Nr. 25
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Jlerutpred) - Anichtühe : iäv bte Redaklio» II», 5er!a<i n. Expedition öl Adresse Sir Deve letzen: Anzeiger (tieften. Annahme von Anzeigen iiir die Soflesmtmiuer bis vonnillags 9 Uhr.
Erster Blatt ft4- Jahrgang Mittwoch. 28. Januar IW
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Rotatjoordnttk uni» Verlag -er vrihl'ichtn Univ.-Such- unö Steindruekerei R. Lange. Heöattion, Lrpedition und Druckerei: Schulftrahe 7.
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monaÜich75M„vieriel- jährlich Mk. 2.20: durch Abhole- u. Zweigstellen inonatlich 60 Pi.: durch diePost Plk.2.— viertel» fährt. ausschl. Bestellg. ZeilenpreiS: lokal IS Pi, auswärts 20 Plenniq. Chesredakleur: A Goetz. Verantwortlich iür den volit. Teil: Aug. Goetz: iür .Feuilleton', ,Per- miichieS' und.Gerichts- inal": Karl Neurath; iür .Stadl und Land": Kurt Bendt; iür den Anzeigenteil: tz. Beck,
Die heutige Nummer umfaht 10 Seiten.
Die französische Armee.
Das Heerwesen Frankreichs ist in den letzten Monaten zahlreichen Aendernngen unterworfen gewesen, über die es häufig schwer war, zuverlässige Nachrichten zu erhalten. -Bieljack, widersprachen sic sich auch. Es ivar auch schwer, sestzustcllen, was nur geplant und vorgeschlagen und was »atsächlich eingeführt war. Dadurch wurde ein Pergleich .zwischen deutschen und französischen Heeresstürken, Organisation usw. erschwert. Da ist es denn mit Freude zu begrüßen, daß von dem Buche: „Tic französische Armee" eine neue Auslage erschienen ist, die ein zuverlässiges, über- sftchtltches Bild über den jetzigen Zustand dieser Armee gibt (Mittler u. Sohn). Das Buch ist zwar anonhm erschienen, man geht aber wohl nicht seht, wenn man den oder die Verfasser im Generalstabsgebäudc sucht. Dadurch gewinnt das Buch an Bedeutung. ES enthält also die Ansichten. die an maßgebender Stelle über die französische Armee herrschen und 'lmt die vielen: Quelle» und Nachrichten, die dort zusammcnströmen, benutzt. s
Danach stellt sich aus Grund der neuesten Wehrgesctzc die Friedensstärke der französischen Armee folgendermaßen: Die Friedensstärke wird, ivie bisher, je nach den Rckrntie ruugsergebnijsen schwanken. Bon: Herbst 1916 ab wird sie im Jahresdurchschnitt etwa 710009 Mann zum Dienst mit der Wasfe und 50000 Mann zum Dienst ohne Waffe betragen. Dazu kommen noch in Algerien, Tunesien und Marokko mindestens 60000 Mann Arabertruppen und Fremden- legionärc und 13 000 Mann Senegalncger. Die gesamte Armee wird demnach im Frieden durchschnittlich etwa 833 000 Mann (darunter 50 000 Mindertauglichei stark sein, dazu noch 33 000 Offiziere und Beamte. Tie Zahl der llnter- offiziere betrug bisher etwa .58000, darunter etwa 40000 .Kapitulanten. Ta mit 20 Jahren nur die körperlich voll- entwickelten Mannschaften eingestellt, die anderen zurückgestellt werden sollen, wird die Friedensstärke bis zur vollen Durchführung des Gesetzes, bis Herbst 1916, geringer sein und im Jichresdurchschnitt etwa betragen: 660 000 PBamt zum Dienst mit der Waffe, 47 000 Mann zum Dienst ohne Waffe, 73 000 Mann Arabertruppen und Senegal ueger, zusammen: 780000 Mann gesamte Friedensstärke. Eine Skeigerlmtz. der Friedensstärke durch Vermehrung der dt api tu lau len ist zu erwarten. Die Anzahl der alljährlich in den Beurlanbtenstand übertretenden Mannschaften erhöht sich nicht. Sic wird weiter rund 200000 mit der Waffe Aus- gebildcte betragen. Eine iveitere Verstärkung der Wehrmacht ist nur noch durch die Vermehrung der Farbigen zu erreichen.
