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Drittes Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag?.

\W. Jahrgang

$ieGiehenet Hamiliendiätter" werden dem

.Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Uielsblall skr den Kreis Kietzen" zweimal wöchentlich. Dielandwirtschastlichen Seit­sragen" erscheinen monatlich zweimal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Donnerstag. 8. Januar J9M

Rotationsdruck und Verlag der Br übliche» Universiläts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: ea®51. 'Rebaftion:e«112. Tel.-Adr.iAnzeigerGießen.

Die Verhandlung gegen Oberst von Nenter.

4 Straßburg, 7. Jan,

Tic gestrigen Lärmszenen, die sich nach Schluß der Sitzung ereigneten und seindliche Temvnstrationen eines Teiles der Be­völkerung gegen den Leutnant ». Forstner und seine Begleiter anslösten, haben hier einen sehr peinlichen Eindruck gemacht. Obwohl es sich nur uni radaulustige Elemente handelte, die von dent Zutritt zum Gerichtssaal infolge der strengen »artenkontrolle ausgeschlossen tvoren und die nun ihrem Unmut aut irgend eine Weise Lust maehen wollten, fürchtet man doch, daß die Vorgänge niederum der gesamten Bevölkerung zur Last gelegt werden können und daraus neue Schwierigkeiten sich ergeben, Für heute hat denn auch die Polizei umfassende Sicherheitsmaßregeln ge- trossen, um der Wiederkehr ähnlicher Exzesse vorzudengen. Das Interesse an dem Prozesse ist im übrigen im Äbslauen begrissen, zumal inzwischen der elsaß-lothringische Landtag zu seinen Sitzungen zusammengetreten ist und hierbei interessantere Auseinandersetzungen über die Zaberner Vorfälle zu erwarten iind, als sie die rein referierenden Zeugenaussagen im Gerichtssaal zu bieten vermögen. Dazu kommt das unfreundliche Tauwetier der letzten Tage, das nur wenige Leute veranlaßt, schon in den frühen Morgenstunden das GerichtSgebäude aufzusucheu, um hier nach langen Kämpfen um eine Eintrittskarte zu erfahren, daß diese längst vergrifsen sind. . Nach wie vor nehmen den größten Teil des Gerichtssaals Journalisten als Vertreter der elsäfsischen, norddeutschen, Pariser und Londmter Presse ein. Tie Schreib- gelegenheiten sind angesichts des großen AichrangeS von Be­richterstattern enras unzureichend, doch sucht man sich nach Mög­lichkeit in die Verhältnisse zu finden, zumal der Verhandlungs- leitet Generalleutnant v. Pelet-Narbonne in liebenstvürdiger Weise den Pressevertretern entgegenzukommeu sucht.

Oberst v. Re tt te r und Leutnant Schabt erschienen heute mit sehr zuversichtlichen Mienen im Sitzungssaal. Es ivar schon ausgefallen, daß zu Beginn des Prozesses Graf SBalbcrl ec, der Ehef des (steneralstabes des Straßburger Arnieekorps, dem Angeklagten Obersten v. Reuter ostentativ die Land gedrückt hatte. Tie Straßburger Offiziere sympathisieren osfensichtlich mit ihren als Zeugen erschienenen Kameraden aus Zabern. Denrgegenüber besteht der Gegensatz zwischen Militär- und Zivrlgewalt in be- sfimmten Grenzen auch im GerichtSgebäude fort, was kaunr wunder nehmen kann, da das Militär gewisserniaßen hier nur zu Gast ist und die als Zeugen erschienenen Zaberner Richter imb der Za­ber »er Staatsanwalt unter den hiesigen Juristeil viele Bekannte besitzen, die über das Vorgehen des Militärs gegen höhere Vertreter der Justiz in Zabern naturgemäß ebenfalls verschnupft sind.

