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Erstes Blatt
l64- Jahrgang
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Dienstag, . Februar 19^
Die heutige Nummer umfahr 12 Seiten.
Tageskalcnder aus dem Jahre 1814.
17. Februar: Napoleon schlägt die Russen unter Wittgen- stein bei Ptormant und Naiigis', südöstlich'von Paris. — Tie Papern unter Wrcdc erleiden eine Niederlage bei Villencuvc le Comte.
Die Verträge über ttleinafien.
Die deutsch-französische Abmachung über die türkischen Eisenbahnen und Finanzfrage n . ioelche die Form eines Abkomnrens z>oiscl)en der Deutschen Bank (die zugleich die Anatolische und Bagdadbahn- gesellfchast vertritt) und der kaiserlichen Otlomanischen Bank hat, ist setzt im Berliner Auswärtigen Amt von den beiderseitigen, also den deutschen und den französischen Unterhändlern paraphiert worden. Das bedeutet, daß die Unterhändler sich über das Slbkonimcii geeinigt haben, daß es aber noch der Zustimmung der deutschen und der sran- ösischen Regierung bedarf, die allerdings als sicher gelten ann. Doch bildet eine weitere Voraiisses-ung für das Inkrafttreten dieses Abkommens die Einigung beider Parteien mitdertürkischen Regierung, woraus aber ebenfalls mit Sicherheit gerechnet ivird. Endlich laufet! neben diesen deutsch-sranzösischen, deutsch-türkischen und französisch-türkischen Verhandlungen noch die deutschen g l i s ch e n, welche nach der vor einigen Tagen abgegebenen Erklärung des Premierministers Asquith ebenfalls dem Abschluß nahe sind.
Was den Inhalt aller dieser Abmachungen betrifft, >o werden sie erst amtlich bekanntgegeben werden, nachdem sie letzten Formalitäten erledigt sind. Tie Grundzüge der verschiedenen Abkommen sind jedoch schon jetzt bekannt. Zunächst verzichtet Frankreich aus die Beteiligung der Regie Generale des Chemins de fer en Anatolic an der Bagdad bahn , die bisher 30 Prozent der Anteile betrug. Tie französische Presse tut so, als ob das ein sehr großes Tpfer für Frankreich sei, aber es inuß bchacht werden, daß tcr französische Einfluß in der Bagdadbahn ohnehin nicht rer Kapitalbeteiligung entsprach. Weiter haben sich Teutsch- and und Frankreich über den Anschluß der geplanten sranzösischen Schwarzemecr-Bahn, für die Frankreich im Einverständnis init Rußland die Konzession von der Türkei erhalten hat, an die Bagdadbahn geeinigt. Dieses nordanatolischc Bahnnetz wird die Linien Samsun am Schwarzen Meer—Siwas—Diarbekir—Mardin mit einer nördlichen Abzweigung von Siwas über Erzerum nach Kars umfassen, wo der Anschluß an die russischen Bahnen cin- sept. Dieser Einigung zwischen Frankreich und Rußland entspricht die bei der Potsdamer Begegnung von 1910 erfolgte Bcrständignng zwischen Deiitsch'land und Rußland, derzufolge die Bagdadbahn an die von Rußland geplante t r a ns pe r s i.s ch c Bahn Anschluß finden wird. Endlich verzichtet Deutschland zugunsten Frankreichs auf jede Beteiligung an dem Bau von Bahnen in Syrien, das also ganz französische Interessensphäre bleibt. Zu diesen! Punkt soll offen zugegeben werden, daß aus deutscher Seite auch der Standpunkt mitsprach, daß die finanziellen Kräfte des deutschen Kapitals durch die
Fortführung der Bagdadbahn und ihrer Zweiglinien hinreichend und auf absehbare Zeit in Anspruch genommen sind.
