Nr. 8 viertes Blatt
Erscheint litgllch mit Ausnahme des Sonntags.
Tie ..Giehener Zamilienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beiqelegt, das „BreisblaN für den Breis Giehen" zweimal wöchentlich. Tie ..Landwirljchafllichen 5cii> fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Jahrgang
Gietzener "
General-Anzeiger für Gberhesfen
Zamrtag, ss0. Januar
Rotationsdruck und Verlag der Brnhl'sche» Universuäts - Buch- und Sleindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« strabe 7. Erpedltion und Verlag' bl. Redaktion:S-^112. Tel.-Adr.tAiizeigerGlcüei'-
Die Möglichleit einer Durchquerung des Sü;>poIorfontinc!ils.
Von ö. Singer.
lafi Sir Ernest Shackleton, der Ainnndsen und Scott den Weg zum Sudpol geebnet ftattc, für seine geplante neue antarllische Expedition etwas „Großes" vorhabe, wußte man schon seit langem; ja, man meinte sogar, er plane nocb viel Größeres, als er jetzt zu unternehmen beabsichtigt. Hatte er doch vor Jahresfrist angedeutet, er wolle von Enderbyland aus eine Schiit: 'nreise gner durch den Süd- polarkontincnt nach dem Rosmeer ausführen. Eine Durch» querung bereitet der englisch, Reisende ja nun in der Tat vor, aber sic soll ans einer Route vor sich gehen, die best weitem nicht so lang sein wird, als der Weg vom Enderbn- laudc aus. Von da nämlich bis zu der Stelle, wo Amundsni die Vereinigung von Viktoria- init tTduardlaud vermutet (86 Gr. s. Br.), sind es rund 2800 Kilometer: von dem jetzt von Shacklcton gewählten Ausgangspunkt im Süden 'des Weddellmeeres aber, dem Luitpoldlande, sind nur etwa 1800 Kilometer zurückzulegen. Ta ist ein gewaltiger Wcg- unterschied und die Entfernungen iclen bei Landreisen in der Antarktis keine geringere, vielleicht eine größere Rolle, als die Gangbarleit des Geländes oder das Wetter. Immerhin ist Shackletous Plan auch iu dieser Beschränkung uvchi bewunderungslvürdig, und es liegt eine Erörterung der Frage nahe, ob auf einen Erfolg zu rechnen ist.
Man weiß Ivenig darüber, wie das Innere des Erdteils Antartiika ausseheir mag. Zwar ist der Südpol zweimal erreicht worden, doch beidemal von ein und derselben Seite, vom Roßmcer aus. Man steigt da von der ebenen, schwimmenden Roßschen Eisplatte über lange, schwierige Gletscher zum Randgebirge des Pittorialandes empor und kommt dann bald auf "schwach welliges Inlandeis, auf dem der Pol in ungefähr 3000 Meter Meercshöhe liegt. So haben es Aniundseu und Scott, vor ihnen auch schon Shaüleion selber angetrosfen. Wie weil aber an alidcrcu Stellen dieses bei Windstille gut gangbare Inlandeis gegen die Peripherie des Südpolartontinentes reichen und das Wandern mit Schlitten und Schneeschuh begünstigen mag, das weiß man nicht. Es ist also auch ganz ungewiß, wie die z'üdlich des Weddellmeeres liegenden vereisten Landstriche ausschen. Will man über sie trotz dieser Unkenntnis dennoch eine Vermutung wagen, so kann sic nur dahin lauten, daß hier sowohl eine schwimmende Eisplatte von der Ausdehnung der Roßschen, wie auch weite Strecken Inlandeis schlcn dürften. Es scheint vielmehr, daß der Marsch in der Hauptsache durch Gebirge führen wird, von denen Amundsen einen Teil gesehen und Maudkette genannt hatte. In solchen antarktischen Gebirgen aber ist das Reisen und Vorwärtskvmmcn schwer, also mindestens zeit- und kraftraubend, wie die Erlebnisse der letzten englischen Expeditionen im Viltvrialande zeigen.