Vor dem Landgerichtsgebäude hält wieder ein Schutzmann- aufgebot die Ordnung aufrecht. Tie Beamten iverden voir Zeit zu Zeit durch den Chef der Straßburger Polizei kontrolliert, der aber anscheinend wenig neue Weisungen zu geben Hai. Die .(yartenkon- trolle tvird wie an den vorhergeheicheu Tagen iii scktarfer Weise aus- geübt. Auch werKonnexionen" im Gerichtsgebäude hat, muß ohne Karte ivieder abziehen. Ter Zuschauerraum ist wiederum über­füllt, als der Gerichtshof erscheint. Ta ein großer Teil der Zeugen bereits vernommen ist und daher im Gerichtssaale Platz nimmt, wird der dafür verfügbare Raum immer beschränkter.

Der Verhandlungsführer teilte mit, daß ihm von verschiedenen Bürgern aus Zabern Telegramme zugegangen seien, ivoriu sich diese erbieten, unter Verzicht auf s^eugengebühreu als Zeugen auf­zutreten. Ter Vertreter der Anklage stellt versckfiedene Beweis- airträge. Der Gerichtshof beschließt, allen diesen Anträgen stattzugeben, um in jeder Weise Klarheit zu schaffeti, Ter Vor­sitzende gibt dann die Tispositionen für den heutigen Tag bekannt. Darnach kann man damit rechnen, daß der Prozeh morgen zu Ende gehen dürfte.

Als erster Zeuge tvird heute Polizeikommissgr Müller aus Zabern 'vernommen. Er gerät bei seinen Aussagen in ziemliche Erregung und erklärt, er habe bei seiner Vernehmung in der Vor uutersuchuirg den Eindruck gewonnen, als ob seine Aussagen in eine ganz bestimmie Richtung geleitet iverden sollte». Er siollte nänilich zugeben, er hätte davon gehört, daß sich die Belästigungen der Offiziere bis zu Steinwürfen verstärkt ltätten. Der Zeuge bekiiiidet, daß er eine solche Behauptung Nicht machen könne. ZDer Unter­suchungsrichter war damals der heutige Vertreter der Anklage, Krregsgerickitsrat Ossiander. Dieser bittet das Gericht, ihn gegen den Vorwurt'der Fälschung in Schutz zu nehmen, der durch einen Landesbeomteu erhoben werde. (Polizeikommifsar Müller ist übri­

gens Altdeutscher.' Ter Zeuge äußert sich dann weiter über die Maßnahmen der Polizei zum Schutze des Leutnants v. Formier. Die Feuerwehr habe gemurrt und nicht spritze» wollen, weil das Benehmen des Leutnants v. Forstner herausfordernd war. Richtig sei es, daßBive la France!" gerufen wurde. An die Sicherheits­organe war die Order ergangen, mit aller Energie znm Schutze des Militärs vorzugehen. Diese Order wurde mehrfach und naä>- drücklich wiederholt. Der Zeuge hörte Johlen und Brüllen, spezielle Rufe aber hat er aber nicht verstanden. Frösche wurden abgebrauiit. Alle diese Beobachtungen verteilten sich auf die verschiedenen nn- ruhigeu Tage und seien nicht mehr mit Bestimmtheit nusettiand.'» zuhalten. Ter Zeuge schilderte dann weiter seinen gemeinsamen Gang mit dem Stellvertreter des Kreisdirektors, Regierungsassessor Großmann, zu Oberst v. Reuter am Pandurenabend, um ihn zur Zurücknahme der Militärpatrouillen zu bewegen, wohei von ihnen Ruhe und Ordnung in der Bevölkeruttg garanfiert wurde. Oberst v. Reuter habe sie abgewiesen und getagt, er,halte es sür gut, wenn Blut fließe. Schließlich verlangte er sogar Garantien, daß nicht mehr gelacht werde, worauf sie Heide erklärten, daß sie zur Ueberuahme einer solchen Garantie nicht in der Lage seien. Tie na ch seiner Ansicht völlig ungerechtfertigten Maß­nahmen des Militärs, die der Polizeikommifsar be­obachtete, schilderte er in bekannter Weise. Tie Bereitstellung der Maschinengewehre ist durch das Dienstmädchen eines Haupt manns bekannt geworden, welches Gelegenheit hatte, einen Blick in das Pavolebuch zu werfen. Leutnant v. Forstner soll zu einem RegierungSsupernumerar gejagt haben, dessen Eltern sollten die Fenster zuhalten, denn am Abend würden dieblauen Bohnen" fliegen.