Die französische Infanterie zählt im Frieden, abgesehen von den in den Kolonien stechenden Kolonialtruppen: 669 Bataillone mit 2722 Kompagnien (einschl. der Depot- Kompagnien der fremden Regimenter). Im Möbilmachungs- fall werde,, an Reservesormationen ausgestellt: 173 Rc- scrve-Jusanteric-Rcgimveilter zu 2 oder 3 Bataillonen, 4 Rc- serve-Zuaven-Regimentcr und 31 Reserve-Jäger-Bataillone. Die Kavallerie besteht aus 93 Regimentern mit 378 Feld- und 87 Depot-Eskadrons, die Feldartillcrie aus 648 fahrenden Batterien, 16 reitenden Batterien, 19 Gebirge- und 21 schiveren Fcltchaubitz-Batterien, zusammen 704 Batterien. Rach Durchführung der dreijährigen Dienstzeit sollen neu formiert werden 12 fahrende, 14 reitende, 2 Gcbirgs- und 15 schwere Batterien (zusammen 43), so daß sich dann eine Gesamtzahl von 747 Batterien ergeben würde. Bei der Mobilmachung stellt jede fahrende Abteilung eine (bgenanntc Perstärkungsbatterie auf; 6 dieser Batterien treten zum aktiven Armeekorps, die überschießenden werden den Reserve-Divisionen zugcteilt.
Im Kriege besteht die Feldarmee ans 22 Armeekorps. Davon steht c,ns (das 19.) in Algier, das 21. wird am l. April 1914 ans schon vorhandenen überschießenden Truppen gebildet, das 22. ist das im Mntterlande stehende Kolonialkorps. Tie Zusammensetzung dcS mobften Ärmee- korps unterscheidet sich in folgenden Punkten von dem deutschen. Tie Artillerie ist nicht ganz aus die Divisionen verteilt, sondern cs besteht noch eine Korpsartillcric von 4 Abteilungen (ä 3 Batterien zu 4 Geschütze»;, zusammen: 48 Geschütze. Der Division sind 3 Abteilungen zugeteilt (9 Batterien mit 36 Geschützen). An Kavallerie hat das Korps nur ein dem Generaltommando unmittelbar unterstelltes Regiment von 6 Eskadrons, davon wird wahrscheinlich jeder Division eine Eskadron zugeteilt werden. Jedem Armeclorps ivird eine Reserve-Jnfauterie-Brigadc von 6 Bataillonen und 6 Batterien zugetcilt. Demnach besteht das Korps aus 30 Bataillonen Infanterie, 6 Schwadronen und 36 Batterien (144 Geschütze). Zum Vergleich sei angeführt, daß das deutsche Armeekorps aus 24 Ba- iailloueu Infanterie, 8 Eskadrons, 24 Batterien (144 Geschütze) besteht. Das französische Korps ist also um 6 Reserve- Bataillone überlegen. Tie Artillerie ist der Geschützzahl nach gleich, aber in eine größere Zahl von Batterien gegliedert. Schwere Artillerie besitzt das Korps nicht. Diese ist als schwere Artillerie des Feldheeres ans die Armeen verteilt. Be, uns gehört zu jedem Korps ein Bataillon schwerer Fcldhaubitzcn (l5-Ztm.-Kaliber, 16 Geschütze), — Es werden außerdem etiva 20Reserve-Divisionen ausgestellt, von denen einige als Haupt-Reserve für die Festungen Bel- foit, Epinal, Tont und Verdun bestimmt sind. Tie übrigen Reserve-Divisionen werden, wie die aktiven Armeekorps, in vorderster Linie verwendet und gehören zur Feldarmee. Daneben besteht noch die Territoriäl-Armee, die zum Schutz von Algier bestimmt in. Sie entspricht etwa unserer Land-' wehr, die Reserve kuw Territorialarmee dem deutschen Landsturm.
