Nr. 40 Dritter Blatt ll>4- Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Sietzener ZamjlienblSNer" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „«relidlatt für den «reit Sietzen" zweimal
wöchentlich. Die „landwirtschaftlichen Zeilsragen" erscheinen nionatlich zweimal.
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhejsen
Dienstag, \l. Februar (9(4
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jcheii Unwersitäis - Buch- und Slcindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: S-E öl. Redaktion: 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
Mb. Deutscher Reichstag.
215. Sitzung, Montag, den 18 . Februar.
Am Tische des Bundesrats: Dr. Lisco.
Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 2 Uhr tö Min.
Der Stat fttc die Neichs-ZustiznerwallMg.
Abg. Dr. Cohn-Nordhausen (Soz.):
Dci der Auswahl der Geschworenen wird gehörig gesiebt. Weite Kreise der Bevölkerung werden absichtlich ausgeschlossen. Es tsr erfreulich, daß auch der Staatssekretär für die Heranziehung der Arbeiter als Schöffen und Geschworene tjt. Jetzt, da die Arbeiter fast ganz ausgeschlossen sind, kann man der Justizpflege nicht volles Vertrauen entgegenbrinqen. Der Entwurf, der die K o n k u r r e n z k l a u s e l regeln , AX, ist nicht genügend. Es muß überhaupt verboten sein, den Angestellten durch eine solche Klausel zu binden. Der Entwurf des Ingend- gerichtsgesetzc' ruht noch immer beim Bundesrat. der sich auf sein« Weise mit ihm beschäftigt, vielmehr nicht beschäftigt. Uebcrhaupt arbeitet die Gesetzgebung auf dem Gebiet des Rechtes bei uns mit äußerster Langsamkeit. Freilich auf politischem Gebiet ist das anders — da hat die Regierung den Agrariern zu parieren und apportieren. Unser Strafrecht ist veraltet, cs beruht im wesentlichen auf dem aUen preußischen Strafgesetzbuch, das längst überholt ist Dabei soll die Reform nach den Worten deS Staatssekretärs erst 1917 kommen, und der Reichskanzler faßte ihren Inhalt bei der ersten Lesung des Etats in einer Weise zusammen, es sei beabsichtigt, die Ausnahmegesetzgebung gegen die Arbeiterschaft zu verewigen. Die Arbeiterbewegung soll erdrosselt, die Ausbeutung geschützt werden, indem man die angeblichen Friedensstörungen der Hungernden unterdrückt. Man will das Koalitionsrecht, die politische Freiheit der Arbeiter vernichrcn. Der Versuch kann nicht gelingen. Die organisierte Arbeiterschaft wird ihn mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln zu verhindern wissen. (Sehr richtig! b. d. Soz.) Der Schutz der Arbeitswilligen ist lediglich ein Kampf gegen die Aroeiterjct-aft. Andere Reformen sind wirklich dringend. So wüßte die religiöse Eidesformel abgcschafst werden. Graf Westarp hat sich freilich gegen Reformen in einer Weise ausgesprochen, daß man ihn nicht mehr ernst nehmen kann. (Präsident Dr. K a e m p f bezeichnet den Ausdruck als unzulässig.) Das Existciizmlnimunl von 1500 Mark genügt bei den heutigen Verhältnissen nicht mehr; es muß erhöht werden. Das Wiederaufnahmeverfahren in seiner jetzigen Gestalt versagt vollkommen. Ein« K l a s s e n j u st i z ist unverkennbar zu verzeichnen. Die Richter können eben aus ihrer Haut nicht heraus. Sie verstehen cs nicht, sich in das Empfinden einer anderen Klaffe hinein- zuversetzen. Wie hart faßt man die Arbeiter selbst bei leichten Vergehen an, während Studenten, die sich schwere Exzesse zuschulden kommen lassen, mit einer geringen Geldstrafe davon kommen. Der Kölner Polizeiprozeß wirft ein trübes Licht aus die Polizei. An anderen Orten wird Kuppelei direkt *nter den Augen der Polizei getrieben. In Essen wurden, unter Leitung eines Polizeiassessors, die Listen des Stcigerverbandes wiberrechtllck entwendet, um sie den Arbeitgebern auszuliefern. In Berlin hat ein Schutzmann selbst Einbrüche verübt. um sie dann zu melden und sich bei der Aufklärung hervorzutun.