v. Reuter erklärt, das Aufkommen derartiger Gerüchte ist begreiflich. Ich hatte angeordnet, die Wache zu verstärken und die. Maschinengeweltre bereit zu stellen. Wir erivarleten, daß der Herr Kreisdirektor uns zu Dilfe rufen würde, wenn es not tue. Wir mußten also jedenfalls bereit fein. Unterblieb diese Mitteilung des Kreisdirektors, dann mußten wir dem Gesetz entsprechend eingreiseu. D-ir sind in Zabern, um unser Regiment 'kriegsfertig auszubilden. Dort Polizeidienst zu tun, hat uns wahrhaftig keine Freude gemacht.

Ter folgende Zeuge ist der Polizeiwachtmeister von Zabern, M u d r i c r, der bald nach dem Kriege ins Land gekommen und seit 41 Jahren in Zabern tättg ist. Er bekundet, daß die Za­berner Bevölkerung scheraus friedlich sei. Allerdings sei man über die Bezeichnung der Elsässer alsMackes" empört gewesen. Tie ersten Unruhen bestanden überhaupt nur in Zusammenlausen von Frauen und Kindern. Ten Polizeiorganen ivar strenge Ordre erteilt worden, die Offiziere energisch zu schützen. Als von anderer Seite der Wunsch laut wurde, daß Militär heran- zuziehe», wollte das die Polizei nicht, es hieß, mit unseren Zabernern werden wir schon allein fertig. Tie folgenden De- monstrgtionen waren übrigens ganz harmlos. Wenn das Militär eingegrissen und schart vorgegangen wäre, dann hätte eS tote Mütter mit .Kindern im Arm gegeben. Von deui Militär feien in verschiedenen Fällen .Anzeigen erfolgt. Man konnte ihnen nicht immer nachgehen, denn man komrte doch nicht jeden jungen Leutnant begleiten. Am Abend des Tages, an dem es am un­ruhigsten zuging, befanden sich zwei Minder auj dem Schloßplatz. Ta sei eine Patrouille aus der Kaserne gekonrmen, um nach Menschen zu suchen. Sie fanden auch einen Mann und nahmen ihn mit. Dann kam der Zug unter Leutnant Schadt. Sie trom­melten und hierauf gings loS. Wäre das Militär irr der Kaserne geblieben, daun brauchte man diesen Tag nicht fir dev'Erinnerung zu haben, so aber entstand die Pandurennacht.

Zwei Tage später seien mehr Menschen in Zabern gewesen als bei der Kirchweihe im September. Zwei Festnahmen seien erfolgt. Es sei nicht ausgeschlvfseir, daß bei den Unruhen mit Steinen ge­worfen wurde. R.-A. Tr. Grossarth: Hallen Sie das sür eine Harmlosigkeit? Zeuge: Nein, das ist eine Niederträchtigkeit, aber die Kerle erwischen, dos ist die Kunst. Ich loar überall, meine .Herren, und wenn Angriffe auf Personen und Eigentum erfolgt wäre, glauben Sie, ivir wären zusammengerückt und hätten drein- gehaue». V e r ha n d lu » gs l.: Man soll Ihnen Ihren langen weißen Bart um die Ohren gewunden haben? Zeuge: Nein, das ist nicht wahr, da Hütte ich den Säbel gezogen und die Antwort gegeben: Rumdrehen! Ter alte Polizeiwachtmeister mackste a!,: Thp eines Vertreters der kleinstädtischen Polizei in seinen Aussagen einen sehr wirkungsvollen Eindruck. Verschiedene Polizisten be­stätigten im loesentlichen die Aussagen des Vorzeugen. Es sei die Order ergangen gewesen, die Offiziere mit aller Energie zu schütze».

Verschiedentlich seien Steine ans der Menge geworfen worden. Tir F-euertoehr zögette mit dem Spritzen, weil sie die Rache der Be­völkerung fürchtete. Ter Pandurenabend leitete sich durch keine Aus- iälligkeit aus der Straße ein. Tas Einschreiten des Militärs gefcktah wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Die Leute kamen aut den Tronimellvirbel aus den Häusern und Wirtschaften. Tie Verhaftungen lourden wahllos vorgenommen.

