Nr. 4 Zweites
Erschein« täglich mit Aiisnahinc bei SomitngS.
T«e „«iehener Famillendlättcr" werde» de», .Anzeige-.' viermal ivöchciulich beigeleg«, das „Kreisdla» für den Kreis Kietzen" zweimal wöchentlich. Tic „kandwirlichasllichen äeil-
srogen" krscheine» inonatlich zweimal.
Blatt
!64- Jahrgang
General-Anzeiger für Gberhesjen
Dienstag. (\ Januar 49H
Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'scheu Universitäts - Buch- uui> Steiudruckcrei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion. Expedition und Druckerei: Schul- skraßr 7. Expedition und'Verlag: e^ä*51. Redaktion: 2. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.
Die Stellung der Frau im öffentlichen Leben.
Gießen, ö. Jan
lieber die Frauenbewegung und die Stellung der Iran in, össentlicheu Leben sprach an, Montag abend Professor Tr. Molde n l; n u e r. «öl» aui Beranlassnng des n a I i o n a l l i b era le n Vereins. Naturgemäß war unter den Erichienenen die Zahl der weiblichen Gäste in der llebcrzabl.
Professor Moldenbauer trat warn, für eine bessere Stellung der Iran im politischen Leben ein und billigte ihr das Stil»Utrecht zu. Er führte etwa folgendes aus:
Nacki eine», Aussprüche des Fürsten Büloio sind tvir Deutschen kein politisches Volk: das heißt nicht etloa, daß es uns an iwli- lischcm Verständnis fehlte, sondern die große Kunst geht »ns ab, non der Ansicht ununtt.-Ibar -,»> Nudsntvendung iyrtzuschreiten. Unsere Politik ist die des Grübelns Tas benerhrbeitet sich auch in der schwere», langsamen Auffassung der niodernen Frau.'n- beweguna. Tie Stellung der Iran in, Berufsleben und besonders in, politischen Lebe» hat dadurch eine feste Grundlage erhalte», daß der Iran durch das Reichsgesetz Vau 1908 kur Eintritt in politische Vereine gestattet worden ist. Ueberall habe» sich neue Momente ergeben, mit denen besonders veranlaßt durch die Tranenvereinc — die Iran in die Lessentlichkeit treten kam, und die schließlich durch Gesetzgebung geregelt ,verden müssen. Nach althergebrachter Gewohnheit wird es von vielen der Iran verwehrt, sich selbst urn die Forderung ihrer Interessen zu kümmcr», da die Iran, die Politik trübe. sich des Francnhaften entänßere und da sich ihre hiusliche Betätigung schtperliä, mit Politik vereinbaren lasse Tie nalionalliberalc Partei hat sich der Frauenbewegung in jeder Weise angenoinnicn, getreu ihrer Kundgebung von, Jahre 1867, worin cs heißt, daß nicht ihr alle Zeiten mit denselben Waisen gekämpft iperdcn müsse, daß man sich also der iorlichreftenden Zeit anpassen solle. Ter Iran ist daS politische Verständnis ftir die öftenilieln-n Angelegenheiten durchaus nicht abzusprcchen. Solvohl die !m Derufsleben stehende Iran, die sich notgedrungen inft solchen Tingen beschäftigen muß, Ivie auch die berufslose Hausfrau hab-n sich dieses Verständnis ernwrben. Und cs ist damit ei» neues Moment hftirngekommen, das den, gesamten Leben im .Hanse vorteilhaft ist. Selbstverständlich darf die politische Betätigung keinen Schaden in ihren Hausfrauen und Mnttcrvilichten verursachen. I» erster Linie sind darum Jeanen für politssäx- Betätigung geeignet, die ohne Familie daneben, doch auch für die .Hausirau enl- ücht ein geeigneter Zeftäninkt in ihrem Leben, wenn die Kinder das Elternhaus verlaßen. Tie Teilnahme der Iran an der Polink ist bedinat durch ihr ideelles Bildungs-Interesse, durch ihr uiatcriellcs staatsbürgerliches Interesse und durch ihr gesellschaftliches Er» ziehnngs und Kultur-Interesse. '