E,nc R e f o r in des P o l i z e i w e s e n s ist unter alleii Umständen dringend erforderlich. Diese Fäulnis- und Korrup- tionserschcinungen geben doch zu denken. Mit der Androhung der Fürsorge-Erziehung wird besonders gegen Sozialdemokraten ein unerhörter Mißbrauch getrieben. Auch die Urteile unserer Gerichte lasten vielfach Unparteilichkeit gegen die Sozialdemokraten vermissen. Das Ansehen der Richter im Volke wird dadurch nicht, gehoben. Erst eine grundlegende Aenderung unserer wirtschaftlichen und sozialen Verhältnis'e ioird uns die wahre Ge rech- tigkerl brrngen. Wir muffen dafür sorgen, daß die Richter durch freie Wahl aus den Volksgenossen gewählt werden. (Beifall der Soz.)
Präsident Dr. Kaempf ruft den Redner nachträglich zur Ordnung, weil er erklärt hatte, falls der Reichstag a u f g e l ö ft werde, würde die Regierung schon irgendeinen Wahlschwindel erfinden.
Abg. Dr. Beizer (Zentr.):
Ueber die Zaber naffäre will ich hier nicht sprechen — oh rühret, rühret nicht daran! (Heiterkeit!) Die Krupp-Affäre wollen wir beim Militäretat behandeln. Die Stelle des sechsten Reichsanwalts wollen wir nicht bewilligen und werden deshalb gemäß dem Kommissionsbeschluß die auf Wiederherstellung des Postens abzielenden Anträge ablehnen. Wir danken dem Staatssekretär für die Erfüllung einer Reihe unserer Wünsche und feine Bereitwilligkeit zur Berücksichtigung weiterer Wünsche. Wir
bedauern, daß es nicht gelungen, das Luftfchiffahrts- gefetz international zu regeln. Die neue nationalliberale Resolution, die einen Gesetzentwurf über den Zwangsvergleich außerhalb des Konkurses fordert, halten wir für überflüssig, da wir im Vorjahre eine gleiche Resolution fast einstimmig angenommen haben und das Justizamt dafür einzutreten versprochen hat. Die Dauer der Prozesse ist in Oesterreich viel geringer als bei uns. Unser Zivilprozeß muß daher beschleunigt werden.
Wie steht es mit der Neuregelung der Verhältnisse der R e ch t s a n w a l t s a n g,e st e l l t e n? Die RcchtS- anwaltsgebührcn müssen erhöht werden, aber mit Vorsicht, damit die Prozesse des kleinen Mannes nicht verteuert werden. Beim Amtsgericht Berlin-Mitte sollte ein Gcneralschuldner- verzeichnis angelegt werden. Das wäre ein gewister Schutz für unsere Gläubiger. Di^ „Deutsche Richterzeitung", das Organ DeS Deutschen Richterbundcs. hat sich leider ganz unquali* fizierbare Angriffe gegen unfern Dr. Spahn herausgenommcn. Dr. Spahn hatte sich über die Rechtsprechung des Colmarcr Obcrlandesgerichts, das die elsaß-lothringischen Wahlprüfurgen zu erledigen hatte, geäußert. Die „Richterzcitung" warf nun Dr. Spahn vor, er habe die Gewissenhaftigkeit der R'chtc bezweifelt. Das ist unrichtig. Die Zeitung sollte doch objektiver sein. Eine bedenkliche Erscheinung sind d i e Nachdrucksjäger. Diese Herren schreiben ein paar Zeilen, und wenn diese dann von hundert Zeitungen nachgedruckt werden, so verfolgen sie diese Zeitungen wegen Nachdrucks und nehmen so einige hunderte und tausende Mark ein. Bei diesen Verfolgungen der Zeitungen sollte wenigstens der Staatsanwalt ausgeschaltet werden. Die Berliner Sensations presse bringt dauernd Artikel mit geschlechtlichem Einschlag, Enthüllungen über hochgestellte Persönlichkeiten usw. Die scheußlichen Taten Sternickels wurden genau aufgezählt, ebenso das Treiben des Knabenmörders Rittcr. Das war ein Skandal! Selbst der „Vorwärts" sprach von einer „sensationslüsternen Schweinerei". Und wie schamlos ist der Generalintendant von Hülsen angegriffen worden? Erfreulicherweise ist der Beleidiger mit einer Gefängnisstrafe von einem Jahre bestraft Warden. (Sehr gut! rechts.)
