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Nr. 1b

Drittes Blatt

Jahrgang

Erscheint »glich mit Ausnahme des Sonntags.

TieGietzener.^aaitlienblättek" werden dem

.Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Kretsdlatt ffir den Kreis Siehe«" zwennal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen Seit-

sragrn" erscheine» nionatlich zweimal.

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

Dienstag.. Januar

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche«

Universitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Drtickerei: Schul­straß« 7. Exvedition und Verlag- E^äl. Redakt>onte-«»»IlL. Tel.-Adr.tAnzeizerEießen.

^b. Deutscher Reichstag.

194. S i tz u n g. Montag, den 19. Januar.

Am Tische des Bundesrats: Tr. Delbrück, Richter. T a s p c r.

Präsident Dr. Kaemps eröffnet die Sitzung um 2 Uh, 12 Min.

M Cla! für öas Aeichsaml des Znneru.

(Zweiter Tag.)

Abg. Bassermann (??atr.):

Am 2onmtbcnb ist beschlossen worden, die Aussprache in einer sozialpolitischen und ivirtschaftspolili scheu Teil zu trennen. Auf diese Trennung sind aber die Redner nicht eingerichtet. Der Beschluß ist praktisch nickt durchführbar. «Ich beantrage, den Beschluß wieder aufzuhcben.

Abg. Gröber (Zentr.)

liunmt zu.

Abg. Scheidemann (Soz.):

Es ist mißlich, wenn die Debatte fortwährend durchemander- geht. wenn uns ein Redner von der Maul- und Klauenseuche über die Reblaus ium Berliner Polizeipräsidenten führt. (Heiter­keit.) Aber diesmal wollen wir noch bei der alten Methode bleiben.

Abg. Dr. Müllcr-Meiningen (Vp.):

Wir sind mit dem Vorschlag Bassermann einverstanden. Der Antrag Bassermann wird angenommen.

Abg. Dr. Mayer-Kaufbcuren (Zentr.):

Die deutsche Volkswirtschaft steht vor einer Depression der Konjunktur. Allgemein aber glaubt malt, daß diese Depression nicht sehr tief gehen und nicht sehr lange anhalten wird. Sie ist international, sie zeigt sich in China. Argentinien and Indien. Verschärfend wirkt mit derRückgangderGold- auSbeute in Transvaal. Wie lange diese volkswirtschaftliche Krise dauern wird, ist schwer zu entscheiden. Aber alles spricht dafür, daß die aufgehäuften Vorräte ziemlich schnell aufgebraucht und damit die Ueberproduttwn beseitigt wird. Auch die Geld­knappheit, die zeitweise bedenklichen Umfang angenommen hat, ist ja schon ziemlich vorüber. Aber man darf nicht übersehen, daß von der Erholung des Geldmarktes bis zur Erholung des Kapital­marktes heute ein viel weiterer Weg ist als bei früheren De­pressionen. Das hängt innig zusammen mit den gewaltigen Rüstungen in allen Ländern. Im Gegensatz zu früherer Zeit geht mit der Depression auf dem Geldmarkt eine tiefe Depression des Anleihemarktes Hand in Hand. Wenn der Kapitalmarkt liquid werden soll, ist dringende Schonung nötig.