Ter stellvertretende Bürgermeister, Kaufmann Gnnz schildert die Vorgänge am Abend des 28. November und bestätigt auf Befragen, daß ihn als Stellvertreter des Bürger Meisters nie ein Offizier um Schutz angegangen habe. Ter Zeuge ist der Besitzer des Hauses, dessen Türe am 28. November morgens von den Leuten des Leutnants Scktadt eingcschlageii Ivurde. die einen dorthin geflüchteten Lehrling, der gehöhnt Itattc, sestzunehmen suchten. Nicht er, sondern RegierungSamttnann G r o ß m a n u habe de» Leutnant ersucht, daS Haus zu verlassen. Gegen den Regimentskommandeui hat der Zeuge nachher Stras- anlrag gestellt wegen Hausfriedensbruches. Im übrigen hat G UNz am 28. November von Verhöhnungen nichts gehört: er hat auch nicht johlen hören, vielleicht nur laut sprechen. Leutnant Schadt stellt fest, daß er die Gunzschc Wohnung verlassen habe, nachdem ihm Amtmann Großmann versickwrt hatte, daß er den betreffenden jungen Menschen sestnehmen lasse. Zeuge Buchdruckereibesitzer G > I

I r o t berichtet vornehmlich über die Vorkomuinisie am 28. Novem her abends, wo auch er, als or bei einem Postgauge die Patrouillen- fcttc durchschreiten wollte, festgenomineii, aber kurz darauf frei gegeben wurde. Auch er hatte gegen Oberst v. Reuter Strafantrag wegen Mißhandlung und Freiheitsberaubung durch das Militär gestellt. Im übrigen bestätigt der Zeuge aus Wunsch des Verteidi­gers, daß ihm bei einer Differenz ivegen seines Bruders, des Ein- jähisgen (sfilliot, der Oberst in loyaler Werse entgegengekomMen sei. Zeuge Kriegsgerichtssekretär Frommet bestättgt als seiner zeitiger Protokollführer, daß bei der Porvernehnrung deS Zeugen Äreiskommiffar Müller der Kriegsgerichtsrat Ossiander die Protokollierung sehr eingehend und peinlich genau, aber streng korrekt vorgenommen babe, während Müller sehr zurückhaltend und zögernd geantwortet habe: das Protokoll habe Müller unterschrieben und dadurch als richtig anerkannt. Daß Müller gegen die Art und Weise der Protokollierung energisch Einspruch erhoben habe, wie er heute angibt, dessen kann sich Fromnrel nicht erinnern. Giegrni

II Uhr werden die Zeugen Gunz, Gilliot, Mutschler, Deutsch und

Frommel vereidigt und entlassen. i

Gendarmeriehauptmann Schotten äußert sich über die au die Gendarmerie in den kritischen Zaberner Tagen ergangenen Weisungen. Das Zaberner Kommando unterstehe der Kreisdirekfion, ivelche die Befehle zu erteilen hast Trr Zeuge orietttierte sich au Ort und Stelle über die Sachlage. Anfgesallen sei ihm, daß den Gendarmen gesagt worden sei, sie sollten ihre Pferde zu Hause lassen. Ter Zeuge gibt Kenntnis von einer Mitteilung des Brigade- schreibers Schröder, wonach Kreisdieeklor Mahl mtt einzelnen Gendarmen Rücksprache in Sackten ihrer Beruelimung genommen habe. Tie Gendarmen hätten aber ihnr dem Zeugen gegen über aus Befragen erklätt, wie kommt Schröder zu dieser Bchaup- Inng? Tas (bericht beschließt, den Brigadeicktreiber als Zeugen zu laden. Zeuge Oberlehrer Brücker, der in der Nähe des Schloß - vlatzes wohnt, äußert sich eingehend über seine Wahrnehmungen. Tie Vorgänge am 9. November batten eines gewissen Humors nicht entbehrt. In der Folge nahmen die Vorkonminisse allerdings einen, bedentlichen Eharatter an. Wiederholt habe er beobachtet, daß Offi­ziere belästigt wurden, so daß man schließlich das Eingreifen der Militärbehörde verstehen konnte.

