Nr. 5
Ter Sltheiter Anzeiger
erscheint tägsich, außer Eonntags. — Beilagen: viermal wöchentlich Siezener.famillcnöläNee;
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M» Iayrgang
Mittwoch. 7. Januar I9H
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General-Anzeiger für Oberhessen
Rotatikmzhruck nnö Verlag der Vrühl'schen Uuiv.-Vuch- v»d Sttindruckerei 8. Lange.
BezuqSvrett: nlonatlich75M„vie«eI- jährlich Mk. 2,20; durch Abhole- n. Zweigstellen monatlich 65 PI.: durch diePost Mk.2.— viertel» jährl. auLschl. Bcstellg. Zeilenpreis: lokal 15Ps., ausioärts 20 Plenniq Chesredakteur: A Goetz Verantwortlich sür den voll!. Teil: Aug. Goetz: sür .Feuilleton", ,Ver- mischteS" und.Gerichts saal": Karl stienralh; iür .Stadt und Land":
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. ^->^,"> 1 :' H^Beck.
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Die Konkurrenz -es Prinzen Wied.
Prinz Wilhelm Wied, der aus den, Neujahrsurlaub von Neuwied nach Potsdam zurückcgekehrt ist, hat eine unangenehme Ueberraschnng vorgefunden: Ti: mohainmc- danischcn Stämine Albaniens haben den jüngst von seinem 'Amte als türkischer Kriegsminister zurückgetretencn Jzzct Pascha zum Fürsten von Albanien auserkoren. Bereits soll eine geheim« Abordnung in Kvnstantinopel erschienen sein, um Jzzet den Wunsch des „albanischen Volkes" z» übermitteln. Also ei» richtiges Gegenstnckchcn zu der Potsdamer Deputation. Bereits sind auch ISO Freiwillige, dar- nnter eine Anzahl türkischer Offiziere, auf einem österreichischen Lloyddanipser von Konstantinopcl obgercist, um in Albanien die Führung der Bewegung zugnnsben Jzzet Paschas zu iibrrnehmen. z
Mr wissen noch nicht, ob der Exkriegsminister Jzzct mit der ihm angetragenen Ehre eines albanischen Gegcn- löuigs einverstanden ist. Zollte er's sein, so darf Prinz Aied in ihin keitien ungefährlichen Partner erblicken. Jzzet Pascha hat gerade in Berlin mindestens ebensoviele Freunde als der Neuivieder. Vor 30 Jahren hatte er sein erstes Kommando nach Deutschland: lOlO wurde er von Kaiser Wilhelm zu den Paraden und Manövern ringelnden und mit dem Roten Adlerorden l. Klasse deloriert. Jzzet Pascha ist ein sehr lluger und tüchtiger Mann, der Initiative und Führereigenschasten bewiesen hat. Er ist geistig außcrordent- lich rege und beherrscht die französische und die deutsche Sprache vollkommen. Bon der albanischen Sprache und von Albanien überhaupt versteht er fürs erste sicher sogar mehr als der deutsche Prinz. Man darf auch nicht vergessen: Jzzet mit der niohaminedanischcn Bevölkerung Albaniens ergäbe einen bedenklichen Gegensatz zum christlickzen Wied und seinem Anhang. Ter deutsche Prinz wollte in der zweiten Hälfte des Januar fernen feierlichen Einzug in Albanien halten. Er glaub! wohl jetzt selbst nicht, das; das Programm sich rinhallen lassen ivird. Tie erste Schwierigkeit, die sich cntgegenrürmte, war die Wahl der Residenz. Ursprünglich hatte man Valona in Aussicht genommen; die Stadt liegt aber etiva eine halbe Stunde vom Meere ab. In trübeit Zeiten, die den: Prinzen nicht erspare: bleiben loerdcu, könnte dort der Zugang zum rettenden Schisse abgejckmitten werden. Man Hai deshalb Turazzo gewählt; hier kann der Fürst im ehemaligen türkischen Konak residiere», einem schloßähnlichcn Gebäude mit freier Aussicht auf bas Meer. Aber auch Turazzo wäre nur ein Provisorium, bis die eigentliche neue Hauptstadt gefunden ist. Welche Schwierigkeiten!