Sehr bcdenklick ist es dabei, daß eine wahre Sintflut von Kommunalanlcrhen den deutschen Kapital­markt überflutet. Tritt hier kein Wandel ein, dann ist von einer Gesundung des Kapitalmarktes keine Rede. Der Deutsche Städtetag sollte erwägen, wie diese Anleihen nach Möglichkeit ein­geschränkt werden können. Auch die ausländischen An­leihen sollten dem deutschen Markt in diesem Jahr ganz fern- gehalten werden Wir müssen bedacht sein auf die Liquidität der deutschen Volkswirtschaft. Der deutsche Außen­handel weist einen Rückgang der Einfuhr im reinen Warenverkehr und eine Steigerung der Ausfuhr von 8 auf 9.1 Milliarden Mark auf. Die Folge davon zeigt sich in der deutschen Zahlungsbilanz. Sie war im Jahre 1913 aktiv, ja selbst die Handelsbilanz war zum erstenmal in diesem Jahre zwei Monate lang aktiv. Besonders bemerkenswert ist dre Vermehrung unseres Viehstand , s. Damit widerlegt sich die Theorie des Abg. Hoff, daß die Zollpolitik eine Verminderung des Viehbestandes berbeiführen must. Ebenso unrichtig ist die weitere Theorie, daß die Steigerung der Fleischpreise eine Folge der Wirt- schaftspolitik ist. Auch die Drohung mit der ständigen Steige- rung der Getreidepreise durch unsere Zollpolitik ist durch die Tat­sachen glänzend widerlegt. In Bayern hänfen sich die Vorräte und bleiben infolge der Zahlungsnot unverkäuflich. Unsere Exportsteigerung wird leider wesentlich gehemmt d,ä:ch die Preis­politik unserer Rohstoffverbände. Das Kohlen- shndikat trägt Schuld daran, daß die Kohlenprcis« in Deutschland die höchsten m der Welt Ovaren. Trotzdem geht d«k Fiskus daran, wieder dem Kohlensyndikat die Möglichkeit zu geben, die Preise, die jetzt etwas, wenn auch nicht lange genug, herabgesetzt sind, heran szu sehen. Ich würde wünschen, daß die Regierung die Er­klärung abgibt, daß nicht wieder, wie im Jahre ;912. dem Syn­dikat vom preußischen FiSkuS hie Möglichkeit zur Preiserhöhung gegeben w:rd. Aber ich fürchte, diese Erklärung wird nicht erfolgen.

Ebenso hat der Deutsche Slahlwerksvcrband die außerordentlich starke Differenzierung der Inland- und Ausland- Preise beibehalten. Der preuißsche Fiskus hat es nicht verstanden, bei ihm seine starke Stellung als Besteller auSzunühen und so der deutschen Volkswirtschaft hohe Summen zu ersparen. Bei Er­neuerung der Zölle müßten Mittel und Wege gefunden werden, daß die Schutzzölle auch der Fertigmdustrie zu gute kommen. Wie steht der Staat zu diesen großen Verbänden? Da sie eine gewisse Monopolstellung besitzen, muß der Staat ein gewisses Aufsichtsrecht für sich in Anspruch nehmen. Im Bundcsrat schweben noch Er­wägungen; im vorigen Jahre erklärte der Staatssekretär unter dem Widerspruch der Sozialdemokraten, wir seien für Staats- Monopole noch nicht reif. Dabei hat er inzwischen das Petroleum-Monopol eingebracht. Ohne ein genügendes Aufsichts­recht des Staates müssen diese Pridatmonopole schließlich zu schlimmen Komplikationen mit dem Auslande führen. Der Reichs­tag muß verlangen, daß ihm Uebersichten der schwebenden Er­wägungen vorgelegt werden. Handelspolitisch sind die zollpoliti­schen Maßnahmen Amerikas von Interesse.. ES hat Differen­zierungen geschaffen, die »ine unfreundliche Haltung gegen Deutschland darstellen und die wir uns nicht ge­fallen lassen dürfen. Aehnliche Klagen' werden über Frankreich erhoben. Mexiko hat inzwischen seinen Zinsendienst eingestellt. WaS gedenkt die Reichsregierung zum Schuh der geschädigten Be- sitzer mexikanischer Staatsanleihen zu tun? Finden tatsächlich des- vegen Besprechungen zwischen den europäischen Großmächten statt? Im vorigen Jahre haben wir eine amtliche Produktionsstatiftik »erlangt, hoffentlich erhalten wir sie bald.

