Hr. 13 Zweites
Ci'ldjcml täglich mit Ausnahme des- Sonntags.
Blatt
164- Jahrgang
*>« „«itfifncr 5-milicndläiIer" werden dem »Anzeiger^ viermal ivöchcntlich beigelegt, das „Kreisblatl für den Kreis Gießen" zwennal
wöchentlich. Die „tandwirtschasüichen Zeitsragen" erscheinen monatlich zwennal.
General-Anzeiger für Gberhejsen
5reitag, 16. Zanuar 19^
Rotationsdruck und Verlag der Vrübl'Iche» Universiiais - Buch- und Sieindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» siraß: 7. Expedition und Verlag: e=®51. Redattion:sEN2. Tel.-Adr.:A»ze,gerGieße,i.
Mb. Deutscher Reichstag.
101. Sitzung, Donnerstag, den 15. Januar.
Am Tische des Bundcsrats: Dr. Delbrück, Caspar.
Präsident Tr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Mi».
Eine neue Zulerpellakion über Zabern.
Eingängen ist folgende Interpellation v. Paper (Lolkspz:
In deni Strafverfahren gegen den Ober st von Reuter aus Zabern wegen unbefugter Amtsanmaßung und Freiheitsberaubung hat der Angeklagte — anscheinend unter Zustimmung des Kriegsgerichts — sich darauf berufen. daß nach Vorsckjriften, welche für das preußische Kontingent der deutschen Armee in Geltung seien, ein Militärbefchls- habcc berechtigt sei, ohne Requisition der Zivilbehörden die polizeiliche Gewalt an sich zu nehmen, ohne daß der Belagerungszustand verhängt ist und ohne daß die Zivilbehürdc durch äußere Umstände außer Stand ge,etzt ist, militärische Hilfe zu requirieren. Oberst v. Reuter hielt sich nach seiner Aussage auf Grund dieser Dienstvorschriften für berechtigt, ohne von der Zivilbehörde ersucht zu sein, am 28. November 1913 dre öffentliche Gewalt in Zabern an ftch zu nehmen, einen öffentlichen Platz und ernc Straße durch das Militär räumen zu lassen, zahlreiche Verhaftungen vorzunchmcn und die Verhafteten bis zum anderen Vormittag in Haft zu behalten.
Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um den dringe n d e n u n d st ä n d i g e n Gefahren zu begegnen, welche sich aus dieser Sachlage für die persönliche Sicherheit der Bevölkerung, für das Ansehen der Zivilbehörden, aber auch der Armee, und für die Verfassungsrechtlichen und gesetzlichen Grundlagen der persönlichen Freiheit ergeben, und um die in Elsaß-Lothringen einaetretene lebhafte Beunruhigung der Bevölkerung zu beheben.
Präsident Dr. Kaempf:
Auf unserer Tagesordnung steht an erster Stelle die Interpellation Albrecht über Zabern. Das Haus ist wohl damit einverstanden. wenn ich auch gleich bezüglich dieser Interpellation von Payer an den Stellvertreter des Reichskanzlers die Anfrage richte, ob und warm die Interpellationen l ^antwortet werden.
Staatssekretär Dr. Delbrück:
Der Reichskanzler ist bereit, beide Interpellationen zu beantworten, sobald das gegen die beteiligten Offiziere schwebende Verfahren rechtskräftig abgeschlossen ist. Der Reichskanzler wird sich wegen des Termins mit dem Präsidenten verständigen.
Die Sonntagsruhe im Havvetsgewerde.
(Erste Lesung.)
Ministerialdirektor Dr. Caspar:
Die Vorlage soll im Rahmen eines Gesetzes eine Anzahl jetzt geltender Bestimmungen zusammenfaffen, die die Sonntags- arbeit im Ha udelsgc werbe regeln. Die Meinungen sind geteilt, w« weit eine Beschränkung der allgemeinen Sonntagsruhe notwendig ist. Eine allgemeine Regelung ist nur soweit möglich, als dre entsprechenden Vorschriften überall durchgeführt werden können. Es wird sich fragen, wie weit das für das Handels- ge werbe möglico ist. Die völlige Sonntagsruhe lehnen die Geschäftsinhaber ab, die in den Einnahmen des Sonntags einen wesentlichen Teil ihrer Gesamteinnahmen finden müssen, und andererseits die ländliche Bevölkerung, die nur am Sonntag diese wirtschaftlichen Interessen befriedigen kann. In ihren Gegensatz zu den Wünschen der Angestellten sucht die Vorlage einen Ausgleich zu schaffen.