Die Einführung.der dreijährigen Dienstzeit ohne Ausnahme für alle wehrpflichtigen und wehrsähigen Leute ist für die Ausbildung der Reservc-Ofsizierc von großer Bedeutung gewesen. Einjährig-Freiwillige gibt cs nicht. Es kann sich jetzt jcderuiann nach einer Dienstzeit von 6 Monaten, zu einer Reserveosfizicr-Aspirantcn Prüfung melden, wenn er sich vcr pflichtet, als Reserveossizier alle zwei Jahre eine Uebnng abziileisten. Wer die Prüfung besteht, kommt das '2. Tiensl- jahr zu einer besonderen Ausbildung auf eine Schule. Nach Beendigung dieses einjährigen Unterrichts erfolgt die Ernennung zum Rcscrve-Osfizieraspiranl. Nach weiteren 6 Monaten Dienstzeit in d^r Truppe wird der Aspirant zum Unterleutnant der Reserve befördert und beendet in dieser Stellung sein letztes Dienstsahr. Für die Schüler des Poltztcchni- kums sowie einiger anderer Hochschulen sind besondere Bestimmungen erlassen. — Durch diese Bestimmungen ist die Ausbildung der Reserveofsiziere erheblich besser geworden, der militärische Wert des Reserveofsizierkorps bedeutend gestiegen. Die jungen Leute besserer Krcisi! haben natürlich alle den Wunsch, das 2. und 3. Dienstjahr nicht als Gemeiner in der Front, sondern unter angenehmeren Verhältnissen als Rescrveosfizicraspirant und als Unterleutnant der Reserve abzudiencn, sie nehmen dazu auch die Unbeauemlichkeiten der mehrfachen Uebungcn gern in Kauf. Der Gesamtbedarf an Reserveoffizieren ist durch zur Zeit beinahe ganz gedeckt.
Die Mannschaften des Beurlaubleustandcs werden in großem Umfange zu Uebungcn cingezogen. Jeder Reservist ist zu Uebungcn zu 23 und 17 Tagen verpflichtet. Befreiungen von Hebungen finden nicht statt. Jeder Mann soll möglichst in demselben Feld- oder Reservclruppentcil üben,, für den er im Mobilmachungsfall bestimmt ist, dementsprechend wird die erste Uebnng stets in aktiven Truppcnlcilen abgclcistet, die zweite Uebnng grundsätzlich in besonderen Reservefor
malionen. Für die Uebungcn der Territorialarmee sind ähnliche Bestimniungcn gelrofscn. Tic Rcservcregimentcr üben ans den Truppen Ucbungsplätzcn. Sic erhalten dadurch einen festen .Halt, daß sie jedesmal in gleicher Weife unter den gleichen Offizieren und dem gleichen Untcrosfizieren zusam- mentrclen, wie im Kriege. Hierdurch, sowie durch den Um stand, daß fast alle Bataillons- und Kompagniesührer aktive Offiziere sind und daß die Reserveofsiziere jetzt eine treffliche Ausbildung erhalten, ist sowohl der innere als auch der taktische Wert der französischen Rescroesormationen gegen früher erheblich gestiegen. Das ist namentlich aus dem Grunde von hoher Bedeutung, weil man einen Teil den aklivcn Armeekorps zuweisen will.
Alle diese Maßregeln zeigen, mit welchem Eifer die Franzosen bestrebt sind, ihre Armee nach Zahl und Tüchtigkeit zu vermehren und zu verbessern, sodaß diese für uns eiwcii sehr starken und beachtenswerten Gegner darstellt. dessen Bekämpfung auch unsererseits alle Änstrcngungen erfordern wird.