Zeuge Lehrer T r ö f l e machte eine militärische Hebung in Zabern und bestätigt die Johl- und Pseisszenen. Als der Oberst unter die Leute trat und sagte, sie möchten ruhig sein, die Aeuße rung des Leutnants v. Forstner würde untersucht werden, wurde der Oberst einfach niedergeschrien. Jbm und anderen Reser­visten wurden Beleidigungen des Obersten zugerufen.

Ein Assistenzarzt schilderte, wie er am 9. November, als er sich in Begleitung des Leutnants v. Forst n e r be­fand, von einer etwa 200 Personen zählenden Menge verfolgt und verhöhnt wurde. Ebenso wurden sie mit Steinen beworfen, es mögen etwa 20 Steine gewesen sein. Auch bei anderen Gelegen­heiten seien sie von einer Menschenmenge verfolgt worden. Darunter waren weniger Frauen und Kinder, meist Männer. Die Gen­darmerie hatte wenig Erfolg, sie entwickelte auch keine große Energie. Einige Offiziere schildern, wie sie durch die lärmenden Menschen belästigt wurden, die sich zurückzogen, wenn

Die Düsseldorfer Akademie sür vühnenkunst.

Eine Umfrage bei den deutschen Dramatikern.

Man schreibt uns aus Düsseldorf: Bor kurzem haben sich die Düsseldorfer Stadtverordneten mit der Erhaltung des Schau- svielhairses beschäftigt. Dessen Leiter hatten an die Stadt Tüffeldois die Bitte gerichtet, sie möchte ihnen gestatten, dahin znrückzukehren, wovon sie ausgegangen seien, zur Heranbildung eines besseren Nachwuchses sür die deutsche Bühne. Das sei möglich, indem man die bereits bestehende Theaterakademie zu einer städti­schen Hochschule für Bühnenkünste ansbane. Tie Stadt­verordneten zeigten sich dem Wunsche in diesem Umfange nicht ge­neigt, beschlossen aber die Förderung und geldliche Unterstützung der Akademie des Schauspielhauses. Es ist zu hoffen, daß trotzdem, nun der Gedanke einmal lebendig geworden ist, wenn nicht mit .Hilfe der offiziellen Stadt, so doch mit Unterstützung eines nach Mann­heimer Vorbild geschaffenen Bundes der Ausbau der Hochschule zu dem gedeiht, was den Leitern des Schauspielhauses oorschwebt. Das Schauspielhaus hat sich an eine Reihe deutscher Schriftsteller gewandt und sie um ihre Ansicht über diese Pläne betragt. Es seien hier kurz einige interessante Urteile erwähnt: L e o G r e i II e r begrüßt den Gedanken lebhast. Er geht davon aus', daß die Lei­stungsfähigkeit unserer Schauspielkunst, im Durchschnitt gemessen, weit unter dem Niveau unseres gegenwärtigen Dramas bleibt, gar nicht zu reden von de» Aufgaben, die ihr im künstlerischen Drama gestellt find. Tie Schauspieler erfahren besten Falles eine gewisse Zucht in rein technischen Dingen, außerhalb dieser brauchte,r sie nichts zu wissen. Deshalb sei es zu begrüßen, daß die neue Akademie tür eine vielseifige und tiefere Ausbildung des Schauspielschülers sorgen ivolle. Auch die vovuläre Angliederung einer Art Volks­hochschule erscheint Greiner fruchtbar. HeinrichLiliensein tiiibet, daß die Akademie nackidrückliche Förderung verdient Sie werde auch dem Dichter und Kritiker von Nutzen sein. Her­mann Bahr erklärt: Auch mir scheint es vor affem wichtig, aus dieser gräßlichen Sfilnnsicherheit hinauszukomnten und so kann ich die Akademie, die Sie planen, mir von Herzen begrüßen. ffialter Slocin sogt, Düsseldorf sei immer eine Heimat der Uunst gewesen und sei dazu beruseil, der Mittelpunkt der west­deutschen Gaue in künstlerischer Hinsicht zu bleiben und immer mehr zu iverden. Im Interesse einer Dezentralisation sei das zu be­grüßen und schon darum müsse man die Akademie gründen, um einer Verödung derProvinz" vorzubeugen. Paul Ernst hofft, daß durch die Akademie das weitere Bergabgehen der Theater verhindert werden kann. Julius Bab schreib!: Eine Stelle, an der die geistige Mission der Bühnenkunst begriffen, verkündet und mit allen Konsequenzen dargestellt wird, scheint mir gerade in dem kulturellen Moment, in dem wir leben, von äußerster Wichtig­keit und wenn die hier versammelten, im Zeichen wahrhaft drama­tischer Kultur entstammten Geister Gelegenheit finden werden, ihre tatsrohe, weltsromme Gesinnung in volkstümlichen Borträgen auch