Abg. Bender (Soz.):
Der kümnr erliche und unzulängliche Gesetzentwurf hat vollkommen enttäuscht. Mit der Gesundheit und den Kräften der Angestellten ist der allerschlimmste Raubbau getrieben worden. Bisher sind alle Anregungen des Reichstages in den großen Papier korb der Regierung verschwunden. Dem sozialpolitischen Eifer des Reichsamtcs des Innern kann in dieser Frage kein gutes Zeugnis ausgestellt werden. Die Regierung arbeitet eben nur im Interesse der besitzenden Klassen. Sie .bleibt jetzt sogar hinter ihren früheren Vorschlägen und namentlich hinter den Vorschriften verschiedener Gemeinden zurück. Auch die Beschäftigung jüdischer Handclsangestellter am Sonntag sollte nicht gestattet werden. Auch die Angestellten in Theatern, Vergnügungslokalcn und in Apotheken haben einen Anspruch auf Erholung. Geht das am Sonntag nicht, so müssen sie in der Woche eine 36stündige Ruhepause erhalten. Warum verbietet die Regierung nicht die Sonntags- Arbeit in den Kontoren? Heute ist die Sonntagsruhe schon in vielen Städten für die Kontore vollkommen durchgeführt. E§ ist also bewiesen, daß das ganz gut geht, ohne daß das Han- delsgewerbc dabei leidet. Denn nirgends werden Klagen darüber laut. Die Sonntagsarbeit macht den Arbeiter kurzlebig.
Alfred Lichtwark f.
Wenn Kunst nach einem Worte Goethes tot ist, wenn sic nicht ruf Menschen wirkt, und nur lebendig bleiben kann im innigsten Zusammenhang mit dem Genießenden, dann ist Alfred Lichtwark incr der größten Lebendiqmacher der Kunst gewesen, die wir bc- essen. ein Mann, dessen Lebenswtrk darin bestand, dem Schönen ine Resonanz im Volkögemüt zu verschaffen und dadurch den Kunstwerken selbst wieder ihre Seele zu erwecken. Ein genialer Ännster- üeher ist in ihm von uns gegangen, zugleich ein Kunstorganisator ,nd Kunstpolitiker, der mit den Schätzender Vergangenheit die Gegenwart befruchtete und tausendfältige Saat aussäte, die in ganz Deutschland herrlich ausgegangen ist. Aus der Wissenschaft strebte er ins Leben, ans dem Kleinen ins Große. Er hat Hamburg zu dem Vorort einer mächtigen künstlerischen Bewegung gemacht, die ihre Pellen fluten ließ in weite Kreise des Publikums und der Kunftübung.
Ein geborener Hamburger, wandte er sich früh der jungaus- strebenben Kunstgeschichte zu und empfing von den beiden lebendigsten Geistern, die damals an deutschen Universitäten lehrten, von Springer in Leiv-ig und Hermann Grimm in Berlin, entscheidende Anregung. Die deutsch Renaissance, die damals im Kunstgewerbe so eifrig nachgcahmt wurde, beschäftigte ihn in seinen ersten Arbeiten, und in seiner Geschichte des Ornaments in der deutschen Frührenaissance erprobte er zuerst den klaren Blick für die Kunst- sormen, für das Typische und lebendig Fortwirkende im künstlerischen Schaffen. Doch ^rüs der Geschichte drängte es ihn rasch in die Praxis, und 1886 wurde dann der 34jährige an die Stelle berufen, an der er bis zu seinem Lebensende gestanden, von der aus er Außerordentliches gewirkt hat. Lichtwart wurde Direktor der Käinsthalle in Hamburg und schuf nun fast aus dem Nichts heraus ein großartiges Museum, das für alle andern derartigen Sammlungen vorbildlich und mustergültig wurde. Bon Anfang an stand sein Plan fest: Nicht ein Museum fchlcchthin wollte er schaffen, wie es viele andere gab, sondert! ein hamburgisck-es Museum, das bewußt ans der, Pflege einer volkstümlichen und bodenständigen .Kunst aufgebaut ist> das nicht nur Gelehrten Material zu Studicn- zwecken liefert, sondern ins Volk hineingreift als ein lebendiges Wesen, die Kunst unserer Tage fördert und anregt und den Sinn für das Schöne übdrall hinträgt. Mit allen Mitteln der modernen
Abg. Erzberger (Zenir.)r