Dann die „schöne Sünderin" Hedwig Müller. Sogar das Bildnis dieses Fräuleins ist auf den Straßen verkauft worden. Am meisten muß das Verhalten des Staatsanwalts gerügt werden, der sich der Angeklagten liebevoll annahm rnb immer fragte: Wie geht es Ihnen? Können Sie die Verhandlungen noch aushalten? usw. Das hat einen üblen Eindruck gemacht. Der Justizminister hat dieses Verhalten erfreulicherweise abgelchnt. Der Prozeß hat aber viel Schaden angcrichtet. Wenn Fräulein Müller noch so hübsch ist, wie sie gewesen sein soll, so ioird sie nach der Verbüßung der Strafe eine sehr gute Karriere in der Berliner Lebe weit machen. (Sehr richtig! im Zentrum.) Die Reklame, die eine geivisse Press« mit diesem Mädchen gemacht hat. wird noch manchem Mädchen zum Verderben werden und die Luft nach einem ähnlichen Leben wachrufen. Was muß das Volk zu einem solchen Prozeß zu sagen? Im Dämmerzustand soll eine solche Tat begangen sein, wie ein Sachverständiger sagte. Das versteht das Volk nicht. Man wird sich fragen, ob der Prozeß auch so ausgefallen wäre, wenn cs sich nicht gerade um eine junge, hübsche Dame gehandelt hätte. (Sehr richtig! im Zentrum.) Wir erwarten möglichst bald eine Novelle gegen den Schmutz in Wort und Bild.
Mit dem Vorgehen des Staatsanwalts gegen die Künstle r- karten pnd ioir einverstanden. Denn hier handelt es sich um einen Mißbrauch der Kunst. Nicht einverstanden sind wir mit der Ausquetschung der Zeugen vor Gericht, besonders nicht mit den Fragen nach den Vorstrafen. Notwendig ist eine r e i ch s - gesetzliche Regelung des Irren Wesens. Große Beunruhigung aber erregt cs im Volke, daß fast jeder Verbrecher behauptet geisteskrank zu sein. Und immer findet sich ein Sachverständiger. der das glaubt. Die berüchtigten Dämmer- z u st ä u ö c spielen eine große Rolle. Viel Aufsehen erregte der Fall der Gebrüder v. Versen. Auch hier waren Geld und Erbstreitigkeiten schuld. Einer der Brüder wurde unberechtigt ms Irrenhaus gesperrt. Gott sei dank hat das Gericht noch rechtzeitig ein Machtwort gesprochen. Es wurde behauptet, daß sich dw Geisteskrankheit besonders darin gezeigt habe, daß der ein« Bruder gegen seine Unterbringung im Jrrcnl)aus remonstrierte. (Heiterkeit.) Die schauerlichen Vorgänge in Bremen und W ü r t t e m b e rg machen eine Novelle notwendig, durch die gemeingefährliche Verbrecher festgesetzt, und nicht auf die Menschheit losgclasien iverden.
In Stuttgart behelligt ein Mann die Leute dauernd mit got^teslästerlichen Pamphlcten. Hier wäre ein Druckverbot am Platze. (Sehr richtigI rechts.) Es war falsch, wenn gleich nach der Tat des Lehrers Wagner in Württemberg erklärt wurde, der Akmn muß geisteskrank sein. Im Fall Knittel,
hat der Vorsitzende der Rechtspflege keinen Dienst geleistet. DaS Vertrauen des Volks zu seiner Rechtspflege muß noch mehr gestärkt werden.
Abg. Schiffer (Natl.):
In den großen Masten des Volkes, auch soweit cs hinter den Sozialdemokraten steht, herrscht nach meiner Erfahrung großes Vertrauen zur Rechtspflege. Gewiß kommen auch Fehlsprüche vor, aber sicher nirgends so wenig als bei uns. Schluffe aus solchen Fehlsprüchcn zu ziehen ist höchst bedenklich. Vor allem muß man sich hüten. Fälle ans Grund von Zeitungsberichten zu beurteilen, weil diese Berichte ganz subjektiv abgefatzt sind und stets ein unvollständiges Bild der Verhandlung geben. Gewählte Richter wären gewiß nicht objektiver, denn sie kämen ja unmittelbar aus den Kreisen der Parteien und könnten nie so unabhängig sein wie unsere Richter. Viele Richter verfallen sogar in dem Streben, ganz unparteiisch zu sein, in den gegenteiligen Fehler, Arme und Niedrigstehcnde bester zu behandeln als die reichen Unternehmer. An vielen Entscheidungen, die als Fchlsprüchc angesehen werden, ist übrigens nicht der Richter, sondern das Gesetz schuld, das ihn zwingt, so zu urteilen.
