domherr Berling. An den Stufen des Hochaltars, direkt vor dem Gestühl, in dem er dem Gottesdienst beiwohnte, findet der Kardinal seine letzte Ruhestätte.
Nahrungrsünden.
Tr. nied. Sollmann, Berlin Wenn cs wahr ist, daß neben der Liebe der Hunger den Iir- fprünglichftcn Trieb den Menschen bildet, wird cs begreilli», mit welcher Wichtigkeit von jeder die Frage der zweckmäßigsten Ernährungsweise bcbaiibclt wurde, und welckie bedeutende Rolle bei den meisten Menschen Esse» und Trinken spielt. Freilich gibt cs kaum aus einem anderen Goinct größere Verschiedenheite» der vcrwn- licben Anschauungen und Gewohnheiten: ,mucken einem Küchenzettel Hindheders, des nordischen Apostels der Eintachheit und den Schlemmcrmcnus eines Luxushotels liegt eine unendliche Fülle der Abstuiuiigen Ter „verdorbene Magen" aber kommt >n allen Kreise» vor, in der Hütte wie im Palast: Diätsehler nnd alw keines- wegs durch Art und Zubereitung der Speisen allein bedingt.
Fm allgemeinen wird, das darf inan wohl behaupten, zu viel geqessen. vom Trinken ganz zu schweigen. Dieser Grundichlcr macht sich bereits im irühesten Säuglingsalter und öicr m bezonbexS drastischer Weise geltend, denn die überwiegende ,!»> der kindlichen Ernährnng-nlörungen kommt a»is Konto der Uebcriütterung. Zwar bahnt sich hier allmählich eine bessere Einsicht in weiteren Kreiicn an aber noch tauscrcdfach wird das Schreien des Säuglings reget mäßia als Ausdruck des Hungers gedeuiet, und mit der gedanken los dargereichte» Milchflasche der in Wirilichlcit bcstchendc Ver- d-uunasschmer, noch gesteigert Vorübergehende aber leider auch lanadauernde Ernährt,ugsstörungen mit Gewichtsabnahme und Krälteveriall iind die Folge Der Erwachiene wird ja Leibichmer- ie» bei ,'ich selbst »>ch> gerade mit einer kräftigen Mahlzeit be- kämvieii ober, daß der noch halbgeiüllte Magen der Ruhe iwdarl, wird allzu oit vergessen, sobald nur eine leckere Speise winkt, schon die Ei"zelm°hl»e,I u-irO meist », reichlich beweisen, zahllose Men- essen nicht bis iic geiättigt und, ,andern iolange es ihnen schmeckt Natürlich ist das ein höchst bedenklicher Maß,lab tur das Quantum der auizunebmenben Sversen ,
Es albt Fettleibige geuuq, die hochlichit erstaunt und. wenn der Arzt ihnen verkünd,-!, daß sie zu viel essen. Das kommt aber den meisten Menschen kaum zum Bewußtsein: denn es nt eine !„-»,e.mllche Fähigkeit des Körpers, sich ebensowohl m,t einer mä- SMm, !>!s einer übertriebenen Nahrungsmenge abzunndcii. ja sich damit ins Gleichgewicht" zu letzen, d. h. das Uebermäßige K Z.äsfwcchsel wieder auszuscheiden, so daß eine ungesunde "urusmast vermieden wird. Aber »ich, immer ist der Körver so F. ,,dilch alles selbst >n Ordnung z» bringen, daher die gerade ,n „irr-r Keil iö unendlich häuiigeil Bcrdauungs- und Stoiswcchscl- erkrankungcn. Sic bilden sük den denkenden Mzt oft genug crne
schwne Auigabü^^ )illb mit „Kuren" oit viel leichtherziger bei der Hand. Nichts richtet hicz mehr Unheil au, als die plansosc
und insbesondere übertriebene Anwendung einer der im Schwung befindlichen Entsettuiigs- oder Trocken- oder Kartofsel-, Zitroncn- Kuren usw. Jeder Arzt kennt Fälle — meist betresien sic Dame» — in denen das mit Stolz verkündete Abhalstern von 15—20 Kilo Gewicht innerhalb weniger Wochen mit einem Heer nervöser Störungen und bedrohlichem Krästeverlust crkaust wurde, wodurch nicht zu selten vorerst eine neue „Ausfütterung" zur Notwendigkeit gemacht wird.
Gerade in Ernährungssragen ist jede Einseitigkeit, jeder Schematismus vom Nebel. Noch immer wird der allein seligmachendc Bert eines „Systems" gevriesen! Die Vegetarianer schwören noch heute aus das ihrige und beweisen seine Ueberlegenhcit durch Theorie und Praxis. Es soll gar nicht geleugnet werden, daß auch bei allgemeiner Pslanzenkost gelegentlich „starke Männer" oder tüchtige Sportslcutc erzielt werden können: wir wiesen ja schon vorhin aus das wunderbare Anvassungsverniögcn unseres Körvers hin: zuweilen gibt tatsächlich auch in Krankhcitssällen eine zeitweilige vegetarische Kur ausgezeichucte Ersolgc — aber deswegen wird des Vegetarismus ausschließliche Ernährungsweise um nichts gerecht- scrligter.