_ Aber noch aus anderen Gründen ist jetzt zu vermute», dast Prinz Wilhelm Wied gar manche Woche in Potsdam auszuharren hat, bis das Zeichen zum Aufbruch nach Albanien gegeben werden kann. Immer trübseliger lauten nämlich die Meldungen ans Süd-Albanien. Die Frist zur Räumung des Landes durch die griechischen Truppen ist kürzlich bis zum 18. Januar verlängert worden. Die Umgebung des Prinzen aber befürchtet, daß auch dieser Termin
nicht cingehaltcn werden wird. Der internationale Ab- grenzungsausschuß, der bestimmt war, die bedenklichen Grcnzlückcn im Süden Albaniens zu schließen, ist von den Griechen an die Lust gesetzt worden und mußte den Schauplatz nach Italien verlegen, wo es außer aus einem grünen Tische nichts abzugrenzen gibt. Wochenlang reiste der unglückselige Ausschuß in Süd-Mbanicn umher, ohne ans der Karte einen Strich ziehen zu können. Tie griechischen Truppen, die das Gebiet besetzt halten, sorgten dafür, daß mau leinen Atbanesen zu Gesicht bekam. Allerdings sollte sich der Ausschuß vor allem aus seine — Ohren verlassen, sollte horchen, wie innerhalb der Familien gesprochen wird, griechisch oder albanisch, u,ld danach sollte die Grenze gezogen werden. Tie Häuser der Albanesen waren aber entweder leer oder versperrt und verriegelt; wollte der Ausschuß solch ein verschlossenes Haus öffnen, so erhob sich sofort in der griechischen Presse ein surchtbares Geschrei; „Einbrecher, Barbaren, Schänder der Familienchre!" und ähnliche Liebenswürdigkeiten. Und dazu ringsum der Rus der angeblichen Bcvölterung; „Bereinigung mit Griechenland oder den Tod!"
Während dieses aufreibenden Kieinkampses ließen sich die Griechen in Albanien immer häuslicher nieder und verstärkten ihre Position durch militärisch organisierte Banden, die den schönen Namen; die „heilige Legion" führen. Tie Tätigkeit der Legion ist natürlich „inoffiziell", die Athener Regierung wäscht ihre Hände in Unschuld und lehnt genau wie bei den Kreta-Aufständen die Berantloortung von sich ab. Wie mag da dem Prinzen Wilhelm Wied zu Mute sein? Die neuesten Berichte seiner Getreuen, die jetzt in Albanien Vorstudien zur „wirtschaftlichen Hebung des Landes" gemacht haben, sind auch nicht dazu augelan, die Stimmung zu heben. Jegliche Industrie außer einer Asphalt- sabrik in Balona fehlt. Bergbau haben die Türken nie geduldet; es ist doch sehr fraglich, ob das Land die versprochenen Mineralien wirklich enthält; die Untersuchungen französischer Ingenieure ircuesteii Datums hatten ein negatives Ergebnis. Tie einzigen AuSsuhrartikcl sind etwas Getreide und Oliven. Tie Landwirtschaft steht aus der denkbar tiefsten Kulturstufe. Die Arbeitsscheu der Albanier ist ja sprichwörtlich. „Aber sie werden prächtige Soldaten werden!" meinte ein Vertrauensmann der Wiedschen Pioniere, immerhin ein Trost sür einen preußischen Hauptmann.
Die Eröffnung des elsak-!ot,Dinglichen Landtags.