Abg. Keinath (Natl.):

Auch im vergangenen Jahre hat die deutsche Volkswirtschaft große Schritte vorwärts gemacht. In vieler Beziehung ist Deutsch­land vollständig an die Seite Englands gerückt, wenn auch der englische Außenhandel noch immer den deutschen übersteigt. Wir sehen doch eine starke Steigerung des deutschen Exports, die höher zu bewerten ist, als eine solche in weniger entwickelten Ländern. Die politischen Wirren des letzten Jahres haben vielfach zu einer Einschränkung der Unternehmungen ge­führt. Dazu kommt der hohe Zinsfuß Beide haben ein ge- tvisses Sinken der Konjunktur veranlaßt, das aber noch nicht gleichbedeutend mit Stillstand zu sein braucht. Jedenfalls hat die deutsche Volkswirtschaft in dieser Zeit große Widerstands- traft gezeigt, ein erfreuliches Zeichen der Gesundheit. Es ist nur richtig, die größere Liquidität der Banken aufrechtzuerhalten. Das deutsche Publikum gewöhnt sich allmählich immer mehr an den Verkehr mit Papier. In der K a l i p r o d u k t i o n hat sich ein gewisses Uebcrmaß gezeigt. Die Tatkraft und Organisation^ kadrakeü des deutschen Unter n eh me rtums können unter Um*

). n s en gesetzgeberische Maßnahmen notwendig machen, aber ver­gessen wir nicht, daß die grayen Organisationen heute e:ne Not­wendigkeit sind, und daß unsere Unternehmer ihre Arbeiter auch tei schlechter Konjunktur nicht zu entlassen gewöhnt sind.

Auswüchse der Organisation verurteilt auch die uationalliberale Partei. Aber viel gefährlicher als irgend einer der deutschen Verbände erscheint das Eindringen ameri­kanischer Trusts mit amerikanischen Geschäftsgewc>hnhc,ten. Gegen den Petroleum- und Tabaktrust müssen wir Front machen. Eine wichtige Quelle unseres wirtschaftlichen Fortschritts ist die enge Verbindung von Wissenschaft und Ge­werbe. Auch die gute Disziplin und Organisationsfähigkei! der Arbeiterschaft haben das ihrige dazu getan. (Aba! b. d. Soz.) Ja, wundert Sie das? Ein Grund dafür, den Sie allerdings sticht anerkennen werden, liegt aber auch darin, daß der größere Teil unserer Arbeiter durch das Heer gegangen ist, wo er Disziplin gelernt hat. Daß die Sozialpolitik das Volk entnervt und ver­weichlicht, kann ich nicht anerkennen. Sie hat aber z. B. unser Armenwesen ganz erheblich entlastet und für Kranke und Arbeitsunfähige vortrefflich gesorgt. Die Industrie muß E x - pansionsmöglichkciten haben. Allzu rigorose Bestim­mungen dürfen sie nicht cinschränken. Die scharfe Kapitalisierung des Rentenwesens erscheint nicht wünschenwert. Bei Streiks sollen die Behörden mit Takt und Ruhe, aber auch mit Festig­keit auftreten. Erfreulich ist, daß die Jugendpflege, auch vom preußischen Staate, energisch ausgcgrisfen worden ist. Hoffent­lich beteiligt sich auch das Reichsamt des Innern an diesen Be­strebungen, ohne daß Kompetenzkonflikte entstehen.

