Der endlose Weg,
Roman aus Sibirien. Von I. Oxenham.
Autorisiert — Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Dieser Mann war Stepan Jliire, der Verfolger Puschkins.
Eine Veränderung war über ihn gekommen, wie sie vorgeht im wilden Trer, das mit schlaffen Gliedern und halbgeschlossenen Augen schläfrig daliegt und plötzlich die Beute erspäht, um mit einem gewaltigen Satz auszuspringen. jede Muskel stählern, das Auge gierig, ganz Raubtier. In jener kurzen Stunde in Krasnojarsk hatte er mit starker Energie gehandelt. Den Schlitten und die Pferde hatte er sich von Philipp Alexandrowitsch ^war nur für die kur^e Reise nach Abrowa ausgeLorgt, chm jedoch mit irgendeinem Scherz über die Zufälle einer Reise den vollen Wert des Gespanns hinterlassen. Es war sehr zweifelhaft, ob der gute Wirt Schlitten und Pferde jemals wieder sehen würde, und niemand sollte durch ihn leiden. Dann hatte er mit unendlicher Vorsicht in verschiedenen Läden Lebensmittel für viele Tage gekauft. Die Axt trug er im Gürtel. Flinte und Speer lagen im Schlitten.
Es kümmerte ihn nicht im mindesten, daß zwei bis an die Zähm bewaffnete Kosaken Paschkin im zweiten Schlitten folgten. Nein, er freute sich darüber. Es war ihm lieber, sich Zoll für Zoll zu seinem Opfer durchkämpfen zu müssen, statt es hilflos zu überraschen. Noch stärker, noch gewaltiger als damals im Kampf mit den Wölfen auf der Paßstraße wollte er die wilde Berserkerlust in sich spüren mit dem Tode Paschkins als großem Karnpfpreis. Einen Hieb für den kleinen Stepan und einen Hieb fiir Katinka und eilten Hieb für — — ah, dafür wollte er gern mit dem Leben bezahlen.
Die Jagd konnte Xaitge dauern, das wußte er wohl, denn zwischen Paschkin und dem Ural lagen zweitausend Meilen schlechter Straße. Doch war es möglich — und darauf hoffte er mit ganzer Seele — daß irgendwo auf dieser Straße von zweitausend Meilen Paschkin aufgehälten wurde; daß eure Schlittenkufe brach, daß ein Pferd stürzte und sich verletzte, daß schlechtes Wetter ihn zu unfreiwilliger Rast zwang. Und dann -- an irgendeinem Punkte dieser Zweitausend Merlen mußte das Ende kommen: Das Ende der Jagd, das Errde fiir Paschkin, das Ende vielleicht auch fiir ihn — das Ende aller Dinge . . .
So jagte er in sanfendem Galopp dahin und hätte den wilden Jubel, der ihn erfüllte, am liebsten in die Schnee- etnsamkeit hinaus geschrten, und erlebte brausendes Leben in diesen Stunden.
Derm er war Paschkin auf beüt Fersen.
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16 .
Stepan Jltne findet einen Toten aus der Jagd durch die Schnee-Einsamkeit und eignet sich seinen Paß an, um schneller vorwärts U» kommen.
Immer wieder während der langen Fahrt erwog Stepan die Möglichkeiten des Erfolgs. Auf den ersten Blick schien eS, als seien alle Vorteile auf Paschkins Seite. Die Macht seiner Stellung, die ihm überall den Weg ebnete. Die schnellsten Pferde. In einer Beziehung jedoch war Paschkin im Nachteils Er lvußte nicht, daß der Tod hinter ihm herhetzte und daß jede verlorene Sekunde die Gefahr um so viel näher brachte!
Trotz der gewaltigen Eile, in der er reiste, überanstrengte er sich gewiß nicht. Jeden Wend, wenn auch vielleicht erst spät abends, würde er Halt machen, um zu essen und die Nacht hindurch zu schlafen, und er würde sicherlich nicht jeden Tag chvn in der Morgendämmerung wieder aufbrechen. Wenn ich der gewaltige Vorsprung irgendwie ausgleichm ließ, so war es hier, denn Stepan schien es, als könne er nie wieder Rast noch Ruhe finden, bis er Paschkin Auge in Auge gegen,- überstand. Zwei Stunden des Ausruhens wollte er sich gönnen jeden Tag. Drei vielleicht oder höchstens vier. Aber wirklich schlafen wollte er erst dann wieder — wenn auch Paschkin schlief. . .
Danrr war da der Vortell der schnellsten Pferde. Stepan, der seit Jahren nicht mehr gelacht, hatte, tad$* laut auf, als ihm ernfiel, daß er wahrscheinlich mit de» gleichen Pferden reisen würde, die auch Paschkin benützt hatte, denn er kam zwölf Stunden später und in zwölf Stunden hatten sich die Tiere längst ausgeruht. Auf etnmc» jedoch stimmte ihn der Gedanke mißmutig, daß es wohl am besten sein würde, wenn er die Städte und Dörfer der großen Straße vermied, soweit es irgendwie ging, und nur an den einsamsten Stellen die Pferde wechselte. Zwar gestattete ihm sein Paß, innerhalb der Grenzen Sibiriens zu reisen, wann und wo es ihm beliebte, wenn er nur ständig aus dem Weg war, ewig reiste. Nun, und er reiste ja —« schneller als je zuvor. Es war jedoch durchaus möglich, daß irgendein scharfsinniger Polizeibeamter, mit Paschkins eiliger Durchreise frisch im 'Gedächtnis, Verdacht schöpfte und sich zwei und zwer zusammenreimte, wenn wenige Stunden später ein ztveiter eiliger Reisender durchpassierte; ein Reiseiv- der obendrein, dessen Paß ein hartes Urteil Paschlius dar- stellte. Nein, das durfte er nicht riskieren. Er mußte die Polizei vermeiden, wenn das auch Umwege und damit Zeitverlust bedeutete.
So jagte er Tag für Tag dahin, mit der Ausdauer eines Bluthundes und der Gier eines hungrigen Wolfes ans frischer Fährte.
Der Nordwind, schueideudschars um ein Messer von langer Mise über Taufende von Meilen eisiger Wüsten, drang ihm durch Pelze und Kleider bis auf die Knochen. Der . Schnee nrmvirbelte ifru und Schneeflocke klebte sich auf Schnee-