Straßburg, 6. Jan. Die feierliche Eröffnung der ziveiten Tagung des Landtages erfolgte um 41 Uhr im Kaiserpalast durch eine Rede des Kaiserlichen Statthalters Grasen v. Wedel, in der er u. a. aussührte, daß die finanzielle Lage der Reichslande eine Beschränkung der Ausgaben notwendig mache, die auch auf die Besserstellung der nichtetatsmäßig Angestellten, für die im Nachtragsetat Vorschläge gemacht werden, nicht ohne Einfluß blieb. Zur Besserstellung der finanziellen Lage ist die baldige Reform der direkten Steuern in Erwägung zu ziehen. Ter betresfendc Entiours werde nnvcrzüg- sich dein Landtage vorgelegt werden. Tie Erhebungen aus Anlaß des Wehrbeilrages würden ein Urteil darüber bilden lassen, ob eine Vermögenssteuer einzuführcn sein wird. 1
Ohne weiteres werde das Einkommensteuergesetz zur alsbaldigen Beratung gestellt werden. Neben anderen Frage», wie betreffend die Wiederverleihung rechtlicher Fähigkeiten, die staatlichen Kultusausgabeu ufro., die Verfassung der Kirche augsburgischer Konfession und der resor,inerten Kirche, betreffend die Losgescllschaftei, usw, ist die bedrängte Lage des Winzer st a n d c s für die Regte» rung Gegenstand ernster Aufmerlsamkcit. Neben dem Grund» steuernachlaß sind Maßnahmen vorgesehen zur Bekämpfung der Rebschädlinge. Weiter wird aus die abgeschlossenen und noch vorzunehmendcn Arbeiten der Rh ein regulier ung und des Kanalnetzes hingewiesen. Schließlich äußerte sich der Statthalter zu dem Wunsche der Volksvertretung nach Vereinfachung der Verwaltung dahin, daß die Bezirkspräsidien nicht beseitigt werden iönnen und die Bezirke als Sekbstvcrwaltungskörper bestehen bleiben sollen. Toch wäre es möglich, die Befugnisse der Bezirkspräsidicn aus dem Gebiete der allgemeine» Landespolizci und Gesetzcsaussicht zwischen den Ministerien und den unteren Verwaltungen aufzuteilcn. Bezüglich der Verwaltung des Forstwesens und des niederen Unlerrichts- wesens sind die Erwägungen angesichts der gegen eine Zentralisierung bestehenden Bedeuten noch nicht abgeschlossen. Erwünscht ist ferner die Regelung des Forstschutz- dicnstcs und der Besoldung der Gemeindeforstbeamlen, worüber ebenfalls dem Landtage eine Teutschrist zugeheu wird. Daraus erklärte Statthalter Gras Wedel die Äigung mit einem hoch auf den Kaiser für erössnet.
Tie beiden Kammern des Landtages hielten heute Nachmittag Sitzungen ab zur Bildung ihrer Bureaus und Ausschüsse. In der zweiten Kammer betonte der Alterspräsident Bvurger in seiner Eröffnungsrede die politischen Schwierigkeiten, die zurzeit in Elsaß-Lothringen herrschten. Er wies besonders darauf hin, daß Elsaß-Lothringen als Glacis betrachtcl werde. Bei der Erwähnung der Zaberner Vorfälle stellt er zunächst das Bestehen einer militärischen Nebenregierung fest. Dem Reichstag müsse man deshalb dankbar sein für seine Stellungnahme zur Wahrung der elsaß-lothringischen Inter» esseii. Die Schuld an der Zuspitzung der Verhältnisse trage allein die unzulängliche Verfassung. Eine Aenderung könne erst dann eintrcteu, ivenn Elsaß-Lothringen mit den übrigen Bundesstaaten vollständig gleichberechtigt sei. Die Rede wurde öfters von Beifall unterbrochen.
Vcutscbe» Reich.
EinTelegr ammdeS Kronprinzen? Wie der „Lok.» A»z." von maßgebender Stelle erfährt, ist ein Telegramm des Kronprinzen an den General ».Deimling aus Anlaß der Zaberner Vorgänge mit dem Inhalte: Immer feste drani! Friedrich Wilhelm, Kronprinz, nie an General v. Deimling gerichtet worden.