Dagegen lassen die Vorbereitungen der O ly m p i sche n Spiele in Berlin viel zu wünschen übrig. Hoffentlich lommt es hier noch zu besseren Beschlüssen des Reichstages. Hinsichtlich der Wände r für sorge wünschen wir ein kräftiges Eingreifen deö Reiches. Wanderer müssen jederzeit an Stellen gebracht werden, wo Arbeit zu finden ist. Damit könnte auch die Arbeitslosigkeit wirksam bekämpft werden. Wir brauchen ein lückenloses Netz von Arbeitsnachweisen über das ganze Reich. Tie Bekämpfung der Tuberkulose verdient noch wirk- samerc Unterstützung. Im Wohnungswesen wünschen wir eine Regelung des Erbbaurechtes. Die Schädlinge des kleingewerblichen Lebens lassen sich nur langsam, nach und nach, entfernen. Höchst erfreulich aber ist die allmählich beginnende Organisation des Kleingewerbes. In der Praxis läßt sic freilich zu wünschen übrig. Handwerker, die in der Bewegung stehen, lassen sich selbst Unterbietungen zu Schulden kommen. Deshalb muß das Submissionslvesen einheitlich von Reichs wegen geregelt wer­den. Dasselbe gilt vom Zugabewesen. Die neueren Viehzählun­gen haben erfreulicherweise ergeben, daß die deutsche Landwirt- sch.^st imstande ist und imstande sein wird, den einheimischen Be­darf zu decken. Dank der guten Ernte ist sie in guter Lage, da­gegen steht es mit dem Weinbau geradezu trostlos, namentlich dort, wo kein Qualitatswcin gewonnen wird. Die Erhöhung des Kali­fonds kommt hoffentlich der Förderung der Moor - k u l t u r zugute.

An den Richtlinien der Wirtschaftspolitik halten wir unverbrüchlich fest. Es besteht darin kein Gegensatz zwischen der Fraktion deS Abgeordnetenhauses und der des Reichstages. Das Gegenteil *ann nur der Parteizwist be­haupten. Wir halten unbedingt fest an unserem Z o l l s ch u tz auch für d^e Landwirtschaft. (Bravo!) Er muß

allerdings ein Korrelat ftnden in der Förderung des inländischen Verkehrs z. B. durch Bau des Mittellandkanals. Die Industrie findet ihre beste Stühe in Verbesserung der Qualität ihrer Er­zeugnisse, Organisation und durch Heranziehung von Kapital. Darin wird sie uns immer auf ihrer Seite finden. Es ist schade, daß sie auf den großen Ausstellungen nicht immer ver­treten ist. Der G i f t m-o r d p r o z e ß Hopf hat gelehrt, daß der Handel mit Kulturen giftigster Bakterien verboten werden muß. Dasselbe gilt vom Waffenhandel. Die deutsche Sozialpolitik bedarf einen be onnenen Fortschr, t, wie es bisher der Fall'war. Wir werden sie stets unterstützen. (Beifall.)

Abg. Dr. v. Graese (Kons.)':'

Die Auffassung, als ob wir die Absicht hätten, m i t bet Sozialpolitik Schluß zu machen, ist irrtümlich. Wir verstehen unter Sozialpolitik allerdings nicht bloß Arbeiterfürsorge, sondern den dauernden Ausgleich der sich be­kämpfenden wirtschaftlichen und sozialen Interessen aller Bevölkerungsschasten. Allerdings haben wir Bedenken gegen ein übertriebenes Tempo mit schemati­scher Einseitigkeit in dem Ausbau der Sozialpolitik. Die tat­sächliche Lohnerhöhung ist von der Arbeiterschaft erstritten wor­den. um einen Ausgleich mit den erhöhten sozialpolitischen Lasten zu schaffen. Das hat selbst Bebel zugestanden. Man sieht also, daß eine gewisse Vorsicht bet der Reubelastung der Bevölkerung mit sozialpolitischen Ausgaben obwalten muß. Die Landwirtschaft aber ist nicht in der Lage, durch Erhöhung der Gctreidepreise einen Ausgleich für die sozialpolitischen Lasten herbeizusühren, da die Getreidepreise durch den Weltmarkt mitbestimmt werden. Warum ruft denn die Arbeiterschaft immer nach der gesetzlichen Hilfe? Ist sie nicht imstande, aus eigenen Mitteln den angeblichen Notständen abzuhelfen? Wozu werden denn eigent­lich die kolossalen Kapitalien in den Gewerk­schaften angesammelt?