Deutschlands Schiffbau im Jahre
War schon das Jahr 1912 für die deutsche Schisfbau- industric ein weit günstigeres als alle Vorjahre, so ist nunmehr, wie in Heft 2 der „Zeitschrift für Binnenschiffahrt" mitgeteilt wird, das Ergebnis von 1912 von dem des Jahres 1913 noch um einiges übertroffen worden. Nach der Statistik des Germanischen Lloyds waren im Jahre 1913 nicht weniger als 1570 Schisse mit 1578771 Brutto-Re.g.-Tons im Bau. Darunter befanden sich 523 Dampfer mit 1355 954 Brutto-Reg.-Tons, 169 Motorschiffe mit 50259 Brntto-Reg.-Tons und 746 Segelschiffe und Schisse ohne eigene Triebkraft mit 123 754 Brutto-Reg.-Tons, zusammen also 1438 Schiffe mit l 529967 Brutto-Reg.-Tons. Dazu kommen noch für deutsche Rechnung im Auslande 15 Dampfer mit 26 967 Brutto-Reg - Tons, 9 Motorschiffe mit 773 Brutto-Reg.-Tons und 108 Segelschiffe mit 21064 Brntto-Reg.-Tons. Im Jayrc^19t2 betrug die Gesamtzahl 1617 Schisse mit l 570368 Reg.-Tons, so daß die 1913 im Ban gewesene Schiffsräumtc die vcm>
1912 noch um ein halbes Prevent übcrtrifft. Fertig- gestellt wurden 1913 1039 Schisse mit 566 000 Brutto- Reg.-Tons. Darunter befanden sich 1017 Handelsschisfe mit 510140 Tons »nd 22 Kriegsschiffe mit 55 860 Tons Dagegen befanden sich im Dezember noch im Bau 502 Schisse mit 1 OG! 234 Tons, darunter 470 Handelsschiffe mit 900314 Tons und 32 Kriegsschissc mit 105 920 Tons.'
Was die Zahl der im Auslande für deutsche Rechnung fertiggestellten Schisse betrifft, so ist eine sehr erfreuliche Mnahme festzustellen, nur soweit Motor- und Segelschiffe über 100 TonS in Frage kommen, ist eine Zunahme zu verzeichnen. ihnen Rückgang von mehr als 50 Prozent haben die im Dezember im Ausland im Bau befindlichen Schisse gegen 1912 erfahren; während es im Dezember 1912 noch 55 Schisse mit >4147 Tons waren, bettng INI Dezember
1913 die Zahl der cm Ausland bestellten Schisse mir noch 29 mit 6537 Tons, wobei cs sich außerdem nur um kleine Küstenschiffe und Flußschisse handelt.
Dcutfdit» Reich.
Der Bundesrat wird, wie verlautet, sich im Lause des Februar mit dem Anträge des Reichstags auf Aufhebung des Jesuitengesetzes beschäftigen, nachdem in den letzten Wochen innerhalb der Bundesregierungen über diese Frage Besprechungen stattgefunden hatten.
Rach de,n Arbeitsplan despreuß. Abgeordnetenhauses ist beabsichtigt, am Mittwoch And Donnerstag die Voranschläge für die landwirtschaftliche Verwaltung, Gestüt und Tvmäncnverwaltnnq zum Abschluß zu bringen und am Freitag mit dem Justizvoranschlag zu
Gietzener Stadtthcater.
Krieg im Frieden.
Gießen, 28. Jan.
Zur Feier von Kaisers Geburtstag wurde gestern abend vor ausverkauffem Hause Mosers und SchönthanS Lustspiel Krieg r m F r i c d c n autgrstihrl. das l. Z. überall mit außergewöhnlichem Erfolg gegeben wurde. Auch heute hat das liebenswürdige Stück noch nichts von seiner heiteren Wirkung cingebüßt, wofür das herzliche Lachen, das den ganzen Abend über das Haus durchklang, den besten Beweis erbrachte.