Nicht viel anders ist cs mit den so modern gewordenen „Nähr- sal,kuren"! Tie Natur bedarf bei ihrer üppigen Fülle nicht ver- verbcssernder Rezepte: sie lieiert in den natürlichen Nahrungsmitteln die zum Ausbau des Körpers nötigen Stosse, auch Salze, in durchauä^zureichender Menge: wir brauchen darum keine Nährialz- industris Ist es doch ein überaus rörichter Trugschluß, daß die rein dargestelltcn Stosse nun auch als solche im Körver direkt zum Ansatz kommen. — Tie Industrie hat sich überhaupt allzu sehr der „Nabrungsniilletbranchc" bemächtigt. Es soll hier de» künstlichen 9!ahi„ngSm>tteIn keineswegs ihr Wert iür manche Fälle darnicder- liegcndcr Verdauungskrail und allgemeiner Schwäche bestritten werden. Aber im allgemeinen wird ihr Wert zum Nachteil des Portemonnaies gewaltig überschätzt in gläubiger Hinnahme der in der ReName gepriesenen Zaichcrwirkungcn.
Noch immer iß eine vernünitig zusammengesetzte „gemischte" Kost aus einwandfreien Naturprodukten das Gesündeste. Auch sür die Einteilung der Mahlzeilen gibt cs keine alleinrichtige Vorschrift, wenn nur immer der richtige Abstand dazwischen gewahrt wird, was natürlich auch individuell verschieden sein kann. Eins aber soll scder immer wieder beherzigen, es ist alt, trivial aber wahr: „Wir leben nicht, um zu essen, sondern essen, um zu leben."
Gießener Stadttheater: Rösselsprung
Rößler, der eriolgreiche Vcrsasser der fünf Frankfurter, nennt sein neues Lustspiel Rösselsprung, weil dessen Heldin, die liebe und süße Margercthc von Muggenhos, im Zickzack, wie das Rössel
aus dem Schachbrett, zwischen den Männern irrlichtcrt, bevor sie in dem Bankier Maximilian Tesold ihren Meister »indet. Hübsch, jung und reich lebt sie als einsame, nauerndc Witwe in ihreni schönen Landhaus im Grunewald, umschwärmt von Männern allerlei Art, als ihr plötzlich der Gedanke kommt, ihren Vetter der in Monte Earlo verbummelt ist, aus den Fängen des Spict- teusels zu befreien. Selbstverständlich trisst sie in Monte Carlo ihre Verehrer aus dem Grunewald wieder und macht natürlicherweise auch noch eine 'Anzahl neuer Eroberungen, darunter den jungen Flieger Eugen Tclbitz, mit dem fie eine laulänge Mond- scheinpromenadc am Strand macht, nachdem sie ihm die Pistole abgenommcn und 3000 Franken geliehen hat. 2luch in Berlin gedenkt sie seiner mit Begeisterung, aber siche da, der Flieger entpuppt sich als Kellner, der sie besucht, um eine neue Antcihc aus zunehmeu, und nachdem sie »och rasch einen Antrag des Fürsten Valitschcksky abgcwiesen hat, sinkt sie ihrem Freund und Bankier Tesold in die Arme.
Rößler hat die an sich recht gut erfundene Handlung nicht immer snati genug zusammcngeiaßt, um alle Möglichkeiten einer harmlosen, heiteren Unterhaltung auszunutzen, und cs wäre deshalb vielleicht angebracht, mit einigen Strichen eine größere Ge- ichloßenheit zu versuchen. Auch das Tempo der Darstellung dürfte unter diesem Gesichtspunkt etwas beschleunigt werden. Die Regie bemühte sich mit Glück um eine geichloiscne, slottc 'Ausführung, und wirkte namentlich durch die gute Wiedergabe der recht vergnüglich gezeichneten Männcrlypcn und die glänzende Darstellung der weiblichen bauvirolle, sehr erireulich und achtungswert. Auch die äußere Umradmung der lustigen Handlung war'geschmackvoll und von gutem Eindruck. Frau Sonntag -Bl u m c erfüllte die lebenslustige Margarethe von Muggenhoi mit sprühendem Leben und nmndcrvollcr Zierlichkeit. Das Unruhvollc, Nervöse das dieser Frau einen eigenen Reiz verleiht, gelang ihr restlos und auch das Schelmische, Naive kam mit köstlicher Frische heraus Fn seiner Auisassung recht gut war Herr S t e i „ h o s e r als Doktor Diebe„meycr, aber mir schien doch, daß er in seiner Aussasstinq etwas männlicher hätte sein dürfen. Eine ganz glänzende Lcistuna bot Herr Gott als Fürst Palitschcksly: sowohl in Maske, als auch in Haltung und Ton war er durchaus originell und voll ergötzlicher erhebender Komik. Herr V o l ck schuf mit diskreter Haltung einen tüchtigen Bankier und Liebhaber. Als verbummelter Lebemann Gustav von Muggenhos machte Herr Dworkowski einen glücklichen lündruck: ganz vorzüglich waren die hilflosen Handbcwcgun- gen bei Dem unvermuteten Zusammci,kreisen mit seiner Kusine Flott, keck und anmaßend tvar Herr G r o s s e r - B ra u n als Kellncr-FIieger. Eine lrcbcnswürdig charmante Sophie von Blonok gab Frt. -tcttncr, einen selbstbewußt prahlerischen Bildhauer