So konnte z. B. im Krupp-Prozeß der Direktor Roettger nach den gesetzlichen Bestimmungen nicht beeidigt werden. Das war in diesem Fall eine Grausamkeit. Die Re» formbedürftigkeit unserer Strafgesetzgebung ergibt sich danach ohne werteres. Leider liegt sie noch in werter Ferne. Ich habe selbst Bedenken, einzelne Teile der Strafgesetze vorweg zu refor- mieren. Aber Not bricht diese Bedenken. Wir müssen unL be- streben, unsere Gesetzgebung an das moderne Wirtschaftsleben anzupassen. Der heutige Zustand bedeutet eine Vergeudung von Zeit und Geld, drc im Interesse unseres wirtschaftlichen Lebens behoben werden muß, ohne daß es dazu großer politischer Erörterungen bedarf. Bedauerlich bleibt das maßlose Anwachsen der Privatklagen. Es ist geradezu unwürdig, für jedes leichte Schimpfwort gleich zum Kadi zu laufen.
In einem Berliner Vororte hatte ein Beamter Auszüge an? Strafregistern gemacht und viele Familien unglücklich gemacht. Er trieb es soweit, daß ihn schließlich ein Redakteur unter Berufung auf das bekannte Wort- einen Denunzianten nannte. Der Mann ist bestraft worden. Das entspricht nicht dem Rechts- und Ehrgefühl des Volkes! (Sehr richtig! Zuruf: In Köln wars ebenso!) Ich nehme cs niemanden übel, wenn er einen anderen beleidigen will, der cs verdient. Wer die Wahrheit sagen will, soll sie auch sagen können, ohne sich sofort wegen formaler Beleidigung rechtfertigen zu müssen. Wir legen Ihnen eine weitere Resolution vor, die einen Gesetzentwurf zur Beschleunigung und Vereinheitlichung der Rechtspflege fordert.
Danach kann die Entscheidung in einem Rechtsstreit von erheblichem oder privatem Interesse auf Antrag derjenigen Stelle überwiesen werden, die bei Erschöpfung aller zulässigen Rechtsmittel als letzte Instanz in Betracht käme. Der Beschluß, durch den die Ueberweisung ausgesprochen oder abgelchnt wird, ist unannehmbar, doch soll die angerufene Stelle die Entscheidung ablehnen können, wenn sie die Voraussetzungen der Ueberweisung nicht für gegeben hält. Verschiedenheiten in der Auslegung oder Anwendung einer Rechtsnorm soll der Bundesrat einem gemischten Ge- richtshofe zur Entscheidung vorlegcn können. Dieser tagt am Sitze des Reichsgerichtes. Mit der Art der Behandlung der Prozesse können wir in letzter Zeit nickit zufrieden sein. Wir haben über das Verhalten von StaatSawoälten zu klagen, und es ist z. B. ungehörig, wenn ein Vorsitzender vor Beginn der Verhandlung die Zuschriften verlieft, die ihm zugegangcn sind.
Das ist Wichtigtuerei, die nur auf die Leute draußen Eindruck machen soll. Wenn ein solcher Prozeß für die Draußenstehenden langweilig wird, so schadet das der Justiz gar nicht. (Sebr richtig!) Da erleben wir in solchen Prozeffen Heiterkeiten; bon mots werden geprägt. Und auf wessen Kosten? Des Mannes, der vielleicht um sein Leben, um seine ganze Existenz kämpft! Größere Zurückhaltung ist für den Richter geboten. Sein schweres Amt verlangt äußerste Selbstbeschränkrnrg. Die Tugend, die er vor allem üben muß, ist die Tugend der Ge- duld! Er hat zu lernen, sich in die Seelen der Menschen hinein- zudenkcn, um das Wesentlich« vom Unwesentlichen zu scheiden. Immer sollte cs beim Richter Heißen: Erst kommt der Mensch, dann der Jurist! (Lebhafter Beifall.)
Abg. v. Laszewsty (Pole):
Auch wir treten für die Beschleunigung der Rechtspflege ein.
Das Haus vertagt sich.
Dienstag 1 Uhr pünktlich: Kleine Anfragen, Abstimmungen über die Olympia-Anträge, Weiterberatung.
.Schluß 7 Uhr.
Bertiüons Lel'enswerk.