Wenn aber französische wie englische Blätter schon jetzt vor der genauen Bekanntgabe des Inhalts der Abmachungen so tun, als ob die Vorteile hierbei nur auf deutscher Seite lägen, so ist das eine allzu durchsichtige Taktik, als daß inan sic ernst nehmen könnte. Sowohl Frankreich wie England haben ganz erhebliche Zugeständnisse erzielt, deren Abwägung im einzelnen natürlich nicht so leicht ist und zum Teil Ansichtssache bleiben wird, da hier überall Zukunfts- Möglichkeiten die Hauptrolle spielen. Jedenfalls eröffnen sich für Frankreich durch die Konzessionen zum Bau und zur Ausnutzung der Häsen am Schwarzen Meer und durch die Hascnkonzessionen sür Jaffa, Haissa und Syrisch-Tripolis am Mittelmeer weite Perspektiven. Was ferner England betrifft, so erklärt es sich zwar dainit einverstanden, daß die Bagdadbahii bis B a s r a ausgebaut wird, aber es hat eben sein „Bis hier her und nicht weiter!" ausgesprochen. Basra wird der Endpunkt drr Bahn bleiben, während big Weiterbeförderung nach Kowcit und zum Persischen Gols auf dem Wasserwege erfolgen inuß. Die von England übernommene Verpflichtung zum Ausbau des Hafens von Basra ist nur ein sehr mäßiges Pflaster auf die Wunde, umso mehr, da vielleicht die Gefahr vorlicgt, daß die englischen Schisf- fahrtsgesellschaflen auf dem Euphrat und Tigris durch verbilligte Tarife einen Teil des Verkehrs von der Bagdadbahn zu sich hinüberziehen. Es ist bisher noch nichts darüber bekannt geworden, inwieweit die Abmachungen einen Schutz gegen eine solche Konkurrenz von englischer Seite sowie gegen die gleiche Gefahr enthalten, die der Bagdadbahn mit ihren Zweiglinien etwa durch die künftigen französischen Bahnen drohen könnte.
Diese Fragen werden sich natürlich erst beurteilen lassen, nachdem die Einzelheiten der Abmachungen bekannt gegeben sind. Jedenfalls wird man schon jetzt mit Genugtuung die Tatsache feststellcn können, daß die Bagdadbahn ein deutsches U n t e r ne: h in e n bleiben wird, wie andererseits feststeht, daß dieses Bahnnnternehmen so günstig angelegt ist, daß sein Aktionsradius die aussichtsreichsten Gebiete umfaßt, die größten wirtschaftlichen, ja vielleicht, um das vielfach mißbrauchte Wort anzuwenden, unbegrenzte Mögliche leiten eröffnet. Tenn wenn: die durch die Bagdadbahn ein- geleitetc Kulturarbeit in der geplanten Weise sortschreitet, und wenn Deutschland und Frankreich,, die hier znm Neben - eiiiandcrarbeiten gezwungen werden, dies in praktischem und nüchternem, das heißt nämlich in friedlichem und versöhnlichem Sinne tun, dann könnte nicht nur Kleinasien das Land der unbegrenzten Möglichkeiten werden, sondern es könnten sich vielleicht auch sonst noch mancherlei bedeutsame politische Möglichkeiten ergeben.
Französische Pressestimmen.
Paris, 16. Febr. In einem Leitartikel über das deutsch-französische Abkommen über die klcinasiatischcn Bahnen schreibt der „Temps":
Die Grundlagen dieses Abkommens bilden die Ausschaltung Frankreichs aus der Bagdadbahn, also aus dem einzigen großen, trans- asiatischen Schienenweg. Ticses Ergebnis bildet ein entschiedenes Dementi aller derjenigen Reden, in welchen die sranzösisä>cn Minister seit zivöli Jahren behandlet haben, daß Frankreich an der Lösung dieser Frage teilnchmcn werde. Die französischen
Unterhändler in Berlin hatten die undankbare Ausgabe, den sür uns noch übrig bleibenden Rest halbwegs annehmbar zu gestalten. Jedenfalls bezahlen ivir die von dem rcichbeietztcii TUch gefallenen Brosamen, die inan sonst unentgeltlich erhalt, sehr teuer. Lange Jahre bellagenswerter Jrrtümcr haben uns in diese Lage gebracht: Frankreich, das auSgescholict, verringert und expropriiert ist, kann die Schuld an diesem kläglichen Ergebnis nur jenen beimessen, die in seinem Namen gesprochen haben. Es bleibt uns allerdings der Vorteil, daß ein Streitfall geregelt, und zwar mit Deutschland geregelt wurde, Gewiß, dadurch wird die Ko n fl i kt g e s o hr beseitigt und wir besitzen eine, glücklicherweise in der Minorität befindliche Schule von Tiplvnialcii, welche jedes Abkommen mit Deutschland, mag cs, um ivclchen Preis auch immer erkaust lein, für einen Sieg hält. Es ist dieselbe Schule, wclckte 1911 erklärte: Geben wir Deutschland den ganzen Kongo, das hat keine Bedeutung. Und da wir diesmal kein französisches Gebiet abtretcn, werden unsere Triumphatoren noch leichteres 'Spiel haben. Diese Geistesverfassung entspricht keineswegs der der Nation. Das französische Bolk suhlt sich noch nickst so herabgckonrmen.