ans breite Massen ausströmen zu lassen, so würde das einen weiteren Gewinn sür das ganze deutsche Volk bedenken. Cäsar Flaischlen erscheint die Akademie zumal in Angliedernng an Kurse und Vorträge sür jedermann nicht nur nützlich, sondern geradezu notwendig zu sein. Wir brauchten vor allemSchutz gegen unsere ziellos gewordene und sich in sich zersetzende Zeit, gegen den Militarismus, der über uns sei!" Max Dreher findet, daß die Akademie geeignet sei, der weiteren Verflachung der Schauspiel- kunst Einhalt zu tun. ^

Interessant sind auch die Urteile zweier ausländischer Schrift­steller. HyaeintheLoyson begrüßt es, daß in dieser Akademie Schönheit und Kunst sich vereinigen sollen, um der Schönheit zu dienen. Frederick van Erden sieht die Hauptfrage darin, wie man die Bühnenkunst von geschäftlichen Interessen befreien könne. Die Akademie scheint ihm ein Mittel, diese Frage zu lösen.

Gefährliche wintersahrt der Aelpler.

Eine der wichtigste,,, aber auch gefährlichsten Arbeiten in den Alpen bildet das Herablzolen des Baubolzes aus den Bergen. Die Holzsahrer sind daher nicht nur kräftige und starke, sondern vor allen Dingen auch geschickte Leute. Ein solcher Holzsahrer, deffen Tätigkeit höchst anschaulich von A. Purtscheller geschildert worden ist, fährt mit dem sogenannten Hahnschlitten, einem Fahrzeug mit eingebogenen Hörnern und zwei sckntrsen Kratzern an jeder Sette, hinaus in die Berge. Durch Geröll und Steine bahnt er sich den Weg, und das ist bei der hohen Lage des Schnees weiter nicht hals- brechend. -Oben im Hvlzschlag, wo das im Eonnner von den Holz- knechten geschlagene Brenn- und Baimtaterial lagert, wird Hali gemacht. Nun heißt's aujladen. Bevor er aber dies tut, zieht der Holzsahrer seine Mütze ab und betet ein Vaterunser für die aimen Seelen der Berussgenossen, die bei dieser Beschäftigung zu Tode kamen. Tann trintt er einen Schluck Branntwein, nimmt sein ans Schwarzbttot und Speck bestehendes Mahl zu sich, und dann geht's los mit dem Ausladen. Ein schlechter Holzknecht müßte eS sein, der nicht seinKlasterl" sich auszuladen getraute. Ist alles verseilt, dann macht er sich aus vier oder sünt zusammen- qebundenen Scheiten einenHund", den er hinten am Schlitten be­festigt. Dieser Hund dient dazu, um die Talsahtt nicht allzu l'chnell zu gestalten und gewissermaßen alsschlevver", als Hemmtttel, zu fungieren. Nun gehk's loS! Er stellt sich Mitten in'den Schlitten, nimmt die beiden Kratze rstangen tti die Hand iliid zieht an. Kaum ater ist der Schlitten ttn Gange, dann wirft er sich zurück, und die mit scknirsen Steigeisen bewaffneten Füße weit vor sich gestreckt, geht'? in lehnender Stellung abwärts. (Kar bald hat die Fahre die Schnelligkeit eines Eiienbahnzngeg angenommen. Ten Blick starr wie ein SchiffSkapitän vor lieft hingerichtet, die Hände an' den Kratzern qetlamrnert. io stiegt er vorwärts, vorder an kirch- turmtiefen Abgründen, die kaum einen halben Meter weit von ihlN eittjeritt gähnen. Wehe dem Holzsahrer, wenn ihn nur einen