Soviel über das Gelände, mit dem Shackleton zu rechnen hat. Run zur Frage der Sicherung der Teilnehmer an der Turchgucrung in bezug auf Lebensmittel, Kleider, Petroleum. Hierüber liegen reichliche Erfahrungen vor. Die Bezwingung des Südpols geschah in der Weise, daß man von einer für Schisse allsomnierlich erreichbaren festen Station mit Hilfe von Hunde- oder Pferdeschlitten gegen den Südpol vorging, worauf man aus demselben Wege nach der Station zurücklehrte. Diese Polarreise fand im südpolaren Sominer statt, d. h. in der Zeit zwischen Oktober und März, nachdem man aus der Station den Winter zugcbracht hatte, und die letzten Wochen des ihm vorausgegangencn Sommers, nach Anlunft auf dem Forschungsfelde, dazu benutzt harte, den in Aussicht genommenen Weg polarwärts möglichst weit gen Süden mit Proviantniederlagen zu besetzen! Dadurch wurde erreicht, daß die Polarstürmer selbst nicht alles, was sie bedurften, bis zum Ziel mitzuschleppen brauchten: sic hatten ferner auf der Rückreise in diesen Vorratnicdcrlagen Stützpunkte. Daß freilich auch diese Stützpunkte nicht immer
den Rückzug sichern können, beweist der traurige Ausgang der letzten Scottschcn Expedition,
Auch Shacklcton hat aus seiner Reise von 1908/00 gegen den Südpol so operiert. Für die neue Reise aber glaubt er, seinen eigenen und den Mitteilungen seines wissenschaftlichen Stabschefs Professor David zufolge, auf diese Marschsicherung durch Depots verzichten zu können. Man liest nämlich, - Shackleton werde, nachdem er im Novcncher 1914 das Luitpoldland betreten habe, sofort mit der Schlitten- reise in der Richtung ans das Roßmeer beginnen, derart, daß er schon im April 131,> dort herauskommen und von dem dorthin geschickten Nebenschiffe ausgenommen werden tönne. Nur von diesem Nebcnschifse sollten auf der Roß» scbcn Eisvlatte Depots nach Süden für den anlvmu,enden Shackleton vorgeschoben worden. Nehmen wir nun an, daß das südwärts bis zum 86 . Breitengrade geschehen kann, so wäre Shackleton während des größten Teiles seines Weges, auf 1500 bis 1600 Kilometer, außerstande, die Vorräte für Menschen und Hunde zu ergänzen, und das kvürde aller: Wahrscheinlichkeit nach seinen Untergang bedeuten, zumal ihni dort alles unbekannt ist.
Solche Tollkühnheit aber ist Shackleton im Ernste doch wohl nicht zuzutrauen, und so jvird der Plan schließlich eine etwas andere Gestalt annehmen. Nachdem Shacklcton die Landung aus Luitpoldland gelungen sein wird, dürste er den Rest des Südsommer.s 1914 15 dazu benutzen, seinen späteren Turchquelnngswcg bis in die Nähe des Südpols mit Vorratsdepots zu besetzen. Von der anderen Seite, von der Roßschen Eisbarriere her, wird das Nebenschiss gleichzeitig dasselbe tun, und zwar von Frainheim aus, dem Winterquartier Amundsens von 1911. Tann würde Shackleton den Winter 1915 auf dem Luitpold- oder der Filchner-Bar- rierc verbringen und die Durchquerung erst im Südsommer 1915 16 auszusührcn versuchen. Sic könnte im Oktober 1915 beginnen und im März 1916 beendet sein, wenn alles glatt geht. Im Falle des Mißlingens hätten die Depots auf der Weddellseite die Aufgabe, den Rückzug zu sichern.