Eine städtische Arbeitslosenversicherung ist jetzt in Frankfurt a. M. eingcführt worden. Als Voraussetzung für die Gewährung der Arbeitslosenunterstützung ivird gefordert, daß der Arbeitslose seit mindestens einem Jahre ununterbrochen in Frankfurt gewohnt hat und nicht nur vorübergehend als Arbeitnehmer in Stellung gewesen ist; ferner muß der Arbeitslose einem Gewerbe augchörcn.
Lin bedenklicher verkauf des Landesmufcums.
In hiesigen Gesellschaftskreisen erregt recht peinliches Ans- scben ein Borlonmnns, dessen Unterlagen auch bereits in einem radikalen Blatte Anlaß zu wenig schineichelbaiten Benierkungen geboten habe». Ter Kern der Sache ist folgender: Zn den frühe- stcn Beständen unseres in dem herrlichen Mcfsclschcn Prachtbau dem hofthcater gegenüber neu crrichicten L a n d csm u s e u m s gehören die berühnitc» Sammlungen, die schon vor mehr als hundert Jahren der Kunsvnäcen Baron hüpsch als Grundlage sür ein hessiiches Muicum gespendet hat. Später traten umsgng- rciche neue Erwerbungen und weitere Stiftungen hinzu, darunter die des verstorbenen Professor Scriba, der lange an der Universität in Tokio als Lehrer tätig war und bei seinem Ableben ieine japanische Sammlung dem LandeSmujenm vermachte. Von dicicn Sammlungen ist nun kürzlich hier in aller Stille ein beträchtlicher Teil i in R a m s ch a» einen Darnistädler Kunst- und Antiguitätenhändler »er kan st worden. Ein Mitglied der Familie des ProicssorS fand ganz zufällig bei dem betreiiendcn .Händler verschiedene Gegenstände, die ibm bekannt vorkamcn und er wurde aujs böchstc bestürzt, als er bei näherem Betrachten verschiedentlich die im Landesmuseum übliche Aufschrift „Scriba- sche Stiftung" las. Ter .Kunsthändler erklärte aui Befragen, dast er diese und viele andere Sache» ant ganz legalem Wege von der Mulenmsdirektion erworben habe und die weiteren Nachiorjchungen best ätigen die Richtigkeit dieser Angaben. Man beabsichtigte, eine neue wertvolle Madonna in seltener, liegender Tarstcllung zu einem hohe» Liebhabcrorcis zu erwerben und da hierzu die erforderlichen Mittel fehlten, beschloß man, diese durch Vcräußc- rung eines Teils der erwähnten Sammlungen zu beschaffen. Ten hauptbestand dieser wohl als überflüssig oder gar als künstlerisch wertlos crachietcn Veränsterungen bildeten etwa 30 verschiedene Majolika-Handteller und Platten ans der italienischen Früh- renaissanec, Fayencen mit farbiger Malerei, darunter Gabis- nnd Ulbino-Stückc. um deren Besitz uns manches große Muienin beneiden könnte Weiter nxrtoollc GlaSovkale, Elfenbein,'chnitze- reien und der Teckrncinband einer Bibel aus der iFrührenaiiiance, der reich mit Edelsteinen beseht ist. Aus der iapanischen r-.nnm- l„ng wurden veräußert eine Anzahl älter Basen, Elsenbcrnjitmive- reien, alte aLct und Mctallarbciten, Bronzen usw.. die :cdlx!> obendrein nach nieist als Zugabe z>i den übrigen Gegenständen gegeben irwrden sein sollen. Der Gesamterlös aus allen diesen Sachen soll 3s 000 Mark betragen haben, während der reelle Wert re» Sachverständigen als viel höher geschäht wird.
Angesichts dieses höchst eigenartigen Vorgangs must man doch die Frage erheben; Warum hat man die ganze Verkauisangclcgen- heit so geheimnisvoll betrieben und die Sachen, wenn man sie nun cinmal durr!>au-" veräußern zu sollen glaubte, nicht öiientlich zum Verkauf auSgobaten oder bekannten Liebhabern zugänglich gemacht? Wenn da? Lairdcsnruienm wirklich eine so günstige Neuerwerbung machen wo!li.' — wofür ja im Augenblick noch jede Beurteilung fehlt — so hätte sich nach unserem Dafürhalten doch auch wohl midi ein anderer Weg zur Aufbringung der erforderlichen Mittel studcri lassen, als diese zum ininbestcn nicht gerade sehr pietätvolle
Veräußerung von zahlreichen Stücken aus grscheuk.en Sammlungen !