Es gibt eine Reihe von öffentlichen Lebensfragen, für die die Iran volles Verständnis brühig und hierbei soll sie nicht nur im Rate sitzen, sondern auch das Stimmrecht besitzen. Toth darf nichts damit überhastet werden, >vie es z. B. die enalischen Frauenrechtlerinnen machen, langsam muß es sich aus sich selbst entwickeln: die Frauen müssen auch erst beweisen, ob sie das Stimmrecht ausüben können. Auch politisch hätte die Frau noch mehr berangezogcn werden müssen. .Hierbei ist die Trage »ach Schöffinnen, die bereits verneint zvorden ist, i» Betrackh '.» ziehen, denn besser als der Mann könnte die Iran über eine große Zahl von Pcriehlungen urteilen. Unverständlich ist es auch, daß eine Witwe, die ihren Mann in der Wirtschaft vollständig er'ctzt. nickt auch selbst ihre Wirtschaft vor Gericht vertreten kann, sondern daß damit ein beliebiger Mann betraut wird. Will die Iran die Ziele der Bclveaung erreickirn. so muß sie die Mädchen dazu heranzieben, muß in ihnen neben einer gediegenen Hausiraucnbildung auch eine feste, klare Weltanschauung auf religiöser Grundlage Wurzel.fassen lassen. Wie sich die Iran mit öffentlichen Dingen beschäftigen soll, ob in gesonderten Vereinen, ob mit den Männer» zusammen, muß dem jeweiligen Cttc und der Gelegenheit übeelaften bleiben. Tür die nationaUiberale Partei ist die volitischc B-'ätigu»a der Trau ein Gewinn, denn die Mutter ist-cs. die den Kindern den nationalen Geist einsät. Tas hat die Trau vor hundert Jahren bewiesen, das wird sie auch noch heute tun. allerdings auf anderer, nämlich aus politischer Grundlage, da die Torderungen der Zeit andere ge worden sind.
In der folgenden Aussprache hob zunächst Regierungsrat L a n - g e r ni a n n eine für G i e ß e n wichtige Traucnsragc hervor. Bei den Wahlen, die i» allernächster Zeit zur Ortskrgiikcnkasse slaltsinden, wäre cs sehr wünschenswert, daß die Traucnvereinc ein- grisfen. Tie Trau an sich ist zwar nicht wahlberechtigt, wohl aber in den Ausschuß wählbar und als Ausschußmitglicd stimmberechtigt und wahlberechtigt für die Wahl des Vorstandes. Wenn Trauen dem Ausschuß oder dem Vorstand angchörten, so sei das für die Allgemeinheit wie besonders für die.versicherten Trauen von Wichtigkeit.
Professor M o l d e n h a u e r legte dar, daß dies in Köln schon der Fall sei, und ermahnte die Trauenvcreine, auch in Gießen dem nackzustreben.
Trau Oberstleutnant Nau in a n n konnte deni cntgcgcnstellcn, daß seht schon süni Gießencr Trauenvcreine eifrig für die Kafte»- wabl eintreten. Zugleich erwähnte sie, daß dem Oberbürgermeister >tnd der Stadtverordnetenveriaininlung mehrere Anträge gestellt worden wären. Trauen in die Ausschüsse der Armenpflege, des Arbeitsnachweises, in die Schuldeputation und das Kuratorium der höheren Mädchenschule aufzunchmen.
Geh. Torstral Professor Tr. Wiinmenaucr, der cin-ige anwesende Stadtverordnete, versprach für seine Person für den Antrag cinzutrcten, wenn er zur Beratung komme.
An die Wünschte des Professors M o l d e n h a u c r , daß die Trau auch in Gießen im Naiionalliberalen Verein Mitglied und Vorstandsmitglied werden möge, schloß sich Professor Tr. Körte, der Rektor der Universität, an. Er erläuterte, daß der Verein schon vor beinahe Jahresfrist den Entschluß gefaßt habe, die Trau als aleschwcrtig auszunehme». Man habe nur erst durch den heutigen Vortrag die Trauenirage gnichneiden wollen. Tie Ngtionalliberalen baden später als andere Parteien die Trau ausgenommen, da der Gedanke erst ausgereiit sein sollte. Tür das Stimmrecht sei er nicht, weil die große Mehrheit der Frauen noch nicht politisch dillch- gcbildet genug sei. Tic Partei wünsch.' allmähliche Turchbil- dung und gewähre dann auch Rechte, ohne dem Volksganzen zu schaden. K. B.
Politische Tagerschau.