Und mit diesem Mißlingen des DurchqucrungsversuchS ist trotz aller Tatkraft und Erfahrung Shackletous zu rechnen, auch wenn sein Plan die angegebene veränderte Gestalt gewinnt. Zunächst ist es gar nicht sicher, daß Shackletoi: an der Südküste des Weddellmeeres überharrpt landen kann. Der Filchncrschcn Unternehmung ist das nicht gelungen, und der schottischen Expedition unter Bruce auch nicht. Jedenfalls ist die Küste nicht!so leicht erreichbar, wie das Bik» torialaud am Roßmcer. Sollte aber Shackleton darin glücklicher sein als seine beiden Vorgänger, so müßte man wieder bezweifeln, daß der kurze Rest des Sommers 1914/15 genügt, die Depots weit genug landeinwärts vorzutreiben. Dieses Land ist doch ganz unbekannt: man wird nach der geeigneten Route erst suchen müssen, und dazu wird Zeit gebraucht. Als es galt, vom Roßmcer aus den Südpol zu erobern, mußte man zunächst suchen, d. h. Erfahrungen sammeln, und erst auf der Vorarbeit und auf den Enttäuschungen Scotts und Shackletous beruhte der endliche Erfolg. Ans Anhieb also pflegt eine so ins Ungewisse gerichtete ?lus- gabe, wie sie sich Shackleton gestellt hat, nicht lösbar zu sein.
Erwägt man alles, so ergibt sich folgendes: Daß eine Durchquerung der Antarktis ausführbar ist, läßt sich zwar nicht bezweifeln. Aber diesen Erfolg wird wohl erst ein späterer Forscher erringen, dem Shackletous Erfahrungen zugute gekommen sind.
Nachtrag zu „Die Ernte des Todes".
In dcr Zeit von Mitte Dezember bis Ende Dezember 1913 sind noch folgende bemerkenswerte Persönlichkeiten gestorben: Staatsoberhäupter. — Fürstliche Personen. — Hoher Adel.
Dezember: 22. Kaiser Mcnelik II. von Mcffinicn, t ütbis Abeba, 69 I. — 27. Antonia, Fürstin Witwe Leopold von Hohen zollcrn, t Sigmatingcii, 68 I. — 30. Königin-Witwe Sophie von Schweden, f Stockholm. 77 I.
Diplomaten. — Hof- u n d Staatsbeamte. Dezember: 16. Karl Frbr. v. Stein, chcm. mein. Ober- hosmaischall, f Meiningen. — 24. Jakob Brönum Estrnn, chcm. dän. Ministerpräsident, k Kopenhagen, 83 I. — 24. Wenzel Gras v. Zalcski, östcrr. Finanzminister, f Meran, 45 I. Seit null Mari»e.
Dezember: 25. v. Bcrcken-Ganglau, prcnß. Generalleutnant z. D., t Allcnstcin, 77 I — 27. Theodor Elaasjen, pieuß. Generallcutnam z. D., ä Wiesbaden. Parlamentarier. — Politiker. — Publizisten. — Journalisten.
Dezember: 17. Tr. Albert Wolisson, Mitglied der Hamburger Bürgerschaft. Fübrer der Rechicu, + Hamburg. 67 I. — Bö. Ismail Hakli Babanzada, ebcm. türk. Minister, Politiker und Rechtsgclchrtcr, k Kvnstantinopel, 38 I.
Mediziner.
Dezember: 21. Daniona, ital. Chirurg, 1 Neapel, 69 I.
Theologen.
Dezember: 17. Mariano Rampolla, Kardinal," Rom, 70 Baukundc und I n g cnie urwissenIchast.
— L n > t s ch i s s a h r t. — T e ch n i k Dezember: 15. Jul. .Koch, Obcrbanral, k Heidelberg, 61 I. Mathematik und N a t n r w i s s c n s ch a s l c n. —
".'l ft t o n o m i c.
Dezember: 15. Moitke-Moe, Ethnolog, t Christiania, 54 I. Handel, Gewerbe und Industrie. — Verkehrs- wcs cn. — M ü nz >vc sen.
T czcmbcr: 26. E. Frenkel, Rcichsbankdircktor, ä Leipzig, k Leipzig.
Bildende Künste. — Kunstgeschichte. — Heraldik Dezember: 16. Karl Wilhelm Ticssenbach, Maler, t aut Capri, 62 I.
Theater und Musik.