Man wird sich noch lcvhosi des Unwillens erinnern, der dadurch hervorgerufen Imirdc, daß im vottgen Sommer das Tarm- städtcr hosiheatcr eine groß- ?lnzahl wertvoller stiüstungcn, Harnische, Massen usw. unter der Hand -u .eineni Spottpreis an einen hiesigen Ländler veräußette, die aus dem (siießener Ze»g- hans stammten und vor langer Zeit dem hoftheater überwiesen worden waren. Warum hat man die damals gemachten Erfahrungen nicht beherzigt und jcßt abermals eine Handlung nntenwmmen, die aller Voraussichl nach noch viel Staub aufimrbeln und berechtigte scharse Kritik Hervorrusen wird?
Der deutsche Erfinder des Fernsprechers.
Tie ztvcitc Januattvodze ttist uns in zwei Gedenktagen die lange verkannte und vergessene Gestalt eines deutschen Erfinders ins Gedäckstnis, dem wir die eigentliche Schöpfung de- Fernsprechers verdanken. Am 7. Januar sind 80 Jahre vergangen, seü Philipp Reis zu Gelnhausen, wo heute ein Denkmal sein Andenken Ivach erhält, das Licht der Welt erblickte, und ani 14. Jannor sind 40 Jahre dahin, daß er in bescheidenen Verhältnissen seine 'Äugen zur letzten Ruhe schloß, ohne mit seinen evochc- machende» Ideen durchgedrungen zu sein. Eine leidenichaftiichc Lieb- zur Phvsik bestimstttc Leben und Bildung des jungen Mannes, der den Kausmannssrand verließ, um seine natunvissensdwitlichen Studien vstegen zu^ können. Er wurde schließlich als Lehrer an der Garnierschcn Erziehungsanstalt zu Fttedrichsdors bei Homburg v. d. Höhe angestellt und widmete sich nun seinem Licblings-- plan, ein „Telephon" zu erfinden.
Solche „Telcvhonc" waren schon seit längerer Zeit in der elektrisclun Technik l-ciinisch; es waren ?lvparatc, die auf elek- trischcni Wege inittels hörbarer Zeichep Signale nach cntsernten Orten übermittelten. Ter Vernich, die damals bereits ziemlich vervvllkoinmnetc Telegraphie auch a»f die Sprache zu übertragen, lag in der Luft, Reis ging von der Beobachtung des Phhsikers Page au-, der schon 4837 testgestellt batte, daß z. B. eine Stricknadel einen kurzen Ton von sich gibt, wenn in einer sic nmz- gcbendxn Drahtspule ein galvanischer Sttoni entsteht und auihört oder periodisch seine Stärke verändert; er kanstruiette min einen ganz einfachen Apparat, den er am 20, Oktober 186t im Hörsaal des vhuiikalischen Vereins zu Frankstirt a. M, zum erstenmal einer zahlreichen Zuhörerschaft vvriühtte. Dieser Tag ist der Geburtstag des Telephons, In dem Vottrag, durch de» Reis seine neue Er- iindung erklärte, ging er vom menschlichen Ohre aus, „Wie hier iniolgc der zum Trommelfelle gelangenden Schallwellen dieses in Schwingungen versetzt wird, welche ein mit derselben Ge- sckiwindigk-it erfolgendes Aufheben und Nicdersallen des Hammers aui dein Amboß iKnöchelchcn im Ohri bedingen und hierdirrchl nalh dem Labyrinth geleitet und dem dort endigenden Gehörnero übermittelt werden, io läßt Reis in seinem künstlichen Ohre den Strom einer an dos Hämmerchen einerseits und an den federnden Amboß audeffeits angeschlosicnen galvanüchcn Kette durch die gegen die Membrane drängenden Schallwellen abwecbselnü unterbrechen und schließen. In diesem Stromunterbrecher — dem
„Geber", wie wir heute sagen — liegt das Wesentliche der Reisschen, Erfindung." So schuf er also ein „lünstliches Ohr", das seine Zwecke in geradezu wundersamer Weis« erfüllte. Er betonte ausdrücklich, „daß außer der menschlichen Stimme ebenso gut die Töne guter Orgelpfeifen und des Klaviers reproduziert werden können, wenn man den Avarat aus de» Resonanzboden des Jn- itruments setze". Sogar bei verschlossenen Fenstern und Türen mäßig laut gesungene Melodien wurden in einer Enticrnung von 300 Fuß deutlich hörbar.