Das „Journal des Töbats" schreibt:
Man bcobacküet in den hieiigen diplomatischen Kreisen dieselbe Zurückhaltung wie in Berlin. Immerhin erklärt man, daß Frankreich durch das neue Abkommen keine Reckte, iondcrn lediglich Öoss- imngcn miigibl. Deutschland habe dank seiner Expansionsfähigkeit versucht, sich in der sranzösischen Einslußzone festzusctzen und hätte dies auch vielleicht zuwege gebracht. In Kleinaiien feien eben die Wege dunkel und unbestimmt, weil die Pforte häufig verschicdciicn Ländern dieselben Konzessionen bewilligt habe. Es war also das beste, sich zu verständigen. Indem wir den Deutschen eine Zone zuerkannt haben, sichern mir uns die unirige, in welcher sic in mehr als einem Punkte sich sestsetzen. Am besten lvar es also, alles in allem genommen, daß man an einer bisher offen gebliebenen Tür einen Riegel vorgeschoben hat.
Eine italienisch-türkische Einigung.
Rom, 17. Febr. Bestein Einvernehmen zufolge ist zwischen der Türkei und Italien eine volle Einigung über die von Italien in K l e i n a s i c n verlangten Konzessionen erzielt worden. Tic 12 Inseln werden unmittelbar nach Unlerzcichnung des Einigungsprotokolls geräumt werden. Der Abschluß der Verhandlungen ist in wenigen Tagen zu erwarten.
Russische Zwangsvorstellungen.
Stockholm, 17. Febr. Das „Tagbladet" wendet sich gegen die Verdächtigungen der russischen Presse, wonach Schweden durch die wirtschaftliche Abhängigkeit, in der es sich von Deutschland befindet, auch in politische Abhängigkeit geraten sei. „Togbladct" meint, die russische Presse leide unter Zwangsvorstellungen über deutsche Jntrigucn. Die Ansicht, daß die Rüstungen Schwedens zur Unterstützung Deutschlands bei einem Angriff von Rußland dienen sollten, sei ein Hirngespinst.
ve«ts-he» Reich«
Der Kaiser besuchte am Montag vormittag den Reichskanzler v. Bet hm ann Soll weg.
Erkrankung des Kronprinzen. Der Kronprinz ist an einer Mandelentzündung erkrankt. Auch die Frau Kronprinzessin mußte am Samstag wegen einer Erkältung ihre Teilnahme an dem Diner beim Reichskanzler absagen. Bei dem Kronprinzen ist in der Nacht znm Montag das Fieber gewichen arnd gs ist eine aUgemcine Besserung seines Zustandes eingetreten. Die Kronprinzessin hat die beabsichtigte Reise nach Berlin verschoben.
5täi>tel'al!-Allsstk0ung.
im Hessischen K u n st v c re i u.
Seit einer knappen Wockst bergen die Räume des Gießener Kunftvereiiis im Turmhaus am Brandplatz die A u s st c l I u n g für kü ii st l e ri sck> en Städtebau in sich, mit der bekanntlich das denlsche Mniciini sür Kunst in Handel >md Gewerbe aus der Genter Weltausstellung die goldene Medaille errungen bat. Mit vieler Mühe und Liebe ist das Anschauungsmaterial dieser Wandcriammlung, die eine Einwicklnng des künstlerischen Sehens im Städtebau veranschoulickien will, zusamniengctragen worden, ein paar hundert große Photographien von zum Teil hoher und crsreulickicr technischer Qualität bieten prächtige Beiträge sür die au) Schönheitssinn und Raumharmonic gegründete Bauweise meist früherer Zeiten, führen die Mittel vor Augen, die — selbst bei schwierigem Gelände, in besonderem Rahmen und bei der gleichzeitigen Beriolgung von praktischen Zwecken oder künstlecisckien Ncbenausgaben — hohe und vollendete Wirkungen eines Kunst- loerkes erreichen lasten, und leiten ungemein glücklich zu künstlerischem Sehen an, dessen Notwendigkeit sich bei dem großen Laienpublikum, aber auckr bist oieteit berusen sein Wollenden nach nicht in die Tat nmgesctzt bat. Hier harrt der Wanderausstellung eine ungemein dankbare Ausgabe und man dürste von ihrer Laus- bahn, die so sehr glorreich in Gent begonnen hat, nun hosientlich dnrcki recht viele deutsche Städte geht und auch über die Kölner Werkbundansstellung iühren ioll, reichen Segen erwarten, wenn — ja wenn sie aus Humus stieße ilnd