Zn einem Konflikt zwischen der Deutschen Bank und den fozialdemokratischen Gcwctkjchftteii
ist es kürzlich gekommen. Tic Teutschc Bank war bis vor kurzem Bermögensverwalterin ftir die Generalkommission der (ftewerlschaften Deutschlands. Aus Anlaß der Entlassung eines Beamten seitcnsHcr Teutschen Bank f>attc die Gcneral- kommission versucht, einen Truck aus sozialpolitische Maßnahmen der Teutschen Bank anszunben. Unter der Angabe, daß die Deutsche Bank das Kaalilionsrecht ihrer Angestell
ten beeinträchtige, hatte die Geiiereiltomiiimioi, der Teutschen Bank Forderungen anferlegk, dte diese nicht anerkennen wollte. Tie Forderungen gingen hauptsächlich dahin, eine ausreichende schriftliche Erklärung liiiifiriitiidi der Sicherung des Koalikionsrechtes abzngeben. Tic Gewerkschaften haben aus diesem Grunde eilten Bo >> ko11 über die Deutsche Bank verlangt und die Anweisung ergehen iassen, daß die Ge werlschaftsgelder nur bei denjenigen Banken einzuzahlen sind, die die Torderung der Gencralkommission nnlerschrie bcn haben: es sind dies die Berliner Handelsgesellschaft, die Mitteldeutsche Kreditbank und der Schachst,a»sensche Banlnereiti Tic Tenlsche Bank hat alle ihre Kassen an- gewiesen, sänilliche Gewerkschaftsgeldcr, auch solche, bei denen eine Kündigungsfrist notwendig ist, ans Verlangen sofort den Gewerkschaften auszuzahlen.
Neue Zabetue Mitzklänge.
Tie. Meldungen über die Untersuchung bctresss der Schuf seaufdenZaberncrWachlpo st en geben der „stiationallib ßiorresp." Anlaß zu solgenden zutressenden Folgerungen: Am letzten Mittwoch ivurdc als Ergebnis der Untersuchung des angeblichen Anschlags durch die S t a a l s - a n wa l I s ch a f l durch das Wolsfsche Bureau mikgeteilt, daß ein Anschlag ans den Posten „unter keinen Umständen an- zunchmen" sei. Am Samstag wurde dann als Ergebnis der Untersuchung durch das G e n c ral l o in m a n d o mitgeteilt, cs seien „zweifelsfrei z >v e i scharfe Schüsse aus nicht großer Entfernung vom Posten" gefallen. Taraushin stellte ihrerseits wieder die Staatsanwaltschaft fest, daß „die Schüsse nicht aus einer Entfernung von dreißig Metern —• wie die Militärpersone» angenommen ltaben —, sondern aus einer Entfernung von über 90 Metern jenseits des Kanalhascns abgegeben worden" seien, und weiter: cs seien zwar scharfe Schüsse getvescn, „aus den ganzen Um- stäiiden müsse aber geschlossen werden, daß ein A i i c u t a t aus den Posten nicht in F r a g e ko m m e n k ö n n e". Eine derartige llnlersnchnng und Gegenuntersuchung kann der Sache ganz gewiß niclit dienlich sein, mag man iiitti aus dem oder jenem Standpunkt stehen. Im vorliegenden Falle muß man aber betonen, daß die Schlußfolgerung der Slaats- anivaltschast, es könne ei» Attentat überhaupt nicht in Frage ltrinmen, in der Lu st hängt Wenn einmal schar f geschossen wird, dann Hai das normalerweise einen ganz bestimmten Zweck. Möglich ist cs wohl, daß die ganzen „Umstände" ein anderes ergeben. Aber wenn die Staatsanwaltschaft mit Berufung auf diese Umstände der Untersuchung einer anderen «Behörde cntgegeiitritt, dann mag sie diese linistände auch angeben. Vielleicht holt sie es noch nach. Bedauerlich ist und bleibt aber, daß offenbar immer noch nicht der Kontakt zwischen Zivil- und Militärbehörde her-, gestellt ist, der doch die Boraussetzunkf für die Wiederherstellung der Ruhe und des Friedens bilden muß.
Au» kesse«.