Dezember: 23. Jules Claretia, Leiter der Comedic nanqaise, t Paris, 73 I. — 29. Joset GiamPietra, Berliner Komileä, t Berlin, 47 I. — 31. Harrt, Fragst», sranz. Varietö- sängcr, t (ermordet) Paris.
Cmficbifiobrt.
T i c Ko » st r u k t i o » d es W r i g h t s ch e n „Stabilisator s".
Der neue Wrightsche Stabilisator für Flugmaschinrn, dessen Leistungen dem amerikanischen Sachverständigen so begeisterte Anerkennung abgenötigt hat, ist nun zum Patent angcmcldct und diese Anmeldung gewährt zum ersten Mal einen Einblick in den Grundgedanken und das KonstriiktionS» prinztp der Erfindung. Es wurde bereits berichtet, daß der Stabilisator das Gleichgewicht der Flugmaschine antoma» tisch reguliert, indem er den Wind bczw. den Luftdruck die Kontroilhebel bewegen läßt. Bei wechselndem Luftdruck oder bei einer plötzlich cintretenden sehr starken Veränderung des Druckes übernimmt der Mechanismus van selbst die Ausgaben der Menschenhand und führt sie schneller und besser aus, als die Hand es vermöchte. Wie crzstclt dies Wright? An der Flugmaschtne ist ein besonderer Flügel, eine Art kleiner Tragfläche angebracht. Bei verändertem Lustdruck oder starken Windstößen bewegt sich dieser „Flügel" mit dem Winde und hebt damit einen Hebel oder schließt ein Vcntfl oder össnet es. Durch dieses Ventil strömt von einem Trm> tust enthaltenden Reservoir Lust in einen Evmpound-sZylin- der, dessen Kolben dadurch hcrabgedrückt ivird. Durch diese Bewegung des Kolbens ivird eine hölzerne Trommel beweg!, die durch Drähte oder Schnüre das Steuer reguliert. Die Idee ist außerordentlich einfach, aber eine Fülle geistreicher Arbeiten mußte anfgewandt werden, ehe aus ihr ein Mechanismus erwachsen konnte, der leicht genug, feinfühlig genug und zuverlässig genug arbeitet. Ter oben erwähnte „Flügel" kann i» verschiedenen Winkeln zum Flugzeug aufgesetzt werden, so daß er in jeder Flugrichtuug wirksam wird. Das vordere und rückwärtige Gleichgewicht wird durch diese» „Flügel" automatisch reguliert, das Seiteiiglcichgcwicht durch ein Pvndel. Es kann kaum ein Zweifel herrschen, daß die Vorrichtung eine ungleich sicherere Herrschaft über das Glcichgewicht des Flugzeuges gewährleistet als eine niensch-
LrKttcn-rr«ttv?chau.
Offener Brief einer Suffragette an de» Bischof von London.
Uebersetzt von Paula M e s s c r - P l a tz, Gießen.
Folgender offener Brief von Mrs. Lawrence, einer Führerin des gemäßigte» Flügels der Susiragett.es, ist geeignet, in den Geist und in gewisse verborgenere Motive der englischen Frauenbewegung Einblick zu gewähren.
„Mein Lord Bischof! In Ihrer letzten Rede, die Sie in Leeds hielten, fand ich cinc Bemcrlnng, die meine Auimcrktämkcii erregte. Sie sollen dort geäußert haben: „Wenn das Gesetz gegen den Mädchenhandel nicht qckonimcn wäre, so wäre ich ein glühender Frauenrcchtlcr geworden. Dies Nebel ist es, was die Frauen Hrntzutage zur Verzweiflung treibt. Urteilen wir milde über ihre wilden Taten, denn sie sind zun, erstenmal erwacht zum Bewußtsein, wie manche Männer manche Frauen behandeln."