Wir waren schon immer wahre Freunde der Sonntagsruhe gewesen. Schon zu einer Zeit, als noch alle anderen Parteien dagegen waren/ Als 1873 die Einführung der Sonntagsruhe noch mit einer Stimme Mehrheit abgelehnt wurde, schrieb selbst die „Kölnische Zeitung": Nun hat .er gesunde Menschenverstand mit einer Stimme Mehrheit gesiegt. Seitdem ist cs bester geworden. Die Sonntagsruhe in der Industrie müßte schon am Sonnabend um 6 Uhr abends beginnen, damit statt der jetzigen 24 stündigen eine 36 stündigc Ruhezeit eintritt. Leider bezieht sich das Gesetz nur aufs Handelsgewcrbc. Einen ungünstigeren Zeitpunkt zur Einbringung des Gesetzes konnte sich die Regierung wohl nicht aussuchen. (Sehr gut!) Der Grundfehler der Vorlage ist, daß sie alles n a,ch der Schablone regelt. (>sehrrichtig«) Das ist wieder die große Dampfwalze, die über alle Gaue des Vaterlandes rollt und alles glatt machen will. Alles wird nach dem Berliner Blick beurteilt. (Sehr wahr!) Wenn ich Staatssekretär wäre . . . (Heiterkeit). Im Herrenhausc fürchtet man ja schon das parlamentarische Regime. Aber wenn jemand aus diesem Hause einmal Minister wird, dann muß er zu der kleinen aber mächtigen Partei auf der äußersteii Rechten gehören. (Sehr richtig!) Aber we n n ich Staatssekretär wäre, dann ließe ich nicht einen Geheimrat an so einer Vorlage hier in Berlin hcrum- doktoren, sondern dann schickte ich ihn hinaus aufs platte Land zu den Bauern und kleinen Gewerbetreibenden, damit er dort die praktischen Verhältniste kennen lernt. Dann wäre die Vorlage bester, klüger und mehr den Verhältnissen angcpaßt. (Sehr richtig!)
Bismarck sagte einmal, jeder Vortragende Rat müßte ein Rittergut oder eine Fabrik haben. Damals waren solche Räte noch Raritäten. Heute würden die Rittergüter nicht aus"eichen. (Heiterkeit.) Das Gesetz würde sehr bittere Folgen haben, die wir uns wobl überlegen müssen. Die sozialdemokratische Forderung der völligen Sonntagsruhe würde den glatten Ruin zahlreicher Familien des kaufmännischen Mittelstandes zur Fplge haben. (Zuruf der Soz.: Unsinn!) Das ist ungehörig, aber bei Ihnen nimmt man das nicht so genau! (Beifall.) Tie Einnahmen am Sonntag machen für viele Gewerbetreibende nicht den siebenten, sondern den vierten Teil der Wocheneinnahmc aus, in manchen Gegenden sogar 80 Proz. Mit der völligen S mntagsrube würde man nur die großkapitalistischen Unternehmer stärken. Der Hausierhandel würde gewaltig zuncymen. Darum ist ein völliges Verbot der Sonntagsarbeit für uns nicht annehmbar. (Lärm der Soz. und Zurufe: Das christliche Zentrum!) Darauf antworte ick Ihnen mit den Worten des Stifters des Christentums: Ach, Ihr Heuchler! (Lcbh. Zustimmung im Zentr.) Der Mittelstand erwartet jetzt tatkräftige Hilfe, und mit Recht. Und da kommt man mit einer Vorlage, die die Einnahmen des Mittelstandes vermindern muß. Wir hoffen, daß der Hansa-Bund uns unlcrfrützt. (Lachen rechts.)
O, der Hansabund ist doch entwicklungsfähig. (Lachen rechts.) Mit der Erweiterung der Sonntagsruhe müssen wir schrittweift Vorgehen. Die Regierungsvorschläge sind nicht zweckmäßig. Dir Arbeitszeit sollte nach der Einwohnerzahl der Gemeinden festgesetzt werden. Die Beschäftigung sabbattreuer Juden an den Sonntagen müßte gestattet sein, allein schon, um den Christen in denselben Geschäften ihre Sonntagsruhe zu ermöglichen. Die * betreffende Bestimmung des Gesetzes ist übrigens rn einem Deutsch verfaßt, daß man glauben sollte, sie sei aus deni Hebräischen übersetzt. (.Heiterkeit.) Eine Statistik über die Sonntagsarbeit der Kellner wäre sehr dankenswert Der Polizeipräsident von Berlin, der jetzt nach Beendigung der Affäre Zabern Zeit dazu haß (Heiterkeit) sollte eine solche für Berlin und seine Vororte anstellen. Die Vorlage muß in der Weise umgestaltet werden, daß die Sonntagsruhe möglichst ausgedehnt wird.