Reis brachte seinen stlvporat auch in den 'Handel und ließ an- kündigcn, das; dir Mcclianckcr Wilhelm ?llbcrt in Frankfurt a. M. das Instrument zu einem billigen Preise etwaigen Liebhabern überlasse. Seine Erfindung fand jedoch keine Beachtung, nirgends winden seine Bestrebungen untentützt. Selbst eine angesehene Zeitschrift, die Poggcndorfschen Annalen, wcigettcn sich, eine wiisen- sd,aftlic!>e Erörtcrnng von Reis über sein Tclevhon auszunehmcn und sandten ihm die Arbeit zurück mit dem lakonischen Bescheide; „Unglaubhaft." Zwei Jahre nach dem Tode des ^.Vaters des Telephons" trat dann der Amettkancr Graham Bell mit seiner Erfindung des elektromagnetischen Fernsprechers hcrror, der wahrscheinlich die Erfindung von Reis gekannt hat, aber nun erst nnt seinem ?lpvarat der Idee des Fernsprechers zu ihrem Weltsicgc vcrhalf.
— T i e Ebern bürg. Aus Kreuznach geht der Frkit. Ztg. folgende Zuschiist zu - Sie brachten eine Nachricht/ daß der Kaut der Ebcrnbnrg niemals von den Kreuznacher Franziskanern beabsichtigt worden sei. Ich bezweiile nicht, daß die stluskunft ge benden Brüder sich im guten ltzlanbcn bciandcn, wenn sie das versicherten. Aber cs liegt der Wortlaut einer Anträge bei einem Agenten vor im Interesse der lErwcrbung der Ebernburg durch Franziskaner. Ferner; die Z c n t r u ms v r esse selbst hat diese Absidit zugegeben. Nur betont sic, daß aui der „Trutz- bnrg von Siksingen und Gen." nicht ein Kloster, jandern ein Krankenhaus, von Brüdern geleitet, gedacht sei, Jd> halte es iür sehr gciährlich, sich in Sicherheit einwiegen zu lassen. Tat- iächlich besteht die Geiahr, daß die Ebernburg Ordens- gut wild, und nicht umsonst rühtt cS sich nnter'den Evangelischen und unter den sür freie Gesinnung in politischen und kirchlichen Tinge» eintreienden Deutschen. Große und kleine Summen wurden schon gezeichnet, um die Burg der Allgemeinheit zu erhalten. Weitere Zahlungen für diesen Zweck können an die Kveis- kommiinalkasie Kreuznach, Posft'checkkonto Köln Nr. 2271 mit dem Vermerk „Für die Ebernburg" gemacht werden. Ich gebe Zeichnungen gern an die Sammelstelle weiter und bin zu jeder Auskunft bereit. Frau Elisabeth Krukenbcrg, Kreuznach.
— Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissen» schaft. Ter Schriftsteller Julius Freund, Veriasscr der im Metropoltheaier auigeiühiten Revuen und Lveretten, ist heute mittag im Alter von 5t Jahren in Parlcnkirchcn gestorben, — Professor Schleich und Dr. Fried mann sind nach Davos abqereist, um einer Aufforderung zu folgen, dortige Tuber» kulvsc-Paticntcn nrii dem Friedmannschlm Mittel zu bchandelu.