Die Folgen unserer übereilten sozialpolitischen Gesetzgebung zeigen sich jetzt £. B. bei der Reichsversicherungsordnung. Man könnte es fast mit Schadenfreude begrüßen, daß jetzt die Gesehes- macher zum Teil am eigenen Leibe die Nachteile empfinden, wie der der Befreiung von der Dienstbotenver­sicherung, die z. D. in Schöneberg grundsätzlich abgelehnt wird und dem dortigen liberalen Kommunalverein zu energischem Widerstand Anlaß gibt. In der Frage der Jugendfür­sorge sind auch wir für ein staatliches Eingreifen und wollen das Reichsamt des Innern gern unterstützen, wenn es auf diesem Gebiet etwas unternehmen will. Allerdings - werden wir die Dinge nicht über einen Kamm scheren lassen und schematische Regeln aufstellen. Wir bedauern es, daß die Reichsunter­st ü h u n g für die Olympischen Spiele abgclehnt wurde. Wir beabsichtigen, die Wiederherstellung dieses EtatsposienS zu be­antragen. Wenn die Sozialdemokraten, nach der Aeußerung des Abg. Schmidt, das Recht der freien Persönlichkeit wirklich wahren wollen, dann müssen sie streng logischer Weise mit uns eintreten für den Schutz der Arbeitswilligen. Nur dann geben sie dem Arbeiter wirklich die Möglichkeit, sich zu koalieren, wo er will. (Lebhafter Widerspruch bei den Soz.)

Ich bekenne mich uneingeschränkt als Freund des Organi- sationswesens. Ich begrüße deshalb mit aufrichtiger Sympathie alle nationalen Arbeiterorganisationen. Es ist bedauerlich, wenn gegen die wirtschaftsfriedlichen Verbände der Arbeiter auch von bürgerlicher Seite der Vorwurf der Feigheit er­hoben wird. In Wirklichkeit gehört ein großer Mut für einen Arbeiter dazu, sich einem solchen Verband cmzuschließen. Wenn man den Landarbeitern da« KoalitionSrecht geben vürde, so wäre die Gefahr der künstlichen Herbeiführung von Mißernten unvermeidlich. (Unruhe b. d. Soz.) Auch das matriarchalische Verhältnis bei Landarbeiter zum Arbeitgeber (Lärmende Zurufe bei den >Loz.) würde dadurch vernichtet. Mit größtem Nachdruck muß aber dem Mißbrauch des Organi­sationswesens, dem Organisationszwang, ent- zegengetreten werden. Die Erkenntnis für diese Notwendigkeit wächst überall im Lande. Ich brauche nur an die nationalliberale Slrbeitswilligenschutzlommisjwn. an die Beschlüsse deS Industrie-

lat» des Hansa-Bundes uni* an die goldenen Worte zu erinnern, die der uationalliberale Abg. Dr. Röchling im Adgcord- netenbause unter dem Beifall seiner Freunde gesprochen hat. Wenn wir alle der Meinung sind, daß das Streikposten- stehen ein Schaden ist. dann sollten wir doch als Männer ks offen verbieten und nicht um die Entscheidurig herumkriechen. Ich bedauere insbesondere den ablehnenden Standpunkt der christ­lichen Gewerkschaften zu dieser Forderung. Wir werden unseren früheren Antrag auf Verbot deS Streikpostenstehens in Form einer Resolution wieder ci.rbringcn. Wir glauben damit vor allem auch >em Interesse des gewerblichen Mittelstandes zu dienen. Der Erlaß >es preußischen Handelsministecs gcgeii den Waren- Kandel der Beamten sollte auch aus die ReichSbeamtcn ausgedehnt werden.