Tie Darstellung, die von .Herrn G o l l geleitet wurde, holte alle Möglichkeiten aus deni Werke heraus und war nicht unwesentlich an dem starken Hcitcrkcttsersolg beteiligt. Zwar blieben einige Fehlgriffe, wie sic bei Aufführungen in Uniformen leider immer wieder Vorkommen, auch gestern nicht aus, aber das ist nicht ausschlaggebend, wenn cs auch dem Kundigen unangenehm auffällt, wenn ein Adtutant in Schärpe und Feldbinde austritt und was- dergleichen mehr war. .Herr B o l ck gab cincn licbens- würdigcn, ängstlich besorgten Sicindors in der fernen subtllcn Art. die wir so sehr an ihm schätzen, Frl. Frcnzel stand ihm als Gattin macker zur Seite. Eine kavriziösc, wilde Ungarin schul Frl. L i n d c ck mit warmer Leidcnschast und sprudelndem Temperament. Entzückend wie stets, war Fron Sonntag-Blume als liebesgtückliche Agnes. Ten übereifrigen, etwas beschränkten Stadtrat Henket svielie Herr Gott mir so viel seiner Komik, daß er bei ostrner ^zene lebhaiten Beifall erntete. Ms seine Tochter Ellse zeigte sich Frl. D g g n v wieder von ihrer vorteilhaftesten Seite. Ein prächtiger General war Herr Schubert. Seinen Adjutanten gab Herr S t c i n h o s e r forsch und frisch. Doll sieghaften Glücksgefübls war der Stabsarzt des Herrn Bruäl witz. An sich vortrefflich, aber durch Unpäßlichkeit stimmlich leider stark bchindrtt, war Herr Rotteck als Reif-Reislingen Emen mächtigen Apotheker bildete Herr Grosser, voll schücch- <einer Berliebtbcit. Ti4ff wirkungsvoll war der polnische Bursche, den Herr Gros scr-Braun in ttcfstichcr Maske aus die Bretter stellte. Der Abend wurde cingeleitet durch das Vorspict zu Tann Häuser, das dir Regimentskaoelle unter Leitung des Herrn Ober- ;ruu,'ikmerstcrs Löbcr sehr sorgfältig wiedergab. Daran schloß sich d,c Nische Rede des Herrn Obersten T r o t ta, gen. T rep de n.
in der er besonders das herzliche Einvernehmen zwischen Bürger- schast und Militär hervorhob und ans die Bedeutung des vergangen neu Jahres t nwies, Seinem Hoch, das ftcudig ausgenommen wurde, folgte d>: Nationalhymne. N.
London ohne Hohlen!
London, Ende Januar.
Eine triviale Sache, — und doch: welch eine iatale Ge- sckßchte ! London ohne Kohlen, und noch dazu in der schneidendsten Kälte! Sonst ist der englische Winter fast stets regnerisch und warm, diesmal aber hat er sich vorgcnommen, sttcng zu sein Ivie schon seit Jahren nicht. Tic Londoner sind jedoch daraus st> wenig eingenchtct wie auf einen heißen Sommer. Und die Ironie der Tinge will cs. daß mehr als l00l>0 Kohlcnfuhr- leute der Themscstadt inst im sroglichen Augenblick ZN streiken beginnen, NM cincn Pcnnh mehr Fnhrlohn per Tonne zu erhallen ! Wir gönnen ihnen den Pcmu> gern, sogar zwei! Wer hätte auch ahnen sollen, daß diese 10 000 Srbwarzea so unentbehrlich sind, daß ohnr sie hier aller außer Rand und Band gerät? Denn Furchtbares machen wir letzt durch. Ei» ;eder .Haushalt ist desorganisiert. Die Keller sind hier zumeist so klein, daß sie nur wenig Fencrungsmatcrial zn fassen vermögen. Daher trifft dieser Schlag fast cincn jeden unvorbereitet. Und da Großbritannien mit allen Fasenr so am Alten hängt und cs sich erst jahrelang überlegen muß, che cs eine Neuerung ans dcni vcrvönten stlnsland rinsührt, sind wir hier noch immer gut das offene Kaminscucr mit all seiner Schönheit, aber auch mit all seinen Launen und Tücken angewiesen. Wenn es gut aufgelegt ist, kann cs ja recht traulich und poensch sein, aber wenn ihm das Londoner Klima nickt ganz bebagt, ivill cs einen nicht warm werden lassen, sängt ganz infernalisch zu rauchen an und bedroht uns mit Ersticknngsansällcn. Bis aus die unerschwinglich teuren Gasösen hoben jedoch alle sonstigen Heizungen mehr oder weniger traurig Schiffvruch gelitten, denn die guten Londoner können und wollen nun einmal nicht ohne die „dear old sircside", ohne das Tickens-Kannnseuei existieren. Und da must dieje Ko lamität eimretkn und der Kohlcniuhrmann ausblcibcn! Ein wahrer Run wird auf alle Kohlcnläden untcrnonnnen. Scharenweise strö- nien die Leute und laden Kohlen in alle möglichen und unmöglichen Vehikel, sogar in Kinderwagen! ÄUI den Stationen schau- seln die .Kvntorteamtcn der Händler Kohlen! Aber was nutzt
das alles? Teo lgrößtc Teil bleibt unbesördert liegen. Und in unserer Vcrzweiilung greifen wir zum Holz.