Abg. Dr. Lift (Natt.)'/
Der Gedanke der Sonntagsruhe ist in der Entwicklung begriffen. Soweit allerdings, wie die Sozialdemokratie will, daß die vollkommene Sonntagsruhe cingeführt wird, können wir nicht gehen. Eine Revision der ganzen Gewerbeordnung würde sich empfehlen, um ihr eine authentische und übersichtliche Fassung zu geben. Es wäre dann möglich, Betriebe, die jetzt noch sticht der Gewerbeordnung unterliegen, mit hineinzuziehen. Dabei ist ein besonderes Gesetz über die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe wohl möglich. In diesem ist Sonntagsarbeit die Regel, während sie in anderen gewerblichen Betrieben Ausnahme ist. Die Herabsetzung der Sonntagsarbeit in den offenen Handelsgeschäften ist zu begrüßen, aber ihre gänzliche Abschaffung ließe sich aus wirtschaftlichen Gründen nicht rechtfertigen. Die Praxis würde die Theorie sehr bald umftoßen. (Sehr richtig!) Ein Gegensatz zwischen den Verbänden der Angestellten und Prinzipale war natürlich gegeben, aber cs ist nicht richtig, daß die Vorlage einzig und allein Rücksicht auf die Unternehmer nimmt. Sie hat einen an sich richtigen Mittelweg eingeschlagcn. Die wirtschaftliche Lage eines großen Teiles des Handelsstandes ist noch nicht derart, daß er auf die Sonntagseinnähme verzichten
Museumskunde, die er während dieser Arbeit zum großen Teil mitgeschaffen, hat Lichtwark dieses Ziel verfolgt und zunr glücklichen Ende geführt. Zunächst waren es wissenschaftliche Ausgaben, die er bei der Schöpfung seiner Sammlung löste. Er entdeckte gleichsam erst die ganze Hamburger Kunst: in seiner forradoügibcten und anschaulichen Darstellung zeigte er die Größe des großen Hamburger GotikerS Meister Francke, offenbarte die Genialität des Ba rockmolers Matthias Scheits, den er beiden vorzügliche Monographien widmete, und wandte sich dann in mehreren bahnbrechenden Arbeiten der Erforschung der Hamburger .Kunst zu Anfang des 19. Jahrhunderts zu. Lichtwark hat den heute so tief verehrten Romantiker Runge entdeckt, den erstaunlichen Realisten Julius Oldach, hat die hohe Porträtkunst Hamburgs in einem umfangreichen Werke dargestellt und die reiche Entwicklung der Landschaft um die Gestalt Hermann Kauffmanns gruppiert. Bon all diesen Taten werden noch auf lange hin die Säle der Kunsthalle erzählen. Doch dadurch ward zugleich die Aufmerksamkeit am die bisher verkannte und vernachlässigte Malerei der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelenkt. Was uns in der deutschen Jahrhnndcrt- ausstellung alS Offenbarung entgcgcntrat, das war zum guten Teil dem Schaffen Lichtwarks zu verdanken, und so wurde diese Rettung einer großen nationalen Kunstepoche zu einem persönlichen Triumph für ihn.
Aber damit war daS Wirken des Museumsdirektors nicht erschöpft. Er berief realistische Maler nach der Älsterstadt, die die Schönheit Hamburgs in Bildern fcsthalten sollten und dadurch den Hamburgern die Augen für ihre Heimat öffneten. Tie besten modernen Landschafter haben so auf seine Anregung hin imponierende Werke geschaffen, und zugleich begründete er eine Art hambur- gisches Pantheon, in dem gute Porträts hervorragender Hamburger Persönlichkeiten die Erinnerung an. sie wachhalten sollten. Es wird unvergessen bleiben, daß dadurch Liebermann Gelegenheit gegeben wurde, Aufgaben, besonders des Gruppenporträts, zu lösen, die sonst vielleicht nie an ihn herangetreten wären. Tie Knnsthalle wurde so ein wichtiges Moment in der Entwicklung moderner Kunst, aber noch bedeutsamer wurde sic für das Kunftgewcrbc. Lichtwark ist als einer der einflußreichsten Reformatoren ausgetreten, die die Kunst des Alltags aus einem betrüblichen Tiefstand enkporriffen und einer neuen Bewegung Bahn brachen. Wie hat Ltchtwark in seinen volkstümlichen und humorvollen, dabei hoch jo wirksaMtt
könnte. Wir sind ans einen Kompromiß zugunsten des kaufmännischen Mittelstandes angewiesen. Der Kompromiß kann nicht nach einer Schablone gestaltet werden, sondern muß Rücksichten auf einzelne und besondere Verhältnisse nehmen.