Von der Freien Vereinigung hessischer Nationalliberaler wird uns geschrieben: Die ans Sonntag, 4. Januar d. I., nach Frankfurt a. M. einberufenc, von Herrn Theodor Böhin -Osfcnbach geleitete außerordentliche Mitgliederversammlung der Freien Vereinigung hessischer Nationalliberaler >var aus allen Teilen der angeschlossenen Wahlkreise stark besucht. Tas Ergebnis der Landtagsersatzwahl Waldmichelbach, über die der Geschäftsführer Tr. Otto Linse- Berichi erstattete, gab Gelegenheit zu einer cr-giebigen Besprechung der hessischen politischen Verhältnisse überhaupt. Tie bisherige Haltung der Freien Vereinigung wurde durchaus gebilligt. Namentlich das Verhältnis der Naiionallibe- ralen Partei zitm hessischen Freisinn «var angesichts des neuerdings sich immer mehr bemerkbar machenden Radikalismus innerhalb dieser Partei Gegenstand eingehender Aussprache. Wenn auch das Mißtrauen, das die Fortschrittliche Voltspartet der Kandidatur Wiinzer gegenüber hegte und das sie bewog, eine eigene Kandidatur aufzustellen, int Hinblick auf Vorkommnisse aus- früherer Zeit menschlich begreiflich gewesen sei, so war es doch im vorliegenden-Fall gänzlich unbegründet. Allgemein lvurde das Fehlen einer öffentlich ausgegebenen freisinnigen Stichwahlparole sowie der Umstand bedauert und verurteilt, das; nach dem ziffernmäßigen Ergebnis die fortschrittlichen Stinimen in ihrer Mehrheit augenscheinlich der» Kandidaten der Sozialdemokratie zugeführt wurden. Eine ein- mükig zum Ausdruck gebrachte scharfe Verurteilung erfuhren die den Tatsachen gänzlich widersprechenden, gegen die „Freie Vereinigung" gerichteten Angriffe einer sich nationalliberal nennenden Presse, wie „Wormser Zeitung" und „Hessische LandeSzeikung", die insbesondere eine nachdrückliche Zurückweisung seitens der Leitung der Wahlagitation erfuhren, als deren Vertreter Bürgermeister Stein- Waldmichelbach den Verhandlungen beiwohnte. Vor allem nahm Bürgermeister Stein Veranlassung, der Freien Vcr einigung seinen und seiner Parteifreunde Taut auszusprechen für die tatkräftige Unterstützung und Betätigung im Wahlkampf, die eine direkte Notwendigkeit gewesen und der cs in erster Linie zu danlen sei,'daß der national- liberale Kandidat siegreich aus der heißen Wahlschlacht habe hervorgehen können. Alle gehässigen Angriffe und falschen Tarstettungen einer gegnerischen Presse seien damit hinfällig. — So sehr sich die Versammlung klar darüber war, daß die Ergebnisse dieser Ersatzwahl gewisse Folge- rungcn für die bevorstehenden allgenteine» Wahlen zeitigen mußten, so war man sich doch andererseits darüber einig, daß heute bindende "Beschlüsse über die Haltung der „Freien Vereinigung" zu den bevorstehenden Wahlen noch nicht gefaßt werden können. Tie Geschäftsführung iourde beauftragt, zunächst eingehendes statistisches und erläuterndes Material über die einzelnen Wahlkreise zusammenzustellen und einer denmächst stattsindenden Versammlung vorzulegen. — An der ersprießlichen, ftir die Zukunft nützlichen Aussprache beteiligten sich außer dem Vorsitzenden und Referenten die Herren Tr. Eratz, Wernhcr. Bangel, Tr. Krausmüller, Tr. Keller, Abg. Bach, Scior, Germann, Muntermann u. a Erst in vorgerückter Nachmitiagsstunde wurde die cinmüftg verlaufene und von nationalem und liberalen! ltzeistc getragene Versammlung mit Worten des Dantes durch den Vorsitzenden geschlossen.
Die Verhandlung gegen Oberst von Ncuter.
Straßburg Elsaß, . 1 . Januar. Pvr deni Kriegsgericht der 30. Division. das diesmal in anßerordcniiicher Weije im großen Schwurgericknssaalc des Justizgebäudcs tagte, begann heute mir- mittag die Verhandlung gegen Oberst von Reuter vom Jn- fgnlrtie Regiment Nr. 9!« in Zabern geboren 1860 in Coburg', der beschuldigt ist. sich in fortgesetzten Handlungen die Exekutivgewalt in Zabern widerrechtlich angeeignet zu habe ».Bei der gilt- Wertung von Zivilpersonen habe von Reuter eine Tätigkeit aus- grfibt, die ihm nur kraft eines öiicntlickicn Amtes zugestanden hätte Verstoß gegen § 132 des Reichsstrafgcfetzbuchcsi. Tic Anklage lautet ferner auf Freiheitsberaubung -Vergehe» gegen § 239 und 240 des Reichsstrafgesctzbuchls, das nur mit Gefängnis geahndet wird, Nötigung S 73 des Reichsftrafgesetzbuchcs, icrncr auf'Anstiftung zur TrriheftSbergubnng -Vergehen gegen 8 1,15 des Militär straigeietzbuches Zur -AburieUung steht ierner in der gleichen Vertändlung Leutnant Schabt vom Infanterie-Regiment Nr. 99 in Zabern geboren 1892 in Hanau , dem Nötigung und Freihkits- berandung, folvie Mißhandlung und Hausfriedensbruch «'§ 240. 223, 123 und 74 des ReichSstrafgesetzbuckteS) zur Last gelegt find, letztere begangen dadurch, daß Leutnant Sckiadt am 28. November v. I. in ein Bürgerbaus bis zuin zweiten Stockwerk mit seinnt Soldaien widerrechtlich eingedrnngen sei.