Eigentlich hätte das Erscheinen des Gesetzes gegen den Mädchenhandel im vorigen Jahr der letzte .Anstoß sein sollen, um Sie zur Frauen,äche zu bckclnen. Tenn, wie Sie wissen, ist dieses Gesetz unzählige Male vergebens in, Unterhaus eingebracht worden. Endlich wurde es angenommen: aber nicht weil der .Erzbischof oder die Vertreter der christlichen Kirckn' in diesen, Land ihre Stimnic erfolgreich für die Fraucnsache erhoben hätten, noch weil sic eindringlich an das Gewissen der Nation appelliert hätten, sondern das Gesetz kam deshalb zustande, weil die Frauen in ihrem langen und schweren Kamps um das Stimmrecht unter anderen furchtbare Uebcln, die aus ihrem Geschleckt lasteten, auch den entsetzlichen Frevel des RUidäenhandels ausdccktcn. Das Gesetz kam darnni zustande, weil austlärcnde und erzieherische Arbeit, die Entbehrung. Opfer, ja manchen Frauen das Leben kostete, endlich den Geist der Männer ansgerüttelt hat, nick weil selbst Frauen der liberalen Partei der Unchrlichkcit der Regierung überdrüssig tourdcn. Aber gegenüber den oerhüllteren Formen des Mädchenhandels bleibt auch dies eine Gesetz nur ein toten Buchstabe und er wird es so lange bleiben, bis Frauen das Stimmrecht' laben und eine Macht bctcutcn sonwhl sür die Gesetzgebung als für die Verwaltung des Landes.
Würde doch die Landeskirche imen Einfluß einsctzen für die Gleichheit von Mann und Weib nach göttlichem und menschlichem Recht ^ Würde sie doch das öffentliche Gewissen belehren und einen moralischen Druck aus die Regierung üben, damit Mann und Frau den gleichen Einfluß auf die Schaffung der Gesetze hätten, denen Mann und Frau gleichmäßig unterworsen sind. Es wäre dann in einer Generation mehr erreicht worden in Dingen der all
gemeinen Moral und ösfcntlichcn Gesundheit als bisher in 1900 Jahren.
Nun, da wir Frauen endlich, wie Sic sagen, „erwacht" sind, fragen wir. warum die Kirche, der die Frauen Treue und ovser- willige Hingabe seit Jahrhunderten bewiesen haben, bisher sich ganz still verhielt, während die Frauen verkanii und zu unsauberen Zwecken exportiert wurden wie Tiere? Wir fragen, warum sic sich untätig und schiveigend verhielt angesichts der entsetzlichen Talsaclio, daß Leib und Seele von Taufe,iden unschuldiger Mütter und Kinder täglich den Leidenschaften des Mannes geopfert wurden? Wir fragen, warum die Kirche keine Mißbilligung hat sür die Rücksichtslosigkeit der Gerichte, wo bei Fällen von unsittlichen Angriffen auf Kinder und junge Mädchen selbst die eigenen Mütter der Opfer nicht zugclassen werden, und der Fall allein von Männer» behandelt wird, in der alleinigen (Gegenwart von Männern? Wird dadurch das Gemüt niid die Selbstachtung der unglücklichen Mädchen nicht noch tiefer gekränkt? Weiler fragen wir, warum Erzbischöfe und Bischöfe als Personen der Oeffenilichkeit nichts zu tadeln finden daran, daß Angriffe aus Männer und aus Eigentum hart geahndet werden, während solche, die den Körvcr der Frau angreisen und erniedrigen, nur ganz geringe Strafen erhalten?
Wir wissen, daß Vertreter der Kirche die Mildtätigkeit des Publikums zur Gründung von „Heinicn für gcjallene Kinder" lsic) angeruscn haben, d. h. für Mädchen, die von Männern mißbraucht worden sind. Wir sehen aber gleichzeitig, daß die »rhebcr dieses Ausritts der Tatsache gleichgültig gcgcnüberstchcii, daß die Mütter gesetzlich kein Elternrecht über ihre eigenen Kinder haben. Kürzlich besuchte ick, ein Gefängnishospital in Glasgow, und ich wurde von einer Aerztin in die Nebengebäude gcfilhrt, wo jene kleine» Kinder nntergebracht sind, die die Ovser männlicher Lciden- fchaslcn geworden, während die Fron und Mutter, ohne Kenntnis der Elesctze, überzeugt, bei icder Behörde den kürzeren zu ziehen, zu nicdcrgetretcn und verängstigt war, um kräftig eiirzuschreiicn. Zwei kleine Schwestern von 6 und 8 Jahren wurden mir von der Aerztin gezeigt, die jahrelang dies Entsetzliche durchgcmachi halten. Trotzdem ,oar die schriftliche Zustimmung eines solchen Vaters, der gesetzlich allein Elternrechte hat. und der nach seiner Verurteilung im Gefängnis saß, nötig, damit man den Kindern eine längere Behandlung im hosvitai angedcihen lassen konnte.