Frankreichs bedeutendster Striniinalift ist in Alphonse Bcr- lillon dabingegangen, Berfillon hatte sein ganzes Leben in den Dienst einer einzigen Idee gestellt, des Beschreibens und Wieder- -rkennens von Menschen durch beit Erkennungsdienst, und das Stiftern, das jetzt in der ganzen Welt unter seinem Namen bekannt und in mehr als 12 Kulturstaaten eiitgeführt ist — man spricht non „Tertillvnage" und vom „bcrtillonisicren" — ist, trotz der Galtonschen Daktyloskopie io erfolgreich, dast cs fast als unfehlbar bezeichnet iverden kann. Lange vor den Arbeiten Ber- tillons, der seit 1880 an der Spitze des Pariser Jdentisizicriings- amtcs gestanden hat, hat die Polizei Menschen beschrieben, Berti llon älcr mar es, der einen ungeheuer fruchtbaren Grundgedanken einjührtc und Baustein zu Baustein lügend, überall anwandte, Früher sagte man von einem Menschen, er fei groß, mittelgcost oder klein, er hätte graumeliertes Haar, dunkelblaue Augen usw, Berrillon aber sagte, er ist so und so groß, seine Augen haben die und die Farbe, kurz, er siug an zu messen und lieferte die Beschreibung eines Menschen eindeutig in Zahlen, ia selbst die Haar- »nd Augcnsarbc drückte er in Zahlen aus.
Bei der Anwendung des Bertillonschen Systems (das 'natürlich nicht von vornherein in seiner endgiltigcn Form erfunden worden ist ist die Hauptfrage: was wird gemessen, und die Antwort lautet: alles, was sich bcini erwachsenen Menschen nicht mehr ändert, was in seinen Dimensionen durch Knochen oder Knorpel bedingt wird, also die ganze Größe, die Hölle der Büste, die Svannweitc von der Spitze eines Mittelfingers bis zur Spitze des anderen bei wagcrccht ansgestreckicn Armen, die Länge des Unterarmes, des Fußes, des Unterschenkels, der einzelnen Finger, der einzelnen Koptdurch Messer, die Ausdehnungen der Nase und der Ohren, Das Messen geschieht hierbei natürlich ,,inr Winkel", indem man nicht ein Bandmaß verwendet, sondern den zu inessenden Körperteil zwischen zwei parallele Flächen bringt. Alle diese Maße werden dann aut einer Karte in bestimmter Reihenfolge ausgezeichnet, io daß bei telegraphischen Meldungen nur die Zahlen, nicht die Körperteile, ant die sie sich beziehen, übermittelt zu werden brauchen, und nach bieient System hat die Polizei in vielen.Ländern Sammlungen von vielen Hunderttausenden solcher Bertilonscher Signalements znsammengcstcllt, Tie Pariser Polizei unter Bertillons Leitung allein hat 'weit über eine halbe MÄlron Verbrecher „bertillontsrert".
Natürlich müssen die Karten irgendwie geordnet sein, und auch die zweckmäßigste Anordnung der -v i g n a l e tu c tt t ge hör, j u Bertillons Lebenswcrl Bott ifou stammt die Einteilung der Gruppen- alle Karten sind in drei Gruvpen verteilt, von denen jede wieder in drei Untergruppen zerfallt, und so lort. Die erste Gruvvenierfttng geschieht z, B nach der Lange deS Kopses m iirofif mittlere und geringere Kovtlänge), die zweite Unterteilung erfolgt „ach der Kovibceite, die dritte nach dem Mittelfinger, die vierte nach dem Fuße, die fünfte nach dem Unterarni, eine
Bertillon aber begnügte sich natürlich nicht mit dem Messen, sondetn fügte noch eine Kürperbeichreibnng hinzu, die stch aus die Form der einzelnen Körperteile bezieht und auch,die „besonderen Kennzeichen" umfaßt, Berfillon verlangt, daß Tür ,eden Menschen wenigstens fiirtr solcher Kennzeichen angegeben werden, und l-etauv-et, jeder Mensch habe- wenigstens acht bis zwöl, Narben oder andere Abzeichen am Körper, was im großen und ganzen wohl stimmen dürfte, . „ ,. . . _ ,