Heute morgen haben wir den ersten .holz „Run" mitgemacht. Eine ganze Reihe von Cityherren in tadellosem Schwär,rock und Zylinder eilt mit verängstigten Gesichtern und verfrorenen Nasen herbei. Ein jeder kauft so viel Holz auf, wir er nur ichlcvocn kann, denn es find ja leine Träger und Fuhrleute da. Eine icll- famc Prozession hebt an: die eleganten Herren'tragen ein jeder riesciihaltc Holzblöckc unter beiden Armen ihren Wohnungen zu. Ganze Familien mit den Dienstboten, mit Kind und Kegel rücken aus, um möglichst große Holzvorrätc heimzufchleppen — wer weiß, ob man in den nächsten Tagen auch nocki Lol; bekommen kann! Und die Aussicht zu erfrieren ist gerade keine tröstliche und bringt alles aut die Beine. Ja, cs ist einsgch nicht auszudenkrn, was noch geschehen kann, wenn die Kohlcntnindlcr ihren Fuhrleuten nicht diesen einen dummen verwünschten Penny bewilligen wollen! Wie die ganze S.iebenmillioncnstadt nicht nur zulwiise, sondern auch in den Kontors, Lädrn, Rcstaurants. die säst alle dem Kamin- scuersport lwldigcn, unsäglich leiden muß!
Von diesen trüben (bedanken erfüllt und vom Frost geschüttelt, verbringen wir bange, bitterböse Stunden, während wir out die bestellten Kohlen warten, die jetzt weder Geld noch gute Worte herbeischaffen können. Unser erster Blick aus die zahlreichen Zei- tungsausgobcn gilt den Nachrichten vom „Tlrcikichauplatz". Doch der verwünschte Pennp ltzilt die hadernden Parteien auseinander, und die ersrenliche Aussicht aus cincn Sonntag ohne Kohlen eröffnet sich uns. Da pocht cs Unten an die Tür. Wir eilen ans Fenster. Tie Kohlen sind's! Allerdings nur ein ganz bescheiden Säcklein, aber dennoch — Kohlen! Noch nie zuvor hat das Gepolter dcr in den Keller rollenden schwarzen Brocken so lieblich an unser Ohr gedröhnt. Noch nie zuvor haben wir für unseren Kohlenlicscranten so lies empfunden, seine Unenlbehrliaffeit io zu würdigen verstanden! Zwar beginnt dos Elend in ein vaar Stunden wieder, denn das kleine winzige Säcklein hält nickt lange an. Inzwischen aber können wir uns dcr angenehmen Illusion hingeben, den Streik — „besiegt" zu hoben!
Karl Wichmann.
— Kurze N a ch ri cht cn aus Kunst und Wissenschaft. Ter a. o. Professor der deutschen Svrachc und Literatur an der Universttät Königsberg i. Pr. Dr. Georg Bacseckc ist zum ordentlichen Proscffor ernannt worden.