Augenblick seine Kraft oder seine Selbstbeherrschung verließe! Ein grauenvoller Tod wäre sein Los', und gar viele schon haben an diese Waltrhett glauben müssen. Wehe aber auch jedem lebenden Wesen, das diesen dahinsansenden Transporten begegnen würde. To wie von einer Lokomotive würde es beiseite geschleudert wer­den, denn ungeberier ist die (tzewalt, mit der ein.so schweres Fahr zeug bei einem Gefälle von 35 zu 100 Metev'in die liefe schießt. Ter Anblick eines solchen Holzschlittens in voller Fahrt ist für den, der ihn nicht gewöhnt ist, unheimlich, cnfietzlich.Ich habe einmal," sagt Purtscheller,eine Dame gesehen, die ohn ­mächtig wurde, als sie einen solchen Holzschlitten, gelenkt nur von einem Mann, an sich borbeirasen sah, und in dee Tat, es gehört eine Riesenkraft dazu, um dieser Ausgabe gerecht zu werden." lim nun die Gefahr, überfahren zu werden, nnmögfich zu mackten. Inte das Kreisforstamt eine Verfügung erlassen, nach der irnr zu be- stimntten Sännden bergan und bergab passiert werden darf. Diese höchst notwendige Verordnung ist an Tafeln angebracht, die sowohl aut der .Höhe wie am Fuße des Berges ausgestellt sind. Wer sich trotzdem in die Gefahr begibt, lammt darin um. Ter

Schlittensührer ist ein sür alle Mal von jeder Verantwortlichkeit entbunden, da ihm bet der Unmöglichkeit, settr dahinschießendez Fahrzeug zu hemnien, keinerlei Schuld beigemessen werden kann, totem er die gesetzlichen Stunden innehält. Psnckwlogrsch inter­essant ist die Tatsackte, daß sich wohl selten einer 'dttser Holzsahrer. der Gefährlichkeit seines Handwerkes INI vollen Umfange bewußt ist. Sei es nun, daß sie durch die Ersabrungen von Jugend aus, durch den täglichen Umgang mit der Oiesahr ein so riesiges Selbst­vertrauen mit ihre Kraft und Gewandtheit besitzen, oder daß ihnen das WortFurcht vor dem, Tode" absolut unbekannt ist sie trennen sich nur schwer von der Beschäftigung, wenn sie sie einmal ergriffen ktaben: sie gleichen in diesem Sinne dem See­mann, den die Schrecken der See nicht mehr zu ängstigen ver< mögen und der es sür ehrenooll hält, IN seinem Element zu sterben.

- Ist Rachitis eine Infektionskrankheit? Im allgemeinen hat man bisher dieenglisckte .Krankheit" der Kinder sür eine Störung des Kalkstoffwechsels angesehen, obgleich eS nicht an Stimme» fehlte, die sie als Jnfekfionskrankheit ansprechen. Man hatte nun beobachtet, daß >m Anschluß an bakterielle Infektionen Versuchstiere Veränderungen an den Enden (Tiaphysen) der Röhrenknochen zeigten, die der Rachifis ähnelten. Tr. Jose' Koch in Berlin Hai diese Beobachtungen verpollkomninet und seine Ergebnisse in der Berliner Medizinischen Gesellschaft^ nrttgeteilt. Danach tvaren eS die Rotlauf- oder Erysipel-Strepto- totecn, deren Ansiedlung an den Knoehemmden zu Verdickungen und Veränderungen führten, ganz wie sick das Bild der Rachifis autweist. Ein endgültiger Schluß freilich läßt sich noch lange nicht ans diesen Experimenten ziehen. »