nicht an! steiniges Land, worunter der p. t. Leser einen gottsjämmerlichen Besuch, wie den hier in Gießen, verstehen möge. Es ist für die Leitung des Knnswcreins sehr betrüblich und ihrem Streben, Schönes und Mchl-Alltägliches nackt Gießen zu bringen, kein Ansporn, wenn sie erwartetes Entgegenkommen durch zahlreichen Besuch ihrer Vcianstolningcn misten muß und fein Verständnis linder. Die Städtebau-Ausstellung ist außer in bient nur in Bremerhaven gewesen, Gießen hekonimt sie also mit an erster Stelle ebenso wie eine nahe bevorstehende Ausstellung suturiltilcktcr Gemälde, deren Art man in Mittel- und Kleinstädten ja fast überhaupt noch nicht trifft:. Sic bietet dem Architekten eine Menge Anregungen und ebnet auch dem einstußreichen und eiistacktcn Laien die Wege zum Eindringen in die Baukunst, was auch in Gießen »ock> feite vonnöten ist. Als Bcloeis dasür seien der verbaute Bahnboi und das neue Reicktsbankgebäudc genannt, daS mü der Hauptsastade an einene Bach steht. Aus einer Zeit gedankenlosen Zulammen- würselns aller Stilarten, des maßlosen Bcrvutzcns und der ausschließlichen ZwecknräßigkeitS-Bewnung sind wir ja längst heraus, viel Sinn für Schönbeit der Linien und Harmonie der Flächen im Raum, mel Geschmack sür die Wertschätzung der Echtheit des Materials ist beute vorhanden. Nun wäre in allen Stodtverwat- tungcn noch ein Städtebauer erwünscht, dann hätten sich tue Beengungen sür eine kunstwürdige Entwicklung des städritckxni Bürens zusammengesunden, —
Ach den Reichtum der Ausstellung mögen einige kurz um- rissene Andeutungen weisen. Eingangs ist eine Anzahl Bilder von antiker Bauweise mit der Uebestchrift versehen: Körper sehen verlangt Eckstellung, lvomit dem Beschauer gleich eine Regel deS künstlerischen Sehens und Genicßcns an die Hand gegeben wird. Wir schauen da daS Ercchtheion mit der Cbariatydenhalle in Athen, kleine Tempel aus der Akropolis an sich und rn ihrem ränm- licktz-n hineinkomponicrtsein in die bauliche Gesamtheit, Reste emeS antiken' Theaters, dann eine Art Best-ltigung harmonisch dem Fellen an-'und eingebaut. Wie bedeutend für das Körpersehcn dre Eckttcltunq ist, veranschaulicht Bild t9l>, wo die Räumlichkeit des frontal ausgenommcncn Tempels nur durch den Ausblick, den die dorischen Säulen aus die Scüenwände gewahren, Wirtin- iit'dcbi'ii wird SCtte die abgebildeten griechischen Bauten beweisen das seine Raumgefühl der Antike und iln B-llangen nach harmonischem Zusammcnklang. Deshalb mach, lich überall IN der Bauweise und der Art des Baues die Rucklicktnahmc au, die Umgebung geltend: mag es sich um dre Anlage eines Tcmpelkom- vlcres bändeln eines Stadtteiles oder einzelner Bauten au, )rei sich erhebendem Gelände oder an Hängen, die von Vergingst,Vs überragt werden oder dos Bauwerk geradezu IN ,ich allsneltznen — Wie nun zu der Eckstcllung des BelckaucrS die Eckbetonung der Gebäude hinzutritt, UNI das Körper,ehe» zu verstärken, daiür ivreck-n meines ErackstcnS die ohne innere Notioendigkeit neben die Tafeln der antiken griechischen Denkmäler links angererhten Bilder der Sauptwache in Potsdam oder der dortigen -chloß- straße Slui diesem wirkt der IN Frage kommende Bau als Abschluß zweier Häuserreihen und.wird m seiner Betonung durch den freien Spielraum des Platzes davor xehr gehoben. Dasselbe gilt von den, Amsterdamer Bild (55). wo der mächtige, langgestreckte Bau die breite Straße links ungemein hebt, durch einen Eckturni wuchtig bewnt wird und rechts nach dem baumbestandenen Platz zu ein Portal mit breitausslicßcndcr Treppe zeigt. — Ein zweiies Gebot, daß Raumschen Slxialität unb Flächigkeit verlangt, wird an Bauten aus Rom, Byzanz imd dem Qrient erläutert. In dicleilt Zusammenhang bietet sich uns Konstantinopel init der überragenden, vmi 4 schlanken SRinarets flankierten Hagia Sophia, als abendläitdisches