Eines der Zimmer war überfüllt mit Kindern von wenigen Wochen. Sic waren krank durch Ansteckung. Ein 6 Wochen altes Kind hatte das eine Auge ganz verloren, Eiter lies aus dem andern und Ivohrschcinlich Ivird cs ganz blind. Dies Kind ist ein Erstgeborenes. Die Mutter ist verzweifelt. Sie weiß jetzt, daß
der Mann, de» sie heiratete, die surchibare Gefahr, der er sie aus- setzte, nicht beachtete und die »rsachc ihrer eigenen, Monate langen Leiden, und der Erblindung ihres Kindes ist. Sie ist entschlossen, ihren Mann zu oerlaistm „ick sich selbst, sowie das Kind durch- zubringcn, wenn es an. Lebe» bleibt. Lieber alles andere, als noch einmal zu rislicren, solch ein unglückliches Wesen zur Welt zu bringen! Ter Himmel allein weiß, wie sic es durchffihren kam,. Arbeit in den „Schwitzindustricn" bis zur äußersten Erschöpfung ist der einzige Ausweg aus der noch furchtbareren jetzigen Lage. Gesetzlich natürlich tanil der Mann das Kind beanspruchen, sofort oder wann es ihm einjällt.
Variationen dieser Tragödie erhoben sich von jedem Bettchen. Können Sie uerstehcn, niein Lord Bischoj, daß Frauen angesichts dieser lebendigen Anklage gegen cinc voni Mann und seinen Gesetzen regierte Welt entschlossen sind, ihre gesetzlichen Rechte als die mütterliche .Hülste der Menschheit zu erringen, um ihre Kinder zu retten? Haben Sie vielleicht den Artikel IN der „Times" vom 7. Okiobcr gelesen? Ter Veriasscr sagt po» den Frauen: „Ihnen gehören die Kinder, Bein von ihrem Bein, Fleisch von ihrem Fleisch, ehe sie die Ratio» beanspruchen kann. Keine der wcito tragenden Wirtnngc» der Frauenbewegung ist offensichtlicher gerecht und heil'am als diese — daß die Frauen immer mehr Nachdruck legen ans die Rechte und Bedürfnisse der Kinder, denen sic das Leben geben."
Sind Sic damit einverstanden, findet diese Wahrheit ein Eckw in Ihnen? Kein Maim kann je ganz die Seele einer Mutter verstehe». Aber vielleicht ist ein Hirte eher dazu befähigt. Ihnen mein Lord, gibt Ihr Amt den schönen Namen „Scelenhirtt' Jene Ihre Worte, die meine Ausmerkiämkeit erregten, atmeten ein gewisses Verstehen, eine Shmpathic ttotz der Bitte un, Verzeihung für unsere Talen. loährend doch gerade die Kirche, die Sic repxö- se,liieren, Verzeihung bedarf für ungeschehene Taten und ungeiprochenc Worte.
Aber wir. die mir einen großen inoratischen Kreuzzug unter- nommen laben, wir erwatten von Ihnen mehr als Verzeihung und mehr als z-l»nvath>e. Wir erhoffen von Ihnen, daß Sie die wabre Bedeutung der Frauenbewegung erkennen, daß Sie Ihre Ämts- brüder ausrütteln daß Sie die streitend e Kirche aufwecken g.am,t ,ic auffichc IM Namen der Gerechtigkeit, des Mitleids und der Wahrheit. Sic möge endlich teilnchmen in, großen Kamvs um volttvchc und rechtliche Befreiung der Frau als der ersten Stute einer nationalen Erhebung zu moralischer und vhnsischer Gcinndnng des ganzen Volkes."


