Mittwoch, dkl? April
1918
M. 51
Flieger über London.
Eine Londoner Erzählung ans den Spätherbsttagen 1615.
Von In st ns Schoenthal.
(Fortsetzung.)
„Machen Sie niemanden zu ihrem Vertranken! Sonst wäre es mn ihre Unabhängigkeit geschehen! Sprelen Sie Ihre Rolle gut! Denken Sie, Sie seien ein Schauspieler,, der einen englischen Offizier zu agieren hätte. Und halten Sie sich stets, sobald Sie genötigt sind, auch einmal lügen zu müssen, und wenu's noch so schwer fällt, halten Sie sich stets vor Augen, Hatz Ihre Arbeit, vielleicht gerade eine Lüge von Ihnen Tausenden, ja Zehntausenden unserer Braven das Leben retten kann und daß die gute Durch- siihrnng einer Kriegslist niemandes Ehrenschild beschmutzen
kann!" . . . . .....
Gewiß, gewiß, die gute Durchführung einer Kriegslist schändete niemandes Ehrenschild. Aber er hatte sich wie ein Tölpel benonunen. Er hatte die Herrschaft über sich selbst verloren. Er selbst und mehr noch, seine Sache umreit der Willkürlaune eines gefallsüchtigen, auf Nervenreize erpichten Weibes preisgegeben.
~ Er knirschte hörbar mit den Zähnen. Er hätte sich ohrfeigen nrögen. „ , t .
Nicht daß er den Tod fürchtete! Er hatte za den ^vod — und sicher würde er wegen Hochverrats gleich dem armen Hans Lody zum Tode verurteilt werden — dreifach verdient. Aber die Scham würgte ihn, seine Aiisgabe so schlecht erfüllt, seiner Sache so schlecht gedient zu haben. . . .
Seine einzige Hoffnung mußte sein, die Lady würde nicht plaudern;' sie hätte ja d'a so Mancherlei erzählen! Müssen, was ihr eigenes Ansehen bei ihren Mitmenschen herabgesetzt hätte. Aber er kamtte sie zu wenig. War's ihr nicht zuzutrauen, daß sie, um womöglich gar als Retterin des Vaterlandes zu erscheinen, den ganzen Vorfall so wiedergab, als habe er mit seiner Leidenschaft sie überfallen und erdrückt. Wie er sie haßte für diese Lüge, die er körperlich fühlte! In seinen Gedanken beging er einen Mord an ihr. Ihr Bild veränderte sich in seinein Geiste, sie erschien ihm dirnenhast-widerwärtig, Er kniff die Wange zum linken Auge, als fühle er Schmerzen. . . Nein, Dirne war vielleicht zu viel. Aber eine Dame ist nicht so geschmacklos, ihr Gemach mit Moschusduft zu schwängern. Er glaubte, noch den beizenden Geruch zu verspüren. Sie war ein Mischgeschöpf höchster Kultur und höchster Entartung . . . aber das sind, ja keine Grundsätze, ist ja oft gleichbedeutend. . . .
Jii seinem Kopfe tanzten wirbelnd die Gedaicken.
Und immer wieder die bangende Frage: Ob sie wohl plaudern würde? Ob er wohl vorher Zeit fände, den Rückzug zu decken? Und wie?
Da fiel ihm Atterley ein. Ja, der verrückte Dichter
sollte ihrn Rede stehen. Warum war er nicht schon längst in den Literatur-Club gefahren? Er hatte doch die Absicht geäußert, die Bekanntschaft mit dem wunderlichen Men- - schen fortzusetzen.
Freilich, — eigentlich liebte er solche Menschen nicht. Mer er war ja nicht seiner persönlichen Geschmacksrichtung wegen in London. Leuten, die man nicht liebt, geht man nur aus Vergnügungsreisen aus dem Wege. Und dann, so unangenehm war der Dichterjourualist gar nicht, ein wenig , komödiantenhaft, gewiß, . . . vielleicht nur ew armer Teufel, den das Unglück gebeutelt hatte. Er wollte jedenfalls mit ihm sprechen; daun konnte man weiter beschließen.
Und vorerst arrshalteu auf dem Posten, komme, was da wolle!
Er betrachtete aufmerksam die weiße Leinwand. Es wurden jetzt Bilder vom Kriegsschairplatz gezeigt. Den französischen Präsidenten sah er die Truppenschau über die marokkanischen und indischen Hilfsvölker abnehmen. Dann ein Bild vom Lagerleben der englischen Soldaten drüben in Frankreich . . . Und jetzt die Phrase: „Nun, mein Sohn, noch keine Lust, Mutters Rockzipfel mit der Flinte zu vertauschen? Sei versichert, auch für dich ist eine passende Uniform vorhanden! Willst du, daß man auf der Straße mit den Fingern auf dich weise und dir das Wort „Feigfing" nachschleudere! Sofort läßt du dick anwerben! Frage sogleich den Polizisten nach dem nächsten Werbeamt!"
Lächelnd verließ er das Kinotheater. Die Besucher Daren meist Frauen der mittleren Stände. Waffenfähige junge Männer waren kaum anwesend.
Er nahm einen Wagen und ließ sich nach dem Literatur- Club fahren.
Schon äußerlich war dieses Gesellschaftshalis bei weitem nicht so vornehm ausgestattet wie der reichere „Army and Navy Club", wo ihn Lord Southrisfe eingeführt hatte. Auch innerlich trugen die Räume bei weitem nicht den Prunk zur Schau wie das glänzende Haus in Pall Mall.
Ein Diener nahm ihm den Ueberwurs ab. Einem zweiten überreichte er noch im Ankleideraum seine Karte und ersuchte, Herrn Atterley herauszubitteü.
Nach weniger als enter Minute kehrte der Diener zurück und teilte ihm mit, Herr Atterley sei noch nicht anwesend, müsse aber jeden Augenblick eintreffen. . . Ob er nicht einstweilen an einem Tisch im Barraum Platz nehmen wolle? Herr Atterley sei bestimint in längstens einer Viertelstunde hier.
Der Hanptmann biß sich verärgert auf die Lippen. Dann griff er nach seinem Mantel. Er wolle in einer Stunde wieder vorsprechen.
l Esr stieg die Treppe hinab und suchte etne nahe gelegene Speisewirtschast ans, um einen kleinen Imbiß zN sich zu nehmen.
Als er nach reichlich einer Stunde zurückkeyrte, war Atterley anwesend. Durch die Glasscheiben des Barraums erkannte ihn der junge Offizier bereits. Er saß auf dem