Tie Vetl.andlungen dürften drei bis vier Tage beanspruchen, da allein I lö Zeugen geladen sind, darunter auch die Vertrete» der örtlichen Zioilbchördcn von Zabern. Gcrichtshcrr ist Generalleutnant von Eben, der Kommandeur der 30. Division, Ver- l andlungSlciter KviegSaerichtsrat von I a n, Vertreter der 'Anklage Kriegsgcrichtseat Tr. Offiander. Tie Verteidigung der beiden ?lngeklagten liegt in den Händen des Rechtsanivalls Tr. Grossart, eines Elsässers und Hauvtmanns der Reserve, der als tüchtiger Redner gilt. Tas tzierickt fetzt sich unter dem Vorsitz des GeneralmaiorS von Pellet- Rarbonne, Kommandeur der 30. Ka - vallerie-Brigade, ferner noch znfamnien ans dem Oberst Mengcl- bier vom Jnsanterie-Regimeni Nr. 143, Oberst von Schcrbening vom Infanterie-Regiment Nr. 136 und Oberstleutnant Hugo voni Hniaren-Regiment Nr. 9. Zu der Verhandlung sind zahlreiche Vertreter der Presse des In- t»id Auslandes, darunter auch ein Redakteur der Londoner „Times", erschienen. Tie Verhandlung iindet üfsentlich statt. Zulaßkarten zu den VcrhandlungSräumen konnten nur in beichr inkter Zahl ansgegcben werden.
Nach Verlesung des
Eröffn ungsbcschlufses erllärt Oberst Reuter gusdrücklick, daß alles, >va-s seine Untergebenen Offiziere, Unlcroiiiziere, Mgnnichasten - getan, lediglich auf seinen Beiehl und aui seine Veranlasiung getan haben und daß et allein die Verantwortung dafür aui sich nehme. Ter Angeklagte holt dan» weiter aus, indem cr erzählt, «oic er 1912 das Regiment übernommen habe, wie er mit voller Snmvathie für die Bevölkerung und mit großem In tereffe hier nach dem Westen gckonnnen fei. Zur Bevölkerung und auch zur Presse gute Beziehungen zu unterhalten, sei sein stetes Befweben gewesen. Bald aber habe der „Zabcrncr 'Anzeiger" gewisse Vorkommnifsc in der Kaserne in nngchörigcr Wcise bcsvrochcn und cr habe aus Akten ersehen, daß irühee schon Reibereien und Schlägereien zwiicktcn Militär unh Zivil vorgekommen seien. Er habe mit Rücksicht daraus seine Untct- offizicrc und Mannickaften belehrt, daß sie in berechtigter Notwehr energisch, locnn nötig mit Maffengebranch vorzugchen haben. Charakterisftsch sei cS, daß er öfters in der Kaserne beobachtet bade, daß die Leute — bewcglick»', lustige Rheinländer — nach Dienstschluß sich weigerte», in die Stadt zu gehen, um sich nicht gewissen Neckereien oder gar Schlägereien auszitsetzen. Weiterhin betont der Angeklagte, daß seinerzeit, als Reibereien vor - kamen, von Seiten der Regierung nichts geschehen sei, um die Beunruhigungen zu verhüten. Er selbst habe gleich bei 'den ersten Vorkoinmnissen an die Kreisdirektion und an das Bürgermeisteramt geschrieben lind um Unterstützung gebeten Diese Zn- ickiiit wird verlesen. Es beißt darin >i. n.: Wenn die Oftijiere nicht von der Zivilbehördc vor Beicidignngen geschützt würden- io müsse cr selbst einzreifcn. gegebenensalls unter der Erklärung des Belageriingszustandes. Wenn die Polizei nicht dafür sorge, daß die Belästigniigcn der Offiziere auf der Straße aufhörtcn, dann könne er für die Folgen nickt einstehen. Tann geht der Angeklagte zur eingehenden Schilderung der einzelnen durch die Presse seinerzeit I ekannt gewordenen Zabeiner Vorkommnisse übet-, wobei er ausdrücklich erklärt, daß nichts vertuscht und