In kaufmännischen Betrieben ohne offene Verkaufsstellen läßt sich eine vollkommene Sonntagsruhe sehr gut durchführen. In den andern darf die Arbeit nicht durch Pausen unterbrochen sein, höchstens durch den Gottesdienst. Vielleicht läßt sich auch eine Stunde festsetzen, in der sie spätestens beendet sein nurß. Der Ausnahmebestimmung über gesctzestreue Juden können wir sehr wobt beitreten. Es kommen für sie verhältnismäßig wenig Geschäfte in Betracht. Die Prokuristen können vielfach wie Prinzipale angesehen werden, die besondere Behandlung ihrer Stellung ist also durchaus gerechtfertigt. In der Auswahl der Behörden, die zum Eingreifen berechtigt sein sollen, geht der Entwurf zu wett. Zum mindesten sollten die beteiligten Kreise gehört werden. Ebenso soll das Gesetz auf die Besonderheiten der Verhältnisse im Deutschen Reich Rücksicht nehmen. (Beifall.)
Abg. v. Earmer-Zieserwitz (Kons.):
Es ist erfreulich, daß die ganze Materie der Sonntagsruhe und Sonntagsarbeit jetzt in einem Gesetz einheitlich geregelt wird. Sechzig Städte haben bereits die volle Sonntagsruhe cingeführt, z. B. Königsberg (Pr.), Mannheim. München, Offenbach. Allerdings werden damit unverhältniömäßige Ansprüche an die Wochenarbcit gestellt. In den Landstädten ist der Kaufmann aber hauptsächlich auf die Landkundschaft, d. h. auf den Sonntagsverkauf angewiesen. Die Konkurrenz der Waren - und .Kaufhäuser, die jetzt sogar in Automobilen auf die Wanderschaft gehen, schädigt ihn ebenfalls sehr schwer. Ein Verbot der Sonntagsarbeit würde die Bevölkerung dem schädlichen Hausierhandel ru die Arme treiben. Dje Kirchenzeit ist unter allen Umständen freizuhaltcn. Dem sogenannten Judenpara- graphcn stehen wir sympathisch gegenüber. Die Opfer, die das orthodoxe Judentum seinem Bekenntnis bringt, sind durchaus achtungswert.
Abg. Gmisfer (Vp.):
Die Wunsche der Angestellten, einmal in der Wocye auszu- spanncn, sind durchaus berechtigt. Ihnen trägt der Entwurf Rechnung. Tausende und Abertausende selbständiger Geschäftsinhaber haben sich sür Bcibedattuno des bisherigen Verhält- Iiisses ausgesprochen. Die Ladcninhaber widersetzen sich der bolle» Sonntagsrube nichi aus Ucbelwollen gegen ihre Angestellten, sondern unter dem Zwang der wirtschastlichen Lage. Ihre berechtigten Wün'ch- sollen auch anerkannt toerdcn. Die gegebenen Vcrbälinisse sprechen hier sehr nachdrücklich mii. Die offenen Geschäfte tonnen auf die Sonntagseinnabme nicht verzichten. Die berechtigten Forderungen des wirtschaftlichen Lebens lonnen nichi vernachlässig! werden. Gegen die Ausnahmestellung jüdischer Angestellter habe ich doch einige Bedenken, sie würde eine Bevor. ZUgnng jüdischer Geschäfte bedeuten und den Antisemitismus wie. der ausleben lassen. Ihre Kontrolle ist überhaupt nicht durch- zusnhrcn. In diesem Zcilpunkt sind mit Rücksicht ans die Lebens- und Wirts Inftti bei, Interessen des Gewcrbestandcs nichi alle Wünsche zu erfüllen. Den Entwurf halten wir für eine brauch, bare Unterlage.
Abg. Tombeik (Pole):
Ter sozialpolitische Fortschritt kann nur schrittweise erfolgen, darf keinen Sprung ins Dunkle bedeuten. Aus dem Lande läßt sich die volle Sonntagsruhe nicht durchführen.