Beispiel die Porta Nigra in Trier. — Süc tie Bewältigung und Ausnutzung des Wallers im Stadthildc licsern Danzig, Dresden, Kopenhagen, Skmsterdam imd Venedig die Vorbilder. Wie smnvs passen sich diese kleinen ernsten und dann auch gewichtigen Häuser und Gebäude in die Straßenanlage, wie in die Wasterwcgc hinein! Wie vereint sich alles bei den nordischen Städten zu einem stiMinungs^eschwängertcn Ganzen, dos stckt besonder-- zur Wiedergabe durch die Schwarz-Wciß-Kunst eignet, loic nmiestätisch harmoniert die breite Elbe bei Dresden mit dem herrischen AuMick aus Schloß, Theater und Bauten der Drüblschen Terrasse, wie sonnig-heiter laßt Venedig seinen Canalc lbrande ein und zeigt ihm durch die hochgekuppclte Santa Maria dclla Salute die Nähe der Riva degli Schiaooni an! — Bewältigung und Ausnutzung von Bodenerhebungen, heißt das
nächste Thema. Hervorragend hicrsür ist das Bild von Rothenburg (30), wo abfallende und ansteigende Straßen durch Tortürmc abgeschlossen sind und die Austncrksamkeit von der Unebenheit des Geländes durch das schinalgieblige, holzverschnürtc Eckhaus abgclenkt ivird. Sehr interessant sind auch hier die wunderbaren Ausblicke aus tz>en Hradschin (Prag) von der. Moldau aus und aut die
— wie mir scheint — makedonische Kirchcnanlagc (22) und mit dem sich dem felsigen Hang cntgcgenstcmmcndcn Turm, der i» die ausladende Tiefe grüßt. Das Bild von Erfurt (28t zeigt die Betonung der gotischen Majestät durch die rechts stehende Kirchcn- tastadc mit dem dreistngrigen Getürni. Sluch dos Limburger Beispiel (25t ist sür die Einsügung einer eigensinnigen Felsauswuck- tung als bebautes Gelände ins Stadtbild lehrreich. — Für die Betonung pon Gebäuden durch Silhouette lind vor allein Turmbauten maßgebend: io in Worms, Naumburg, Maria Laach, der wunderbare romanische Bau der St. Aposteln in Köln, der Tom in Freiburg, der Straßcnausblick mit Turmabschluß in Danzig, das prächtige, in der Struktur vertikal gehaltene Raihaus niit dem Eckturm in Thorn, die turmchse Metzer Kathedrale, ein Bau französisckier Hochgotik, und der Hildesheinicr Klosterhof mit dein Kirchlein. — Andere PttzKographien erläutern die Zwcckiormcn des Städtebaus: die Anlage von Arbeitrrhäusern, -ochuppengebäu- den, Speicktcrn und Besestigungsloren. — Raumbildung in, Block- inneru zeigen dann weiter vor allem der Klosterhoi in Hildesheim und der Brannichwoiger Stadtteil, dessen Akzent das prachtvolle, mit J-achwerk verzierte, ausgeschichte, nach oben ausladende Gebäude trägt. — Ein Bambergcr Hans (71' mit Turm in Barock »nd Rokoko als Brnckenkovi und das Breslauer gottschc Rathaus sind Beispiele iür die Betonung von Gebäuden durch die Lage.
— Sehr reichhaltig ist das Material sür Raumbildung in der Straße, hervorgehoben seien aber nur die Laubcngänge in Münster i. Wesst, und der Ponte di Rialto in Venedig. — Um zum Schluß zu koimnen, seien weitere Prinzipien sür den Städtebau lediglich angeführt: Raumbildung durch'Straßenabschlüsse, durch Straßcn- teilungen (Tore in Berlin und Potsdam, Verbindungsbogen ln Lanbsbut), bei mittelalterlickten Platzaniagen iwunderbarc Anlage in .halbeistad», axiale Raumbildung in Spanien (Sllbgmbra mit dem Löwen ho» und Italien, Plastik iin Städtebau iReiterstand- bild deS Großen Kurlürstcn Höfe unb Garten der Renaissance ^Kasseler Qrangeric), der Barock als Durchdringung romanischet Rmimkunst mir germanischem Körperseben (Zwinger und Krcuz- kirchc in Dresden, Schönbrunner Schloß und Gartenanlaqen) und die Slxc als Prinzip der Rauinverbindung i Sanssouci in Potsdam). — Aus allem ist wohl die Reichhaltigkeit und die <V« dankensüllc dieser Sammlung, die überall cktaraktcristischc B-i- spiele aus der Unzabl guter baulicher Erscheinungen ausgewählt hat, zu ersehen, die Möglichkeit vielfacher Anregungen zu ahnen.
Geora Marguth.