nichts verheimlicht worden sei. Dem Vorwurf gegenüber, daß Lciit- na»t v. Forstner nicht sofort bestraft wordeil sei, erklärt Oberst v. Reiitcr, daß inan itur de» strafe» könne, von deffen Schuld man klar überzeugt sei. Eine Beisetzung von Forstner ici schon deshalb ausgeschlossen gewesen, weil die ganze Angelegenheit »och im «Stadium der »ntcrluckning gcichwekt habe. Am 8. November bale cr einen Oberleutnant zur Polizei geschickt mit dem Er- snchen, man möge dafür sorgen, daß Ausschreitungen rechtzeitig begegnet, »nd daß die Offtzicre vor Beleidigungen geschützt würden. Hier fei jedoch nur ein Mann anwesend gewesen, der erklärte, unabkömmlich zu sein. Tann habe am 9. November der „Zaberner Anzeiger" wieder einen aufreizenden 'Artikel gebracht, der gewiß auch auf den ruhigeren Teil der Bevölkerung eingewirkt habe. Auffällig sei es z.B., daß am 9. November ein Major aui seine Frage an einen Gendarmen die Antwort erhalten habe: Wir sollen nicht schart angreften, wir haben keinen Beiehl dazu. Als dann am 10. November abends zunächst sich eine kleine Menge in Lärmen und Gebrüll erging, sei kein Schutzmann zur Stelle gewesen. Wenn jetzt, so betonte der Angeklagte, sofort eine energisch eingreifende Polizei zur Stelle gewesen wäre und die Lenke auseinander getrieben hätte ,fo wären die Weiterungen dieses Abends mit Leichtigkeit vermieden worden. Tie Kreisdirektion habe die Entfernung der aufreizenden Artikel des „Zabeiner Anzeiger" von dem Anichlag- brett viel zu spät aiigeordnct. Nach dem Vorkonimnis ani 10. Nov. habe er eine Unzahl beleidigender Zuschriften erhalle» lind dabei die Beobachtung gemacht, daß die Pol'tbehördc merkwürdigcriocisc z. B. Posttarten, in denen das Verhalten der Offiziere gebilligt und getobt werde, zunickgehaltcn habe, während die beleidigenden Schmähkarten unbeanstandet zugestcllt wurden. Oberst v. Reiitcr verliest unter Bewegung des Auditoriums einen Brie', in dem folgende Apostrophen Vorkommen: „Elsaß-Lothringen len Elsaß-Lothringern„Erstes mit b*m Schwobegeiindl Die Trikolore wird in Elsaß-Lothringen bald wicderkchren. Tie Fron zofcn werden Euch >ind Euren Kaiser wcgfegen. Vivc la France. Nieder mit den Tenlschcn!" Ter AngeNagte bemerkt, cr habe den Eindruck gehabt, daß er seitens der Polizei eigentlich zum- Narren gehalten wurde, und daß es ihr nicht ernst mit dem Einschreiten war. Während der Verbaitungen hatte er Gelegenheit, mit deni Vertreter des Krcisdirektors Assessor Großmann z,i sprechen. Er fetzte ihm alle Gründe für seine Haichlungsweiie auseinander. Ter Auftorde- rung, die Verhafteten nach dem Dezirksgefängnis zu überführen, leistete cr nicht Folge, weil er neue Unruhen und BcsrciungS versuche bei der Uebcrführung befürchtete, »nd well cr der Ansicht ivar. daß er, nachdem er laut den BeMmniungen der für ihn maß gebenden Kabinettsorder die Generalgewalt übernommen hatte, auch alle Entscheidungen in der Hand behalten inußte. Er wollte schließlich auch vor dem schwersten, dem Wassengebrauch. nicht zurück- schrcckcn, wenn die Situanvn cs erforderte. Tic Einsperrung der Demonstranten crsolgtc im Kclscr, weil kein anderer Raum vorhanden war. Es wurde ihnen Essen »nd warme Decke» gereicht. Leutnant Schadt müsse sich nach den ihm erteilten Befehlen zum