Die Gründung dcS Reichsdeutschen M i t t e l st a n d S- Verbandes begrüßen wir als eine heilsame Tat für den Mittelstand. Wenn die Freisinnigen der Mittelstandsorganisation nicht besonders sympathisch gegenüberstehcn, so kann ich daS be- greisen, denn wenn durch eine richtige Organisation der Mittel­stand ausgeklärt wird, dann wird er sich bald von dem Freisinn abwenden, dem noch die Eierschalen der Forderung der absoluten Gewerbe frei heit und deS absoluten Freihandels anhaften. (Zu­rufe b. d. Vp.) Der Abg. PeuS von der Sozialdemokratie hat von dieser Stelle ans erklärt, daß die ZentralgcnossenschaftS- bäckerei in Dessau 30 bis 40 Bäckermeister ruiniert hat zum Nutzen von 4000 Arbeitern, die einen Vorteil von 10 Mark pro Kopf davon gehabt hätten. Er hat aber hinzugefügt, es sei wirk- schaftlich und sozial kein Unglück, wenn die armseligen, durch und durch abhängigen Existenzen des sog. kleinen Mittelstandes zu- gründe gingen. (Lebh. Hört! Hört? rechts.) Ein klareres De- kenntnis zu der großen menschenfreundlichen allgemeinen Men- schenlicbe, zu der Gleichberechtigung aller Menschen kann man sich nicht denken! (Großer Beifall rechts.) Wenn ein so kleiner Verein wie Dessau so viel Existenzen ruiniert, wie viel ruinieren erst die großen in Hamburg und Berlin? Wir sind nach wie vor für cme besonnene, den praktischen Verhältnissen gerecht werdende Sozialpolitik nach dem Grundsatz: Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert. (Lebh. Beifall rechts.)

Abg. Pospiech (Pole):^

Die Grubenarbeiter Obcrschlesiens sind nach wie vor voll­kommen rechtlos gegenüber der Laune und Willkür der Gruben, besitzer. *

Dienstag, 10 . Januar, 1 Uhr pimktlich: Anfragen. Weiter- beratung. (

Schluß nach 6 Uhr.

bericht über die Lage der Arbeitrmarkles in Hessen, Hessen-Nassau und waldeck im Dezember sysz.

Erstattet vom Mitteldeutschen Arbcilsnachwcisverband in Frank- furt a. M,

ßti der Metallindustrie trat im Berichtsmonat keine Besierung in der Geschäftslage ein. In Kassel übte das Weib nachtsgeschäst keinen merkbaren Einstust aus. Für die Eisen- und Mclallwarenbranche gingen wenig Bestellungen ein: eine große Anzahl von Handwerkern war genötigt, anderweitige Arbeit anzv nehmen. In Worms war die Geschäitslage austervrbentlich schlecht. Die Zahl der osfenen Stellen bat seit Jahren keinen sol chen Ticsstanü erreicht, wie im Berichtsmonat. Für Bauschlosscr, Dreher, Gießer und Former wurden überhaupt keine osscncn Stellen gemeldet.

Für Sattler und Tapezierer war wenig Arbcitsge legendeit vorhanden, meistens wurden die Leute nur zur Aushilfe für Revaraturarbeiten verlangt. In der Industrie der H o l * und Schnih st osfc stellten nach dem Bericht der Arbeitsvcrmittlungs- stellc Frankfurt a. M. größere Möbelfabriken ihren Betrieb wegen Arbeitsmangcl ein, auch wurden an manchen Stellen ältere Arbeiter «ntlasfen, die schon jahrelang im Geschäjt waren. Der Deutsche Holz - arbeiterverband i» Franksurt a. M. berichtet, daß die Zahl der Arbeitslosen im Berichtsmonat eine weitere Steigerung erfahren hat (191 gegen 104 im Dezember 1912). Aussicht auf bessere Kon junktnr ist nach dem Bericht zurzeit noch nicht vorhanden.