Abg. Wermuth (Rp.):
Die HandclSangesicllten haben eine rege Agitation für die bolle Sonniagsrnbe cingclciiei und dabei auch bchauptci, das; sic selbst von den meisten Prinzipalen gewünscht ioird. Das ist aber nicht der Fall. In den kleinen Städten hedentet die volle Sonntagsruhe für die Geschäfte den Ruin. Man sollte deshalb die Heine» Städte unter 100 000 Einwohner anders stellen als die Großstädte.
Abg. Mumm (Wirtsch. Vgg.):
Die Vorlage bringt sehr wciitg. Hoffentlich mache» Männer, wie Naumann, Hitze und Marguari ihren Einfluß in der Kommission geltend, damoir ctivas Besseres geschossen wird. Der Vcrbaiid christlicher Kauflcutc fordert völlige Sonntagsruhe. Es gib! viele Kauslcuie, die Sonntags nie einen Geschäftsbrief, nie ein Telegramm össnen- Das Ausland ist uns da weil voran. Das größte Handelsvolk der Wett, die Engländer wissen sehr wohl,, was sic tun, wenn sie den Sontitag frei lassen, um die Nerven zu siärten und die Seelen zu speiset,. Der Paragraph zugunsten der orthodoxen Juden ist ein Ausnahmegesetz gegen die christlich-deutschen K a u f 1 c u t e. Dagegen Huben wir weitgehende Bedenken.
Das Haus vertagt sich
Freitag 1 Uhr pünktlich: Kurze Anfrage,»
Schluß 8 Uhr.
Schriften das Schlechte bekämpft und das Gute gefördert! An die Stelle des furchtbaren Mgkartbuketts setzte er den schön gewundenen Blumenstrauß: aus dem ivcilcii .Arbeitsjclde des DÜctUln tisnius" rottete er die üppigen Schlingpflanzen geschmackloser Hand arbeiten aus und brachte echte und bildende Worte an ihre Stelle: für die Reform des bürgerlichen Wohnhauses trat er ein, indem er die sinnlosen Ueberrestc des alten Palastbaus in Fenstern »nd Türen nachwies. Fürc ine Vertiefung der völlig znm Handwerk gewordenen Photographie, für eine Nenbelebung der Medaillenkunst hat er sich eingesetzt, und verdient deshalb den Ehrennamen eines Vaters des modernen ÄunstgcwcrbcS, das seiner Propaganda unendlich viel verdankt.
Und aus dem Kunstförderer wurde ein Kunsterzieher im großen Stil. Tie Volkskunst, die im Mittelpunkt all seiner Arbeit stand, wollte er auch dem Volke gewinnen. So ist er als ein trefflicher Lehrer unermüdlich tätig gewesen für die Erziehung zum Kunstverständnis, zum Farbensinn, zu einem geläuterten Geschmack. Turch Grün düng von Vereinen, durch geschickt geleitete Ausstellungen, durch Vorträge kämvite er sür seine Ideen. Seine vorzüglichen „Uebun gen in der Betrachtung von Kunstwerken" haben der künstlerische» Erziehung ganz neue Wege gewiesen. Sein Glaube war, daß der Kunst im modernen Leben eine ganz neue, universelle Stellung gebühre: sür eine Heimatskunst und eine Volkskunst hat er sein Leben und Wirken eingesetzt, für eine Kunst, aus der Heimat ge- baren, dem ganzen Volke zu eigen. Dr. P. L.
‘ — Sarah Bernhard erhielt, wie schon drahtlich gemeldet, das Ritterkreuz der Ehrenlegion. Ter Ordensrat der Ehrenlegion hat sich seit Jahren geweigert, die dieser Künstlerin pan per schiedenen Regierungen zugedachten Auszeichnungen zu genehmigen. Erst dem gegenwärtigen Unterrichtsmiiiistcr Bioiani gelang es, den Oidcnsrat umzustimmcn.
— Kurze Nachrichten auS Kunst und Wissenschaft. Ter Tirektor Otto Brucks, Kgl. Bayrischer Komme, - sänger, der seit sechs Jahren das Metzer Stadtthcater leitete, ist nach mehrtägigem Unwohlsein gestorben. — In P e t c r s b u r g ist der Geologe Tschcrnyschcw, der im Jahre 1895 die Nowajasemlia durchquerte, gestorben.