Natürlich nützt es nichts, wenn tzic Polizei Vas Signalement eines Verbrechers suis genaueste in ihren Akrenichränkcn hat und ihre ausübenden Beamten nun einen Verbrecher sangen sollen, wenn sic keine weiteren Milte-mittel haben. Auch diese trat ihnen Berfillon in Gestalt des „g c s p r o ch c n e n P o r t r ä t S" gegeben, E-s handelt sich um GedächtNtSbckder, mit deren Hilfe die von Ber- fillou ausgebildetcn Beamten Personen nach dem Ansehen Ivieder- erkennen, wenn sic ihr AcußcreS auch noch so sehr verändert haben, Berfillon hat die Leistungen seiner Beamten, die das „gesprochene Porträt" beherrschen, mehrmals öffeittlich vorgesübrt, und die Leistungen seiner Schüler verblüistett jedesmal die Zuschauer, Ganz laicht ist es nicht, sich ein „gesprochenes Porträt" einzuprägen Ivofirr rin drolliger Beweis angeführt werden mag, Gewiß glaubt jede Mutter ihr Kind zu kennen und es unter Tausenden herauszuiindcn. Allein vor acht Jahren haben im Jiabellen- ltefin in Madrid einige Aerzte, die Berfillvns Arbeiten kannten. Versuche geniacht, die das Gegenteil beweisen: man legte einer Anzahl bon Müttern eine größere Menge nackter Säuglinge bar, und von zehn Müttern fanden nur zwei ibr .Kind heraus! Bei Säuglingen ist das Meßver'ahren Bertillons nun zwar kaum anwendbar, aber aus der Krrmänallitcratur sind Fälle bekannt, wo Mütter ihre erwachsenen Kinder auch nickt erkannt haben und
das Leriillonschc Versahrcn zum Nachweise der Jdenlizität hat ein- grciirn müssen.
Eine Erweiterung des K a i f c r - Frie dr i ch - M u f c n m i u Magdeburg, Aus M a g d e b n r g lpird uns geschrieben: Das Kaiser-Friedrich-Museum. eines der modern
sten und am großzügigsten angelegten Museen Deutschlands, hat setzt eine - übrigens schon bei der Einweihung >901! vorgesehene Erweiterung erfahrest, die den Otebäudekomplex innerlich und äußerlich harmonisch abichließt, Direktor Bolbchr hat nuninebr seine Absicht, dem Besuchet eine Instvrisckw Ausstellung der Entwicklung des Wohnungswesens und der ihm eigentümlichen Stile zu geben, zu Ende führen können. Bisher tvarcn Zimmer und Säle von der Zeit der Reformation bis zur Empire und Biedermeierzeit in strengster Stileinheit und Reinheit cingcrichtel. Die Fortsetzung wurde durch die Stiftung eines reichen'Magdeburgers sHansivaldt) ermöglicht, der seine in 50 Fahren zusammengestellten Sammlungen letztnnllig dem Museum vermachte, In vier großen Räume» sind die Sammlungen, die alle nur möglichen Objekte, wie Möbel, (stvbelins, Bilder, Waffen uilo, nInsassen, und einen erlesenen Gcschniock bekunden, untergebracht, Zwei Räume mit Sammlungen von Fmitationen ans dem Ende des Kl, Jahrhunderts legen Zeugnis ab von der Geschmacksverwil- derung dieser Zeit, Damit ist absickstlich imd wirkungsvoll der Gegensatz hergestellt zu denr Abfchluß der Lammluug, zwei modernen Zimmern oon Albin Müller und Metzcndort, Das enic, ein Empfangszimmer, erhielt bei der Ausstellung in St. LouiS 1904 einen großen Preis, das zweite, ein pr-ichfiges Herrenzimmer, war aus der vorjährigen Iba und ist eine Sfiftmig des Ministers v, Krupp von Bohlen-Halbach, Ueber den neuen Rätlmen lviindct sich die Erneuerung der Gemäldegalerie, die wertvolle Neuerwerbungen von sdodler, van Gogh usw, enthält,
— N eu entdeckte Handzeichnungen italienischer Meister, Aus Leipzig wird genwldet: Ter
Bibliothekar Dr, Krocker entdeckte in der Stadt- bibliothek unter alten Handichriiten und Akten eine Sammlung von Handzeichnun g cn italienischer Meister aus der Spötremrissance und dem Barock, Unter etwa 2700 Blättern allein sind 135 Zeichnungen des Meisters Ber» n i n i^und etwa zwei Quartbäude prachtvollcr Federzeichnungen arm Salvator Rosa, Es ist interessant, daß die zwei Bände ans dem Beritz der Königin Christine von Schweden stammen.