Der Deutsche Tabakarbeitcrverband in Franksurt a. M. be. richtet, daß es in diesem Jahre in der T a b a ki n d » str i c im Berichtsmondt, der sonst der beste Monat im ganzen Jahr ist. Ar­beitslose gab, die trotz eitrigen Bemühens keine Arbeit linden konnlen. In Kassel blieb im Flcischergewcrbc das Ange­bot an Arbeilskrösten hinter der Zahl der gemeldeten osfenen Stellen zurück. Aus dem Bekleidungsgewerbe liegen wenig Berichte vor. Frankfurt a. M. und Mainz berichten von einer Abnahme der ostencn Stellen für Schneider: dagegen war in Worms die Geschäftslage für Schneider befriedigend. Für Schuh­macher sind in Mainz und Worms die offenen Stelle» zurllckgc- gangen.

Im Bau.gewerbc war nach den, Bericht der Arbeitsver- mittlungsstelle Franksurt a. M. die Arbeitsgelegenheit sehr stau Diele Bauanschläger wurden arbeitslos. Für Glaser, Rabmenmacher und Maurer war noch etwas Arbeitsgelegenheit vorhanden. Der christliche Bauarbeiterverband in Frankfurt a. M. berichtet, daß ein Teil seiner arbeitslosen Mitglieder durch Holzhauen in der Heima» Beschäsliqnnq gesunden hat. In Kassel war für Maler die Lage recht ungünstig: bei eftier Gcsamlzadl von 110 Arbeitsuchenden konnten nur 4 osscne Stellen nachgewiesen werden und auch dies» lediglich auf einige Tage. Aus Mainz wird vom Banvolizeiamk mitgeteilt, daß zurzeit vier iünsgeschossiqe und etwa ein Dutzend steinere Wohnhäuser im inneren Ausbau begriffen sind, daß ferner 3 größere Neubauten des Korvsbesteidnnasamtes und 4 Privat- wobnhäiiser sowie mehrere Neubauten tür militärische Zwecke dem­nächst begonnen werden. In Ofsenbach a. M. sind nach dem Bericht des städtischen Banvolizesamles im letzte» Dierteljabr 176 Bauanlagen mit einem Gesamtbauwertc von 1210000 Mk. ziir Tchlußabnahme gekommen. Eingereicht, genehmigt und in Angriff genommen wurden in diesem Zeitraum III Bauanlagcn mit einem Gesamtbauwertc von 375 000 Mk. In Worms war es im Bau - gewerbc sehr still. Es wurden im Berichtsmonat neu genehmigt 6 Wohnhausneubauten. 14 sonstige Neubauten und 2 Umbauten mit einer Gesamtbansumme von 152 290 Mk. gegen 125 935 Mk. im Bormonat. In Fulda wurden im Berichtsmonat nur 10 Um und Erweiterungsbauten im Gesamtbeträge von 2360 Mk. neu ge nehinigt.

Im graphischen Getzierbc nahm nach dem Bericht des Deutschen Buchdruckerverbandes in Frankfurt a. M. »ach Fertig­stellung des Adreßbuches im Antang des Monats die Zahl der ar­beitslosen Setzer wesentlich zu.

Für ungelernte Arbeiter war der Berichtsmonat trotz des Weibnachtsfestes und des Schneesstls schlocht, da auch viele arbeitslose Handwerker sich um Stellen bewarben, die in nor malen Zeiten den ungelernten Arbeitern Vorbehalten bleiben. N o l standsarbeiten wurden in mehreren Orten eingerichtet. I» Cassel fanden hierbei Arbeitslose in größerer Zahl Beschäftigung. In Mainz wurden in der zweiten Hälfte des Monats etwa 150 Arbeiter, zumeist Tüncher und ungelernte Arbeiter, mit Not­standsarbeiten (gärtnerische Arbeiten und Stcinschlagcir besckssf tigt. In der Zeit von Weihnachten bis Neujahr wurden außerdem etwa 120 Mann zur Schn erbesei tigung hcrangezogen. An 32 Ar- brfter wurde Arbeitslosenunterstuvung bezahlt. In Darmsta dt wurden 49 Mann mir Schneebcseikigung und 38 Notstandsarbciter am Straßenbau beschäftigt. In Ofsenbach a. M. wurden 99